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Der Aufgang des Abendlandes

Karl Bleibtreu: Der Aufgang des Abendlandes - Kapitel 13
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authorKarl Bleibtreu
titleDer Aufgang des Abendlandes
publisherWilhelm Borngräber Verlag
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firstpub1925
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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IV

Jeder vorurteilslose Anatom und Zoologe finden sich wie Th. Eimer zu Lamark zurück: Gesetzmäßige Abänderung durch Zwang der Außenwelt innerhalb festgelegter Geleise bestimmter Artrichtung. G. Wolf wies sogar mathematisch die Unmöglichkeit einer Zufallauslese nach: Bei Häufung höchst komplizierter und doch völlig symmetrischer Organe im Tierleib sei deren Zufallentstehung so unwahrscheinlich wie die einer Lokomotive. Voltaire wählte einst das Uhrgleichnis, unsere Erkenntnistheorie benutzt es so: Die Uhr läuft anscheinend von selber, man sieht den Zeiger sich bewegen, doch vergißt den unsichtbaren Uhrmacher, der obendrein die Uhr immer wieder aufziehen und reparieren muß. Selbstregulieren ist nur vorstellbar, wenn er heimlich in ihrem Gehäuse sitzt, Sich-selbst-Schaffen der Uhr nur, wenn er selbst sich in sein Werk verwandelt hätte. Entstehen und pünktliches Funktionieren der Uhrnatur durch eine Reihe günstiger Zufälle gliche der unbefleckten Empfängnis oder sonst einem Mirakel, man möchte wünschen, Humes Wahrscheinlichkeitsprüfung hätte den Darwinismus zwischen die Klauen bekommen. Wo man ihn packt, da ist er interessant wie eine Räubergeschichte. Konkurrenzkampf ums Dasein fand in der Urzeit nie statt, bei deren weiten unbewohnten Räumen man sich nicht um die Futterkrippe zu drängeln brauchte. Auch im Urwald wird Samen nur durch äußere Elementareinflüsse vertilgt, gegen die Bäume selber wüten Sturm, Blitz, Feuer, über ihr Gedeihen entscheidet der Standort bei Lichtbestrahlung: Schicksal, wenn man will, doch nirgends Kampf ums Dasein. Den erzeugt höchstens künstlich ungeschickte Bepflanzung durch Menschenhand, so wie schlechte Gesellschaftseinrichtung den modernen Kampf aller gegen alle verursachte. In der Tierwelt freilich erscheint dieser Kampf als rein ökonomisches Gesetz: Gäbe es keine Pflanzenfresser, würden die Pflanzen den Boden schädlich überwuchern; gäbe es keine Fleischfresser, so würden alleinige Pflanzenfresser das Erdreich leerknabbern und so Lebenserhaltung beeinträchtigen. Wer diese wunderbare Teilung der Arbeit auf listigen Zufall zurückführt, der muß sich vor »seiner Majestät dem Hazard« verbeugen, solche Zufallsmechanik verdient göttliche Ehren. Doch die Majestät der Unweisheit bedarf treuherzigen Glaubens an Grimmsche Märchen, wie er so rühmlich Darwinistengemüter kennzeichnet. Diesen dreimal heiligen Zufallsmechanismus wie einen heiligen Rock von Trier anzubeten, ist »unser Verstand zu enge, für ihn ist nur das Herz ein würdiges Haus«. Das sagt Fichte freilich vom lieben Gott, doch die grundsätzliche Haltung gleicht sich vollkommen: glaubt kritiklos, so werdet ihr selig in Haeckels Schoß.

Greift nur hinein ins volle Naturleben, da spendet man ein genaues Jahresbudget zwischen Raub- und Beutetieren, tägliche Wägung wie bei sich trainierenden Athleten, ob Gangart von Wolf und Reh so Distanz hält, daß nicht alle Rehe gefressen werden und nicht alle Wölfe verhungern? Nur Waldfremde wissen nicht, daß überall Lotterietreffer der Witterung bei der Jagd entscheiden. Mehr äsende Rehe erliegen durch Hochwasser, Schneewehen, Bremsen als durch Wolfsrudel, die besten oder schlechtesten Exemplare fallen, wie in der Schlacht die Kugeln mit Starken und Schwachen gleichmäßig aufräumen. Von Auslese keine Spur, Anpassung entweder ein Truism – denn was sich dem Milieu nicht eingliedert, kann natürlich nicht leben – oder falsche Lesart. Keinenfalls wirkt Kampf ums Dasein selektiv, Ausstattung der Tiere mit so unendlich verschiedenen Körpermerkmalen richtet sich nicht für den Daseinskampf ein, sondern entspringt individuellen Eigenschaften, z.B. der Eitelkeit. Was als Schmuck dient, wie Federbüsche des Paradiesvogels, zu schwere Hörner des Steinbocks, die als Waffe überflüssige und unbrauchbare Geweihkrone des Edelhirsches ist fürs Fortkommen eher zweckwidrig. So auch die elastische Polstersohle des Bären, da sie vor Kälte springt oder vor Hitze ansengt. Die gewundenen zurückgebogenen Zähne des Mammuts scheinen sehr unzweckmäßig. Wir entnehmen diese Beispiele dem geistvollen Vortrag des Prinzen Alois Lichtenstein 1901. Gleichwohl müssen wir sofort ergänzen, daß der Mammut sich doch wohl gut sein Futter verschaffte, denn er ging nur durch die Eiszeit ein, vor der er nicht schnell genug emigrierte wie der Elefant, der stets einen geeigneten Stoßzahn besaß. Warum dieser Dickhäuter sich durch großartige Intelligenz auszeichnet, seine Verwandten aber (Nashorn, Flußpferd, Tapir) durch hervorragende Dummheit, wird wohl kein Darwinist enträtseln. In dieser uralten, stets gleichzeitig lebenden Gattung hat sich wahrlich nichts evolutioniert! Und wozu macht die Natur Kunststücke wie Form- und Farbenpracht der Blätter und Blüten (Atmungs- und Fortpflanzungswerkzeuge), die höchstens zu botanischer Einreihung dienen? Erschuf »Gott« solche Schönheit, wie ein Theologe sagen würde, um des Menschen Herz zu erfreuen? Darwin, Interpret eines merkantilen Zeitalters, denkt immer an den praktischen Wert, was sagt er zur unpraktischen Ästhetik der Natur? Indessen hängt ja die Schönheit nur vom Auge des Beschauenden ab, physikalische Betrachtung gerät gleich wieder in Metaphysik hinein. Doch auch das Zweckmäßige wird mit rätselhafter Mannigfaltigkeit hergestellt. Die Bewegungsorgane aller Gattungen sind verschieden, doch alle tauglich zum Durchmessen gewisser Entfernungen. Vögel segeln, schwimmen, rudern in Lüften anders als Fische, Falter, Käfer, doch alle miteinander sind ausgezeichnete Mechaniker, die Flossen Flügel, aufs Wassermilieu übertragen; Fledermaus und Flughund bedienen sich sogar der Fallschirme. Wie spät gelang unsern Luftschiffern, durch Analogie solche Geheimnisse abzulauschen, wieviel genialer in ihrer Einfachheit und doch wieviel abwechslungsreicher sind Flugsysteme und Materialien der Tiere! Daraus eine Pauschalsumme selbstbestimmender Entwicklung zu ziehen, scheint aufgelegter Schwindel. Der erste Vogel, dem Schwingen wuchsen, benutzte sie wie heute, die Selbstbestimmung lag im Organ, ohne daß es irgendwelcher Entwicklung bedurfte. Das Naturwerden bindet sich an keine Regel, ganz verschieden wachsen Hörner oder Geweihe, ohne daß die Gegner dieser Waffe verschieden wären. Der Hirsch hat Geweih, der Löwe Mähne als Mannbarkeitszeichen? Auch die Renntierkuh hat Geweih, die kanadische Wölfin eine Mähne. Warum hat die Hundegattung bis zur Hyäne, die ihrer dringend bedürfte, keine Krallen? Die Katzengattung zieht ihre Krallen ein, den Bären hindern seine uneinziehbaren Krallen nicht beim Laufen. Nirgendwo findet man gymnastische Ursachen, wie Darwinisten sie sich für Aufrechtgang des Menschen ausdenken, doch überall gleiche Tauglichkeit. Der Eisbär fängt Fische mit Tatzenschlag, der sonstige Bär nicht, noch weniger die Katzenarten, doch mit Ausnahme des Jaguar, der seinen Speichel als Angelköder benutzt. Weil er am Orinoko lebt? Der Tiger kann sogar schwimmen im Ganges und Irawaddi, doch nie wird er Fischer, so wenig wie Löwen und Leoparden am Kongo und Niger. Überall nur individuelle Akte selbsttätiger Intelligenz ohne Veränderung der Organe, es sei denn, daß das verschiedene Verdauungssystem der Pflanzen- und Fleischfresser dafür gelten soll (Wiederkäuer haben vier Magen), doch wer will hier entscheiden, ob die Kost das System oder das System die Kost beeinflußte! Zweckmäßig heißt soviel wie lebensfähig als Begleiterscheinung jedes organischen Werdens, doch eine Eigenschaft ist nicht Erklärung ihrer selbst. Die unendliche Gruppen- und Gestaltenfülle, durchaus beharrlich in ihrer Mannigfaltigkeit, verrät uns nicht, warum sie in jeder Form seit Anbeginn zweckmäßig organisiert. Das uralte Zebra ist für sich so zweckmäßig, wie für uns das Kavalleriepferd, die hochbeinige Höhlenkatze wie das Hauskätzchen oder der uralte kurzbeinige Löwe. Die Hauptraubtiertypen erhielten sich seit urvordenklicher Zeit, und was von ihren äußeren Formen unterging, ist von Elementen und Menschen ausgerottet, ihre geringe Transformierung, d.h. Abweichung von ursprünglicher Form hatte bestimmte Grenzen, nur Verkürzung der Maße wegen ungünstig werdendem Milieu. Bei Rind, Schaf, Antilope usw. ist überhaupt keine Abwandlung bemerkbar, erst recht keine Verbesserung. Der Riesenwidder in Tibet, ein Überbleibsel der Urzeit, hat den Begriff des Leithammels in heroischem Verhältnis von Herren- und Mannentreue: Der erwählte Führer stürzt sich in den Abgrund, sobald er keine Rettung vor Jägern sieht, unverzüglich folgt ihm die ganze Herde in den Tod aus trotzigem Ehrgefühl, dem Feind seinen Triumph nicht gönnend. Nichtswürdig ist die Hammelnation, die nicht ihr alles setzt an ihre Ehre! Wir unterstreichen dies von uns gefundene Beispiel, denn erstens macht es jede Evolution lächerlich, wenn aus so erlauchten Hammeln, die an Napoleons Scherz erinnern »mon mouton (General Mouton) est un lion«, der heutige dumme Graser emporreifte, zweitens offenbart es Seele und Geist noch nicht geknechteter Tiere besonders auffällig.

Das Versteinerungsarchiv der Paläontologie lieferte trotz glaubensstarker Prophezeiungen keinerlei beweiskräftige Übergangsdokumente. Wer sonst in irgendwelcher Wissenschaft eine welterschütternde Theorie (alle Lebeformen aus einer Urzelle) auf solche Beweise stützen würde, verfiele dem Gelächter. Jede Ausgrabung zeigt die Urarten so schroff gesondert wie die heutigen, die Ahnenprobe des darwinistischen Stammbaums gleicht einer mittendurch gerissenen Kette, und die Ausrede verfängt nicht, gerade die Mittelformen seien zufällig spurlos verschwunden. Denn gerade diese müßten viel zahlreicher gewesen sein als die Haupttypen und in jeder Bodenschicht massenhaft stecken. Nichts fand sich als Zähne angeblicher Halbaffen oder Halbanthropoiden, wobei der Wunsch oft Vater des Fundgedankens war. Warum sollte sich das Skelett eines Riesenaffen nicht so gut erhalten haben wie das eines Dinosauriers, wovon man jüngst in New Jersey die allergrößten Exemplare entdeckte? Vielmehr liegt dringender Verdacht nahe, daß der Mensch älter sei als der Affe. Natürlich drängte heutiger Darwinismus eiligst die Forschung zurück, daß der Mensch schon im Tertiär vorkam. Man roch Lunte, daß dies Zugeständnis gefährlich werden könne. Sind denn die Ameghinofunde am La Plata als Schwindel entlarvt? Wir halten schon deshalb für verfehlt, eine Eolithenzeit unfertiger Steinschleifung als Prolog der langen Steinzeit wegzudisputieren, denn die ersten historisch beglaubigten Steinwerkzeuge sind schon technisch so reif, daß man lange Vorschulung voraussetzen muß. Dem La Plata-Menschen soll eine Rippe gefehlt haben, dagegen haben die Skelette von Correze und Krapina schon das vollständige heutige Knochengerüst mit geringer Abweichung der Kniekehle. Der breitausladende Kiefer erklärt sich unseres Erachtens durch die Nötigung, beim beliebten Aussaugen des Marks Knochen zu zermalmen: als diese Gewohnheit abnahm, wich der Kiefer zurück. Der Gibraltarmensch hat schon die gleiche Mundpartie wie wir. Die ältesten Funde ergeben schon Feuerstätten und ausgebildete Beerdigungsgebräuche mit religiösem Hinweis. All dies, auch Eindringen antiker Feuerbestattung statt der älteren Einscharrung, wie man es auch bei den zahlreichen »Lausitzer-Funden« beobachtet, bedarf späterer Betrachtung der Urrassen und Urtraditionen. Während physische Entwicklung gering und relativ, ist die psychische noch geringer und relativer, davon später.

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