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Der Aufgang des Abendlandes

Karl Bleibtreu: Der Aufgang des Abendlandes - Kapitel 16
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authorKarl Bleibtreu
titleDer Aufgang des Abendlandes
publisherWilhelm Borngräber Verlag
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firstpub1925
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II

Seine Ausrede mit unermeßlichen Zeiträumen gibt der Evolutionismus plötzlich auf, wenn es gilt, späte Menschwerdung durchzudrücken. Diese, wie wir sehen, recht bescheidenen Ziffern ergaben aber in unserer Beleuchtung unnatürlich kurze Frist für Aufstieg eines Anthropoiden zum Vollmenschen. Wie nun, wenn diese Zeitdaten alle insofern falsch wären, als schon der Neanderthaler einer Epoche angehört, der ein viel größeres Menschheitsalter voraufging? Diesen dringenden Verdacht behandelt ein späteres Kapitel, das sehr vieles auch in folgenden Abschnitten Gesagte ergänzen wird.

Anpassung an Futterkausalitäten bedeutet keine wirkliche Umbildung, Nebeneinander aller Arten noch kein Auseinander. Das erkannte schon Carl Vogt in »Vorlesungen über den Menschen«, als er den Darwinismus nur mit der Einschränkung begrüßte, daß jede menschliche Hauptrasse aus eigenem von jedem anderen verschiedenem Protoplasma stammen müsse. Warum zog er dann nicht die natürliche Logik, daß der Mensch überhaupt eine eigene Keimzelle hatte, getrennt auch von der Affenfamilie? Bei letzterer läßt sich freilich ein Bindeglied (der von Wagner entdeckte griechische Affe als Übergang zu Macaucus) bis zum Anthropoiden ahnen, dagegen besitzen Gorilla (Arm, Fuß, Hand), Schimpanse (Schädel) in Afrika, Orang (Hirn), Gibbon (Knochen) auf den Sundainseln, Zebu Südamerikas (Schädel) jeder nur einen menschenähnlichen Zug. Wo soll man den Urahnen suchen, der alle Merkmale vereinte? Gewiß nicht im hohen Norden, von wo der Weiße in die Urkultur einbrach, dessen Ursitze überhaupt kein Affenleben gestatteten. Möglichenfalls war er nicht jünger als der in der Farbe negroide Neanderthaler. Übrigens scheint keinem Darwinisten aufgefallen, daß für seine Theorie viel wichtiger wäre, das Bindeglied vom Affen zur übrigen Tierwelt zu entdecken. Was im Gebiß einiger Urmenschen Übergangsform scheint, erklärt sich durch Anpassung der Kinnlade ans Fleischfressen, wozu der ewig Früchte schmausende und keinem Tier etwas zuleide tuende Anthropoide nie Miene machte. Wenn für ihn vorhandene Pflanzennahrung genügte, warum wurde der Mensch karnivorisch? Kein Affencharakter gleicht den Fidschikannibalen, die am nächsten mit dem Orang-Utan zusammenhängen müßten. Da könnte man eher Voltaires Kennzeichnung seiner Landsleute als »Tigeraffen« wörtlich nehmen oder den Menschen wegen Beschaffenheit seiner Eingeweide für einen Verwandten des Schweines halten, zumal er sich oft schweinischer aufführt als ein Tier. Diese Ironie soll darauf hindeuten, daß es lächerlich bleibt, Psychisches durch Physisches erklären zu wollen. Anpassung und Selektion ändern immer nur Äußerliches. Nach Südamerika verpflanzte Schweine, Schafe, Katzen streiften einige nebensächliche Merkmale ab, blieben aber dann stationär, sowie der spätere Riesenbär der Schweiz sich so gut wie gar nicht vom Urhöhlenbär und der heutige Braunbär oder Grisly sich nur in der Größe von seinen Ahnen unterscheiden. Alle Tier- wie alle Menschenrassen sind untereinander verschieden, aber alle konstant.

Bau und bräunliche Färbung des Negerhirns trennen keineswegs die psychische Grundlage vom Europäer, der früher geradeso an Hexen und Fetische (Heiligenbilder) glaubte, während man über manchen »Aberglauben« der Schwarzen (Telepathie, Hypnose) eine günstigere Meinung haben darf. Nun vertritt Vogt energisch eine nähere Verwandtschaft der Frau mit dem Affentyp. Wir versagen uns nicht die Ironie, daß dies eine Ehre für den Affen und eine Blamage für den Mann wäre, da an »Schwachsinn des Weibes« (Möbius) nur ein Narr, an die höhere sittliche Anlage der Frau jeder Erfahrene glaubt. Indessen trennen wichtige Merkmale selbst die Hottentottin erheblich vom Schimpansen. Übrigens variieren die Gewichtsmessungen von Boyd, Morton, Moigs, Walker so sehr, daß wir manchen Überraschungen der Übersichtstafeln nicht trauen. Bei Mexikanern, Grönländern, Malaien gibt es da Differenzen von 70–100 ccm und daß der Chinese dem Malaien und sogar der Rothaut weit nachstehe, ist schwer zu glauben. Merkwürdig berührt der Abstand des Hottentotten vom höheren Negertyp (um 135 ccm), und wenn die amerikanischen Sklaven um 25 ccm hinter dem freien Afrikaner zurückstehen, welches Gesetzchen will man daraus ableiten? Daß Barbarei dem Hirn förderlicher als Kulturanblick? Doch der »Napoleon von Südafrika«, jener schreckliche Kaffernkönig, war ein armseliger Schlucker im Vergleich zum Sklaven Toussaint Louverture, der als Staatsmann und Held geistig und sittlich die meisten Kaukasier beschämte und dessen treulose Ermordung als wirklicher Schandfleck an Napoleons Hand klebt, während dumme Europäer über formal berechtigte Erschießungen von Enghien, Hofer usw. zeterten. »Nur ein Schwarzer« und doch ein großer Mann? Wieso, da seine befreiten Landsleute noch heut ein trauriges Gesindel sind? Wieder ein Fingerzeig, daß die Psyche sich nicht in Rasse, Schädelgewicht, Physiognomie auszudrücken braucht. Der alte Empedokles lehrte selbständig die Reinkarnation aus eigener Erleuchtung und er hätte wohl für möglich gehalten, daß eine Psyche auf ihren geheimnisvollen Wanderungen sich von Insel Sizilien nach Insel Haiti begab!

Zahlreiche Schädelfunde aus Schweizer Pfahlbautenzeit ergeben, daß der Schweizertyp, obwohl Kelten und Germanen die rätische Urrasse überzogen, wesentlich konstant blieb, ebenso der von Niederländern, Finnen, Lappen, Basken, also Transformierung uralter Rassen nicht stattfand. Nun fand man aber andere intellektuell tiefstehende Schädel an verschiedenen Punkten der Schweiz aus dem 4. Jahrhundert n. Chr. Vogt nennt sie höhnisch Apostelschädel, die von irischen und anderen Missionaren dort hinterlassen seien. Jedenfalls steht fest, daß in so späthistorischer Zeit dort Menschentyps vielleicht das große Wort führten, die unverhältnismäßig niedriger waren als die prähistorischen. Die Basken (Ignaz Loyola und Minas Guerillas) seien den Atlantiern verwandt gewesen, als Europa noch mit Florida zusammenhing, ihre Sprache gleiche derjenigen der Ureinwohner Amerikas? Ein- und Auswanderung von Erdteil zu Erdteil kam wohl nur selten vor, und wenn Vogt vielleicht zu radikal jede asiatische Abkunft von Europäern leugnet, so bleibt die Ehre sein, daß er zuerst nachdrücklich den Stammsitz der Weißen nach Norden verlegte. Diese verdrängten wohl schon seit Diluvial- oder Alluvialzeit die dunklere Urrasse, unterhielten sonst zu ihr keine Beziehung. Von Evolution einer Rasse aus der anderen nirgendwo eine Spur, vielleicht fanden in Ostasien Kreuzungen negroider und jüngerer bleicherer Stämme statt, die auf Entstehung vom Mongolen und Malaien einwirkten. Indessen ist auch dies nebelhaft, denn Kastenwesen verbot Blutmischung, so daß noch heute Negroide in Indien sich erhielten. Entstehung der Ameroindianer durch mongolische Einwanderung ist eine schon sehr erschütterte Hypothese, Sprachähnlichkeit beweist nichts, denn diese geht hier bis auf die Sumerer zurück: Überall saß eine Urrasse, die bis zu gewaltsamer Ausrottung konstant blieb. Hätte die Affenmythologie einen Sinn, so müßte eben auch weiteres Aufsteigen höherer aus niederer Rasse folgern mit den Kaukasiern als Gipfel. Doch weder sind sie ein Gipfel und verdanken ihre spätere Vorherrschaft nur Europas günstigerer Lage, noch entwickelten sie sich aus irgend etwas als sich selbst

Modifikation von Tierarten liegt kaum vor. Der Hund, des Menschen ältester Begleiter, ist prähistorisch der gleiche, die Hauskatze nur Verkleinerung der Höhlenkatze, von der nicht mal alle Raubkatzen abstammen, denn der gemähnte Löwe ist gleichaltrig uralt in gleicher Form. Nashorn, Flußpferd, Elefant, Rind, Schwein, Schaf, Ziege, Hirsch, Antilope, Biber, viele Vogelsorten erhielten sich unverändert, die Saurier als Krokodile und Eidechsen, der Flügeldrache hinterließ einen winzigen harmlosen Nachkommen in Südamerika. Verkleinerung ist nur Frage geschmälerter Nahrung, einige ausgestorbene Urformen zeigten schon durch ihre ungeschickte Bildung Lebensunfähigkeit. Schon im Nachpliozän findet sich das mit dem heutigen identische Vieh, der Auerochse starb noch nicht aus, das Torfschaf der Steinzeit war nicht größer als das heutige, die Schweizer Bergziege erhielt sich unverändert, das erst spät nach Europa verpflanzte Pferd ist sonst uralt und das griechische Fabeltier mit den acht Hufen dürfte als Spielart einst bestanden haben als lebensunfähige Ausnahme. Alle europäischen Früchte, Weizen, Hopfen wurden von den Pfahlbauern kultiviert, dagegen fehlten Gerste, Hafer, Hanf, asiatische Pflanzen, die der Europäer gewiß schon früh importiert hätte, wäre er früh aus Asien gekommen. Auch die Pflanzen sind also konstant, ihrem Boden eigentümlich. Dickhäuter und Affen verzogen sich aus Europa, weil ihr glattes Fell nicht der Eiszeit widerstand, die sogar dem dichtbehaarten Mammut in Sibirien und Kanada den Garaus machte, weil er zu lange mit dem Abmarsch zögerte. Wenn dem Amurtiger ein Pelz wuchs, so ist sicher wahrscheinlicher, daß dies prähistorisch geschah, nicht bei späteren Invasionen aus China, d. h. daß es sich auch hier um besondere Urgattung handelt. Gewaltsame Austilgung durch Menschenjäger oder Naturkatastrophen ist kein Verschwinden auf natürlichem Wege wegen ungenügender Anpassung, kein sog. Evolutionsgesetz hält der Prüfung Stich, nirgends nachweisliche Umbildung zu neuen Formen. Sogar Bastardisierung von Pferd und Esel (Maultier), Ziege und Schaf (von Wolf und Hund, Windhund und Pudel innerhalb gleicher Gattung) gibt nur flüchtige Variation und endet mit Unfruchtbarkeit. Art und Gattung bestreben sich überall, sich unverändert zu halten.

Die Kopten bewahren den altägyptischen Typ trotz Umgebung von Arabern und Negern, die Nordinder den arischen trotz Überflutung von Parsen und Mongolen. Quatrefages verzapfte nur Unsinn über Verwandlung des Briten in den Yankee mit indianischen Merkmalen, gerade der echte neuenglische Yankee bewahrt treulich den Puritanertyp. Buckles Theorie über die Macht des Klimas macht umsonst die Rasse zum Spielball der Materie, nicht Spaniens Klima und Boden, sondern wechselnder Doppeleinfluß von Goten und Arabern erklärt alles. Der Materialismus haßt die Rassenseele als etwas Immaterielles, dem nicht beizukommen ist. (Die angeblich kosmopolitischen Juden hüten sich ihre eigene Rassenseele abzulegen!) Sie ändert sich auch nicht durch Sexualkreuzung, siehe Kanada, Louisiana und die den Spaniern abgenommenen Südstaaten, wo der französische und spanische Typ sich abgesondert vom germanischen vollständig erhielten, zumal beide Teile instinktiv der angeblich wohltätigen Rassenmischung widerstrebten. Das Geheimnis der Rassenseele zeigt die absolute Konstanz ursprünglicher Verschiedenheit ohne gemeinsamen Grundstock. Adam lebte gleichzeitig am Mississippi, wo man uralte Reste fand, wie am Euphrat oder baltischen Meer. Jede Rasse müßte, weil immer verschieden von der anderen, also ihren besonderen Affenahnen haben, obschon man höchstens einen Schimpansen in einer Urschicht irgendwo fand, wo blieben die vielen anderen anthropoiden Stammväter? Keine Art erlischt, sie wird sehr selten gewaltsam zerstört, setzt sich sonst mit gar keiner oder ganz geringer Modifikation fort.

Für angebliche Ubergangsformen, auf die Darwin solch Gewicht legt, scheint viel bezeichnender, daß Wal und Seehund Säugetiere blieben, Albatros ein Vogel, trotzdem jetzt wie auch bei Biber und Otter Wasser ihr Element. Entweder müßten sie sich gesondert von übrigen Säugetieren aus Fisch und Amphibiennaturen entwickelt haben, was nicht mal ein Darwinist zu behaupten wagt, oder ihre Anpassung ans Wasser aus natürlichen Ursachen des Fischfangs änderte so wenig ihr Originalwesen wie beim Flußpferd. Ferner müßten wir für Vogelwerdung des Reptils ungeheure Zeiträume ansetzen, während für Menschwerdung des Schimpansen nur eine kurze Spanne übrig bliebe, obschon diese Leistung eine unermeßlich größere wäre und kein anderes Säugetier eine auch nur entfernt ähnliche Evolutionsänderung vollbrachte. Eür Veränderlichkeit der Spezies liegt nicht der kleinste Anhalt vor, z. B. erhielt sich das Genus Lingula aus Silurierzeit bis heute. Für Darwinistische Hypothesen müßte man einen Phantasieroman in unerforschliche Ferne verlegen, d. h. den gleichen Glauben verlangen wie Theologen. Das nennt sich exakte Beweismittel für Träumer, die nicht erwachen wollen. Wenn freilich einst der Anatom Owen jede Übereinstimmung der Schädelgrundform in Mensch und Affe bestritt, so konnten Huxley und Vogt sich solcher ängstlichen Rücksichtnahme auf einen theologisch vom Tierreich getrennten Homo entledigen. Gerade dem unzähmbaren Gorilla ist Aufrechtstehen am möglichsten, Hand, Fuß, Arm ähneln sogar mehr dem Europäer als dem Neger. Nun waren aber die ursprünglichen Lebensbedingungen des Westafrikaners die gleichen wie die des Gorilla, dessen Hand ihn hervorragend zur Herstellung von Werkzeugen befähigte. Er machte nicht den kleinsten Anfang dazu, sondern blieb ein einsames Ungeheuer, dem der Elefant aus dem Wege geht, doch intellektuell auf ihn herabblickt. Wie seine Riesigkeit in Wuchs und Stärke zu Pygmäen oder bei ähnlichen Anthropoiden zu schmächtigen Tasmaniern einschrumpfte, mit so verwunderlich Zoologischem mag sich der Darwinist abfinden. Gewiß, obschon jedes Suchen nach Zwischenstufen fehlschlagen muß, staunt man über die Hartnäckigkeit, die noch vor 50 Jahren den Homo als zoologisch alleinstehend verherrlichte, doch nach abermals 50 Jahren wird man über die Verblendung staunen, die aus Körpermerkmalen etwas anderes folgert als Körperliches, d. h. Ähnlichkeit der Sinneseindrücke. Daß diese beim Affen ungefähr ähnlich sind, zeigt seine Nachahmung menschlicher Gesten. Doch jede menschliche Psyche, auch ohne den »höheren Manas« indischer Seelenkunde, hat mit Unsinnlichem zu tun, hier beginnt die unüberbrückbare Verschiedenheit von jedem möglichen Denken des Schimpansen. Freilich fehlt dem Tier nicht Ichbewußtsein, wie nur oberflächliche Beobachtung glaubt (man denke an Sultangebräuche einer Affenhorde oder den souveränen Leithammel der tibetanischen Riesenwidder), doch es wächst natürlich graduell mit der Selbstsuchtabsonderung des Menschen. Damit verbindet sich Schwächerwerden der Sinne, was schon beim Neger auffällt, dessen Schmerzunempfindlichkeit bei keinem Anthropoiden vorkommt.

Vogt vergleicht irrig die Furcht des Wilden vor dem Donner mit dem Scheuen von Pferd und Hund, denn letztere sehen uns Unsichtbares offenbar körperlich, sonst läßt sich das Entsetzen sonst so mutiger Tiere nicht erklären, der Wilde aber vermutet nur Unsichtbares als Wirkliches und zieht daraus spornstreichs einen Vernunftschluß zur Religion. Das ist kein Verstandesschluß der Erfahrung, wie er allenfalls noch beim Schimpansen möglich wäre. Das weite Ausgreifen supranaturellen Denkens und Empfindens, wodurch der Mensch sich ein unsichtbares Geistreich schuf, bleibt rätselhaft, denn bei psychischen Vorgängen läßt sich nie erfassen, wie und wodurch sie entstanden. Aus zoologischer Materie vermittels sinnlicher sog. Erfahrung unsichtbare Evolutionsgesetze erdichten, hat eine scherzhafte Seite, die das Lachvermögen eines Brüllaffen übersteigt: Der Darwinist handelt hier genau wie der Wilde, als ihn ein psychisches Hellgesicht aus bloßer Materieerfahrung zu Metaphysik heraushob. Was man heute als Radioaktivität entdeckte, setzt sich eben als Psychokraft um, die das Sichtbare mit Unsichtbarem durchstrahlt. Einbildungskraft ist Bildungskraft, Phantasie die höchste Bildungskraft des Manas, weshalb eben die Antike den Dichter Vates (Seher) und Poetes (Schöpfer) nannte. Hätte der Gorilla nur einen Funken dieses psychischen Elements, so müßte es allzeit in ihm aufblitzen. Doch so logisch Philistermaterialismus als Gorillaweltanschauung wäre, so kennt der Gorilla, sonst ein anständigerer Kerl als der Philister, leider weder Welt noch Anschauung. Er blieb Affe pur et simple, gerade wie der Mensch seit Anbeginn eine besondere Spezies vorstellt, die ihre Psyche irgendwo aus dem Äther beziehen konnte. Beliebige Kausalitäten sind nicht Evolution. So hat die Gans noch Schwimmhäute an den Füßen, benutzt sie aber nicht so berufsmäßig wie Ente und Schwan, sondern watschelt lieber akklimatisiert auf dem Lande, wo sie ihren gezähmten Zustand ernährungsgünstiger findet, während Ente und Schwan ein Wasserleben für zuträglicher halten. Alle drei benutzen kaum mehr ihre Flügel, während Wildgans und Wildschwan noch gehörig fliegen. Überall einfache Nahrungsanpassung. Offenbar verwandelte sich so der Kranich teilweise zum Flußreiher, dessen spitzer Schnabel weit besser zum Fisch- und Insektenfang geeignet als Reptilschnauze und Plattschnabel. Deshalb braucht er nicht zu Wasser gehen wie Ente und Schwan, ebensowenig der Storch. Beständen bestimmte Evolutionsgesetze, so hätten die der Gans hinderlichen Fußhäute eingehen und so ihr Gang sich verbessern müssen. Äußere Anpassung bewirkt nur Äußerliches. Wenn Wildente und Eidergans etwas Trangeschmack haben, so beweist dies Einfluß des Wassers, doch gewiß nicht Verwandtschaft des tranreichen Walfisches! Schwan, Gans (Ente dagegen kaum) ähneln im Gegensatz zu allen anderen Vögeln in Langhals und Kopfprofil etwas dem platten langgestreckten Schlangenschädel, doch gleiches könnte man von Giraffe und Kamel sagen, denn solche Kopf- und Halsform ist nur lokalen Bedingungen angepaßt, ohne daß man daraus Verwandtschaft mit dem Reptil entnimmt. Bewegt der Schwan beim Schnappen den Hals wie die Schlange, so folgt er nur lokaler Nötigung gegen Wasserinsekten. Was soll denn die Gans sein, Übergang aus Reptil zu Vogel oder zu Säugetier? Sie frißt Nudeln und Kartoffeln, die Ente auch, was weder dem Reptil noch dem sonstigen Vogel einfällt. Der stets bösartige Gänserich sucht zu zischen wie eine Schlange, hat aber ein besonders starkes Geschwätzigkeitsorgan und steht geistig ziemlich hoch, während er »evolutionär« auf der Skala tiefstehen müßte, weil einzig Gans und Schwan im ganzen Vogelreich gewisse reptilartige Äußerlichkeiten zu haben scheinen. Gab es fliegende Reptile, so hatten sie einfach den Flügelbau der Insekten, deren Wurmkörper sie natürlich fortsetzten, aber nicht von uns bekannten Vogelarten. Da das Reptil sich ebensogut aus dem Wurm wie aus dem Fisch entwickelt haben könnte, sein schwaches Fliegen (Drache) nur dem Insektenflug ähnelt, so ist seine Entwicklung zum Vogel um so unwahrscheinlicher, als sich in alten Straten der Vogel längst vom Reptil gesondert findet wie letzteres vom Fisch, und welche von den 200+000 Insektenarten schon bestanden, weiß man nicht. Sofern der Darwinismus nicht offene Türen einrennt, verwechselt er stets transformierende Anpassungen mit wirklicher Umwandlung der Arten. Ist nicht wahrscheinlicher, daß der freifliegende Vogel die Urform und die kleine Spielart schwimmender Vögel nur durch Futteranpassung daraus entstand, statt umgekehrt Aufstieg aus dem Amphibienbereich?

Ähnlichkeiten erklären sich viel einfacher durch die schon von Leonardo gesuchte Gleichmäßigkeit der Strukturen im Grundbauplan der Natur, die alles Animalische wie alles Pflanzliche nach ebenso einfachen wie sinnvollen Allgemeinregeln formt. Baum und Blume haben Keimsamen, Wurzeln, Stamm (Stengel, Blüte, Wipfelkelch). Trotzdem behauptet wohl niemand, daß die Eiche sich aus der Rose entwickelte. Diese wilde Verwirrung der Begriffe bedeutet nur ein vorwitziges Spiel, in die unbegreifliche Mannigfaltigkeit der Phänomene solche Gesetze hineinzuzaubern, wie sie dem Menschenverstand einleuchten. Die Gesetze, nach denen die schöpferische Unendlichkeit arbeitet, müssen uns notwendig ebenso unbegreiflich bleiben wie sie selber. Sie richtet ewige Transformationen ewigen Werdens schwerlich danach ein, ob der Herr Lehrer sie für seine Schule gebrauchen kann, man kann sich allegorisch vorstellen, daß Dame Natur vor übermütigem Lachkrampf ein Erdbeben bekommt, wenn sie an ihrem Herd ein Darwinistenkochbuch zur Hand nimmt und sich ihre Rätsel von Vater Häckel als Rezepte für wissenschaftliche Leibgerichte servieren läßt.

Die Ente ist gefühlvoll und anhänglich, bittet zutraulich, wenn man ihre Sprache versteht; die nahe verwandte Gans fordert frech, ärgert sich über alles, haßt den Menschen, doch auch hier gibt es Ausnahmen von Dankbarkeit für gute Behandlung. In den Arten ist alles individuell ohne jede Zusammengehörigkeit. Anpassung ändert nie das wahre Wesen beim Tier wie beim Menschen. Wenn ein Literat aus Weltkriegsnöten sich schmutzigen Geschäften anpaßt, evolutionierte er sich dann zum Schieber? Er bleibt immer der gleiche Gänserich, nur die Nahrung ändert sich, nicht mal die Schwimmhaut! Gleiche Gattung, ungleiche Psyche. Wie verhält sich der kluge Bär zum Schwein, der weise Elefant zum Tapir, Nashorn und anderen idiotischen Dickhäutern? Der Affe hat zwar einen schlechteren Charakter als manche anderen Tiere, steht aber moralisch hoch über dem tückischen Südseekannibalen, der »Morden« und »Töten« sprachlich nicht unterscheidet und für Vater- oder Kindermord, die beliebtesten Taten, eigene Kosenamen hat. Doch die gleich alten Ceylon-Weddha und afrikanischen Pygmäen sind gutartig, die weiland Buschmänner dazu noch hochbegabt und die höchste bisher auf Erden erschienene Rasse vom Neanderthaler bis zum Sumerer entstand noch viel früher, die vornehmste Menschenpsyche stände also zeitlich dem Anthropoiden am nächsten! Es ist nicht mal beweisbar, ob der Heidelberger oder Tiroler Urmensch mit dem Neandertaler oder Aurignacier, deren Schädel schon Vogt als »vornehm und nobel« pries, irgendwie auf einem Stammast saß. Viel wahrscheinlicher, daß es sich hier um verschiedene Keimzellen handelte. Selbst der mythische Duboisaffe wäre aufrecht gegangen, was die ganze Struktur entscheidend ändert, kein Fossil liefert Anhalt dafür, daß die Menschengestalt je affenähnlicher war als heute. Wir erkennen im Haeckelismus nur überspannte Reaktion gegen das »Ebenbild Gottes« und seinen Grundirrtum darin, daß er lokale Varianten für wirkliche Umformung hält. Jedes Organ stärkt oder schwächt sich durch Ausbildung oder Nichtgebrauch, bei Athleten oder Botenläufern der Bizeps und das Bein auf Kosten der Herztätigkeit, bei Gelehrten das Hirn auf Kosten der Muskeltätigkeit, bei Musikern das Gehör unter Einbuße anderer Fähigkeiten. Solche Abschleifungen evolutionieren nicht, sind nicht mal Milieuanpassung, sondern gehen schon aus Verschiedenheit individueller Anlagen hervor, deren wirkliche Ursache in fernes Dunkel zurückführt. Der Neanderthaler strengte gewiß seine Muskeln an, trotzdem muß seine Nachkommenschaft schon früh eine zahlreiche Künstler- und Denkerrasse besessen haben, die auf allgemeines Verständnis stieß.

Sexualzeugung ist nur gewöhnliche Kausalität, die beste Zuchtwahl kann durch ungünstige andere Kausalitäten beeinträchtigt werden. Manchmal scheidet eine Tiergattung ihre unnützen Mitesser gewaltsam aus, was die Spartaner für schlechte Neugeburten nachgemacht haben sollen. Indessen sorgen Ratten und Störche für ihre Alten und Krüppel, der gallige Gänserich ritterlich für seine Familie, selbst altruistischer Trieb zeigt sich als rein individuell, nicht als natürliches Grundgesetz. Die von Biologen gewünschte Ausmerzung oder Fortpflanzungshinderung von physisch Untauglichen könnte ein fragwürdiges Gut werden, da öfters psychische Erhöhung aus Morbidität entsteht, woraus freilich nicht folgert, daß Geniale schwindsüchtig sein müßten! »Der morbide Hirnboden des Genies« gehört zu jenen Narrheiten, für die der Engländer den Ausdruck »Jump at conclusions« hat. Eine nur physisch starke Rasse von Bolschewisten würde immer Rückschritt bedeuten, und wenn angebliche blonde Bestien nachher Kulturträger wurden, so verdankten sie es besonderen psychischen Eigenschaften, sonst wären die gesunden starken Nordindianer nicht kulturunfähig. Wenn Corriger la fortune ein Euphemismus für Falschspiel, so ist Corriger la nature mit Wissenschaftsphrasen gleichfalls intellektueller Betrug. Man will nicht einsehen, daß die unsichtbaren Mächte sich keine Matura von Professorenkollegien einholen, daß sie als freie Künstler arbeiten, daß alle Materie nur Materialisation psychischer Prozesse bedeutet, die unendlich vielfältigen Lebensformen sich also nur nach unerkennbaren Bedingungen der Weltpsyche richten und diese nur der gleichen souveränen Eingebung gehorcht wie die Intuition des Genies. Die einzige Ursache der einstmaligen Kulturgründung war nur die ursprüngliche Psyche bestimmter Neanderthaler.

Diese hatten große tiefliegende Augenhöhlen und der Mensch scheint sich Psychisches nur mit physischen Merkmalen vorstellen zu können. Daher die Legende von »großen Augen« großer Männer, was doch nur auf Herzhypertrophie deuten würde, durch Gifte dehnt sich die Pupille aus, andererseits kann sie sich durch übermäßigen Gebrauch der Augennerven zusammenziehen. Tiefliegende Augen, bei genialen Stirnschläfen naturgemäß, können unmöglich groß sein, nicht umsonst hat der Elefant ein kleines Auge. Auch hört man stets Widerspruchvolles, so sei bei Alexander und Byron das rechte Auge größer gewesen, ersterer habe ein grünes und ein braunes gehabt. Der Cambridgeprofessor Scott, der Napoleon auf Elba sah, erklärt dessen Augen für klein, sein Gesicht in ruhigem Zustand sehe dumm aus, belebe sich aber vorteilhaft im Gespräch, besonders das Auge. Natürlich, offenbar ist nur der Ausdruck des Auges maßgebend, nicht der Bau, d. h. nicht das äußerlich Erkennbare, sondern die verborgene Psyche, die erst durch ihre eigene Energie zum Vorschein kommt. Hund und Papagei mit ihren sofortigen meist richtigen Sym- und Antipathien sehen offenbar vom Menschen mehr als wir vermöge unerklärlicher psychophysischer Witterung. Kein Auge kann sich selber sehen und der Mensch müßte, um seine Vergänglichkeit zu beurteilen, sich erst selber kennen, was unmöglich ist. Ist der Athlet sich bewußt, daß sein Bizeps an sich kraftlos wäre, wenn nicht unsichtbarer Hirnbefehl seine Muskeln verwendbar straffte? Alles Außenschauen kann das Weltbild nur verschwommen chaotisch vorstellen, nur Innenschauen etwas Klares und Geordnetes.

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