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Der Aufgang des Abendlandes

Karl Bleibtreu: Der Aufgang des Abendlandes - Kapitel 42
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authorKarl Bleibtreu
titleDer Aufgang des Abendlandes
publisherWilhelm Borngräber Verlag
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Sogar Benennung der Formeln ist oft unzureichend, so müßte man statt »Erhaltung« genauer »Beharrung« der Kraft sagen, »induktiv« und »deduktiv« sind leere Worte, es ist unstatthaft, Spekulation und Analyse auseinanderzuhalten. Jede Analyse geht von spekulativer Voraussetzung aus, jede Spekulation analysiert Begriffe des eigenen Intellekts. Wegen versuchter Trennung beider Methoden entwickelte sich die Wärmetheorie so langsam, denn anfangs hielt man Wärme für Stoffeigenschaft, bis man sie als immateriell und identisch mit dem Licht erkannte. Dies geschah durch kühne Deduktion, Abstreifen einer Sinnestäuschung, so daß man latente Wärme als übersinnlich begriff. Jene Schotten wie Black würden, wenn sie ihre Spekulation fortsetzten, zu Schlüssen in unserm Sinn gelangt sein: Identität der Wärme mit Bewegung und allen übrigen Kräften, diese allein organisches Leben ermöglichende Wärme ist Unsichtbarkeit. Spekulation kann nicht fehlgehen, wenn sie nach diesem Unsichtbaren greift, denn ihr tastender Schritt stößt dort auf bewohnbares Land. Doch sie wird haltlos, sobald sie nicht mit Innenschauen die Außenwelt bestrahlt. Der Rationalismus schnitt dies ab, indem er sich auf Analyse des Bewußtseins beschränkte, so wurde er Stiefvater des groben Materialismus, der sich ums Illusionäre der Sinnentäuschung überhaupt nicht kümmert und nur Sichtbarkeitsanalyse übrig ließ. Seltsamerweise warnt sogar Buckle (2. Bd., 6. Kap.) vor der Naturforscheranmaßung, ihrem »ungehörigen Respekt, vor Experimenten, unpassender Liebe zu kleinlichem Detail, ihrer Neigung, Erfindung neuer technischer Instrumente und Entdecken unbedeutender Tatsachen zu überschätzen.« O Buckle, wo bliebe dann der Philisterrespekt vor Spezialisten, die Heiligkeit der Professorenmittelmäßigkeit? Dieser Unhöfliche nennt es Folge unvollkommener Bildung, denkt ketzerisch genug, die göttliche und prophetische Kraft des Dichtens anzuerkennen. »Wir brauchen Gedanken und erhalten nur Tatsachen«, welch ein Wort! Die aufgespeicherte Masse von Beobachtungen bleibe gänzlich nutzlos, bis sie »unter einer Idee verbunden werden.« Wort für Wort zu unterschreiben, nur hätte er dann sein Buch ungeschrieben lassen sollen, wo massige, doch sehr unvollständige Dokumentierung nicht wirklichen Ideen, sondern willkürlichen Voraussetzungen dient. Was man am wenigsten braucht, sind falsche Halbgedanken.

Leslie († 1832) bekannte – als er Identität von Wärme und Licht lehrte, ohne ihre Polarität experimentell zu kennen –, seine genialen Grundsätze unter Einfluß der Poesie gefaßt zu haben: Die Wahrheit der Dichter, dieser vollendeten Beobachter, stände der Wissenschaft nicht nach. Jawohl, nur Verbindung umfassenden Wissens mit »Dichten« erzeugt wahres Wissen und Denken. Leslie bietet dafür das sprechendste Zeugnis, man sieht ihn in Zukunftskenntnisse vorauseilen: »Wir sollten gedenken, daß die Natur eine lückenlose Kette entfaltet, daher systematische Einteilungen und Begrenzungen nur künstlich sind und dazu dienen sollen, das Gedächtnis zu unterstützen.« Noch klarer baut er dies aus: »Alle Kräfte sind radikal von gleicher Art, ihr Unterscheiden in lebend und tot nicht auf richtigen Prinzipien begründet.« Und siehe da, Buckle selber wirft den Physikern vor: »Mit ihren veralteten Begriffen sehen sie nicht, daß alle Materie lebt.« Und doch erniedert er den individuellen Menschen zum Milieuprodukt! Wehe, wenn du erfährst, was du bist! rief die Sphinx dem Ödipus zu, so warnt falsche Wissenschaft den Gläubigen, er sei ein Lehm-Golem, jener Prager Rabbi der Sage stieß den Golem ins Nichts zurück, indem er die Talismankapsel des Lebens von ihm ablöste. Die Natur verfährt aber nicht so gewaltsam, verübt keine Vivisektion, beleidigt nicht das Leben zur Ehre der Wissenschaft, sie schenkt dem Golem den Talisman schon bei seinem Entstehen, und daß sie ihn durch Tod zurückfordere, ist beweislose Behauptung:

Wie Leber und Lunge sich ergänzen bei Ausscheidung von Kohlenstoffüberlastung, Leber aber das Ursprüngliche im Embryo ist und Lungen erst später zuwachsen, so muß die Natur stets ergänzen und korrigieren wie ein Künstler, ohne deshalb die großen Richtlinien zu verrücken. Man höre Buckles erstaunliches Zugeständnis, für die Menschheit seien die »geistigen« Gesetze wichtiger als die »natürlichen«! Stellt man den Satz Raids »notwendige Wahrheiten können nicht aus Sinnlichem geschlossen werden, denn die Sinne bezeugen, was ist, nicht was sein muß«, dem Satz Joberts entgegen, »daß notwendige Wahrheiten durch Erfahrung nicht erlangt werden können, heißt das klarste Zeugnis der Sinne verleugnen«, so ist letzteres offenbar unlogischer als ersteres, denn die Sinne bezeugen nicht, was ist, sondern was scheint. Der Transzententalist Kant wird sich gelegentlich untreu: »Metaphysik wirbelt Staub auf und beklagt sich, man könne nicht sehen.« Störte er keinen Staub auf, wenn er in langstilig verschachtelter Parentheseperiode das Urgeheimnis darin sieht: Ich als denkendes Subjekt erkenne mich selbst als gedachtes Objekt. Was ist denn dabei! das tut wohl selbst die Pflanze, wenn man für »Denken« das richtigere »Empfinden« setzt, unser Selbst »erkennen wir« weder subjektiv noch objektiv, nicht mal unsern Körper. Die schon Plato bekannte Tatsache, daß männliche Körper weibliche, weibliche Organe männliche Psyche beherbergen können, was Konträrsexuales erklärt, erlaubt den Schluß, daß Physisches im Organismus keinen, Psychisches bestimmenden Einfluß hat.Das überwiegend Psychische der Mutterschaft gleicht dem Genie, weil sie von allen Dingen seelisch beeindruckt schwanger wird, amo ergo sum, Weisman spricht sogar von Fernzeugung. Goethe, »Über Spiraltendenz der Vegetation«, unterscheidet männlich Vertikales und weiblich Spirales, Fechner bestreitet Arbeitsteilung der Zweigeschlechtlichkeit.

Kant schwärmte für Bund freier Völker (das Echo spottet »Völkerbund«) und ewigen Frieden, »auf diese Art garantiert die Natur durch Mechanismus in den menschlichen Regungen selbst«! Wir fragen und sinnen, ob ererbte Pietät für den biedern »Titanen« uns den Mund gegen so kindische Ideologie schließen soll, die echte Erucht rationalistischer Philosophie. Dabei verschmähte sein herbes Pflichtgebot das nächstliegende Preußische, verwarf Friedrich d. Gr. für Vernunftrepublik, dies Gewächs der Studierstube. Seine »metaphysischen Anfangsgründe der Naturwissenschaft« behagen der heutigen nicht, mit Fug, denn nicht sie, sondern die Natur selber hat metaphysischen Ursprung. Gebot ihm auch sein angeborenes Sittengesetz als »Seiner M. getreuester Untertan« in Eingabe an den dicken König sich unwürdig zu gebärden und Fichte zur Nacheiferung zu vermahnen, »vorsätzlich unwahr in Äußerung seiner Gedanken«, was er früher als schimpfliche Lüge bezeichnete? Es peinigt, den »Titanen« erst ungestüm aufstampfen und dann sich drücken zu sehen, wie seine Anhänger sich auch scheu darum herumdrücken, daß seine Absicht ursprünglich zu Materialismus hinneigte. Wenn auch Haeckel gegen ihn eifert, so ist dies recht undankbar. »Man muß Partei ergreifen«, dieser Titel einer Voltaireschrift steht nicht als Motto über Kants Werken. Plötzlich proklamierte er Willensfreiheit als Postulat praktischen Bedürfnisses, denn ohne Freiheit gebe es nicht Sittlichkeit, also müsse Freiheit obwalten, obwohl »unbegreiflich« d. h. er schiebt eine Fiktion als Erklärung einer andern Fiktion ein. Sauertöpfische Pflichtstrenge, die nur aus Selbstwürde ein vorgeschriebenes Gesetz erfüllt, kennen wir als Selbstgerechtigkeit von Pharisäern, Asketen, Puritanern, Methodisten, antiker Stoa und deutscher Drillschulmeisterei. Pflichtzwang ist als Selbstbevormundung nicht frei von Feigheit, sittlich nur der gesetz- und zwanglose Impuls des Gefühls. Wäre Güte verbreitet, so wäre bestimmtes Sittengesetz unnötig, es entsteht wegen Mangels an Güte. Tolstoi sagt, dem Volk imponiere außer tierischer Stärke nur heiliger Lebenswandel, natürlich, als Bedürfnisideal unmöglicher Nachfrage. Aufrichtig unsittlich handelt nur ein tollgewordener Schinderhannes, zahlungsfähige Moral begeht unzählige Alltagsvergehen, doch erkennt scharfäugig nur des Nebenmenschen Profitschmutz, fürchtet nichts auf der Welt als das Strafgesetz.

»Allgemeingültigkeit des Erkennens« ist ethisch erst recht Illusion, nur unentwurzelbare Triebe lassen sich nicht beirren durch Gesetzverbindlichkeit, bei Kant ganz unsittlich zum Nutzen der Masse ohne Rücksicht auf Individuen. Das Gemeine bändigt nicht »uns alle«, doch alle Philister, deren Einbildung sofort alles Hohe mit Neid und Eifersucht begeifert, das ist ihr kategorischer Imperativ. Hume, dessen vorurteilslose Skepsis sich mit voreiligem Positivismus schlecht vertrug, führte einen derberen Schlag gegen Sinneserfahrung als je Kant: Denkendes Vereinen der Einzeleindrücke brauche keineswegs allgemeine Notwendigkeit, sondern nur gewohnheitsmäßige Willkür zu sein. Den Raum als »etwas an sich Unmögliches« wie Berkeley, den Sinnenschein als Erweckung angeborener Ideen erklären wie Chadworth hieß Kant ebenso vorwegnehmen wie Raids »Prinzip des Common sense«. Wenn Fichte meint, Kants Kategorien seien selber Erzeuger des Stoffscheins, so wehrte Kant sich heftig dagegen und steht groß da in Negation jeder auf »uferlosen Ozean« sich hinauswagenden Spekulation. Nun, Weltäther ist freilich uferlos, doch der Geist läßt sich nicht Schiffahrt verbieten, fährt los wie Kolumbus auf jede Gefahr hin, kein Ufer zu finden, auch das ist ein Impuls des Intellekts. Freilich lehnt Kant die Träume der Rationalisten indirekt ebenso ab wie die der Idealisten, doch sein direkter Schwerpunkt liegt immer auf Verneinung idealer Voraussetzung z.B. der ontologischen, kosmologischen, physikotheologischen Gottbeweise. Man dürfe nicht Uhr und Uhrmacher auf die Natur übertragen und deren »freiwirkende Kraft« von einer andern übernatürlichen ableiten? Freie Naturkraft wäre ja selber Gott, regelrechte Uhrmacherkunst! Wer einen letzten zureichenden Grund ausschließt, wirft wie ein Kartenhaus alles Kausaldenken und die nur darauf gegründete Wissenschaft um, denn nur ein Vernunftbankrott kann mit Billionen zweckmäßiger Wirkungen keine zwecksetzende Ur-Ursache verbinden. Es ist ein unbeschreiblicher Witz der Weltpsyche, daß sie dem luziferischen Hochmut der von ihr abtrünnigen Kleingeister den Wahnsinn einsenkte, Wissenschaft könne ohne Kausalität einer Vorausordnung bestehen. Das Krabbeln der Spezialisten gleicht dem blinden Unterminieren des Maulwurfs, der die Erde für eine Scheuer voll Egerlingen hält, während droben die Sonne als Endursache der Egerlinge und seiner selbst strahlt.

Später ließ Kant hochgeneigtest Gott wieder auferstehen, doch Möglichkeit wird ihm nur deshalb Gewißheit, weil sittliche Vollkommenheit nur durch eine ins Unendliche fortlaufende Existenz einer persönlichen Seele erreicht werden könne. Ist hier Unsterblichkeit ein Postulat der Seele oder Existenz der Seele ein Postulat der Unsterblichkeit? Die Kirche verlangt Jenseitsseeligkeit aus Selbstsuchtschmeichelei, Kant als Gewährleistung der Sittlichkeit, der Materialist ficht spöttisch an, daß Sittlichkeit den Menschen im Plural etwas Natürliches und Notwendiges sei: Ist sie Schimäre, dann wäre es laut Kant auch mit der Fortdauer Essig. Nachdem er das Unsichtbare als belanglos vermöbelte, fiel er plötzlich vor ihm auf die Knie und verrichtete seine Andacht vor lauter nur ihm erkennbaren Kategorien. Wie wenig man von Systemgebäuden verlangt und sich in jedem leeren Baugerüst niederläßt, ob es wie bei Fichte, Hegel, Schopenhauer ohne Erdgeschoß und zementiertes Fundament oder wie bei Spinoza ohne Dach oder wie beim Rationalismus ohne Dach und Fach ist, zeigt die bereitwillige Annahme eines fingierten festgefügten Kantsystems. Der Patriotenrummel bei Kants 200. Geburtstag trieb die himmlische Berliner Professorenblüte, Goethe habe als Süddeutscher preussische Pflichtgröße nicht verstanden! Wahrlich, Bolingbrokes Wort »das Beste in uns ist das Bleibendste« heißt heute: Das Bleibendste ist das Schlechteste, die Schellfischseelen, die Heine in Hamburg roch, verpesten die ganze Athmosphäre und echt modernes Ästhetentum spritzt umsonst Moschus hinein.

Wir verwahren uns aber auch dagegen, Kant als einen himmeltragenden Atlas zu betrachten, da er doch selber auf den Schultern der Vorgänger steht. Hume erkannte, daß Erfahrung keinen Wahrheitsschlüssel liefere, weil sie Ursache und Wirkung voraussetzt, wir aber Ursachen nie klar kennen lernen. Daß Wahrscheinlichkeit so viel wie Wahrheit sei, diesen der Naturwissenschaft bequemen Wahn überließ er dem Nachfolger Mill. Descartes verwarf die sinnliche Wahrnehmung, stellte als unbezweifelbar nur unser eigenes Zweifeln hin. Gewiß, doch sein Satz »Ich denke, also bin ich« heißt richtiger »Ich bin, darum denke ich«. Da er keine Brücke zur räumlichen Ausdehnung und sich noch mit angeborenen Ideen herumschlug, so schuf er unerquicklichen Dualismus, dem auch Leibniz nicht entrann. Dieser stellte dem Empirismus, daß Erkenntnis nur auf den Sinnen beruht, entgegen: Außer dem Erkenntnisvermögen selber. Daß auch letzteres durch Sinneseindrücke entstehe, widerlegt sich schon durch einfache Betrachtung, daß Gehör und Gesicht bei jedem jungen Weltbürger verschieden individuell wirkt, doch in jedem gleichmäßig der Satz erwacht: 2+2 ist 4. Wenn aber Leibniz einer Täuschungswelt ein Ding-an-sich als erkennbar aufzwang, so verrückte er die dem Erkenntnisvermögen gesteckten Grenzen. Daß die Außenwelt unabhängig von uns existiert, diesen Grundsatz Lockes machte der Materialismus sich ganz zu eigen. Da liegt nun Kants Verdienst darin, den Fall umzukehren, Lockes primäre und sekundäre Eigenschaften des Stoffes kann man eben umgekehrt anwenden. Dann werden die Dinge primär abhängig von uns, Raum von Raum-Anschauung, Zeit von unserer Kausalauffassung. Hier werfen aber Kants Anhänger und Anfechter die Begriffe durcheinander, intellektuelle Sauberkeit gestattet weder Bejahen noch Verneinen jedes Apriorischen. Daß die Ideen Gott und Unsterblichkeit apriorisch seien, ist theologisches Anhängsel, sie sind bloß Postulate der praktischen Vernunft, sobald sie Reife des Nachdenkens erlangte, doch sicher nicht angeboren, der Wilde und das Kind erhalten sie erst durch Lehre, auch keineswegs ohne äußere Sinneseindrücke des Ätherhimmels. Ganz anders steht es mit der Idee Willensfreiheit, diese ist identisch mit dem Ichgefühl, der Urempfindung jedes organischen Wesens, ohne welche schon das Kind nicht strampelt. Diese wahrhaft angeborene Idee ist freilich Täuschung, Zeit und Raum desgleichen ohne Würde »idealer« Begriffe. Denn daß die praktische Vernunft, sobald der Mensch auf zwei Beinen steht, sich Zeit- und Raumbegriffe machen muß, in die er das Neben- und Nacheinander einreiht, ist Selbsterhaltungstrieb, den er ohne die Außenwelt nie ausbilden würde. Ist letztere nur Vorstellungserscheinung, so ist doch ohne sie Raumanschauung undenkbar. Das sind nicht apriorische, sondern Anpassungspostulate, Zeit ist identisch mit Kausalität. Schon das Kind erfährt, daß es Nahrung bekommt, wenn es lutscht, daß es sich weh tut, wenn es vom Stuhle fällt und daß dies in Abständen aufeinanderfolgt; auch die Katze weiß, daß es Mittagessen gibt, wenn die Kartoffeln dampfen oder man Messer wetzt, Raubtiere lernen, wann Fütterungszeit ist. Nicht um Zeit und Raum handelt es sich, sondern um Nach- und Nebeneinander sinnlicher Erfahrung, und wir müßten hierin dem Materialismus beistimmen, wenn er eben nicht törichterweise die Außenwelt für etwas Unabhängiges hielte, weil sie der Menschenvorstellung ein Nach- und Nebeneinander scheinbar aufzwingt, was doch selbst wieder nur subjektiver Eigentümlichkeit unserer Vorstellung entspringt. Weder gesonderte Ideen noch Erscheinungsbilder sind apriorisch, wohl aber jener unfaßliche Empfindungskomplex, den wir Lebenspsyche taufen wollen. »Das Leben richtet sich ein«, weiter kann man von Innen- und Außenwelt nichts sagen.

Veraltete aristotelische Kategorientafeln ergänzte Kant, mußte freilich seinen selbstbevormundenden kategorischen Imperativ 1792 durch »angeborenen Hang zum radikal Bösen« korrigieren. Doch ist im Grunde gleichgültig, nach welchen Modalitäten unser Urteil verläuft, ob es nur Sinneserscheinungen oder Dinge an sich sehen kann, wichtig allein die Tatsache, daß das Lebensprinzip in sich selber Empfindungen auslöst, wie Kausalität, Zeit, Raum, Willensfreiheit. Diese tragen streng empirischen Charakter, sintemal sie alle aus der Grundempfindung Bewegung hervorgehen, welche das Leben selber ist. Deshalb hat auch Streit über Willensfreiheit wenig Sinn, sobald man erkennt, daß diese Täuschung zum Leben selbst gehört, das doch sicher apriorisch und keine Täuschung, vielmehr das einzig Gewisse ist. Deshalb kann man dem »gesunden Menschenverstand« den Determinismus nie begreiflich machen und die praktische Vernunft des Deterministen kümmert sich im Leben nie um seine theoretische Überzeugung. Die Täuschung liegt also nicht in der Erscheinungswelt, sondern in uns selber, d. h. das Leben fordert Täuschung. Natürlich sieht der Materialismus nicht den Widersinn: Ist Natur absolute Realität, dann müßten auch Wollen und Erkennen der Lebewesen als Teil dieser Realität das Wahre und Reale sein.

Nur naives Denken kann aber glauben, daß ein von der Materie determiniertes Denken je objektive Wahrheit erlangen kann. Determinismus und »freie« Forschung vertragen sich nicht, weshalb Wissenschaft immer nur das findet, was ihre determinierte Geistesrichtung finden will. Daß Raumvorstellung durch Sehen und Tasten entsteht, hebt nicht auf, daß eben ein Apparat von vornherein da sein muß, um Sehen und Tasten zu solchen Schlüssen zu führen. Wir kommen also zu intellektuellem Monismus, daß Erkenntnisvermögen und Erkennen in eins zusammenfällt, welches wunderbare Rätsel nur durch apriorische Lebenspsyche erklärt wird. Herrschaft der Erscheinung über unsere Sinne wird aufgewogen durch Herrschaft geistiger Orientierung über die Erscheinung. Wahrnehmung ist schon intellektuell, das Empfundene wird gleichzeitig beurteilt und hierdurch wahrgenommen. Kants verzwickter Ausdruck »transzendentaler Gegenstand«, der all unseren Vorstellungen zugrunde liege, meint offenbar nichts hinter der Erscheinung, sondern in uns selbst, nach dem sich unsere Erfahrungswelt zu richten hat. Erkennten wir laut Schopenhauer nur durch Kausalitätsschluß, so könnten wir, wie auch Helmholtz zugibt, keinerlei Wirklichkeit begreifen, denn Ursache und Wirkung sind keine Dinge, sondern Erscheinungen von Erscheinungen. Um es klar zu unterstreichen: so wie 1000 Eindrücke noch keine sondernde Wahrnehmung, so sind 1000 Wahrnehmungen noch keine Erfahrung, erst ihre Verarbeitung durch den Verstand macht sie dazu. Was ist Verstand? Sammlung synthetischer Werturteile, die individuell zustande kommen für ein dem Ich zuträgliches relatives Weltbild. Daß der Körper selber sich ein Hirnorgan beilegt, für das er, der Körper, selber zum Objekt der Wahrnehmung wird wie etwas Fremdes, wirkt geradezu mystisch, um das dem Materialisten verhaßteste Wort zu gebrauchen. Schon J. Müller bestritt die Objektivität des Lichts, offenbar wirkt nur Bewegung, die in uns Lichtempfindung hervorruft, nicht weil es Licht gibt, sondern unsere Nervensubstanz es erfordert. Überzeugung von Einheit der Psyche mit unsichtbarer Wirklichkeit verhilft zur Logik, daß unsere Vorstellung sich irgendwie mit Wirklichem berührt. Raumempfindung ist subjektiv, doch der unantastbare Begriff Unendlichkeit bedingt schon Räumliches, wie Ewigkeit Zeitliches. Helmholz' Bemühung, Lichtwellen für identisch mit Nervenschwingung zu halten, wäre dem Transzendentalmonisten sympathisch, doch völlig ungelöst bleibt das Abfinden mit der Kausalwirkung, wie sich Schwingung in Empfindung umsetzt und gleichzeitig in Wahrnehmung. Bei so blitzschnellem Sehprozeß fallen »Übung und Gewohnheit« ganz fort. Gehirnpsychologie huldigt der jeder Physik spottenden Annahme, daß Gehirn- und Weltraum identisch sei, wie denn die meisten Voraussetzungen der Wissenschaft zum subjektiven Idealismus gehören, während sie das Gegenteil wollen.

Die Kantische »Vernunft« ist Tautologie, Einsetzen des Teilbegriffs als Ganzes, statt einfach allgemein »Psyche« zu sagen. Als ob Klauen und Mähne das Apriorische des Löwen wären! nein, der ganze Löwe der Lebenspsyche springt vollgerüstet ins Leben. »Vernunft« was ist das? ihr eine subjektive und sinnfällige Grenze zu ziehen scheint müßige Verwechslungsspielerei. Dies richtet sich gegen jede übersinnliche Offenbarung sowohl der Religion als der Wissenschaft, denn die Physik wie jede andere Fakultät kann bestimmter abstrakter Voraussetzungen (Atomistik, Gravitation usw.) nicht entbehren, über der Höheren Mathematik prangt als Motto Descartes' kostbare Kühnheit: »Ich nehme an, daß alles, wovon ich ausgehe, schon bewiesen ist.« Jede »Logik« beruht auf Vernunftschlüssen aus Hypothesen, also rein übersinnlichen Faktoren. Mills berühmtes Beispiel, die Sterblichkeit des Prinzen Albert folgere aus dem Sterben so vieler anderer Leute, stützt eine abstrakte Behauptung auf eine ihr verwandt scheinende Tatsache, wie dies meist der Naturwissenschaft beliebt, falls sie nicht wie die Molekulartheorie es vorzieht, ohne jeden Tatsachenbeweis ein Weltbild zu erdichten. Mills obige Logik beweist natürlich nicht das Geringste für die Sterblichkeit, denn wie Byron sagt: »Was wißt Ihr? nur daß Ihr sterblich seid, und hier sogar könnt ihr falsch prophezeien, vielleicht kommt einst, ein Quell der Ewigkeit, die Zeit, wo nichts mehr alt noch jung wird sein.« Daß wir das Ding-an-sich nie erfassen können, ist auch nur so eine Behauptung Kants aus der Voraussetzung, daß unsere Psyche nie ihr gewöhnliches Durchschnittsbewußtsein übersteigen könnte. Eine Transzendentalphilosophie, die von Myers' subliminalem Selbst und Hartmanns Unbewußtem sich nie träumen ließ, gleicht einer Naturwissenschaft, die noch vor 30 Jahren die Hypnose leugnete, wie sie heut die Telepathie leugnet. Um es kurz zu sagen: Es gibt weder eine »reine« noch eine »praktische Vernunft«, sondern nur praktischen Verstand, dem auch alle politisch abgestimmten Religionen und die Ziele der Naturwissenschaft entspringen, oder »was höher ist als alle Vernunft,« als alles rationalistische Vernünfteln, nämlich inspirierte Intuition der Erleuchtung, wie sie Bergson heut analysiert und zu der sich der Greis Kant ahnungsvoll in "eine Welt reingeistiger Naturen" durchrang. Zwischen diesem Greisenseher und dem von der Wissenschaft hochgeschätzten Professor der Antimetaphysik besteht keine innere Brücke, weshalb jeder Versuch, wie Chamberlains geistvoll kombiniertem Kantbuch »reine« und »praktische Vernunft« als einheitliches System darzustellen, verwerflich und hier nur der Rationalismus ehrlich scheint, der Kants erneutes Einschmuggeln vorher hinausgeworfener Postulate als Altersschwäche oder schielende Feigheit belächelt. Es war aber nichts dergleichen, sondern einfach Umkehr, allmähliches Verleugnen seines »titanischen« Verständigseins. Daß Kant von Natur zur Mystikerkenntnis neigte, zeigt seine grimmige Verachtung der Wissenschafter wie der Theologen schon in seiner klassischen Periode, wo er nicht behutsam vorging, ohne die Zurückhaltung seines Dehrmeisters Hume, der in einem wesentlichsten Punkt auf einmal alle Konsequenzen seiner Skepsis aufhob. Er glich hierin Demokrit, dessen Atomistik man fälschlich materialistisch auffaßt (er meinte nur beseelte Atome) und der, als Schüler persischer Magier in Abdera, nur deshalb das Wunderbare befehdete, weil alle Wunderokkulte natürlich seien, dem Pythagoras verwandter als dem Epikur. Kants scholastische Verstandesschärfe erinnert eher an Aristoteles als an Plato. Obschon er alle Wissenschafter als eine nur dem Grade nach vom Gewöhnlichen verschiedene, dagegen die Künstler als besondere überlegene Menschengattung erklärte, fehlte ihm selber diese Gabe plastischer Veranschaulichung in Plato und Bruno wie in Buddha und dem Urheber des Johannesevangeliums. Unter diesen vier großen Seelen-und Naturerkennern (Bruno auch naturwissenschaftlich wie Cusa und Paracelsus) war der feingebildete Grieche der Unklarste, seine »Ideen« sind lange nicht so scharf umrissen wie die visionären Erkenntnisse von Meister Eckhardt, Böhme, Angelus Silesius und sogar Swedenborg, wenn diesen nicht seine theologische Denkweise entstellt hätte. Kant bekehrte sich innerlich zu Swedenborg in geläutertem Sinne und es wirkt tragikomisch, daß die Wissenschafter seine »Träume eines Geistersehers« für Ironie ausgeben, weil Kants praktische Privatvernunft sich sicherer Zweideutigkeit befleißigte. Sobald man ihn als »titanischen Bahnbrecher« würdigt, erkennen wir keine besondere Eigenart in ihm, er fußt ganz auf Hume und Locke, dessen »Essay über menschliche Vernunft« (»Understanding« bedeutet hier nichts Anderes) heut wohl nur wenige gründlich lasen, oft so subtil wie Berkeley, der Stammvater von Fichte und Schopenhauer. Erst die moderne Utilitätsphilosophie von Mill und Spencer brachte einen Ton ins englische Denken, der mehr mit dem Empiristen Francis Bacon, dem »Haupt aller Philister« (Goethe) als mit dem mystischen Roger Bacon zusammenhängt. Im übrigen darf man jene älteren Engländer als die wahren europäischen Bahnbrecher im Erforschen von Subjekt und Objekt anerkennen. Für uns ist Kant so wenig wie der magisterhaft am Weltphänomen herumdozierende Hegel der wahre Logiker, sondern jeder unserer großen intuitiven Mystiker, während Descartes' konfuser Dualismus, Spinozas abstrakter Substanzmonismus, Condiliacs Sensualismus sich in lauter Widersprüchen bewegen, letzterer seine Unlogik selbst gestand, indem er Möglichkeit körperloser Seelen zuließ, also den gleichen Weg ging wie der alte Kant mit seinem Korpus Mysticum. Es ist Falschmeldung, daß Kants Vermächtnis noch heute lebe, unmöglich als zwiespältiger Torso ohne innere Einheit. Sein Hauptwerk ist geistig tot, nur das wegweisend, was er im Alter ahnte. Natürliche Pietät für seine Zeitgröße, obschon sein schiefes Verhältnis zu Fichte ihn zu einem sonderbaren Zeitgenossen stempelt, täuscht nicht darüber, daß seine erfundenen Imperative so kategorisch mißverständlich wirkten, daß er und der Revulotionär Fichte in der Kinderfiebel des Obrigkeitsstaats als preußische Schutzheilige prangen. Er gehört einer längst abgeschlossenen Epoche europäischen Denkens, Neukantianer ändern nichts daran. Goethe wandte sich zwar von Spinoza zu Kant, zuletzt aber zu Bruno und »Magie«. Er als der geniale Mensch konnte in Kant auch nur einen ungenialen Professor wahrnehmen und hielt wahrscheinlich Byrons Kain, der sich auffällig mit Blawatskis »Geheimlehre« deckt, für viel echtere angeschaute Philosophie. Aufs Systemspinnen kommt nichts an, Leonardos Kunstgenie hinterließ seherische Tiefblicke, tiefer als des ganzen Kant halb rationalistische, halb ideologische Vernünftelei. Wenn Mechanisten vor so manchem Orakel, das jener Mechanikgenius auf Randecken von Zeichnungen kritzelte, erschrecken müssen, würde etwa Kant ihn besser verstanden haben? Wo Vernünftelen aufhört, beginnt die Intuition. Wir verloren uns schon in höhere Gebiete, die Kants Rationalismus fern liegen. Das vielfach bedeutende Buch von A. Classen »über den Einfluß Kants« 1896 wettert gegen doppelte Buchführung, die nebeneinander Religion und Wissenschaft bestehen läßt, tut aber dann desgleichen und versteht Kant so, daß man das theoretisch Abgelehnte nachher zu eigener Befriedigung wieder glauben muß. Ist der Verstand dazu berechtigt, der nie über Sinnliches hinausreicht, was metaphysische Ideen nicht haben können? Wir stoßen stets auf die Ergötzlichkeit, daß Materialismus, richtig verstanden, in abstruse Mystik mündet. Denn er setzt voraus, daß die Außenwelt sich überwältigend in den Hirnraum ergießt und jede Selbständigkeit darin erdrückt, dann aber müßten Hirn- und Weltraum dem Wesen nach räumlich adäquat sein, was natürlich Unsinn ist. Da jeder Erfahrung etwas Erfahrungsfähiges vorausgeht und der unendliche Raum des Bewußtseins vom engen Hirnraum verschieden, so hat Classen recht, daß gerade deshalb das Bewußtsein eine Außenwelt wahrnehmen kann, was bei Identität von Welt- und Hirnraum unmöglich wäre. Doch tappt er selbst in Unklarheit. »Was auf Empfindung beruht, ist wirklich«, wirklich? Daß wir die Eigenschaften der uns fremden Dinge unsern Empfindungen anpassen, ist kein Beweis der Wirklichkeit.

Hierher gehören Untersuchungen über das Farbenproblem. Classen sucht als Arzt scharfsinnig zu überzeugen, daß die Beziehungen der Netzhaut nur mit der allgemeinen Empfindung parallel gehen, keineswegs mit ihr identisch. Nervenerschütterung durch Ätherwellen genügt für den Farbenschein, wir möchten an den Volksausdruck erinnern, daß es einen grün und blau vor den Augen wird. Daß für jede Farbe eine besondere Netzhautfaser bestehe, scheint uns eine verfehlte Hypothese Helmholtz', als ob das Nervensystem von vornherein sich auf etwas einrichtete, was ursprünglich gar nicht bestand, nämlich Farbenskala. Wir geben freilich als möglich zu, die betreffende Substanz des Sehvermögens habe sich nachträglich dem Prozeß des Farbeempfindens äußerlich angepaßt, so wie andauernde Einwirkung auf das Gehör vielleicht kleine Änderungen im Ohrgehäuse verursacht. Dies alles fällt unter physische Kausalität, erklärt aber nicht entfernt, wieso überhaupt Farben wahrgenommen werden. Neger, obschon von gleichen Lichtwellen berührt, sehen angeblich nur eine Grundfarbe, somit ist Farbe ein individueller Subjektivismus. Uns scheint unnötig über Grund- und Mischfarben zu spekulieren, dagegen ist wichtig, daß jeder Lichtreiz, da elektrische Ströme positiv und negativ wirken, auf den Sehnerv doppelpolare Wirkung übt, wodurch vielleicht Farbenempfindung entsteht. Polarer Doppelreiz wirkt aber auf jeden lebendigen Nerv, daher müßte Analogie zur »Farbe« auch anderswo aufgefunden werden, Ob die Farbenqualität etwa mit Erinnerungsassoziation zu tun hat, wie Goethe zu glauben schien, scheint uns fragwürdig, denn die ersten Menschen sahen gewiß die gleichen Farben und hatten dabei keine Erinnerung wachzurufen. Farbenlehre trägt wenig zur allgemeinen Psychologie bei, denn die Ästhetik, welchen positiven oder negativen Reiz jede »kalte« oder »warme« Farbe ausübt, ist rein subjektiv. Gelbbraun machte auf Goethe den Eindruck des Kotigen, andern befriedigt es angenehm den Sehnerv; Zinnoberrot, eine kalte und künstlerisch mißfällige Farbe, erfreut das Bauernauge, wie es auch viele Gebildete haben, die das Grelle für koloristisch halten. Classen liefert den fachmännischen Beitrag, Schielen sei eine psychische Lähmung der Netzhaut, hier kann der Denker weiterbauen: so wäre Erblindung eine ähnliche Erkrankung wie Geistesverfinsterung. Dem scheinen physische Ursachen zu widersprechen, bei denen aber indirekte viel häufiger als direkte. Letztere (Überanstrengung des Sehnervs durch zu viel Lesen kleiner Schrift im Halbdunkel, zu viel Benutzen künstlicher Gläser) führen meist nur zu Schwächung, nicht Versiegen der Sehkraft, selbst gewaltsame Eingriffe, falls sie nicht zu wirklicher Zerstörung führen, rauben dem Auge nicht so sicher die Kraft wie Bluterkrankung. Wirft Erkältung sich aufs Auge, so geschieht dies nur, wie bei Darm- oder Lungenkatarrh allgemeine Störung körperlichen Gleichgewichts sich auf den schwächsten Teil wirft. Dagegen geht sehr häufig Erblindungen eine lange Periode von Kopfkongestionen vorher, auch Hirnsyphilis (Nietzsche) kann ebensogut zum Irrsinn wie zur Erblindung führen. Bei den heftigsten Geistesarbeitern, die am meisten lasen, kam ein Schwächerwerden der Augen allzeit ebenso selten vor wie Behaftung mit chronischen Migränen. Nicht umsonst stecken die Sehorgane im Kopfe auf gleichem Niveau wie der innere Nerv, Augen- und Hirnerkrankung dürfte ziemlich das gleiche sein, so daß Erblindung oft vor Wahnsinn und Wahnsinn oft vor Erblindung schützt, Symptome gleicher Ursache. Wenn ein Arzt sich nicht zu solcher Deduktion aufschwingt, so dürfte man wenigstens erwarten, daß sowohl Classen als Goethe auf zwei Phänomene Gewicht gelegt hätten, die ein besonderes Eicht auf das Sehproblem werfen. Zunächst die Negation des subjektiven Farbengenusses durch Farbenblindheit, die doch nur eine psychische Lücke sein kann, oder Bevorzugung und Erzeugung von Farben durch Gemütsbewegung. Dem Jähzornigen wird es rot vor den Augen, und wenn der Okkultismus die Aura mit bestimmten Farben bekleidet, so verbindet schon der Volksglaube Gelb mit Neid, Grün mit Heuchelei. Vorliebe für bestimmte Farben hat sicher psychische Ursachen, Gewalthaber lieben nicht umsonst Purpur und Scharlach, die Blutfarbe der Macht, während auf andere Naturen Blau oder Weiß besondere Anziehung übt. Das zweite Phänomen ist willkürliche Farbenerzeugung bei geschlossenen Augen im Dunkel, obwohl hier manchmal bestimmte Reize bei Schließen des Auges vorhergehen, so daß frühere Dichtreflexe sich in Farben umsetzten. Gleichwohl bleibt der Vorgang merkwürdig, denn die meist dunkel- oder rosaroten oder grünen, gelben, blauen Lichtkugeln oder -kreise, die sich vor dem inneren Auge bilden, entstehen doch nun mal ohne direkte Imprägnierung der Netzhaut durch Dichtwellen. Treten also hier die Farben im Dunkel klar auf, so sind dies nur Erinnerungsbilder: wenn daher unter Ausschluß des Auges der innere Sehnerv sich erinnert und desgleichen Landschaften, Figuren, Porträtköpfe bei geschlossenem Auge vorüberschweben, so ist dies ein gänzlich psychischer Akt, unsichtbar-sichtbar, und hierdurch wird jeder Farbeneindruck als Psychisches Auffangen und Einstellen der Ätherwellen bewiesen. Für das völlig Spontane und Blitzartige dieser innern Photographien einer psychischen Dunkelkammer fehlt jede Erklärung, es sei denn die einer präexistenten Erinnerung bei vorher nie geschauten willkürlich hervorgezauberten Bildern, übrigens sind ja auch farbige Dichtkreise nichts früher bei offenem Auge Gesehenes.

Für Kant dreht sich alles darum, daß ohne apriorisches Erkenntnisvermögen auch Sinneswahrnehmung unmöglich sei. Das läßt sich noch tiefer fassen. Die Uhr tickt stets, wir überhören ihr Geräusch, plötzlich hören wir es stark in der Nachtstille; sobald wir aber darüberweg denken, hört der Ton für uns auf und wird unhörbar. Überzeugt nicht solche Beobachtung, daß die Sinne vom Bewußtsein abhängen, d. h. vom Willen, etwas zu sehen und zu hören? Die Psyche will, daß der junge Weltbürger die Augen aufschlägt, die unendlichen Folgen davon sind aber kein mechanisches Abrollen, denn alles Geschaute richtet sich ja nur nach den Gesetzen der uns eigentümlichen Anschauung. Elefant oder Biene sehen und hören anders als wir, verarbeiten ihre Welt nach ihrem Erkenntnisvermögen und schaffen damit genau so relative Werte wie wir. Der Täuschung entrinnt man nur durch Abstreifen des Lebens, es aber deshalb für zwecklos halten, ist sträfliche Anmaßung der unreinen »reinen« Vernunft, da eine Täuschung auch nur Täuschendes über sich aussagen kann. Sinnlicher Anstoß für alles Denken besagt nichts für den Sensualismus, denn das Sinnliche ist selbst schon unser Denken. Fichte, Hegel, Schopenhauer beriefen sich bei Suchen nach Dingen-an-sich irrig auf Kant, der eine Wirklichkeit außer uns zugab, nur daß wir sie eben durch unsere Vorstellung erfassen, was laut Mill induktiv, laut Schopenhauer deduktiv erfolgt. Ob wir mit letzterem nur eine Kategorie oder mit Kant zwölf unterscheiden, so viel ist sicher, daß Erfahrung, von der Wissenschaft soviel Wesens macht, nur »das erste Produkt ist, das unser Verstand hervorbrachte, indem er den rohen Stoff bearbeitete« (Kant). Pochen auf Erfahrung entspringt daher philosophischer Unreife, Zustandekommen individueller Urteilssammlung erweist als primär einen schon gegebenen Intellekt. Deshalb hilft dem Materialismus nichts, daß Urteile und Begriffe mit Empfindung und Wahrnehmung zusammenhängen, denn nicht letztere bringen erstere hervor, sondern die ersteren sind selber die Ursachen derjenigen Wahrnehmung, über die sich gleichzeitig ein Urteil bildet. Käme hier Materie in Frage, so wäre es nicht die der Außenwelt, sondern unseres Hirnapparats, durch den erst die Erscheinung sich vor uns bildet. Selbst wenn wir so konsequent monistisch denken, daß identische Entwicklung von Hirn und Erscheinung möglich scheint – wächst doch unzweifelhaft das Hirn mit zunehmender Erscheinungsaufnahme –, so kann dies nie materialistisch gedeutet werden. Daß Seh- und Weltraum spezifisch verschieden sind, befriedigt zwar nicht den Materie-Monismus, wohl aber den transzendentalen im Einklang des Unsichtbaren. Der subjektive Idealismus überredet uns nicht, daß außer uns nichts da sei, wohl aber ahnen wir, daß Außen und Innen im letzten Grunde das nämliche sind. Möglichkeit unendlichen Bewußtseins entspricht genau der Möglichkeit unendlicher Außenweltbewegung. Unsere Zeitzerlegung ist keine Empfindung, sondern erfahrungsmäßiger Verstandesmodus, sich mit Kausalbewegung ins reine zu setzen: unwillkürlicher Beweis, daß wir ein Außer-uns zwar anerkennen, aber unserm Bedürfnis unterwerfen, daher Unabhängigkeit unserm Erkenntnisvermögen immanent ist. Aristoteles meint: »Die Seele beaufsichtigt den Körper wie der Herr den Sklaven, Vernunft die Phantasie wie die Obrigkeit den freien Bürger«, was Bacon überraschend kommentiert, der Bürger werde seinerzeit selbst die Obrigkeit. Homers Phantasie wurde gesetzgeberisch für Hellas, Bulwer setzt in »England und die Engländer« auseinander, wie Byron eine ganze Generation färbte, deshalb ist nur des Eklektikers Cousin würdig: »Die Menge hat ein magnetisches Übergewicht, das stärkste Seelen überwältigt«, vielmehr wird die Menge zuletzt von stärkerer Individualität bezwungen. Doch auch diese Regel hat Ausnahmen, die nicht »bestätigen«, wie man närrisch sagt, sondern die Norm umstoßen. Taine meint, der wahre Beweis für Prinz Alberts Sterblichkeit (siehe Mills Gleichnis) bestehe darin, daß die unbeständige chemische Körpermischung sich auflösen, also Sterben zur menschlichen Wesenheit gehören müsse, es gebe absolute Tatsachen, aus denen selbst die Ameisen, wenn sie philosophieren könnten, die gleichen abstrakten Begriffe bilden würden. Warum sollten Ameisen nicht philosophieren, ihre Zweckmäßigkeitsbeobachtung übertrifft die menschliche, sie analysieren erfolgreich jedes Hindernis, doch ihre Erfahrungsurteile ziehen sicher nicht gleiche Schlüsse wegen grundverschiedener Werkzeuge. Notwendigkeit des Sterbens durch chemischen Zerfall ist abstrakte Unterschiebung von Trivialerfahrung. Warum sollte ein chemisches Aggregat sich nicht aufrecht halten durch beständige kosmische Zufuhr? Da könnte man ja behaupten, alle Sonnensysteme müßten sich eines Tages auflösen, weil ihre chemische Zusammensetzung endlichen Zerfall bedingt, Helium und Radium scheinen aber unzerstörbare Stoffe, und es wäre möglich, daß im Menschen verborgene Radioaktivität waltet, den Elektronen sehr angemessen. Daß unser Körper durch stete Verminderung chemischer Beharrungsfähigkeit eingehen müsse, ist bloße Behauptung. Die Japaner sagen, jeder könne bei natürlicher Hygiene über 100 Jahre leben, die Inder sagen, daß Bestimmte und Besondere viele Jahrhunderte leben, Erfahrung sagt, daß Longävität und Mortalität ungemein abwechseln. Also läßt sich ein Zustand denken, wo Körperzellen durch stete Neubelebung großer Blutkörperchen bis ins Unendliche aushalten, ein Lebenselixier ist so wenig undenkbar wie Goldmachen der Alchemisten, Identität von Menschheit und Sterblichkeit daher nur abstrakte Voraussetzung. Alles rationalistische Denken handelt nach Aristoteles: »Man beweist ein Faktum, indem man seine Ursache zeigt.« Als ob man die Ursache von irgendetwas folgern könnte, was nicht schon als bewiesene Tatsache vorliegt, Ursache einer Nichttatsache kann man nicht finden! Man dürfte also mit gleichem Recht sagen: Man beweist eine Ursache, indem man ein Faktum zeigt. Gesetzt den Fall, man bewiese die Ursache eines erfundenen Monstrums, wie Leonardo und die Griechen es als Phantasiespiel aufzeichneten, so würde jedermann lachen, und doch wäre bedeutungsvoll, wenn man Ursachen definieren könnte, unter denen das erfundene Monstrum möglich wäre. Solch Mitwissen von Naturgeheimnissen schließt sich aber glatt aus, man kann Ursachen nur aus Bestehendem ableiten, also nie abstrakt. Jeder Beweis ist Hypothese, der Denkprozeß ist umgekehrt: Man nimmt die Tatsache als Beweis und konstruiert daraus eine Ursache. Ein Mord ist bewiesen durch Tatsache, nachher fahndet man nach dem Täter, Rationalismus aber schwindelt, er werde den Mord, der keines Beweises bedarf, dadurch beweisen, daß er den Täter findet. »Jede Feststellung ist verneinend« (Spinoza), jedes bestimmbare Ding trennt sich von allen übrigen, Kausalität ist Voraussetzung zeitlicher Trennungen. Doch jedes Zukunftsziel gegenwärtigen Ernährungsdrangs ist schon eins mit dessen Vergangenheitsursprung, denn Hunger als Urgefühl war allgemeine Natureinrichtung zur Lebenserhaltung, Hunger und Lebensdrang sind identisch, somit deckt Gegenwart sich mit Vergangenem und Zukünftigem, Körperleben hat kein Ziel, das nicht schon zu Anfang vorhanden war und ewig gleich bleibt, alles Streben ist Konstante, Auswirkung stets die nämliche. Wenn die Wärmetheorie bis auf Youle die Wärme mit der Bewegungsqualität gleichsetzt, so bleibt diese Äquivalenz ungeklärt, solange man nicht die Ursache der mit Wärme identischen Bewegung kennt. Nun, das unbekannte Dritte als Impuls von allen ist das Empfinden in der Natur mit der Allempfindung Gott. Dies fühlte Brunos Affetto universale, im Anfang war das Allgefühl, Logos bedeutet nur das Ausdruckswort, in dem sich Gott entladet. »0 könnt' ich doch verkörpern, was ich fühle, und wär' ein Blitz das Wort, ich sprach es!« erfleht Byron das Logoswort, man wird kein Seher, d. h. Sehender ohne Inspiration nach oben und Intuition nach unten, jeder Dichter hat mehr Empfindung, d. h. Anschauungsfähigkeit als Kant. Die baufälligen Systeme der Rationalisten zeigen die Vernunft als launische Dame, die jedem ihrer Günstlinge etwas anderes diktiert.

Bei dieser amüsanten, aber mißlichen Posse bildet die Vernunft sich ein, induktiv zu verfahren, während sie deduktiv voraussetzt, so konnte der Deist Voltaire sich über das Lissaboner Erdbeben nicht beruhigen wegen Voraussetzung einer um die Menschheit väterlich bemühten Gottheit. Womit verdient der Mensch solche Bevorzugung? Der redlich Empfindende bekennt demütig, daß eine schlechte Menschheit eine bessere Welt nicht haben könne, egoistische Forderung gegen kühle Notwendigkeit; daß aber der Mensch nicht moralisch ist, beweist nichts gegen moralische Weltordnung. Der Abenteurer Trelawney spricht mal aus, was wir erfahrungsgemäß bestätigen, daß der Freitag der Seeleute als Unglückstag für alle wahr werde, die daran glauben (Byron, Bismarck u. a.) d. h. ihr Empfinden darin verankern. Wechselbeziehung individuellen Gefühls zur vorgestellten Wirklichkeit ist wesentlich für Erkennung des Allaufbaus aus lauter Individuellem. Ein Schriftchen »die innere Stimme« von v. Rechenberg deckt Gefühlszeichen auf, die als Instinkt aktiv und passiv bestimmen, auch wenn sie dem Verstand zuwiderlaufen, ähnlich Sokrates' Daimon. Dessen Verteidigungsrede schloß aus jetzigem Schweigen des Daimon, der ihn sonst vor jedem Übel warnte, sein bevorstehender Todesgang sei kein Übel, ihm war also Empfindung die Stimme inneren Wissens. So fühlt sich Eydt von leisem Schauder gepackt, »wenn mir aus tiefstem Grund der materiellen Natur das immaterielle: Leben entgegentritt, Vergeistigung der Materie sozusagen unter den Fingern.« Den astronomischen Radius besäte der Mensch mit Sternbildern, die er symbolisch benannte, antike Mystik glaubte an Liebesbeziehung in Gestirnbewegung, wie es Mussets Rolla so inbrünstig besingt. Vermenschlichte Gefühlssymbolistik bringt vielleicht der Wahrheit näher, da alles Naturgeschehen in Licht und Äther rational unverständlich bleibt. Lehrte doch Paracelsus eine »Religion der Arznei«, indem er aus natürlicher Signatur belebter und unbelebter Stofformen gesetzmäßig Heilkräftiges ableitet. Den durchaus psychischen Charakter des Lebens enthüllt auch das Driesch-Experiment. Schneidet man die Kopfzellen eines Froschkeims ab und versetzt sie als Hinterfüße oder setzt man umgekehrt letztere an den Kopf, so verleugnet sich die zoologisch vererbte Anlage: Die umgewechselten Zellen erfüllen die gleiche örtlich zugestimmte Aufgabe, die Hinterfüße entwickeln sich als richtiger Kopf, die Kopfzellen als richtige Hinterfüße. Mechanische Strukturlage der Mutterzellen beirrt also nicht die Idee des Organismus, das Keimplasma handelt nicht psychomechanisch, sondern nach unsichtbarer Anordnung. Durchdenkt man dies Experiment, verschlägt es dem Rationalismus den Atem.

»Der Mensch an sich selbst ... ist der größte und genauste physikalische Apparat... und das ist eben das größte Unheil der neueren Physik, daß man die Experimente gleichsam vom Menschen absonderte und bloß in dem, was künstliche Instrumente zeigen, die Natur erkennen, ja was sie leisten kann, dadurch beschränken und beweisen will« (Goethe »aus Makariens Archiv«). Wie klar geahnt für jeden der selber Klarheit hat! So nähert sich Goethe wie Leonardo wahrem Naturerkennen, weil Künstlerauge die schöpferische Künstlerin Natur verständnisvoller liest als Brüle der Wissenschaft, die nur Staubfäden und nie inneren Saft der Pflanze bemerkt. Jede von der Psychevorstellung abgesonderte Betrachtung wird das größte Unheil, weil gerade sie sich von wahrer Natur entfernt und über physikalischem Apparat den Motor des Menschenwesens vernachlässigt, dessen psychische Beschaffenheit allein die Natur erklärt. »Ins Innere der Natur dringt kein erschaffener Geist,« wohlverstanden, weil dies Innerste den letzten zureichenden Grund enthält, der sich nicht in endliches Denken fassen läßt, doch das Äußere der Natur kann nie verstanden werden ohne die fortwährend darüber hinblitzenden Ausstrahlungen aus dem intuitiv geahnten Innern. Da deutsche Bildung so fest auf Goethe baut, muß sie sich auch den Wahrspruch »zur Naturwissenschaft« zu eigen machen: »Warum sollte es nicht unsichtbare Welten geben, sind die neuentdeckten Planeten nicht der ganzen Welt unsichtbar außer wenigen Astronomen, denen wir auf Wort und Rechnung glauben müssen?« So ist es, das Unsichtbare als Welttatsache kann aber seherisches Schauen mit psychischen Teleskopen entdecken, bis Zentralplaneten der Wahrheit dem Seelenastronomen sichtbar werden. Bulvers Aufsatz »Neigung zum Universalismus« nennt alle Spezialisten »Milben, die an einem einzigen Blatt am Baum der Erkenntnis brüten«. Auch Ameisenbären schnüffeln umsonst nach Weltordnung. Nur der Universalist erfaßt das Universum, doch freilich muß er Psychespezialist für Individuelles werden.

Luden sagt in Einleitung zu Herder, daß die Alten nicht grausamer waren als wir, jedenfalls erfand man neue Foltern gegen alles Ungewöhnliche, um den Abstand zu verringern, wie Schönfeld-Nordaus Zersetzungssucht »Entartung«. Seine psychiatrische Diagnose des Musikfimmels (alle Irren musikalisch, laut Sollier Musik die ungeistigste Kunst, »sie verdummt«, bekannte jüngst ein bekannter Musiklehrer) bleibt Wagner gegenüber leidige Philistermache, so wenig wir das Abendmahl in beiderlei Parzifalgestalt einnehmen möchten. Solch schnüffelndem Schwachmatikus, der als Frauenarzt überall Hysterie wittert, wird zuletzt jede Idealromantik Auswanderung der Vernunft, obschon ein süßliches »Blessed Damozel« nur natürliche Reaktion gegen bebrillte Verstandschulmeisterin. Er nennt Ruskin einen gestörten Frömmlerfanatiker, dessen praktischer Utilitätssinn vielmehr das solid Handwerksmäßige der Bildtechnik empfahl. »Romantik und Gegenwart« (Ewald) verstehen sich heut ganz gut. »Zum Genie wird Talent durch dauernde Fähigkeit der Anpassung« (Mach)? Dann sind Nordaus Entartete alle Genies, denn sie paßten sich famos der Zeitströmung an, gegen die zu schwimmen sie strampelnd vorgaben. »Anpassung« tut's dem Verbohrten an, tatsächlich paßt umgekehrt die Gesellschaft sich ihren Chorführern an. Der Durchschnitter, für den die Griechen ein besonderes Wort prägten, bleibt stets passiver Untertan jeder Hypnose, obschon er mit Normalität prunkt.

Der Begriff Endzwecke brachte »der Naturwissenschaft keinen Vorteil«? Derlei ist gar nicht ihres Amtes, denn »die Erde ist klein« (Kolumbus aus Jamaika), das Jenseits des Unsichtbaren lebt aber schon auf Erden, deshalb fiel Entstehen von Sternkunde und Religion zusammen (Falb, »Sterne und Menschen«). Ob Geburt ein Lethetrank versinnlichter Vergeßlichkeit, Tod sich erinnernde Selbstbesinnung, jedenfalls würde durch Austrocknen aller Erinnerung das Leben irrsinniges Schattenspiel, und Lichterkennen in diesem Dunkel ist alles Lebens Endzweck. Das Schöne hat seinen eigenen Weg zum Wahren und Guten, nur darf man es nicht äußerlich ästheteln wie Shaftesbury. Seine Griechenästhetik gab Anaxagoras den Genieblitz ein, der Mensch sei geboren »zum Anschauen«. Wer Leben als Fleischerladen sieht, den kümmern nur Sinken der Fleischpreise und Billigkeit des Rindviehs, doch wenn die Zähne zum Beißen ausfallen, dann jammern Fleischergesellen über Bankrott der höchsten Güter. Es gibt nur eine Selbstlosigkeit, im Geiste leben, alles andre ist Selbstbefleckung. Versuchungen des heiligen Antonius und Bekenntnisse des heiligen Augustin sind nur dem Grade nach von All-Gemeinheit verschieden, der eine will eben »den Himmel« erwerben wie der andre Geld. Die wissen nicht, was sie tun, die wie Bertax' »Zweifel« in unbekannte Welten Christus als Allbekenntnis einführen, vor Plato würden sich »Ideen« als Olympier verkörpern. Das »Haupt voll Blut und Wunden« ersetzte den Apoll, weil »berufene Diener Gottes« das Hospital als Vorhof der Götter ehren, um in ihres Nichts durchbohrendem Gefühl dem geheiligten Ich zu schmeicheln. Nur die Ästhetik wunschlosen Anschauens tastet nicht gierig danach, den Schleier des Unsichtbaren nach eigener Fasson zuzuschneiden.

Geisterlehre und Totemismus des Papuanegers sind weiser und nützlicher als eine Wissenschaft, die Sichtbares nüchtern liest wie ein Kontobuch und dabei doch ins Leere greift, denn die Blätter sind mit unsichtbarer chemischer Tinte beschrieben, die schärfste Brille sieht nicht mehr davon als das unbewaffnete Auge. »Elohim« personifizieren jedenfalls anschaulicher die strahlenden Urkräfte, während vorausgesetzte »Atome« sich bloß als elektrische Sprengwirkung erweisen. Alle Materiebegriffe lösen sich in ein Lichtmeer auf, dessen Quellen und Strömungen ebenso unberechenbar wie unsichtbar bleiben.

»Wir bewegen uns in einer Menge schwebender Objekte, unsichtbare Welten umdrängen uns. Unter solchen Phantasmagorien, gleich einem, der sich durch einen Maskenzug Bahn bricht, ringen wir dem Licht entgegen« (Inglesant 1892).

Wenn die Säulenheiligen Schmutz zu religiöser Pflicht machten, so riecht kirchliche Unreinlichkeit nicht schlechter als Sauberkeit bei philosophischem Symposion, wo irgendein biogenetisches »Grundgesetz« (unter seinen Gründern Agassiz und Baer noch bescheiden im Hintergrund) als Schaupastete aufgetragen wird, aus der unter Trompetengeschmetter ein Zwerg herausspringt zur Belustigung des gelehrten Hofstaats. Verwesung winkt neuem Lebenskeim, doch wo zwei Verwesungen um die Herrschaft streiten! Früher schmorten Kompromißler als Ketzer, heute verbeugt sich Verständigungstheologie vor »Wissenschaft« und stößt sieh in der Sackgasse wund, daß neue fettglänzende Schläuche platzen, wenn man abgestandenen Wein neben absurd gärenden Most einfüllt. Priesterseminare für Kameralia geistlicher Jurisprudenz als Naturheilkunde lassen den Unerforschten ebenso kalt wie philosophische Quacksalberei, Sünden wider den Heiligen Geist sind nicht dessen Ausgießung, kein Pfingsten brach an mit Feuerbachs Spott: »Wahrheit ist heute Unwissenschaftlichkeit«, denn er eröffnete Feindseligkeiten gegen Gott, indem er nur ein irdisches Götzenbild abschüttelte. Doch wie der Preußenkönig gegen Fichtes »Atheismus« keine Sperre verhängte: »Händel mit Gott? mir tut das nichts«, so lächelt Gott jenseits jeder Götzendämmerung, ihm tut das nichts!

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