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Der Atheismus und seine Geschichte im Abendlande. 1. Band

Fritz Mauthner: Der Atheismus und seine Geschichte im Abendlande. 1. Band - Kapitel 31
Quellenangabe
authorFritz Mauthner
titleDer Atheismus und seine Geschichte im Abendlande. 1. Band
publisherDeutsche Verlags-Ansta
year1922
firstpub1920
correctorreuters@abc.de
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Achtzehnter Abschnitt
Die Reformation in Italien

Wir werden uns also im folgenden Buche mit den schöpferischen Wirkungen des Rinascimento, mit der Wiederentdeckung der Natur und mit der Wiederentdeckung des Menschen, mit dem Übergreifen der humanistischen Bewegung auf die »barbarischen« Völker zu beschäftigen haben, auf Frankreich und England. Hier, wo wir so lange bei den kleinen theologischen Befreiungen stehen bleiben mußten, müssen wir es uns noch einmal klar machen, daß auch die sogenannte Reformation selbst in Italien einen anderen, einen tieferen Zug hatte als nachher (und vorher) in Deutschland, in der Schweiz und in Frankreich. Man war nicht mehr fromm in Italien. Dazu kam, daß in Italien ein Beweggrund fortfiel, der den Kampf Luthers gegen die »Mißbräuche« der römischen Kirche zu einer Lebensfrage und dadurch volkstümlich machte: die Sorge um die Verelendung des Landes durch die Aussaugung. Die ungeheuren Summen, die in Deutschland durch den Ablaßhandel, die Annaten, die Palliumgelder usw. erpreßt wurden und außer Landes gingen, wurden in Italien ausgegeben, gewiß nicht für die Armen Italiens, sondern für Nepoten und die Prachtbauten der Päpste, aber am Ende kamen sie doch den Italienern zugute. Um Abstellung dieser »Mißbräuche« konnte es also den Italienern nicht zu tun sein. Zu diesem niedrigen Motive, eine Reformation der Kirche nicht zu wünschen, kam nun ein ganz ideales Interesse an dem Papsttum, wie es einmal geworden war: das Rinascimento hatte den römischen Patriotismus, der niemals völlig erloschen war, zu neuem Leben erweckt, und viele Italiener sahen im Papste, wie er geworden war – weltlich, lasterhaft, macht- und geldgierig – doch den Vertreter der alten römischen Herrlichkeit. So entwickelte sich bei dem aufgeklärten Mittelstande, und in viel stärkerem Maße bei den gelehrten Führern der humanistischen Bewegung, eine Gesinnung, die äußerste Skepsis gegen die Glaubenslehren mit einer lachenden Duldung der priesterlichen Liederlichkeit verband. Gregor von Heimburg, Hutten und Luther ergrimmten über das Treiben der römischen Geistlichen, die Italiener lachten darüber; dieses Gelächter, das wir schon aus den Novellen des Boccaccio und endlich viel feiner und boshafter von den Figuren der Mandragola des Machiavelli vernehmen, ist freier und schöner als der Zorn der Deutschen. Mit Gelächter stiftet man aber keine neue Religion. Und wie die gebildeten Stände mit dem Zustande der Kirche eigentlich ganz zufrieden waren, solange sie in ihrem Unglauben und in ihren Geschäften unbehelligt blieben, so hatte das wie überall abergläubische Volk erst recht keine Ursache, eine Reform der Kirche, ihres Hauptes und ihrer Glieder, herbeizusehnen.

 

Savonarola

Ein entsetzliches Beispiel der Stimmung des Volkes (nicht allein des Pöbels) bietet der Ausgang des Schwärmers Girolamo Savonarola (geb. 1452, gest. 1498). Er hatte die Gottlosigkeit seiner Zeitgenossen gut erkannt, die nur darüber uneinig waren, ob Gott schlafe oder gar nicht existiere ( chi Te nega, chi dice che Tu sogni); er war kein praktischer, d. h. schlauer Politiker wie Luther, aber eine noch leidenschaftlichere Natur. Der Verweltlichung der Kirche wollte er ein Ende machen, überdies auch der Tyrannei des Hauses der Medici, das mit seinen Luxusbedürfnissen das Volk wie die Kirche tiefer und tiefer sinken ließ. Savonarola hatte mit seinen prachtvollen, fast ungelehrten Predigten einen unerhörten Erfolg; ganz Florenz huldigte ihm wie einem Heiligen und Retter, und Rückführung der Kirche zur apostolischen Einfalt und Einfachheit schien bevorzustehen. Aber das Volk verließ seinen Heiligen und Retter, als die römische Kurie es mit gewohnter Geschicklichkeit aufgewiegelt hatte; Savonarola zögerte, mit seiner Person die Feuerprobe zu bestehen, d. h. sein Recht durch ein Ordal zu erweisen. Das Volk wollte auf ein so erlesenes Schauspiel nicht verzichten; es gab ihn preis, ließ ihn vom päpstlichen Legaten in grauenhafter Weise foltern und dann mit zwei Genossen an den Galgen hängen. (Erst nachher wurde seine Leiche verbrannt und seine Asche in den Arno gestreut.) Die öffentliche Hinrichtung war dem Volke ein Ersatz für die entgangene öffentliche Feuerprobe.

 

Guicciardini

Ein stilleres Beispiel für die Stimmung der gelehrten Humanisten gibt ein Wort des Historikers und Politikers Guicciardini. Er sagt in seinen Ricordi (erst 1857 herausgegeben): »Ich glaube kaum, daß irgendwer größeres Mißfallen haben kann als ich an dem Ehrgeiz, der Habsucht und dem unsittlichen Leben der Priester; an sich schon ist jeder dieser Fehler zu hassen, aber noch weniger dürfen sie vorkommen bei denen, die sich anstellen, als hätten sie unmittelbare Beziehungen zu Gott. Doch meine amtliche Stellung zu mehreren Päpsten und mein Interesse läßt mich an deren Größe hängen; sonst hätte ich Luther mehr als mich selbst geliebt und wäre glücklich gewesen, wäre diese Bande von Schelmen gezwungen worden, sich entweder zu bessern oder ihrem Amte zu entsagen.«

Die Seelensituation bei den Italienern war eben die, daß das Volk an den Äußerlichkeiten der Religion nur noch fanatischer hing als anderswo, daß dagegen die gelehrte Oberschicht mit den Glaubenssätzen und den Geheimnissen der Kirche fertig zu werden anfing, ganz fertig, und für Abschaffung einiger »Mißbräuche« keine zwingenden Geldgründe, für Ketzerei nicht Religion genug, für Rückkehr zu einem Urchristentum keine Neigung hatte. Die Geistigen waren bereit, vergnügt zuzuschauen, wenn Leo X. ein lustiges Papstwesen einrichtete. Im Unglauben waren die Kirchenfürsten und die Humanisten einig. Wir wüßten das noch viel sicherer, als wir es aus den Komödien erfahren, die am päpstlichen Hofe gespielt wurden, wenn wir über vier Jahrhunderte hinweg die Gespräche zwischen Kardinälen, Künstlern und »Poeten« belauschen könnten. Gobineau hat solche Gespräche (in seinem historisch guten, künstlerisch ungenügenden Renaissancebuche) recht lesbar hergestellt.

Naturgemäß ertönten die Rufe nach einer Wiederherstellung des ursprünglichen Christentums, nach einer Erneuerung oder Umbildung der Kirche – um den technischen Ausdruck Reformation hier zu vermeiden – früher in Italien selbst als in Deutschland oder anderswo; in der Nähe Roms sah man die Verweltlichung des Geistigen deutlicher. Daß es in Italien dennoch vor und nach der lutherischen Bewegung niemals zu einem Erfolge der Kirchenverbesserung kam, das lag sicherlich an vielen äußeren Umständen, wie an der lokalen Macht des Papsttums, das lag aber ebenso gewiß auch daran: wer in Italien erst von der Kirche abgefallen war, der neigte eher zu völligem Unglauben als zu inbrünstiger Ketzerei. Weltliche und kirchliche Fürsten waren den Gelehrten im Unglauben vorangegangen.

Die eigentliche Reformation hatte in Italien nur eine kurze und traurige Geschichte. Jede Regung eines Widerspruchs gegen Rom war zur Zeit des Tridentinischen Konzils so gut wie niedergeschlagen. Auch vorher schon konnte man die italienischen Protestanten beinahe zählen. Dennoch hat diese Bewegung, die kirchlich nicht einmal zum Entstehen einer neuen Sekte führte, eine Bedeutung für die Geschichte der Gottlosigkeit, eine doppelte Bedeutung: die italienischen Reformatoren bildeten einen der Übergänge zu der verworrenen und oft abergläubischen, aber dennoch starkgeistigen Aufklärung der italienischen Spätrenaissance (Campanella, Cardano, Bruno), sie bildeten aber auch die Grundlage des Socinianismus, dessen entscheidende Wichtigkeit für die Entwicklung des späteren Deismus und Atheismus wir bald kennen lernen werden.

 

Italienische Flüchtlinge

Zunächst müssen wir uns mit den Männern (und Frauen) beschäftigen, die aus Italien um der Glaubensfreiheit willen in die Fremde entflohen. Erst eine päpstliche Bulle von 1596 versuchte es, die Auswanderung italienischer Ketzer unmöglich zu machen, unter dem Vorwande, treu gebliebene Katholiken vor den Gefahren des Auslandes zu schützen. Ein Italiener, welchen Standes immer, sollte in einer Gegend nicht wohnen dürfen, wo es keine katholische Kirche gab und keine Gelegenheit, die katholische Messe zu hören; bei Androhung der Inquisition; auch Kaufleute werden ausdrücklich vor einem Aufenthalte im ketzerischen Auslande gewarnt.

 

Aconzio

Dieser Zuzug ketzerischer Emigranten hatte sich seit den Erfolgen der Reformation begreiflicherweise zumeist nach der nahen Schweiz gerichtet, wo neben den katholisch gebliebenen Urkantonen und einigen gemischten Landschaften just die reichsten Städte protestantisch geworden waren: Bern, Zürich, Basel, Schaffhausen, Neufchâtel und Genf. Hier fanden viele Italiener eine Zuflucht und durften besondere Kirchen gründen. Straßburg wurde, seitdem es (1529) von der römischen Kirche abgefallen war, wie eine der Städte der Schweiz betrachtet. Im Tessin und in Graubünden fühlten sich die italienischen Flüchtlinge ganz wie zu Hause, weil sie eine verwandte Sprache und ein südliches Klima vorfanden. Von der Schweiz aus schickten italienische Ketzer (Juristen, Ärzte und Theologen) Schriften in die Welt hinaus, die bei Luther, Zwingli und Calvin nicht stehen blieben und unter dem Namen einer gegenseitigen Toleranz doch schon den Indifferentismus lehrten, von welchem die Reformatoren wahrlich weit entfernt waren. Besondere Erwähnung verdient ein der »göttlichen« Königin von England, der höchst unduldsamen Elisabeth, gewidmetes Buch »Listen des Teufels in Sachen der Religion« (1565, » Stratagemmi di Satana in fatto di religione«), das seinem Verfasser, dem Juristen Aconzio aus Trient, einen großen Ruf verschaffte und vielfach übersetzt wurde.

 

Genf

Eine besondere Anziehungskraft auf die italienischen Flüchtlinge übte Genf aus, vielleicht darum, weil dort zugleich mit der angeblichen religiösen Freiheit (in Wahrheit siegte ein verfolgungssüchtiger Calvinismus) die politische Freiheit erkämpft worden war; mit Hilfe von Bern war (1635) der Angriff des Herzogs von Savoyen zurückgeschlagen worden, der den Krieg für den katholischen Bischof zu führen vorgab. Die Reformierten waren unter der Führung Calvins womöglich noch härter gegen die Katholiken als die römischen Päpste gegen die Ketzer; die furchtbare Hinrichtung Servets war kein Ausnahmefall; wer nur verbotene Schriften las, ja, wer nur als Arbeiter seinen Brotherrn zum Teufel wünschte, wurde unmenschlich bestraft. So ist es kein Wunder, daß die Italiener, die sich von der vermeintlichen evangelischen Freiheit hatten nach Genf locken lassen, dort vom Regen in die Traufe gekommen zu sein glaubten und so schnell wie möglich weiter flüchteten. Gregorio Leti, der im 17. Jahrhundert eine Geschichte Genfs geschrieben hat, macht über diese Zustände eine sehr beachtenswerte Bemerkung: wie die Katholiken von Rom, so würden die Protestanten von Genf angewidert; es wäre vorbei mit der Religion und die Hälfte der Menschen wäre atheistisch. Er hatte nicht unrecht, wenn er da an die italienischen Emigranten dachte.

Die Kunde von Luthers Auftreten kam nach Italien durch deutsche Kaufleute, über Venedig. Gottes Wort nimmt menschliche Wege. So gelangte die Einwirkung der deutschen Reformation bald auch nach Spanien, durch den Verkehr, den die Personalunion zwischen Deutschland und Spanien zur Folge hatte; ich bringe also keine Unordnung in meine Darstellung, wenn ich unter den romanischen Lutheranern gleich an erster Stelle die spanischen Brüder Valdés stelle. Die Reformation in Spanien hatte zu wenige Vertreter, um einen besonderen Abschnitt zu fordern.

 

Juan und Alfonso Valdés

Die Zwillingsbrüder Juan und Alfonso de Valdés (geb. zu Ende des 15. Jahrhunderts, Juan gest. 1541, Alfonso 1532), die zufällig fast den gleichen Namen tragen wie der Stifter der unglücklichen Waldenser, waren Spanier, aber unter dem Kaiser Karl V. auch in Deutschland und zumeist in Italien tätig. Alfonso hat als einer der ersten die Kraft Luthers begriffen; nach der Einnahme von Rom (1527) hat er als kaiserlicher Offiziosus gegen den Papst und seinen Kirchenstaat geschrieben, sich über manche Reliquien lustig gemacht und den Kaiser geradezu aufgefordert, die von Jesus Christus gegründete Kirche zu restaurieren. Bald darauf gab Juan eine noch schärfere Streitschrift heraus, ein Gespräch zwischen Merkur und Charon. Die herrschende Kirche wird geradezu verhöhnt; Merkur würde sich für beschimpft halten, wenn so verkommene Leute wie die gegenwärtigen Christianer sich nach ihm Merkurianer nennen wollten; gewaltsame Bekehrungen werden getadelt. Trotzdem blieb Alfonso ein Vertrauensmann des Kaisers, war in seiner Umgebung bei der Krönung zu Bologna, wie einst bei der Krönung zu Aachen, und scheint als diplomatischer Vermittler benützt worden zu sein. In dieser Eigenschaft mußte er sich gelegentlich gegen Luther erklären; seine wahre, unkirchliche, vielleicht frivole Gesinnung äußerte sich darin, daß er ein leidenschaftlicher Verehrer des Erasmus war. Er starb sehr jung in Wien. Gerade um die Zeit, als Alfonso starb, kam Juan nach Italien und trat, wohl wieder als Vertrauensmann des Kaisers, in die Dienste des Papstes.

Die Verfolgung der italienischen Protestanten begann nach der Aussöhnung zwischen Kaiser und Papst, doch nicht gleich mit voller Wucht. Noch durfte Juan und seine schöne Freundin Giulia Gonzaga die ketzerischen Predigten des Ochino anhören, noch durfte Juan das Neue Testament ins Spanische übersetzen, noch durfte er – das Konzil, von dem man ja eine Reform erwartete, stand bevor – das Evangelium für die einzige Autorität aller Christen erklären. Die anderen lutherisch oder vielmehr erasmisch gesinnten Italiener schlossen sich an Juan de Valdés an: Vermiglio aus Florenz, der Dichter Flaminio aus Imola, der päpstliche Protonotar Carnesecchi und vor allen der berühmte Prediger Ochino aus Siena. Juan de Valdés starb gerade zur rechten Zeit, um die Gewaltakte der römischen Inquisition und dann den Beginn des Tridentinischen Konzils nicht mehr zu erleben. Seine Freunde mußten aus Italien fliehen, einzelne starben den Märtyrertod. Besonders heftig war die Verfolgung in Neapel, wo zahlreiche Lehrer hingerichtet wurden und ein Adeliger sich unter Todesdrohungen zum Widerruf verstehen mußte. Carnesecchi (1508-1566) wurde in Rom enthauptet. Giulia Gonzaga (1513-1566), die mit allen diesen italienischen Protestanten und mit Vittoria Colonna übereinstimmte, wurde vielleicht durch ihren Tod noch sicherer als durch ihre hohe Stellung vor dem Scheiterhaufen bewahrt; wenigstens soll Pius V. gerufen haben, er hätte sie lebendig verbrennen lassen, wenn er ihren Briefwechsel mit Carnesecchi rechtzeitig kennen gelernt hätte.

 

Vermiglio

Gelehrter als die Brüder Valdés war ihr Gesinnungsgenosse Pietro Martire Vermiglio (geb. 1500, gest. 1562) aus Florenz, der noch in jungen Jahren Augustinerprior in Neapel wurde. Er hatte das Alte und das Neue Testament in den Ursprachen studiert. Nachdem er sich 1542, unter dem Einflüsse Ochinos zum Evangelium, zuerst einfach und würdig, bekannt hatte, entzog er sich der Verfolgung durch die Flucht. Er lehrte einige Jahre in Straßburg, dann, auf Einladung Cranmers, in Oxford; im anglikanischen Glaubensbekenntnisse wirkt er heute noch nach. Als er in England durch die blutige Maria, in Straßburg durch die Engherzigkeit der dortigen Protestanten unmöglich geworden war, zog er sich nach Zürich zurück und hoffte dort in Verbindung mit Ochino eine ungestörte Lehrtätigkeit ausüben zu können. Es gab aber auch da Zank und Streit genug. Er aber war ruhebedürftig geworden; nach England wagte er auch unter Elisabeth nicht zurückzukehren. Noch stellte er sich eine große Aufgabe des Friedens: in Frankreich eine Versöhnung zwischen Katholiken und Hugenotten herzustellen. Offiziell durch sogenannte Religionsgespräche, heimlich durch Einwirkung auf Katharina von Medici und auf den König von Navarra. Es gelang nicht. Man gewinnt den Eindruck, daß weder Katharina noch Vermiglio ehrlich bei ihren Verhandlungen sich von Glaubensfragen bestimmen ließen. Er starb an einer Seuche.

 

Vergerio

Nicht so entschieden auf seiten des Evangeliums stand Pietro Paolo Vergerio (1497-1564). Die Katholiken verfolgten ihn mit ihrem Hasse bis über den Tod hinaus, kein Wunder, daß sie es einem Bischof, einem päpstlichen Nuntius nicht verzeihen konnten, mit Preisgabe seiner Stellung abtrünnig geworden zu sein. Die Protestanten, denen seine politische Vielgeschäftigkeit unbequem wurde, rügten boshaft seine Eitelkeit und seine Rachsucht, als ob die deutschen Reformatoren nicht auch Menschen gewesen wären.

Es hatte nicht ausbleiben können, daß auch Mitglieder der Kurie selbst sich von den Ideen der Reformation angezogen fühlten; wir wissen ja, daß der Ruf nach einer Reform der Kirche, an Haupt und Gliedern, lange vor Luther ein beliebtes Schlagwort war, überall, natürlich erst recht bei den besten Männern des römischen Hofes. Selbstverständlich verstummte hier der Ruf, nachdem aus einer Reform die Reformation und Luther zu einem Führer gegen die Hierarchie geworden war. Ein Kirchenfürst, der sich jetzt noch oder gar zur Zeit des Tridentinums für Luther erklärte, konnte nur noch für einen Todfeind der katholischen Kirche gelten. Dies war eben der Fall bei dem Bischof von Capodistria, dem vielgenannten Pietro Paolo Vergerio (die Familie hieß eigentlich Verzerio, der Name – von verza, Kohl – klang offenbar nicht vornehm genug), der jedenfalls nicht zu den ehrlichen Freunden des Evangeliums gehörte. Wir hören von ihm zum ersten Male in Verbindung mit dem Baron von Schenk, der für den noch altgläubigen Kurfürsten Friedrich den Weisen in Italien Reliquien sammelte. Vergerio sollte überredet werden, in irgendeinem Hofdienst nach Deutschland zu kommen. Die Sache zerschlug sich; aber ein Dutzend Jahre später fuhr Vergerio dennoch über die Alpen, ein Bischof, ein Vertrauensmann des Papstes, als Nuntius beim Könige Ferdinand, mit dem Auftrage, jeden Kampf gegen die mächtig gewordene Reformation zu unterstützen. Das war im Jahre 1533. Auf einer Reise nach Berlin hatte der Nuntius eine Unterredung mit Luther selbst, über welche wir allerlei Berichte besitzen. Einmal wird die Begegnung so erzählt, als ob Luther ein altrömischer Rhetor gewesen wäre, feierlich und dumm; ein andermal sagt Luther unmittelbar vor dem Gespräch zu seinem Barbier: »Rasiere mich gut, damit der Nuntius mich für jünger hält als ich bin und mir noch eine lange Kampfzeit zutraut.« Am lesenswertesten ist ein Brief, in welchem Vergerio selbst (am 12. November 1535) nach Rom Bericht erstattet. Die Wiedergabe des Gesprächs ist offenbar wahrheitsgetreu; uns interessiert aber hier nur der Ton, in welchem der spätere Ketzer seinen Abscheu vor dem »Ungeheuer« Luther kundgibt. Kein Klatsch, keine Legendenbildung wird verschmäht, um in Rom gegen den elenden Bruder Martin zu hetzen, den vom Teufel besessenen Trunkenbold.

Wieder fünf Jahre später erscheint Vergerio auf dem Religionsgespräch von Worms, abermals im Dienste des Papstes. Doch lauter regt sich der Verdacht gegen seine Rechtgläubigkeit; man weiß, daß er mit deutschen und französischen Erzketzern Verbindungen angeknüpft hat, mit Melanchthon und mit der Königin von Navarra; daß er die Freundschaft des berüchtigten Aretino sucht, würde ihm weniger schaden, denn das haben auch Kaiser und Päpste getan. Doch seit 1545 droht ihm ein Prozeß. Hat er seiner Bosheit die Zügel schießen lassen, weil er seinen Ehrgeiz auf dem Tridentinum nicht befriedigen konnte? Oder wurde der Bischof von Capodistria von der Teilnahme am Konzil ausgeschlossen, weil er damals schon nicht strenggläubig war? Sicher ist, daß er sich über die Legenden vom heiligen Georg und vom heiligen Christophorus lustig gemacht hatte, über die Fioretti des Franziskus und über das Wunderbuch Mariens. Er verkehrte sehr viel mit dem schlimmen Ketzer Spiera und begann Ansichten zu äußern, die sowohl in Rom als in Wittenberg Blasphemien waren. Er nannte sich einmal einen Gottesfeind. Es sei fürchterlich, in die Hände des »barmherzigen« Gottes zu fallen. Vergerio war jedoch kein Eigener, kein Führer; er brauchte immer eine Bewegung, der er sich anschloß, wenn er sie für zukunftsreich hielt.

Vergerio war ein Abtrünniger, an dem auch seine neuen Genossen keine Freude hatten; er machte sich über die römische »Idolatrie« lustig, über die Messe und über den Madonnenkultus, aber so, daß eben auch die Protestanten an seinen Spöttereien Anstoß nahmen; er nannte wohl das Papsttum eine Erfindung des Teufels, die Bischöfe »ein Stück Fleisch mit einer Mitra obenauf«, aber man gewann den Eindruck, daß er weder an Gott noch den Teufel glaubte. Er scheint eine Vorstellung davon gehabt zu haben, daß die Italiener in Religionsfragen weiter waren als die gutgläubigen Deutschen, die immer noch in ihren theologischen Streitigkeiten steckten. Er war nicht bibelgläubig wie diese Deutschen.

Vergerio, in Capodistria geboren, ursprünglich Jurist, war nach dem frühen Tode seiner Frau in den geistlichen Stand getreten und hätte mit seinen Erfolgen zufrieden sein können, wenn er nur ehrgeizig gewesen wäre. Wegen seiner Gesinnung soll ihm die Teilnahme am Tridentinum verwehrt worden sein. Eine vorurteilslose Betrachtung darf nicht zögern anzuerkennen, daß sein Zorn darüber mitsprach, als er es bald darauf zum offenen Bruche mit Rom kommen ließ; was nicht ausschließt, daß sein Erlebnis am Krankenlager Spieras ihn innerlich ganz befreite; in seiner Lebensgeschichte Spieras begnügt er sich nicht mehr mit der Forderung einer Abschaffung der Mißbräuche, sondern wendet sich bereits dogmatisch gegen das Papsttum. Zweimal wurde er angeklagt, in Venedig; da er jedoch vor das Forum der Kurie in Rom gebracht werden sollte und seinen Tod vor Augen sah, floh er aus Italien und setzte seine Polemik gegen den Papst überall fort, wo sein unstetes Flüchtlingsleben ihn hinführte: in der Schweiz (seit 1549) besonders in Poschiavo, dann in Tübingen (seit 1553), endlich in Polen (seit 1556). Er stand in Verbindung mit Kaiser Maximilian II. und mit Elisabeth von England, hätte seine Händchen gern in alle Intrigen gesteckt, mit denen protestantische und protestantenfreundliche Fürsten ihre kläglichen Ziele verfolgten, erwarb sich aber jedenfalls Verdienste um die Ausbreitung des Evangeliums im Osten; er förderte das Zustandekommen einer südslawischen Bibelübersetzung und war einer von den Italienern, die dem Protestantismus in Polen beinahe zum Siege verhalfen; mit unermüdlicher Streitlust schrieb er dort gegen den päpstlichen Nuntius Lipomano und gegen den noch gefährlicheren Hosius, den Bischof von Ermland. Der Bischof Vergerio soll, 59 Jahre alt, noch an eine zweite Heirat gedacht haben: es ist nicht bekannt, ob sie zustande kam. Er starb 1565 in Tübingen.

 

Spiera

Francesco Spiera (geb. 1502, gest. 1548), von dem soeben mehrfach die Rede war als von einem Freien und dem dieser Vergerio ein biographisches Denkmal gesetzt hat, war kein Geistlicher; ein einfacher Rechtsanwalt in Cittadella (bei Venedig), der den erpreßten Widerruf nicht ertragen konnte und darüber zugrunde ging. Er hatte, schwach um seiner Familie willen, im Sommer 1548 öffentlich, in Venedig und in Cittadella, die Reformation verleugnet; dann war Scham und Reue über ihn gekommen, in furchtbarer Weise. Er starb wenige Wochen nach seinem Widerruf, in Wahnsinn, durch Selbstmord, man weiß es nicht. Calvin, hart und unduldsam wie immer, warf dem Unglücklichen Flüche ins Grab nach.

 

Paleario

Zu den italienischen Opfern der Gegenreformation gehörte auch Antonio Paleario (geb. um 1500 bei Rom, gest. 1570), dessen Name übrigens ein Beispiel dafür ist, daß die Latinisierung nicht erst in Deutschland zu einer lächerlichen Mode wurde; er hieß eigentlich della Paglia. Er gehörte zu dem Kreise der Humanisten, die von der Eitelkeit des Papstes Leo X. gefördert wurden, solange die Kirche den Zusammenhang zwischen Humanismus und Reformation nicht begriff. In jüngeren Jahren schrieb er ein ziemlich orthodoxes Lehrgedicht über die Unsterblichkeit der Seele; es wurde 1536 gedruckt und dem Bischof Vergerio gewidmet. Unmittelbar nach Einführung der Inquisition in Rom wurde gegen ihn (1542) ein Ketzerprozeß angestrengt, wegen einer Schrift über das zureichende Leiden Christi, trotz des Schutzes, den ihm der Kardinal Sadoleto gewähren wollte. In seiner Verteidigungsrede verleugnete er sein Bekenntnis zu Erasmus und den deutschen Reformatoren nicht und fand in ihnen manche Übereinstimmung mit anerkannten Kirchenvätern; er fürchte den Henkertod nicht, ein guter Christ könne in solcher Zeit nicht in seinem Bette sterben. In die Zeit vor diesem Prozesse fällt noch seine Anklageschrift gegen das Papsttum, sowohl gegen die Herrschsucht der Geistlichkeit als gegen einzelne Dogmen; doch war diese verwegene »Anklage der römischen Bischöfe und ihrer Anhänger« vorläufig ungedruckt und der Inquisition unbekannt geblieben. Paleario wurde freigesprochen und erhielt eine Professur in Lucca (1546). Im Jahre 1559 wurde er abermals angeklagt, jetzt in Mailand, und abermals freigesprochen. Erst unter Pius V. ging die Inquisition rücksichtslos vor; Paleario wurde 1567 zum dritten Male angeklagt (einer der Vorwürfe ging dahin, daß er die Bestattung der Toten in den Kirchen getadelt hatte), trotz Alter und Krankheit nach Rom überführt und mit seelischen Martern zu einer Abschwörung gezwungen, insbesondere sogar zu der Anerkennung des Satzes, daß ein Papst auch im Stande der Todsünde der unbedingte Herr der Kirche sei. Diesen erpreßten Widerruf scheint er nachher tapfer zurückgenommen zu haben und als ein rückfälliger Ketzer mit einer Freudigkeit, die an das Ende des Sokrates erinnert, in den Tod gegangen zu sein.

 

Curione

Als ein rechtgläubiger Protestant erscheint in seinen Schriften und in seinen abenteuerlichen Erlebnissen Celio Secundo Curione, 1503 bei Turin geboren, 1570 in Basel gestorben. Die Schriften Luthers, Zwinglis, Melanchthons, aber auch die Spöttereien des Erasmus befreiten ihn; er soll in einem Kloster die Bibel an die Stelle einer Reliquie gelegt haben. Eine ähnliche Keckheit brachte ihn in die Gefangenschaft der Inquisition von Turin; die Flucht gelang, romanhaft genug. In einer Kirche gab er begreiflichen Anstoß, da er den Prediger, der Luther in hergebrachter Weise beschimpfte, mit den Worten unterbrach: »Ihr lügt!« Er wurde eingekerkert und mußte irgendeine furchtbare Strafe erwarten. Diese abenteuerliche Flucht hat Curione selbst mit einigem Humor und mit noch mehr Ironie gegen die angebliche göttliche Hilfe bei dieser Flucht erzählt: wie er den Kerkermeister betrog, wie er sich zunächst das eine Bein von den Ketten befreien ließ, dann aber für die neue Fesselung eine ausgestopfte Hose bereit hielt, endlich nach einem Gelübde, durch welches er Gottes Vorsehung foppte, über die Mauer des Gefängnishofes entkam. »So war die Zauberei beschaffen, durch welche ich mich rettete, wenn nicht etwa Christus mich gerettet hat.« Er entkam nach Venedig, sodann an den Hof der Herzogin Renata, endlich nach der Schweiz. Er hielt sich dann in Venedig, dem Veltlin und Lausanne auf, gab eigene Pasquille gegen das Papsttum und Übersetzungen Huttenscher Gespräche heraus; irgendeine schwere sittliche Verfehlung wurde ihm nachgesagt, – wie fast allen italienischen Humanisten. Er hatte rege Beziehungen zu dem mächtigen Calvin; aber es kann nicht zweifelhaft sein, daß Curione eigentlich – mit dem Verstande oder mit dem Herzen – auf seiten der freieren Geister stand, wie er denn vielfach beschuldigt wurde, den Indifferentisten, den Antitrinitariern oder gar den Täufern zuzuneigen. Er war – ohne seinen Namen zu nennen – an einem Proteste beteiligt, der die Todesstrafe gegen die Ketzer verwarf, und an einer Schrift gegen die Hinrichtung Servets.

Sein Flüchtlingsleben brachte ihn (nach 1530) auch nach Piemont. Dort schloß er Freundschaft mit Fulvio Pellegrini, genannt Moretto oder Morato, dem Vater der merkwürdigen Frau, die unter dem Namen Morata immer gerühmt wird, wenn von den italienischen Protestanten die Rede ist.

 

Olimpia Morata

Die Tochter dieses Humanisten Pellegrini, Olimpia Morata (geb. 1526, gest. 1555), erregte schon in ihrem 16. Jahre ein lokales Aufsehen, da sie – am Hofe von Ferrara, wo ihr Vater Prinzenerzieher war – eine lateinische Arbeit vorlas. Sie wurde dafür so ungefähr ein Hoffräulein oder eine Spielgefährtin der Prinzessin Anna von Este. Nach dem Tode ihres Vaters fiel sie in Ungnade, man weiß nicht recht warum. Wahrscheinlich gehörte ihre Austreibung mit zu den vielen Maßregeln, die vom Herzoge von Ferrara gegen seine Frau, die protestantische Renée de France, verübt wurden. Auch sie fand eine Zuflucht in Deutschland, aber sie kam natürlich nicht wie andere italienische Lutheraner und Calvinisten über die Alpen, um in der protestantischen Bewegung eine Pfründe zu erlangen, sondern als Gattin eines deutschen Arztes, Grünthler aus Schweinfurt, der in Italien studiert und Olimpia 1550 geheiratet hatte. Nach kurzem Aufenthalte in Augsburg ließ das junge Paar sich in der Heimat des Mannes nieder.

Grünthler ging seinem Berufe nach, Olimpia widmete sich – in Briefen und Übersetzungen – einem idealen, weltfremden Humanismus; feuerte aber ihre Landsleute an, die Schriften Luthers zur Verbreitung der »Wahrheit« ins Italienische zu übersetzen.

Da brachen die Stürme über sie herein, die durch die hinterhältige Politik des Kaisers Deutschland schon lange bedrohten. Albrecht von Brandenburg warf sich auf eigene Faust in die Stadt Schweinfurt, um von da aus die Bistümer Bamberg und Würzburg zu erobern. Schweinfurt wird von den Bischöfen belagert (1553); sie ziehen nach Monaten, in denen Pest und Hungersnot ihnen vorarbeiten, in die Stadt ein, ihre Soldaten morden und plündern. Von allem entblößt, wird die Familie Grünthler gefangen, endlich freigelassen und gerettet. Ein Graf von Erbach nimmt sie freundlich auf und geleitet sie nach Heidelberg, wo Dr. Grünthler eine Professur erhält.

Aber während der Entbehrungen der Belagerung hatte Olimpia Morata sich eine tödliche Krankheit zugezogen; es wird wohl eine Form der Tuberkulose gewesen sein.

Die Stadt Schweinfurt hat ihre berühmte Mitbürgerin durch eine pathetisch-leere Inschrift geehrt, die sie an dem Hause des Arztes Grünthler anbringen ließ. Der Ruhm der Morata war schwerlich verdient; er galt zunächst ihrem Geschlechte: ein Weib, noch dazu eine Italienerin, die für die Reformation gewirkt und gelitten hatte. Eine Geschichte der Geistesbefreiung hätte sie nicht zu erwähnen brauchen.

 

Ochino

Wir kehren zu den Männern zurück. Unter denen ist eine noch modernere Natur als selbst Paleario, einer, der gewiß noch mehr Freigeist als Reformator war: Bernardino Ochino aus Siena (1487-1565). Er war natürlich so wenig wie ein Dutzend andere Freigeister des 16. Jahrhunderts der Verfasser des legendären Buches von den drei Betrügern; aber es ist bezeichnend, daß Thomas Brown ihn in seiner Religio medici ausdrücklich als den Autor der entsetzlichen Schrift bezeichnet: weil er ja auch das verpestete Buch gegen die Einehe geschrieben habe. Für uns gewinnt Ochino besonders dadurch an Wichtigkeit, daß er die offenbare Verbindung zwischen der italienischen Reformation und dem freiern Socinianismus herstellt.

Er muß eine glühende Seele besessen haben, da er den Frieden zunächst in immer härterer Askese suchte; man konnte glauben, er würde die Bahnen des Schwärmers Savonarola gehen. Auch er hatte als Prediger ungeheuren Zulauf; seine Sprache, seine Erscheinung und sein Ruf machten ihn zu einem Liebling des Volkes und darum zu einem angesehenen Manne in seinem Orden; seit 1539 war er Generalvikar der Kapuziner.

Ochino neigte schon lange zu einer unbestimmten Ketzerei, zu der ihn die Mystiker und Luther, dann die Persönlichkeit des Juan de Valdés verführt hatten; aber zum Bruche mit der katholischen Kirche kam es erst 1542, als Ochino einmal gegen die Inquisition predigte, die eben erst in Italien durch eine besondere Bulle als furchtbare Waffe der Gegenreformation neu organisiert worden war. Er wurde angeklagt und wußte, daß man ihn so oder so zum Schweigen bringen würde, daß er entweder das Evangelium verleugnen oder sterben müßte. So entschloß er sich zur Flucht. Wir finden ihn 1547 in Augsburg wieder, wo Loyola ihn mit Klugheit, Karl V. mit Gewalt nach Rom zurückführen wollte; der Rat von Augsburg ließ ihn entweichen. Er kam auf dem Umwege über die Schweiz nach England, wo er gegen das Papsttum predigte und schrieb. Auch von hier entfloh er vor der katholischen Reaktion unter der blutigen Maria, wieder nach der Schweiz. Ruhe fand er nicht. Er war langsam zum Ketzer geworden, auch an den Dogmen des protestantischen Evangeliums. Man warf ihm vor, er hätte in den »Labyrinthen« (1561, das Buch ist der Königin Elisabeth von England gewidmet) die Willensfreiheit geleugnet, in den »Dialogen« (1563) gar die Polygamie verteidigt; vielleicht war er nur frivoler, vielleicht war er nicht unehrlicher als Luther, der in beiden Fragen nicht ein und nicht aus wußte, der sich über die Willensfreiheit von Erasmus belehren lassen mußte, und der dem von der Natur sehr polygamisch veranlagten Landgrafen von Hessen gegen die eigene Überzeugung schmählich nachgab. Ochino hatte sich sehr langsam vom inbrünstigen Mystiker über die Reformation hinweg zu einem Freigeist entwickelt, der sich nicht einmal mit dem anspruchsloseren Dogmatismus der beginnenden Reformation abzufinden vermochte; der verknöcherte Formelkram des 17. Jahrhunderts wäre ihm wie den anderen italienischen Bekennern des Evangeliums mehr zuwider gewesen als der Katholizismus, dem sie abgesagt hatten. Von seinem Gesinnungsgenossen Valentino Gentile wird bald die Rede sein.

Offenbar stand Ochino erst als alter Mann der Richtung der Socinianer nahe, vielleicht aus eigener Kraft, vielleicht unter dem Einflusse von Castellio; damit mag es zusammenhängen, daß er sich nach Polen wandte, als er (hauptsächlich wegen der angeblichen Begünstigung der Polygamie) mit großer Härte aus der Schweiz ausgewiesen und auch in Nürnberg nicht aufgenommen wurde. Von Polen wurde der siebenundsiebzigjährige Greis weiter gehetzt und starb etwa ein Jahr später in Mähren, im Hause eines italienischen Ketzers, der dort in der Täufergemeinschaft eine Zuflucht gefunden hatte.

 

Renata von Ferrara

Bevor ich nun von Ochino zu den entschiedenen Antitrinitariern Italiens übergehe, muß ich noch zweier merkwürdiger Erscheinungen gedenken, einer Herzogin und eines Mysteriendichters, um zu zeigen, unter wie seltsamen Umständen die Anhänger des Evangeliums in Italien lebten. Zahlreich waren sie dort wie überall in den drei ersten Jahrzehnten nach dem Auftreten Luthers. Sie besaßen jedoch nicht den starren Bibel- und Christusglauben wie Luther und seine Leute; ihre Fürsten hatten nicht wie in Deutschland die Aussicht, ihre kleinen Feudalherrschaften mit Hilfe der Reformation in kleine Monarchien umzuwandeln. Man erinnere sich, mit wie beschränkter Kirchlichkeit, mit wie starrem Bibelglauben diese deutschen Fürsten da das Luthertum, dort den Calvinismus annahmen – wenn sie auch ihre weltlichen Vorteile dabei nicht vergaßen – und halte dagegen, wie frei eine italienische Fürstin mit der Reformation umsprang. Ich denke an die Herzogin Renata von Ferrara (geb. 1510, gest. 1575). Eine Frau von vielen Gaben, die vielleicht eine Rolle in der Weltgeschichte gespielt hätte, wenn sie überdies auch noch schön gewesen wäre. Unter einem anderen Erbrecht als dem des salischen Gesetzes hätte Renata (Renée de France) als Tochter von Ludwig XII. Königin von Frankreich werden können; auch hätte sie daran denken können, die Frau von Karl V., von Heinrich dem VIII. oder von dem Brandenburger Joachim zu werden; der Konnetabel von Bourbon, der ewige Prätendent, warb um sie; endlich wurde sie von der französischen Politik mit Ercole II. von Este verheiratet, dem späteren Herzoge von Ferrara. Man weiß, wenn auch nur aus Goethes Tasso, welche Bedeutung der Hof von Ferrara für die italienischen Poeten hatte; so war es schon zur Zeit der Renata. Es gehört mit zu dem Bilde dieser ehrgeizigen Herzogin, daß sie noch bei der Verschwörung des Fiesco in Genua ihre Hand im Spiele hatte.

Renata war ganz und gar Französin, und schon darum eine Feindin der römischen Päpste, Julius' II. und Leos X. Sie legte es darauf an, Rom zu ärgern, wie es am Hofe der Königin von Navarra geärgert wurde: durch Fleischessen am Freitag und durch eine unkatholische Messe. Reformatoren und Freigeister fanden bei ihr Zuflucht: Calvin so gut wie Marot; die protestantische Dichterin Olimpia Morata machte sie zur Erzieherin ihrer ältesten Tochter. Die Päpste arbeiteten mit allen Mitteln der Intrige gegen die reformierten oder freidenkerischen Schützlinge Renatas, doch gegen sie selbst waren sie machtlos, so lange der französische Hof sie nicht fallen ließ. Da wurde der Herzog gegen sie aufgehetzt. Wir besitzen einen Brief von ihm (vom Jahre 1554, also nach mehr als fünfundzwanzigjähriger Ehe) an den König Heinrich II. von Frankreich; der Brief ist offenbar von Rom diktiert: bei dem Unglück des Hauses Este, beim königlichen Blute von Frankreich und bei der Ehre Gottes wird der König beschworen, Renata preiszugeben; deutlich wird mit der Inquisition gedroht. Die Herzogin mußte sich fügen und sich zum Scheine (nicht ohne einen schlauen Vorbehalt) zur katholischen Kirche bekennen. Aber sie hörte nicht auf, zum Schutze der Hugenotten tätig zu sein, und geriet darüber in tötliche Feindschaft gegen den Herzog von Guise, ihren Schwiegersohn; als dieser ermordet wurde, wird sie über das Verbrechen wohl nicht anders gedacht haben als Calvin, der oft um die Befreiung von diesem Manne zu Gott gebetet hatte, scheinheilig; Renata wird nicht gebetet haben, doch mindestens ihre guten Wünsche waren bei den Mördern. Goethes Alfonso von Este war der Sohn dieser Renata.

 

Negri

Francesco Negri aus Bassano muß ein sehr abenteuerliches Vorleben gehabt haben, bevor er sich in der Schweiz als Lehrer und freier Schriftsteller niederließ; aus unglücklicher Liebe wurde er Mönch, wieder aus unglücklicher Liebe ein Mörder. Er schloß sich an Zwingli an und trat auf dem Reichstag von Augsburg für völlige Religionsfreiheit ein. Auch er endete als Socinianer. Er schrieb zugunsten des Ketzers Spiera. Am bekanntesten wurde er seinen Zeitgenossen durch eine höchst seltsame Dichtung, die er als eine Tragödie bezeichnte und die den nicht eben dramatischen Titel führt »Der freie Wille«. Man hat das wunderliche Werk (das zum ersten Male 1546 erschien) anderen italienischen Freidenkern zuschreiben wollen; ich folge aber – auch in der Inhaltsangabe – dem Historiker Cantù, der an der Autorschaft des Negri nicht zweifeln läßt.

Äußerlich wird die Form eines Theaterstückes festgehalten; im Stile der Zeit durften ja die handelnden Personen Allegorien sein. Wir werden oft – aber auch bei anderen Streitschriften dieser Emigrantenliteratur – an die Gespräche unseres Hutten erinnert. Die Tendenz verrät sich in dem Endziele der Handlung: der König »Willensfreiheit« soll vom Erzengel Rafael und der rechtfertigenden Gnade umgebracht und der Papst (Paul III. ist gemeint) für den Antichrist erklärt werden. Die Zustände am päpstlichen Hofe und auf dem Konzile von Trient werden so gröblich geschildert, daß man den Hanswurst einer protestantischen Schmähschrift zu lesen glaubt. Der Papst hat den Freien Willen zum Könige gekrönt, zum Herrscher über die guten Werke, und sich selbst alle Einkünfte aus diesem Reiche vorbehalten. Man weiß, welche Bedeutung der Streit um die Unnützlichkeit der guten Werke und um den freien Willen für die damalige Theologie hatte: wie logisch und unmenschlich Calvin die Freiheit des Willens aus theologischen Gründen leugnete und wie sich Erasmus und Luther erst über diese Frage öffentlich zerzankten, beide im Unrecht.

Der Freie Wille, der der König ist, und der menschliche Verstand, sein Minister, sind gut katholisch und widersetzen sich den Neuerungen der Reformation. Die Apostel Petrus und Paulus treten auf und vereinigen sich mit dem Spötter Pasquino in der Verurteilung der römischen Kirche. Alles vollzieht sich in Reden und Gegenreden, ohne Spur von einer Handlung. Auch die Katastrophe erfolgt unvorbereitet. Der Erzengel Rafael und die rechtfertigende Gnade vollziehen das Todesurteil an dem Freien Willen, und auch der Papst als der Antichrist wird mit dem Messer des Geistes, der das Wort Gottes ist, umgebracht. Vorher schon waren in Deutschland allegorische Theaterstücke gegen die alte Kirche erschienen, protestantische Mysterien; an der Tragödie vom Freien Willen ist es fast nur bemerkenswert, daß ein Italiener sie verfaßt hat. In Italien spielt man mit den Dogmen der christlichen Religion, spielt mit ihnen sogar in dichterischer Form, weil man dort im Grunde nicht lutherisch, nicht calvinistisch ist, wenn man sich auch so nennt, sondern unchristlich. Weil man in Jesus Christus keinen Gott mehr verehrt.

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