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Der Aufgang des Abendlandes

Karl Bleibtreu: Der Aufgang des Abendlandes - Kapitel 25
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authorKarl Bleibtreu
titleDer Aufgang des Abendlandes
publisherWilhelm Borngräber Verlag
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firstpub1925
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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III

In seinem Aufsatz über christliche Doktrin bestätigte der bedeutende Physiker Oliver Lodge, daß wahre Wissenschaft nichts gegen Präexistenz einzuwenden habe. Sie vermute die Existenz einer höheren transzendentalen Individualität, mit welcher das Genie am klarsten in Berührung stehe. Auch Christi Erscheinung sei nur als Reinkarnation eines göttlichen Spirit erklärbar. Solange aber die Kirche mit allerlei Redensarten die »historisch« völlig beweislose »Auferstehung« der Jesusseele in leiblicher Form (natürlich konnte sie halluzinativ den Jüngern so erscheinen) nicht fallen läßt, wird der wahre sinnbildlich transzendentale Sinn gröblich entstellt. Myers' »Subliminal Self« (unter der Grenze des Bewußtseins) sucht eine Verbindung zwischen »übernormalen« Phänomenen und den natürlichen der gewöhnlichen modernen Psychologie, muß aber zugeben »eine Fähigkeit wie das Erdenleben sie nicht gewährt«. Was seine Gegner, die Professoren Stout und Mac Dougall, dagegen vorbringen, trifft nirgends den Kern und schiebt Dinge in dies Subliminale hinein, die höchstens ins Unterbewußtsein (subconscious) gehören, wie das Vergessen und plötzliche Wiederfinden von Worten, was sich freilich ganz gut mechanistisch erklären läßt. Der Begriff Unterbewußtsein wird aber unnötig von Stout eingeschmuggelt, als ob schon alles, was man zeitweilig vergißt, jenseits der Bewußtseinsschwelle läge, doch handelt's sich hier um reine Reaktionsstände des bewußten Gehirnarbeitens, so wie eine Sehne oder Muskel zeitweilig den Dienst versagt aus rein physischer Ursache. Auch wenn Andrew Lang zwei subliminale Selbst unterscheidet, ein begrenztes und ein unbegrenztes, welche beiden Myers Definitionen angeblich verwechseln, so wäre dies nur ein Spiel mit Worten. Doch er folgert daraus mit Recht, daß die von Myers versuchte Verbindungskette zwischen dem gewöhnlichen Bewußtsein und dem »Unbewußten« (denn es läuft im Grunde auf Hartmanns und schon Hegels Definition hinaus) nicht haltbar sei. Myers wie mancher andere Wissenschaftler hat eine Heidenangst davor, sich von Spezialisten als Mystiker verlästern zu lassen. Er verwirrt sich nicht, weil er zu wenig, sondern weil er zu viel Rücksicht auf »gewöhnliche Psychologie« nimmt. Komischerweise sind aber seine Gegner gezwungen, selber zu abstrusen Phantasien ihre Zuflucht zu nehmen, so wie Stout behauptet, daß Bewußtes und Unbewußtes in ständigem Konnex stehen, »bewußte Aktivität appelliert sozusagen immer an etwas anderes«. Ein Konnex mit freilich sehr langem Kabel von unterseeischer Verborgenheit wäre möglich, ein »ständiger« nicht, sonst würde ein nüchternes Normalbewußsein nicht Ahnungen, Warnungen, Eingebungen in wachem Zustande ausschalten. Mit dem vagen »etwas anderes« wissen wir nichts anzufangen. Deckt es sich mit Kants »transzendentalem Gegenstand« und könnten wir es in anderer Aufmachung als uns konformen Tiefsinn begrüßen, wo bleibt dann der gewollte Rationalismus? Mit solchem unbekannten X sind wir in der schönsten Mystik, die sich sogar dazu versteigt: »Der Durchschnittsmensch wie das Genie kann Originalideen finden, während seine Gedanken mit ganz verschiedenen Gegenständen beschäftigt sind oder während er schläft«. Lang macht sich über diesen Satz lustig und leugnet mit Recht jede Möglichkeit des Durchschnittsmenschen, aus seinem Unbewußten Originalgedanken hervorzuholen. Myers unterscheidet vorsichtiger, die Menschen seien sehr verschieden veranlagt in ihrer Beziehung zum Subliminalen, nur Genies wie Shakespeare und Wellington (! unpassendstes Beispiel) führen aus, was ihr Unbewußtes ihnen eingibt. Stout verweist nun darauf, das Subliminale des Genies ändere nichts daran, daß es von zeitlicher Umgebung abhänge. Vielmehr besitzen wir Beispiele für das Phänomen, daß Inspiration und Genie plötzlich auftauchen ohne jede Verbindung mit »vorherigem Geistesleben«, wie Stout glaubt. Siehe Jeanne D'Arc, ein völlig ungebildetes Bauernmädel, das fünf Jahre lang sich den Ermahnungen des geheimen Selbst widersetzte und lieber »an Mutters Seite nähen« wollte, ein unzweifelhaftes militärisch-politisches Genie, das jeder mechanistischen Erklärung spottet. Was ferner die wissenschaftlich anerkannten Schlaftraum-Eingebungen betrifft, so mag es für diese (siehe Freuds Theorie) eine, obschon verwickelte, Verbindung mit dem zeitweilig unterdrückten Bewußtsein geben. Freilich verwischt solche Erklärung die Grenzen zwischen bewußt und unbewußt derart, daß der Mechanist unmöglich Freude daran haben kann. Denn daß das bewußte Spektrum des Ich kontinuell im Schlaf fortdauert, berührt nicht die Tatsache, daß der gewöhnlichste Mensch im Traum die ihm sonst ganz abgehende und nur dem Genialen eigene Fähigkeit des inneren Schauens gewinnt und Traumvorgänge sich plastisch veranschaulichen. Daß dabei keineswegs nur aus Erinnerungsvorrat geschöpft wird, sondern erwiesenermaßen auch bestimmte und sichere Vorahnungen genaue Form annehmen, macht das Rätsel noch dunkler. Offenbar bewegt sich die Plastik der Träume auf gleicher Ebene wie diejenige spiritistischer oder telepathischer Erscheinungen. Doch sei dem wie ihm wolle, und mögen auch hypnotische Kuren sich einigermaßen erklären lassen – wobei aber stets der banausische Wald- und Wiesenmaterialismus zu kurz kommt–, so versagt jede Erklärung für Fernhypnose durch Telepathie, Clairvoyence unter Hypnose, überhaupt alle Erscheinungen der Telepathie. Versuche wie Lehmanns »Aberglauben und Zauberei«, derlei wegzudisputieren, endeten in Gelächter, wie der Antispiritist Lombroso in überzeugten Spiritismus. Von Phänomenen wie wirklichen spiritistischen Manifestationen, Chiromantie, Kristallbeschauen, Wünschelruten, Tischklopfen, Kartenlegen – sofern nicht leicht erkennbarer Schwindel und Taschenspielerei vorliegen – läßt sich nur urteilen wie über Stolz' »Geschichte des Hypnotismus«: die versuchte rationalistische Deutung (oft ganz versagend wie bei Immunität und lebendig Begraben der Fakire) ist viel abstruser und unwahrscheinlicher als die einfach hingenommene Tatsache. Ebenso stehen wir beim uns bekanntgewordenen Bild des Blavatzkyschen »Master« (Mahatma) vor dem Dilemma: Entweder ist es wirklich im Astrallicht photographiert oder es stammt von einem Genie größer als Michelangelo, das ein wahres überwältigendes Abbild eines Mahatma und hiermit den indirekten Beweis für dessen Möglichkeit schuf. Was von beiden ist das Einfachere und Wahrscheinlichere?! Denn wer kann an ein so unbekanntes Genie glauben, das sonst keinerlei Spuren hinterließ!

Das Ungeheuerlichste, weit unheimlicher als Prophetie oder Gedankenlesung und -Übertragung, enthüllt sich beim scheinbar Unmöglichsten, beim Kartenlegen, sobald eine Lenormant es in die Hand nimmt. Denn nicht das Lesen der Karten ist hier das Unerklärliche, sondern daß die Karten wirklich so liegen, wie die Deuterin sie liest, weshalb nur solche dies Experiment vornehmen sollten, die selber genau den Sinn der Karten kennen. Wenn der Fragende, nur an »Abheben« beim Mischen beteiligt, seine Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in den gelegten Karten findet und der Deuterin stets kontrollierend auf die Finger sieht, d.h. bei jeder Deutung findet, daß die Karten wirklich in gedeutetem Sinne liegen,so muß jedem Skeptiker gruselig werden. Und wenn gar bei besonders schwerer Lesung (Kartenlegen für eine ferne dritte Person) vorkommt, daß die Deuterin mal falsch übersetzt, der in den Karten selber stehende Sinn aber völlig der Wahrheit entspricht (»die Sterne lügen nicht«, nur der Sterndeuter mag irrig übersetzen), dann wird der Rationalist wohl staunend erstarren. Ähnlich Unglaublichem begegnet man gelegentlich beim Tischrücken, dessen äußere Materiewirkung für jedermann ins Auge springt und durch Magnetismus – soweit man nämlich ihn kennt – unmöglich erklärt wird, dessen psychische Mitteilungen aber oft von so überraschender Richtigkeit, daß man sich im Verkehr mit Klopfgeistern in eine Sphäre versetzt findet, wo man sich ohne jeden Übergang heimisch fühlt. Wer selber solche Erfahrungen hatte, wird mit Professor Andrew Lang nur noch Hohn und Spott für jene »Psychologen« haben, die von vornherein solche Experimente als unsinnig ausschließen, während der Unsinn nur in ihrer Verstockheit steckt, und ungescheut alle unbescholtenen Zeugen, die als absolute Skeptiker gründlich bekehrt wurden, der Lüge oder Selbsttäuschung bezichtigen. Obendrein machen wir das Bekenntnis, daß jeder Spiritismus,also auch »Klopfgeister« unserer Weltanschauung ganz zuwiderläuft, insofern es sich um Manifestation Verstorbener handeln soll, wobei wir auch Blawatzky folgen, die diese ihr so reichlich bekannten und ihr unterworfenen Phänomene auf bloße »Elementals« (Spukdämonen) zurückführte. Doch wir gleichen nicht eingebildeten Verlehrten, die prüfungslos verwerfen, was ihnen nicht paßt, wir beugen uns den Tatsachen, müßten daher wohl oder übel eine persönliche Fortdauer im Interregnum zwischen Wiedergeburten annehmen, sowie ein stetes Hineinragen der Jenseits- in die Diesseitssphäre, das sinnlich wahrnehmbar werden mag. Doch kann dies alles nur auf das von uns formulierte Gesetz des »Entgegenkommens« hinauslaufen, wonach der Mensch unter Beihilfe des subliminalen Selbst alles findet, was er ernstlich sucht.

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