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Der Aufgang des Abendlandes

Karl Bleibtreu: Der Aufgang des Abendlandes - Kapitel 19
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authorKarl Bleibtreu
titleDer Aufgang des Abendlandes
publisherWilhelm Borngräber Verlag
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firstpub1925
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5. Das Weltreich der Illusionen.

I

Apologetisch übertreibt Horace Samuel, daß Nietzsches Doktrin nicht mindere Selbstverleugnung vom Übermenschen fordert als vom Altruisten, und daß sie ausdrücklich die Unsterblichkeit des Lebens in ewiger Wiederkehr des Gleichen lehrt. Also selbst Nietzsches Gedankenflucht kommt nicht hinweg über die zwei Grundpfeiler: Das Karmagesetz in verhülter Form und hiermit Ablehnung der Evolution im Fortschrittssinne. Es belustigt, wie dieser Antichrist enthusiatisch predigt als eigener Christus, unfehlbar borniert wie Orthodoxe. Wir brauchen nicht so weit zu gehen, in seiner Umwertung einfach Auflösung des früheren Zerebrallebens zu erkennen, erstes Stadium der Paralyse. Seine Briefbekenntnisse machen klar, daß seine Stärkevergötterung dem Sehnen nach geistigem Überglück entsprang, weil ihm körperliches Wohlsein versagt blieb. Was bei Stendhal (schon früher Chamford und de Vignys Stoa) stramme Willenskraft starrer Ichsucht bedeutet, pfropfte er seiner Hysterie in epileptischen Krämpfen auf, die gegen die Wirklichkeit strampeln. Seine historische Unkenntnis hielt die griechische Ethik für geistesverwandt, während sie von Lebensbejahung in seinem Sinne nichts wußte. »Das beste wäre, nie geboren zu sein.« Die Ansteckung mit Ethik war dort so antinietzscheanisch wie irgendwo; kannte er als Philologe nicht die äschyleischen Eumeniden? Daß das Wort »gut« sowohl moralisch als materiell gedeutet werden kann, wußte schon Spencer, das beweist nur notwendige Gleichzeitigkeit beider Begriffe, wo eben beim Ethiker das ethisch Gute, beim Materialisten das materiell Gute im Vordergrund steht, nicht aber nachträgliche Einschmuggelung der Ethik. Ebenso kindisch ist das Unterstreichen der Wortgleichheit von Schuld und Geldschuld. Denn natürlich heißt Schuld, daß man sich gegen die moralische Weltordnung verschuldete und dies dem Gläubiger abzutragen habe. Daß die angeborene Gewalttätigkeit sich im schlechten Gewissen gegen sich selber kehre, verwirrt wild die Ursächlichkeit. Denn gerade Nietzsches blonde Bestie kann sich immer nur nach außen wenden, da sie ja nur Außenwelt anerkennt. Ewiger Kampf des tollen Ich gegen die Welt ist eine Tatsache, deren angebliche Schwächung und Beschneidung nur ein weldfremder Professor voraussetzt, denn die wirtschaftlich Starken arbeiten heute mit gleichen Mitteln wie der älteste Sklavenhalter. »Der langsame Selbstmord, den wir Staat nennen«, war nie ein Werk der schwachen Herde, sondern der Schafzüchter, die diese scheinbare gesetzliche Beschränkung nur zu ihrem Vorteil ausbeuteten. Daher wirkt Hobbes Naivität, der die Gesellschaft für einen Contrat Social hält, als ob dieser Vertrag an einen einmaligen Abschluß gebunden wäre, so schädlich wie die Rousseaus, ob ersterer dies nun rechtmäßig oder letzterer unrechtmäßig findet. Auch der Rechtslehrer Ihering ist naiv, wenn er Recht für Überwiegen der allgemeinen über die individuellen Interessen hält. Denn nie verfuhr man so, immer war Recht nur geronnene Gewalt weniger über viele oder, im Bolschewistenideal, vieler über wenige. Hier sind nur äußerlich die »tables turned«, wie man im Englischen unübersetzbar sagt: Die Vereinung zu gemeinsamen Zweck, welche auch Nietzsches Verbrecherhelden brauchen, wird dann mörderische Übermacht der Schwachen gegenüber dem individuell Starken. All dies Gekreisch über Heiligkeit der Ichwut und Verächtlichkeit der Ethik ist praktisch leeres Strohdreschen, denn die Menschheit hat vom Urbiest bis zum Plutokraten und Bolschewisten immer nach Nietzsches Grundsätzen gehandelt und sich dafür selbst bestraft. Wenn der unselige Romantiker den Kampf selber für das Lobenswerte erklärt (nicht gute Sache heilige den Krieg, sondern guter Krieg die Sache), so fand diese pseudoheroische Weltanschauung längst in Giordanos wirklichen Eroici Furori bessern Ausdruck. Oder wenn wir als letzten Bodensatz dieses Mit-dem-Hammer-Philosophierens den Wahlspruch hören »Es lebe das Leben!«, so wissen wir ja, in welch banausischem Sinne ein literarischer Vielzuvieler oder die blöde Menge dies auslegen. Ja freilich lebe das ewige Leben, das wirklich seinen Zweck in sich selber trägt durch transzendentale Karmakausalität! Jeder Pessimismus dem Lebensprinzip gegenüber bleibt eine Unverschämtheit des Ichs, Leben ist das höchste Gut und will als solches genossen werden – aber nur, sobald es sich auf sein wahres Prinzip besinnt, daß Selbst und All, Leben und Unendlichkeit das nämliche, daß seine Basis nichts anderes ist als Gott selber. Schwante Nietzsche so etwas in lichten Augenblicken, wenn er die ewige Wiederkehr des Gleichen pries?

Der Freidenker Foote rühmt den übergeistreichen Romandichter Meredith als Gesinnungsgenossen, denn dieser bestritt persönliche Fortdauer, weil er in sich sechs verschiedene Menschen fühle, die doch nicht alle gleichmäßig fortdauern könnten. Der Scherz überrascht durch die Gedankenlosigkeit solcher vom Geiste Freien. Sechs Ich, nicht bloß Doppel-Ich, allzuviel ist ungesund! Doppel-Ich, wenn wirklich dies Phänomen in morbidem Hirnboden vorkommt, ist auch nur Täuschung. Denn Desorganisierung der Zellenrepublik könnte wohl solche zeitliche Spaltung herbeiführen, aber das Ich bleibt in beiden widersprechenden Zuständen, solange sie dauern, innerhalb der verschiedenen Eindrücke doch wieder vollkommen einheitlich. Darüber hinaus ist die Behauptung, daß Kind, Jüngling, Mann, Greis vier verschiedene Formen des Individuums seien, gründlich falsch. Wordsworths Vers »Das Kind ist Vater für den Mann« spricht die Einheit der Lebensprozesse aus, bleibt aber auch noch unklar, denn das Kind ist einfach schon der Mann, und der Mann bleibt wesentlich wie das Kind, nur sein Milieu änderte sich. Natürlich vermehrten sich Wissen und Erfahrung des Greises über das Kind hinaus, doch sets nur im relativ gleichen Tempo intellektuell und charakterologisch. Der Knabe Napoleon war ein verblüffend ähnliches Miniaturbild des Gefangenen von St. Helena. Nur verblendete Täuschung durch Äußerlichkeiten leugnet Unveränderlichkeit der Individualpsyche. Wäre aber Merediths unsinnige Prämisse wahr, so bewiese es höchstens die Verwandlungsfähigkeit des Ichs und gar nichts gegen die Fortdauer der Seelenelektronen. Er meint offenbar solche persönliche Fortdauer, wie die Kirche widersinnig lehrt (ohne dabei irgendwie ans transzendentale Ego zu denken). Immer wieder Verwechslung atavistischen Kirchenglaubens mit Erkenntnisglauben an den wahren Gott und die wahre Unsterblichkeit. So begriffsstutzig denken selbst begabte Leute.

Leonardo sagt (wir zitieren nach englischer Ausgabe von Richters Studie über seine Malerei): »Geist hat keine Stimme, denn wo Kraft, da ist Körper und wo Körper, da ist Raumausfüllung. Wo nicht Bewegung, ist keine Stimme, keine Bußprozession ohne Instrument, kein Instrument ohne Substanz. Der Geist hat weder Stimme noch Form noch Kraft. Wo nicht Nerven und Kräfte sind, kann der Geist, wie wir ihn uns vorstellen, keine bewegende Macht haben.« Der Materialist liest hier sein Credo von Nichtexistenz des Geistes, genau das Gegenteil ist gemeint: Der »Geist«, das heißt das spirituelle Prinzip, steht abseits der Materie, die nur durch Materialisierung ihre Macht übt, er ist das Wortlose, Stofflose, Unbewußte. Aber gab nicht Leonardo, der sogar Totenmessen für sich testamentarisch anordnete, weil er dies mystisch und symbolisch auffaßte, Anlaß zu solchem Mißverstehen durch solch unklare Orakel?

Der gedankenreiche, doch allzu dogmatische Steiner bringt in seinem Vortrag »Theosophie und Philosophie« Aristoteles und dessen scholastische Jünger sowie Hegel zu Ehren, verwirft Kant und seine Nachfolger. Das stößt jeden vor den Kopf, der Kants Verdienst als Wegräumer scholastischer Spinngewebe würdigt. Hat er willkürlich sich selber den Weg zur reinen Vernunft verannt? Kants Mißversteher sehen eben nicht sein Janusgesicht, daß er als Rationalist auf Humes Fährte begann, daß aber, je tiefer er ins Dickicht des Weltgeheimnisses eindrang, bald ein Unterton erklang wie die Glocke von Uhlands verlorener Kirche und immer deutlicher transzendentale Sphärenmelodie ihn umrauschte. Steiners drei Stadien zur höchsten Erkenntnis »Phantasie, Inspiration, Intuition« verschlossen sich Kant theoretisch keineswegs. Was er produktive Einbildungskraft nannte, soll diesen Pfad beschreiten. Die drei Stadien nur durch theosophische Disziplin zu erreichen, ist schwer, sie liegen aber schon vorbestimmt im höheren Menschen. Denn mit Recht spottet Steiner, daß der Materialist das Genie aus den Wolken fallen lasse, während es nur Fortsetzung dahin führender Präexistenzen sein könne. Doch er hätte sich nicht mit solchem Ausnahmezustand zu befassen, sondern mit Möglichkeiten jeder Psyche, die er allzu freigebig seinen Jüngern verspricht. Auseinandersetzung mit Kant wäre hier nachzuschlagen, siehe später.

Merkwürdigerweise bekannte sich auch Helmholtz gewissermaßen zu Kant, indem er jede Ähnlichkeit, wie eines Gemäldes mit dem konterfeiten Gegenstand, zwischen unserer Anschauung und dem Ding-an-sich leugnet. Was der Mensch in sich erfahre, sei nur ein Sinnbild, das ja dem, was es bedeuten soll, nicht ähnlich sein braucht. Gut, also alle Physik nur Symbolistik! Was fängt sie mit der aristotelischen Unterscheidung von Form und Stoff an? Unser Anschauen erfaßt nur die unzählbar wechselnden Formen, nur sie drücken sich wie in Wachs in unsere unterwürfigen Sinne ab. Was Steiner weitschweifig andeutet, formulieren wir scharf: Sobald wir Formen in Gruppen sondern und sammeln und diese dann zu Allgemeinbegriffen verbinden, begehen wir schon einen Akt der Vernunft, weil losgelöst von der Symbolistik bloßer Sinneserfahrung der Formen. Wir freilich nennen unsererseits dies gewollte Objektivieren der Vernunft selber nur ein Symbol füs die Einheit von Subjekt und Objekt. Damit erfassen wir nicht ein Ding-an-sich, das jenseits jeder Vernunft liegt, doch wir gewinnen den rechten symbolischen Standpunkt, uns ihm zu nähern. Denn indem wir es uns vorstellen, eröffnen wir schon, Symbol gegen Symbol, einen Tauschhandel. Das übrige muß eben Inspiration-Intuition tun, durch welche allein die relative Realität sich entschleiert. Jeder Realismus, der mit mechanischen Mitteln die symbolische Materie abstrakt begreifen will, ist unrealistische Ideologie.

Auch Mono- und Polytheismus sind nur Symbole. Semitische Vielgötterei entdecken wir nicht bei den Akkadern, die eigentlich nur zum Mond- und Sternengott beteten, was weit eher monotheistisch klingt als Anbetung eines Stammgotts, der ein auserwähltes Volk aus einem Zionstempel regiert. Die Moabiter (Dibonfund) wären dann ja auch Monotheisten. Die Methaphern des Jesaias sind alle geborgt aus akkadischer Mythologie. Dem Morgenstern, den ja die Chaldäer zuerst berechneten, vergleicht er den Babelkönig, der sich auf dem Götterberg (Olymp der Akkader) erheben will, doch zum Hades hinab muß, wo Schatten auf Schattenthronen sitzen und den Neuankömmling begrüßen. An diese Fortdauer glaubt der Sumerer, Göttin Istar sucht ihren Gatten dort unten, »im Haus der Toten ist mir eine Krone bewahrt«. Gott Merodach »erhebt die Toten zum Leben, hilft allen Notleidenden«, er ist Mittler zwischen Menschen und zürnenden Naturgöttern, ein mitleidig verzeihender Christus. Gott Nebo ist nur sein »Prophet«, Sonnengott Baal verschmilzt mit ihm, er ist der Heilige Geist, der zuletzt noch allein als Gottheit angebetet wird. Sumerische Bußpsalmen aus frühester Zeit voll ergreifender Frömmigkeit atmen unverkennbaren Monotheismus. Dessen Evolution zum Christen- aus dem Judentum ist Fabel, um so drolliger, als die Lehre des Ägypters Moses und der ihr verwandte Islam (der Koran ein politisch-soziologisches Buch wie das Alte Testament) beide das Christentum mit seinen Dreieinigkeiten, Madonnen und Heiligen der besonderen Vielgötterei beschuldigen. Wichtigtuerei von Mono- gegen Polytheismus ist Unwissenheit, nur altindische und sonstige Urweisheit war wirklich monotheistisch, Allah und Jahve sind nur Stammesgötter, und solange der Christ den Begriff »Heide« aufrecht hält, fällt dies unter gleiche Rubrik. Welche traurige Ironie, daß die Christen sich auf den Judengott beriefen, der ursprünglich nur »Mensch« war, auf polytheistische Elohimgläubige, und daß sie für den Islam, dessen arabischer Jehova doch wenigstens Alleinherrscher ist, zweifellos »Heiden« sind. Paulus verstand unter Heiden einfach gottlose Materialisten, damalige Antike glich der Moderne, auf deren Untergang im Weltkrieg laut Bibelmystikern schon die Apokalypse anspielen soll. Ursprünglich dachte aber die Antike nicht so, auch sie eigentlich nicht polytheistisch. Man anerkannte einen höchsten Gott, von dem Celsus sagt, es sei gleichgültig, ob man ihn Zeus, Adonai, Amiri (Ägypter), Papeios (Skyten) nenne. Plutarch und Apulejus stimmen überein, daß es eine Menge Unterherrscher geben könne, deren jedem von Gott seine Provinz zugeteilt sei.« Was immer geschieht, sei es von Göttern, Engeln, Dämonen, Helden, hat sein Gesetz vom höchsten Gott«, an den Indogermanen wie Papuaneger gleichmäßig glauben, und den schon die Neanderthalrasse längst anerkannte. Man sah Geist und Vorsehung in der Natur, zu deren Erklärung Pantheismus nicht ausreichte. Man nahm gute Dämonen an, die im Äther zwischen Gott und Mensch den Verkehr aufrechterhalten, Untergötter, die ihr Prinzip in jeder Sphäre vom »Höchsten« empfangen, ihm verantwortlich. Edle Seelen, befreit von der Wiedergeburt, können Dämonen werden. Es ist bezeichnend, daß die Christenkirche das Wort Dämon nur im bösen Sinne auslegt, während ihre »Heiligen« diesen griechischen Begriff decken. Sokrates verstand darunter sein transzendentales Ego. »Enthusiasmus« (Plutarch), d. h. Inspiration führt zur Intuition delphischer Orakel, wobei heiße Erddämpfe die Poren öffnen, auch Tischrücken ruft die Geister (Tertullian). Äskulap und Trophonius, weise Dämonen, spenden an ihren Altären Orakel und Heilungen wie die Lourdesquelle. Daß dabei Hypnose und Radium mitspielen, hebt das Wunder nicht auf. Daß man wie heute auch damals (Lucians »Alexander«) leichtgläubige beschwindeln konnte, ist nur die Wiederkehr des Gleichen, weil Lüge sich jeder Wahrheit bemächtigen kann. »Seit seiner Geburt steht bei jedem ein Dämon, sein gütiger Mystagoge durchs Leben« (Menander). Aristoteles lehrte gleiches, laut Seneca hat jeder Mensch seinen Genius (Schutzengel). Die Perser nannten den spirituellen Doppelgänger Frevashi, die Ägypter Ko, die Syrer kannten den Astralkörper: »Zwei an Zahl wir stehen, doch einer in der Erscheinung.« Epiktet sagt, daß dieser unsichtbare Wächter uns stets beobachtet, der laut Apulejus nach dem Tode Rapport abstattet. Empedokles meinte, jeder habe zwei Dämonen, einen guten und bösen. Einige machten den Menschen zu einem trojanischen Pferd, das eine Menge Geister in sich birgt. Die Ägypter behaupteten, ein Gott, d. h. ein höherer Dämon könne eine Frau von oben befruchten (Erklärung der Geburt des Genies). Drum habe ich mich der Magie ergeben! sagten die alten Weisen wie Faust. Sind Namen wie Vielgötterei und Heidentum hier angebracht? Der Theosoph wäre eher geneigt, dies als Übergang zu wahrer Erkenntnis zu begrüßen.

Wenn die Christenkirche sich zur Vernunft bekehrte, um ihre starren Dogmen beweglich zu entwickeln, so könnte sie eine Wiedergeburt erleben. Der Kampf des französischen Klerus gegen eine Normalschule, wo Glaube an Gott und Unsterblichkeit als Aberglaube, Religion und Vernunft als unvereinbar gelehrt werden, hat unsere Sympathie. Doch Tyrrels Modernismus und Kardinal Newmans berühmter Essay »Über Entwicklung des Christenglaubens«, wonach die katholische Tradition »Christ selber ist, reinkarniert von Geschlecht zu Geschlecht in der historischen Kirche, die sein Körper ist, dauernd in unablässiger Vermittlung und Offenbarung« läßt sich weder mit historischem Katholizismus und Protestantismus noch mit wissenschaftlicher Kritik der Grundlagen vereinbaren. Daß eine organisierte Gemeinde sein muß, darüber lese man Schleiermacher. Doch diese kann heute weder wie protestantische Orthodoxie an Autorität einer Heiligen Schrift noch mit Harnack an Zurückführung des Christentums auf seine einfachsten Anfänge glauben. Man kann auch unmöglich wie Tyrrel nach Paulus' Vorbild Jesus schlankweg mit dem »Geist« identifizieren. Denn sowohl Buddha als Shakespeare und Leonardo sind Manifestationen des gleichen Logos. Wenn man nur einen Interpreten der Gottheit zuläßt, verfällt man in Götzendienst.

Monnier (»La Mission historique de Jesus«) will alles, was in den Seelen der Gläubigen vorgeht, auf diese eine Person übertragen. Solche Spinngewebe zerreißt die Frage: Ist Buddha identisch mit den 600 Millionen Anhängern? War inspirierte Intuition »heidnischer« Denker auch schon vom Heiligen Geist empfangen, lange ehe er sich in Jesus verkörperte? Die beredte Rettung eines christlichen Modernismus, so heftig sich Tyrrel gegen Autoritätstheologie aufbäumt, bleibt zuletzt auch nur Theologie, fern theosophischer Geistesfreiheit. Man will die Notwendigkeit notzüchtigen, indem man das kausal Zerbröckelte für etwas noch kausal Bestehendes hält. Daß kein Klerus auf eine Reform eingehen kann, die ihn seiner irdischen Macht beraubt, versteht sich ohnehin von selber. –

Während auf diesem Wege kein Gewinn mehr zu erwarten ist, läßt uns auch Bergsons »intuitive Methode« im Stich. Unser Denken sei räumlich, unsere Erinnerung sehe Dinge nebeneinander, wie in der Außenwelt, und schalten wir nicht das Räumliche aus, so können wir nicht unser Selbst erkennen. Nun setzt aber unser Eindruck der Außenwelt schon ein ewiges Bewußtsein voraus, sonst würden nur zeitliche Serien spurlos an uns vorüberfließen, statt daß wir sie sogleich assoziativ verbinden. Unser Innenleben ist qualitativ, nicht quantitativ, Raum als solcher unveränderlich, Denken veränderlich. Also leistet zur Erkennung des Selbst Ausmerzen des Raumbegriffs nichts, sein Eindringen in Ichvorstellungen bietet kein Hindernis. Wohl erkennen wir Außenwelt oder uns vorgelegte Gedanken als räumlich von uns getrennt. Doch Bergsons geistreiche Haarspaltereien überzeugen nicht von der Unmöglichkeit, gleichsam ein Sinnbild (vergl. Helmholtz) unseres Selbst zu erschauen, gerade weil wir es objektivieren möchten. Sein Werk »Zeit und freier Wille« leugnete Determinismus und Willensfreiheit, da beides aus räumlicher oder zeitlicher Täuschung gefolgert werde. Das beweist aber nur, daß unser Ichbewußtsein nicht ausreicht, beide Begriffe auseinanderzuhalten. Gewiß, Kausalität ist zeitlich und räumlich gedacht, doch da wir eben nur so denken können, scheint determinierte Notwendigkeit des Geschehens für uns notwendig, Freiheit nur möglich, sobald wir das Unbewußte darunter verstehen, dann aber nicht nur möglich, sondern tatsächlich. Wenn Bergson Selbstaufgeben des Selbst als einzigen Weg zur Erkenntnis predigt und seine Gegner dies als vernichtenden Pessimismus mißverstehen, so besteht hier die stete Verwechslung des Ich mit dem höheren Selbst, das nichts sehnlicher wünscht, als sein Ich loszuwerden und im Allgefühl zu verschwinden. Solange man esotherisch-buddhistische Erklärungen ängstlich vermeidet, wird jeder philosophische Disput nur Spiegelfechterei um unverständliche Widersprüche. In seiner »Evolution créattice« behauptet Bergson: »Gedächtnis ist keine Fähigkeit, Erinnerungen zu registrieren. Kein Register ist da und keine Fähigkeit. Aufhäufen des Vergangenen auf Vergangenes geht ohne Unterbrechung fort, folgt uns jeden Augenblick. Was wir fühlen, denken, handeln von Kindheit an, ist jetzt hier, beugt sich über den gegenwärtigen Augenblick, der sich in sie verschmilzt, drückt auf das Bewußtseinstor, das es ausschließen möchte.« »Weder mechanische Kausalität noch eine Endursache ist passende Übersetzung des Gebens.« Mit andern Worten ein ewig transformiertes Werden, wo das verflossene Selbst als Erinnerung ins Gegenwärtige sich verwebt und das künftige Selbst eine natürliche Schöpfung des Gegenwärtigen wird. Von hier bis zur Annahme der Karmalehre ist nur ein Schritt, alles klingt wie Plagiat aus buddhistischem Lehrsystem, ohne daß sich Bergson dessen bewußt. Seinen Wunsch, sich durch Sympathie ins Innere des Werdens zu versetzen im eigenen Innern, hat ihm Buddha längt erfüllt und vorgemacht. Zweifellos entspringt die ablehnende Haltung der »Wissenschaft« gegen den Buddhismus, der ihr unter allen Religionsgebilden am sympathischsten sein sollte, zumeist aus blanker Unkenntnis. Doch auch bei bewährten Indologen (vergl. außer Deußen, Max Müller, Oldenburg usw. die Angloinder Professor und Mrs. Rhys Davids) merkt man die Scheu, offen sich zur Überzeugung zu bekennen, daß indische Urweisheit und Karmalehre die klarste, obschon immer nur relative Wahrheit sind, die ins Innerste der Welt eindringt. Im Buddhismus freilich, den sie allein gründlich studierten, muß man erhebliche Einschränkungen machen.

Robertson Smiths Theorie, primitive Religion habe sich um ein heiliges Tier gruppiert, das nachher sakramental aufgegessen wurde, erklären wir uns so: Der Urmensch suchte außerhalb sich selbst ein Mittelglied, um Kontakt mit dem Unsichtbaren herzustellen und Opfer zu bringen. Er suchte sich sichtbares Symbol für Unsichtbares, wäre aber nicht wenig erstaunt gewesen, wenn moderne Enthusiasten von ihm verlangt hätten, er solle ohne Glauben an eine Gottheit die Weltmaschinerie anbeten. Unparteiliche Liebe für alles Sein, bloß weil es ist, darf niemals gepredigt werden, weil es einen höchsten Zustand des Allgefühls voraussetzt, der nur zeitweilig oder in intuitiven Augenblicken dem Sterblichen vergönnt sein kann. Ebensogut dürfte man für jeden Durchschnitts- den Ausnahmestand des Geniemenschen als allgemeine Richtschnur aufstellen. Auf der unmäßigen Forderung, man solle das Gottall lieben, obschon es uns nicht wieder liebe, sondern gleichgültig über uns wegschreite, läßt sich kein Gottesdienst erbauen, sondern nur auf Dankbarkeit für Gottes Gegenliebe und Gerechtigkeit. Diese Merodach-Auffassung der Sumerer ist offenbar uralt. Ihre Mondgöttin Istar (Astarte), die Große Mutter, die als Erdgeist ewig Fruchtbare mit ihren andern Namen Isis und Kybele, muß das Schwert durch ihren Busen dringen lassen, daß Tammuz, Osiris, Adonis geopfert werden, damit man sie aus der Unterwelt erlöst wie Eurydice den Orpheus. Diese uralte Konzeption verwandelte sich später in Madonnenkult, also bewegt sich das praktische Religionsbedürfnis stets in gleicher Bahn.

Indessen verschlimmerte der unbändige Individualismus, der sich heute noch gar mit dem Drill des Kollektivismus vertragen soll, seine »Evolution«. (Nochmals in Parenthese: »Entwicklung« gibt »Evolution« nicht richtig wieder, ersteres heißt englisch »Development«, während Evolution sinngemäß nur Entwicklung zum Bessern bedeutet.) Denn die Alten kannten nicht die heftige Sexualleidenschaft der Modernen und verachteten als widerwärtig die heute glorifizierte Regellosigkeit der Impulse. Daß die Kirchenväter in der Sexualität den Hauptteufel sahen, war keine Ausgeburt christlicher Askese, sondern entsprach so ziemlich der antiken Weltanschauung. Diese sah jedoch das Weltübel vor allem in der Veränderlichkeit alles Vergänglichen, ihre Philosophie fahndete nach seelisch Festem, Unveränderlichem, außerdem fürchtete sie übeln Einfluß der Gestirne, so daß sie eine Sphäre über den Sternen als Ruhehafen hoffte, wie schon die Chaldäischen Sternenanbeter. Die sogenannten Hermetisten (Hermes Trismegistus) und Gnostiker hatten es leicht, sich der Person Christi zu bemächtigen, den sie im Gegensatz, zur Kirche als astrales transzendentales Ego meinten: »Ein Körper von okkulter Form, sichtbar, eindrucksfähig, doch ohne wirkliche Materialisation«. Denn die Idee des Erlösers, der sich opfert, ist gleichfalls uralt. Der indische Krischna muß sich immer wieder inkarnieren. Dies göttliche Wesen wohnt jenseits der sieben Sphären der Chaldäer in der »achten Region« und bricht sich durch die Naturgötterherrschaft Bahn, indem es deren sieben Elemente assimiliert, steigt nieder, um das im Menschen gefesselte Göttliche zu befreien, und fährt wieder himmelan durch das von ihm gebrochene Tor, das die überwältigte Materie nicht mehr verriegeln darf und das dem Erlösten nun offen steht. Faßt man diese Gnosis allegorisch auf, so mag hier okkulte Wahrheit schlummern. Doch erscheint andern Gnostikern ein allgemeiner Erlöser unnötig, da höhere Erkenntnis und Magie genügen, daß jede Seele sich selbst erlöse. In der Vorstellung, daß sie sich vor der Materie versteckt und von ihr unbemerkt ihre Himmelfahrt besorgt, ist offenbar das Unbewußte gemeint. Auch »Offenbarung« ist den Gnostikern nicht fremd als uralte Tradition: Orpheus und der ägyptische Thorat wird Hermes bei den Gnostikern, die sich sogar persönlichen Unterrichtes durch Doppelgänger Gottes rühmten. Jedenfalls konnten die hellenischen Mystikkulte sich dem Christusbegriff sofort anpassen, weil er bei ihnen schon vorhanden war. (Pfleiderer scheint gleicher Meinung). Also fällt auch Evolution der Christusidee durch das Christentum weg, es sei denn zu schädlichem Aberglauben. Denn Gnostiker und Mystiker kannten einen duldenden Heiland (Prometheus, auch gewissermaßen Herkules) nur als eine sich wiederholende Offenbarung oder als eine durch Magie jedem Sterblichen mögliche Befreiung, während der Christ nur einmaliges Opfer einer bestimmten Person als bestimmend für alle Äonen anerkennt, alle ungezählten Geschlechter vor dieser Kreuzigung zur Hölle verdammend, welche abscheuliche Brutalität wir noch in Dantes Hölle wiederfinden. Zeitweiliges Einmünden ägyptisch-griechischer Gnosis ins Christliche geschah nach gleicher Methode wie indische Ur-Gnosis sich den Puranas und dem Buddhismus anbequemte.

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