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Der arme Raimondin

Clemens Brentano: Der arme Raimondin - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSämtliche Erzählungen
authorClemens Brentano
year1991
publisherWilhelm Goldmann Verlag
addressMünchen
isbn3-442-07625-0
titleDer arme Raimondin
pages112-130
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Am andern Morgen erwachte ich mit Schrecken, ein großer Hund meines Vaters sprang freudig auf mein Bett; er hatte im ganzen Hause vergebens jemand gesucht und war sehr froh, die Türe der Stube, in der ich schlief, nur angelehnt zu finden. Ich schrie nicht wenig, um diesen beschwerlichen Gesellen loszuwerden, aber es ließ sich weder Louison, meine Wärterin, noch Royer erblicken, und endlich ward ich und der Hund vertraut, denn er schien mich zu verstehn und verband sein Geheul mit meinen Wehklagen. Ich war in einem sehr verwirrten Zustand, wie ich nach Haus in mein Bett gekommen war, konnt ich nicht begreifen, alles, was ich gestern erlebt hatte, stand mir dunkel in der Seele, vergebens rief ich meiner Schwester Lusine, die eigentlich in dem Bette mir gegenüber schlafen sollte, aber alles war still im Hause, und niemand hörte auf mein Rufen. Da stand ich auf und zog mich zum erstenmal in meinem Leben allein an. Ich lauschte an der Türe meiner Mutter, ich schlich hinein an ihr Bett, es war noch geordnet, sie hatte nicht drin geschlafen, aber Schränke und Schiebladen standen auf, es war überall, wo ich hintrat im Hause, die Art von Unordnung, die ein Abreisender zurückläßt, hinter welchem nicht aufgeräumt worden. Das Überraschende in meiner Lage zerstreute mich, und allerlei Bänder, gemachte Blumen, Perlen und Flitter, die in der Stube herumlagen, fingen an, meine ganze Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Ich sammelte alles in einen Pappkasten, und da ich endlich an den offnen Schreibepult der Mutter kam, sah ich die samtene Scheide drin liegen, aus welcher sie gestern den Bilderbaum gezogen hatte. Da ward meine ganze Betrübnis erregt, der Gedanke, daß ich das schöne Melusinenbild ins Feuer geworfen hatte, ward wieder so lebendig in mir als gestern, da ich die Rolle sich im Feuer winden sah, und mit Tränen rief ich aus:

O pauvre Raimondin,
il faut que tu te meures,
à la belle Mélusine
tu as brûlé le cœur.

Der zufällige Reim erhöhte noch meine Spannung. Die Erzählungen meiner Mutter und der Toinette von der Melusine, wie sie den Raimond verlassen und wie er klagend um sein Verbrechen das Schloß durchwandelt und bei jedem Gegenstande in den öden Gemächern an sein verlorenes Glück gedacht, schienen an mir wahr geworden; meine Mutter, meine Schwester waren fort, und ich war allein im Hause. Ich fühlte mich ganz als den schuldigen verlassenen Raimond und wünschte ihm auch von außen zu gleichen. Darum behängte und besteckte ich mich mit alle dem Flitterkram, den ich in der Stube aufgesammelt hatte, und der große Hund schien meinen Kammerdiener vorstellen zu wollen; denn er brachte einen alten Tafthut à la Montgolfier, auf dem Sonne, Mond und Sterne von Folie funkelten, aus einem Winkel der Garderobe angeschleppt. Ich setzte ihn auf, nahm ein stählernes Spazierstöckchen meiner Mutter als Lanze in die Hand und rief vor dem Spiegel mein ›Pauvre Raimondin‹ mit höherer Bewegung als vorher aus. In diesem Aufzug mit dieser Wehklage durchzog ich das ganze Haus, und der Hund heulte neben mir; endlich trat ich in unsern kleinen Garten, der, von hohen Seitengebäuden umgeben, sonnenlos, voll trauriger Taxuspyramiden wenig Erfreuliches bot. Hier wandelte ich auf und ab und überließ mich ganz meiner Phantasie. Im Winkel der Gartenmauer war ein Ziehbrunnen eingemauert, welchen wir mit einem Nachbarn, einem Advokaten Lodie, gemein hatten. Es reizte mich besonders, in ihn hinab meine Klagen ertönen zu lassen; denn es hallte so dumpf nach, und der Spiegel des Wassers tief unten schien so kühl, dunkel und geheimnisvoll herauf, daß ich glaubte, da unten müsse Melusine nun wohnen. Es war schon gegen Mittag, der Hunger vermehrte mein Leid, ich stand am Brunnen und klagte, da hörte der Hund die Teller in des Prokurators Küche rasseln, und wahrscheinlich mit der Köchin in gutem Einverständnis, setzte er über den Brunnen weg und folgte dem Bratengeruch. Dies brachte mich auch auf den Gedanken, hinüberzusteigen, aber ich konnte nicht so gut springen wie der Hund und faßte deswegen die Brunnenkette, indem ich in den oben schwebenden leeren Eimer hineintrat. Meine Angst ward ungeheuer, als der Eimer mit mir leise sich in den Brunnen hinabließ, indem der zweite volle gegenwiegende Eimer emporstieg. Ich konnte vor Schrecken nicht mehr schreien und besann mich erst, als der volle steigende Eimer mich erreichte und ich ihn aufwiegend neben ihm mitten im Brunnen hängen blieb. Da schrie ich erst recht laut: ›O pauvre Raimondin usw.‹ Endlich kam die Magd des Prokurators um Salat zu waschen an den Brunnen, und als sie meine Stimme aus der Tiefe tönen hörte, lief sie mit dem Geschrei ins Haus zurück, es sei ein Gespenst im Brunnen, ein Wasserfräulein, sie habe es klagen hören: il faut que tu te meures. Man lachte sie aus, aber ihr Entsetzen und Beteuern führte endlich den Prokurator und sein Weib und alles Gesinde an den Brunnen. Sie hörten dieselben Klagen nicht ohne große Bewegung, die Frau drang schon drauf, man solle den Brunnen zudecken oder verschütten lassen, um das Gespenst zu versperren, der Prokurator aber lachte und zog mich lachend herauf. Wenig aber fehlte, daß er mich mitsamt dem Eimer hinabwarf, als er mich mit meinem Hut à la Montgolfier, mit Perlenschnüren, Bändern, Flören und allerlei bunten Nadelkissen behängt wie eine Brunnennymphe aus dem Kindermärchen erblickte. Eine kleine Tochter des Advokaten, die meiner Mutter Patchen war und Melusine hieß, erkannte mich zuerst und rief aus: ›Ach, was ist der Chevalier Raimondin schön geputzt!‹ Da nahmen mich die guten Leute aus dem Eimer und brachten mich nach ihrer Stube, wo ich erquickt und gepflegt wurde und alle meine Leiden seit dem vorigen Abend erzählen mußte, was ich jetzt, Hochwürdiger, gegen Euch wiederholte, um Euch die Lage und Stimmung zu beschreiben, in welcher ich das Wesen zum ersten Male gesehen, das mich zum unglücklichsten Menschen gemacht hat. Die kleine Melusine bei dem Advokaten ist es, um derentwillen ich jetzt sagen kann: O pauvre Raimondin, il faut que tu te meures, la perfide Mélusine t'a rompu le cœur.«

Hier drückte er sein Gesicht in die Kissen und schwieg einige Minuten, während welchen der Priester zu ihm sprach: »Lieber Freund, ich wünsche nicht, daß die Erinnerung an Ihre Leidenschaften Ihnen die ernste Ruhe nehmen möge, welche immer die Betrachtungen eines Christen begleiten soll, dem der gütige Gott das Leben erhalten hat, auf daß er nicht lodernd von irdischer Flamme zu anderm Dasein übergehe.« Da ergriff Raimondin noch mit abgewendetem Haupte die Hand des Priesters, die er heftig drückte, und Pater Rochus sprach: »Mut, Vertrauen, nur recht nach dem Herrn verlangt, er wird uns allen den Frieden geben.« Nun sammelte sich Raimondin und erzählte weiter:

»Ich werde von dieser meiner frühen Jugend nur noch einiges erwähnen, um dann mein trügerisches Glück auf seinem höchsten Gipfel dicht neben dem tiefen Abgrunde zu berühren, in welchem es mich zerschmetterte. Die Familie des Advokaten hatte weder eine besondere Vorliebe zu meinem Vater noch zu meiner Mutter, deren Entzweiung sie mit besonderer Neutralität betrachtete, um sich dem Intresse der Partei, welche den Herrn Lodie zuerst als Rechtsbeistand auffordern dürfte, desto eifriger ergeben zu können. Übrigens waren sie unsre gute Nachbarn, hörten meine Leidengeschichte mit vieler Liebe an und mußten herzlich lachen, als ich die Worte aussprach: ›O pauvre Raimondin, il faut que tu te meures, à la belle Mélusine tu as brûlé le cœur‹, und nun die kleine Melusine mich dabei umarmte und küßte und herzlich mit mir weinte. ›Ei, ei, Melusine‹, sagte Frau Lodie, ›ist es wahr, hat er dir dein kleines Herz verbrannt?‹ ›Ich weiß nicht‹, sagte das Kind und schmiegte sich an mich. Nun spielten wir den ganzen Tag, und ich teilte allen meinen phantastischen Putz mit ihr. Am Abend wollte man mich über den Bronnen hinüber wieder in mein Bett bringen, aber ich wollte mich auf keine Weise von meiner kleinen Gespielin trennen lassen, und auch sie verhinderte es mit heftigem Geschrei. Sie warteten darum, bis wir beide nebeneinander eingeschlafen waren, dann nahm mich der Advokat auf den Arm, die Magd ging mit einer Laterne voraus, ein starkes Brett war über den Brunnen gelegt und über dieses brachten sie mich, ohne daß ich erwachte, nach meinem Bette und begaben sich zurück. Sie behielten mich aber aus keiner andern Ursache nicht in ihrer Wohnung über Nacht, als weil sie fürchteten, durch diese Sorgfalt eine besondere Hinneigung zu meinem Vater oder meiner Mutter zu zeigen, da sie nicht wußten, wer sich meiner von beiden vor dem andern annehme. Um Mitternacht erweckte mich ein Kneifen in die Nase, und als ich die Augen aufschlug, war es hell in der Stube, und ich sah eine Reihe fingerlanger Husaren über die Bettdecke gegen meine Nase attackieren und mich kneipen, worauf sie sich auf mein Geschrei schnell zurückzogen. Zu dem ganzen Manöver blies eine Pfennigstrompete. Ich war so durch das Plötzliche und den Schmerz verblüfft, daß ich hoch im Bett mit Zetergeschrei in die Höhe fuhr. Da sah ich einen großen Mann in rotem Taftmantel vor mir, er hatte einen Federhut auf und eine weiße Maske vor sich, worüber ich noch mehr erschrak. Der Unbekannte, besorgend, sein ungeschickter Scherz möge mir gar den Verstand zerrütten, riß nun die Maske ab, und ich erkannte Herrn Verdier, den Sekretär meines Vaters, in ihm. Er riß mich aus dem Bett auf seinen Arm und sprach: ›Weine nicht, Raimondin, ich bin es, sieh, da schenke ich dir die kleinen Husaren, welche dich in die Nase zwickten‹, und somit gab er mir die kleinen hölzernen Reiter, welche, auf sich in die Länge und Breite verschiebenden Kreuzstäben steckend, von ihm, um mich scherzhaft zu wecken, gegen meine Nase waren gerichtet worden. Mit Mühe ward ich erst getröstet, als er mir ein ganzes Körbchen voll Spielzeug zeigte, das er unter seinem Mantel anhängen hatte. Nun mußte ich mit ihm das Haus verlassen, er sagte mir, daß er mich zu meinem Vater bringen wolle, der krank sei, und ohne sich weiter auf meine Fragen nach Melusine und die Ursache seiner wunderlichen Kleidung einzulassen, nahm er mich, wie ich war, in meinem kindischen Putz bei der Hand, denn Herr Lodie hatte mich, damit ich nicht aufwachen möge, in meinem ganzen Flitterornat ins Bett gelegt. In der Vorstube wartete schon ein Diener mit einem Korb voll Wäsche und anderen Bedürfnissen meines Vaters auf ihn. Der Sekretär pfiff dem großen Hund, der vergnügt herbeisprang, und gab ihm zwei Laternen, an die beiden Enden eines Stockes befestigt, im Maule zu tragen. So verließ er, den leuchtenden Hund voraus, mich unter seinem Mantel an der Hand, in der Begleitung des lasttragenden Dieners das Haus, welches er sorgsam verschloß. Er ging stark, ich mußte immer neben ihm traben, durch seinen roten Taftmantel schimmerten die Laternen des Hundes, unten sah ich nichts als erleuchtete Pfützen, über die er mich immer am Arme reißend hinüberschwang, und seine Füße. Ich kann diesen Weg in meinem Leben nicht vergessen. Nach einem guten Stück Weg kamen wir an eine Kutsche, aus welcher ein paar andere Masken herausriefen: ›Endlich sind Sie da! Wir haben lange gewartet.‹ Wir stiegen ein, der Diener setzte sich hinten auf, der Hund mußte die Laternen in den Wagen abliefern und nebenherlaufen. Die Verlarvten in dem Wagen wollten mich necken, aber Verdier deckte den Mantel über mich und so schlief ich im Winkel der Kutsche ein, um von neuem auf eine sehr abenteuerliche Weise erweckt zu werden. Mein Vater hatte sich mit Herrn de Lescure in einem Gebüsche geschlagen, welches eine kleine Stunde von der Stadt den Park eines öffentlichen Gasthauses bildet, in welches er, schwer verwundet, von Herrn Verdier, der ihm als Sekundant gefolgt war, gebracht wurde; denn man hielt es für gefährlich, ihn nach der Stadt zu fahren. In diesem Hause war in dieser Nacht ein maskierter Ball angestellt worden, und da mein Vater Herrn Verdier in die Stadt schickte, ihm allerlei Bedürfnisse zu holen, Nachricht von seiner Familie zu geben und mich zu ihm herauszubringen, hatte dieser mich bei der Gärtnerin Toinette gesucht, welche ihm die Abreise meiner Mutter gemeldet, und daß mich Royer nach Hause gebracht, wo ich wohl sein müsse. Verdier, der früher zu diesem Maskenball sich schon verbindlich gemacht hatte, wollte die Gelegenheit benutzen, steckte sich in einen Domino und hängte einen Korb mit Spielwaren um, den er witzig austeilen wollte. So trat er, nachdem er alle Geschäfte im Hause beendet und einen Brief meiner Mutter an meinen Vater, den sie auf seinem Schreibtisch zurückgelassen, zu sich gesteckt hatte, an mein Bett und weckte mich, wie ich vorher erzählte. Wir kamen in dem Wirtshause an, Verdier trug mich schlafend aus dem Wagen, und da wir durch den Ballsaal mußten, um zu der Stube meines Vaters zu kommen, hatte er den Mutwill, im Vorübergehen eines meiner Ohren an das Fagott der Tanzmusik zu halten, worüber ich plötzlich erwachte und rings um mich die bunten Larven im grellen Lichte sich herumtreiben sah. Der Schrecken und die Verwunderung machten mich wie unsinnig, und ich begann ein so heftiges Geschrei, daß die Tänzer ihr Vergnügen unterbrachen und sich alles um mich her drängte. Verdier brachte mich schnell zu meinem Vater; denn die Frauen waren über seine Unbesonnenheit so erbittert, daß er sehr unangenehme Auftritte zu erwarten gehabt hätte, wenn er nicht gleich gewichen wäre. Da wir durch den Erfrischungssaal mußten, stopfte er mir den Mund voll Zuckerwerk und brachte mich so mechanisch beruhigt an den andern Flügel des Hauses zu meinem Vater...«

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