Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Karl Bleibtreu >

Der Aufgang des Abendlandes

Karl Bleibtreu: Der Aufgang des Abendlandes - Kapitel 39
Quellenangabe
pfad/verz/werk/book.xml
typetractate
authorKarl Bleibtreu
titleDer Aufgang des Abendlandes
publisherWilhelm Borngräber Verlag
year
firstpub1925
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081210
projectideb82d75e
Schließen

Navigation:

II

Irenäus, Hippolyt, Tertulian verunstalteten fälschend die griechische Gnostik eines Basilides, Valentin usw. in den drei ersten christlichen Jahrhunderten, wie Harnack kräftig betont, und vertilgten möglichst die ketzerischen Werke, von denen sich nur Weniges in koptischer Übersetzung erhielt. Origines, der viel Gnostik in sich aufnahm, wurde noch 399 n.Chr. als Ketzer verurteilt. Diese Erkenntnislehre behandelt Christus als Sonnengeist und kosmisches Ereignis. Erster Grund des Seins sei der Geist, zweites Wesen das Chaos, drittes die Seele, die aus beiden ihr Sein empfing. Die Kosmogenie entwickelt sich aus geistigen Urgründen des »Weltvaters«, das Sichtbare ruckweise aus »Äonen«, dreißig Stufen führen empor zu Gottsohn Christus, über welchem neben dem Vater noch eine andere Unnennbarkeit thront »die Stille, das große Schweigen«. Solchen Dualismus im letzten zureichenden Grund verwerfend, verstehen wir dagegen, daß die Gnostiker einen Demiurgos als Schöpfer des Sichtbaren im Gegensatz zum Urvater annahmen und dies böse Wesen als den Judengott Jahve verabscheuten. Wenn Steiner die Geringschätzung des Alten Testaments ablehnt, so sehen seine Gegner wohl irrig ein Symptom seiner (von ihm abgeleugneten) jüdischen Herkunft. Es ist indessen sinnlos, wenn er statt dessen »luziferisch-arimanische Wesen« als Herrscher der Sinnenwelt proklamiert. Dadurch wird wieder der Teufel, das heißt Dualismus ins Allbild hineinpraktiziert. Ob Elementar-Elohim das Sichtbare schufen, kommt aufs gleiche hinaus, da sie »in höherem Auftrag« göttlicher Notwendigkeit handelten. Wozu ihren guten Leumund gegen den Vorwurf verteidigen, daß sie Urheber der bösen Materie seien, da deren Bosheit keineswegs gewiß ist und wir nur Notwendigkeit anerkennen.

Kant entzog einer rationalistisch gestimmten Metaphysik den Boden, »der gelehrte Pöbel« wisse nichts, rede nur, seine Beweisführung ist aber oft sonderbar. Laut Aristoteles haben alle Wachenden gemeinsame, jeder Träumende seine eigene Welt, Kant folgert: »Vermeinen verschiedene Menschen eine verschiedene Welt, glaubt einer dies und der andere das, so läßt sich vermuten, daß sie träumen?« Gewiß, es gibt keine gemeinsame Welt, das führt auf die Fährte der Individualitätstheorie, doch sein Verneinen allgemeingültiger Vernunft- und Glaubenssätze überwertet noch viel zu viel die Erfahrung. Die radikale Folgerung ist vielmehr, daß Traumwelt relativ richtiger, da sie sich aufs Individuelle stützt, Wachwelt nur auf Erfahrungsschein, der äußerlich Gemeinsames vortäuscht. Alle normalen Augen sehen das gleiche Meer; was aber jeder einzelne bei diesem Anblick fühlt, ist unendlich verschieden, Kant meint mit »verschiedenen Menschen« Unterschiede des Urteilens, nicht aller Psychen intellektuell und ethisch überhaupt, was sein schnurriges allgemeines Sittengesetz ja auch übersieht. Metaphysische Systematik träumt minder als Vernunftillusion, das Unbewußte minder als das im Sichtbaren lebende Bewußte. Obschon Kant den Rationalisten Aristoteles verbessern will, bewegt er sich noch zu beengt. Der Praktiker Napoleon beseufzte das Leben als »flüchtigen Traum«, diese Aussage genialen Instinkts ist das Wahrgefühl des Unbewußten, daß Wachwelt ein Traum der Sinne. Kant polemisiert ferner gegen »Eitelkeit der Wissenschaft«, Vernunft als Beweggrund der Ethik auszugeben, Erwartung eines Jenseits gründe sich auf Empfindung gutgearteter Seelen, nicht aber ihr Wohlverhalten auf Jenseitshoffnung. Da vergißt er wieder die absolute Ungleichheit der Seelen, wonach Leugnung von Gott und Jenseits dem einen so angemessen wie Glaube dem andern. Die jenseitige Idee gründet sich nicht auf bloße Empfindung, die bei Denkenden oder Denkunfähigen subjektiv verschieden sein muß, sondern auf Notwendigkeit logischen Denkens.

Goethe, den exakte Naturforscher heute vornehm belächeln, gab nur Ideen, wie Schiller richtig erkannte, brachte aber damit mehr Licht in gewisse Erscheinungen als sämtliche Induktion. Experimentell fachliche Naturforschung schwächt den Blick für die Natur, man verlernt sie im großen anzuschauen, wenn man sich in Einzelheiten vergräbt. Goethes eigene Studien bezeichnen nur Abnutzung seiner höheren intuitiven Seelenmacht, doch obwohl er zeitweilig erblindete wie Eaust, strahlte doch durch alle Nebel der Wissenschaft sein inneres Eicht. Das Dämonische im Körperlichen und Unkörperlichen in Wechselbeziehung zum Menschen erschloß sich ihm als unmittelbare Naturoffenbarung, die eine moralische Weltordnung zu durchkreuzen scheine. Er spricht von dämonischen Menschen, von denen eine Gewalt über alle Geschöpfe ausgeht ja sogar über die Elemente »und wer kann sagen, wie weit sich solche Wirkung erstrecken wird, alle vereinten sittlichen Kräfte vermögen nichts wider sie«. Nichts? Stehen sie nicht in Geheimverhältnis zum Unsichtbaren, das alles vermag, auch, sobald man ihn nicht mehr braucht, Napoleon zerbricht? Ja, dieser Dämonische erkannte tiefer als Goethe: »Bis meine Mission erfüllt, vermag man nichts wider mich, dann aber kann ein Atom mich fällen.« Goethe anerkennt auch telepathische »Magie« und mahnt an den Spruch: »Niemand ist gegen Gott als Gott selbst.« Doch wie reimt sich solche von Dunkelmännern als belanglos verschriene Mystik zur praktischen Weltweisheit eines utopischen Idealstaats im 2. Teil von Meister und Faust? Selbst dieser hoheitsvolle Genius, in dessen Jugend so sichtbar das Dämonische waltete, erkrankte an jener rationalistischen Haltung, die zu soziologischer Gemeinplatzschwärmerei den Eingang sucht. Im Völkerleben regieren nur vernunftlose Leidenschaft und dämonische Persönlichkeit, Dämonie überwindet aber nie das Nemesismaß des Ausgleichs, ringt nicht als blinde Naturgewalt, sondern auserwähltes Rüstzeug der Weltethik. Dämonie und Ethik werden im Wörterbuch des Rationalismus ausgestrichen, der alles abschafft, was im Reich superkluger Vernunft nicht Platz hat, doch unverwüstliche Wirklichkeit des Unsichtbaren ist das Blut, das Homers Unterweltschatten trinken, um lieben zu kosten.

Fichte meint, daß die Dinge bloß als Erscheinungen vorgestellt, doch als Dinge an sich gefühlt werden, ohne Gefühl aber keine Vorstellung möglich sei. Gegen Kant führte Trendelenburg das Prinzip der Bewegung als einzige Wesenheit ein, Bewegung erzeugt aber notwendig Kausalität und so sind auch Zeit und Raum in unserm Denken ein Auseinander getrennter Begriffe, wie Herbart richtig erkennt, deshalb sind sie Bewegungsakte, nicht Vorstellungen, sondern Kausalgefühle. Auch geistiges Nationalleben besteht aus Kausalgefühlen. Aus naturwissenschaftlichem Milieu konnte deutsche Literatur nichts anderes nachempfinden als Rülpsen einer Fallstaffkompagnie, die mit flatternden Lumpenfahnen nach Coventry-Köpenick marschierte, obschon nur entwertetes Papiergeld in der Kasse war. Wenn die »Psychoanalyse« ihre Patienten auffordert, auf »die innere Stimme« zu hören, so wäre dann ihre »Deutung« der Sinneszusammenhänge unnötig, denn der Patient könnte »Selbstfindung« schon selber besorgen. Doch keine Methode wird ihn zum Hören der innern Stimme bringen, wenn diese von Jugend an durch Verstandesdressur erstickt würde. Von innerer Wahrnehmung wissen wir so wenig wie von äußerer.

 << Kapitel 38  Kapitel 40 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.