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Der Aufgang des Abendlandes

Karl Bleibtreu: Der Aufgang des Abendlandes - Kapitel 10
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authorKarl Bleibtreu
titleDer Aufgang des Abendlandes
publisherWilhelm Borngräber Verlag
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firstpub1925
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senderwww.gaga.net
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3. Der Evolutionswahn.

I

»Wisse, daß die Welt eine Kugel ist, ebenso sind alle Zustände im Kreislauf, so daß Ende des Einen mit Anfang des Andern zusammenhängt.« Tierkadaver werden Pflanzen, Pflanzen werden Tiere, auch Menschenleben ist ein kreisendes Rad. Die Mineralanfangstufe bilden Gips und Salz, ihre Endstufe die Morchel, ein Pflanzenmineral. Der Pflanzen Endstufe ist die Dattelpalme, eine hermaphroditische Tierpflanze, auch schmarotzende Orchideen haben schon das Tun einer Tierseele. Des Tieres Anfang ist die Rohrschnecke, die nur Tastsinn hat, als Endstufe kommt der Affe dem Menschen nahe »in der Form des Leibes, im Charakter dagegen das Araberpferd, in Einsicht der Elefant, in Begabung Papagei und Biene.« – So sieht der arabische Darwinismus im 10. Jahrhundert aus, wie der Orientalist Dieterici ihn 1875 geistreich schilderte. Also, was wahr und unbestritten, stufenweise Verbindung, ist uraltes Naturerkennen, wozu es nur für theologisch verderbte Europäer eines Darwin bedurfte. Nur daß die klugen Asiaten bei näherer beständiger Betrachtung auch anderen Tieren neben dem Affen die Übergangsstufe einräumten und des Affen körperliche Verwandtschaft für nichts Entscheidendes hielten. Ferner verkannten sie nicht die heute naiv geleugnete Ungleichheit der Menschenspezies selbst bei gleicher Rasse. Nur des Menschen Unterstufe hängt lose mit dem Tierreich zusammen, das sind »jene, die nur Sinnliches kennen, nur von leiblichen Gütern wissen. Sie begehren nur diese Welt, möchten ewig darin bleiben obwohl sie dies als unmöglich wissen. Ist auch ihre Gestalt die des Menschen, so handeln sie doch nur wie Tier- und Pflanzenwelt.« Die Oberstufe bilden solche, »die vom Schlaf der Torheit erweckt und zum wahren Leben erwacht sind, bei der Reinheit ihrer Substanz erfassen sie die von Materie reinen Formen.« Obschon sie dem Leibe nach mit den Menschen verkehren, gehören sie der Welt geistiger Wesen an«.

Dieterici, dem wir manche witzige Anregung verdanken und nachbilden, ahnte nicht, daß diese »arabische« nur Erbteil einer Urweisheit war. Ob wir mehr Planeten und Elemente kennen als die arabische Kosmogenie mit ihren 11 Sphären, erweitert unsere Vorstellung nur in die Breite, ohne irgendwie tiefer das Wesen zu berühren. Der Aberwitz, aufgestapeltes Wissen für Verbreiterung der Oberstufe zu halten, belehre sich durch historische Relativitätstheorie. Diese Oberschicht bildete allezeit seit Anbeginn eine nie vermehrte und nie verminderte Konstante. Hier fällt jede Auslegung einer Evolution dahin, während Stufenleiter der Materieorganismen eine Binsenwahrheit von ehrwürdigem Alter bedeutet. Das Gute Darwins ist alt, das Neue nicht gut, sobald sich der Materialismus seiner bemächtigt.

Pythagoras nannte zuerst die Welt einen Kosmos, d. h. Ordnung, daran ändert auch materialistisches Denken scheinbar nichts, setzt aber dabei ethische Disharmonie voraus, die jede Psycheausstrahlung zu täuschender Spielerei herabdrückt. Vielheit der Erscheinungen auf Einheit zurückzuführen ist kein Grundprinzip der Wissenschaft, wie ein Franzose irreführt, sondern des scharfen Denkens. Huldigt ihm der Materialismus, so verleugnet er sich selbst. Denn für exakte Beobachtung bedeutet Materie schlechtweg Vielheit, in ihr Einheit suchen ist jenseits jeder Wahrnehmung verborgene idealistische Synthese. Hier war Notdurft Vater des Gedankens: weil Viel- und Ungleichheit bestimmten materialistischen Prämissen widerspricht, mußte künstlich ein Monistisches Protoplasma durch Evolutionshypothese eingeschmuggelt werden. Buffon und Linné lehrten aber die im Typ festgelegte Beständigkeit der Art. Wohl bewegten diese Gründer von Zoologie und Botanik sich in mancherlei Irrtümern, wie später auch Cuvier, doch ihre Grundmeinung läßt sich nicht umstürzen, zumal jeder Experimentalbeweis für wirkliche Veränderlichkeit fehlt und Darwin nur Wahrscheinlichkeiten aufstellte, um welche man ein dogmatisches Glaubensgerüst herumbaute. Jene Alten meinten, die Affenzunge sei zum Sprechen wohlgeeignet (während Herder umgekehrt das Nichtsprechenkönnen anatomisch erklärte), es fehle nur der Geist dazu. Nun wissen wir heute, daß Sprachfähigkeit nicht auf der Zunge, sondern in Brocascher Hirnrindung liegt. Wäre die Zunge maßgebend, müßten alle Papageien reden, doch tun dies nur besondere Arten von besonderer Intelligenz. Der Affe aber hat wie jedes Tier Geist, d. h. Bewußtsein und vielleicht auch einen primitiven Sprachtorso, denn alle Lust- und Unlustlaute der Tiere sind Gehirnakte. Das ist gar nichts Besonderes, eine Katze besitzt ein ganzes Vokabularium von Tönen, die einen bestimmten Sinn haben. Wohl möglich, daß des Gorillas nächtliches Weltschmerzbrüllen ein Fluchen auf die degenerierte Menschenbande bedeutet, deren verbrecherische Raubgier von ihm abzustammen sich rühmt! Ihm, der sich redlich von süßen Früchten nährt und keinem Mitwesen etwas zu Leide tut trotz seiner 12-Männerstärke und Schnelligkeit, die ihm noch nie karnivorische Jagdlust erregte, in allem schon dem ältesten Menschen so unähnlich wie möglich! Trotz Nachäffung äußerer Bewegungen verstand ein Affe noch nie Worte nachzuahmen und deren Sinn sich anzueignen, denn hier handelt es sich einfach um die Gabe begrifflichen Denkens, die nur einigen allein redenden Papageien nicht versagt blieb und wozu vielleicht der Vogelgesang einen Übergang bildet. Daß wir vermittelst der Sprache denken (Mauthner), heißt umgekehrt, daß wir vermittelst des Denkens reden. Unsere Urahnen hatten wahrscheinlich schon früh eine bildliche Schriftsprache (Hieroglyphen, Runen, Tasmanische bunte Zeichen auf Borke), waren daher sicher eine vom heutigen Anthropoiden gänzlich verschiedene Art, die sich beständig erhielt. Evolutionsscherze von Klaatsch, wonach der geschwänzte Baumhocker durch Anstemmen seiner Hinterpfoten auf den Stamm sich zum Aufrechtgehen erzog, enden mit dem Kladderadatsch, daß der aufrechte Gang einfach durch Straffung der Rückenmarkganglien infolge vermehrter Hirn- und Schädelschwere entstand, das Hirn also immer den Entscheidungspunkt bildet. Da aber dessen Volumen allein nicht den Intellekt bedingt (ein Vogelköpfchen birgt sicher mehr Psychereize als der eines Nashorns), so besagt relative Hirnvermehrung beim Schimpanse gar nichts. Anatomisch verrät der äußerlich platt- und glattstirnige Pferdeschädel weit mehr Denkkraft, sobald man sein Inneres seziert, die Ameise bedarf nicht mal eines Hirns zur Gründung ihres Sozialstaats!

Der Stammbaum des gewöhnlichen Affen ist so lückenhaft wie der des Anthropoiden. Laut Evolution müßte der Mensch unbedingt zuletzt erschienen sein wie in der sumerischen (von den Assyrern übernommenen und von den Hebräern entlehnten) Genesis, in Wahrheit kannten ihn schon die alten Saurier lange ehe heutige Reptile herumkrochen. Ob und wann der Mensch sich von irgendwelcher Affenform oder der Uraffe sich als sodomitischer Bastard vom Menschen absonderte, steht im zerfetzten unleserlichen Codex der Natur, nicht in Schweinsleder gebunden wie ein Korpus Juris, nirgendwo zu lesen. Aus zusammenhanglosen vergilbten Blättern, deren Fetzen man zufällig fand, einen spannenden Detektivroman zu erdichten, heißt Wissenschaft!

In der Materie waltet ewiges tägliches Werden, aus Nichtsein erwächst zunächst nur Werden (Hegel). Nun bedingt sich aber Nichtsein nur durch den Begriff Sein, Sein wird ergänzt durch den Widerpart Nichtsein. Daher sind Sein an sich und Nichtsein an sich undenkbar, beide eins, man sollte vielmehr das Weltbild viel logischer in Sichtbar und Unsichtbar spalten. In der Unendlichkeit gibt es notwendig kein Nichtsein und ein Werden aus beständigem Sein ist nur vager Kausalbegriff. Das Unsichtbare kann sich mit gleicher Schnelligkeit in das in ihm schon enthaltene Sichtbare verwandeln wie bei einer elektrischen Licht-Geschäftsreklame, die eine Serie abblendet, um im selben Augenblick eine andere erscheinen zu lassen. So sehr sich Buddhas Beweisführung für Entstehen und Vergehen einschmeichelt, wird sie empirisch nur durch Umbildung und Erneuerung der Körperzellen belegt. Ständiges Werden des Sichtbaren tangiert nicht Beständigkeit des Unsichtbaren, Wechsel ist kein Nichtsein der Seinsidee. Darwin als Hegel der Zoologie konstruiert zuerst einen Grundbegriff Ein-Urform, von dem er die Dinge ableitet; wer aber lieber zuerst die Dinge untersucht, findet keine Logik in seiner Werdelehre, deren mechanistische Auslegung in einen Abgrund fällt, wo keine Seinergänzung mehr blüht, schattenhaftes Zufallsspiel ohne Gesetzmäßigkeit.

Zuchtwahl? In der Tierwelt schließt sich die Art viel strenger ab als unter Menschenrassen, hinter künstliche Paarung von Esel und Pferd setzt die Natur ihr Verbot durch Unfruchtbarkeit des Maultiers. Auslese? Jeder Organismus ist dem andern relativ ebenbürtig bis zum untersten Einzeller, Kristallisierung wirkt nicht mindere Wunder als der menschliche Körperbau. Wo aber wirklicher Wertunterschied besteht im einzigartigen Fall jener menschlichen geistigen Oberschicht, handelt es sich um rein psychischen Vorgang, bei dem nie Auslese stattfand. Denn die materielle Oberschicht des Ausbeuter- und Gewaltstaats gehört zum nämlichen Pöbel wie die unterjochten Vielzuvielen, doch allzeit wird ein ungefähr gleiches Quantum des Geistesadels als Körnchen Salz und Sauerteig in die Masse gemengt, ohne daß das Gebäck dieser Vielheit damit besser schmeckt. Zwei Symbolismen werden aufgepflanzt: Das unterste Insekt bezahlt Fortpflanzung mit sofortigem Tod, die höchste Lebeform Genie vererbt sich nie, meist fortpflanzungsunfähig, oder die Nachkommenschaft stirbt aus. Es soll keine wahre Auslese stattfinden, physische Zeugung ist zugleich Leben und Tod. Ehrenbergs mikrologische Studien fanden nirgends aufsteigenden Zusammenhang, obschon sich dies bei solchen Primitivformen viel leichter beobachten ließe als im Makrokosmos.

Im Darwinismus macht die Natur halsbrecherische Bocksprünge, begibt sich auf die schiefe Ebene des Giraffenrückens, trägt als dies hohe Geschlecht den Kopf allzuhoch, spekuliert aber auf Baisse, da man mit Bücklingen besser durchs Leben kommt und die Buckligen seit Aesop im Geruch boshafter Intelligenz stehen, und verleiht sich sogar zwei Buckel! Man muß wirklich ein Kamel sein, um dies Selbstbestimmungsrecht von Antilop-Giraffe-Kamel-Abwandlung gelten zu lassen, wo doch Selbstbestimmungsrecht der Völker nur ein trauriger Spaß! Der Darwinismus reitet aber nicht auf einem Kamel, sondern dem Flügelroß Pegasus, das er wahrscheinlich als fossile Urart des englischen Vollblut schätzt, sein Steepelchase setzt über Hindernisse weg, ohne das Endziel des Starts zu kennen. »Weisheit Gottes« klingt doch minder phrasenhaft als »Weisheit der Natur«, denn wenn sie Stoff ist, wie kann sie weise sein! Den Einzelorganismen aber die Eigenkraft zutrauen, ihre physische und psychische Struktur nach Milieubedürfnis zu ändern, eröffnet eine für Anthropoiden und Menschen beschämende Perspektive. Vom Erhabenen der sanften dummen Giraffe bis zum Lächerlichen des häßlichen höckerigen pflichttreuen klugen Kulturträgers Kamel ist also nur ein Schritt, wahrlich ein Riesenschritt mit Siebenmeilenstiefeln. Für den Affen wäre hochnötig, sich Krallen oder Waffen zu schaffen, um den Raubtieren ihre Vorliebe für Affenfleisch auszutreiben. Dem Menschen wäre Rettung vor vielem Ungemach, wenn er wenigstens seine Haut widerstandsfähiger gegen klimatische Einflüsse machen dürfte. Warum blieben denn bei beiden die mechanischen Notwirkungen aus, die dem Kamel Umsturz seiner Giraffenhaftigkeit verbürgten? Ob aber diese meisterhafte Einrichtung eines Wüstentrabers durch Vorsehungsschöpfung einer passenden Art oder evolutionäre Selbstzüchtung entstand, jedenfalls springt fürsorgliche Planmäßigkeit der »Natur« ins Auge. Darwinismus sollte das Kamel im Wappen führen, doch wenn er danach sich für Mechanismus zureiten läßt, dann ist er wirklich nach burschikosem Studentenausdruck ein Kamel.

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