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Der Aufgang des Abendlandes

Karl Bleibtreu: Der Aufgang des Abendlandes - Kapitel 11
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authorKarl Bleibtreu
titleDer Aufgang des Abendlandes
publisherWilhelm Borngräber Verlag
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firstpub1925
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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II

Ein klassisches quid pro quo des Platzwechsels liefert der im Meer plätschernde Elefant Walfisch, doch auch die schwimmende Bauherr-Ratte Biber ist nicht von schlechten Eltern. Solche Saltomortale können nur gelingen durch Beihilfe unbekannter Mächte hinter den Dingen, Mechanik-Arbeit würde hier unglaublich subtile Konstruktion voraussetzen, die der Stoff sich nicht selber geben kann. Die Dynamik der Kaulquappe, die sich Sprungfüße wachsen und fröhliches Gequak ertönen läßt, bildete ihr Talent in der Stille, ihren Charakter im Geräusch des eigenen Energieimpulses, doch woher entfließt dieser? Ihr Embryo-Laich war eben seit Anbeginn nicht fischartig, das Vorhersein verschiedener Typen im Embryo mag noch so sehr sich gleichen, ihr plötzlich Da-Sein in gänzlich verschiedenen Formen beweist das Gegenteil materialistischer Folgerung. Nämlich der Stoffbrei ist überall gleichgegeben als Bindemittel der Materialisierung, der Farbentopf steht nun da, doch man muß Farben erst teilen und mischen, um sie vielfarbig auf die Palette zu setzen, worauf erst der Pinsel (Energetik) der Künstlerpsyche das Naturgemälde schafft. Beim mechanischen Entstehen müßte die Vielfältigkeit der Typen schon im Embryo vorbereitet sein, bei großer Ähnlichkeit aller Embryonen läßt sich die gänzliche Verschiedenheit der zu Tage geförderten Produkte nur erklären durch exterritoriale Geheimdiplomatie des Unsichtbaren.

Die Evolution hängt sich bekanntlich die Klausel an, daß sie ihre Wunder schamhaft in unbekannte Ferne versteckt, um der Kontrolle zu entgehen. Vor ihr sind Millionen Jahre wie ein Tag. Gibt es atavistische Rückfälle, warum nicht auch Vorfälle? Wir möchten mit dem Einfall eine Wohltat erweisen, daß ein unregelmäßiger Geburtsvorfall einer Schimpansin, als Maria oder Maja vom Heiligen Geist beschattet, plötzlich den ersten Menschen Schulze ausspie. Dies Wunder wäre viel geringer, als wenn eine arme Dienstmagd den Leonardo gebärt, denn zwischen Schimpanse und Schulze gibt es viel geistige Berührungspunkte, z.B. den Trieb zur Nachäfferei, zwischen Leonardo und Schulze gar keine. Da Schulzes so gern politisch die Farbe wechseln, so borgen sie dies wohl vom gelegentlichen Farbenwechsel bei Tiergeburten durch Versehen der Schwangeren!

Umgibt einen schwärzlich geborenen Arier ein schwarzer Verdacht, so braucht dies keine weiße oder schwarze Schmach zu sein, sondern ein psychischer Einfluß. Ein Goldfasan verliebte sich mal heftig in ein gewöhnliches Suppenhuhn (Brehm), doch die Liaison blieb platonisch oder unfruchtbar, selbst bei so nah verwandter Gattung verbietet die Natur den Nachwuchs von Mitteldingen. Wo bleibt daher die Möglichkeit der Artveränderung durch Zuchtwahl? Jene abnorme Liebschaft war ein rein individuelles Psychesymptom, und Buddha, der sich auf solche Dinge verstand, erklärt die Geburt nach physischem Zeugungsakt für freiwillige Psycheerscheinung. Zwei kerngesunde Schweizer erzeugen einen Kropfkretin, wie ist dieser Versuch zu erklären? fragt die Schulphysik. Alle Anthropoiden sind Baumbewohner, warum verloren Schimpanse und Gorilla den langgeringelten Affenschwanz, den sie so gut brauchen könnten? Durch eigene Abschleifung wider eigenes Interesse geschah dies sicher nicht. Beim Schwanzknorpel kam der Mensch zu kurz, beim Blinddarm verrät er vielleicht den Wiederkäuer, manchmal spitzt er abstehende Fledermausohren wie ein horchender Esel? Sind dies Rudimentärbeweise, daß er ein Pavian, Rindvieh, Esel war, sind atavistische Rückfälle so gesetzlich wie politische Reaktion? Ach nein, die »Krone der Schöpfung« ist eben nicht vollkommen gebaut, Helmholtz erklärte das Auge für das Werk eines schlechten Optikers. Man unterschiebt der Natur Vollkommenheitszwecke, die sie nicht brauchen könnte, sie gab sich ihr Lebtag nicht mit Kleinigkeiten ab, da es der bewegenden Kraft um andere Dinge zu tun ist als Materievervollkommnung. Sie benutzt die konventionellen Formeln gewisser anatomischer Grundlagen, die sie aus Bequemlichkeit nicht entbehren kann, gleichwohl mutet Darwin ihr schwierige langwierige Umwege zu, stellt Jahrmillionen als Faktoren ein. Ist die Ewigkeit eine mathematische Gleichung, daß man ihr so die Wurzel ausziehen kann? Wann ragte denn das hypothetische Protoplasma in die Ewigkeit hinein? Da jede Zelle im Organismus uns apokryph bleibt, wie kann man eine Urzelle erdichten, von deren Beschaffenheit man nicht die entfernteste Vorstellung hat? Die ungeheure Sekundenschnelle des Lichts steht im sichtbaren Widerspruch zur unglaublichen Langsamkeit des Naturwerdens in Darwins Sinne. Was wird daraus in einer posterioren oder posthumen Ewigkeit? Wäre Unendlichkeit auch nur ein Werden, so schwebt Materie vollends in leerer Luft. Gibt es aber ein niegewordenes in sich beruhendes Sein, so kann Materie-Werden nicht auf lauter Zufallstreffern beruhen, sondern benützt Anpassung nur als Handwerksgerät für Gestaltung verwickelter Zwecke. Angebliche Mechanik zieht weitere Nützlichkeitskreise derart, daß ohne das Kamel der Austausch zwischen Asien und Afrika und hiermit alle Kultur des Morgenlandes unmöglich gewesen wäre. Man muß hart gesotten sein, um hier subtile Verknüpfung von Entstehung und Gebrauch bei psychischer Verwendung der Materiedinge zu verkennen. Die Dreistigkeit mechanistischer Erklärung so planmäßiger Vorgänge (ohne Goldmineral des Eldorado würden wir keine wirtschaftliche Neuzeit haben) wetteifert mit ihrer Abenteuerlichkeit.

Was an fossilen Dokumenten vorliegt, läßt zunächst nur mäßige Umwandlung innerhalb gleicher Art erkennen. Das Paläoterium ist einfach Ahne des Tapirs, Dinoterium des Elefants. Wenn der Mastodonsaurus auf Größe heutiger Molche einschrumpfte, so darf Abmagerung durch Nahrungsmangel oder klimatische Einflüsse wohl kaum als Evolutionsprodukt gelten! Größemaßstäbe sind ohnehin relativ und Herabsetzen von Kolossalformen zu immer kleineren bedeutet keine Anpassung oder natürliche Auslese, da hier Verbesserung nur fingiert wird. Solange die für ihre Ernährung nötigen Verhältnisse bestanden, waren jene ungeschlachten Ungeheuer genau so »geeignet«, »passend«, »tüchtig« (der englische Ausdruck fit meint allerlei zusammen) wie heutige Gebilde. Diese Arten sind eingegangen unter Druck äußerer Eingriffe mannigfacher Art. Die Naturlithographie (Abdruck auf Steinplatte im Meerschlamm) des Archäopterix zeigt eine Krokodilart mit Flügeln, und da noch heute in Südamerika ein winziger harmloser Ableger des apokryphen Flügeldrachens lebt, so betrachten wir die Möglichkeit geflügelter Reptile einfach als etwas den Insekten Analoges, die doch gewiß einen Wurmleib mit Flügelextremitäten darstellen. Daß die in Gesamtform und Wesen ganz davon abweichenden Vögel sich aus dem Reptil selbständig entwickelt hätten, ist eine um so kühnere Voraussetzung, als man schon in alten Schichten Vogel und Reptil als Zeitgenossen findet. Transformierung aller Materie unter Einwirkung kosmischer Elemente versteht sich von selber, dagegen bleibt fundamentale Änderung der Art nicht nur unkontrollierbar, sondern widerspricht der Idee einer Art. Wo man Aufstieg vom Niedern zum Höhern erträumt, werden schlichteste Transformierungsakte als tiefsinniges Gesetz ausgespielt. »Wie sich aus einem Römer ein Italiener, aus einem Liter Wasser unter Einfluß der Kälte Eis entwickelt« (Bölsche)? Taschenspielerei der Begriffsverwirrung. Eis ist keine Verbesserung des Wassers, der Italiener keine des Römers, aus dem er sich ja gar nicht anders transformierte als durch Totschlagen der meisten Lateiner und schon früh einsetzende Blutmischung anderer Rassen. So geht es in der Natur zu: Wenn die Mehrzahl einer Art gefressen und der Rest mit anderen begattet wird, entsteht etwas Neues, meist Schlechteres, wer wird dies Aufwärtsentwickeln der alten Art aus sich selber nennen! Zwangsweises Emporzüchten durch planvolle Naturgewalt? Was heißt Besseres! Der Renaissance galt die Antike dafür, das war so in politisch sozialer Organisierung, umgekehrt stand der Italiener damals hoch über dem Römer an feingeistiger Begabung, dafür verlor er alles, was einst Rom groß machte, und der Kunstüberschwang verschwand, je mehr das germanische Mischblut eintrocknete. Der Süditaliener, nachdem die günstige normännisch-sarazenische Befruchtung durch frivol sinnliche Franzosenherrschaft der Anjou unterdrückt, bleibt ein trauriges Zerrbild der Degenerierung, gemessen besonders an der alten Großgriechenkultur. Die Darwinisten sollten sich peinlich hüten, in ihre Hypothesen je etwas Kontrollierbares einzumischen wie Beziehung auf den historischen Menschen. Da kann man ihnen hohnvoll beipflichten: Ja, die Evolution gleicht der des Italieners aus dem Römer, d. h. sie entbehrt jeder Aufwärtstendenz.

Die sogenannten Übergangsformen, selbst wenn sie gefunden würden, hätten nur Bedeutung, wenn dabei innere Selbstentwicklung oder planvoller Aufbau transzendenter Naturweisheit vorläge, welch letzteres ein richtiggehender Materialist nicht zugeben darf. Die Transformierung beschränkt sich aber auf rein äußerliche Merkmale, wie die zoologische Einteilung in höhere und niedere Arten. Viele Vögel sind klüger als die meisten Säugetiere, Ameise und Biene klüger als alle Vögel außer dem Papagei, vom Verstand der Reptile wissen wir wenig, »klug wie die Schlangen« war irrig, doch sind sie für ihre Bedürfnisse nicht dümmer als ein Schimpanse. Man muß dies stets wiederholen, um dem Evolutionswahn die Spitze abzubrechen. Ähnlich muß man der Anpassung auf die Finger sehen. Daß die Farbe der Haut sich nach dem Milieu ändert, ist einfache Licht- und Luftwirkung, hier paßt sich nichts an, sondern wird von außen angepaßt. Laubfrosch und Heuschrecke erscheinen uns grün aus gleicher Lichtursache wie Blatt und Gras, Eisbär und Schneehase weiß wie der Schnee, in dem sie leben, Löwe und Kamel gelbbraun wie der Wüstensand. Dieser gleichmäßigen Färbung unter bestimmten Lichtkomplexen kommt nicht mal objektive Richtigkeit zu als bloßen Vorstellungen menschlichen Sehvermögens. Wenn Naturforscher davon ein Wesens machen, verleugnen sie das Abc der Wahrnehmungskunde. Hier lerne man, wie das Getöse des Darwinismus verwirrt, einschüchtert und wörtlich blendet, so daß man jede Vorsichtsmaßregel übersah. Denn die einzig richtige Folgerung ergibt, daß der Mensch selber seine subjektive Sehart in die Natur hineinpaßt und dies Schielen dann als objektiven Augenschein ausgibt. Farbenanpassungslehre hat überall Löcher, denn die mitten im Grün wachsenden Blumen spielen in allen möglichen Farben, nur keinen grünen, und die Giraffe hat ein rötliches Fell wie der Tiger, obschon sie nicht im Dschungel lebt. »Wer die Anpassung in ihren Ursachen erklären könnte, wäre mitten im Geheimnis der ganzen Entwicklung« (Bölsche)? Wer nicht mal nötige Ursachen für eine behauptete Tatsache kennt, sollte mit solcher Behauptung hintanhalten. Für so viele Zweckmäßigkeiten zur Lebenserhaltung kann man nur Weltfürsorge unbekannter Ökonomie ahnen, womit wir wieder bei der »Vorsehung« anlangen. Denn daß die Laubfrösche ursprünglich nicht alle grün, die Hasen nicht alle braun waren, sondern zufällig die grünen und braunen als passendste überlebten, ist reine Träumerei der Einbildungskraft, auf welche schwungvolle Eigenschaft die ganze Lehre sich aufbaut. Eine unbeweisbare Fiktion als Ursache einer schlichten Tatsache unterschieben und dabei vergessen, daß wir bei einer kleinen optischen Änderung die Hasen rot, die Laubfrösche blau sehen würden und wir schlechterdings nicht wissen, ob deren Tierfeinde sie braun und grün sehen! Wenn Tiere sich zuvorkommend dem Schein unserer Augen anpassen, wie vollbringen sie dies metaphysische Kunststück? Warum sie aus eigenem Antrieb sich diese Mühe geben, da nicht vom Menschen allein ihnen Gefahr droht? Die ganze Farbenmimikry, für die man nur beim Chamäleon irgendwelchen Anhalt hat, läuft auf anthropomorphische Einfalt hinaus, als ob unsere unbedeutende Wahrnehmung sich mit der Wirklichkeit deckte.

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