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Der Aufgang des Abendlandes

Karl Bleibtreu: Der Aufgang des Abendlandes - Kapitel 38
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authorKarl Bleibtreu
titleDer Aufgang des Abendlandes
publisherWilhelm Borngräber Verlag
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firstpub1925
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9. Umschau der Philosophie.

I

Aristoteles' Ethik betont, selbst Gott könne Geschehenes nicht ungeschehen machen. Sehr wahr, unsere Vergangenheit sind wir selber, ohne sie würden wir nicht sein, was wir sind, in ihr liegt unsere Zukunft beschlossen. Da wir aber stündlich in der Unendlichkeit leben, muß auch Vergangenheit gerade wie Zukunft unendlich sein, während der kirchliche Gegenwartsglaube sich nur zu Zukunft ohne Vergangenheit bekennt, eine sinnlose Synthese. Kabbalasprüche für Golems und Homunkuli raunen umsonst: Es lebe das Leben! Künstlich erzeugtes Chemikum beherbergt keine Elektronen, das wäre übertünchtes Grab, wandelnder Tod. Doch was ist der Punkt Tod im Nebeneinander äußerlicher Verfallsymptome? Schon für Aristoteles sind Lebensprinzip und Seele das gleiche. Deren Eigenschaften in aufsteigender Linie von der Pflanze her seien Wachstum, Begierde, Sinneswahrnehmung, Bewegung, Vernunft. Bacon plagiert dies in seiner konfusen »Naturgeschichte«, wobei er Sense und Motion hin und her wendet, dagegen erinnert Hamlets Spruch: »Sense sure you have, else you would not have motion« mehr an die Aristotelische Urquelle.Oder es stimmt auch hier der treffende Spott eines englischen Kritikers, daß Shakespeares Verse über Attraktion und Blutkreislauf klarer und präziser seien als Bacons unbestimmte Winke. Wenn Perditas Frühlingsblumenkatalog dem in Bacons »Essay on Gardens« gleicht, was wir den Baconiern als müde Gabe schenken, so kann der Schulpedant solche Naturbeobachtung recht wohl anders woher bezogen haben. Es tut nicht gut, heute über solche Kategorien zu lächeln. Daß Bewegung erst nach Sinneswahrnehmung folge und beiden Begierde (Wille) vorausgehe, dann Vernunft aus Bewegung, ist kaum konfuser gedacht, als wenn Schopenhauer und verkappt noch manche andern den Willen ganz vornean setzen, so daß er allein das organische Wachstum bestimmt, oder wenn Mechanisten die Vernunft gleichsam als Bewegung der Wahrnehmung auffassen. All solche Definitionen enthalten ein Körnchen Wahrheit, nur daß unbedingt Bewegung in aller Materie das Primäre sein muß, alles übrige sind Bewegungsformen. Die zwei Hauptfaktoren aber, Bewegung (Energie) und Vernunft (Psyche), sind im Grunde eins, Bewegung als stofflose Energie und Psyche als Bewegung des Phänomenalbilds. Jede Einzelsonderung von Lebensattributen bleibt unfruchtbares Beginnen, denn alle sind sofort da: Bewegen, Wachsen, Wahrnehmen, Wollen als der gleiche Vorgang. Wer Bewegung sagt, meint Leben, wer Leben meint, sagt Seele, wer Seele sagt, meint Weltseele.

Verfehlt bleibt stets, das Christentum mit philosophischen Begriffen auszustatten, wie es Deussen in einem Bekenntnis beliebt. Vier Fundamentalwahrheiten verdanke Christo die Philosophie? Das erste – man höre und staune! – sei »Determinismus«, nämlich »die Früchte können nicht anders sein als der Baum«, der allbeherrschende Egoismus, die wahre Ursünde. Wahr, aber Christentum redet noch heute von freiem Willen, Deussen selber tat dies an anderer Stelle. Zweitens »in scheinbarem Widerspruch hiermit« der kategorische Imperativ? Das ist keine »Wahrheit«, da jeder Imperativ ausschließlich von Beschaffenheit der verschiedenen Iche abhängt, es gibt auch den unsittlichen Imperativ, der dem Schuft kategorisch befiehlt, schuftig zu handeln. Weil man diese Unfreiheit nicht leugnen kann, so sei die dritte Wahrheit »die Lehre von der Wiedergeburt«? Verwirrender Ausdruck nur für Umwendung des Willens, der hier plötzlich wieder Freiheit hat, sich von Gott umwandeln zu lassen. Meint Paulus dies: »Gott ist's, der in euch wirkt das Wollen und Vollbringen«? Wie könnte Gott durch plötzlichen Eingriff die Kausalität unterbinden! Was Deussen viertens Monergismus nennt, wonach dem Menschen selber keine Mitwirkung bei sittlicher Wiedergeburt eingeräumt, sondern alles Gottes Gnadenwahl wird, so rettet Deussen sich vor »Absurdität der Prädestination«, die er im obigen doch selber anerkennt, ins Indische: Daß Gott nicht außer uns, sondern unser eigener Atman sei, unser Ding-an-sich, das dem Ich, seiner irdischen Erscheinung, die Kraft gibt, dem kategorischen Imperativ zu folgen. Was soll uns das? Damit erregt man Entsetzen bei Christen und Lachen bei Denkern, wenn Determinismus in allgemeinen sittlichen Imperativ, in willkürliche Wiedergeburt von Gottes oder eigenen Gnaden hineinpurzelt. Uns rührt auch nicht, wenn z. B. Pasteur als gläubiger Christ starb. Wer Wissenschaft und Kirchendogmen, denen er sich unterwirft, für getrennte Gebiete hält, verrät nur mutlose Schwäche, da ist uns ein aufrichtiger Materialist noch lieber. Nur wenn Flammarion, Sciaparelli, Lombroso, Crookes, Wallace als Theosophen reden, verbinden sich Religion und Naturkunde, jede andere Haltung entwurzelt sowohl Vernunft als Wissenschaft.

Dies verführte auch zur Begriffsverwirrung neuster »biozentrischer« Lehre, das uns bekannte Universum sei endlich, daher erforsch- und erkennbar. Dabei kann man sich nur auf metaphysische Erkenntnis berufen, experimentell ist Endlichkeit der Phänomenalwelt ganz unbeweisbar. Beobachtete Abnutzung würde nichts besagen, da dem immer wieder Herstellung des Stoffes nach anderer Richtung entspricht und Helmholtz die Allarbeitskraft als Konstante auffaßt. Ist dem so, dann ist auch die uns bekannte Welt notwendig unendlich, denn was ewig im Gleichgewicht stabil bleibt, kann kein Ende haben. Obige neuste Erfindung, um dem Ignorabismus zu entweichen, ist also naturwissenschaftlich unsinnig. Dagegen darf man erkenntniskritisch beipflichten, daß alles Sichtbare oder vom Menschenverstand als bestehend Angenommene als bloße Erscheinung endlich sein muß. Denn wie kann etwas nicht endlich sein, was sich auf höchst endliche Wahrnehmungserfahrung stützt! Angenommen aber, das Planetengewölbe sei zerstörbar, so bringt dies nicht einen Schritt weiter, denn der Chaosnebel, in den es zurücksänke, bliebe jedenfalls unendlich und genau so, wie die uns bekannte Welt entstand, würde ein »Es werde Licht« wieder eine neue ähnliche Welt schaffen. Dies aber hängt immerdar von jener Urkraft ab, die wir mit Begriffen fragwürdiger Kosmogenie nie erfassen.

Neuerdings rebellierte man auch gegen den »Äther«, denn man begriff nicht, daß alles nur symbolisch geschaut sein will und kann, also nichts darauf ankommt, ob das, was man bisher Äther nannte, die Bedeutung hat, die man ihm zusprach. Wir verstehen unter Äther schlechtweg die den Allraum ausfüllende Energiekraft, einerlei, ob man dafür einen andern Ausdruck wählt. Vom gemeinhin Äther Genannten erblicken unsere Sinne und Fernrohre nur verschwindend kleine Stückchen, alles übrige als unsichtbar wird nur theoretisch erfaßt. Alle Begriffe für Kosmos und Kosmogenie sind rein hypothetische Abstrakta, somit ist die Welt für uns das durchaus Unsichtbare. Wie aber der Mensch mit kläglichen Sinnes- und Verstandeswerkzeugen sich das Unsichtbare als endlich vorstellen solle, gehört zur unlogischen Gedankenlosigkeit alles auf Empirie eingestellten Nichtdenkens. Wir gehen noch weiter: Wie der Mensch drauflos lebt, als ob kein Tod wäre, so kann er sich eigentlich nichts als endlich und nur das Unendliche wirklich vorstellen. Denn wenn er sich vorstellt, alle Menschen und Planeten fänden ein zeitliches Ende, so wird er doch nie glauben, damit sei das All zu Ende. Welche Verschrobenheit liegt also in der Unlogik, Wissenschaft könne die Welt als endlich behandeln, da sie doch das hinter der Welt Stehende notwendig als unendlich anerkennt. Da dies aber der einzige Urheber und Träger des Geschaffenen ist, so bleibt ausgeschlossen, daß es etwas Endliches hervorbringt. Erhaltung der Kraft macht selbst den Stoff unendlich, geschweige denn die in ihm veranschaulichte Energie, so daß Zusammensturz des ganzen Planetensystems immer nur Transformation bedeuten könnte. Daß auf der Erde herumkrabbelnde Geschöpfe sich erdreisten wollen, eine ihnen gar nicht oder nur theoretisch vorgestellte Welt als endlich zu erkennen, bringt den Denker zum Verzweifeln an einem Größenwahn, der nach der Zwangsjacke schreit. Das ist freilich die gleiche Menschheit, die Brunos Auflösen des »Himmels« in den unendlichen Raum für gleichbedeutend mit Entgötterung hielt. Wie würden Bruno und Leonardo sich entsetzen, wenn sie ihre Wegfreilegung zum wahren Gott von Idioten beschritten sähen, die im Unendlichen keinen Platz für Gott finden, obschon er an und für sich der Unendliche sein muß! Und dabei halte man sich vors Auge, daß alles, was wir moderne Wissenschaft nennen, uralt ist, modern nur die grobmaterialistische Auslegung. Tatsächlich lehrte schon Pythagoras kopernikanisch, der Nämliche aber, was wir bisher nicht berührten, stellte Reinkarnation als Lebensprinzip auf, was dann Empedokles schon in volles System brachte. Somit darf man nicht die Karmalehre als indisch isolieren, sie hieße ebensogut griechisch, was sie vermutlich törichten Europäern mehr empfehlen dürfte! Sie ist aber weder indisch noch griechisch, und wenn Buddha sie schärfer betont, während sie sich mit Vedanta kaum verträgt, so ist er doch nirgendwie ihr Urheber. Denn das älteste indische Gesetzbuch des Menu legt sie schon zugrunde, und die Annahme, Pythagoras habe sie von Indien importiert, ist nach damaligen Verkehrsbedingungen unmöglich, die indogermanischen Brahmanen schöpften aus sich heraus nur die Vedanta, also kann das Gesetzbuch nicht von ihnen das Karmaprinzip übernommen haben. Vielmehr erinnern wir an Buddhas Bemerkung über frühere Urreligion, deren Pfad er nachgehe, und sind überzeugt, daß wir auch diese kostbarste Gabe den Urahnen verdanken, von denen sowohl Pythagoras als Buddha sie aufnahmen. Schopenhauer denkt bei »Urweisheit« nur an Chaldäer und Inder, sie wohnte aber ebenso gut an Rhein und Loire, die den Urdingen näherstehende, anschaulicher denkende, geniale Urrasse schuf diese Wahrheit. Daß Materialismus auf Trugschluß beruhe, da die gewähnte Realität nur Gehirnphänomen, ist wahrlich keine moderne Entdeckung, Parmenides bezeichnet genau wie die Vedanta die sichtbare Welt als Illusion (Nicht-Seiendes) »Welt der Schatten« (Plato).

Urweisheit wird bei ihren Anhängern eine Klarheit des Schauens vorausgesetzt haben, die fiktiven kategorischen Imperativ nicht nötig hatte. Auch Jesu Sittengesetz hat ursprünglich rein transzendentale Begründung, weiß durchaus nichts von angeborener Sittlichkeit, welche angeblich Gerechtigkeit, Aufopferung, Nächstenliebe, Entsagung dem ganz und gar selbstischen Ich beföhle, sondern er verlangt Neugeburt wie Buddha durch Erkenntnis. Sein Zentralgebot heißt »sich selbst verleugnen«. Daß dies als allgemeine Menschenliebe (bei Buddha Wohlwollen selbst für Schlangen und Tiger) erfolgen müsse, ist sozusagen praktische Nutzanwendung, da natürlich Religion auf Altruismus grundsätzlich nicht verzichten darf. Die falsche Voranstellung dieser an sich sinnlosen und oft schädlichen Liebe für Unliebenswertes, des Antiegoismus für fremden Egoismus, verwirrt den Sinn. Wer sich einer Idee hingibt oder dem Kultus bewunderter Vorbilder, verleugnet sein Ich ebenso wie derjenige, der in Gottliebe aufgeht und nur deshalb seinem Nebenmenschen wohlwill, weil das Gegenteil niedrig wäre und die Selbstachtung fordert, das Niedrig-Selbstische zu verleugnen. Diese Fähigkeit zur Ichverachtung mag durch Erkenntnis zum Durchbruch kommen, letztere fordert aber von vornherein sittliche Anlage, selbst wenn nicht stark genug, eigenes Handeln mit dem Erkennen in Einklang zu bringen. Solcher Sittlichkeitstrieb widerspricht dem natürlichen und durch materialistische Weltanschauung noch gesteigerten Egoismus. Er ist aber bei einzelnen nun einmal da, Erkenntnis findet nur, wer dazu geeignet, am Rohen prallt der klarste Logos ab. Wie will man diese Gnadenwahl schon bei der Geburt erklären? Die gegen Karmazwang Faselnden sollten einsehen, daß Anerkennung des Determinismus jede Willkür innerhalb der Kausalität ausschließt, also Metanoia und Illuminatio nicht unvermittelt entstehen können. Keine Erscheinung ohne Ursache, diese kann hier nur vor der Geburt liegen, also setzt jeglicher Idealismus Determinierung durch Präexistenz voraus, einmalige würde nie genügen, sondern die Ursache projiziert sich immer ferner rückwärts, daraus folgert ebenso dauerndes Reinkarnieren nach vorwärts. Jede andere Weltanschauung widerspricht sich selbst. Wäre freier Wille vorhanden, dann bedarf man kein göttliches Eingreifen; erkennt man die Unfreiheit, so kann Gott nicht willkürliche Abbiegung zum »neuen Adam« veranlassen, genügende Kausalität dafür bloß in kurzen Einzelleben wäre undenkbar. Wäre die Nichtexistenz des Imperativs zum Idealen allgemein, dann hätte Materialismus wenigstens in dieser Hinsicht recht, dann wäre jedes Sittengesetz Narrheit oder Heuchelei, vom allbeherrschenden Egoismus darf atheistisches Denken keinerlei Altruismus erwarten, womit auch der Sozialismus lächerlich wird. Indessen ist Idealismus bei einzelnen eine Tatsache, noch mehr: Es kann eine Hypnose transzendental hinauf gerichtet eintreten, die große Massen mit dem Schlachtruf »der Kelch für alle« zu religiöser vaterländischer freiheitlicher Inbrunst bis zur Selbstverleugnung fortreißt. Sogar der Weltkrieg bewies neben so viel Bestialem und Schäbigem das Vorhandensein dieses antiegoistischen Triebs selbst in einem verrotteten Zeitalter. Also baut der Materialismus auch hier nicht auf gültigen Tatsachen. Er und die Kirche können weder die eine noch die andere Seite der Menschenpsyche erklären, »Anthroposophie«, wie Steiner seine sogenannte Theosophie betitelt, ebensowenig, auch nicht Vedanta und Buddhismus, wenn man sie einseitig betrachtet, eher Jesus und Johannes, wenn man sie mystisch zwischen den Zeilen liest. Idealismus, Erkenntnis, Erleuchtung sind undenkbar ohne Kausalursachen, ihre Phänomene verlangen endlose Determinanten vor der Geburt des Ich, latente Immanenz von Immateriellem. Aus Präexistenz und Reinkarnierung folgt logisch die Vorbestimmung in allem Kausalen und die Unsterblichkeit alles Psychischen. Hieraus wieder die unbedingte Planmäßigkeit, hiermit die moralische Weltordnung.

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