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Der arme Raimondin

Clemens Brentano: Der arme Raimondin - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSmtliche Erzhlungen
authorClemens Brentano
year1991
publisherWilhelm Goldmann Verlag
addressMnchen
isbn3-442-07625-0
titleDer arme Raimondin
pages112-130
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Clemens Brentano

Der arme Raimondin

Es war in der Zeit, als der große Revolutionskrieg in den Niederlanden eine für die deutschen Waffen günstigere Wendung zu nehmen schien, als eines Abends der würdige alte Rochus, ein Priester aus Aquiscinet, nach einem kleinen Walde ging, in welchem an diesem Tage die zu weit vorausgeschickte Vorwacht der Franzosen von einem Hinterhalte französischer Emigranten überfallen und nach starkem Widerstande teils getötet, teils gefangen worden war. Der Pater Rochus tat diesen Gang nach Anweisung eines Zettels, der ihm von einem französischen Offizier der siegenden Partei durch einen Bauern gebracht worden war und dessen Inhalt in folgenden Worten bestand:

»Euer Hochwürden werden von einem Soldaten, der Ihnen vor einigen Tagen unter vielen andern beichtete und mit Gottes Gnade Ihre Ermahnungen zur Menschlichkeit in seinem ernsten Beruf nie wieder vergessen wird, dringend aufgefordert, heute abend noch in dem Wäldchen, wo wir heute das Gefecht bestanden, einen jungen feindlichen Soldaten aufsuchen zu lassen. Ich habe ihn verwundet in dem Gehölz links der Heerstraße einige hundert Schritte von der überschwemmten Torfgrube sinken sehen. Seine Gegenwehr war so verzweifelt, daß er mir die höchste Achtung einflößte, ich bot ihm vergebens die ehrenvollste Gefangenschaft an, endlich streckte ihn ein Schuß aus meinem Haufen nieder, welcher schon im Abzug begriffen war. Ich konnte nichts für ihn tun als ihn bei den Meinigen für tot angeben und ihn jetzt Euer Hochwürden empfehlen, dessen Gebet sich ebenso empfiehlt ein armer französischer Offizier, welchen der Segen des Allmächtigen finden wird, so Ihr ihm denselben herabflehet.«

Der Pater Rochus befahl sogleich, ein reinliches Bett in seiner Kammer aufzuschlagen und etwas warmen Wein und eine Hühnersuppe auf seine Zurückkunft bereitzuhalten, und begab sich mit einem Bader und einigen Kirchendienern, die eine Tragbahre mit einer Matratze und Decke trugen, nach dem Wäldchen. Sie hatten Leuchten und einige Kirchenfackeln bei sich, um im Walde gehörig nachsuchen zu können. Aber sie hätten derselben gar nicht bedurft; denn sie fanden auf dem Tummelplatz schon mancherlei Leute, welche bei Fackelschein die Toten ausplünderten, eine Verrichtung, die nicht ohne empörende Greul verrichtet zu werden pflegt. Als Pater Rochus mit seinen Begleitern unter diesen Leuten einige arme Bürger von Aquiscinet erkannte, ermahnte er sie zur Ordnung und Menschlichkeit. »Liebe Nachbarn«, sagte er, »die Toten zu begraben ist ein Werk der Barmherzigkeit; ich hoffe, daß ihr die unglücklichen Opfer des Kriegs nicht berauben und sie dann hier als eine Beute der Vögel unter dem Himmel verwesen lassen wollet. Folget mir, meine Freunde, gebet den armen Erschlagenen ein ehrliches Grab, und alles, was ihr bei ihnen findet, das noch zum menschlichen Gebrauche dienlich ist, lasset uns der Obrigkeit einhändigen!« Die guten Leute von Aquiscinet nahmen die Ermahnung ihres verehrten Priesters gerne an, und da einige fremde Bauern nicht einstimmen und davongehen wollten, drohten ihnen die Aquiscineter, so sie nicht ehrlich hülfen, sie nie mehr weder an den Markt- noch Wallfahrtstagen in Aquiscinet zu dulden. Worauf sie alle Hand anlegten, die Leichname zusammentrugen, entkleideten und der Erde in den Schoß legten. Die Drohung der Aquiscineter wirkte besonders stark auf die Bauern, weil Aquiscinet ein sehr besuchten Wallfahrtsort ist, indem das dortige Jungfrauenkloster ein Gnadenbild der Muttergottes besitzt, das sich durch eine besonders verehrte Reliquie, durch den Vermählungsring der Jungfrau Maria, auszeichnet.

Während die Leute ihr mit wilder Habsucht begonnenes Werk nun christlich mit frommem Gesang vollendeten, suchte Pater Rochus nach dem ihm angezeigten Verwundeten. Er und seine Begleiter hatten sich nach verschiedenen Seiten getrennt, und er war bald so glücklich, den verwundeten Jüngling zu finden. Er war noch am Leben, wenn ihm gleich die Verblutung eine tiefe Ohnmacht zugezogen hatte. Ein Schuß durch die Lende war seine Wunde. Der Bader hielt es nicht für gefährlich, ihn erst in der Wohnung des Geistlichen zu verbinden, weil er dort mehrere Bequemlichkeit dazu habe, und schon hatten sie den Jüngling auf die Tragbahre gebettet, als die beiden Kirchendiener, welche nach der andern Seite gesucht hatten, ihnen zuriefen, daß sie so glücklich gewesen wären, den Verwundeten zu finden, und bald heranliefen, um die Trage nach dem Orte seines Lagers abzuholen. »Gott sei Dank«, sagte Pater Rochus, »daß wir uns trennten; so können wir vielleicht auch noch an einem zweiten Barmherzigkeit üben, der ohne dieses vielleicht elend verschmachtet wäre.« Sie trugen nun die Tragbahre mit dem einen Verwundeten zu dem anderen hin, in welchem sie einen blühend schönen französischen Offizier von der zartesten Jugend fanden. Sie betteten ihn neben seinen verwundeten Kameraden, und sie ruhten so still und selig nebeneinander, als lägen sie unter einem Herzen. Sie schienen einander sehr wohl zu kennen in ihren Blicken, aber sie sprachen doch nicht zueinander, wie es den Leuten schien, aus Schwäche wegen des starken Blutverlustes.

Die beiden Kirchendiener nahmen nun die Riemen der Bahre über ihre Schultern, ergriffen die Arme derselben und gingen langsam mit ihrer schweren Last nach Aquiscinet, das nicht eine Viertelstunde von dem Wäldchen entfernt war. Der Priester und Bader gingen zur Seite und leuchteten mit Fackeln, und Pater Rochus sah oft mit frommer Sorgfalt nach den beiden Verwundeten. Als sie schon die Lichter in dem Städtchen sahen, läutete eine Sterbeglocke in Aquiscinet. Da setzten die Träger die Bahre nieder und zogen ihre Hüte ab, und Pater Rochus betete drei Vaterunser und Avemaria mit seiner Begleitung, wie dieses mit Unterbrechung jeglicher andern Verrichtung bei solchen Glockenzeichen in diesem streng katholischen Lande üblich ist. Pater Rochus bemerkte, daß der französische Jüngling während dem Gebete die Hand winkend gegen ihn bewegte, und er näherte sein Ohr dem Munde des Verwundeten, der einige leise Worte zu ihm sagte, worauf der Pater zu den Trägern sagte, er wolle schneller vorausgehen, um auch für den zweiten Kranken eine Pflegestatt zu bereiten, sie möchten ihm nur nach seiner Wohnung folgen. Pater Rochus war der Seelsorger der Klosterjungfrauen von St. Clara zu Aquiscinet, und seine Wohnung war dicht an der Kirche angebaut. Als die Träger mit den Verwundeten an seiner Türe ankamen, ließ er sie vorerst in die Kirche eintreten, und der kranke Franzose ward daselbst in eine durch Gitter und Vorhang von dem Mittelraum der Kirche abgesonderte Kapelle gebracht, wo die Klosterfrauen zu seiner Pflege bereits ein Bett auf geschlagen hatten, neben welchem ein Tisch und ein Stuhl stand. In dieser Kapelle befand sich außerdem ein Grabmal und ein kleiner Altar, der Muttergottes geweiht, und die Klosterfrauen hatten, dem armen Verwundeten seinen Aufenthalt angenehmer zu machen, die Blumenkrüglein auf dem Altar nicht nur mit frischen Blumen versehen, sondern auch auf das Tischchen neben seinem Lager ein Kreuz zwischen zwei Blumenkrüglein aufgestellt. Als der Verwundete behutsam auf sein Lager gebettet worden war, sagte Pater Rochus zu dem Bader: »Lieber Gevatter, lasset uns nun den andern nach meiner Kammer bringen, diesen hier will die Frau Äbtissin von dem Klosterarzte heilen lassen.« »Das ist wohl getan«, erwiderte der Bader, »denn ich würde hier keine Binde mit sicherer Hand fest um die Wunde legen können.« Nach diesen Worten sahen sich die beiden Ehrenmänner in die Augen, und da sie beide Tränen drinnen sahen, umarmten sie sich ohne weiter zu reden und winkten sodann den Trägern, ihnen mit dem ersten Verwundeten nach des Paters Wohnung zu folgen.

Als der Verwundete behutsam die Treppe hinaufgebracht und auf das Bett gelegt war, wendete nun der Wundarzt alle Mittel an, ihm Hilfe zu leisten, und man bemerkte bald, daß seine Regungslosigkeit mehr eine Folge seines Willens als seiner gänzlichen Entkräftung war; denn wenngleich die Verblutung ihn sehr geschwächt hatte, so wendete er doch das erste höhere Erwachen seiner Lebensgeister durch stärkende und reizende Mittel sogleich dazu an, sich der Hilfe, die ihm geleistet wurde, zu widersetzen.

»Oh, kein Verband, kein Verband, laßt mich sterben!« waren die ersten Worte, die er in französischer Sprache ausrief. Pater Rochus hielt diese Worte etwa für einen Ausbruch kriegerischen Stolzes und sagte zu ihm: »Mein Freund, nehmen Sie Gottes Hilfe dankbar von unsern Händen an, Sie sind nicht in Feindes Händen, Sie sind bei dem Pfarrer von Aquiscinet, wir haben Sie auf der Walstatt aufgefunden, welche die Feinde verließen.« »Ach«, sagte der Verwundete wieder, »Mir ist alles gleich, aber sterben will ich, leben kann ich nicht mehr.« Dabei richtete er sich empor und wollte den Verband wegreißen, den der Wundarzt ihm eben umlegte. Da drängte ihn Pater Rochus mit frommem Unwill auf das Lager nieder und sprach: »Mensch, welches Recht hast du über dein Leben, hast du gelebt wie ein Christ, so harre auf den Tod aus den Händen deines Heilands!« Diese Worte aus dem Munde des ehrwürdigen Greises, mit Ernst und einem befehlenden Nachdruck gesprochen, schienen den Verwundeten heftig zu rühren; er drückte seine beiden Hände gegen sein Gesicht und fing heftig an zu weinen. Der Wundarzt und der Priester ermahnten ihn zur Ruhe; da streckte er seine Hand gegen den letzteren aus und sprach mit wehmütiger Stimme: »O mein Vater, habet Mitleid mit dem unglücklichsten Menschen auf der Erde!« »O diese Worte, diese Worte«, erwiderte der Priester, »sie genügten, mein Herz in seinem tiefsten Grunde zu erschüttern, wenn Ihr im persönlichen Gefechte gegen mich verwundet wäret. Beruhigen Sie sich, Sie sind bei einem Manne, dem Schmerzen nicht fremd sind, für alle Leiden der Erde hat die Religion unermeßlichen Trost, mir hat sie ihn gegeben, ich will ihn gern mit Ihnen teilen, so Sie es verlangen.« Der Verwundete hatte während diesen Worten seine Augen nicht von dem Angesichte des Priesters gewandt, und tief von seiner Würde und Milde durchdrungen, zog er seine Hand zu sich, drückte sie an sein Herz und an seine Lippen und küßte sie ehrerbietig mit den Worten: »O mein hochwürdiger Herr, befehlet mir, was ich tun soll, ich will Euch gehorsamen wie ein Kind.« »So beruhigen Sie sich vor allem und nehmen einige Erquickungen zu sich«, versetzte der Priester in dem Augenblick, als seine Wirtschafterin dem Verwundeten einen guten Teller voll Suppe und Fleisch brachte. Er aß und trank, und weil der Wundarzt ihm Ruhe gebot, so verließ ihn der Priester. Es schlug ein Uhr, als sie sich gute Nacht sagten, und die Klosterfrauen sangen die Metten so nahe, als wenn die Fenster der Kammer in die Kirche gingen. Der Verwundete stutzte, als er diesen Gesang plötzlich hörte, und der Priester sagte: »Die Fenster der Kammer sehen in die Kirche; so Sie gern dem Herrn dienen, haben Sie auf Ihrem Krankenlager die schönste Gelegenheit. Sie können ruhig mitbeten.« Nun kniete der Pater auf einer Fußbank am Fenster nieder, betete eine Zeitlang, nahm sodann Weihwasser aus einem kleinen zinnernen Becken an der Türe und wollte es zu guter Nacht seinem Gaste reichen, aber er fand ihn im tiefsten Schlaf, segnete ihn und begab sich in seine Stube nebenan zur Ruhe.

Am anderen Morgen öffnete sich leise die Türe, der Priester näherte sich behutsam dem Bette des Verwundeten, weil er ihn noch schlummern sah, und stellte ihm einen duftenden Rosenstrauß auf das Tischchen bei seinem Lager, damit ihn etwas erfreuen möge, wenn er erwache, ehe er zurückkomme. Dann ging er hinab in die Kirche, die Messe zu lesen. Kaum war der Priester hinab zur Kirche gegangen, als der Verwundete durch den Klang der Meßglocke erweckt wurde. Er schlug die Augen auf und gab sich dem Gefühl einer andern Umgebung ruhiger hin, als er es sonst wohl nach seiner heftigen und leidenschaftlichen Gemütsart getan haben mochte. Die heftige Spannung, in welche er in dem Gefechte durch einen Flintenschuß gefallen war und die in seinen Äußerungen am vorigen Abend noch krampfhaft nachwirkte, hatte sich durch den Blutverlust aufgelöst, und seine Seele nahm von dem Leben, wie ein umflorter Spiegel von dem Bilde, einen träumerischen Besitz. So folgten seine Augen willenlos dem Lichte, welches durch ein großes Fenster in die Kammer fiel, und er bemerkte, als er sich mehr besann, daß es aus einer Kirche hereinfiel, in deren Kreuzbogen er hineinsah. Er hörte das Flüstern der Betenden, dann und wann von den Worten des messelesenden Priesters und den Antworten des Messedieners unterbrochen. Er hatte lange nicht gebetet, Erinnerungen der frühsten Jugend legten sich wie unschuldige Kinder an sein Herz, der wilde Krieg aber, die Angst und Raserei, das gräßliche, ja teuflische Treiben einer eisernen Gewalt zog durch seine Seele, wie ein Keilschwarm von ächzenden Geiern durch einen blauen Himmel, über welchen der Sturmwind die Wolkenlämmer treibt. Seine Gedanken flogen aus, wie der Rabe aus der Arche, ahndeten, aber fanden nicht einen Grund, wo sich niederlassen, und kehrten zurück in sein Haupt ohne Trost, doch nicht ohne Hoffnung. So lag er mit geteilter Seele zwischen Traum, Erinnerung, Leid, Angst und Ermattung. Wer am Totenbette des Geliebtesten vom Schmerz in den Traum begraben worden, der wacht also auf und starrt das Licht an wie das blutige Schwert von gestern. Wenn die Tage öfters kehren und sinken, wird endlich ein rührendes Morgenrot daraus, im Alter aber tritt der Schmerz der Jugend zu seiner Zeit wie ein drohendes, mahnendes Meteor an den Himmel. In so willenlosem Schwimmen der Seele unterbrach ihn ein Rascheln unter seinem Bette, er ward aufmerksam, und seine Gedanken wurden ganz klar, als er einen Saitenklang über seinem Haupte hörte. Er wendete sich um und sah eine Harfe an der Wand hängen, an welcher eine zahme Taube, die unter seinem Bette ihr Futter stehen hatte, hinaufgeflogen war. Dieser Anblick ergriff mit tiefer Erinnerung sein Herz, er rief aus: »Ach, Therese, Therese, warum hast du mich betrogen?« und drückte sein Gesicht unter heftigen Tränen in die Kissen. In diesen Tränen fand ihn der Pater Rochus, der aus der Kirche zurückkam, er brachte ihm einen duftenden Rosenstrauß mit, den er im Klostergarten für ihn gebrochen hatte. Als sich der Verwundete zu ihm wendete, sprach der Priester: »Guten Morgen und Willkomm, lieber Leidensbruder! Hier schicket Ihnen die heilige Jungfrau einen Strauß aus ihrem Garten zu Aquiscinet. Fassen Sie einen guten Mut, welches Leid der Heiland auch über Ihre Seele verhängt hat, so ist es zum Besten Ihrer Seele.« Der Kranke dankte und drückte seine weinenden Augen in den süßduftenden Busen der liebevollsten Blumen nicht ohne eine innige Erquickung. Aber alle Lust wird im Verlust zu einem Gespenst des Verlorenen, und er ließ die Hand traurig mit den Rosen sinken. »Ehrwürdiger Herr«, sprach er, »verzeihet einem Unbekannten, dem alle Liebe und Milde einen Himmel vorstellt, der sich ihm vor den Augen in eine Hölle verwandelte.« »Sie mögen sehr betrübt sein, mein Freund«, erwiderte der Priester, »aber ich sage Ihnen, der Schmerz, der auf Ihrer Brust lastet wie eine ungeheure Last, wird einst wie ein Gewitter an Ihrem Himmel vorüberziehn und endlich wie ein fernes blaues Gebirg, hinter welchem das Land der Sehnsucht liegt, den Horizont Ihres Lebens begrenzen. Möge Ihnen Ihr gegenwärtiges Leid einen Weg zur einzigen Quelle des Trostes zeigen, zu dem Heiland, vor dem alle irdische Leiden zerbrechen müssen. So es Ihnen ein Trost ist, Ihr Herz durch die Ergießung seiner Leiden in die Brust eines Freundes zu erleichtern, der nichts mehr auf Erden hat als die Liebe des Herrn, so vertrauen Sie mir; ich habe so Bitteres ertragen, daß ich Sie verstehen werde und Ihnen mit Gottes Gnade den Trostquell eröffnen, welcher mich selbst von irdischer Verzweiflung geheilt hat.« »Ehrwürdiger Herr«, erwiderte der Verwundete, »so Sie als ein Greis mein Leid, welches ein Leid der Jugend ist, gelten lassen wollen, so folge ich Ihrem ernsten Anspruche auf Vertrauen gern. Ach, ich habe geliebet und liebe noch ein Wesen, das sich mir auf dem Gipfel der Seligkeit als eine schändliche, verworfene Betrügerin gezeigt, und ich kann diese Schlange, die ich so teuer erkauft, ja mit allem, was mir heilig auf Erden sein mußte, die ich mit meiner Ruhe, mit meinem Gewissen, mit einem Leben genährt, ich kann sie nicht vergessen, ewig trage ich sie in meinem Busen und muß sie liebevoll an das Herz drücken, das sie vergiftet.« »Erzählen Sie ruhig«, erwiderte der Priester, »ich habe nie ein Bekenntnis empfangen, dessen Schuld ich nicht im eignen Herzen fühle, alle Herzen sind mir nur eines, das menschliche, und wer sich anklaget, klaget auch mich an; so ich Sie aber zu trösten vermag, werde ich auch mich trösten.« Da begann der Kranke also:

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