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Der Aufgang des Abendlandes

Karl Bleibtreu: Der Aufgang des Abendlandes - Kapitel 14
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authorKarl Bleibtreu
titleDer Aufgang des Abendlandes
publisherWilhelm Borngräber Verlag
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firstpub1925
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V

Ein großer Irrtum besteht darin, heutige Bewußtseinsstände an früheren zu messen. In der Ära des Weltkrieges sollte man ohnehin aufhören, die bête humaine als irgendwie verändert anzunehmen; die Erde raucht noch immer von Brand und Blut, doch man darf nicht glauben, daß uns unerträglich scheinende Mißstände von deren Zeitgenossen ähnlich empfunden wurden, es gleicht sich alles aus. Beim Konzil von Konstanz schrie alle Welt nach Reformation, die Schlauheit der Pfaffen und Theologieprofessoren hintertrieb es im Bund mit der Kaiserei, die Feigheit der Philister ergab sich darein, und das Reformkonzil errichtete Huß' Scheiterhaufen. Der Vorgang gleicht indessen aufs Haar jedem beliebigen anderen der humanen Moderne, wo Staat, Kirche, Philistertum den Idealismus niederhielten, etwa der Demagogenhetze vor und nach 1848, nur das Kostüm wechselt. Dagegen fehlt sonst der Lichtblick, daß damals in Konstanz gerade spanische Mönche und Prälaten heftig und tapfer die Kirche revolutionieren wollten. Das überrascht nur den nicht, der weiß, wie hoch die Volksfreiheit in Spaniens Mittelalter gedieh, besonders unter dem herrlichen König Heinrich III. dem Kränklichen (29jährig gestorben), wie die päpstliche Allmacht sich am meisten vor den Spaniern fürchtete, die Bannbullen verlachten. Und dies selbe Volk versank später in den Inquisitionsschlamm, der ihm das Mark aus gichtbrüchig faulenden Knochen sog. Wer also zur Reformationszeit auf das Konstanzer Konzil als Merkmal der Rückständigkeit blickte, täuschte sich sehr, es gab damals viel Gesundes, was seither erkrankte, das 16. und 17. Jahrhundert standen trotz humanistischen Aufschwungs sozialpolitisch tief unterm 14. und 15. Jahrhundert. So nun hat man alle Bewußtseinsstände verschiedener Zeitalter zu werten, der Urmensch mit dem massiven Unterkiefer mag robustere Nerven gehabt haben, doch sein Innenleben war vielleicht reicher entwickelt als das moderner Zartnerviger. Als der Tasmanier auf seinen merkwürdigen Flössen breite Meerengen durchfuhr, vollbrachte er relativ das gleiche wie heutige Luftschiffer, sich durch selbsterfundene Technik in fremdes Element hinauszuwagen. Daß Nietzsche historische Studien verpönte, entspricht dem naturwissenschaftlichen Zeitgeist, historisches Denken aber taugt allein zur richtigen Auffassung der Natur geschichte. Evolution ist ein Traum unhistorischer Köpfe.

Früher sollte Anatomie für Generalorgien der Deszendenzkonfusion herhalten, doch diese schöne Zeit ist vorüber. 1901 stellte der Erlanger Anatom Fleischmann das Normalgerüst der Wirbeltiere fest, woraus Extremitäten in jeder beliebigen Form sich von selber ableiten, daraus ergab sich bei gemeinsamem Bauplan nichts weniger als Möglichkeit des Auseinanderentwickelns. Die menschliche Fünffingerhand verbirgt sich bei den Tieren, dort werden mehrere Finger geschwächt oder unterdrückt und der dritte, längste Finger zum Pferdehuf vergrößert? Huxley behauptete sogar, der Dinosaurier sei auf den Zehen gekrochen und daher Ahne der Vögel, eine unbegreifliche Voreiligkeit, da der Vogelkrallenfinger gar keine Ähnlichkeit damit hat. Auf der südamerikanischen angeblichen Stammtafel des Pferdes ritt man so lange als Parade- und Steckenpferd herum, bis die Anatomie durch Enthüllung entscheidender Verschiedenheit dieser Ähnlichkeitsjagd ein Ende machte. Fünffingrige Extremität widerspricht schlagend gemeinsamer Abstammung, denn die ältesten Knorpelfische hatten Flossen, aus denen sich niemals derlei entwickeln konnte. Der angebliche Pferdeahne »Phanacodus« unterschied sich in Gebiß, Schädel, Augenhöhlen, Beinknochen völlig von Pferdegeschöpfen, deshalb erfand man aus einem Zahn ein Zwischenwesen »Marychippus«! Das genügt für die Methode, Tatsachen zu erdichten, um eine Hypothese durchzudrücken. Solch systematische Wahrheitsnotzucht steht in der Wissenschaft nicht vereinzelt da, Stradfordier und Baconier stopfen beim Shakespeare-Rätsel die Lücken mit »man darf annehmen, man muß glauben«, und wenn alle Stricke reißen, erfindet und fälscht man. Das ist die kindische Selbstüberhebung des Verlehrtentums, das mit vorgefaßten Dogmen als Ariadnefaden im Labyrinth des Alls auskommen will. Welch kindliche Freude bot das biogenetische Gesetz als Spielzeug! Heute lächeln Embryologen über dies angebliche Auszugsrepetitorium von Evolutionsmetamorphosen, denn die Tierkeime sind strukturell und chemisch grundverschieden, Wiederholung angeblicher Ahnenreihen physikalisch ausgeschlossen. Natur, d.h. die sie bewegende unsichtbare Kraft, arbeitet eben nicht als Schulfuchs, sondern als Künstler, sie entwirft einen allgemeinen Plan, behandelt ihn aber wie Gesetze der Kunstästhetik, an die sich der Freischaffende nur so weit bindet, als sie seinen Mitteln und Zwecken entsprechen.

Der Geologe Sueß hat den fruchtbaren Gedanken, das organische Leben bilde eine ökonomische Einheit, die ein Gleichgewicht aller Wesen zur Erhaltung des Ganzen verbürgt. Ja, so ist es, erkenntnistheoretisch kann die Materialisation nur auf solcher Grundlage gedacht werden. Durch silurische, devanische, karbonische Zeit bis ins Diluvium rollt der Kreislauf des Lebens, er genügt zur Erklärung sowohl der Verschiedenheit der Arten als ihres unwandelbaren Bestandes, jede hat ihre bestimmte unüberschreitbare Spezialaufgabe. Aus schärfster Analyse geht die Synthese planmäßig moralischer Weltordnung erst recht hervor. Weit entfernt, manchesterlischen Konkurrenzkampf mit Darwinismus-Selbstsucht und Nietzsche-Brutalität zu veranschaulichen, bringt sie vielmehr im Naturganzen geniale Sozialisierung unter geregeltem Ausgleich von Produktion und Konsum.

Es bezeichnet die diplomatische Feigheit des Gelehrtentums, daß heimliche Demolierer des Darwinismus sich noch Darwinischer Formeln befleißigen. Selten wird deutlich ausgesprochen, daß wirkliche Forschung das ganze Inventar verschimmelter Hypothesen fallen ließ. Haeckels Propaganda überzeugte das Laienpublikum vom Weiterleben einer längst beigesetzten Leiche oder pietätvoll einbalsamierten Mumie. Und doch hofft F. Dreyer grob und ehrlich, daß die junge Biologie sich von der »englischen Krankheit« erhole und mannbar werde! und doch bezeichnete Prof. Haberlandt auf einer Naturforscherversammlung den Darwinismus als den größten Irrtum des 19. Jahrhunderts, obschon den genialsten und fruchtbarsten! Das Wort »genial« sollte man nicht unnützlich im Munde führen, ohne daß man mit Weininger übereinzustimmen braucht, daß es auf wissenschaftlichen Verstand überhaupt unanwendbar sei. Die kostbare Serie Ostwalds über Größen der Menschheit, wonach nur Naturforscher als geistige Leuchten gelten dürfen, erregt nur mitleidiges Lächeln, und Liebigs Behauptung, daß Phantasie zur Chemie nötig sei, stimmt zwar in gewissem Grade (siehe Crookes), hebt aber nicht auf, daß etwas Schöpferisches von Wissenschaft nur in sehr bedingtem Sinne zu erwarten ist. Kant und Schopenhauer hoben dies kräftig hervor, Dichtung sei veranschaulichte Philosophie, Kunst die »Idee« selber, das geistige Ding-an-sich. Schopenhauer belegt seine Lehrsätze durch Zitate aus Byron und Berufung auf dessen »unsterbliches Meisterwerk Kain«. Wer das Organ dafür hat, findet in Shakespeare, Goethe, Byron mehr kosmische Belehrung als in sämtlichen Wissenschaften. Geistreich ist Darwins Hypothese, aber nicht mal Original, denn den eigentlichen Grundgedanken nahmen asiatische Weise längst vorweg, er verzierte nur mit reizvollen Arabesken und verunzierte mit willkürlichen Einfällen! Fruchtbare Wirkung? Ja, negativ, denn indem er unsäglichen denkerischen und sittlichen Schaden angestiftet, schärfte er vielleicht den Blick zur Öffnung und Beschreitung des gegensätzlichen Weges. G. Wolf bezeichnet die Bedeutung dieser Irrlehre nicht nur als Null, sondern positiven Verlust, weil sie vom rechten Wege ablenkte. Nach unserer Weltanschauung kommt freilich solcher Verlust nicht vor, denn auch auf geistigem Gebiet ist alles Geschehen notwendig. Wir begrüßten den Spektakel als den einzig möglichen Trick, dem sonst unvermeidbaren Pessimismus der Materieversklavung einen schmeichelhaften Optimismus anzulügen, da Emporführung aus dem Knorpelfisch den Menschen gewiß noch zum Ganz-Gott machen wird! Ein wissenschaftlicher Halbgott ist er ja schon; gottähnliche Wissenschaft wird uns ein soziales Paradies und am Ende noch wie einen in die Metzelsuppe beigegebenen Markknochen eine irdisch fortgesetzte Unsterblichkeit bescheren. So schlug man manche Fliegen mit einer Klappe: Kitzelt den Gelehrtendünkel, berauscht den menschlichen Größenwahn mit trügerischer Zukunftshoffnung und hält doch zugleich am Mechanismus schonungsloser Selbstsucht fest, wie Plutokratie und Imperialismus es brauchen. Fein ausgesonnen, Vater Lamormain! Der Einfall war verwünscht gescheit, doch muß man ihn insofern herzlich dumm nennen, als seine Entkräftung die endgültige Niederlage des Materialismus nach sich zieht. Denn über diese letzte Gliederverrenkung des Mechanismus hinüber gibt es keine fernere geistige »Evolution«, dieses war der letzte Streich, und kein zweiter folgt zugleich, furchtbares Weltgeschehen zerstörte den Aberglauben der Kulturevolution im Massenbewußtsein. Selbst den zahllosen Mitläuferschädlingen, denen es dabei nur um antiideale Tendenz zu tun war wie dem hinter Nietzsches Assassinenmoral nachjohlenden Lumpenpack, wird vor ihrer Gottähnlichkeit bange, und jener Retortenküche wird die Maulwurfsarbeit gestört, wenn die Weltlaboratorien einstürzen.

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