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Der Aufgang des Abendlandes

Karl Bleibtreu: Der Aufgang des Abendlandes - Kapitel 31
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authorKarl Bleibtreu
titleDer Aufgang des Abendlandes
publisherWilhelm Borngräber Verlag
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firstpub1925
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IV

Für Gebildete hat pfäffisches Dogma den Schacht so verschüttet, daß der englische Aufklärungstheologe Robertson naiv ausplaudert, niemand wisse, was Jesus meinte! Mit Verlaub, das weiß der sehr wohl, wer in fragmentarischen Bruchstücken den wahren Wind des Unsichtbaren (Gespräch mit Nikodemus) wehen hört und in »wer sich rein fühlt, werfe den ersten Stein«, »so verurteile ich dich auch nicht«, den Donner höchster Erhabenheit rollen hört. Ob Philo oder die Buddhistensekte in Alexandria (Flucht nach Ägypten) oder griechische Mystik (Himmelfahrt) auf den Nazarener einwirkten, wäre belanglos, denn mögliche Anregungen sind hier zu etwas ganz Eigenartigem verarbeitet mit besonderer Persönlichkeitsnote. Die Ohnmacht der heutigen Christianität, nachdem das Brimborium vom »eingeborenen Sohn Gott Vaters« nur noch als Kuriosum geistiger Erkrankung des Mittelalters belächelt wird, offenbart sich am kläglichsten in der letzten Zuflucht, daß Christi Lehre überlebt, doch seine Persönlichkeit vorbildlich sei. Diese ist ja nicht mal historisch beglaubigt, jedenfalls lehnen wir die geistliche Fiktion ab, daß Jesu persönliches Erdenwallen besonders übermenschlich gewesen sei. Gleich ihm sind alle Geistmenschen von Kirchenpharisäern und Pilatusstaatbüttelei verfolgt, gar viele gekreuzigt und verbrannt worden. Wer sich auf diese abschüssige Fährte begibt, kommt zu Renans süßlich-ironischer Wehmut, der in Jesus nur einen überspannten Volksredner sieht mit populärer Anknüpfung an messianischen Aberglauben. Das Mitleid Fürst Pücklers (Briefwechsel mit Bettina), der gute Jesus würde heute als Landstreicher nach Spandau befördert werden, enthüllt die Erbärmlichkeit der modernen Gesellschaft nicht kläglicher als die unreife Überhebung, daß man mit dieser »schlichten« Liebeslehre unter Gebildeten nichts anzufangen wisse. Nein, es ist gerade diese Lehre, in deren Namen der Menschensohn spricht: »Wer auf mich baut, wird Wunder tun wie ich, ja größere als ich« (Ev. Joh.), die Lehre und nicht die Person ist es, die das Göttliche in Jesus verkündigt. Durch telepathische und hypnotische Phänomene heute belehrt, sehen wir in seinen Wundern nur Ergebnisse einer in ungewöhnlichem Maße freigewordenen subliminalen Kraft, welche Mary Corellis »Romance of two Worlds« möglichenfalls richtig auf elektrische Entladungen einstellt. Die Antike, an Erscheinungen wie Apolonius gewöhnt, sah in solcher »Zauberei« nichts Außerordentliches, wohl aber in der Lehre.

Julian Apostata, der mystischer Magie nachging, rief »Nazarener, du siegst«, der englische Atheist Saladin (Pfarrer Ross) preist Julians herrliche Sterberede. Hätte dieser sich die Mühe gegeben, die Evangelienlehre zu studieren, wäre er nie Apostat geworden, jeden Abfall von Christus verschuldete immer nur die Pfaffenkirche. Nein, nicht überlebt ist Jesu abgrundtiefes Fühlen, diese stete Beziehung hochbegnadeter Psyche zur Weltseele, die er für Menschenverständnis »Vater im All« nannte:

Ouranoi, Himmel im Plural, Vater in griechischer Mystiksprache gleich Urgrund. Nie nannte er sich Gottsohn in anderem Sinne als der »Lichtsöhne, weil wir Kinder Gottes sind«, nie sprach er den Unsinn »selig sind die geistig Armen«, sondern »die nach Geist hungern«, selbst »die reines Herzens sind« ist falsche Übersetzung eines schwerverständlichen Ausdrucks, der Sinn ist: »die aus der Einzäunung der Materie sich befreien, denn sie werden Gott schauen«. Deshalb durfte der Menschensohn (ausdrücklich von ihm betont) das vom Pöbelwahn plump wörtlich verstandene stolze Bekenntnis wagen: »Ich und der Vater sind eins.«Katharos bedeutet einen von Dickicht und Unkraut gerodeten Freiplatz: selig sind, die freien Blickes sind. Laut Harnack hielt das Konzil von Nicäa den Heiligen Geist nur für Ausfluß Gottes, nicht Separatperson. Die Dreieinigkeit des Athanasischen Credo entspricht der Brahmanischen Teilung: Gott, Manifestierung, Geistessenz und der Dreistrahlung jedes erhitzten Körpers: Wärme, Licht und nur chemisch faßbare Substanz.

Schopenhauer meint, die Begebenheiten in Galiläa würden die Urreligion nicht umstoßen, doch gerade der Buddhismus, auf den er sich spitzt, war eine neue Begebenheit, die Jesulehre dagegen mit der wahren Urzeit ursächlich verknüpft, ihre Symbole (Taufe, Kreuz, Fisch) uralt. Die erstaunliche Enthüllung, daß Jesus sein Wissen und Wollen aus der Urlehre übernahm, es nur mit genialer Eigenart durchdrang, versparen wir für später. Daß er, genau genommen, nichts Neues offenbarte, mag sein Ansehen bei Toren schädigen, für uns erhebt es ihn erst recht, daß er einfach Verkünder der Urweisheit wurde, die nach ihm genannte Religion also den Vorrang höchster Würde über alle bestehenden Kulte behauptet. Von Semitischem kann gar keine Rede sein, nur insofern durfte Disraeli das Christentum als semitisch-jüdisch mit Beschlag belegen, als die Kirche durch die Judenchristen die Umfälschung vollbrachte. Die Juden wußten sehr gut, warum sie ihn tödlich haßten, denn ob er selber semitischen Ursprungs oder nicht, seine Lehre hatte nichts mit der mosaischen gemein, wie das offizielle Judentum sie auffaßte. Ein besonderer verdächtiger Umstand verdichtet einerseits den Schleier und lüftet ihn andererseits. Das älteste Evangelium Matthäi war hebräisch geschrieben, nicht aramäisch, der erste griechische Übersetzer Sankt Hieronymus verstand sicher nicht aramäisch. Nun wohl, dieser, der es das echte Evangelium der Nazarener und Eboniten nennt, erzählt Sonderbares. Es sei versiegelt und nur für Umlauf in besonders religionsfesten Kreisen bestimmt gewesen (d. h. für Geheimbund), die es nie zum Abschreiben gaben und nur mündlich verbreiteten in verschiedener Lesart. Ein Manichäer habe es trotzdem veröffentlicht, es biete aber »mehr Stoff zur Zerstörung als zur Erbauung«. Ihm sei es unverständlich, dabei erklärt er aber als echter Kirchenvater jede andere Auslegung als die seine für häretisch! Offenbar ließ er vieles weg als »Zerstörung« des neuen Kirchenmythos, einiges mag er interpoliert, anderes falsch übersetzt haben, immerhin blieb noch so viel stehen, daß wir offenbare Lücken ausfüllen und ahnen, warum es heißt: »Als die Jünger diese Rede hörten, entsetzten sie sich«, und »er gebot ihnen, daß sie es niemand sagen sollten«, die Schweigepflicht der Adepten. Vier Jahrhunderte beharrten die Urchristen dabei, daß er »vom Samen eines Menschen« war, diesen Kampf um ein Urprinzip nahmen besonders die Arianer auf, weil ein buchstäblicher Gottsohn der heftigen Urwahrheit ins Gesicht schlug. Grelles Licht fällt auf vieles, wenn die Entdeckung stimmt, daß der mit griechischen Buchstaben im Text angeführte hebräische Ausruf »mein Gott, warum verließest du mich« vom Übersetzer mit Vers 1, Psalm 22, verwechselt sei und vielmehr den Sinn habe: »Mein Gott, wie verklärst du mich!«, gewöhnlicher Ausruf des zum Adepten erhöhten Neophiten im Geheimritus nach Überstehen der 12 Prüfungen. Der englische Entdecker (»Quelle der Masse«) spricht hier von schrecklichem Schlag gegen die Heiligkeit des Evangeliums, die Blavatzky von bewußter Fälschung. Das scheint unsicher, denn Hieronymus' Entstellung mag um so unabsichtlicher gewesen sein, als seine schwächliche Lesart geradezu einer Gottähnlichkeit Christi widerspricht. Zwar fällt uns ein, daß man vielleicht aus dogmatischen Gründen den Psalmanklang wählte, als hätten wieder mal die alten Juden schon die Kreuzigung prophezeit! Wenn also unsere Theologen sich wütend gegen die Neufindung sträuben, so hängt dies mit dem eingewurzelten Unfug zusammen, das Neue mit dem Alten Testament zu verkoppeln, ein unsagbar schädlicher Kniff der Judenchristen. Auf jedes Gemüt wirkte allzeit jener Aufschrei der Todesangst peinlich verwirrend, Kanzelredensarten müssen das Widerwärtige abschwächen, da so kein Gottessohn fühlen würde. Dann wären Sokrates, Bruno, auch viele christliche Märtyrer würdiger gestorben. Wenn wir es also einerseits psychologisch als Beweis für Augen- und Ohrenzeugenschaft des Evangelisten auffassen müßten – denn so etwas erfindet man nicht von seinem Heiland –, so stimmt es anderseits nicht zum Heldenbilde, und wo bliebe das freiwillige Sühneopfer? Ein indischer Guru würde achselzucken, daß ein Mahatma überhaupt Mittel hat, sich irdischem Körperschmerz zu entziehen. Daher hat man ehrlich nur Wahl zwischen zwei Dingen. Entweder war Jesus ein Sterblicher mit allzumenschlicher Schwäche und wer weiß, ob im versiegelten Bericht des Zöllners Matthäus nicht so »Zerstörendes« stand! – oder ist es gewolltes Martyrium und dann die neue Lesart die allein würdige. Auch die natürliche, da das Bewußtsein im Übermaß des Schmerzes Exaltation empfindet, wie die Pucelle aus den Flammen rief: »Meine Stimmen waren von Gott, sie haben mich nicht betrogen«, und es paßt besser zum folgenden Todesseufzer »in deine Hände empfehle ich meinen Geist«, wahrscheinlich eine adeptische Formel. Fortwährend müssen wir lächeln: Über Schopenhauer, der vornehm Jesum als späten Outsider abtut, über die Kirche, die einem nach ungezählten Äonen plötzlich auf die Erde verschneiten Gott den schäbigsten Stammbaum anheftet – für die Antike muß die Vorstellung eines ausgerechnet als Jude herabgestiegenen Gottes zwerchfellerschütternd gewesen sein, es sei denn, daß dies die tiefste Erniedrigung bedeuten sollte – und über die Hartnäckigkeit, womit Theologen die augenfälligsten Widersprüche als Bollwerk behaupten möchten.

Eine Exegese über »inwendiges« Gottesreich »nicht von dieser Welt« hat keinen Zweck, uns scheint das Bedeutungsvollste, daß Jesus sich an Sünder und Zöllner wendet, Magdalenen aus dem Staub erhebt, Schächern am Kreuz das Paradies verheißt. Das schlichte »Führe uns nicht in Versuchung« hat tiefen Erfahrungswert. Er lockt nicht wie Buddha den Egoismus, das Gute zu tun, weil es Glück bringe, er verspricht weder Leidaufhebung, noch vertröstet er aufs Jenseits als Schadloshaltung, noch betont er »Gottes Gebote«, verabscheut vielmehr jedes starre Moralgesetz, folgert nur, daß wir rein werden müssen, weil wir vom ewig Reinen abstammen. Er zerbricht Gesetztafeln, vertreibt den donnernden Javeh vom Sinai, hoch über brennendem Horebstrauch fährt er in feurigem Wagen gen Himmel, wo er den unaussprechlichen Gott der Notwendigkeit schaut. Seine Gottliebe kennt kein verliebtes Wonnebrunzeln einer Nonne zum himmlichen Bräutigam, nie verläßt ihn Ehrfurcht vor schaurigem Ernst des heiligen Kampfes: »Ich bin gekommen, das Schwert zu bringen.« Er gründet eine heroische Weltanschauung, die nicht künstlich die Lebenswurzel beschneidet, nichts verneint als Pharisäertum, und Leben bejaht als bloße Phase ewigen Lebens. Zufriedenheit scheint nicht wünschenswert, wohl aber Leid der Prüfung. Christlich genug rümpft Antichrist Nietzsche die Nase: »Glück, was ist das? Ich bin gekommen, mein Werk zu tun.« Nun, die da Werke taten und tun, brauchten und brauchen nicht Christen zu sein, angewidert vom Verwesungsgeruch der immerfort von gleichen Pharisäern gekreuzigten Befreiungslehre. »Nichts stinkt so wie eine verfaulte Lilie« (Shakespeare), doch der wahre Jesus verträgt sich prächtig mit leidenschaftlichem Ausleben des Genialen, dessen Sichtbarkeit dem Schulze eindringlicher das Ideale veranschaulicht als Buddhas Methoden. Auch für geniale Psyche gilt das Erlöserwort: »Viel vergeben, weil viel geliebt.«

Das Genie ist nicht »Blüte« (Goethe), sondern Wipfel des Baumes, eins mit dessen Saft und Rinde. Goethe der Heide, während Faustens unsterblich Teil als »edles Glied der Geisterwelt« eine christliche Apotheose sucht, war unbewußt ein Jesugläubiger. Auch Jesus hält wie Buddha die Ethik für naturgesetzlich, doch er weicht dem Bösen nicht aus, sondern steigert mit Entrüstungspessimismus, der die Wucherer geißelt, den Willen zum Sieg der Psyche.

Wohl vermochte Asoka sein Pataliputra, das er als ärmliches Nest vorfand, zum Marmorwunder Palimbotra zu machen, doch es waren Indusgriechen alexandrinischer Diaspora, die er zur Neuschaffung heranzog, denn an und für sich ist Buddhismus so kunstfremd wie Islam, er handelte schwerlich in Buddhas Sinne. Auch nicht in aufopfernder Staatstätigkeit. »Der Berg ist überstiegen« atmete sterbend Friedrich der Große auf und winkte der Sonne, »bald werde ich dir näher sein«. Das ist Jesu Nachfolge, und des sog. Atheisten Shelley »Pantheismus der Liebe« hat unbewußt mehr von Jesusbegeisterung als von Buddhas unwandelbarer Ruhe. Wenn Byron singt: »Mein Dom sind Meer, Gebirge und Firmament, alles, was von dem Allsein ausgegangen, das Seelen schuf, sie wieder zu empfangen« »sind Berge, Wolken, Winde, nicht ein Teil von mir wie ich von ihnen,« so heißt es in diesem Hochland des Genies: »Für mich sind hohe Alpen ein Gefühl.« Ja, höchstgesteigertes Lebensgefühl ist Jesureich. Buddha sprach über das sichtbare Leben nicht das letzte Wort, daher auch nicht über das Unsichtbare. Wohl nennt man Willensanstrengung der Ichverneinung fälschlich Willensverneinung, doch jedes Lebensprinzip sah er mit scheelen Augen an. Was aber auf so sicherem Grunde ruht, läßt sich nicht entwurzeln. »Nur der verdient die Freiheit und das Leben, wer täglich sie erobern muß.« Auf dies gewaltige Goethewort hört, wer über Buddha hinausstrebt, Jesusapotheose bildet den Übergang zu neuem Wissen. Materialismus ist weder Wissen noch neu.

Schon einige alte Inder formulierten ihn, doch hatten sie noch intellektuelle Reinlichkeit genug, nicht Kraft für Stoffeigentum und Energetik für Mechanistik zu halten. Außerhalb der Identität von Mind und Matter (im englischen schälen sich beide Begriffe klarer heraus, weil das deutsche »Geist« zugleich spirit bedeutet) sprachen sie dem »Selbstsein, dem verborgenen Meister« Sonderexistenz zu, die im Unterbewußtsein unbewegt den Schein des Ichlebens betrachtet, teilnahmslos für alles sichtbar sich Bewegende. (Mit dem Namen transzendentales Ego wollen wir hier nicht rechten, von Ego dürfte man nur reden, wenn man die Weltseele als ein Oberego betrachtet, worüber man sich verständigen kann.) Jedenfalls gibt jener altindische strenggefaßte Materialismus zu, daß Atman der Weltodem sich nicht ins Ichhirn einsperren und der verpönte Vedantabegriff Seele in anderer Begriffsfassung nicht vermeiden läßt, weil er eben dem Reich des Unsichtbaren angehört.

Auch Schopenhauers Pessimismus mündet gelegentlich in verschämten Optimismus, seine Abhandlung »über anscheinende Absichtlichkeit im Schicksal des einzelnen« verrät, daß er diese Cardanosche Vorsehung keineswegs für scheinbar hält. Es ging ihm eben wie dem alten Kant, nachträglich dämmerte ihm tiefere Erkenntnis, ohne daß sein Hauptwerk etwas spüren läßt. Wir begrüßen verwundert dies Anzeichen, daß jeder Denker zur Einsicht des Planmäßigen kommen muß, sobald er genügend Erfahrung sammelt. Dies zerstört natürlich den Pessimismus wie den Materialismus, doch gibt's noch manche harte Nuß zu knacken, ob Leid und Unglück tatsächlich zu individueller Läuterung bestimmt und als gerechte Vergeltung zu betrachten seien. Schopenhauer berief sich meist irrig auf Buddha, unfreiwillig knüpft er an Jesus an, geht sogar über dessen Seelenbefreiungslehre schwärmend hinaus. Denn unter Aufgeben seines sonstigen Kausaldeterminismus hält er »Gnadenwirkung und innere Wiedergeburt« für spontanen freien Akt, mit gleicher Verschwommenheit wie Schelling: »Freiheit ist unser Höchstes, unsere Gottheit, diese wollen wir als letzte Ursache der Dinge.« Aber »an sich selbst nicht-gebunden-sein des absoluten Geistes« kann es nicht geben, solange er materialisiert. Umkehr des alten Adam und Neugeburt der Willensrichtung sind Kausalfolge präexistenter Vorbestimmung, determiniert wie alles andere. Wenn R. Mewes »Kriegs- und Geistesperioden im Völkerleben« aus Sonnenflecken ableitet, ist dieser physikalische Determinismus sich wohl selber klar, ob er mystisch oder mechanistisch gemeint? Es zeigt wieder die Gedankenlosigkeit der Naturforschersippe, wenn sie den alten Aberglauben verhöhnt, Kometen bedeuteten Krieg und Pestilenz, obschon jedes astronomische Lehrbuch manche Belege liefert und zweimal Auftreten schreckhafter Kometen große gewaltsame Umwälzung anzeigte: Vor 1812 und der Hastingsschlacht. Wissenschaft haßt eben alles, was auf mystischen Weg führen könnte. Wahrscheinlich begünstigt Frühlingssonne geistige Empfängnis, Hundstaghitze Temperamentwallungen wie Kriege und Verbrechen, doch natürlich nur, wenn psychische Grundlagen dazu gegeben. Periodizität kosmischer Einflüsse auf die Erdatmosphäre wie des Mondes auf Ebbe und Flut ist gewiß nicht abzuweisen, doch Physikalisches kann nur Physisches beeindrucken. Buddha würde lächeln »törichter Mensch«, wollte man ihm aufschwatzen, daß Sonnenflecken die psychische Aufnahmefähigkeit für das Heil bestimmen. Ließe sich aber Parallelismus von Planeten- und Erdvorgängen nachweisen, so kommt dies natürlich nicht psychisch in Frage, falls nicht den beobachteten physikalischen Veränderungen eine psychische Planetenbewegung zugrunde liegt. Das ist durchaus denkbar und für okkulte Mystik sogar sicher, die Sonne als organisches Wesen hat Fleckenperioden nicht zufällig, sondern ihre Erscheinungen haben tiefere Ursachen. Jedenfalls darf Determiniertheit, sei sie noch so okkult, für keine Erd- und Menschenbewegung bezweifelt werden. Hat etwa Jesus irdische Freiheit gepredigt? Mitnichten. Die Jünger fragen, ob ein Blinder bestraft werde für seine oder seiner Eltern Sünde? Nein, sondern »damit Gottes Werke offenbar werden«. Aus so unklarer Übersetzung wird so viel verständlich, daß Jesus nicht die Karmalehre ablehnen, sondern nur Notwendigkeit alles irdischen Geschehens unterstreichen will: Gottes Werke werden offenbar ohne Beziehung zu äußerem Glück und Unglück des Einzellebens. Erst jenseits Gut und Böse der Materie, wo die Person aufhört, beginnt die Persönlichkeit, von Buddha beschränkt und verstümmelt, von Jesus befreit und vergrößert, weil in unsichtbares Gottesreich erhoben.Die jüngste theologische Richtung in der Zeitschrift »Zwischen den Zeiten«, Zündeis »Jesus«, Barths »Römerbrief« und des schwäbischen Kirchenvaters Oetinger »Heilige Philosophie« füllen in alte Schläuche einen nicht neuen Wein. Nie werden Berufstheologen aufhören, das Christentum wie eine isolierte Osterinsel zu betrachten, an der noch ein schmaler Kanal zum Judentum überführt. Nichts kann törichter und unwahrer sein. Unkenntnis und Unverständnis des Buddhismus sind eine gewollte Erbsünde dieser beruflichen Richtung, doch noch viel trauriger ist die tiefe Nacht, die dieser amtlich besoldeten Gottesgelahrtheit verbietet, sich mit der theosophischen Wissenschaft einzulassen. Diese zerstört freilich theologischen Götzenwahn, stellt aber Jesus auf eine viel festere Grundlage der Urreligion. Daß man im bisherigen Nebel auch nicht wie Grisebach ein »Problem der wirklichen Bildung« findet, ist klar, denn der gepredigte Idealismus bleibt ohnmächtig, solange er den Ballast der Kirche mitschleppt.

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