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Der Aufgang des Abendlandes

Karl Bleibtreu: Der Aufgang des Abendlandes - Kapitel 47
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authorKarl Bleibtreu
titleDer Aufgang des Abendlandes
publisherWilhelm Borngräber Verlag
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firstpub1925
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II

Daß alle Bilder sinnlichen Wahrnehmungen entspringen, widerlegt die Telepathie, freilich darf Okkultismus dies nicht zu wörtlich nehmen, auch telepathische sind eben Wahrnehmungen, auch Hellgesicht ein Sehen. Man hält für unvereinbar, daß die einen nur Wahrnehmung, die andern nur Vorstellung für maßgebend halten, doch jede Wahrnehmung stellt sich etwas vor, jede Vorstellung nimmt etwas wahr. Dem Materialismus entgeht, wie viel geschickter er operieren könnte, wenn er okkulte Phänomene frischweg anerkennte, doch lieber macht er sich lächerlich durch Leugnen, um nicht seine alte Position wechseln zu müssen. Wohl könnte er vorschützen, zwar sei bisheriger Materiebegriff zu eng, doch bei jetziger Erweiterung des Psychebegriffs sei sinnliche Realwelt nicht auszuschalten. Wir stellen das Grundgesetz auf: Unsichtbares läßt sich nie sehen; nehmen wir Ebene nach Ebene, Jenseits nach Jenseits an, so wird auch dort das Wesentlichste unsichtbar bleiben. Wer Geister persönlich sieht, Stimmen hört, schriftliche Botschaften aus anderer Dimension empfängt, befindet sich stets noch in der Sphäre sinnlicher Wahrnehmung, auch bei Verrückung räumlicher und zeitlicher Grenzen lebt Trance noch in der Welt des Scheins.

Vermutlich war das Stammkapital jedes Seelengehalts ursprünglich gleich, der Weltseele entnommen. Telepathie beweist Vorhandensein überindividueller Eigenschaften im Unbewußten, welche »nicht dem Individuum allein angehören« (Tischner), aus Gemeinsamkeit, dieser seelischen Regionen entsteht Kontakt von Gedankenübertragung, und solche Infusion der Weltseele muß bei jedem Lebewesen gleicher Gattung die nämliche sein. Nun sind aber Bewußtseinstände der einzelnen Seelen, soweit sie sich im Leben offenbaren, unendlich ungleich. Hätte jeder Mensch in sich nur gleichen Urgehalt des Unbewußten, so wäre individuelle Unsterblichkeit ein Unding, weil es dann eben keine Individualität gebe. Gerade weil sich aber bei jedem ein Plus nach oben oder Minus nach unten vom Genie bis zum rohsten Rüpel, von Prospero bis Kaliban herausbildete, ist undenkbar, daß dies kausal bestimmte Produkt ganz zwecklos entstanden sei, um sogleich wieder der Vernichtung anheimzufallen. Daher kündigte ein bisher kaum zum Positiven geneigter Gehirnpsychologe, wie Schleich (»das Ich und die Dämonen«, »Bewußtsein und Unsterblichkeit«), offen an, daß er sich für individuelle Fortdauer bejahend entschied. Der Arzt R. Tischner, vorher etwas schwankend, behauptet jetzt Unabhängigkeit aller mediumistischen Zustände von äußern Merkmalen. Es gibt »alle möglichen Spielarten« mit vielen Übergängen vom Somnambulismus bis zum verhältnismäßigem Wachzustand. Frühere Annahme, Telepathie sei deutlich oder wenigstens »larviert« (v. Hartmann) somnambulisch, ist falsch. Eine ungewöhnlich begabte Kartenlegerin, deren Leistung wir nur als hochgradige Telepathie verstehen konnten, versicherte uns, daß sie sich besonders »hell und leicht« bei ihrem Hellgesicht fühle. Bei vielen, besonders automatischen Verrichtungen, wie Geisterschrift und Tischrücken, findet keine Einengung des Bewußtseins statt, auch sind viele starke Medien nicht hypnotisierbar, die berühmten Medien Mrs. Piper und Mr. Home versetzen sich selber in Tranceschlaf, Home und Slade operierten oft auch im Wachzustand, Eusapia Paladino erzeugte Phänomene auch nach Verfliegen des Trance. Schrenk-Notzing bezeugt, daß bei erstaunlichen kinetischen Leistungen keinerlei Trance vorlag. Somit wird die Bewußtseinsschwelle nicht eigentlich verlegt, es drängen sich nur telepathische Dinge zu ihr empor, die anscheinend diese Schwelle überschreiten, ohne das Ich anzutasten. So sind psychische Vorgänge zwar nicht physikalische, doch nach unserm Begriffsvermögen analoge, z. B. die dem Ichverstand faßbaren Telefunken sicher Erscheinungsform des Reichenbachschen Ods, durch das in genau gleicher Weise Gedankenfernwirkung hergestellt wird. Weil Telefunken sich an die sichtbare Materie wenden, nimmt der Mensch sie willig an, obschon dieser Prozeß genau so wunderbar oder natürlich wie die psychishe Fernwirkung, doch indem er letztere ungläubig bezweifelt, bestärkt er die davon Überzeugten in der andern Einseitigkeit, dies für supranaturell zu halten. Alles, was sinnliche Wahrnehmung hervorruft, z. B. Ahnungsträume, die immer an früher Sichtbares anknüpfen, ist seinem Wesen nach diesseitig, kann nicht als Erzeugnis einer Jenseits-Dimension angenommen werden. So beweist also der Okkultismus zunächst nichts weiter als Mitteilhaberschaft der Ichpsyche am Fundus eines stillen Partners, der aber als Vertreter einer viel größeren Weltfirma nur selten ins unbedeutende Geschäft des Ichlebens eingreift, dessen Routine seiner Großzügigkeit nicht zusagt. Der laut lärmende Geschäftsführer, dem jeder Tag Bankrott droht, kann sich drüben nicht gleich in den stillen Partner verwandeln, dem der Todeskonkurs nichts anhaben kann, weil allmächtiger Trust hinter ihm steht.

Die spiritistische Hypothese persönlicher Fortdauer des Ichs stößt auf manche Schwierigkeiten. Deshalb erkannte der verstorbene Professor Hyslop, daß hier zwischen Glauben und Begreifen ein großer Unterschied sei. Constable meint, das transzendentale Selbst vermittle sich telepathisch nur in symbolischen Ideen, nur der Empfänger kleide sie in Worte, weil dies seinem menschlichen Bewußtsein angemessen. Hyslop sieht in den Manifestationen einen »Piktographischen Prozeß«, wobei – um es recht klar zu formulieren – der Lebende die Gedanken des Spirit in solche Bilder überträgt, wie sie zum diesseitigen Bewußtsein und zur geistigen Beschaffenheit des Mediums passen. In dieser von uns gegebenen Formulierung sind wir einverstanden, begreifen daher, daß Cäsars oder Shakespeares »Geister« dem Geistesempfänger Schulze nur Triviales mitteilen können. In Fällen der Persönlichkeitsspaltung, wo plötzlich Talent oder Wissen eines Verstorbenen in einem vorher talentlosen und unwissenden Leben erwachen, glaubt Hyslop an positive Besessenheit durch einen fremden Spirit. Diese Fälle sind ziemlich selten, können aber durch die Redensart Doppelich nie erklärt werden und lassen obige Möglichkeit zu. Denn im Grunde ist Wiedergeburt einer Psyche in einem vom früheren sehr verschiedenen körperlichen Träger das gleiche, nur daß hier nicht eine andere Psyche zeitweilig verdrängt wird. Doch kann man dies unbedingt wissen? Man stelle sich vor, ein genialer Knabe vermisse überall etwas von seiner eigenen unbewußten Neigung Gewünschtes und trete plötzlich in Kontakt mit geistiger Hinterlassenschaft eines Toten, wobei er einen elektrischen Schlag empfängt, der ihm sein wahres Wesen zum Bewußsein bringt und Wiedergeburt des einst gleichen in ihm vollzieht: Von da ab ist er innerlich besessen. Die Annahme, ein fremder Geist könne sich einem gebenden aufdrängen, läßt auf unbegreiflich nahe Verbindung mit der Geisterwelt schließen und warnt vor zu naher Berührung damit, die allerlei Unheil erzeugen könnte, vielleicht ließe sich auch Wahnsinn auf Infusion dämonischer Einflüsse zurückführen. Das wäre nicht phantastischer als Hypothesen der Psychophysik für Bewußtseinsstörungen.

Kontinuität des einmal bestehenden Bewußtseins ist des Menschen heißeste Hoffnung, so daß H. Spencer erkennt: »Wir wünschen unser Bewußtsein fortzusetzen, solange wir können.« Tut man dies ab als bloßen Ausfluß des Selbsterhaltungstriebs, so ist dies oberflächlich gedacht, denn was wünscht der Mensch zu erhalten? Tatsächlich nicht das Sinnliche, sei er noch so sehr darin verstrickt, sondern Denken und Fühlen. Verfall seines Körpers bei normalem Verlauf (Tod durch Altersschwäche) wäre ihm gleichgültig, sogar erwünscht, unerträglich ist ihm nur die Vorstellung, daß sein Selbst nicht mehr da sein soll, und warum? Weil Leben sich völliges Aufhören nicht vorstellen kann, man darf ihm dies sowenig verbieten wie Nahrungsaufnahme und Fortpflanzung. Legte die Natur als zwingenden Naturtrieb Jenseitshoffnung in die menschliche Psyche, so hat sie wie bei all ihren Triebmotiven eine bestimmte Absicht. Denn ohne Glauben an Kontinuität der Organismen mit Ausgleich in späterem Leben vermag man sich keine moralische Weltordnung vorzustellen, ohne welche ein sinnloses Leben sich verneinen müßte. Der Mensch kann also von solcher innern Überzeugung der Fortdauer nur lassen, wenn ihm klar bewiesen wird, es sei unmöglich. Diesen Beweis kann Materialismus nie antreten, er schwindelt es nur Denkfaulen vor, Wissenschaft arbeitet ja selber mit unbekannten X. Während sie alles von Sensibilität abhängig macht, glaubt sie an lauter Suprasensibles wie Atomistik, Äther soll astrales Korrelat der Materie sein, Raumbeziehungen setzen ähnliche Beziehungen in Äther voraus, aber ohne Merkmale des Stoffes. Supranaturelleres als so kann man nicht denken, dennoch lacht man über oft sonderbare Geisterberichte, wonach die Spiritwelt so treulich unserm Materiellen gliche! Ja freilich, »Häuser« und »Kleider« und recht irdische Beschäftigungen der Spirits laut deren Aussagen sind weit weniger spirituell als Atome, Molekülen, Raumbegriffe! Der Wahrscheinlichkeitsfehler dabei ist viel geringer als beim Aufbau einer physikalischen Welt aus unsichtbarer Ursache und zugleich Festhalten am Sichtbaren, willkürlich aufs Unsichtbare übertragen als Selbsterklärung des Weltprozesses. Wissenschaft verfährt also viel idealistisch-phantastischer bei ihrer Materiedeutung als der Spiritismus, dessen recht materielle Ausdrucksform sehr hinter den religiösen Erwartungen seelenhungriger Anhänger zurückbleibt. Man stelle sich vor, ein Wesen aus andern Welten wisse von unsrer irdischen Existenz so wenig wie wir von der seinen, dann würde es mit Fug und Recht die Möglichkeit unseres Erdlebens anzweifeln. Die Möglichkeit der Marsbewohner wird von Arrhenius erneut bestritten, doch wiederum verwechselt er unsere organischen Bedingungen mit denen einer uns fremden Existenz. Nun, ein so anders gearteter Marsbewohner bestreitet wohl auch, daß die Erde Bewohner habe, weil er den Maßstab seiner Sphäre anlegt! Man kann daher nur lachen über Verlachen einer Geisterwelt, von deren Bedingungen wir noch viel weniger wissen als von denen sonstiger Planetenbewohner, wo man doch wenigstens Beschaffenheit ihrer Wohnorte physikalisch zu kennen glaubt. Den Wohnort der Geister kennen wir so wenig wie Eigenschaften des Äthers. Noch lächerlicher wirkt das Narrengelächter über angebliche Absurdität einer materiell angehauchten Geisterwelt voll sichtbarer Objekte. Denn das ist wenigstens logischer als der Glaube an unsichtbar unsensible Ätheratome, da diese vielmehr genau erkennbar- und bestimmbare Materiefunktionen ausüben müßten, wenn sie Ursache der Weltreibung wären. Ins Unsichtbare sichtbare Vorstellungen als Analogieschluß zu übertragen, ist nicht so unsinnig, als Sichtbares als Ausfluß von Unsichtbarem zugeben, dabei aber an positiver autonomer Existenz der Sichtbarkeit festhalten und gleichwohl Atome ohne Materieeigenschaften denken. Wahrnehmbares mit Unwahrnehmbarem bloßer Hypothesen als gleiche Materie, Körperbazillen mit bloß gedachten Atomen zu vermengen, ist eine Gewaltsamkeit, deren sich der Spiritismus nicht schuldig macht, wenn er vorläufig Unsichtbares in Kontinuität mit Sichtbarem bringt.

Hyslop tat den großen Schritt, es sei keineswegs widersinnig, wenn die Geisterwelt sich als Abbild der materiellen vorführt. Er findet gerade hierin Beweismaterial für Richtigkeit des Spiritismus, wir möchten unsererseits anmerken, daß dies mindestens subjektive Ehrlichkeit mediumistischer Mitteilungen beweist. Jeder Spirit und jedes Medium könnten sich sagen, daß ihre scheinbaren Absurditäten und Trivialitäten den Spott der Toren herausfordern, es wäre zweckmäßiger, mit hochtrabenden Phrasen um sich zu werfen. Hyslop macht Descartes dafür verantwortlich, daß dessen noch heute herrschende Weltanschauung Geist und Materie als gegensätzlich auffasse, das stimmt aber heute nicht mehr, da der Monismus dem Dualismus das Wasser abgrub. Doch ein Rest des Kartesianismus lugt im Befremden hervor, daß Geister nicht völlig geisterhaft seien, d. h. irdischen Dingen entrückt. Wären sie es, wie sollten sie sich Sterblichen verständlich machen! Treffend verweist Hyslop darauf, daß Verständigung zwischen zwei Wesen nicht einfach sei, sie können ihre Gedanken nicht austauschen, wenn sie nicht gleiche Sprache haben. Auch reden Philosoph und Spießer eine verschiedene Denksprache, sind »füreinander Barbaren«, wie Lassalle von sich und dem Staatsanwalt sagte. Ansiedler des Jenseits haben andere Erfahrungen, die sie nur in uns unverständlichen Ausdrücken mitteilen könnten, wenn sie nicht zu unserm Niveau herabsteigen. Wenn sie sagen Haus oder Kleid, so meinen sie vielleicht Symbolisches. Irdische Erfahrung stützt irdische Erkenntnis, für Überirdisches fehlen uns Begriffe wie Worte. Im Tode fallen die Phänomene fort, auf die unser Körperliches reagiert, übrigbleibt die geistige Seite mit ihren Erinnerungen, für welche schon im Leben Gedanken so wirklich waren wie Taten, Unterbewußtsein ist fähig, Gedanken in Erscheinung umzusetzen, geistige Bilder zu schaffen. Es wird anfangs noch erdgebunden bleiben im vollgehäuften Speicher seiner Erinnerungen, sich somit in einem Traumzustand befinden und in Bildern bewegen, die für den Spirit nur ein Notbehelf sind, während das Medium sie wörtlich nimmt, deshalb sagte ein Spirit aus, daß er sich »wie im Traum« fühle. Wie soll er anders, wenn sich eine ungeistig fleischliche Natur in geistig unsinnliches Milieu versetzt fühlt, an das sie sich allmählich gewöhnen muß! Widersprüche verschiedener Spiritaussagen erklären sich durch verschiedenen Reifestand der Dahingeschiedenen, es versteht sich von selber, daß durchgeistigte Menschen sich dort früher eingewöhnen. Solche berichten, daß sie ihr Jenseits nicht beschreiben und wir es nicht begreifen könnten, bis wir nicht selber dorthin kämen, die Mehrzahl aber bewegt sich noch traumhaft in irdischer Vergangenheit, so gefärbt wie beim eigenen früheren Ichmilieu. Je erdgebundener der Verstorbene, desto länger »spukt« er. Die ohnehin nicht realen Jenseitsbilder gehen außerdem durch Unterbewußtsein des Mediums, wodurch Mißverständnisse nicht ausbleiben. Wir erweitern dies dahin, daß einigermaßen richtige Einsichten ins Jenseits nur möglich wären, wenn ein schon längere Zeit verstorbener dort Eingewöhnter und möglichst ehemals geistig Bedeutender sich mit einem gleichfalls bedeutenden Lebenden verbinden könnte. Befragt Leibniz den Geist Giordanos oder Goethe den Geist Shakespeares, so würden sie verständliche Aufschlüsse erhalten. Da bisher nichts Derartiges geschah, kann ohne solches Experiment nicht erwartet werden, daß Verstorbene in ungereiftem Zustand einem gleichfalls mittelmäßigen Medium etwas Wichtiges mitteilen. Im einzigen Fall, wo ein »Engel« einem hochbegnadeten Seher die Apokalypse schenkte, handelt es sich auch nur um Hellgesichte der Menschheitsgeschichte, die in sinnlichen Bildern auftreten, Johannes teilt nichts über das Jenseits selber mit, sondern über allgemeine Allverhältnisse, die er als neues Jerusalem schaut.

Hyslop meint, daß Swedenborg deshalb einem Irrtum zum Opfer fiel, weil er subliminalen Einfluß nicht kannte und daher den symbolischen Charakter seiner Himmel und Höllen mißverstand, obschon er die geistige Welt richtig als Summe von Mentalbildern auffaßte. Die Gedanken des Toten, mit dem er verkehrte, riefen Phantasmen hervor. Wir fügen hinzu: Wie sie zum früheren irdischen Denken dieses Spirit paßten und zugleich ans eigene Meinen Swedenborgs appellierten. So hat das ihm entrollte, in Bibelbegriffe getauchte Panorama wohl relative Wahrheit, doch gemischt und verunziert mit irdischen Erinnerungen, symbolistisch dem Menschenverständnis angepaßt, doch beileibe nicht wörtlich zu verstehen. Der ins Jenseits Eingehende entspricht einem Neugeborenen: Das Kind sammelt erst allmählich Erfahrungen, um sich in seiner Welt einzurichten. Wie darf man also von jüngst Verstorbenen oder solchen, deren niedere Natur noch wie das Kind nach dem Lutschbeutel irdischer Wünsche schreit, anderes als unklares Lallen erwarten! Oft fiel Kindlichkeit der Spirits auf, Neigung zu Kinderei, wie manchmal ein Tisch herumtanzt und sich amüsiert wie ein ungezogenes Kind. Wir stützen hiermit Hyslops Auffassung. Sie läuft darauf hinaus, daß der kommunizierende Spirit nicht die Wirklichkeit dessen sieht, was das Medium ihn beschreiben läßt, in welchem er Halluzination hervorruft und ihm subjektive Auslegung überläßt. Ein »Kontroller« der Hyslopschen Experimente erklärte, daß er in Bildern rede, die irdisch bildlich gefärbten Erinnerungsideen des Spirit erscheinen dem Medium irrig als Wirklich. Wir bemerken hierzu, daß schon die Verschiedenheit der Mediumbegabung, teils hellsehend, teils hellhörig, nur sehr selten beides, Abhängigkeit von menschlichen Sinnen beweist: Ein taubes Medium würde immer nur hellsehen, ein blindes nur hellhörig sein, wenigstens muß man dies voraussetzen. Daraus ergibt sich, daß eine vom Sensorischen freie Übermittlung der Botschaft unmöglich ist, daher immer vom Medium-Milieu gefärbt sein wird. Freilich geht dies nicht so weit, daß deshalb Stil und Sprache der Geisterbotschaft die des übersetzenden Mediums sein müßten. Das traf z. B. beim Hinduspirit des Reverend Ch. nicht zu, auch dürften die schriftlichen Botschaften des Reverend Owen sich nicht mit seinem eigenen Sprachstil decken. Hyslop, dem diese Dinge wohl unbekannt waren, verweilt dabei, daß außer dem Kommunikator, d. h. dem Spirit, der sich zunächst meldet, die »Kontroller« immer anwesend sind, welche die Botschaft leiten, manchmal eine ganze Gruppe von Geistern, wie auch dem Owen mitgeteilt wurde. Die Kontrolle interpretiert die Mentalbilder des Kommunikators als Symbole, wodurch erklärt, daß letzterer manchmal Worte gebraucht, die zu seiner früheren lebenden Person nicht passen. Die Übermittlung scheint demnach sehr verwickelt, man muß von vornherein ausschalten, daß auf diesem Wege sich deutlich erfahren ließe, wie Fortleben beschaffen sei. Dagegen scheint festzustehen, daß ein Bewußtsein weiterlebt, das seine irdischen Erinnerungen behält und den Sterblichen seine Identität beweisen kann. Was den Zustand selber betrifft, läßt er sich vielleicht mit Doppelnatur gewisser physikalischer Erscheinungen vergleichen, die zugleich übersinnlich und sensibel anmuten, wie gewisse Luftgase oder Strahlen.

Allein, indem wir Hyslop ergänzen und erweitern, darf man nicht vergessen, daß seine Theorie keine Anwendung auf Tischrücken findet. Hier gibt es keinerlei Trance von Medien, und wer ist hier der Kontroller? Handauflegen könnte höchstens das physikalisch Wunderbare durch Magnetismus erklären, doch wir glauben, daß die Kette lediglich als mechanisches Symbol Bedeutung hat. Von Telepathie, womit Tischner einseitig alles Spiritistische umdeuten möchte, kann dabei keine Rede sein, sind die oft nur allzu normalen Beisitzer telepathisch veranlagt? Meist kein einziger, es sei denn, was sich hören läßt, daß jeder Mensch ohne Ausnahme telepathische Fähigkeit besitze, die sofort auftaucht, wenn man sie in Anspruch nimmt. Empirische Praxis spricht aber durchaus dagegen. Mindestens müßte die angerufene Geisterwelt sich vorzugsweise an die relativ sensibelste Person des Kreises wenden, was keineswegs zutrifft. Wenn nun ein Verstorbener unter Klopfbuchstabierung seines langen Vor- und Zunamens und des Ortes bei irdischer Zusammenkunft eine bestimmte Person anredet, die erst nach langem Besinnen sich oberflächlicher Bekanntschaft erinnert, so ergibt sich zunächst der Verkehrswunsch des Geistes einseitig und unerwartet. Es fällt also der oft richtige Einwand weg, daß ein bestimmter Wunsch der Erwartenden sich für sie personifiziere. Wenn der unerwartete Geist nun ebenso klare wie erstaunliche Bewegungen und Äußerungen vom Stapel läßt, die der so unvermutet angeredete Mensch kühl und bedächtig entgegennimmt, so fehlt jede Möglichkeit der Telepathie, wie man sie sonst definiert. Hier vermittelt sich nichts durch Bilder, weder Hellsehen noch Hellhören treten in sensorische Tätigkeit, der Vorgang ist so einfach, als ob ein Jugendbekannter einen Brief schreibt »erinnern Sie sich meiner noch?« Hier ist nichts kompliziert, auch was »er« sagte ebenso einfach wie wahr, doch nicht ohne okkultes Wissen erklärbar. Natürlich reden wir von Selbsterlebtem, ohne das niemand wie der Blinde von der Farbe reden sollte. Daß Geister auf ihren eigenen Wunsch in Verkehr treten dürfen, zeigt die Nähe ihres Erdkontakts und freundliche Billigung durch die Weltordnung. Über bloße Hypothese scheint Spiritismus für jeden Unbefangenen hinausgewachsen, unsere Kritik richtet sich lediglich gegen die Leichtgläubigkeit, jede Erscheinung und jede Botschaft für objektiv real zu halten, während fast immer Subjektives sowohl des Spirits als des Mediums daran haftet, obwohl es vereinzelte Fälle gibt wie den oben beschriebenen, wo subjektive Mitwirkung des Angeredeten nicht vorliegt. Daß der Spiritismus in all seinen Formen nicht das sein mag, wofür seine Anhänger ihn halten, daß möglichenfalls nicht die Verstorbenen zu uns reden, sondern in sie verkleidete Elementels, wie Blavatzky versichert, das alles höbe nicht auf, daß wir vor einem neuen Beweis für allgemeine psychische Anlage des Alls stehen.

E. v. Mayer verhöhnt mit Recht die selber »neurotisch belastete« Psychoanalyse, die mit Freud und Siberer nur sexuale Wunschwurzel aller Träume sieht und Begierde (Libido) als alleiniges Agens der Lebensabspielung. Soviel sich gegen jeden Dualismus einwenden läßt, wird man Trennung von Libido und Eros nicht verkennen, allerdings machten die Griechen, diese tiefsinnigen Symboliker, Eros zum Sohn der Liebesgöttin, d. h. der gewöhnlichen Sinnlichkeit, und vermählten ihn mit Psyche. Diese Familienbeziehung deutet an, daß Begierde erst höhere Liebe gebärt und diese sich dann vergeistigt. Wie beide sich schon diesseits durchdringen, so wohl auch im Astralleben, aus spiritistischen Phänomenen scheint hervorzugehen, daß solch Eigenwesen nach dem Tode bestehen bleibt, jede Person ins Jenseits abwandert und sich dort nach ihrer Eigenart ansiedelt. Dies entspricht Sokrates' kluger Dialektik und religiösem Glauben, widerspricht aber der von heutiger Wissenschaft gebilligten Ichzerstörung Buddhas und der Wiedergeburt, doch wie wir sahen, nehmen Buddha und die Urreligion ein Interregnum zwischen den Geburten an, in welchem das Ich weiter sein Wesen treiben mag.

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