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Der Aufgang des Abendlandes

Karl Bleibtreu: Der Aufgang des Abendlandes - Kapitel 48
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authorKarl Bleibtreu
titleDer Aufgang des Abendlandes
publisherWilhelm Borngräber Verlag
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firstpub1925
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III

Nicht Wahrträumen, überhaupt Träumen ist wunderbar. Schlaf hebt Wahrnehmung auf, gleichwohl treten Gestalten und Lokalitäten plastisch hervor, agieren eine eigene Geschichte, die meist nicht in Beziehung zu kürzlich Geschehenem, Gesehenem, Gehabtem steht. Identität des Ichs wird nicht aufgehoben, nur von Nebensächlichem abgetrennt, es kennt im Traum sich besser als im Wachen, wird da Halsabschneider, der im Wachen nur Coupons abschneidet. Nach rein physischem Pubertätszwang weicht das Sexuale, das Freud für die wahre Traumwurzel ausgibt, entweder ganz aus dem Traumleben oder schmückt sich mit Unsinnlichem wie keuscher Schwermut, wo es wachend-sinnlicher Begierde nachlief. Alles deutet darauf hin, daß der Traum den wahren Charakterkern sich selbst offenbart. Fernwirkung zwischen Traum und gleich darauf eintretenden Vorgängen ist ebenso unerklärlich, wie daß man beim Augenschließen noch im Wachen willkürlich Gesichter, Landschaften, Farben aufeinanderfolgen lassen kann: Es gibt also ein inneres Gesicht, ohne daß die Augennetzhaut berührt wird. Physiologische Deutung fällt oft noch lahmer aus als psychologische, die Traumwelt bestätigt unumstößlich Unabhängigkeit der Psyche vom Augenschein. Konstruktion der Nerventätigkeit als Blutwirkung des eigentlichen Lebensfluidums ist so wunderbar eingerichtet, daß jede menschliche Technik daneben plumpe Nachahmung, in dieser drahtlosen Sammelstelle für unaufhörliche Funkenbotschaft ist automatisches Schwingen, Spannen, Ein- und Ausschalten nicht vorstellbar, Unsichtbares arbeitet hier unverdrossen Tag und Nacht, auch wenn Sinne schlafen und Körperbewegung erlischt. Dies also ist der autonome Spiritus rector, die nur bei Körperfunktionen sichtbar werdende Außenwelt das Nebensächliche. An diesem philosophischen Sinn des Träumens, da schon die Alten den Schlaf des Todes Bruder nannten und Thanatos als träumerischen Jüngling darstellten, kann keine altkluge Physiologie rütteln, denn die Tatsache, daß Vorstellungen ohne Wahrnehmung als Traum auftreten, ist um so erstaunlicher, als völlig phantasielose Verstandesmenschen hier plötzlich bewußte Phantasietätigkeit ausüben. Wenn ferner Ton oder Lichtschein den Gang des Traums beeinflussen können, wie behauptet wird, so ändert dies nichts daran, daß die Phantasievorstellung ohne bewußte Wahrnehmung entsteht.

Selbst auf dem Gebiet der Freudschen Traumerotik gibt es Seltsamkeiten, von der sich professorale Einfälle nichts träumen lassen. Hier läge nahe, daß man von Erlebtem träumt, von zeitlich Nahem oder »altem Lieben«, das ist aber keineswegs das Gewöhnliche, außer im aktiven Zustand einer bestimmten Leidenschaft selber. Vielmehr tauchen im Traumland unerklärliche Assoziationen auf mit Personen, für die man nie das kleinste erotische Fühlen hatte, die man oberflächlich kannte und längst vergaß. Beim Erwachen aus so unbegreiflichen Vorgängen fühlt man grenzenloses Staunen, grübelt und sucht nach Verknüpfung mit Vorhergedachtem und findet keine. Höchstens käme in Betracht Fernwirkung von der andern Seite, was der oft bezeugten Tatsache entspricht, daß ein Sterbender sich einem fernen Freund bemerkbar macht, der plötzlich intensiv an den Sterbenden denkt, d. h. ihn träumt. Was daraus folgert, läßt sich nur andeuten in den Byrons »Traum« einleitenden Versen: »zweifach ist unser Leben, denn der Schlaf hat seine eigene Welt, ein Grenzland zwischen den Dingen, die wir Sein und Tod nennen«. Daß Freud das Sexuale als Grundstock des Empfindens einstellt, entspricht seiner Rasse, für die das Allerheiligste ein Koitus war (vergl. Kap. Urreligion), indessen mag es für viele Frauen wegen Durchsättigung mit Sexualorganischem, und einige Männer, bei denen sich Bewußtes und Unbewußtes um Erotik dreht, zutreffen. Normalerweise handelt es sich aber dabei meist um unbefriedigte Sexualität, die wachend im Hintergrund schlummert und träumend ihre Wünsche offenbart. Wie Don Juan über Zoten gähnt und ein erotisches Buch weglegt, träumen solche, die viel Erotik genossen, nie erotisch, und der Gegendruck starker geistiger Beschäftigung verscheucht sinnliche Vorstellungen. Die Versuchung des heiligen Antonius naht sich eben nur, wo Verinnerlichung nicht stattfand, daher muß man uneingeschränkte Behauptung sexualer Grundlage für Träume, die nichts Erotisches in sich tragen, als absurd ablehnen, genau so gut könnte man dies von allem Denken sagen, weil der Denkende einst aus einem Zeugungsakt hervorging! Das Wichtige des Traumes liegt vielmehr in nicht nötiger Verknüpfung des Träumenden mit wachem Erleben. Heine z. B. war sinnlich und lachlustig, malt sich hier am besten in Pariser Grisettenliedern, doch schildert ebenso ehrlich sein trübselig keusches Traumleben. »Ich habe im Traum geweinet« glauben wir gern, denn oft weinen Menschen im Schlaf, denen es im Wachen nicht einfällt, verhaltene Tränen, die nicht zum Bewußtsein kamen. Byron dichtete sein Gleichnis vom Skorpion im Flammenring im Traum, schrieb es erwachend sofort nieder, wir bestätigen, daß derlei im Halbschlaf möglich, sogar philosophische Ideen tauchen da plötzlich auf. Was beweist dies immer wieder? Daß die Psyche für ihr Arbeiten keines sinnlichen Bewußtseins bedarf. Ist's wachendes Träumen oder träumendes Wachen, was die Tür der Geisterwelt aufstößt? –

Kerners Vorführung der Seherin von Prevorst ergibt für den Prüfenden Gleiches, wie alle andern vorher und nachher bis heut beobachteten Phänomene. Erstens, daß sie an und für sich wahr sind, schon dem Altertum bekannt, wo man zum Magnetisieren behufs hellseherischer Zustände eine Art Magnetstein benutzte und solche Prozeduren nur von eingeweihten Priestern vollziehen ließ. Glauben an psychische Heilmittel teilte noch der berühmteste Arzt späterer Zeit, van Helmont. Zweitens wird klar, daß alle Aussagen, die sich aufs Jenseits beziehen, vom sonstigen Vorstellungskreis der Hellgesichtigen abhängen, daher die Prevorstseherin und so viele andere im Bann ihrer christlichen Mythologie bleiben, während ein Inder dabei notwendig in indischen Religionsbegriffen beharren würde. Nichts wäre also unverständiger, als derlei Botschaften kanonische Bedeutung beizumessen, alle Spirits bleiben auch in dem ihrem Geisteszustand gemäßen Jenseits von dem im Diesseits Eingeprägten hypnotisiert. Fraglich, ob ein großgeistiger Spirit sich gewöhnlichen Menschen vermitteln könnte, nur ein ihm Verwandter noch in Erdschwere gebannter Großgeist dürfte ihn so stark anziehen, daß er Rede stehen müßte – falls dies nicht verboten ist. Wie schon zuvor angedeutet: Brunos oder Leonardos Spirit würde über Jenseits etwas aussagen, was schwerlich mit christlichen, wohl aber transzendentalen Begriffen sich deckt. Dies setzt natürlich einen gleichstehenden Empfänger voraus. Zwiesprache großer dies- und jenseitiger Genien wurde nie überliefert, ist auch unnütz, weil erlauchtes Denken keiner Spirits bedarf, sondern ihm spirituelle Gabe durch eigene Inspiration zufließt. Jenseits-Aussagen gewöhnlicher Menschen, worauf noch Lodges Raymond-Mitteilung Wert legt, sind wertlos, die Spirits berichten zwar wahrheitsgemäß ihre neuen Erfahrungen, doch eben nur im Kreis ihrer eigenen geringfügigen Persönlichkeit nebst allen Vorurteilen ihres früheren Diesseits. Nichts natürlicher als das, weil Dies- und Jenseits für die Psyche nur graduell verschieden, im Wesen ein- und dasselbe sind. Jenseits ersten Stadiums ist nur Diesseits minus Sinneseindrücke der Erdmaterie, von andern Sinneseindrücken verfeinerter Elementarmaterie ist der Erdbürger niederer und mittlerer Stufe noch keineswegs befreit, sonst wäre ja Reinkarnation unmöglich.

Schelling schrieb 1811 nach dem Tod seiner Gattin, das gegenwärtige Leben sei viel schrecklicher, als wir wissen, nur der Tote glücklich, seine Persönlichkeit werde nie geschwächt, sondern erhöht, er und wir bleiben untrennbar verbunden. Wiederfinden im Jenseits gewiß. Wissenschaft exkommuniziert terroristisch aus der Erfahrungsgemeinschaft bestimmte Erscheinungen als nicht zur eigenen Theorie passend, allerdings fühlt sich auch Theorie des Spiritismus von sinnfällig plumpem Spuken abgestoßen, uns erscheinen sie aber konsequent natürlich. Einerseits verübt auf diesem Nachtgebiet nur »Gesindel« (Hegel) solche Akte, Abgeschiedene von stumpfen Triebleben, noch ganz diesseitig dominiert, die verzweifelt Anschluß wieder gewinnen möchten, andererseits sind es meist Leute gleicher Art, vornehmlich naive Volksmenschen, denen sie sich sinnlich vermitteln können: Auch hier also Einheit von Subjekt und Objekt. Für ätherische Seelenumhüllung braucht die Prevorsterin den Ausdruck »Nervengeist«, was mit Astralkörper indischer Lehre harmoniert, wie auch ihre Einteilung in engere und weitere Ringe des Unsichtbaren mit Buddhas »Zyklen«. Die furchtbaren Krämpfe, nach deren Überstehung sie ins »magnetische Leben« einging, entsprechen dem kurzen freiwilligen Todeskampf, nach dessen mutiger Überwindung der Guru-Mahatma in lebende Materie-Entäußerung eintritt. Daß dies Übergangsleiden der früher kerngesunden Dörflerin soviel länger dauerte, erklärt sich damit, daß es weder freiwillig noch mit schon transzendent geläutertem Denken verknüpft war, weshalb ihre unerzogene Psyche sich erst langsam von Körperbanden löste. Warum sie dieser Lösung teilhaft wurde, bleibt unerforschlich, jedenfalls scheint ihre hohe ethische Anlage im Unbewußten sie dazu prädestiniert zu haben. In diesem Zustand bilden sich innere Nervenherde mit inneren Sinnen, wodurch potenziertes Gefühlsleben, d. h. Urempfindung (vergl. Bergson) das Denken in direktes Schauen umsetzt.

Daß es in Übernatur auch Unnatur gebe, wie Kerner gelegentlich meint, ist anthropomorpher Wahn, ein dunkles Reich unseliger Geister ist nicht dunkler als übliche diesseitige Sonnenfinsternis sinnlich geknechteter Psychen. Auch verwerfen wir Kerners Glauben, daß nach Ablegung des Körpers alle Naturgesetze aufhören und dafür moralische Gesetze eintreten, denn was auf der höheren Ebene moralische, sind auf der tieferen die nämlichen Gesetze, nur daß unsere Gebundenheit sie als Materiegesetzlichkeit empfindet, es gibt keine moralischen, sondern nur Gesetze transzendenter Kausalität, Kerners pietistischer Moralschwulst trägt ins Jenseits unziemliche Enge hinein. Unser Wissen ist Stückwerk und unser Weissagen auch, aber damit ist nicht gemeint, daß Ringen und Streben der Geistvernunft nutzlos und nur bescheidener Einfalt passives Schauen von Wert vor Gott sei. Paracelsus, Böhme, Angelus Silesius bekamen dies Schauen durch geniales Denken, Bruno nicht minder. Wer den Rationalismus nicht durch höhere Ultima Ratio geistiger Erhebung besiegen will, sondern durch vernunftlose Extase kirchlicher Vorstellungen leistet der guten Sache einen fragwürdigen Dienst. Jeanne d'Arc, die so gut Stimmen und Visionen hörte und sah wie die Prevorsterin, bestand irdische Kämpfe mit heroischer Leidenschaft genialer Begabung. Jede Einseitigkeit, das Unsichtbare nur mit einer Methode erschließen zu wollen, führt zu Fehlschlüssen, übrigens geht aus verschiedenen Gedichten der Seherin klar hervor, daß sie mit dichterischer Stimmung begabter war als Kerner selbst, man darf ihre Einfalt nicht mit Mangel dressierter Bildung verwechseln. Jeder Professor denkt sich gebildeter als Jeanne d'Arc, doch alle Professoren und Naturforscher zusammen könnten nie die Taten ihrer Psyche vollbringen. Selbstredend sind Reinheit und Demut wirksame Faktoren der Psychrebefreiung, sie allein würden aber keine telepathischen Wunder verrichten, wenn nicht allemal besondere Intuitivkraft sich einmischte. Bei gewöhnlichen Medien kann der Rapport jederzeit aufgehoben werden, bei geborenen Mediumisten nicht, ihr von innen heraus projiziertes Sehen ist konstant, kann sich mit hellem Bewußtsein und robustem Körper paaren. Kant leugnete nicht, daß solcher Zustand möglich sei, fügte halbspöttisch hinzu, er gleiche wohl dem des Tiresias, den Juno erblinden ließ, um ihm die Gabe inneren Gesichts zu leihen. Dies Erblinden für die Außenwelt traf aber bei Swedenborg nicht zu, den Kant im Auge hatte und der als Naturforscher und Weltmann klare Augen für Irdisches behielt, obschon er fortwährend eine Geisterwelt um sich sah. In der überwiegenden Mehrzahl sind telepathisch überhaupt geistig begabte, manchmal sogar wie Swedenborg überragende Menschen. Wie Byron behauptete, einen Geist gesehen zu haben, die Visionen von Franzeska und Astarte haben unheimliche Anschaulichkeit, so erschien er selbst seinem Freunde Scott ganz unvermittelt. Ob Magister Soundso und Kaufmann Schulze mit wiehernder Lache die Geister herausfordern, sie möchten ihnen doch mal erscheinen, ist daher kein Zeichen ihrer Geistigkeit, und man darf ihnen zuversichtlich versichern, daß ihnen sicher kein Geist erscheinen wird, Geistlosigkeit schützt am sichersten davor. Warum nur einzelne, nicht alle Genialen Unsichtbares sehen, scheint ziemlich klar: Wer fortwährend im Unsichtbaren lebt, bedarf keiner Spirits, schöpferische Vision ist schon spirituell genug. Wäre Swedenborg ein schaffendes Kunstgenie gewesen, so hätte sein Unbewußtes nicht nötig gehabt, ihm die Geisterwelt zu erschließen, alles rein geistige Schaffen (nicht gelehrtes Forschen wie Swedenborgs) schafft sich selber eine unsichtbare Welt.

Die Gabe des Geistersehens wie anderer telepathischer Kräfte ist keineswegs, wie ein billiger Einwurf meint, an hysterische Hypersensibilität gebunden, sondern kommt bei kräftigsten, langlebigsten Personen vor. Ob dies mit Magnetismus (Formel für Unaufgeklärtes) zu tun hat und warum sonst diese Gabe den Verschiedenartigsten zuteil wird ohne Rücksicht auf Kraft oder Unkraft, dafür besitzt man keinerlei Anhaltspunkte. Uns scheint, daß Jesus und Buddha mit Geistern verkehrten, Plato spricht überzeugt wie ein Okkultist, auch Kant, obwohl zweideutig, redet dem Geisterglauben das Wort (Vermischte Schriften) und gesteht spöttisch, daß er sich dabei vor dem Geschrei der Wissenschaftler fürchte. Das Ya rationalistischer Esel verneint ja alles, was ihre törichten Voraussetzungen nicht bejaht. Wichtiger aber als oft abstruse Geisterscheinungen (besonderem Gefühls- und Denkkreis jeder Person angepaßt) scheint uns die bei magnetischen Personen beobachtete Aufhebung physischer Schwere, was sich mit allen Phasen des Tischrückens deckt, und Empfinden moralischer Schwere, die ein selbstsüchtiges Ich erdwärts niederdrückt.

Gewisse Steine und Pflanzen übten auf die Prevorsterin magnetischen Einfluß aus, den wir für radioaktiv halten. Welche physische Kraft beim Tischrücken wirkt (schon grauem Altertum bekannt, siehe delphischen Dreifuß), blieb unbekannt, da Faraday Galvanisches oder Elektrisches dabei ausschloß, es sei nur »mechanisch«. Was dachte er sich bei dieser Redensart? Wie wohl wenig bekannt, läßt sich das Experiment auch mit einem Degen wiederholen, was uns auf Magnetisches (Anziehung des Eisens) hinzudeuten schiene, wenn nicht unbedingt klar wäre, daß diese Kraft überhaupt nicht physikalisch, sondern psychisch wirkt, nämlich von menschlichen Assistenten abhängt. Materiestoff ist nur insofern nicht gleichgültig, als aus unbekannten Ursachen gewisse Formen wie ein Dreifuß sich besser fürs Experiment eignen als andere. Man könnte auch einen Sessel benutzen, was beiläufig schon geschah, es kommt nur darauf an, eine Lage zu finden, wo aufliegende Hände am besten eine Kette bilden. Daß ein schwerer vierfüßiger Tisch kein so rasches Ergebnis bringt, versteht sich von selber, weil das Schwergesetz in ihm massiveren Widerstand leistet, nämlich für unseren äußeren Sinneseindruck. Wir sind überzeugt, daß auch Händeauflegen nur formalen Zweck hat, die bewegende und prophetische Kraft sonst ausschließlich in der psychischen Bewegung der Erwartenden liegt und intensive Empfindung auch ohne äußeres Manipulieren die Materie bewegen könnte, wie von antiken Zauberern bezeugt wird. Die Derwische bilden eine lebensmagnetische Kette und gelangen so zur Aufhebung der Schwerkraft, bis ein liegender zwei Fuß hoch in der Luft schwebt. Fürst Pückler fand das Tischrücken in Smyrna verbreitet, das schon 1600 in Lyon von einem Magiebuch beschrieben wird. Die Lamas in Tibet entdecken Diebstähle durch fliegende Tische, beiläufig viereckige. Pückler berichtet über zwei elektrische Mädchen, deren Geheimkräfte wahre Exzesse begingen, Türen zertrümmerten, ohne sich selbst vom Fleck zu rühren. Als die Sekte amerikanischer Expounders Tischrücken verbreitete, fungierten damals besondere Medien wie Mrs. Handon; Beschreibung solcher Sitzung durch einen Londoner Deutschen ist doppelt lehrreich, weil ein riesiger massiver Eßtisch in einem dem Medium unbekannten Privathaus benutzt wurde, eine darauf stehende Lampe blieb bei heftiger Tischbewegung wie angeleimt stehen; die Fragen der andern Beisitzer (sämtlich ungläubig) wurden nie ausgesprochen, sondern nur gedacht, sofort von Klopfgeistern richtig beantwortet.

Ob letztere »Seelen« Abgeschiedener vorstellen, ist der zweifelhafte Punkt, unzweifelhaft aber die durchaus psychische Art des Phänomens, Kraft dabei nur im Menschen oder Spirit, nicht in irgendwelchem Materielement. Die Handon forderte bloß für physikalische Bewegung das Handauflegen, die Klopfprophetie geschah ohne Manipulation. Da man ein Buch lobend oder tadelnd rezensiert, ohne es gelesen zuhaben, je nach persönlicher Stellungnahme zum Autor, so wundern wir uns nicht, daß Gelehrte über derlei spotten, ohne es je selber erlebt zu haben. Auch Liebigs Ablehnung des Geistersehens, weil man nicht mal feine Materie atmosphärischer Luft sehe und körperlose Wesen nicht Licht reflektieren, also nicht gesehen werden können, geht wieder mal von Voraussetzung aus, dem Grundübel des Rationalismus. Denn wer sagt ihm, daß Geister in derjenigen niedern Sphäre des Mittelreichs, wo sie noch an der Erdatmosphäre haften, wirklich körperlos seien, da ihnen der Astralkörper noch zukommt? Ihr Gesehenwerden erfolgt natürlich nicht durch den gleichen Prozeß wie bei Eindruck leiblicher Augen. Humboldts und Aragos Gerede gegen Tischrücken mutete schon damals ernste Beobachter kindisch an, seither änderte sich nichts, man vergißt, daß italienischer »Volksaberglaube« zu Galvanis und Voltas Entdeckungen sowie zur Erkundung des Siderismus durch sogenannte Wünschelruten führte. Daß etwas dem Elektromagnetischen Ähnliches beim psychischen Phänomen des »Drehens« mitspricht, was sich am Menschen so gut wie an Stühlen praktizieren läßt, hebt nicht auf, daß die Kraft selber nicht von äußerer Materie ausgeht, zumal auch telepathisch begabte einzelne die antiphysikalischen Wunder vollbringen können, ohne einer »Kette« von Mithelfern zu bedürfen. Auch würde tierischer Magnetismus nur das Physikalische der äußern Bewegung, nie Verunft und Weissagung des Tisches erklären. Da handelt es sich um unsichtbare Vorgänge, die zwar mit dem verwandt sind, was man als elektromagnetisch formuliert, doch schon einer höheren Ebene angehören und direkt gar nichts mit jenen Naturbegriffen gemein haben. (Verschiedenes beim Tischrücken erwies sich als antielektrisch und antimagnetisch.) Was immer man über Kerners Prevorsterin und Mädchen von Orlach denken mag (neu kommentiert von H. Freimark), so entsprechen verbürgte Tatsachen von Gespensterei und Besessenheit sowie somnambule Tiefblicke in den »Sonnen- und Lebenskreis« auffällig neuen okkulten Erfahrungen und spiritistischen Aussagen, nur daß sie sich eben heute in modernerer Gewandung melden. Der Kern dieser Erfahrungen bleibt stets der gleiche, doch daß die Form der Mitteilungen sich erheblich änderte – heute reden die Besucher aus der vierten Dimension auf einmal philosophischer –, zeigt die Abhängigkeit dieser Eindrücke vom subjektiven Bildungsstand der Empfänger. Der unbedeutende, aber gebildete Raymond Eodge sieht das Jenseits anders als die ungebildete aber bedeutende Prevorsterin. Bei Betrachtung dieser Dinge, mögen sie teilweise den vorurteilslosesten Denker unangenehm befremden, muß man sich vor allem jeder Voraussetzung enthalten. Welchen Sinn hätte handgreifliches Einmengen böswilliger Gespenster in das Erdenlos gewisser Unglücklicher, denen nur zu solchem Zweck die Geisterwelt sich geöffnet scheint? Ja, wer das wüßte!

Steiners allgemeine Geistmenschen der saubern Schulzesippschaft sandten uns natürlich keine Zaubersprüche aus der vierten Dimension, doch wie steht's mit Spirits jener Elitekaste, die sich nicht von Verwesung nährt? Dem sonderbaren Schwärmer Blake erschien Shakespeare auffallend in Gestalt des maskierten Foliobilds, doch wo blieb Beglaubigungsbotschaft? Bisher vergaß man freilich das wichtigste Beweisstück in Schurtz Memoiren. Diesem kühlklugen Staats- und Kriegsmann meldete sich Schiller im Medium eines halbwüchsigen Mädels, das nie Schiller las, durch zwei ganz nebensächliche Sätze aus Wallenstein 5. Akt, die sicher keinem als Schiller selbst im Gedächtnis bleiben konnten. Ferner sagte sein kurz zuvor ermordeter Gönner Lincoln Schurtz' Erhebung zum Missourisenator voraus mit der genauen Jahreszahl. Die Kirche warnt vor Dämonenplage, als dämonische Besessenheit hört sich an, daß 1911 ein Bahnarbeiter mit Morseapparat Weltkriegdepeschen abklopfte und zutreffende Visionen bekam. Dostojewski halluzinierte über Ausgießung von Mikroben des Bolschewismus. Da Bewußtsein als Ausgangspunkt des Ego nur durch Verbindung mit Weltbewußtsein möglich scheint und nach Zerbrechen des Körperbehälters anderswohin entströmen muß, zerfällt Spiritismus theoretisch in die Frage, ob er selber Wirklichkeit oder nur deren symbolische Spiegelung ist.

Böhme spricht von »siderischer Geburt« des neuen Menschen, der mit Augen sieht »wo sich das Leben in mir gebärt«. Steiner scheint christliche Mystik für etwas Apartes zu halten, doch älteste indische Überlieferung spricht wie Paracelsus von Kräften der Pflanze, Bedeutung ihrer Gestalt und Farbe, Geist in Stein und Metall. Ihre astronomischen Tafeln behandeln Schiefe der Ekliptik und Bedeutung der Zahlen, besonders von 3, 7, 40, die noch in Daniels Zeitrechnung von 70 Wochen sich ausdrückt. Das ist uralt gegeben, nicht erst später von Kabbala ersonnen. Die Magie stammt aus Urzeit, wo noch ein gewöhnlicher Mensch »ins Zentrum des Sonnenkreises in jeder Seele« treten und ohne Scheidewand die Erdmaterie in ihrem wahren Wesen erkennen konnte. Laut Pythagoras sind Zahlen die Elemente aller Dinge, laut Plato hat die Seele einen arithmetischen, der Körper einen geometrischen Anfang, ganz von sich aus erkennt Novalis eine Zahlenmystik der Natur. Für Plato sind Bewegung von Seele und All zwei miteinander verbundene Kreise, geistige Naturzahlen von Grade und Ungrade bestimmen Erzeugung und Kräfte der Wesen. Auch Swedenborg zerlegt die Psyche in zwei Kreise des »natürlichen« und »geistlichen« Gemüts, sein subjektiv kirchliches Schauen sieht Gleiches wie Plato in anderer Ausdrucksweise. Die Prevorsterin nun erkannte im linken Menschenauge auf der Herzseite die Körperbeschaffenheit, im rechten Auge den verborgenen Charakter und im rechten Auge der Tiere ein blaues Flämmchen: Wohl das Unbewußte, das im Menschenverstand zwar nicht auslöscht, doch nicht mehr sichtbar wird. Ihre Offenbarungen, sobald man religiöse Beterei und Spukerei als subjektiv abzieht, decken sich mit Buddha, Plato, Bruno, nur teilweise mit Swedenborg. Über dessen Anschauungsweise höre man: »Es wird künftig noch bewiesen werden, daß die Seele auch in diesem Leben in unauflöslich verknüpfter Gemeinschaft mit allen inmateriellen Naturen der Geisterwelt steht, daß sie wechselweise in diese wirke und von ihnen Einfluß empfange, wessen sie sich aber als Mensch nicht bewußt ist, solange alles wohlsteht.« Wer spricht so? Kant, somit ist unverschämte Fälschung, wenn man seine »Träume eines Geistersehers« 1766 als ironische Negierung auffaßt, auch an Stellen der Vermischten Schriften drückt er sich positiv genug aus. Novalis' Spott, »es ist als wahre Seltenheit zu betrachten, wenn man rechtes Naturverständnis bei großer Gelehrsamkeit suchen will«, würde er gebilligt haben, doch sein Satz, »ich mußte das Wissen zerstören, um den Glauben aufzurichten«, wäre Bankrotterklärung. Denn ist Wissen nur ohne Glauben und Glauben nur ohne Wissen möglich, dann haben beide kaum Relativitätswert. Infolgedessen verwirft Bergson den Begriff Vernunft und sucht in Empfindung das allein wirkliche Psycheelement, man steht am Totenbett des Rationalismus. Empfindung ist etwas, was sich weder mit Allgemeinverbindlichkeit des Verstandes noch des Glaubens verträgt, wohl aber mit Individualismus. Wir halten auch Neigung zum Schlußfolgern, woraus Kausaltrieb des Denkvermögens erwächst, für energetische Empfindung, eine Begierde des Bewußtseins, Wert und Gegenwert zu verbinden. Nannte doch schon Hume den Schlußfolgerungstrieb einen unmittelbaren Instinkt des Menschen! Somit sind Glauben, Wissen, Empfinden als eins zu fassen, Wissen ist Glauben an Sichtbares, Glauben ein Wissen des Unsichtbaren, beide nur instinktives Empfinden.

»Ein Gott ohne Ursache und von Ewigkeit her ist ganz so unbegreiflich, wie eine Welt ohne Ursache und von Ewigkeit her, wir dürfen dies aber nicht als unbegreiflich verwerfen, denn jede andere mögliche Theorie ist geradeso unbegreiflich«, so maßvoll drückte Newton das Hypothetische jeder Weltanschauung aus, während das 19. Jahrh. den anmaßenden Ton von Ivamennais anschlug: »Warum gravitieren die Körper? Weil Gott es will, sagten die Alten; weil die Körper sich anziehen, sagt die Wissenschaft«. Ja, warum ziehen sich die Körper an, kraft welches ersten Bewegungsbefehls?

Wenn Goethe an Boisserée bekannte, daß er unter Hadrian, und Flaubert vor G. Sand, daß er unter Nero lebte, werden sie uns sinnfälligen Zusammenhang antiker und moderner Existenz weder begreiflich machen noch selber spüren, da mußten Zwischenglieder vorhanden sein, die in Vergessenheit gerieten. Freilich schilderte Pythagoras sein Vorleben als Trojakämpfer, indem er Reliefdevisen auf Innenseite einer in Delphie aufgehängten Schildtrophäe fernsichtig angab: Dies sei damals sein Schild gewesen. »Spötterei über den »Hahn«, an den er sich auch noch erinnern wollte, sollte sich bescheiden, daß uns schlechterdings kein Urteil darüber zusteht, ob dies abstruse Irreführung oder Rechtleitung des Hellgesichts sei. De Rochas' Experimente mit Somnambulen bestätigten, daß diese sich als unbekannte von ihnen benannte Personen vor 100 und 200 Jahren empfanden, deren frühere Existenz dann tatsächlich durch Kirchenregister festgestellt wurde. Das Allermindeste, was der Skeptiker zugeben muß, ist die Erfahrungstatsache, daß der Instinkt einer Präexistenz tief im Unbewußten lebt und nur durch Tagesschein verdunkelt wird.

In der Geschichte geht ein Geist um, der manchmal eine große Geste hat. In Walthamabtei, wo der letzte Sachsenkönig bestattet, beerdigte man auch Edward I., den ersten Normannengründer des englischen Imperialismus, von hier begann Karl I. den Bürgerkrieg, der angelsächsische Freiheit wieder emporbrachte, als griffe Harolds Spirit aus seiner Gruft in Englands Geschick ein. Doch als 1604 an der Guineaküste ein Freibeuter »Hamlet« aufführte, tat er keinen Blick in die Zukunft des British Empire bei so symbolischem Vorgang; als 1757 Pitt Gibraltar räumen wollte, hätte kein Hellseher Glauben gefunden, Spanien werde noch tiefer sinken. Aber Johanni Weltprophetie, die man als kurzfristigen Wechsel auf die Nerozeit auslegen möchte, ist ebenso Wirklichkeit wie Daniels Bilderreihe über vier antike Weltreiche. Das Buch mit sieben Siegeln kann man lösen und sich vermessen, es bis 1934 zu kontrollieren samt dem rot anlaufenden Tier und dem Babelweib, wechselndem Sinnbild jedes Materialismus vom cäsarischen Rom bis zum Bolschewismus. Während in Brandlers »Die Sintflut kommt wieder« esoterische Dynamik dem Physikalischen zuwinkt, weissagt Westfals »Weltgericht«, wie ein Uranuskalender astrologisch, mit Bibeltexten teilweise, Erderschütterung für November 1927. Dieser Warner eröffnet schöne Aussicht auf Auszug Israels mit neuem Palästinazion, ähnlich eine Zeitschrift für Zionisten und Orthodoxe. So wenig wir an kabbalistische Ziffern à la Kemmerich oder an Bindes Pfarrerangst vor leeren Kirchen und vollen Séancen glauben, scheint Mitwissen des Allwissens durch den »Geist der Wahrheit« nach Johanni Verkündigung möglich.

Ist unser sinnliches Empfinden im Grunde nicht unsinnlich? Das erste Erwachen zum Bewußtsein ist rein psychisches Empfinden »ich lebe«, erst hernach wird es gewahr, daß es einen Körper hat, und dieser zeigt sich als Produkt des Bewußtseins, da somnambuler Zustand die innern Organe des Körperstoffs als etwas Fremdes deutlich sehen, analysieren und wie die Prevorsterin selbst kurieren kann. Doch bei Erkrankung geistiger Funktionen muß die Psyche solche Kur bleiben lassen, denn sie sieht nie sich selbst, sondern nur ihre angehängte Stofflichkeit wie eine Bekleidung außer ihr oder vielmehr als etwas von ihr selbst Zugeschnittenes und Bedingtes. Träumen versinnbildlicht die Stofflosigkeit der Persönlichkeit, laut jüngster Psychoanalyse lasse sich Erkrankung bestimmter Organe durch Träume bestimmen, auch sonst setzen anscheinend physische Einflüsse sich in Sinnbilder um, wie das Fliegen der Herzkranken. An und für sich ist der Körper im Traum abwesend, das Ich fühlt körperlich nicht sich, sondern entgengetretende Gegenstände. Sind diese aber Fiktionen, so sind sie es nur in gleichem Grade wie Gegenstände der Wirklichkeit, die ja auch nur vermöge psychischer Auffassung gesehen werden. Die Psyche bedarf also nicht unmittelbarer Sinnenseindrücke, um ein handelndes und leidendes Leben im Traum durchzumachen. Spielt dabei Erinnerung des Wachlebens mit, so kann mit ganz gleichem Prozeß die von allen Indern versicherte Rückerinnerung der Präexistenz durch Trancekontemplation erwachen. Wir erkennen im Traum nur ein Sinnbild allgemeiner Lebenserfahrung, Träume spiegeln nicht das eigentliche Ichmilieu, sondern das allgemein Individuelle des Empfindens wieder.

Psychoanalyse fürchtet »Kurzschluß geistiger Selbstberührung«, weil zu bohrende Selbstanalyse erst recht isoliert. Doch scheint eine gewisse Isolierung der ungleichen Psychen unvermeidbar, aus überspannter Absonderung entstehen naturgemäß religiöser Wahnsinn und die weltliche Thebaide brütenden Größenwahns, Rousseau und Genossen machen sich ihre eigene Wüste, isolierte Menschenscheu wie des Gewaltpredigers von Sils Maria ist meist Menschenfurcht und Einbildung einer materiell unerreichbaren Majestät, ähnlich dem Despotenwahn der Irren. Solcher Kurzschluß ist notwendiges Ende unehrlicher Selbstbetrachtung, indessen sehen wir mit hoher Befriedigung, daß ehrliche Selbstzerwühler wie Byron am gewaltigsten die Isolierung durchbrechen und sich ins All ausströmem, analog der Erfahrung, daß redliche Menschenverächter – nicht unredliche selbstische Hypochonder – dabei Menschenliebe bewahren wie Byron und Friedrich d. Gr., Leonardo und Goethe, dem unterm Ministerstern ein wohlwollendes Herz klopfte. »Wer die Menschen nicht hassen lernte, hat sie nie geliebt« (Chamford). Jede »Kritik des Gefühls« (A. Vetter) aber wird fadenscheinig, solange sie sich psychoanalytisch auszudrücken meint, ohne Traumleben, Telepathie, Spiritismus als notwendige Ergänzung des Unbewußten in Rechnung zu stellen. Die Einsiedelei des Gefühls ist sehr weit für sehr verschiedene Eremiten. Gold erscheint bekanntlich in drei verschiedenen Zuständen als Gelb, Rot, Grün, doch niemand nimmt daran Anstoß, weil eben der bekannte Stoff Gold dies Farbenspiel erzeugt. Wissenschaft aber erlaubt sich, aus allerlei Farbenspielen der Natur den unbekannten Grundstoff abzuleiten. Das Abstraktum Moleküle als räumliche Begrenzung darf nicht mal relative Realität wie Farbe, Wärme, Gestalt beanspruchen. Sehr gut sagt Goethe, daß jede Analyse eine Synthese voraussetzt, man sich also vor Analyse hüten müsse, wo keine Synthese vorliegt. Man kennt nichts als unzählige »Dinge«, während »Materie« nur ein nominalistisches Sammelbecken hypothetisch vorstellt. Beziehung z. B. von Elektrizität und Helium in X-Strahlen kann nichts mit den Begriffen Materie und Atom anfangen, es bleibt ein sichtbar werdendes Phänomen als relative Wirkung unbekannter Ursachen, wobei Wirkung nicht mal als objektiv Gegebenes, sondern nur subjektiv Wahrgenommenes sich aufdrängt. Wissenschaft verfährt mit der Natur so naseweis, wie Staatsanwalt Wulffen »Shakespeares große Verbrecher« mit dessen eigener sexualpathologischer Anlage erklärt. Weiß er Tatsächliches darüber? Gar nichts. Nur diese einzigartige Dichtung selber nehmen wir wahr, deren Ursprung wir aus nichts Sichtbarem folgern können. Da erinnert man sich eher an Ingalese »History and power of mind« 1902, yankeehaftes Praktizieren der Yogalehren, die neben manchem Richtigen (astrale Farbentheorie usw.) auch widerliche Wendungen ans ordinäre Tagesleben enthält und feierlich verkündet, wieviel Dollars man durch okkultistische Disziplin verdienen kann! Wendet man hingegen die Yogilehre von steter Verwirklichung der Gedanken in sichtbaren Mentalbildern aufs rein Seelische an, so erscheint Shakespeare als rein spiritualistisches Phänomen. Man gewinnt nämlich den Eindruck, als ob seine Spiritkraft einfach seine Gestalten als bestimmte Lebewesen denkt und sie dann von sich abstößt als lebendig herumlaufende, die von selber ihr Drama spielen, ohne daß ihr Schöpfer sich weiter Mühe zu geben braucht. Doch wem sich solche Mahatma-Art enthüllt, fand dafür nicht »wissenschaftliche« Erklärung, welche Atome sich zusammenfügten, um diesen Schaffer aus dem Nichts zu erschaffen! Nur als Wiedergeburt einer dämonisch supranaturellen Psyche ahnt man Phänomenologie verborgener Kraft. Das ist gewiß Natur im höchsten Sinne, Naturgeist, doch fremd den Kräften dessen, was man hypothetisch Natur nennt. Energetik eines alles Sichtbare und Unsichtbare durchdringenden Weltvitalismus sehen wir hier zu verkörpert Spirituellem gesteigert, das wir vollständig wahrnehmen, also die »Macht des Geistes« an einem keineswegs okkulten Beispiel, ohne aber damit irgendwie die unsichtbare Urkraft zu fassen, die dies Phänomen ermöglicht.

Richtig erkannte schon der alte Klencke, daß nicht Naturwissenschaft an sich gottverlassen sei, sondern Geistespöbel sie mit dem eigenen Materialismus infizierte und in Dienst stellte. »Wenn man in Märchen und Gedichten erkennt die wahren Weltgeschichten, dann flieht vor einem geheimen Wort das ganze verkehrte Wesen fort« (Novalis). Dies geheime Wort hörte das verkehrte Wesen noch lange nicht. »Leben ist Anfang des Todes, lieben um des Todes Willen da.« »Man sollte die Sachen so betrachten, wie man sein Ich ansieht, als seine eigene Tätigkeit.« »Der Mensch vermag jeden Augenblick ein übersinnlich Wesen zu sein«. Tiefer als solche Novalismen scheint Schellings Definition, daß der Ichgeist als Denken und das Ich selbst eins seien, d.h. das Ich nur das sich zum Objekt werdende Denken. Für Fichte ist das Ich selber eine schöpferische Tätigkeit, die sich unserm Bewußtsein entzieht, während es nur auf dies Ergebnis des Denkens als Ich aufmerkt. Es ist nichts anderes, wenn Goethe sagt: »Farben sind Taten des Lichts.« Materiemonismus von Lyell bis Haeckel, dessen Malersinn Steiner rühmt (Vortrag Sept. 1921), sieht nicht diese unmechanische selbständige Tätigkeit. Alle Versuche Steiners, Haeckel für seine Anthroposophie zu retten, laufen auf Begriffsverwirrung hinaus. Steiner lehrt »Freiheit«, insofern ihm Handlungsimpulse übersinnlich erscheinen, das sind sie aber nie in dieser Erdenspanne. Selbst wenn Ichgefühl ein übersinnlicher Denkakt wäre, blieben Impulse sinnlich gebunden. Goethe hält Kunst für würdigste Auslegung des Naturgeheimnisses, Steiner für die drei gleichwertig einzigen Erkenntnismethoden Imagination, Inspiration, Intuition; doch das ist falsche Dreiteilung, denn Inspiration und Intuition sind erst Töchter der Imagination, wie soll aber beim Durchschnittsmenschen genügende Imagination herkommen und wie kann Haeckel Seelisches in untersten Zellen aufstöbern, wenn solche exklusiven Ansprüche gestellt werden! Dann würden zuletzt nur noch Dichter als Erkennende übrigbleiben! Obwohl Denken selber ein Dichten, ist ›seelisch‹ nicht so eng begrenzbar. Daß Goethes »gegenständliches Denken« (Heimroth) die Gestalt, Haeckel die Farbe als Kunstform der Natur ansahen, zeigt freilich Malersinn, naturkünstlerisch anzuschauen, doch wer der Natur ein Kunststreben zuspricht, verleugnet damit notwendig den Mechanismus, den doch Haeckel vertritt. Das seelisch Künstlerische der Naturformen anerkennen, ist für Materialismus ebenso sinnlos wie Verkuppelung kalter Forschungsdisziplin mit Steiners schwärmender »Geisteswissenschaft«. –

Die Vorstellung, daß die gesuchte vierte Dimension nichts anderes als Zeit und daß Zeit eine Art Raum ist, kann nicht von der Hand gewiesen werden. In welcher Dimension bewegt sich der Barometer, in den drei Attributen des Raumes: Länge, Breite, Dichtigkeit? Offenbar nicht, sondern die Bewegung, äußerlich Raumeindrücken Untertan, gleitet auf und ab einer Zeitlinie, jener unsichtbaren Dimension, innerhalb welcher außerhalb der Raumbegriffe die Psyche denkt. Vergleiche Wells geistvolle Schnurre »Die Zeitmaschine«, denn Raumbegriffe entstehen nur durch Bewegungen der Zeit. Nie kann aber lieben in mathematischer Formel ausgedrückt werden, da diese nur Größenquantitäten in vorausgesetztem Raum berechnet ohne Qualität der Dinge. Es ist absurd, Planeten nur als Wärme- und Lichtgrößen zu behandeln, da jeder Weltkörper den gleichen Organismus bedeutet wie die winzigste Körperlichkeit auf Erden. Im Sonnensystem gibt es sicher Embryologie wie in jedem gebärenden Leib. Carus und G. H. Schubert boten sogar erstaunliche Belege, wie das menschliche Blutleben in Beziehung zum Himmelsorganismus steht. Für Lebensspannungen der Weltkörper ist Gravitation ein plumpes Wort, denn das Maschinenhafte des Newton-Laplaceschen Weltbilds schließt jene freie organische Bewegung aus, wie sie Carus im Kosmos als Spirale findet.

Condillac nannte Wissenschaft eine »gutgebaute Sprache«, meinte er, alles Wissen sei nur rhetorische Übung? Seine eigene verwegene Wissenschaftssprache schien ihm ziemlich dunkel, er blieb uns wie Forel jede Erklärung schuldig, wieso Gedächtnis längst entschwundene Wahrnehmungen so fest hält, daß Abwesendes wie gegenwärtig erscheint. Gedächtnis und Phantasie sind Verweilen im Unsichtbaren ohne Wahrnehmung, beide aber sind erfahrungsmäßige Tatsachen, während Sinneseindrücke nur fragwürdige Bühnenkulissen, Supplemente der Empfindung. Nun verblaßt jede sinnliche Erinnerung selbst des geliebtesten Gesichts, wenn man kein Abbild vor sich hat, doch nur zu genau kann man sich eigenes Leid und Freud, empfangenes Gutes und Böses zurückrufen, zeigt dies nicht Überwiegen des intellektuell und ethisch Empfundenen im Gedächtnis? Schärfe der Sinne und des Denkens entsprechen sich keineswegs, jedes Wesen ist in sich einheitlich, doch nicht identisch mit dem Nebenwesen, jede Psycheanlage verarbeitet autonom die Außenwelt ganz für sich, Sinne sind nur Notbehelf.

Obwohl gewöhnliches Kausaldenken sich gegen blitzschnell spontane Assimilierung der Aufnahme sträubt, da Essen und Verdauen nicht das nämliche, so pflichten wir Condillac hierin bei, doch was ist die nötige Voraussetzung? Daß jede Wahrnehmung auf die Psyche wirkt wie der Funke aufs Pulverfaß, daß also nicht Sinneseindruck Ursache subjektiver Erfahrung, sondern das entscheidende Pulver selber der Psyche angehört und der äußere Funke nichts weiter vermag, als das immer vorhandene Denkpulver zum Aufblitzen zu bringen. So wird die Psyche sich selbst allein Ursache und Wirkung, nur die Frage kommt in Betracht, wer den Zünddraht der Petarde legte, mit der fortwährend etwas gesprengt werden soll, offenbar das Innentor des Sinnenscheins. Wer ist Ingenieur dieser Pionierarbeit, deren Zweck, die Materie in die Luft zu sprengen, noch nicht erreicht wird, höchstens mit telepathischem Dynamit? Doch was nicht ist, kann noch werden, in reinerer Hülle besorgt die Psyche vielleicht besser ihr einziges Geschäft, das Empfindungsdenken braucht wohl im Elektronenäther keine Zündschnur mehr und befindet sich von selber in unaufhörlichem Blitzen eines rauchlos verfeinerten Pulvers. Der viele Rauch, den hinieden das Denkexplodieren verursacht, wird dann wohl auch vergangen sein!

»Anbetend liegt die Menge auf den Knien vor Scheinwissenschaft«, höhnt F. Hartmann, seine »Gnomen am Untersberg« lehren, daß es keine Menschen gibt! Wie man Meteoriten leugnete, weil es im Himmel keine Steine gäbe, fauchte Laplace, man wolle nichts von Eolithen hören, für Pariser Medizinische Akademie war der Phonograph ein Bauchrednerkniff! Wallaces »Inselleben« leugnete Lemuria und Atlantis, Gardiner hielt ihm seine eigenen Sätze als »allen Zeugnissen widersprochen« vor. Wie soll man erst für Meteore genialen Denkens ein Auge haben! Nur Lyell prüfte objektiv Plutarchs Lehre periodischer Welterneuerung. »Unbemerkt geht die Pflanze ins Tier, das Tier in den Menschen über« (Büchner)? Dann könnte für unser täuschendes Gesichtsfeld unvermerkt der Mensch ins Unsichtbare übertreten. Shelley singt, Tod sei in uns selbst, dann sind Tod und Leben das nämliche, Tod wird sichtbar als bloße Funktion des Lebens. Natur redet »mit sich selbst und uns« (Goethe), Genie ist Hellgesicht einer Natursichtigkeit. Für Manichäer und Augustin bedeutet Menschwerdung Fesselung der Weltvernunft, die Griechen lehrten Buhlschaft von Vernunft und Materie, wodurch wir Kriegstheater beider Reiche werden.

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