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Der Aufgang des Abendlandes

Karl Bleibtreu: Der Aufgang des Abendlandes - Kapitel 43
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authorKarl Bleibtreu
titleDer Aufgang des Abendlandes
publisherWilhelm Borngräber Verlag
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firstpub1925
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10. Anthroposophie.

I

Daß mit neuer Denkgesinnung allgemeine Seelenveränderung verbunden sei, wird die Steiner-Gruppe nicht müde zu predigen. Ob ihr selber aber die gewünschte Gewissenhaftigkeit zukommt? Dem bloß Betrachtenden ein »schaffendes« Bewußtsein entgegenzustellen und die Idee der Entwicklung in seelisches Wachstum zu verlegen, klingt schön, wenn sich nur etwas dabei denken läßt. Steiner will einerseits erhöhtes besonneneres Ichbewußtsein, andererseits Ichauflösung im Unbewußten, was nicht durch Trance und Mystik, sondern Willenskonzentrierung erreicht werden soll. Also Ichvernichtung durch Ichverstärkung, und der Prophet eifert gegen »dämmernde Mystik«! Erfordernis Disziplin, Ergebnis »vollbewußte Willkür«, und der Prophet spricht von mathematisch sichern Erkenntnissen! Mit diesen durchleuchtet man den eigenen Körper in »lebendiger« Anthropologie, die Kraft der Liebe wird so vergedanklicht, daß sie Sozialethik wird? Solche Kleinodien findet man in einer Scheinmetaphysik, mit der Steiner die Scheinbeweise der Evolutionssophistik verschmilzt, so kann man zwischen zwei Aberglauben wählen. Also disziplinierter Wille erzieht bewußte Willkür, unbewußte Unwillkürlichkeit von Ichverdämmerung und Liebeskraft wirft dämonische Willensbejahung, intellektuellen Ichverzicht und einen mit bewußter Willkür unverträglichen Altruismus durcheinander, dessen verdanklichte Ethik nun wieder ganz praktisch bewußt auf soziale Propaganda lossteuert! Solche Gedankensprünge gehen selbst Schopenhauers Willen über die Kraft, der wenigstens einheitlich blind daherrast und sich mit solchen Verzwicktheiten nicht abgibt. Da wir nicht über dessen vollbewußte Grobheit verfügen, fragen wir höflich, ob hier vielleicht das Gespenst des freien Willens lustwandelt, da Willkür doch jeder Notwendigkeit hohnspricht.

Steiners begabtester Schüler, Hayer, versichert, daß nur solche Anthroposophie Menschheitsentwicklung verbürge, nämlich durch Einsicht, daß nur stete Wiedergeburt derselben Menschen einen Fortschritt zulasse. Zunächst scheint doch ein starkes Stück, die Urweisheit des Menschengeschlechts, schon im ältesten Gesetzbuch Indiens als etwas bekannt Tatsächliches verwendet, für Steiner als neue Lehre in Anspruch zu nehmen und sich dabei auf Lessing zu berufen. Da dies öfter geschieht, raten wir jedem, die winzige gelegentliche Äußerung in Lessings Erziehungsbriefen nachzulesen, als ob so nebensächliche Befürwortung der »Seelenwanderung« ins Gewicht fiele, da doch Lessing noch sehr viel weniger als Schopenhauer von indischer Lehre etwas wußte. Galliens Druiden, Germanenpriester, viele Griechen seit Pythagoras machten Wiedergeburt zur Grundlage ihres Unsterblichkeitglaubens, selbst »Auferstehung des Fleisches« im christlichen Dogma meinte heimlich nicht viel anderes. Bei der seit Urzeit herrschenden Karmaidee fiel aber niemanden ein, damit eine andere Weltanschauung zu verbinden als Weltanschaulichkeit ausgleichender Gerechtigkeit, Metempsychose bedingt nichts als Abschleifung, was aber dem Individuum selber weder zum Bewußtsein noch irdisch zugute kommt, sondern nur seinem transzendentalen Überich. An Menschenfortschritt auf der Erde kann dabei um so weniger gedacht werden, als indische Adepten häufigen Rückschritt vertierter, im Kama-Rupa versunkener Menschen feststellen, außerdem lehrt ja die Erfahrung, daß die Masse sich nie verändert hat, die kleine geistige Oberklasse sich nie vermehrte, in ihren vornehmsten Vertretern gleichmäßig über die Jahrtausende verstreut. Transzendentalevolution schreitet jenseits der Menschheitsgeschichte. Es heißt Wasser ins Meer der Unendlichkeit tragen, wenn man nochmals erläutern wollte, daß innerhalb der sichtbaren Materie nur Torheit an Evolution und Selbsttäuschung an Umwertung der Werte glaubt, da die alten subjektiv den gleichen Wert haben als die neuen, die nicht mal neu sind. Ein wiedergeborener Buddha, Jesus, Leonardo könnten nie einen Fortschritt in sich abgeschlossener Persönlichkeit verzeichnen, nur formale Abänderung. Steiners krasses Mißverstehen des Karmazwecks geht Hand in Hand mit der Verschwommenheit, welche Mittel es ermöglichen sollen. Vollbewußte Willkür paßt wie die Faust aufs Auge zur Kausalnotwendigkeit des Karma, sein Übernehmen des fremden Inventarstücks aus fremder Garderobe ist freilich bewußte Willkür.

Obendrein wendet er sich an die Individialität jedes Menschen, in jedem schlummere das Göttliche, eben weil er Mensch ist, was gewiß den vielen Schulzes seiner Gemeinde schmeichelt. Welcher Unterschied waltet dann zwischen ihnen und dem Homo Heidelbergensis? Wenn ein superkluger Kritiker den Frühvölkern »wahres Ich« im neuzeitlichen Sinne abspricht, so raten wir ihm, seine biologischen Kenntnisse zu erweitern, das Unbewußte dürfte aber dann sicher bei geringerem Ich-Bewußtsein des Urmenschen stärker gewesen sein als beim Modernen. Jesu Wort »So ihr nicht werdet wie die Kinder« muß man verdeutlichen: So ihr nicht werdet wie die Urmenschen. Das würde aber Steiners Fortschrittsphrasen zuwiderlaufen. Hayer spricht von Bewußtseinswandlung in gewissen Zeitaltern, das sind lediglich Milieustände. Ein griechischer Sophist kannte nicht Telephon und Phonograph, doch seine dialektische Geschwätzigkeit glich durchaus derjenigen alles modernen Differenzierten, gleiches Seelensymptom bleibt unberührt bei verwandter Neugeburt, es gibt keine einschneidenden Bruchpunkte von Bewußtseinswandlung. Geburt des »bildlichen Gedankens« bei den Griechen ist Einbildung der Unkenntnis, die Griechen bekannten selbst, daß sie es den Ägyptern verdanken. Vom bildlichen Denken der Urvölker wissen wir nichts außer durch ihre prachtvollen Tierfresken, wohl aber von bildlicher Metaphysik der Inder, die auch nicht »geboren«, sondern von Urzeit überliefert war. Die Renaissance verwandelte nicht das Bewußtsein, sondern verknüpfte Antike mit Christenkunst; was sie lehrte, war durch scholastische Einflüsse vorbereitet.

Berufung auf Burkhardt hat keinen Sinn, da dieser Renaissancehistoriker das Ereignis für sich betrachtet, ohne zu seinen Wurzeln niederzusteigen.

In Steiners Geheimwissenschaft wird sein Wissen so geheim, daß selbst die große Blavatzky davon lernen kann, wie die Menschheit zuerst auf dem Saturn, dann auf der Sonne, zuletzt im Mond ihr Wesen trieb! Nachdem er die Vergangenheit so befriedigend ordnete, prophezeit er: Der Mond wird sich mit der Erde vereinigen, später auch mit der Sonne! Solche Ungeheuerlichkeiten werden vorgetragen sogar ohne Hinweis auf bestimmte okkulte Quellen, aus denen er schöpfen könnte, denn die Yogiphilosophie weiß nichts davon, er beruft sich auf Tiefen seiner Unbewußtheit und eigene Hellgesichte, die man nicht kontrollieren kann. Seine historische Betrachtung treibt Blüten wie: »Im ägyptisch-chaldäischen Zeitalter war noch nicht vorhanden, was man jetzt als logisches Nachdenken, als verstandesmäßige Auffassung der Welt kennt.« Die Schöpfer der Cheopspyramide besaßen natürlich kein logisches Nachdenken, die Chaldäer Astronomen ebensowenig, auch dachten diese Leute so unverstandesmäßig, daß sie die gediegenste soziale Ordnung hervorbrachten. Daß sich verstandesmäßiger Materialismus mit gemeinem Aberglauben paaren kann wie bei Syrern und Juden, ist freilich nichts Neues, die Moderne hat die Götzen nur durch Wissenschaft ersetzt. Doch was hat das mit Ägyptern und Sumerern zu tun, welch letztere Steiner mit den späteren Chaldäern verwechselt, die er offenbar für Semiten hält! Die Oberflächlichkeit solchen Urteils vergißt, daß dabei an die hohe Atlantierkultur geglaubt wird, deren gerettete Nachfahren sich zu den Ägyptern begaben. Hatten die Geheimpriester des Osiriskults auch kein logisches Nachdenken, hatte Amenhoteps Sonnenverehrung keine Weltauffassung mit Verstandessinn? Griechen und Lateiner wurden immer mehr entfernt von unmittelbarer Wahrnehmung der geistig seelischen Welt? Das ist bezüglich der Griechen grobe Mißdeutung, vom orphischen Kult und Delphiorakel bis zu Throphonius-Höhlen und Äskulap-Quellen zieht sich das Okkulte als roter Faden durch hellenisches Denken, das die geistig seelische Welt sehr unmittelbar anschaute. Auch hatte Hermeskult die ganze ägyptische Weisheit übernommen. Die Lateiner verloren allerdings Unmittelbarkeit des Weltanschauens, weil ganz ins Irdische verstrickt, was ihren Untergang herbeiführte. Aber daß sie sich bestrebten, Zusammenhang mit Übersinnlichem festzuhalten, dafür liefern Virgil, Ovid und selbst Lucrez' verzweifeltes Aufbäumen genügende Anzeichen auch wissen wir zuwenig vom Fühlen römischer Kreise, um ein summarisches Urteil zu gestatten. Es ist nicht sicher, ob die den Sumerern vorhergehende Rasse unmittelbarere Fühlung mit dem Übersinnlichen hatte; war dies aber der Fall, dann muß man rückwirkend folgern, daß dem Menschen immer mehr diese Fühlung abhanden kam und er sie im höchsten Maße nur im Anfangsstadium besaß. Sein Ahne, Steiners Saturn-Sonne-Mondbewohner, würde zweifellos ein geringes Selbstbewußtsein gehabt haben, doch sein Erscheinen auf Erden kann ohne ein solches kaum gedacht werden. War sein Ich-Egoismus geringer, so hatte er naturgemäß mehr Unbewußtheit, befand sich also im Vergleich zu späteren Perioden im Unschuldparadies, sein Sündenfall kann eigentlich erst mit schwarzer Magie luciferischer Atlantier begonnen haben. Nun wohl, dann sind alle beliebten Vorstellungen vom Urmenschen logisch ein Unding, und weder der Schädel des Neanderthalers noch gar des Aurignaciers erlaubt solche Möglichkeit, wie darf dann aber ein Theosoph von seinem Ständpunkt aus Evolution lehren! Daß Steiner dem würdigen Haeckel ein Buch widmete, scheint entweder Geisteswirrheit oder raffinierte Spekulation, sich an den geistigen Erzfeind anzubiedern und die Bonzen der Naturwissenschaft zu kaptivieren, sich bei Kreisen einzuschmeicheln, die naturgemäß mit Zelotenwut über ihn herfallen müßten. Zweifellos war diese Berechnung richtig, denn Steiners Annahme der Haeckel-Evolution brachte ihn bei Verlehrten in den Geruch der Wissenschaftlichkeit. Es war aber bewußte Täuschung, denn Haeckel, mit all seiner Verbohrtheit ein durchaus gerader Charakter, hätte die Widmung abgelehnt, wenn er wußte, aus welchem Lager sie stammte. Auch die zwei Vorreden zu der Geheimwissenschaft täuschen durch Bescheidenheitskomplimente vor der orthodoxen Wissenschaft, denn niemand ahnt danach, welche Zumutung das Buch an gutmütige Lesergläubigkeit stellt. Wenn ein indischer Guru derlei lehrte, würde man die Möglichkeit offenhalten, daß er vermöge jahrtausendalter Überlieferung dazu befugt sei, ein beliebiger Dr. Steiner wird uns schwerlich überzeugen, daß ihm vermöge göttlicher Inspiration Dinge offenbar wurden, die sich überhaupt nicht akademisch beweisen lassen. Allerdings sind wir nicht abgeneigt, in einem besonderen Fall, dem einzigen konkret-physikalischen seiner Abstrusitäten, ihm recht zu geben: seiner sonderbaren Wärmetheorie, wonach Wärme einmal in einem Urzustand nicht Ausfluß von Materiereibung, sondern ein für sich bestehendes Element gewesen sei, eher Ursprung- als Folgeerscheinung der Materie. Nur beanstanden wir, daß Wärme losgelöst von Licht, Elektrizität und anderen Faktoren, die wir nicht kennen, als Agens für sich auftreten könne. Wärme kann immer nur eine Form der Allbewegung sein, denkerisch müßte man daher nur sagen, daß es einmal einen Zustand gab, wo nur Bewegung ohne feste Materie regierte. Das ist sehr möglich, damit würde aber die wissenschaftliche Wärmetheorie zunichte, für die es keine Wärme ohne Materie geben kann, ein neuer Riß durch übliche Materieauffassung.

Im übrigen schöpft Steiner, so absonderlich sein Neues, auch oft aus Altem, denn seine famose Gruppenseele der Tiere findet sich schon in der Yogilehre, siehe »Gnani Yoga von Yogi Rama Chakara« (London 1917). Wenn Steiner erklärt, des Hundes sehnsüchtige Erinnerung an seinen Herrn und sein Wiedererkennen seien nichts individuell Geistiges, das Tier könne sich nicht erinnern, so gehört wirklich seltene Naivität zu Behauptungen, über die jeder Tierkenner aus vollem Halse lacht, doch der Yogi redet gleichen Unsinn: Ein Pferd im Freien unter Regen und Sturm möchte instinktiv zum warmen Stall zurück, könne aber über seine Lage nicht nachdenken. Ihn entschuldigt höchstens die geringe Pferdekenntnis des Inders, im selben Atem erzählt er aber, die Krähe könne zählen usw., ohne die viel erstaunlichere Intelligenz des Papageis zu erwähnen, und anerkennt die fast übermenschliche Weisheit der Ameise und Biene. Wie merkwürdig, daß alle Evolutionisten, zu denen auch Rama Chakara sich zählt, nicht den Widerspruch erkennen, der in angeblicher Geistlosigkeit höherer Säugetiere, auch des Affen, und den Geistbeweisen untergeordneter Insekten, auch der Spinne, sich aufdrängt! Dabei wird aber der Ameise trotzdem das Ichbewußtsein abgesprochen, weil menschliche Anmaßung das nämliche Ich, das man psychologisch negiert, als besondere Errungenschaft ausgibt und sich daher schämt, es mit den Tieren zu teilen. Darwin freilich sagt ausdrücklich: das Ameisenhirn (das heißt das Nervenklümpchen, das hier als Hirn dient) sei noch wunderbarer als das Menschenhirn. Da das Hirn der Sitz des Bewußtseins ist, kann also das Ich der Ameise nicht abgesprochen werden. Genau Gleiches gilt für jedes Lebewesen, sogar das Mineral, sobald man sich dem Yogistandpunkt anschließt, wonach Geist in jedem Atom herrsche. Geist und Bewußtsein sind nicht zu trennen. Wie ein Yogi an Gruppenseele der Säugetiere glauben kann, bleibt unverständlich, man frage mal den Einsiedler Gorilla, ob er sich als Gruppenseele fühlt und nicht vielmehr als bestimmtes Selbst, was nur für sich Funktionen ausübt!

Steiner kann sich nicht wundern, wenn seine Feinde ihm Charlatanerie vorwerfen, wir aber wundern uns über Auslassungen neuerer Yogi, die wir bedenklich finden. Sie leugnen entrüstet die Möglichkeit, der Mensch könne je wieder als Tier reinkarniert werden, doch wir verstehen gewisse Wendungen Buddhas und der Bagghavad Ghita kaum anders: Strafe für tierische Gelüste. Nicht als ob wir selber den indisch-ägyptischen Volksglauben teilten, siehe früher, doch steckt nicht Uberhebung darin, das Tiersein schlechtweg als Menschenentwürdigung zu betrachten? Bismarck wünschte als Ameise wiederzukommen, und für dumme, selbstische Durchschnittsmenschen könnte Wiedergeburt als Araberpferd nur Belohnung sein. Tierbeobachtung beruht meist auf beweisloser Voraussetzung, wie z.+B. der Überzeugung, das Tier sei glücklicher als der Mensch. Mit so relativem Begriff sollte man nie hantieren, da jeder nur seinen eigenen Lust- und Unluststand kennt. Hunde, Katzen, Pferde, Papageien, Elefanten, die allein man genügend beobachten könnte, haben Anfälle von Nervosität, Unruhe, Schwermut aus unerkennbaren Gründen. Das Tier ist nur in dem Grade glücklicher, als es minder von tausend Attacken rasender Ichsucht geplagt wird, selbst passives Vegetieren der Wiederkäuer kann nicht als Glück gewertet werden, da die Kuh über den Tod ihres Kälbchens trauert und weiß, wann sie zur Schlachtbank geführt wird. In Geringachtung des Tieres, obschon der Inder alles Lebende als gleichberechtigt ehren soll, verrät die neuere Yogilehre eine schiefe Neigung zur Vergöttlichung des Menschen und seiner Zukunft, was dem Lehrsatz widerspricht: »Leben ist nur eins, Leben der Einheit mit dem Willen des Absoluten.« Wie kann innerhalb solches Monismus erst im Menschen ein Bewußtsein ansetzen, erst in ihm Geist beginnen, Seelisches nur im Individuellen! So bietet auch diese Yogilehre ein gut Stück Anthroposophie, wogegen Buddha mit seiner Zersetzung des Ichs Front machte. Der Mensch als einziger bewußter Geisturheber ist also Steiners Geheimnis. Auf die ausweichende Floskel, daß der irgendwo in der Allkraft verborgene Geist in sonstiger Natur zurücktrete und auf okkultem Wege plötzlich im Menschen bewußt werde, lassen wir uns nicht ein. Wäre der Mensch ein Evolutionsprodukt der Natur, so ist ausgeschlossen, daß nicht genau das gleiche, was bei ihm als Geist auftritt, schon in allen Stufen des Naturreichs schwächer oder stärker enthalten sei. Worin besteht sein besonderer Unterschied vom Tier, das mit seinen feiner entwickelten Sinnen zweifellos über telepathische Kräfte verfügt? Jedes Wildtier weiß, ob ein Jäger ihm droht auf weiteste Entfernung, was nur unvollkommen durch »Witterung« erklärt wird. Das Pferd scheut oft nervös, es gibt zahlreiche Beispiele, wo das Scheuen einem Schauen entsprang, d. h. Unsichtbares gesehen wurde. Angeblicher Dämmerzustand tierischen Bewußtseins ist eine Fiktion menschlichen Hochmuts, wie Descartes dreist die Tiere für Automaten ausgab, mit dem Instinkt als Notbehelf wird immer noch Unfug getrieben. Weil man die völlig mathematische Berechnung im Zellenbau des Bienenstaats oder die fabelhafte Organisierung des Ameisenstaats nicht als klare Vernunftakte bewundern will, schob man die Phrase Erbweisheit vor, die selber nur auf breiter psychischer Grundlage einen Sinn hätte. Forels Bienen- und viele Ameisenexperimente zerstören gänzlich diese Fiktion, das weise Insekt entscheidet sich von Fall zu Fall, überwindet jede ihm gestellte Hemmung in erstaunlich kurzer Frist, vermeidet Täuschung bei schlau ausgesonnenen Fallen. Wenn Mystiker wie Böhme und Paracelsus Mischungsübergänge in der Materie finden, so geschieht es im Sinne Pauli: »Mit uns sehnet sich alle Kreatur.« Laut Steiner würden sie den Darwinismus begrüßen, das läuft ihrem wahren Meinen schnurstracks zuwider, Paracelsus sondert das »Vieh« im Menschen vom »andern Vater, und der ist himmlisch«. Silesius denkt allerdings transzendental monistisch (vergl. sein Rosengleichnis), sieht aber alles im Spiegel des Unsichtbaren.

Laut Kirchhoff und Bunsen enthalten Erde und Sonne gleiche Bestandteile: so Tier- und Menschengesellschaft gegenseitiges Abbild. Unsre Muhme Schlange züngelt in mancher Salondame, der Tiger begrüßt das Handwerk in Iwan dem Schrecklichen und andern hochgestellten Fachkollegen, Flöhe bewegen sich in höchsten Kreisen als Blutsauger, deren kavaliermäßiges Springen Schiebergestank verbreitet, non olet, chacun a son hautgout, Madame la Nature! Emersons »kaufmännisches Genie« (!) lerne beim Hamster, Industrie bei Seidenwurm und Spinne, Fischzüge sind relativ gleichwertig den Kreuzzügen. Luft- und Waldperipathetiker verständigen sich ohne Alphabet und Einmaleins, wissen sogar, daß zweimal zwei manchmal fünf ist! Überall feinste Differenzierung psychischer Anreize.Locke erzählt vom dämonischem brasilianischen Papagei, der wie ein Mensch Gespräche führte, so daß Anwesende fortan Papageien für Dämonen hielten! Sein maßvoller Rationalismus bescheidet sich im Urteil, doch läßt sich's nur mit Reinkarnierung außer der Ordnung erklären, wo bleibt aber dann Geistlosigkeit der Tiere? »Sprache der Tiere« 1925. »Spectator« kennt dies Beispiel nicht, wohl aber schon Sprechlaute der Fische.

Steiners »Philosophie der Freiheit« nennt Denken übersubjektiv, kosmisch jenseits von Subjekt und Objekt. Also auch Ichsubjekt nur von Denkensgnaden? Warum ist dann Denken so wenigen gegeben! Also ist es umgekehrt von nur Subjektsgnaden, nämlich Emanation besonders geeigneter Subjekte. Unabhängig von Sinnesorganen? Ist der Hirnapparat nicht zur Versinnlichung gerade dem Denken nötig? Und sittliche Gebote sind allgemeines Menschenwerk? Was sind dann die unsittlichen Gebote der Verbrechernatur? Leben Kants apriorische Imperative wieder auf? Sittlichkeit ist determinierte Folge des Denkens überfeiner Individuen, wogegen die Menge sich heimlich sträubt, allgemeines Menschenwerk der Sittlichkeit ist Fabel. Mit Steiner, wie er sich auch dreht und windet, kommen wir wieder beim theologischen Anthropomorphismus an, nur modern zugestutzt, oder bei Aristoteles, dem die Planeten als Lampenträger für das Weltzentrum Erde galten. Für Steiner dreht sich zwar die Erde um die Sonne, doch das All um den Menschen. Den Aristotelischen Begriff Form wendet er hin und her, man könnte ihn auch im Sinne Kayserlings als »Sinn« deuten. Man wird nicht daraus klug, wie Steiner sich seine Mystik zusammenreimt, bei christlichen Mystikern Evolutionstendenzen entdecken? Da wäre auch. Swedenborg dessen verdächtig, weil er Transformation im Mineralreich untersuchte. Selbst Steiners Soziologie entgleitet zwischen den Fingern wie ein Nebelstreif, Mystik und praktische Sozialreform lassen sich nicht ehrlich verbinden. Seine politische Klugheit offenbarte sich drastisch, indem er ein fragwürdiges Schuldbekenntnis aus Moltkes hinterlassenen Papieren der Entente in die Hand spielte, was entweder unweise Bosheit oder noch unweisere Torheit verrät. Seine Erfahrungen in Spiritismus zeugen von erheblicher Oberflächlichkeit, der Prophet dekretiert einfach fort, was ihm nicht paßt. Man begreift, daß ein um praktische Propaganda Bemühter den Konventikeln der Nur-Spiritisten nicht wohlwill, deren neuer geistlicher Hochmut den Geisterverkehr für eigene Auszeichnung hält. Wie bornierte Bibelleser alle Werke des Genies neben dem »Buch der Bücher« für nichtig erachten, so wird man sich nächstens hochbegnadet fühlen, weil irgendein Schulze-Spirit Belangloses vorlallt. Doch Steiners Jünger dünken sich ja auch hochgehoben durch des Meisters Nähe, und Salontheosophie steht in reichem Flor.

Man enträt Gottes um so leichter, je mehr man sich um »Geist« bemüht, es geht auch so.? Nach Biologen-Charivari giftgrüner Freidenkerhefte mit Empfehlung von Hochschulkollegen von Schimpanse-Professuren kam heute zur Abwechslung mal wieder Gott zu Amt und Würden unter Absetzung der Göttin Menschenvernunft durch Schütteln des Kopfes. Doch allein geisthabende Steinermenschen kneifen trotz närrischem Ausstreichen des Tiergeistes den Affenschwanz nicht ein. Zwischen Haeckels Wahrheitstotschlag und verschwommener Mystikauseinandersetzung zweideutig schwankend, erhebt man so die Menschheit en bloc zum auserwählten Volk von Geistbesitzern. Recht so, auch die Briten als »Letzter der zehn Stämme Israels« schlossen ja mit ihrem »Lord« einen Pakt mit Konventionalstrafe, wenn das Geschäft nicht rentiert, obschon eine Vatikankarte zur Zeit der Lepantoschlacht Großbritannien nur ein Viertel so groß als Holland zeichnete! Während das »göttliche Selbst« sich in acht nehmen muß, nicht in Untiefen abzustürzen, droht anthroposophische Klippe mit gleichem Größenwahn wie Taulers »der Mensch wirkt mit Gott all seine Werke«, »durch den Menschen sind alle andern Kreaturen ausgestoßen« und Luthers Frechheit »Gott und Mensch sind eine Person«.

Eine angeblich mit den höchsten Gegenstanden des Göttlichen-im-Menschen beschäftigte Lehre sollte sich doch nicht auf Sozialethik einlassen. So beschäftigt sich Hayer mit Lamprechts Wirtschaftsgeschichte, die doch von selber Bewußtseinsbrüche ausschließt, denn Wirtschaftskampf bleibt sich innerlich in allen Zeitaltern gleich, Kapitalismus und Sozialismus, d. h. Sklavenausbeutung und Sklavenaufstand gab es allzeit. Darin hat Hayer freilich recht, daß Herder und W. v. Humboldt in der Geschichte einen göttlichen Ideengehalt verwirklicht fanden, daß dann dies weltgeschichtliche sich zum nationalgeschichtlichen Interesse verengte, dessen Quellenforschung zu ödem Philologenspezialismus führte ohne geistiges Verbindungsband, wodurch Geschichte als gleichgültige Fachwissenschaft in den Hintergrund gedrängt und Naturgeschichte allein die Teilnahme des Publikums eroberte, weil sie weitere Horizonte zu eröffnen schien. Daß Hayer sich noch an Nietzsche schulte, der doch Geschichte als Kleinkram verwarf, zeigt auch hier Verworrenheit. Immerhin ist man ihm Dank schuldig, daß er Geschichtsverständnis wecken will, für die Menschheit ist ihre Vergangenheit naturgemäß wichtiger als sogenannte Naturgeschichte, ein begriffsloser Begriff, denn die Abstraktion Natur hat überhaupt keine Geschichte. Vielmehr stoßen wir hier auf das Wunder, daß Versinken von Erdteilen sofort Ersatz durch Auftauchen neuer Teile an anderer Stelle nach sich zieht. Bei und nach Kriegserschöpfung steigt oft die Geburtenziffer, um allmählich den Ausfall zu ersetzen. »Natur« befaßt sich also mit allem Geschehen nur ökonomisch. Will man Geschichte anthroposophisch schreiben, muß man umfassendes historisches Wissen unter den Füßen haben, was Steiner und seiner Schule ganz abgeht, sonst benützt man brüchiges Material als Sprungbrett. Man darf Geschichte nicht an mechanischer Spule laufen, aber auch nicht ihr Garn ganz locker lassen.

Drapers »Geschichte der intellektuellen Entwicklung Europas« erkennt ein unerbittliches Fatum im Leben der Völker wie jedes Menschen: »Das Freiwillige ist Schein, verhüllend das Vorbestimmte.« Wir sagen geradezu: Eine transzendentale Geometrie bestimmt die Kurven des Vor- und Rückschritts. Anthropologie à la Steiner müßte Determinismus abschwören und am freien Willen hangen, da sie an steten Fortschritt des Menschen glaubt und wie Nietzsche heimlich vom Übermenschen träumt als einem in der Zukunft liegenden Ziel. Und doch gestand Nietzsche, als er im lichtem Augenblick verdunkelter Karmaahnung »die Wiederkehr des Gleichen« fand, daß ihn dies bange bedrücke und dem Aufstieg zum Übermenschen widerstrebe. Jawohl, diesen logischen Schlagbaum schiebt man den zukunftlüsternen Anthroposophen vor, die empörende Nichtachtung des Tiers stammt aus gleicher Quelle träumerischer Überhebung. Die Katzen z.B. haben ausgeprägtes Selbstgefühl individueller Verschiedenheit; wir sahen eine edle Katze als Kinderwärterin mit einem Ausdruck engelhafter Güte und am nächsten Straßenende eine förmlich von Bosheit strotzende Angora mit einer Teufelsvisage. Noch weniger läßt die Differenzierung der Menschen gleicher Rasse allgemeinen Entwicklungstyp zu. Weiße, gelbe, olivengelbe, schwarze, rötliche Rassen sind keineswegs so grundverschieden, wie Hochmut des Weißen meint, auch wagte noch niemand zu wähnen, die Weißen hätten sich aus Negern, Semiten, Mongolen entwickelt. Einschleppung des Evolutionsdogmas in die Theosophie will sich teils dem herrschenden Wissenschaftsmilieu anpassen teils sich als Mittel zur Menschenvergötterung einschmeicheln. Diese schädliche Täuschung weiß auch mit dem Karmagesetz nichts Rechtes anzufangen. Wenn schon Erigina und Buonaventura im Mittelalter die Metempsychose lehrten, Helmont sie in 200 Problemargumenten verteidigte, also die Europäer sich manchmal zum alten Glauben zurückfanden, so scheint bezeichnend, daß Metempsychose heute zur »Auferstehung des Fleisches« wird: so bleibt modernen Barbaren nur das »Fleischliche« verständlich, während Karma nur mit der Psyche zu tun hat. Besorgte Evolutionsmechanik schon selber Veredlung und Stärkung, dann hätte Wiedergeburt keinen Zweck, Theologie und Materialismus sind einig in Ablehnung dieser Züchtigung ihres Größenwahns, selbst die albernen Gegeneinwände der Beiden sind immer die gleichen. Genug, eine Anthroposophie, die mit Karma eine irdische Evolution verquicken möchte, schlägt sich selbst ins Gesicht, »Gruppenseele« der Tiere entwürdigt das Allseelische, das sie predigen will. Oxygen, Hydrogen, Nitrogen, etwas Schwefel und Phosphor und vor allem Carbon sind das Material für jede Zelle, werde sie Pflanze oder Mensch. Die Einerzelle des ersten Protoplasma in arktischem Wasserschlamm war vielleicht der Einzug sichtbaren Lebens auf Erden, doch die Natur vollbringt täglich das nämliche Wunder des Zellenaufbaus aus Wasser, Luft, Erde, wie man es am klarsten bei der Pflanze beobachtet, das Physische des Menschen hat da gar nichts voraus. Wie kann also physische Evolution in Betracht kommen, da die Bestandteile alles Körperlichen und ihr Funktionieren bei allen Lebewesen gleich! Anthroposophie als besondere Art der Theosophie ist ein Unding, als physische Erscheinung hat der Mensch nicht mehr Bedeutung als die Amöbe, Seelenlehre fällt nicht ins Ressort der Anthropologie. Ein Elefantengenie – warum sollte das nicht mal vorkommen? – hätte sicher mehr intuitives Verständnis fürs Unsichtbare als Gottlieb Schulze mit seiner famosen Schulbildung. Lamarck erkannte: »Verlangen geht der Funktion vorher«, Wunsch und Streben der Tiere und Pflanzen verschafft ihnen durch geheimnisvolle Mitarbeit des plastischen Schöpferwillens der Natur die Organe, deren sie bedürfen. Hätte der gewöhnliche Mensch ein Verlangen nach Hohem, so würden die geheimen Ordner des Alls ihm entgegenkommen und ihm den Blick öffnen. Doch er fühlt nichts davon, kriecht als Wurm im Staube und nährt sich vom ordinärsten Staube, am liebsten möchte er Goldstaub fressen. Obiges Lamarcksches Gesetz bewährt sich also erst recht beim Menschen: was er will, bekommt er, technische Nutznießung nüchterner Verstandesbildung. Der geniale Mensch aber erhält geradeso sein Verlangen, daß ihm geistige Flügel wachsen möchten, er baut sich sein eigenes Luftschiff im Äther des Unsichtbaren. Nur für diese kleine Auslese, zu allen Zeiten die gleiche, gelten die Seelenlehren, wir verwahren uns gegen die Fälschung, daß die sonstige Menschheit ein psychisches Vorrecht vor dem Tier habe, bei ihr erstarrt jede Religion zur Konvention, Egoismus ist die einzige Triebfeder ihres Glaubens und ihres Unglaubens.

Sophia Göttin der Weisheit kennt keine Anthroposophie, sondern nur Weltseele in allem Lebenden. Die Yogiauffassung, daß zunächst planmäßiges Hinabsteigen der Materiemanifestierung zu niedersten Formen und dann Aufsteigen stattfinde, reimt sich, sobald man darin notwendige Absicht kennen will, schlecht zur Weisheit des Absoluten. Welchen Zweck hätte es, auf solchem Umweg zu evolutionieren? Für das Unsichtbare ist völlig gleichgültig, welche physische Form das Wesen annimmt, ob es kriecht oder fliegt, auf vier oder zwei Beinen geht. Höhere Psyche sucht sich von der Materie zu befreien, niedere verknotet sich in ihr. Nichts zwang den Menschen, selbst wenn er durch möglichenfalls rohe Urform hindurchging, ein Kain und Mammonsknecht zu sein, nur sein angeborener böser Wille. Die stolzen Arier sollten nur stillschweigen, sie vertrieben die herrliche Urrasse aus Europa und ruhten nicht, bis sie noch den letzten Überrest dieser begabten Menschen in den Buschmännern zerstörten in albernem Dünkel auf die weiße Hautfarbe. Wie gesagt täuscht der Ausdruck »negroid« für die europäische Urrasse, denn nichts als dunkle Haut deutete darauf, ihr Gesichtstyp war bedeutender als der arische. Eine Kuckucksmenschheit, die ihre erhabenen Kulturpatriarchen austrieb, wagt noch, sich eine Übermenschenzukunft in Aussicht zu stellen! Das Kurze und Lange unserer Abwehr ist: wir belächeln jede Anthropologie die sich mit Herrlichkeit des Menschen wichtig tut, verachten jede Anthroposophie, die den Menschen vom übrigen Naturleben loslöst. Das Unbewußte steckt in Tier und Pflanze, Mineral und Atom so stark und stärker als in Gottlieb Schulze, ihm einen psychischen Vorrang anzulügen ist unwürdige Schmeichelei. Dann vertragen wir uns noch lieber mit Nietzsches Verbrechermoral, die doch wenigstens von Verachtung der Vielzuvielen ausgeht und sich nur über das Wesen wahrer Übermenschen täuscht, das immer mit weißer und nicht schwarzer Magie durchtränkt ist. Wer durch Karmafolge eine höhere Psyche auf diesen Planeten mitbringt, wird bis ans Ende der Menschheit auf Erden in Verbannung leben und keine Anthroposophie den Durchschnittsmenschen zu etwas Besserem machen als dem gefährlichsten Selbstling in der ganzen Natur. Deshalb wünscht Sokrates als Wahrheitssucher den Tod als »große Hoffnung«, »schönes Wagnis«. So konfus seine Jenseitsgeographie, so klar und sicher wirkt noch heute seine heitre Gewißheit.

In gleiche Halbheit verstrickt sich Steiner, wenn er es weder mit Metaphysik noch Materialismus verderben will. Häckel, über den er seinen Segen spricht, darf Reservieren des Immateriellen für den »innern« Menschen nicht dulden und auch mit Kant, gegen den Steiner sich bissig auflehnt, hört jede Verständigung auf. Verwirft er Seele als bloßen Ichbegriff, so schmuggelt er nur eine andere Ichform ein, nämlich einen »Geist« der Selbstbeschauung als seelische Tatsächlichkeit. Giebt es keine Zwecksetzung beseelter Natur, wie kann sie dann den selbsterkennenden Menschen-Gottgeist hervorzaubern! Ist die Materie objektiv wahr, wie will man sich subjektiv von ihr befreien und wozu nützt das! Gottes Erzeugen im Menschengeist wäre ein müßiges Augenblicksvergnügen, dieser zeitliche Gott auf Kündigung stirbt ebenso rasch wie er entstand! Die Sprache hat keine Ausdrücke für den Hohn, den wir diesem unmenschlichen Größenwahn entgegenbringen, aber ist er nicht ein bezeichnendstes Symptom des Zeitgeists neben Häckel und Nietzsche? Steiner stimmt lauwarm mit Häckel überein: Ihm sei ewige Grabesruh erwünschter als die Fortdauer, wie Religionen sie predigen. Doch auf unsere Wünsche kommt es nicht an und wer heißt ihn denn die denkerisch längst zum Tode verurteilte Schulzefortdauer für die wahre Unsterblichkeit unterschieben! Ein unverändert sensibles Wesen, das im Himmel die Harfe schlägt oder eine Huri umarmt, entehrt nicht den Geist – was ist Geist von Schulze! – sondern den Seelen- und Unsterblichkeitsbegriff. Daß aber jenseits des Erdbewußtseins sowohl Sensibilität als Ich eine gründliche Abwandlung erfahren, versteht sich von selber, also hat dort nur suprasensible Seele Daseinsberechtigung. Über relative Bedenken gegen völlige Ichaustreibung setzen wir uns mit dem wahren Denker Buddha auseinander, nicht mit gedankenlosen »Halbvernünftlern« der »Nebelschaffenden« Gelehrtengilde, wie Kant so gewisse Sorten kennzeichnet. Wie unvernünftig wollen Vernunftschlüsse das letzte Wort sprechen! Außerhalb der Materie kann die Psyche nicht für Sensibles empfänglich sein, doch inneres Erleben der Mystiker beweist ja Möglichkeit suprasensibler Seelenstände. Man kann sich Polemik über Ichausstreichung sparen, da Schulze durch die von Buddha hochgehaltene Wiedergeburt wieder zur Hintertür hineinspaziert und der letzte Kern des Persönlichen als nicht vernichtbar sich sogar in Nirwana aufrechthält, denn dies sei weder Sein noch Nichtsein: Dann besteht eben noch ein Supranaturelles darin fort, Quintessenz der Seinpersönlichkeit. Die Scheu, sich aufrichtig mit buddhistischen Denkkreisen einzulassen, läßt auch Eucken in seinen Gemeinplätzen »Sinn und Wert des Lebens« mit keiner Silbe den Buddhismus streifen, als habe der Europäer sich mit wahrscheinlich »angeborener Idee« eines Nur-Christentums zu begnügen! Auch Prophet Steiner scheint Buddhas unlautern Wettbewerb zu ignorieren, um seine davon unbefleckte Eigenart leuchten zu lassen. Sein betriebsames Goetheaneum strahlte so wenig Klarheit aus, daß Buddha vielleicht zu seiner üblichen unhöflichen Anrede verführt würde: »törichter Mensch!« Wenn der Deutsche nur »Goethe« hört, dann wird sich wohl was dabei denken lassen, es wird ihm so Goethereif zumute. Indessen glaubte Goethe erst an Spinoza, dann an Kant, zuletzt an Bruno, drei schroffe Gegensätze umgekehrter Entwicklung, denn Bruno ist der Stammvater, aus dem Spinoza Talmudisch schöpfte, Kant aus Spinoza, um später unwissentlich immer näher an Bruno heranzurücken. Jedenfalls verfocht aber Goethe robuste Unsterblichkeit der Persönlichkeit, was er als verdammte Pflicht und Schuldigkeit der Natur auffaßte. Seine majestätische Ruhe wohnte nicht im Goetheaneum, plagte sich nicht mit Kasuistik, würde aber Steiners Ego nur als Ichseele anderer Prägung durchschaut und sich ergötzt haben, wie so was aus einer seelenlosen Natur aufgetaucht sein solle à la Münchhausen, der sich am eigenen Zopf aus dem Sumpf zieht.

Steinerscher und christlicher Mythos liefern beide Gott der eigenen Selbstvergötterung aus. Schon Rückert stammelt: »Das Unbedingte hat sich selbst hervorgebracht, bedingter Geist, in dir, indem du's hast gedacht«, solch unbedingte Überhebung! quid novi ex Africa, nichts Neues vor Paris und bei Steiner, sein beweglich veränderlicher »Geist« kommt als Bewußtwerden des Alls nicht in Betracht, denn der nach Spannen traumhafter Täuschung siegende Allgedanke bleibt unbewegt anschauend dort, »wohin keine Veränderung dringt« (Eckart) und der Kämpfer »der Reihe nach vereinigt wird« mit ätherischen Formen, bis er, nachdem »Verdienst guter Werke erschöpft«, zum Neugeburttor heimkehrt (Sankajaryas Kategorien über Verknüpfung von Körper mit ätherischem Leib). Freilich trägt Wundts »Weben und Walten eines fremden Geistes« in »erstaunliche Leistungen besonders auf dichterischem Gebiet« falschen Dualismus hinein; geniale Eingebungen verschwistern sich Ätherikern eben nur so wie sich beim Tischrücken Fingerspitzen berühren als leichtverschlungene Knoten, der geheime Bundesgenosse steigt aus Eigenem auf, doch nicht dem »Geist«, sondern dem Unbewußten.

Was Menschen unsinnig scheint, kann das All als Tatsachen in sich bergen. Die Stellung des Agnostikers ziemt sich auch vor Erscheinungen des Spiritismus, die auch Steiner leichtfertig mit ein paar Federstrichen abtut. Man bekommt ein buntes Menü widersprechender Grundstimmungen zur Auswahl, wobei das Wort Aberglaube beim Materiegläubigen bersonders erheitert. Denn jeder Einzelglaube eines Materialisten z. B. an Chiromantie (Dumas Fils) schließt Unglauben an Bloß-Mechanik in sich; wenn sie ehrlich rechnet, darf Regeldetri des Schulmeisterverstandes nicht Vorbestimmung mit einstellen, während Flammarions Meta-Astronomie in 482 Beweise der Unsterblichkeit Vorbestimmung einbezieht. Wer aber von Spirits nichts wissen will, darf dann auch nicht wie Renouvier an selbständige Seele glauben. Jede Anerkennung vorbestimmten Ablaufs des Lebenspendels bedeutet Zerfall des Mechanikglaubens, deshalb muß »voraussetzungslose« Wissenschaft, päpstlicher Schiedsrichter über Wahr und Falsch, päpstlicher als der Papst, einfach Reformationen ignorieren. Der katholische Propagandapfarrer Benson fühlt sich genötigt, im Roman »Necromancers« spiritistische Manifestationen als Tatsachen zu schildern, hilft sich nur damit, daß er Spirits für böse Elementals ausgiebt, die lauernd die Formen geliebter Verstorbener für sensitivschwache Menschen annehmen. Besonders auf die Hlg. Kirche sehen sie es ab, dies Bollwerk wider Satan zu untergraben, mal lästern sie, mal fordern sie schlau zu Gebet auf! Solche Konkurrenz muß bekämpft werden, sonst hält man am Ende Glauben an die Hlg. Messe für sinnloser als den an Geisterapparat! Ist die Hostie ein Mysteriensymbol, dann eben auch Schwarze Messe, deren Verfluchung durch die Kirche ja Tatsächlichkeit voraussetzt. Da verfährt halt die Hlg. Wissenschaft radikaler in schlichter Einfachheit ihrer Bulle, daß alles, was ihr nicht paßt, nicht existiert. Stößt ein Orthodoxer Gewalthaber der Gelehrtenkirche mal auf ketzerische Entdeckungen, so will er die Folgerungen nicht mitmachen wie Dugald Stewart bei seiner eigenen These vom Geiststoff (mindstuff), daß dieser Astralstoff erst im Tode seinen richtigen Körper empfange, den der irdisch Materialisierte nur versteckt.

Wenn neueste Richtung aus einer Reihe Einzelheiten zwecklose Gleichgültigkeit und Grausamkeit der Natur folgert, so spinnt man nur alten Teufelsglauben fort, doch solch dualistisch böses Prinzip bedeutet gleichfalls Beseelung. Ältere Forscher mögen die Zweckharmonie übertrieben aus religiöser Beeinflussung herausgeputzt haben, doch wenn Laplace Gott eine Hypothese nannte, so huldigte er nicht minder atheistischem Augenblicksmilieu, und heutige Astronomen bekennen sich wieder zur Transzendentalharmonie, denn die Himmelskunde mit ihren großen Maßen schaut Ausgeglichenheit, wo Physik und Chemie mit ihren an der Erdscholle klebenden Kleinmaßen auf Abirrung zu stoßen meinen. Man darf nicht die Orthographie eines Autors für zufällige Druckfehler verantwortlich machen, nicht das Sonnenlicht für Sonnenflecken, deren Ursache wir nur sehr unklar deuten. Bei Helmholtz' »Tatsachen der Wahrnehmung« begriffen weder die Materialisten noch anscheinend er selber, in welch spirituellem Fahrwasser er sich bewegt. Kein Inder betonte schärfer die Hinfälligkeit der Sinnewahrnehmung, das stört die Mechanisten nicht in ihrer Gemütsruhe, da sie eben ihre angeblichen Tatsachen nur aus der Tiefe ihres eigenen werten Gemütes hervorzaubern. Tycho de Brahe, der berühmteste Astronom seiner Zeit, schnaubte gegen Kopernik: »Wie darf er die Erde, die bekanntlich eine bewegungslose Masse ist, als Stern in der Euft rollen lassen!« Bekanntlich lacht heute jeder Schulbub über so unberufene Unwissenheit, künftige Schuljungen lachen vielleicht ähnlich über Häckels Vermessenheit, für den sozusagen das ganze All eine seelen- und daher bewegungslose Masse vorstellt, die aber trotzdem aus sich selbst heraus Evolutionsbewegung vollzieht. Welchen Trost aber Steiners Gemeinde bei ihm findet, blieb uns ein Häckelsches Welträtsel, vielleicht weil sein selbsterkennendes Selbst sich als Gott produziert, der erst so Existenzberechtigung gewinnt? Er klopft Bruno herablassend auf die Schulter, weil dessen Allseele sich nicht auf den Menschen allein als letztes Evolutionsprodukt beschränkt. Wieso ein letztes und vorher das All eine gott-willen-geistlose Masse? Was war denn die Kraft, ohne die kein Stoff sich bewegen, also auch nichts evolutionieren kann? Wenn Paracelsus meint: »Nichts ist im Himmel und auf Erden, was nicht auch im Menschen ist«, so meint er wechselseitige Allbewegung. Hat das All keinen Gott, kann es ihn auch nicht so geistreich aus geistlosem Affen im Gottmenschen hervorbringen. Je höher der anthroposophische Größenwahn den Menschen stellt, desto weniger läßt sich ein Weltgeist aus der Welt schaffen.

Man wirbelt im Kreis krasser Widersprüche. Vernunft weiß objektiv die objektive Natur, doch Gottego entsteht durch Ausmerzen der Vernunftswahrnehmung? Dann war letztere subjektive Täuschung, und wer sich »auf den Boden der Naturwissenschaft stellt«, wie Steiner von sich behauptet, baut auf Triebsand. Zwecklose Natur verfolgt den schwierigsten Zweck, den sie zufallmäßig erreicht, aus geistlosen Affen kam der Mensch ins dumm hinbrütende All, das ausgerechnet auf dem Sandkorn Erde wartete und sich selber einen Gott gab, wozu es plötzlich das dringende Bedürfnis fühlte? Und der Mensch sah die Welt an, und siehe da, es war nicht sehr gut! Was auf riesigen Schwesterplaneten geschah, ist gleichgültig, denn die Erde als Mutter des Gottego ist bekanntlich Mittelpunkt des Kosmos, Gott-Pol, dagegen Heliozentrik ein überwundener Standpunkt, denn sie setzt von selber Zentralkraft weit außerhalb Mensch und Erde voraus. Bruno und Cusa lehrten umsonst, wir sind wieder bei Aristoteles und den Kirchenvätern, nur daß letztere einen erdhaften König Christus und ersterer eine Art Basileus Alexandras als aufgeklärten Imperialdespoten des Universums annahmen. Über solche Knechtschaffenheit ist Steiners Menschgott erhaben, den Stoff und Mechanik in einer einzigen Spezies entstofflichten! Dies Geistige scheint etwas Geistliches, es manipuliert wie ein Tridentiner-Konzil und gibt sozusagen den Geist auf, indem es sich unter eigene Gottähnlichkeit beugt, König des Himmels und der Erden. Schade, daß die Herrschaft so kurz bemessen, doch le roi est mort, vive le roi! die Menschheit tritt kollektiv für ihn ein, das Regiment vererbt sich legitim, denn da das Einzelego doch nicht so selbständige Macht besitzt, so landen wir wieder beim Gemein-Sinn (doppelsinnig), wo das Ego sich mit der All-Gemeinheit gemein macht. Diese, Tasmanier und Hottentotten inbegriffen, trägt immer den Gottmensch im Schoß, und werden erst alle göttlichen Ego entbunden, dann haben wir Milliarden Götter.

Solchen Unsinn hat noch niemand ausgeheckt? O doch, Pantheistische Theosophie neigt oft zu ähnlichen Scherzen. Mindestens sollte Steiner sich bescheiden mit Lenaus Faust zu fragen: »ist das Göttliche zuerst erwacht und stieg es auf zur Geistesmacht, so daß Natur in Haß und Lieben als ihre Blüte Gott getrieben?« und Lenau schickt die Frage vorher: »Ist diese Welt dadurch entstanden, daß Gott sich selber kam abhanden, ist Göttliches vom Gotte abgefallen, um wieder gottwärts heimzuwallen?« Beides wäre entschieden noch logischer, als eine aus der Natur entsproßte Gottspezies Homo Divinus, der dabei eine so peinliche Materie als objektives Sein dulden muß. Steiner beruft sich auf die Renaissancemystiker, die aber nur »Kreatur« und »Gottes Freunde« sein wollten, denen man mit Christus den Boden entzieht. Die Bagghavad Githa fordert Ehrfurcht und Bescheidenheit, selbst Spinoza verwechselt nicht Aufsteigen zu Gott mit eigener Selbstherrlichkeit. Wenn Steiner den Edeldenker Cusa feiert, sollte er sich dessen Parole »gelehrtes Nichtwissen« besser aneignen. Für menschliches Kausaldenken vollzog sich Materialisation nacheinander, indem zuerst Leuchtkraft die Gasnebel in Planetenkugeln, Äther, Festes und Flüssiges schied, doch im Urtext der Genesis steht umgekehrt: »Als die Elohim Erde und Luft vom Urmeer schieden, da geschah Lichtwerdung.« Plausible Aufmachung des Naturwerdens entspringt nur dem Kausalbegriff, den man in die Dinge hineinlegt, Täuschung wie Zeit und Raum. Gibt es Kausalstufen draußen im All, so sind sie formal unbedingt von den unsern verschieden.

Materialismus ist die natürliche Weltanschauung von Karren- und andern Schiebern, die Inder nennen es Verdummung und warnen vor Rückfall ins Tierreich. (Ernennung Schulzes zum Elefanten wäre aber Beförderung, und Rindvieh ist er ohnehin). Wiedergeburt ist eine so natürliche Lösung, daß ein kalter Verstandesmensch wie Ostafrika-Peters vermöge denkerischer Schulung sich dazu bekannte; wie sich dies aber mit Steiners Anthroposophie zusammenreimt, bleibt dunkel. Denn daß der Geist durch eigenen Machtspruch Wiedergeburt vollzieht, geht um so weniger an, als sie oft ein Strafkarma enthält, das Schulze sich wohl nicht selber diktieren würde. Ohne Entgegenkommen der Natur in Wechselbeziehung zum transzendentalen Ego, ohne Zauberwort außerhalb des Menschengeistes kann Wiedergeburt nicht entstehen. Kein Versenken und Hinabsteigen ins Innere könnte inmitten »seelenloser« Natur, von der das Leben abhängig sein soll, Geistiges in die Natur hineintragen, Gesetze der Vorbestimmung und Vorsehung könnten nie im Dasein offenbar werden, telepathische Phänomene sind nur möglich, wenn die Materie sich selber anbequemt. Was ist phantastischer, heimliche Beseelung der Pflanzen oder allmächtiger Anthropo-Logos in einer nichtexistierenden Seele? Wie kann man Evolutionsreligion zimmern, da höhere Spezies leicht durch ungünstigen Zufall untergehen, eine mindere sich gerade wegen ihrer Unbedeutendheit am Untergang vorbeidrücken könnte? Wo bleibt dann der evolutionierte Gottmensch? Kraft welches Zufalls aß Adam vom Erkenntnisbaum, der doch nur seinem eigenen Hirn entwuchs? Schiebt man Geist-Erwecken einer Evolution zu, so muß Geist-Keim stets schon Bestandteil organischen Lebens sein, welche Logik aber sowohl der Naturdegradierung zu geistloser Masse als der Mechanistik ein Schnippchen schlägt. Geist wird man passive Pflanzenpsyche kaum nennen, man kehrt viel logischer zum alten Begriff Seele zurück. Geist ist offenbar nur ein Menschenbegriff, man kann ihn begrifflich zu Weltgeist erweitern, doch nur als Ausfluß einer vom Menschenbegriff unabhängigen Weltseele, womit das Bild sich viel besser deckt als mit Nous Weltvernunft der Eleaten und Hegels. Steiner und neueste Theologen wissen, warum sie Geistigkeit (mind) für Beseelung (spirit) einsetzen, letztere läßt sich als organisches Prinzip nicht leugnen, sogar ein sich selbst drehender Mechanismus liefe darauf hinaus, also muß das Ausnahmezwitter Mensch eines besonderen plötzlichen Geistes teilhaftig sein, um sich »innen« dem Materieknoten zu entwinden. Darwinistisches Siegesgeschrei klingt so teleologisch wie ein theologischer Sermon, nur daß man Evolution für »Ebenbild Gottes« setzt, alles dreht sich um den teuern Homo Sapiens, bei Steiner kehrt die volle theologische Menschenvergötterung zurück, weil er geistige Verbindung mit andern Säugetieren abschneidet, was er doch zoologisch bejaht. Als Ersatz-Religion hat man Übermenschen-Mythologie, Verheißung herrlicher Zukunft und Verklärung der Vergangenheit, denn wer soll da an Weisheit des Steinerschen Weltplans zweifeln, wohlgemerkt nur für den Menschen! Ersatzkaffee und andere Surrogate des Weltkriegs sollten doch dem Originalstoff gleichen, also werden von darwinistischer Anthroposophie statt Kirchenbutter und Himmelszucker ähnlich schmeckende Margarine und Zacharin eingeführt: Der Mensch als Halbgott mit Anwartschaft auf Ganzgott! Kein kindlicher Größenwahn theologischer Ichseele reicht an solchen Hochmut heran. Könnten die Darwinisten ehrlich und überhaupt denken, so müßten sie Steiner jubelnd begrüßen, der ihren mechanistisch unausführbaren Evolutionstraum mit einem Mädchen aus der Fremde verheiratet, das plötzlich als selbstgeschaffener Geist beim Menschen einkehrt und als nur für sich selbst gegründete Gottheit sich behaglich niederläßt. Diese spaltet sich in die Vernunft, die ein seelenloses All erkennt, und den Spirit, der sich selbst spiritualisiert, unkausalere Verzwicktheit solcher Denkblitze läßt sich nicht ausdenken. Ichsucht religiöser Fortdauerhoffnung wird weit von der Eitelkeit übertroffen, die dem All die Seele und Gott die Existenz abspricht, um allein im All zu thronen. Das soll Selbsterkenntnis sein, dieser Mischmasch von Materialismus und Mystik, die einander aufheben! der Wirrwarr entwurzelt gerade die Geheimkräfte des Unbewußten, das nur denkbar ist als Empfangender aus einem Weltreservoir. Was macht zur Selbsterkennung fähig, nachdem man aus dem Säugetier in den Geist hinübersprang, unvermittelt in eine Geistmaschine verwandelt? Der »schwierige Weg« (Spinoza) wird gewiß nicht durch Trainierungsstunden der Steinergemeinde eröffnet. Nur gerade in Naturinstinkten scheint er nicht versperrt, weil Ich-Abstreifung dem höheren Tier, das sich als selbstverständlich für Herrn und Junge opfert, oder dem Künstler, der beim Schaffen nur an sein Werk und nicht an sein Interesse denkt, nicht fremd bleibt. Selbst der Experimentator setzt sich der Gefahr aus, sein Wahrheitsdurst bekennt sich als halbidealistisches Fühlen inmitten fühlloser Materie, jeder Ehrgeiz bewährt oft Hintansetzen des eigenen Behagens für unsichtbar vorschwebenden Zweck. Wir verkennen also nicht natürliche Ansätze zum Selbst-Erkennen als Nicht-Ich, worauf ja das Yogitraining fußt. Die Masse aber hat nur vorübergehend ichlose Anwandlungen durch religiöse, patriotische, soziale Anreize, die unbewußt dem Ich schmeicheln. Allgemein praktisch ist die neue Egolehre untauglich, ideell verführt sie Schwachköpfe. Ein Ego, das sich aus eigener Kraft Gott gleichsetzt ohne Übereinstimmung mit der Natur, macht Steiners Kokettieren mit Haeckel doppelt erheiternd. Kein Mystiker verfiel auf Isolierungswahn, alle sind einig, daß der Gottmensch nur als »Sohn des Vaters« entstehen kann. Man versinkt nicht in den Allgeist, wenn er nicht in allem lebt vom Pflanzenstäubchen bis zur Sonne. Der erlauchte Regimentsinhaber S. M. der Mensch ernennt sich selbst zum allerhöchsten und obersten Kriegsherrn, vor dem ein imaginärer hoher Herr der Heerscharen Revue passieren muß wie vor Wilhelm dem Großen? Über ihn hinaus gibt's nichts mehr, weshalb er auch eiligst Evolutionieren einstellte und mit dem Scherz »Der Mensch das Maß aller Dinge« jeder weiteren Möglichkeit Halt gebot? Nochmals: entsprang der Mensch, der nicht sich selber den lebendigen Odem einblies, aus der Natur, so konnte nur sie ihm schenken, was sie angeblich nicht besitzt, nämlich Geist und Beseelung.

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