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Der Aufgang des Abendlandes

Karl Bleibtreu: Der Aufgang des Abendlandes - Kapitel 28
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authorKarl Bleibtreu
titleDer Aufgang des Abendlandes
publisherWilhelm Borngräber Verlag
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firstpub1925
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7. Von Buddha zu Jesus.

I

Man kann den Hamletsatz über Gut und Bös erweitern: an sich ist nichts Psyche oder Materie, das Denken macht es erst dazu. Wohl schreit nur der Niedrige: Es lebe das Leben! Doch das Leben verachten heißt nicht es verstehen. Obwohl Buddha das Heil der Ruhe verbürgt, scheint keineswegs sicher, ob dies für alle Temperamente die einzige Heilung sei. Dann würde auch alle Kunst ungeschehen bleiben, die so vielen Erhöhung und teilweise Erlösung brachte. Vielleicht fuhren nicht viele Wege nach Rom, doch jedenfalls wird es nicht an einem Tage erbaut und nicht durch eine einzige Bresche mit Sturm genommen. Einseitigkeit ist der Fluch aller Religionen und auch aller Philosophien. Sie legen Pflaster auf die Wunden, wobei Apotheker sich um Vorrang der Rezepte streiten, doch stellen nie die Diagnose, ob Wunden und Geschwüre nicht dazu dienen, das schlechte Blut herauszulassen. Bei bloßer Repression schlägt der Krankheitsstoff erst recht nach innen. Unterdrückt nicht vielleicht Buddhas Beruhigungssalbe den richtigen Ablauf des Fiebers, mit dem die Natur sich selber hilft? In der Lebensinfluenza sollte man sich das Gesundheitsprinzip vorhalten, daß zuletzt doch jedem wird, was ihm angemessen, wenn er sein Leiden nur mit geduldigem Mut durchleuchtet. Wenn das Leben sein eigenes Gleichgewicht in sich trägt, wo bleibt der Wert gewaltsamen Verneinungseingriffs? Ist der Lebensquell sichtbar oder unsichtbar? Ist er letzteres, was Buddha bejaht, wie kann man verneinen, was sich der Wahrnehmung entzieht! Man lege sich lieber die Frage vor, warum die sogenannte Natur, eine Riesendame, die noch niemand bei der Toilette belauschte, alles Stoffliche sichtbar, alles Psychische unsichtbar machte bis zur untersten Fraßwahl einer Amöbe. Da Helmholtz alle Wahrnehmung symbolisch nennt, wird es bei den zwei Hauptbegriffen, auf welche jede wirkliche Erkenntnistheorie einschrumpft, »sichtbar und unsichtbar«, wohl seine besondere symbolische Bewandtnis haben. Dies als Dualismus auffassen, bedeutet den Grunddenkfehler, jeder echte Transzendentalist kann gar nicht anders als monistisch denken, und es gehört zum Gewebe menschlicher Verworrenheit, daß der Erkenntnismonismus heute zum Beiwort plumpster Unerkenntnis wurde.

Zarathustra hätte sich über den Niezky empört, der seinen Namen borgte, um für seine polnische Wirtschaft die alte Kampflehre, die auch in Götterdämmerung der Germanen ihren Auftakt fand, in äußerliche Machtformeln umzuprägen, wobei nicht Ormuz, sondern Ariman contra Ariman streiten würden. Laut Zoroaster ist aber kein Ariman ohne Ormuz, kein Ormuz ohne seinen Widerpart, die finstern Mächte. Kampf auf der Grenzscheide von Hell und Dunkel ist ein der Psyche immanentes Stadium, das sie durchmachen muß, wie das Atmen auf der Erdebene Oxigen braucht. Anders atmet man im Unendlichen, dessen erster Formulierer Anaximenes es als Ursache eines rein stofflich gedachten Allraums ausgab. Doch als Ursprungskraft könnte es nur überstofflich, sonst nur Qualität des Allstoffs sein. Wir aber erkennen hier weder Qualität noch Überkraft, sondern lediglich eine spirituelle Idee, die zwar unendliche Gedankenreihen, doch nichts Stoffliches auslöst: ein Attribut des Allbegriffs, der an sich auch keine stoffliche Grundlage hat, ohne den sich aber nicht übersinnlich denken und der sich ebensowenig beweisen läßt wie alles Unsichtbare. Der Materialismus täte besser, eiligst dem totgesagten Gott auch den gefährlichen Begriff All ins Dunkel der Unwissenschaftlichkeit nachzustoßen. Denn All schmeckt nicht nach sichtbarer Natur, sondern nach etwas, von dem wir nur die Einflüsse voraussetzen. Das Unerkannte als unbekannte Größe einzustellen, darf man aber so wenig verbieten wie Infusorienforschung, die ja früher unmöglich schien, weil man das Teleskop fürs unendlich Große noch nicht als Mikroskop fürs unendlich Kleine verwendete. Fürs unendlich Feine wird wohl kaum ein Instrument erfunden werden, und das unendlich Größte bleibt notwendig unsichtbar, nur als sein symbolistischer Hampelmann agiert der Parallelismus von Hirn- und Körperbewegung.

Leonardo und Schulze gehen beide auf zwei Beinen, atmen durch die gleich konstruierte Lunge, üben vom Hirn aus Muskelbewegung. Suchen wir also die fundamentale Verschiedenheit ihres eigenen Wesens, so stoßen wir nur auf Unsichtbares. Der Maler sieht die Dinge malerisch, nicht weil er andere Augen hat, sondern ein anderes psychisches Sehvermögen. Die Existenz jener kleinen Oberrasse genialer Menschen beruht auf Ursachen, deren Sichtbarwerden unmöglich ist. »Jedes Menschen Glauben kommt aus dessen eigenem Wesen, jedes Wesens Wirken geht aus dessen eigener Natur hervor« (Bagghavat Gita). Man glaubt, was der eigenen Psyche entspricht, man handelt, was die Karmaanlage befiehlt. Die Lehre vom Karma der ewigen Vorbestimmung und Wiedergeburt ist daher die Urweisheit unverbildeten hellgesichtigen Denkens, von den Vorahnen übernommen, deren Vorhandensein auf vergessenen Pfaden zu verschollenen Tempeln Buddha ja ausdrücklich bestätigt. Damit sind aber den Fähigkeiten des Eigenwesens Grenzen gesetzt, und sie anthroposophisch erweitern wollen, ist Selbstüberhebung. Gewiß ziemt Leonardo eine andere Haltung als Schulze, wer sich als Teil der Weltseele fühlt, darf Demut nicht übertreiben, – »christliche Demut« ist Schulzes Anmaßung, Leonardos durchaus verschiedene Daseinsbedingung demokratisch zu verwischen –, doch erst recht nicht den Hochmut. Denn alles steht in psychischer Wechselwirkung, und mag der Einzelne sich noch so stolz von der Masse absondern, allgemeinen kosmischen Einflüssen entrinnt er nicht, die ihn umspülen. Was wir Leben und Materie nennen, scheint kein natürlicher, sondern sehr okkulter Akt. Wer über Wunder Christi staunt, sollte eher über Genietaten staunen und das Staunen damit beginnen, daß aus bebrüteten Eiern lebendige Küchlein herausschlüpfen wie beim Zauberkunststück eines Taschenspielers, dem Küchlein aus einem leeren Hut flattern. Geschwindigkeit ist keine Hexerei, doch organisches Leben durch bloßen Zeugungsakt – warum glückt er denn nicht immer, warum gibt es Unfruchtbarkeit? – ist wirklich Hexerei. Gab es je ein Urei als Lebenskeim, wo kam es her? Irgendwo muß es doch gelegt, irgendwer es befruchtet haben. Darüber mit ein paar Wärmehypothesen wegzuhüpfen, ist konventionelle Phraseologie. Jenes Sichtbarwerden für subjektive Wahrnehmung verrät ein unsichtbares Vermögen vor dem gottlob Gottlieb Schulze nicht schaudert, sonst könnte er sein Leben nicht lebenslustig leben. Wer aber dies rätselhafte Leben verneint, ist im Grunde ein Frechling, denn außer Sichtbarem, was er ungenügend kennt, will er Unsichtbares verneinen, was er überhaupt nicht kennt. –

Unterscheidet sich Buddhismus ganz von der Vedanta, womit ihn Indologen und Philosophen oft verwechseln, oft aber auch sie mehr trennen als geboten? Ja und nein. Buddhas demokratische Propaganda gegen die Wahrheitspachtung der Brahminenkaste und die Selbstheiligkeit der Asketen gleicht derjenigen Jesu gegen die Gesetzesheiligen, doch sein Ausstreichen der vedantischen Seele als eines wechselnden Werdens statt eines festen Seins mündet zuletzt im gleichen reinen Transzendentalismus, weit entfernt vom Trugschluß moderner Psychologen, als ob mit Entlarvung des Ich die Psyche selber angetastet würde. Mühevolle Durcharbeitung der Reden Gotamos, die mit späterer Ausbildung buddhistischer Scholastik so wenig gemein haben wie Jesu Reden mit den Kirchenvätern, schenkt da alleine Aufschlüsse. Sein Johannes, Lieblingsjünger Sariputo, spendet »Pfeiler der Einsicht«, wie man beim »äußern und innern Körper« über den Körper, beim »äußern und innern Gefühl« über das Gefühl wachen soll, über die subjektiv-objektiven Organe der Erscheinung und des begehrlichen Gemüts. Vier Arten des Lebenstriebs: Geschlechtlichkeit, Vielwisserei, Askese als Selbstzweck, persönliche Fortdauer. Gefühl, Wahrnehmung, Begreifen, Aufmerken erzeugen die Erscheinung, deren Form weiter bestimmt wird durch Bewußtsein, Unterscheidung (körperliche, sprachliche, geistige) Nichtwissen (Wahnentstehung), Wahn (Wunsch, Dasein, Nichtwissen). Dies alles, entstanden durch Lebenslust, Gefühl, Berührung, Sechssinnensitz (Gehirnleben vom Seh- bis Denksinn), ist das »Subjektiv-Objektive«. Dieser Begriff, der ins Herz der Dinge trifft, scheint Buddhas größte Tat. Doch wenn das »Buch des Löwenrufs« lehrt, dem Dasein Zugetane werden verstimmt durch Ansicht des Nichtseins, dem Nichtsein Zugeneigte durch Dasein, beides müsse aber gleichzeitig überwunden werden, so fehlt die wünschenswerte Logik, daß Sein und Nichtsein gleichwertig. »Wer hier Entstehung aus Ursachen merkt, merkt die Wahrheit; wer die Wahrheit merkt, merkt die Entstehung aus Ursachen«? Dies Kausalitätsdogma paßt für alles Sichtbare, nicht aber zur Lehre vom ungebrochenen innern Gefühl, »ohne daß äußere Formen in den Gesichtskreis treten«. Wer Form-Reflex-Vielheitwahrnehmung aufhebt, gewinnt dadurch grenzenlosen Raum, dann grenzenloses Bewußtsein, damit Auflösung der Wahrnehmbarkeit? Das nennt er Nichtseinssphäre, und doch »blickt der Chela mit dem himmlischen Auge, dem verklärten überirdischen, über tausend Welten hin«? Im Gleichnis vom Rinderhirten an der Gangesfurt wird ausdrücklich unterschieden zwischen dies- und jenseitiger Welt, Reich der Natur und Reich der Freiheit. Eine Hauptrede unterstreicht: »Die Unsterblichkeit ist gewonnen.« Das heiße die Zeitlichkeit verstehen und das sichere Tor zur Ewigkeit auftun. Da alle Inder die Reinkarnation als selbstverständlich annehmen, ist Buddhas Verwerfung persönlicher Fortdauer nur so zu verstehen, daß Nichtmehrsein irgendwelchen Ichs Nirwanaglück bedeutet. Genau gleiches lehren die deutschen Mystiker. Dies Nichtsein ist also ganz verschieden von dem, was viele seiner Interpreten meinen.

Gewiß unterschreibt man: »Ohne zureichenden Grund entsteht kein Bewußtsein«, es entsteht durch die Dinge und vergeht nach Entziehung dieser Nahrung. Wir formulieren sogar schärfer: Andere Dinge anderes Bewußtsein, anderes Bewußtsein andere Dinge! Doch damit klopft Buddha immer wieder aufs Ich los, läßt aber Vedantaunsterblichkeit bestehen, betont die Allmacht des Psychischen durch folgende Deutlichkeit: »Wie entsteht Körperleben? Wenn drei sich vereinen«, denn »sind Vater und Mutter vereint, doch der Genius ist nicht bereit, so entsteht es nicht«, nur die Psyche schafft also Geburt. Wir begrüßen dies besonders, weil es mit einem Hieb den gordischen Knoten der tausend Vererbungswidersprüche durchhaut. Buddha erklärt also ausdrücklich, daß das Psychische transzendent und nicht an Stoff gebunden sei, solange es sich nicht in kerkerhaftes Ich begibt. Man begegnet bei ihm auch Geistern, »33 Göttern« und allerlei Spukgestalten, deren Symbolik sich allzusehr verbirgt. Klar steht in den »Brahminen von Sela«, daß die Guten nach dem Tod zur himmlischen Welt eingehen. Der Böse denkt: Es gibt nicht Vergeltung guter und böser Werke, Dies- und Jenseits sind leere Begriffe, der Gerechte aber erhält die Wiedergeburt, wie er sie wünscht, und schon diesseits Wahnerlösung. Ferner heißt es: »Was man fühlt, nimmt man wahr, was man wahrnimmt, dessen ist man bewußt.« Das ist tiefer, als es scheint: Gefühl als Ursache, nicht Folge der Wahrnehmung. Noch bedeutender ausgedrückt: »Wodurch besteht Lebenskraft? Durch Wärme, wodurch besteht Wärme? durch Lebenskraft.« Diese aber ist nicht identisch mit dem Intelligibeln, Wahrnehmbarkeitstäuschung wird erst vernichtet, wenn man beides als verschieden erkennt, d. h. Psyche unabhängig von Lebenskraft. Gier, Haß, Irrtum erzeugen die Vorstellungen, mit ersteren schwinden letztere. Die fünf Elemente des Lebenstriebs bilden die Persönlichkeit, deren Fortdauer nur möglich wäre, wenn jene selber das intelligible Selbst wären. Sehr wahr, doch gerade letzteres heißt uns Persönlichkeit; was Buddha meint, ist nur die belanglose Person. Vernichtung der Wahrnehmbarkeit löst zuerst sprachliche, dann körperliche, zuletzt geistige Unterscheidung, dagegen bringt ihre Wiederherstellung zuerst Geistiges, dann Körperliches, dann Sprachliches. Dieser umgekehrte Werdegang entspricht jeder wahren Biologie. Wenn man sich sträubt, geistige Wahrnehmung des Säuglings an die Spitze zu stellen, so beobachtet man doch das nämliche auf untersten Lebestufen, wo deutlich Orientierungswunsch den Tastversuchen voraufgeht. »Aus dem freudigen folgt das leidige, aus dem leidigen das freudige Gefühl«, doch es gibt dauernde Freude ohne Gier, nämlich Weihe der Betrachtung, Leid ohne Haß, nämlich Sehnsucht nach Wahnverlöschung. Und was folgt aus letzterer? »Laß die Frage, ich kann den Begriff nicht fassen«, antwortet die weise Nonne, denn Unaussprechliches darf nicht besprochen werden. Deshalb ist irrtümlich, daß Buddhismus ohne Gott auskomme, Buddha verbietet nur Spekulation darüber, weil das Endliche nicht begrifflich, geschweige denn sprachlich das Unendliche erfassen könne. Darum verschweigt er auch, woher die transzendentale Psyche stamme, und legt die Frage nicht vor, warum Ich und Materie da sind, da er zweckmäßige Allordnung keineswegs verneint. Erst modernste Wissenschaft behielt sich die Entdeckung vor, daß Natur nur grausam und zufallmäßig handle, vieles zu Schaden der Lebewesen einrichte. Das möchte sein, da etwas Teuflisches in der Materie steckt und man vom menschlichen Standpunkt nicht mit einer besten aller Welten zu tun hat, sofern man sich an sichtbare hält. Das hebt nicht auf, daß kritische Rügen an die Natur sich an falsche Adressen wenden. Denn was schadenfrohes Übelstiften übt, kann nicht gleich sein mit angeblich automatisch mechanistisch arbeitender Natur, die doch keine plötzlichen Launen und Seitensprünge kennen kann, übrigens im allgemeinen doch wirklich prästabilierte Harmonie im Weltraum zu besorgen scheint. Was also teuflisch eingreift, ist etwas Unsichtbares und über dessen Absichten steht uns kein Urteil zu. Vielleicht lacht man in höheren Sphären (die Spirits des Reverend Owen tun es) über menschliche Dreistigkeit, die sich einbildet, was ihr nicht paßt, sei deshalb nicht zweckdienlich.

Auch Buddha erkennt in der Materie einen bösen Geist, Maro den Versucher, der uns verführt, dem Schein zu trauen. Alles Ethische behandelt er sozusagen physikalisch. In prachtvoll durchgeführtem Gleichnis wird die Lust, wo ihr Same unbeachtet bleibt, zur Schlingpflanze, die den Baum zerstört. Die körperwollüstige Brunst asketischer Schmerzekstase führt gleichfalls auf falsche Fährte abwärts. Das hier nichtbegründete Warum ist klar: da Körperliches wesenlos, so irrt, wer es kasteit, so töricht wie wer es pflegt. Befreiung kann nur innerhalb der Psyche stattfinden, entscheidendes Übel ist Unwissenheit. Hier läßt freilich Buddha ungeklärt, warum nur so wenige Wissen erwerben, wieder halte man sich gewärtig, daß indischem Denken immer Karma zugrunde liegt, unfreier Wille als Karmafolge sich auslebt und dies völliger Ungleichheit der Iche entspringt. Der Böse ist böse »mit Lust und Genügen«, der Halbböse ringt mit seiner Sündhaftigkeit »in Schmerzen und Qualen«, welch gegenwärtige Unlust ihm künftiges Wohlsein beschert. Dagegen hält sich der Gute mit Lust und Genügen vom Bösen zurück, dessen Verwerfung ihm nicht Anstrengung kostet, sondern Lust gewährt. Solche Lebensführung, die gegenwärtiges und künftiges Wohl bringt, verscheucht »wie die Sonne die nebelhaften Redereien der Geistlichen«, auch der Materiepfaffen. Maro der Böse führt Buddha in den Kreis der Brahmagötter und predigt ihm, nur Natur sei das Immerwährende, Naturfeinde versinken nach Verbrauch der Arbeitskraft, während Naturforscher und Erdanbeter sich selber evolutionieren! Der Große Brahma ist allein Erschaffer, Erhalter, Übermächtiger. Doch Buddha läßt sich nicht beirren, sondern lacht Maro aus, nach dessen Willkür sich alle Naturgötter bewegen (d.h. der Materialismus verfällt dem Naturschein). Der Pan-Theismus Brahma hält ihm vor, man könne nichts als Stütz- und Schwerpunkt nehmen als die Materie. Ironisch erwidert der »Erleuchtete«, wohl kenne er solche Herrlichkeit, »wo tausendfach der Weltenraum in deinen Willen eingewiegt«, doch er wisse auch, wie unbefriedigend des Alls Allheit ist. Ja, spottet Brahma, weil in Buddha hohl und leer ward, was Leuchtkraft des Bewußtseins war. Doch der belehrt ihn, daß es drei höhere Daseinsarten gebe, dem Brahma fremd: Die Leuchtende, Strahlende, Gewaltige. Aus der Leuchtenden sei Brahm erschienen (d.h. Materie stammt aus Weltpsyche), doch habe wegen zu langen Verweilens im Schein die Erinnerung des Ursprungs verloren, das wahrhaft strahlende Gewaltige kennt er nicht. »So werde ich Dir zur Strafe entschwinden« droht Brahm, doch vermag es nicht, das Wesen der Natur bleibt dem Buddha sichtbar, dagegen entschwindet er selber mit dem Magiespruch: »Kein Leben lieb ich irgendwo.« Da jammern die Naturgötter bestürzt: »Das Leben hat er mit der Wurzel ausgezogen«, womit natürlich nur das Sinnenleben gemeint. Dies ist die tiefsinnige Parabel »Heimsuchung des Brahma«: voller Triumph des Unsichtbaren über das Sichtbare. –

Tatsächlich gewährt die Wiedergeburt Schulzes Eigenwillen, er lebt gesetzmäßig fort, ob als Proletarier oder als Prinz Schulze, bis unendliche leidvolle Erfahrung ihn vom Schulzeismus freimacht. Nun aber übernimmt Buddha für das Interregnum zwischen den Schlachten der Wiedergeburt den Himmel und die Hölle (verstärkt fressender Lebensgier) aus der Bagghavat Gita. Denn es wäre nicht abzusehen, wo die Elemente von Haß und Gier oder Begeisterung und Edelsinn sonst ihren Aufenthalt finden sollten nach Aufhebung irdischer Materiewohnung. Ohne solchen Kompromiß zwischen Ichvertilgung und selbständiger Psycheexistenz kommt also Buddha nicht aus, er darf auch eine Geisterwelt nicht ausschließen mit anderer physikalischer Basis auf anderer Ebene. Doch ist dies unwesentlich. Reißt man aus dem lockern Bau des Materiekults nur einen Stein, so droht Einsturz; beseitigt man dagegen aus der Psychelehre jede konkrete Jenseits-Vorstellung, so bleibt die Gewißheit des Unsichtbaren, jene »heilige Wissenschaft, überweltlich mit gewöhnlichen Begriffen nicht vereinbar«. Dies wahrhaft naturwissenschaftliche Denken (zyklische Allbewegung des Rades) hat mit Experimentiererei am untauglichen Objekt des Sichtbaren so wenig gemein, wie mit den verkappt materialistischen Semitenreligionen. Von »christlicher« Leidenswollust keine Spur, das Leid als Übel soll vielmehr abgewischt werden wie ein Schmutzfleck. Es erheitert, wenn Edel-Materialisten verzweifelt dem Buddhismus als einer Pessimistenmoral huldigen. Ein sonderbarer Weltschmerz, der vor allem mit Gotamo Ruhe und Heiterkeit fordert! Ebenso sollten aber Theosophen sich hüten, einen fingierten Buddha unnützlich im Munde zu führen, wobei sie mit vedantistischer »Seele« »freiem Willen« »Gott« derart um sich werfen, wie es dem Buddha ein Greuel wäre. Solchen Pseudobuddhisten ziehen wir noch das ehrliche Idiotentum über »müde« Lebensabtötung vor, während der »Erhabene« gerade matte Müde verdammt und seelische Heldentaten verlangt.

Von eigenen Nachfolgern mißverstanden – denn nichts liegt ihm ferner, wie wir sahen, als wirklicher Atheismus und Unsterblichkeitsleugnung – genoß seine Lehre doch das unschätzbare Glück, daß man sie im Wesenskern seiner Reden vollständig unentstellt bewahrte und sie nicht durch Zusätze um ihre Reinheit brachte, wie die Nachfolge Christi wirtschaftete. Aber so sehr wir der intellektuellen Sauberkeit indischen Denkens das Wort reden, so reinlich und vornehm es dem abendländischen Anthropomorphentum gegenübersteht, so warnen wir davor, es als Zukunftsreligion der ganzen Menschheit ins Auge zu fassen. Praktisch kann es nach Europa nicht übergeführt und eingebürgert werden, weil man Konsequenzen der »Überwindung« wohl in indischer Waldeinsamkeit ziehen kann, nicht aber bei der Lebenshaltung der weißen Rasse, bei welcher Willensüberspannung angeboren und vererbt. Ein Nietzschekranker Biologe klagt, die prächtigen, obwohl nicht »blonden«, Bestien der Mongolei seien zu sanften milden Hirten geworden, das habe mit seinem Singen der böse Buddhismus getan. Doch selbst dieser ethische Gehalt genügt dem blamierten Europäer so wenig, daß der Indologe v.Schröder sich als Ergebnis seiner Studien zu Kirchendogmen bekehrte! Arya heißt indisch das Edle und Vornehme; ob die indischen Arier ihren europäischen Verwandten dies Ariertum zubilligen, scheint leider fraglich. Indessen können wir nicht umhin, aus tieferen Gründen abschließende Alleingültigkeit Buddhas nicht anzuerkennen. So tief er seelisch schürfte, scheint er sich Erlösung zu einfach vorgestellt und einzig morgenländischem Wesen angepaßt zu haben.

Möglichenfalls beschleunigte das christlich-demokratische Ideal allgemeiner Gotteskindschaft der Vielzuvielen den Zersetzungsprozeß der modernen Gesellschaft. Desgleichen verwertete die Plutokratie die merkantil verknotete Wissenschaft als Sprengstoff gegen den Feudalstaat, was aber einen so breiten Granattrichter aushöhlte, daß alle Zerfallsprodukte aus dem Abgrund aufstiegen. Buddha dagegen stand in fester Kastengliederung, und als Königssohn schätzt er »Söhne aus edlem Hause« besonders als Entsager, während Zweifler als »Fischersöhne« und »Geierjäger« und ein vorlauter junger Sophist als »Kaufmannssohn« bezeichnet werden. Brahminen und Krieger hält er anscheinend für heilsfähiger, er bleibt Aristokrat trotz demokratischer Propaganda. Da er also nicht unterläßt, Ungleichheit der Menschen zu bejahen, warum hält er dann seine acht Heilspfade für alleinverbindlich, da doch Gleiches sich nicht für alle schickt? Der mißverstandene Marquis de Sade sagt: »Eine durchaus tugendhafte Welt könnte nie bestehen ... nur durch Böses gelangt die Natur dazu Gutes zu tun. Die Gegenstände haben nur den Wert, den ihnen unsere Einbildung verleiht, als Teilchen des Unendlichen kehren wir in den Naturschoß zurück, um ihm in anderer Form wieder zu entsteigen. Dies geschieht ohne Beziehung auf Tugend oder Laster, denn alle handeln wie die Natur es will.« Solcher Anarchismus der Halbwahrheit vertritt zwar richtig die Notwendigkeit alles Geschehens, macht aber halt vor der Forderung, daß Gesetzmäßigkeit sowohl Ursachen als Zwecke hat. Buddha dagegen hat späteren Bickshu-Kathechismus, der weder Lohn noch Strafe kennt, keineswegs selber eingeführt, macht auch die christliche Allvergebung nicht mit. Für ihn ist Böses als Folge des Bösen ein physikalischer Vorgang wie Belohnung des Guten durch Selbstbefriedigung.

Der buddhistische Heilige verabscheut den Geschlechtsakt nicht aus moralischem, sondern aus philosophischem Grund, betrachtet Keuschheit als Erhöhung sogar der physischen Kraft, Jungfräulichkeit als Voraussetzung hoher Intuition. Buddhistische Nonnen widerlegen die Phrase, das Weib stehe der Natur näher wie der Mann, oder die andere, es habe nur sexual religiöses Bedürfnis: jede buddhistische Philosophin fühlte sich als Überwinderin der Natur. Der organisierte Geschlechtsneid – wie Hauer boshaft die moderne Frauenbewegung nennt, verschafft statt sexualem Wahlrecht ein politisches, Buddha und nach ihm Jesus schenken dem Weib etwas Besseres, das Seelenrecht. Daß die christliche »Sünde« erst die moderne Erotik im Preise steigen ließ, stimmt nicht, auch die Antike kannte Zwangskeuschheit der Pythia und Vestalin, während die indische Ars Amandi zwar den Begriff Sünde ignoriert, doch bei solcher Natürlichkeit nicht modernste Raffiniertheit verleugnet. Während aber christliche Tugend aus bloßem Moraldiktat Unnatur erzwingen will, lassen Buddhas Vernunftgründe Naturverleugnung als natürlich erscheinen. In seinem Reiche kastriert man nicht den Massenverstand, früher durch Kirche heute durch Presse, dies Panoptikum demokratischer Schwarzkunst, Majoritätsabstimmung der Obskuranten, parasitische Made der Massenmode. Hocharistokratisch züchtet er Edelmenschen, welche die Torheitswelt auf den Kopf stellen, nämlich den Kopf des Erlösten. Aber schlägt er nicht auch Egozentrische Individualitäten über einen Leisten durch Alleinseligmachenden Drang sich ins All auszuhauchen?

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