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Der Aufgang des Abendlandes

Karl Bleibtreu: Der Aufgang des Abendlandes - Kapitel 4
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authorKarl Bleibtreu
titleDer Aufgang des Abendlandes
publisherWilhelm Borngräber Verlag
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firstpub1925
correctorreuters@abc.de
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III

Schon Heraklit und die Pythagoräer lehrten zyklischen Rhythmus der Allbewegung, Vedanta und Buddhismus bauten es schon in Zahlen auf. Ein Großjahr bedeutet 360 Erdjahre, ein Großzyklus 4+320+000, 71 Großzyklen ergeben Manvantara, teilweise zeitliche Auflösung, 14 Manvantaras wieder in 71 Zyklen unter dem Namen Kalia setzen die Zerstörung fort, 36+000 Kalias ergeben Maya-Praylaya: Zurückziehung aller Manifestation in den Einen. Das sind die »Nächte Brahms«, Einatmen des Daseinsodems in den Einen zurück, sogleich gefolgt von erneutem Ausatmen in neuen Zyklen der »Tage Brahms«, gleich lang wie die Nächte. So schwingt sich das Rad des Vergehens und Entstehens von Planet zu Planet, Tätigkeit und Untätigkeit wechseln wie Wachen und Schlaf. Sind wir so denkerisch befriedigt? Nicht ganz! Nach okkulter Auffassung ist Schlaf kein vermindertes, sondern gesteigertes Leben, Nacht hat Reize wie Tag, der Begriff Tage und Nächte deckt sich nicht damit, wenn Nacht des Manvantara wirkliche Götterdämmerung bedeuten soll, zeitweiliges Wegwischen des Weltbildes. Denn ein untätiger Weltgeist ist undenkbar, ein Nichts ebenso. Man könnte sich nur Einsaugen alles Sichtbaren in den Äther vorstellen, damit ist aber die Welt nicht aufgehoben, sondern besteht als Äther fort, natürlichster Aufenthalt für Nirvanaerlöste. Wo bleibt aber, was als Leben sich tummelte? Eine dem Manvatara verfallene Welt war nach indischer Vorstellung nicht mehr lebensfähig, der versinkende Planet durch angehäufte Karmaschuld in den Abgrund gezogen. So einst der Erdteil Atlantis, dessen Bewohner als Mechaniker und Elektriker schwarze Magie trieben, nach welchem 4. Zyklus allmählich der 5. ins eiserne Zeitalter Kali Yuga eintrat »an age full of horrors« (Blavatzky), dessen Früchte Weltkrieg und Weltrevolution. Gehen wir teilweisem Manvantara entgegen, wohin wandern die unzähligen selbstverdammten Seelen, so weit vom Nirvanaäther entfernt, und wohin erst, wenn die volle Nacht des Brahm hereinbricht und kein Planet mehr Wohnorte gewährt? Wie stimmt dies zu der Lehre, daß erdgebundene Individuen in wenig Jahren, sogar wenig Tagen zur Erde zurückkehren, wenn doch keine Erde mehr ist? Fortgeschrittene Seelen ruhen für Jahrhunderte, manchmal Jahrtausende in höheren Ebenen, bis die Menschlichkeit ihr Niveau erreichte? Doch wo bleiben die höheren Ebenen, wenn alles Nacht bedeckt? Wir dürfen unmöglich Manvantara in solchem Sinne auffassen, das Sichtbare mit Unsichtbarem verwechseln. Letzteres kann nie und nimmer für eine Sekunde seine Tätigkeit einstellen, ob auch der Schein des Sichtbaren vergeht. Man denke sich also unter Einatmen Brahms eine andere Ordnung der Dinge, die über menschliches Denken geht, doch keine Nacht, kein wirkliches Schlafen des Weltwillens. Die sieben übernatürlichen Kräfte der indischen Adepten scheinen nicht übernatürlich genug, um hier das Mögliche geschaut zu haben.

Steigen wir aus höchsten Regionen des Alldenkens zu dem herab, was Menschen Natur nennen, wie kann eine an die Erde gefesselte Wahrnehmung Allgesetze entdecken? Linné sagt: »Die Natur bleibt sich immer gleich.« Ein kurzes Schlagwort, das zwar der Evolutionsphrase den Kopf abschlägt, doch den steten Stoffwechsel der Natur allzu summarisch abtut. Als Botaniker durfte er dies nicht mal formal behaupten, denn mannigfache Metamorphose der Pflanzen ergibt keine unbedingte äußere Gleichung. Dagegen wird der Metaphysiker dazu Beifall nicken, daß Transformierung gleichwohl den Kern der Dinge nicht antastet, während Naturkunde nur an der Schale herumknabbert. Er wird deshalb auch den Streit über »Schaffen« oder »Entstehen« der Welt als leeres Wortgezänk verpönen. Ungenauer Begriff macht Schaffen zu etwas zeitlich Begrenztem, Entstehen zu unbegrenzt Zeitlosem, als ob es nicht grenzenloses Schaffen und beengtes Entstehen geben könne. Erschaffen des Alls auf einen Hieb wäre so, als ob man an einem Tag eine vollendete Statue aushauen könnte, nie meinten dies die alten Schöpfungsmythen. Doch Zeitmaß des Schaffens variiert von Leonardos Langsamkeit bis zu Raphaels Überproduktion, neun Jahre wollte der ungeniale Horaz an einem Opus feilen und brauchte Gott 9 Billionen Jahre zur historischen Schöpfung, so bleibt er darum doch ihr Autor. Jedes Werk entsteht, trotzdem sagt man zutreffend, daß es geschaffen sei. Alles wechselnde Entstehen in Werden und Vergehen ist ein fortlaufender Schaffensakt, statt eines einmaligen setze man nur einen ewigen Schöpfer, der täglich an seinem Kunstwerk formt. Da wir ihn nicht beobachten können, so scheint auch der Streit müßig, wie er arbeitet. Angeblich langsames Entstehen aller sichtbaren Formen stellt man triumphierend in den Vordergrund, um Mechanistik von da aus einzuschmuggeln. Natürlich kann es in der Unendlichkeit keinen einmaligen Schöpfungsakt geben, doch allmähliches Entstehen eines Gemäldes und analytische Zerlegung, daß es aus Leinewand, Kohlenstift, Farbe hervorging, machen doch nicht den Maler selber überflüssig. Den sieht man ja auch nicht arbeiten und etwa mal ins Atelier Zugelassene, was sehen sie? Sichtbare Handarbeit, nicht unsichtbaren Plan der Kunstkomposition. Wenn man Goethe beim Dichten zuschaute, sähe man nur Hand und Feder auf dem Papier: So sieht man vom unsichtbaren Schaffen in der Natur stets nur die Materialisationsbewegung. Und deren Methode? Aus Blutkreislauf und Erdmagnetismus folgerte Descartes, daß Spiralbewegung und Polarität im ganzen kreisenden All regiere, der Lehrsatz mag richtig sein, zumal Buddha es ähnlich ansah, doch was gewinnt man damit? Untersuchung äußerer Mittel. Daß der Maler die Palette nicht verkehrt hält, Pinsel und Farbentuben benutzt, so weit in Wissensmacht sind wir schon. Doch die Leinwand des Ätherraums koloriert nicht selber die dort vorgezeichnete Komposition, auch behaupten Eingeweihte, daß manchmal eine mißlungene Linie weggewischt und ein störender Fleck übermalt wird. Wer aus solcher weisen Erforschung mechanisches Entstehen eines aus unsichtbarer Vorstellung des Kunstingeniums Entsprungenen begründen wollte, setzte sich dem Gelächter jedes Schuljungen aus. Das überhebt uns der Mühe, dies ironische Gleichnis weiter auszumalen. Ob wir den Bildner »Gott« oder »Nous und Logos« benamsen, hat nur für Kunstgelehrte Wichtigkeit, Name ist Schall und Rauch. Don Quixotes Wissenschaft attackiert auf dem Rosinanteklepper »Naturgesetze« alle möglichen Windmühlen, reitet Bleisoldaten der Pseudoreligion reihenweise nieder. Indem sie aber das Schlachtfeld zu behaupten wähnt, verwandeln sich die leblosen Figürchen plötzlich in lebendige Körper und schießen den vermeintlichen Sieger tödlich in den Rücken. Denn jenes Spielzeug der Kinderstube war doch Nachahmung wirklicher Soldaten, unsichtbare Wahrheit wird nicht aus der Welt geschafft, weil man sie stümperhaft versichtbaren wollte.

Tritt jemand zu stürmisch in einen Antiquitätenladen, schlägt er wohl unvorsichtig Tassen und Kelche vom Regal herunter, doch das Geschädigte braucht darum noch nicht Meißner Porzellan und Gold zu sein, die Schadenersatzrechnung richtet sich danach. Den Anempfehlern des Buddhismus, als ob er der Stein der Weisen und ein Kobrastein für alle Giftwunden sei, schauen wir geradeso auf die Finger wie den Kirchenchristen, und was wir herunterschlagen, ist billige Schleuderware gefälschter Reliquien, die man für Naive feilhält. Doch machen wir gewiß nicht Reklame für moderne Kaufhäuser des Westens, wo man statt solider antiker Eichenmöbel nur elegant geschmacklosen Pofel verkauft, das Antiquariat enthält trotzdem manch wertvolles Stück, das wir gebührend taxieren. Indessen haben achtarmige Buddhabroncen und elfenbeinerne Kruzifixe nur noch Liebhaberwert auf modernen Auktionen. Die kunstfremden mosaischen und islamitischen Semiten verdammten die arischen Christen als heidnische Götzendiener, weil deren Kirchenbilder die Götterstatuen fortsetzten, doch sie selber erklärten den Menschen für eine Götterstatue »Abbild Gottes«, welche Blasphemie nur den Spott wachruft: Ein netter Gott, wer solcher Kreatur gleicht! Mit solcher Selbstvergötzung räumte die Moderne nicht auf, sondern verstärkte sie. Nicht auf Heerstraße der Alltäglichkeit, sondern durch Schnee und Eis klimmt man zum Gipfel des Gaurisankar, wo man dem Äther näher zu sein scheint, doch Äther und Gaurisankar sind beide nur Veranschaulichung eines Unnahbaren und Alldurchdringenden, des Unsichtbaren.

Nach der Art eines Schwindlers versteckt der Materialismus seine Kurpfuscherei, indem er das Unsichtbare frischweg als Phosphoreszierung des Sichtbaren auslegt, obschon umgekehrt der Leichnam des Stoffes nur durch unsichtbare Kraft galvanisiert wird, ewige Auferstehung des Lazarus aus Starrkrampf und Scheintod. So verletzt die Wissenschaft sogar ihren eigenen Denkkreis, denn sie gibt zu: jede Verschiebung oder Verpolsterung unseres Sehvermögens würde uns Neues sichtbar, Altes unsichtbar machen, bisheriges Naturbild umstoßen. Was man zuversichtlich glaubte, würde unwirklich, das Bestrittene wirklich. Welche Stoffwirklichkeit soll die hochgelahrte Hirnsubstanz nun anerkennen, zumal ihre Optik nicht auf dem Augeninstrument, sondern dem eigenen Hirnsehnerv beruht? Sehen selber ist also ein unsichtbarer psychischer Akt, das innere Gesicht kann von sich aus eine schönere als die Außenwelt schauen, weshalb die Alten sich den Seher blind dachten. Wer telepathisches Hellgesicht anzweifelt, muß wenigstens zugeben, daß unser Natur-einseitiges Gesichtsbild ist, einseitige Ausbildung äußeren Schauens alle Vorgänge optisch färbte, während Hör-, Tast-, Geruchsinn ebenso verkümmerten wie die Instinkte. Jedes Tier weiß vorher, wenn ein Erdbeben kommt, der Mensch hat nicht mal politische Erdbebenkunde des Sichtbaren. Je schlechter des Menschen Sinnesorgane werden, desto eifriger konstruiert er sich eine Weltanschauung die auf sinnlicher Wahrnehmung beruht. Aller Rationalismus sollte Kurzsichtigkeitsbrillen tragen, das wäre die treffendste Symbolik.

Gewiß, beim Oberbewußtsein walten physische Scheinparallelismen, jeder gewöhnliche Bewußtseinsakt läßt sich auf sinnliche Wurzel zurückführen. Doch da Zeit, Raum, Kausalität bei Tranceentfesselung des Unterbewußtseins einstürzen, wird die Basis des Oberbewußtseins wie von einem Erdrutsch fortgeschoben und die Psyche müßte in den Abgrund fallen, da ein oberes Stockwerk das untere zu begraben pflegt. Offenbar verwischt aber Ober und Unter den richtigen Standpunkt, daß Ober- nur ein in Haft geschlagenes Unterbewußtsein vorstellt und beide scheinbar unvergleichbaren Psychemanifestationen nur den Standort wechselten. Beim Unbewußten herrscht keineswegs völlige Befreiung, Hellgesicht sieht indirekt doch immer räumlich kausal, das nämliche Bewußtsein verschob nur seine Sehensfläche. Telepathie ist nur ein Merkzeichen, sich aufs Transzendente vorzubereiten. Dem Ich fehlt jeder Maßstab für das, was auf einer ihm fremden Plattform vorgeht: Ehe man nicht im Flugzeug sitzt, kann man sich Luftreise nicht vorstellen, gleichwohl bleibt der Flieger der gleiche Mensch, wie der auf festem Boden ihm Nachschauende. Das als unnütz und nichtig verworfene Ichbewußtsein hängt mit dem Unbewußten geradeso organisch zusammen wie Wurzel und Wipfel, äußeres Wachstum löst nicht die Identität. Was drunten im Dunkel der Wurzel als Ursache des Baumes lebt, ahnt nichts vom Wipfelgefühl im hellen Licht und doch durchzittert das nämliche Leben den ganzen Stamm und all seine Blätter. Man muß beide Extreme der Materieanbetung und Materieableugnung berichtigen, jeder Materialisierung ihr Recht lassen, auf höherer oder niederer Wahrnehmungsebene ein psychisches Gesetz auszudrücken. Doch des unsichtbaren Gesetzgebenden jeweiliges Gebundensein an Materialisierung für ihr Wesen halten, heißt einen elektrischen Draht mit dem Element Elektrizität verwechseln.

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