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Der Aufgang des Abendlandes

Karl Bleibtreu: Der Aufgang des Abendlandes - Kapitel 24
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authorKarl Bleibtreu
titleDer Aufgang des Abendlandes
publisherWilhelm Borngräber Verlag
year
firstpub1925
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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II

Es bedrückt das Gemüt, wenn sogenannte Gottesgelahrtheit von Theologie-Professoren (Vergl. die »Evangelien als historische Dokumente« vom Cambridger Professor Standon) noch heute sich damit abquält, historisch festzustellen, wann irgendein Kirchenvater zuerst seinen mythologischen oder dogmatischen Kram auspakte. Welches Interesse hat für uns, was unwissende Leute, denen zumeist jede philosophische Bildung abging, in einer geistig und ethisch verdorbenen Epoche, wie in den ersten Jahrhunderten der christlichen Kirche, ihren noch unwissenderen Täuflingen vorschwatzten? Ebensogut und oft mit größerem Recht könnten wir uns dafür interessieren, welchen Hokuspokus ägyptische oder chaldäische Priester, die ihren Geheimkult für sich behielten, vor den fürs Volk bestimmten Götzenbildern anstellten. Historie belebt nicht Religion, aus keiner Geschichte der Philosophie lernt man denken. Es wäre an der Zeit, uns nicht mehr mit Dingen zu belästigen, die wie Raritäten eines Antiquitätenkabinetts wohl den Sammler, aber nicht die Öffentlichkeit angehen. Ob Pfleiderer, Schmiedel, Holtzmann und der scharfe Abbé Loicy sich gegen die Echtheit des Ev. Joh. wenden oder Schürer und Drummond eine vermittelnde Haltung annehmen oder der beredte Harnack diplomatisch schwankt, jedenfalls erwies man dem Christentum keinen Dienst, als man das gedanklich und poetisch bedeutendste Evangelium als späte Arbeit eines christianisierten Neuplatonikers aufdeckte. Viel vom Reiz der Persönlichkeit Jesu, viel von Bewunderung seiner tiefsinnigen Lehre geht dann verloren. Die »echten« Evangelien zeigen uns einen volkstümlichen Prediger mit revolutionärem Anstrich, nicht einen erkenntnistheoretischen Gottfinder vom Schlage Buddhas. Daß eine trocken kritische Natur wie Strauß diese wundersame Gestalt nicht durchdringen konnte, daß Renans schwermütig süßliche Ironie dem »Erlöser« umsonst rationalistisch beizukommen suchte, daß Schopenhauer, Wagner, Tolstoi und Antichrist Nietzsche ihn einseitig mißverstanden, berechtigt nicht zu der fanatischen Einseitigkeit Weinels (»Jesus im 19. Jahrh.«): »entweder Christus oder nichts, entweder Christi Gott oder keiner«, was denn selbst Chamberlain zu viel ist. Dieser versündigt sich zwar an Buddha und indischer Urweisheit, behält sich aber seine Alleinwürdigung Christi nur für dessen Persönlichkeit vor, während er dessen angeblich persönlichen Gott (im jüdischen Sinne) ablehnt. Es bleibt aber ein seltsames Unterfangen, Religion nicht auf die Lehre, sondern auf die Person des Stifters zu gründen. Nun gar erst, wenn wir von ihr so wenig und so schlecht Verbürgtes wissen. Die paar Zeilen im Josefus und Tacitus sind die einzig historischen Überlieferungen, die im Josefus sollen sogar spätere Interpolationen sein und es fehlt nicht an Stimmen, die dem Christos jede Existenz absprechen. Wir freilich halten aus bestimmten Gründen an dieser Existenz fest, halten aber Ev. Joh. für ein Anzeichen, daß man schon früh geneigt war, das ganze nur als theosophisches Mysterium auszulegen. Wir sind ferner überzeugt, daß Jesus seinen »persönlichen« Gott in einer Auffassung lehrte, die wir philosophisch gutheißen, denn wir erkennen im Allgott einen für den Menschen selber persönlich Werdenden. Manche Aussprüche Jesu sind vieldeutig und scheinbar dunkel, obwohl oft blendend klar für den Verstehenden, und da man bedenken muß, daß er sich schlichten ungebildeten Jüngern verständlich machen wollte und diese vielleicht seine Worte nicht wortgetreu wiedergaben, so bleibt offen, ob wir nicht im Jesus der »echten« Evangelien verschleiert den gleichen gewaltigen Seher vor uns haben wie im »unechten« Ev. Joh. Die scheinbare Schlichtheit der Bergpredigt atmet tiefsinnige Größe und die Parabel (oder wirklicher Vorgang) von der Ehebrecherin scheint uns das Erhabenste, was je geschrieben oder gar wirklich gesprochen. Sind übrigens Joh. Episteln auch unecht, die geistig so sehr dem Ev. Joh. und gewissen Sätzen der Apokalypse ähneln? Spricht in allen Evangelien literarische Meisterschaft der Darstellung für Selbsterlebtheit des Vorgangs oder gegen die Wahrscheinlichkeit, daß einfache Fischer so geschrieben haben? Doch heißt's ja wiederholt: »als die Jünger diese Rede hörten, entsetzten sie sich«, und bezüglich des ältesten Ur-Evang. Matthäi weiß man gar nicht, wie sein Originaltext lautete. Das gehört in ein späteres Kapitel. An begeisterter Verehrung für diesen ganz »modernen« Ethiker stehen wir hinter niemand zurück, belächeln mitleidig jene kleinlichen Lästermäuler, die hier von Sklavenmoral schwatzen und ihren sittlichen Makel »Antichrist« als Ehrenschild aushängen. Doch ein Reformchristentum, das die Lehre fallen und nur die schattenhafte Persönlichkeit gelten läßt, zeigt nur, auf wie schwachen Füßen solche Staatsreligion steht. Denn Jesu heiter liebenswürdiges Heldentum, das ihm die Herzen alter Germanen gewann (»Heliand«) und, jeder süßlich säuselnden-Sentimentalität fremd, grimmig über Heuchler und Wucherer die Geisel schwang, mag man als herrlichstes Vorbnd von Mensch zu Mensch anerkennen, doch für abstrakte All- und Gotterkenntnis gewinnen wir philosophisch scheinbar daraus nichts. Giordano Brunos Eroici Furori und sein glorreicher Märtyrertod erhoben nicht den Anspruch darauf, eine Religion zu gründen, wohl aber erweckte seine allschauende Lehre religiöse Empfindung. Ob der alte Aufklärer Feuerbach oder der theologische Diplomatikus Harnack mit gleichem Titel das »Wesen des Christentums« beschreiben, jede rationalistische Halbheit mit schielendem Hinblick auf die gestrenge »Wissenschaft« (historische Unsicherheit oder Haltlosigkeit der »Offenbarung«) schiebt sehr zu Unrecht die Person Christi in den Vordergrund. Sie verfällt so in den gleichen Irrgang wie die verpönte Orthodoxie, für die ja im Grunde die Bergpredigt nur unbequeme Zugabe zu dem Götzendienst einer Gottperson. Es ist lächerliche Übertreibung, daß kein Erdenleben so rein und so heldenhaft gewesen sei, wie das uns halbsagenhaft überlieferte des Jehoschua von Nazareth. Unzählige indische Chela und manche christlichen Mystiker wie Franz v. Assisi lebten ebenso sündenfrei und an Helden, die sich für eine Idee kreuzigen ließen, fehlt es keiner Zeit. Wenn also Christi Kreuzigung eine besondere Weihe haben soll, dann darf man dies nur davon herleiten, daß er wie kein anderer »Gott geschaut« und die höchste Weisheit erreicht habe. Und ohne damit sein Dasein anzweifeln zu wollen, möchten wir doch andeuten, daß die Entstehung der »echten« Evangelien durch Schriftsetzung ungebildeter Jünger uns ihren stellenweise vollendeten Stil geradeso verdächtig macht wie das Ev. Joh., für dessen wirkliche Unechtheit wir geradesowenig positiven Beweis anerkennen wie für die Echtheit der andern. Einen gewissen sagenhaften Ton wird man kaum ableugnen. Alle Religion auf eine Persönlichkeit stellen, von der wir weniger wissen als von irgendeiner andern der Weltgeschichte!

Obendrein erklärt »des Menschen Sohn«, hiermit jede Gottessohnschaft in kirchlichem Götzensinne von sich abstreifend, ausdrücklich: »was nennst du mich gut, niemand ist gut als der einzige Gott« und »nicht mir steht zu, Sitze im Himmel zu verleihen«. Die Redensart, daß Christi auferstandene Persönlichkeit ewig fortlebe in der christlichen Kultur und sein Erscheinen die Welt umgewandelt habe, ist wieder nur Berufung auf Pseudo-Historisches. Seine Lehre hat leider die Menschheit so umgewandelt, daß diese sich selbst den Weltkrieg als höchsten Greuel der Geschichte bescherte, und sonstiger Einfluß des Christentums führte nur zur Umwandlung des altrömischen Militarismus in gesetzloseres roheres Feudalsystem, der harmlosen Auguren in verschmitzte Pfaffen. Was sonst an historischen Werten entstand, geschah durch Rassen- und Wirtschaftsbewegungen. Hätte die Christenlehre etwas damit gemein gehabt, so war die Transformation gewiß nicht größer als durch Alexanders, Roms, Napoleons Weltreiche. Wenn England mit der Bibel in der Hand die Erde brandschatzte, so kommt dieser fromme Betrug gewiß nicht dem Reich Christi zugute. Und wie steht es mit Buddhismus und Brahmanismus, denen sich friedfertig ohne Kriege dreimal größere Menschenmassen unterwarfen, und mit dem Islam, der sich in fortwährender Zunahme befindet? Der Kameltreiber von Mekka lebt also auch noch, obschon er nicht sichtbar von den Toten auferstand! Solche Anrufung gefälschter Geschichtsklitterung, weil die früher als historisch eingebläute »Offenbarung« nicht mehr verfängt, zeigt das krampfhafte Bemühen, vom und für Pseudochristentum zu retten, was zu retten ist. Rationalistische Reform einer völligen Vermenschlichung Christi und maßloser Übertreibung seines äußerlichen Einflusses gebraucht die gleichen Trugschlüsse wie die Kirche nur in anderer Form. Nein, es handelt sich nicht um seine Person, nur um seine Lehre. Hier sind wir freilich weit entfernt, heutige Anschauung zu teilen, er sei im Milieu des Judentums befangen geblieben. Sein stetes Betonen, Himmelreich sei inwendig, genügt ihn von jeder anthropomorphischen Vorstellung eines persönlichen Jehova freizusprechen. Indessen behalten wir bei ehrerbietiger Würdigung seiner überlieferten Sprüche den Eindruck, daß wir Fragmentarisches vor uns haben, Bruchstücke eines Baues, dessen Grundplan wir nicht überschauen. Unter solchen einzelnen Säulen und Simsen, mögen sie noch so herrlich sein, kann man so wenig sicher schlafen wie in Ruinen eines hellenischen Tempels. Indische Urweisheit dagegen steht, wie einer jener uralten Höhlentempel mit Elefantenreliefs und Götterskulpturen, als Ganzes wohlerhalten vor uns da, geordnet und gesichert auf unzerbrechlichen Grundpfeilern divinatorischer Logik, auf dem Fundament des Kausalgesetzes vom Karma. Hier kann der müde moderne Mensch vor den Stürmen des Schicksals, vor den reißenden Wölfen mechanistischen Unglaubens Zuflucht finden, hier kann er Hütten bauen.

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