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Der Aufgang des Abendlandes

Karl Bleibtreu: Der Aufgang des Abendlandes - Kapitel 12
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authorKarl Bleibtreu
titleDer Aufgang des Abendlandes
publisherWilhelm Borngräber Verlag
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firstpub1925
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III

Wie der Amphioxus (Lanzettefisch) zum Molch, zum Schnabeltier, das seine Eierjungen säugt, zum Känguruh (mit Vorderfüßen als Greiforgan), zum Affen und Menschen wird, ist eine so unglaubliche Geschichte, daß beim Schlußprodukt die Darwinisten nicht ein noch aus wußten. Den Neanderthaler hielten sie zunächst für Anthropoiden, das medizinische Orakel Virchow für einen abnorm krankhaften Menschen, während ein Blick auf die Rundung und Symmetrie dieses Schädels und anderer gleicher Gattung die hohe Menschlichkeit des Urahnen bekundet. Dem Dubois-Affen maß sein Entdecker einen fabelhaften Innenraum seines Schädeldachs bei, Schwalbe und Cunningham konnten sich hier leider nur zu einem Gibbonaffen aufschwingen. Haeckel stieß ja auch ein Triumphgeschrei aus, er habe die Urzelle leibhaftig erschaut, bis man ihn mikroskopisch belehrte, daß er unorganischem Kalk pietätvollen Ahnenkult widmete. Aus der verständigen Umwandlungslehre Lamarks, daß die Außenwelt nebst Gebrauch oder Nichtgebrauch einzelner Organe individuelle Änderungen hervorruft, die unter Umständen sich vererben, wogegen niemand etwas einzuwenden hat, machte Darwin eine Fabel gleich Ovids Metamorphosen. Auch Lamarks Lehre bedarf einiger Vorbehalte, denn weder einseitige Bizepsausbildung des Athleten noch einseitiges Talent vererben sich. Der Maler Vernet sagte von sich, er sei Sohn und Vater eines großen Malers, dies Beispiel steht aber einzig da; Vererbung naturwissenschaftlicher Neigung von Darwins Großvater schlug schon bei dessen eigenem Bruder ins volle Gegenteil um. Horace Vernet war kein wirklich großer Maler, konnte daher von einem unbedeutenden Vater und leidlich talentvollen Großvater wenig erben. Das Überspringen von Mittelgliedern, wie man bei Friedrich d.Gr. Großmutter und Urgroßvater heranzieht, gehört zu den Freuden der Vererbungstheorie, versagt aber bei fast allen bekannten Fällen und verliert sich ins Abstruse gemäß der Gepflogenheit, dem Sohn eines Zimmermanns einen Stammbaum bis David beizulegen. Denn der Mensch paßt die Dinge seinen Vorurteilen an. Die unendlichen Spielarten der Vererbung – wobei das Versehen der Schwangern eine bedeutsame Rolle spielt und fremde Ammenmilch erheblich mitspricht – würden angebliche Übergänge gut erklären. Wenn heutige Kritik am frühesten natürliche Zuchtwahl verwarf, weil nur der Pferde- und Schafzüchter künstliche Paarung betreibt und die Natur es sonst zu verbieten scheint, so kann in Urzeiten recht wohl Bastardisierung erfolgt sein. War doch Sodomiterei noch in historischen Zeiten verbreitet, wie denn die Sage nach Sodoms Untergang die Gegend plötzlich mit Affen bevölkert sein läßt, und durch geschlechtlichen Umgang verschiedener Tierarten lassen sich Formabwandlungen zwanglos vorstellen. Dann muß man aber bei physischen Abnormitäten wieder psychische Anreize voraussetzen. Einheitlichen Bauplan aneinandergereihter Stufen vermittels uranfänglicher Kraftanwendung für möglich halten, widerstrebt dem modernen Enthusiasmus für Zufall und Mechanik; indem Huxley und Darwin jede Vorsicht abstreiften und unbescheiden einen neuen Dogmenglauben dekretierten, fühlten sie, daß ihre Mythologie sich wunderschön dem Zeitgeist anpaßte. Das war kausal notwendig wie die andere Abart der gleichen Grundstimmung in Nietzsche, der das Recht des Stärkern fälschlich als natürliche Auslese proklamierte. Wir müßten uns wundern, wenn Darwin im Manschesterliberalismus und Nietzsche im Wendepunkt von Großkapitalismus und Bolschewismus nicht entstanden wären! Wenn man sich dies Milieu wegdenkt, so gäbe es keine Gläubigkeit für den Giraffenhals, der bei jeder Dürre um einen Millimeter wächst, weil das sonst so launische Klima mit pedantischer Pünktlichkeit immer strengere Dürren verhängt, just um die Giraffe in die Streckmaschine einer orthopädischen Anstalt zu nehmen! Warum stellte sie sich nicht wie jede Ziege auf die Hinterbeine, um nach oben zu knabbern? Doch wo Marx die wirtschaftliche Dürre progressiv sich steigern und die Gesellschaft nach allgemeinem Halsverrenken auf ein Prokrustesbett schnallen läßt, da nimmt man am progressiv wachsenden Giraffenhals keinen Anstoß, in solcher Wüste wimmelt es von evolutionierten Kamelen. Das Wesentliche am Darwinismus ist seine rohmechanistische Denkweise. Variation ist etwas Natürliches, neu nur die Auslegung, sie entstehe wahllos zufallmäßig. In Wahrheit vollzieht sie sich weder regel- noch grenzenlos, nichts »schlägt aus der Art«, veränderliches Wesen bleibt in Gebundenheit des Typs. Mustang, Pony, Rennpferd bleiben halt Pferde, Mastif wie King Charles Hunde, alle Rinder stammen vom Ur und fallen bei Verwilderung in die Urform zurück. Haeckel wetteifert mit Jules Verne, wenn er Stammvögel namens Tocornithes erfindet, er seiltänzert über Abgründe mit geflügelten Schlagworten, die weder fliegen noch schlagen können, wie ein Archäopterix, der bald wieder im. Schlamm kriecht, nachdem man ihm erdichtete Flügel anschnallte. E. V. Hartmann betont in »Probleme des Lebens« sehr richtig, daß der Einzeller sich am besten anpaßt, Vielzeller also am schlechtesten der Evolution dienen, volle Anpassung aber Stillstand bedeuten würde. Wer sich auf dies Gebiet begibt, muß notwendig straucheln und ausgleiten. Hohles Phrasenecho bei Ungebildeten und Halbgebildeten wurde zu politischem Bauernfang erst gegen Religion, dann gegen Ethik, zuletzt gegen jeden Idealismus. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen in umgekehrtem Sinne wie Jesu stolzes Wort: »Wer meiner Lehre folgt, ward bald innewerden, ob sie von Gott ist.«

Mensch und Affe könnten von einem gemeinsamen Ahnherrn als Vettern abstammen? Solche diplomatisch schielende Vorsicht, von der wir die Mehrzahl der Darwinisten freisprechen, denen die direkte Abstammung vom Affen am Herzen liegt, vergißt nur, daß der ganze Darwinismus damit steht und fällt. Ist er wahr, dann müßte der Mensch sich vom Affen entwickelt haben, d. h. aus einem Mammal, der keineswegs psychisch über andern höhern Tieren steht und den als Ahnen zu grüßen viel erniedrigender ist, als wenn man die Araberstute zur Stammmutter hätte (vergl. Swifts fürchterliche Satire von den Pferden und Affen). Wieso ein gemeinsamer Vater den Menschen mit all seinen Möglichkeiten und den Affen mit all seinen Unmöglichkeiten erzeugte, wäre eine köstliche Deszendenz, die wirklich nicht zuläßt, daß dem einen Sprößling lauter Fähigkeiten vererbt werden, die der andere nie hat noch haben wird. Oder war der Urmensch ein plötzlich vom Himmel gefallenes Affengenie? Das ließe sich hören, dann steht dies aber auf einem andern Blatt, der Psychelehre, fern physikalischer Mechanistik. In gleicher Weise könnten dann Fische und Insekten, Reptile und Vögel gleichzeitig vom gemeinsamen Urzeuger ins Leben geschickt sein. Nein, sei man doch redlich: daß der Mensch vom Affen kommt, ist der Clou des ganzen Darwinismus, le dernier cri! Wie steht es mit dieser Familienchronik?

Der Affe, und zwar ziemlich die gleiche Gattung wie heutige, lebte in Europa neben dem Neanderthaler und seinen Nachfahren, verkümmerte aber und ging ein wegen Klimawechsel, da der Affe überall nur heiße Klimate verträgt im Gegensatz zum Menschen. Wunderlicher Vorgang: Der Mensch stammt vom Affen, hat aber trotz seiner Fellosigkeit eine Struktur, die Europas Erkaltung trotzt, während sein Vater oder Bruder oder Vetter Affe von vornherein nur für Hitze lebensfähig war. Deshalb wuchs er nur in Zentralafrika und auf den Sundainseln zu anthropoider Größe, in europäischen Schichten sucht man umsonst nach dem Großaffen, selbst der bösartige Pavian, der den Menschen angreift, ist afrikanisches Gewächs. Viele Tiere wie Hund, Pferd, Katze und Vielhufer, sogar der aus Indien abgewanderte sibirische Tiger, ertragen Kälte und Hitze gleich gut, der Mensch aber soll sich ausgerechnet aus dem Geschöpf entwickelt haben, das nur unter bestimmten Breitegraden gedeiht. Danach kann das Blut des Anthropoiden dem des Menschen unmöglich so nah verschwistert sein, wie Friedländers Blutforschung ergab, man muß bedeutsame Abweichungen übersehen haben, denn verschiedene Regulierung des Blutumlaufs macht notwendig einen entscheidenden Unterschied. Daß bei ähnlicher Baustruktur der Lebenssaft sich ähnelt, hat nichts auf sich, denn zoologische Verwandtschft bestimmt nie in der Natur das Individuelle der Art. Bär und Schwein, Elefant und Nashorn sind Angehörige der gleichen Spezies, doch wie grundverschieden ihre Eigenschaften! Selbst das Gleichnis Wolf = Hund widerlegt den Vergleich Affe = Mensch, denn der kanadische Wolf ist so klug wie der klügste Hund, das Physische gleich mit mäßiger Abweichung. Der Hund gab nicht freiwillig sein Wolfsleben auf, sondern durch Zucht des Menschen. Wo aber ist, was den Affen gezähmt, zum Menschen erzog? Das höhere Wesen, das zu Adam sprach, war eben unsichtbar!

Kein ersichtlicher Grund bekräftigt die Mutmaßung, der ausgestorbene Europaaffe sei ein Zwischenglied zum Tropenaffen, den die Äquatornatur seit Anbeginn zum Großaffen bestimmte. Sie entwickelte ihn, nicht er sich aus andern Milieuständen. So weit gehende Selbsttätigkeit der Anpassung ist nirgends nachweisbar, überall kennt die Natur nur relative Änderung und auch das nur selten. Der Urbär blieb Bär, das Urrind Rind, der Urtiger mit dem Säbelzahn der nämliche Tiger, auch kam nur Verkleinerung der Maße vor, nie umgekehrt riesiges Wachstum wie beim Äffchen zum Gorilla! Der uns bekannte Mensch änderte nie sein Strukturmaß, kleinwüchsige Rassen blieben klein, großwüchsige groß, die Differenz beträgt aber durchschnittlich nur wenige Zoll. Alles läßt darauf schließen, daß der Anthropoide – wohlgemerkt nur unterm Äquator vorkommend – eine für sich bestehende Gattung ist und war. Warum ließ sich in historischer Zeit der Wolf nirgends als Hund zähmen, sondern setzte fanatische Wildheit entgegen? Lang behauptet, der kanadische Wolf interessiere sich für den Menschen und greife nie ein Kind an, Kiplings Dschungelbuch wärmt die Romulusfabel auf, warum bleibt aber die freundlichste Behandlung des gefangenen Wolfs verlorene Mühe, warum interessiert der verwandte Fuchs sich nicht für den Menschen und trotzt jeder Zähmung? Umwandlung in den Hund scheint nur dem Menschen ein Fortschritt, weil ihm angenehm. Subjektiv geschmeichelt, überschätzt er den Hundecharakter, wogegen auch Brehm sich wendet. Bei der aristokratischen Katze fruchtet nur Güte, beim Hund nur Strenge, er hört nicht auf freundliches Verbot, sondern nur auf Prügel, in ihm lauert das ungebändigte Raubtier. Nicht nur der rote Wildhund von Dekkan ist fürchterlich, sondern wenn in Kanada ein Hund in die Wildnis ausbricht, wirft er sich zum Oberhaupt des Wolfsrudels auf, weil er mutiger und stärker ist als seine Waldbrüder. Sein Gebiß mit der schrecklichen Kraft der Kinnlade und die manchmal vorhandene Schädelwölbung unterscheiden ihn so sehr vom Wolf, daß wir nicht unbedingt sicher sind, ob er nicht die Annahme, der Wolf sei sein Ahne, mit Verachtung zurückweisen und uns belehren würde, der Wolf sei nur sein minderwertiger Vetter, er selber sei stets neben diesem dagewesen. Um sicheres Futter und Schutz zu haben, biederte er sich an den Menschen an und hat überhaupt nur als Jagdgenosse seinen Beruf nicht verfehlt. Auch hier, wo alle Bedingungen zur Evolution vorhanden wären, bewährt sich die Beständigkeit der Art. Die Leistung der St.-Bernhards-Hunde ist künstliche Abrichtung wie jede andere, keine besondere Erhöhung des Wesens. Der Mensch zeigt sein Unverständnis, daß er über die nur durch besonderen Spieltrieb veranlaßte Grausamkeit der Katze gegen die Maus zetert, während er sie doch zur Mäusejagd anhält. Die Katze ist sich bewußt, daß ihre Herrschaft die schädlichen Nager vertilgt haben will, Naturtrieb also hier mit Pflicht zusammenfällt. Die unbekömmlichen Feldmäuse frißt sie meist gar nicht, erst recht nicht die Ratte, ihren verabscheuten Todfeind, der ihr doch persönlich nicht im Wege steht und dessen gefährliche Zähne sie fürchtet. Wir kannten einen treuen Kater, der als Veteran stolz seine Wunden durch Rattenbisse zur Schau trug, immer wieder ans Werk ging, die Unholde anzugreifen. Dieser Mäuse- und Rattenkrieg ist nobler als die Jagdpassion des Hundes, der sich meist an Wehrlosen vergreift, wie sein plebejischer Schädigungstrieb nur solche Menschen anpöbelt und beißt, denen er ansieht, daß sie sich fürchten, und sofort sklavisch den Schwanz einkneift, wenn man ihm auf seine Frechheit gehörig dient. Vor der eigenen Katze braucht man die eigenen Küchlein und Kanarienvögel nicht zu schützen, der gezähmte Löwe läßt die Hausgazelle im Kraal seines Herrn ungeschoren, einem als Säugling auf einem Kriegsschiff erzogenen Tiger war alles heilig, was innerhalb des Schiffes war, dem Hund aber muß man erst einbläuen, daß er die freundliche Hauskatze, die gern mit ihm spielen möchte, nicht verfolgen soll. Der Hund, Genosse des Urmenschen, evolutionierte sich also nie, der arktische Hund, wohl die älteste Hundeform, steht heute noch seelisch höher als spätere Hunderassen. Beiläufig erfreuen sich die Nager, zu denen auch der Architekt Bieber gehört, einer höheren Intelligenz als die auf der famosen Stufenleiter höher stehenden Gattungen. Die Ratte zeigt im Füttern von Alten und Blinden eine merkwürdige Ethik, ist gezähmt sehr liebenswürdig, auch diese Art blieb aber beständig seit ihrem ersten Erscheinen. Überall, wo Vorwitz die Natur zur Evolution auffordert wie beim Haustier, macht sie von so gütiger Erlaubnis keinen Gebrauch. Der gezähmte Affe, auch der Anthropoide, bleibt hinter jeder Erwartung zurück, wenn man nur richtig sehen wollte. Sein erster Trieb, sobald er sich im Spiegel sieht, will auf das Biest im Spiegel losspringen, wie die Mieze mit ihrem Pfötchen hinter dem Spiegel die andere Katze als Spielkameraden sucht. Wenn er nachher erkennt, daß es sich um ein Blendwerk handle, so beruhigt er sich damit und erinnert sich wohl dunkel, daß er seinen Umriß auch mal im Wasserspiegel sah. Wahrscheinlich empfindet so jedes Tier, der gelehrteste Schimpanse bringt nichts weiter fertig, als sich auf einen Stuhl zu hocken und möglichenfalls Messer und Gabel zu brauchen statt das Kotelett in die Pfote zu nehmen. Lauter Abrichtungskünste, zu denen in anderer Form jedes Tier, selbst der Floh, fähig. Was er im Naturzustand für Kampf ums Leben leistet, erhebt sich in nichts über üblichen Betrieb jeder Lebensform, bleibt sogar tief unter dem Niveau der Erbweisheit vieler Gattungen. Vom untersten Wilden trennt ihn psychisch ein Unersetzliches, und das einzige, was ihn Menschen ähnlich macht, sind Nachäfferei und dumme Bosheit. Was hilft die ausgebildete Hand des Gorilla, wenn er noch nichts Besonderes damit anzufangen weiß? Es bleibt dabei, daß zoologische Verwandtschaft sich nur physisch ausdrückt, psychisch in keiner Weise. Bedeutet Evolution, wohlgemerkt als mechanische Entwicklung, denn einen psychischen Purzelbaum, wie das gelenkigste Äffchen ihn nicht physisch nachahmen könnte? So versessen bleibt man auf die einmal ausgegebene Losung, daß de Vries seine Mutationslehre zum Darwinismus rechnet, obschon sie mit äußerstem Gegensatz von Evolution hantiert, nämlich Revolution. Natürlich schlägt plötzliche Zersprengung einer Art, um eine höhere neu zu schaffen, jeder Mechanistik ins Gesicht. Solche schon supranaturelle Schaffensmethode würde freilich plötzliches Entstehen des Menschen sattsam erklären, doch genügen einige botanische Beispiele, um allgemeine Revolutionierung der Natur zu begründen? Auf den Menschen angewendet, wäre es ohnehin nicht statthaft, solange man ihn als Nachfolger des Affen anspricht, denn die anthropoide Gattung ist nicht zersprengt, lebt wie vor alters neben dem Neger fort, unevolutionierbar, wie sie sich hat. Das hoffähig machende »Tabouret« der Wissenschaft, das einen Ehrensitz am Hof der Natur zu bedeuten meint, dreht sich fortwährend im Kreise. Was man von Toilettengeheimnissen der unsichtbaren Königin bemerkt, sind nur Schminktöpfe, aus denen sie das Janusantlitz ihres transformierenden Wandels bepinselt.

Am schroffsten zerschellt der Evolutionswahn gerade dort, wo der Mensch ihn am eifrigsten nachrennt, an der historisch beglaubigten Menschheitsgeschichte. Hier streitet man zunächst, ob der Weiße vom Hindukusch oder aus dem hyperboräischen Norden in der Eiszeit nach Europa kam. Weißhaut wird mit arktischen Schnee in Verbindung gebracht, als ob Eskimo und Lappe nicht dunkles Pigment hätten und hohe Kältegrade vielmehr die Haut gerbten und bräunten (siehe Engadiner). Für beide Hypothesen führt man Ethymologisches ins Gefecht, als ob Hyperboräer die Lautverwandtschaft nicht schon früher aus Südasien bezogen haben könnten. Des Weißen Hochmut legt seinem Erscheinen das höchste Gewicht bei, der Arier ernennt sich zum ersten Kulturträger. In Wahrheit übernahmen die Achäer von den Mykenokretern, die Lateiner von den Etruskern ihre Kultur, die von Gobineau verhimmelten Perser hatten keine andere als Überbleibsel der summerischen, die weißen Lybier störten nur die längst vorhandene Herrlichkeit der Pharaonendynastie. Unter deren Einfluß (Odysseues besucht zuerst nach der Sage das Nilland) und Paarung mit Phrygiern (Helena heiratet Paris) entfaltete sich erst der Hellenismus. Arier und Semiten stießen auf jene Urrasse, die noch in ihren letzten Ablegern, den Altägyptern und Sumeroakkadern, die Grundlage nicht nur jeder äußeren Zivilisation, sondern auch höchster Innenkultur legten. Um den Evolutionstrugschluß zu stützen, scheute man nicht grobe Irreführung, die jeder Unkundige dem andern nachschreibt. Frischweg wird dekretiert, Schädelbau und Hirngewicht hätten sich seit Urzeit verbessert. Diese Unwahrheit stammt aus Vergleichen von Tasmaniern (1200 – 1300 ccm) und Australnegern (1350) mit modernen Europäern (1450 – 1550) statt mit deren eigenen Ahnen, den 1650 ccm Schädeln der Neanderthal- und Aurignacrasse, ergänzt durch Nachkommen am Euphrat und Nil. Wir erkennen sogar im Glauben der tiefstehenden Australneger Überreste einer weisen Urreligion. Geister bevölkern alles, und jede Geburt entsteht durch Einbürgerung eines Spirit, der Mensch existiert vor und nach seinem Erdenleben, gehorcht überall der Magie, sein Geist verläßt den Körper beim Träumen, dann sehen ihn hellgesichtige Medizinmänner; der Weltgeist Banjil, Ursprung aller Magie, schaut von den Sternen herab: »Du siehst ihn und er sieht Dich.« So fühlten Urmenschen wohl schon in Lemuriens Zeiten, und wenn bis heute keine kulturelle Änderung eintrat bei australischen wie afrikanischen und amerikanischen Negern, so lehrt dies nur, daß weder Freiheit noch Knechtschaft noch Klima das Rassentum ändern, immer konstant von Anpassung unberührt. Jene negroide Urrasse von kleiner Statur mit großen Köpfen, die sich quer durch Europa von Düsseldorf und Gibraltar bis Indien verbreitete, hatte von wahrer Kultur, was sie brauchte, moderne seelenlose Zivilisation wäre für sie nutzlos gewesen. Sie ist mehr als das, tödlich für alle Rassen außer der weißen. Deren ursprünglich rohe antikulturelle Sinnesart beutete die verdrängte Urkultur nur zu Verstandes- und Willensmästung der Ichbegierde aus, was ihr bereits die »olivengelben« Semiten in 3000jähriger Razzia vormachten, doch gegen die brutalere physische Energie der Nordländer sich nicht als Herren behaupten konnten. Aus solchen Transformierungen durch Rassenkämpfe läßt sich kein Vorwärtsschreiten ableiten, doch täuscht geradeso angebliches Rückwärts periodischen Verfalls wie in Spenglers Schulmeisterei vom Untergang der Kulturen. Nichts geht unter, alles setzt sich fort wie die Antike im aus ihren Trümmern aufgebauten Heidenchristentum. Überall Renaissance aus Scheintod, ägyptische und jüdische Theokratie auferstand in der katholischen Kirche, gleichzeitig drang griechischer Neuplatonismus durch alle Poren christlicher Dogmen.

Die Menschen selber glaubten nie an evolutionären Fortschritt, sondern verlegten goldene Zeitalter stets in die Vergangenheit. Nachdem das kirchliche Märchen vom religiös-ethischen Fortschritt nicht mehr verfing, tanzte plötzlich das Irrlicht technischen und wissenschaftlichen Fortschritts, zu spät erkannten Verständige, daß dies mit sonstiger seelischer Verödung, mit nüchterner Dürre geschäftlicher Erwerbsgesellschaft erkauft wurde. Angesichts der Abhängigkeit all unserer staatlichen oder künstlerischer Grundsätze von antiker Tradition kann man über historische Evolution nur lächeln. Was wir hellenisch und römisch nennen, schufen nur die Jonier, unter den Italikern nur die Lateiner, die Spartaner blieben geistig Irokesen, auch hier also Arten und Gattungen streng geschieden. Die Beschämung verschlimmert sich, weil auch diese gepriesene Antike nur auf den Schultern einer größeren stand. Hamurabis Gesetzgebung war großzügiger und moderner als die von Solon und Lykurg, als Magna Charta und Code Napoleon, ohne Altägyptens Kunst wäre die von Hellas nie entstanden, auch besaßen die Urahnen uns unbekannte Maschinen und Mörtel, ohne die Zyklopenbauten, Pyramiden, Babels hängende Gärten so wenig möglich gewesen wären wie die uralten Nilkanäle und -schleußen. Die Semiten waren zu nichts fähig als zu merkantilen Gründungen; Beständigkeit der Art, wohin man sie verpflanze, machte auch in Afrika den Araber zum gleichen Mittelding von Händler und Räuber. Wenn nachher die Moslem in Spanien und Bagdad eine sarazenische Kultur zustande brachten, so geschah dies durch Mischung mit der später gräkisch befruchteten Urbevölkerung Babyloniens, in Neupersien mit den baktrischen Indogermanen, deren Sagen Firdusi auferweckte. Der geniale Antisemit Nebukadnezar wollte durch Austreibung der Semiten ein sumerisches Neubabylonien wiederherstellen; die staatsstrengen Assyrer, ein turanisches Mischvolk, hatten wenigstens rührende Ehrfurcht vor sumerischer Urkultur, Assurbanipal war ein noch echterer grand monarque als der roi soleil, Ninive eine glänzendere zivilisatorische Hochburg als Versailles. Assyrer und Babylonier verehrten gemeinsam den Literaturgott Nebo, auch hatte die heilige Bücherstadt der in Kleinasien lange tonangebenden Hittiter vielleicht mehr Wert als Neueuropas Universitäten, wo die »abgeschmackten« (Kant-)Verlehrten Stroh dreschen und jedem ein Bein stellen, der in die muffige Zunft Licht und Luft einlassen will. Die äußere geistige Vorwärtsbewegung seit dem 16. Jahrhundert verband sich mit solchem Verwesungsgeruch sozialer Übelstände, daß jene Babylonier, die sogar die moderne Frauenfrage lösten, sich mit Ekel davon abgewendet hätten. Als die Konquistadoren ihre christliche Raubmörderei übers Meer trugen und ihrer Goldgier, dieser erblichen Belastung der Weißen, harmlose Völker schlachteten, da reifen noch heute die Früchte dieser schönen Evolution, die den Doppelkontinent mit Karmafluch belud. Ob die Pilgerväter als Hexenverbrenner oder die Junker von Virginia als bibelgesegnete Importeure schwarzer Sklaven eine Kulturmission erfüllten, als sie den Ureinwohnern ihre Jagdgründe stahlen und die Börse von Wallstreet errichteten, dürfte dem Weltphilosophen wohl fragwürdig sein. Er fragt unbescheiden, was die alte vornehme Welt mit Dampfbahnen und -schiffen, Telegraph, Telephon, Telefunken anfangen sollte. Ein Denker der Vorzeit würde eine Vision der Neuzeit als Hölle verpöbelter würdeloser Unrast verabscheut haben. Diese ist freilich der heutigen Menschheit ganz angemessen, sie schuf die häßliche Welt des Industrialismus nach ihrem eigenen niedrigen Bilde. Doch das gibt ihr kein Recht, ihre Entartung seit 15+000 Jahren, wo Aurignacier und Mousterier ihre Künstlerhand erhoben, als Aufwärtsevolution zu feiern.

Deshalb verlegt man sie ins unkontrollierbar Prähistorische, welche Rückschiebung wieder keine Logik hat, denn ein vor Jahrmillionen wirksames Gesetz müßte sich dauernd bis heute geäußert haben. Nun darf aber der leichtfertige Darwinist beim Menschen nicht mit Jahrmillionen um sich werfen, damit schlüge er die eigene Theorie tot, der angeblich jüngste Erdengast müßte recht spät erscheinen, weshalb man sich heftig sträubt, Menschenmöglichkeit im Tertiär anzuerkennen und sie aus dem Pliozän schon bis ins Pleistozän verkürzt. Ein schneller Sprung vom Duboisaffen zum Neanderthaler würde den halbwahren Satz »die Natur macht keine Sprünge« glatt aufheben, oder soll die Mutationslehre in Anwendung kommen? Menschenarten sind keine Pflanzen, das in der Botanik als Einzelfall Beobachtete läßt sich nicht so erweitern, daß Übergangsformen wie Kreidekladde auf einer Schiefertafel weggewischt wurden. Bei Annahme einer sprunghaft plötzlichen Entwicklung wäre die eigentliche Evolutionsthese schon erledigt, denn die Natur erschiene dann als eine mit souveräner Willkür schaltende Künstlerin, was den unkünstlerischen Wissenschaftlern nicht behagt, die nur eine langsam methodisch arbeitende Geschäftsdame im Kontor brauchen. Indessen schmiert wahre Kunst nicht wüst drauflos wie ein dekadenter Lyriker, sondern verfährt logisch kontinuierlich. Es gibt da ein geheimnisvolles Beispiel: Umwandlung des mexikanischen Wassermolchs in Erdsalamander. Hier erweist sich zunächst der Schwindel mit unbegrenzten Zeiträumen als närrisch, denn die Verwandlung im Zwange der Not erfolgt in kürzester Frist, man will sie in wenigen Tagen beobachtet haben. Doch die verzweifeltste Anstrengung konnte nicht plötzlich durch Lunge statt mit Kiemen atmen, wenn eben nicht Ansatz einer richtigen Lunge vorhanden gewesen wäre. Ein ähnlich entscheidendes Organ müßte beim Menschen das Hirn gewesen sein, also seine Wundertätigkeit behalten haben. Das stimmt durchaus nicht, das »Ebenbild Gottes« macht eine schnurrige Figur in unveränderter Ohnmacht, dagegen braucht man sich keine grauen Haare wachsen zu lassen wegen anscheinender zoologischer Verwandtschaft mit dem Schimpansen. Wie wäre es anders möglich, da alles Organische dem gleichen Strukturgesetz unterfällt und der Mensch nicht auf Erden wandeln könnte, wenn seine sichtbare Gestalt über unerläßliche organische Bedingungen hinauswüchse! Solche Selbstverständlichkeit vergißt eben nur, daß es sich bei der psychischen Seite um eine unsichtbare Ebene handelt, daher eine durchaus vom Affen verschiedene Psyche von Anfang an den Menschen begleiten konnte und mußte. Die Popularität des Darwinismus beruht auf der Vorliebe des Spießers für ein seinem Fassungsvermögen handliches Weltbild. Schwerere Denkarbeit erfordert eben die Erkenntnis, daß die Weltseele aus viel großartigeren Beweggründen schafft.

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