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Der Amerikaner

Gabriele Reuter: Der Amerikaner - Kapitel 1
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typefiction
authorGabriele Reuter
titleDer Amerikaner
publisherS. Fischer Verlag
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Erstes Kapitel

Die Buchenwipfel schauerten im Morgenwind. Aus den schattigen Gründen stieg eine scharfe Kühle, ein feuchter Tauatem des jungen Gekräutes empor, und schwankend zitterten die beperlten Sträucher unter dem Sprühregen der stürzenden Wasser. Im brausenden Übermut der schneegenährten Frühlingswildheit sprang der Bergbach weißschäumend die Felsenwand hinab und übersprudelte im Grunde das glattgewaschene Gestein.

Der alte Herr von Kosegarten schlug den Kragen seiner Joppe in die Höhe, nahm den Stock unter den Arm und vergrub die Hände in den Taschen, weil es ihn fror, trotzdem die Sonne über den Bergen glitzerte. Neben ihm stand der Förster, das dicke Notizbuch in der Faust, machte sich mit dem kurzen Bleistiftstummel Notizen. Aus dem Wald an der Lehne klang der Axthieb der Holzfäller.

»Aufgeforstet mußte doch mal werden,« brummte der Beamte in den Schnauzbart, der ihm taugenäßt an den Mundwinkeln niederhing.

»Na, also, das sag ich auch. – Warum schließlich das Lamento? Donnerschockschwerenot, was sein muß, muß sein!« schimpfte der alte Herr. »Hundertjährig können die Bäume freilich nicht gleich wieder werden.«

»Das stimmt,« murrte der Förster verdrießlich.

Die beiden Männer schritten durch die Säulenhalle der grausilbernen Stämme, von denen jeder einzelne ihnen ein guter Bekannter war. Sie alle trugen das rote Merkzeichen des Forstbeamten, das sie dem Tod weihte: die Riesen, die mächtig zur Höhe wuchsen, mit ruhiger Majestät die weitgreifenden Kronen tragend.

Aus dem Walde auf eine vorgeschobene Felsenplatte tretend, stützte Herr von Kosegarten sich auf seinen Stock und starrte in das unbändige Tosen des weißen Gischtes. Mit Dröhnen und Donnern betäubte ihm der Gesang des Falles das Hirn und nahm alle die sorgenden Gedanken daraus fort, mit denen er sonst schlafen ging und wieder aufstand und aß und trank und durch seinen Wald und seine Fluren stapfte. Ein wohlig dumpfes Schauen des ewig Quellenden, ewig Strömenden, ewig sich Erneuernden und sich wieder Verschwendenden war es, das statt des bohrenden, unfruchtbaren Grübelns von seinem Geist Besitz ergriff und ihn lange in seinen großen, stillen Bann zog. Der Förster an seiner Seite sagte zuweilen gelassen: »Ja, ja, so is es ...« Aber auch diese philosophische Bemerkung verklang im Rauschen der Wasser.

Auf dem Felsen stand einzeln eine Buche; im unaufhörlichen Schwanken und Beben ihrer Zweige war sie erwachsen, lang und mühselig mußten ihre Wurzeln sich strecken, um, die Felsenplatte umwindend, zu fruchtbarem Erdreich zu gelangen. Ihr Leben war ein unerhörter Kampf gewesen. Gegen eine Unmöglichkeit, zu bestehen, hatte sie sich zähe durchgetrotzt; nun war sie stark und stolz in junger Schöne.

»Die bleibt stehen,« sagte Herr von Kosegarten und klopfte mit dem Stock gegen ihren Stamm. »Ich habe es meiner Frau versprochen. Na ja – item –« Er trat näher. Die glatte Rinde trug ein borkiges Mal, ursprünglich war es ein Herz gewesen, das zwei Buchstaben umschloß. Ein F und ein M konnte man noch ungefähr entziffern. Die Zahl darunter bedeutete einen Zeitabschnitt von elf Jahren.

Der Förster steckte sein Buch in die Tasche. »Also die bleibt stehen,« wiedelholte er. »Dachte mir's schon. – Soll ich die Auktion noch mal im Blättchen anzeigen?«

»Ist wohl kaum nötig – die Hauptreflektanten wissen ja Bescheid. Kostet alles Geld, Schwarze –. Na, und wir brauchen die Leute nicht noch aufmerksam zu machen, wenn ich von meinem Wald was runterschlagen lasse.«

»Dann guten Morgen, Herr von Kosegarten!«

»Morgen, Schwarze!« Kosegarten faßte mit der Hand an die Mütze.

Der Förster blieb zögernd stehen. »Haben Herr von Kosegarten schon die Geschichte von Debberitzen gehört?«

»Debberitz? Welcher Debberitz? – Das Luder, das ich damals fortgejagt habe?«

»Nee, der nich. Der soll tot sein. Der Sohn ist es. Thete ... Herr von Kosegarten müssen ihn doch noch kennen. Er strolchte doch immer mit dem Herrn Fritz herum.«

»Natürlich – nun besinne ich mich. Thete! So'n strohköpfiger, rotznasiger Bengel. Was is denn mit dem?«

»Soll zu Gelde gekommen sein. Die Leute reden, er will sich hier ankaufen.«

»Nee, Schwarze, was Sie sagen? ... Will sich hier ankaufen? Is ja woll nich möglich!«

Der Förster spuckte aus als Zeichen seines Mißvergnügens. »Ich hörte gestern, er wäre in Schäfers Gasthof abgestiegen. Tritt mächtig großspurig auf, traktiert seine alten Schulfreunde mit Bier und Zigarren. Was weiß ich, ich bin nicht dabei gewesen.«

»So – so – der will sich hier ankaufen – na ja. Schwarze, erstaunen tut mich nichts mehr. Das Leben ist nun mal putzwunderlich.«

»Ja, Herr von Kosegarten, das is es. Das is es wahrhaftig. So en Kerl – so en Schindluder – und macht sich hier mausig. – Wenn dem sein Vater nicht ins Zuchthaus kam, hat er's doch nur Ihrer Güte zu verdanken. Morgen, Herr von Rosegarten!«

Der Förster stieg hinauf zu den Arbeitern.

Kosegarten stand in Gedanken. ... Debberitz, Thete Debberitz – und will sich ankaufen! Er sah in seiner Erinnerung den breitschultrigen Bengel und den pfiffigen Blick seiner kleinen, grauen Augen, und neben ihm sah er einen gertenschlanken Jungen mit blitzschneller Beweglichkeit der feinen Glieder und des hübschen Kopfes...

Ein Stöhnen ging aus der Brust des alten Herrn. Er näherte sich wieder dem unförmig und borkig gewordenen Liebeszeichen an der Buche und strich mit dem Finger langsam, scheu liebkosend um das Herz. Hier hatte sein Sohn vor elf Jahren von Glück und Jugend Abschied genommen. – Elf Jahre Sorgen, elf Jahre nutzlose Arbeit – alle Opfer umsonst gebracht – –

Hätte man klüger sein sollen und sich den Opfern entziehen wie so mancher andere? Wer kannte sich noch aus in dem, was man gesollt und nicht gesollt hätte! –

Der alte Mann blickte verworrenen Sinnes in die tosenden Wasser. Gleich einem Kind wurde er überfallen von der Sehnsucht nach pflegender Liebe, nach kleinen Aufmerksamkeiten, nach all dem Freundlichen, das ihn dort unten im Schloß empfangen sollte. Sein Auge wurde heller, er nahm sich in acht, einen Blick noch auf die Buche zu werfen. Was da hinten lag, mochte in der Vergangenheit bleiben. Er stieg energischer den schmalen, steilen Weg unter den taurieselnden Ebereschen und Hainbuchen am Wasserfall nieder und kam bald, dem Lauf des wilden Baches folgend, hinaus auf die sonnige Wiese.

Ein Herr ging an ihm vorüber und zog den Hut. Herr von Kosegarten dankte, leicht an die Jagdmütze greifend, wie er es gewohnt war in dieser Gegend, wo ihn jeder kannte und grüßte. Er hatte den ihm Entgegenkommenden nicht weiter angeschaut. Dann drehte er sich plötzlich um, blickte ihm nach, und in dem gleichen Augenblick wendete sich auch der andere und kam zögernd auf ihn zu.

Eine breite, plumpe Gestalt war es, doch in einer Kleidung, die nicht auf einen Landbewohner schließen ließ. In dem Schnitt von Rock und Hose verriet sich die Meisterschaft eines denkenden großstädtischen Schneiders. Das derbe Gesicht des Mannes bekam durch den aufgedrehten starken Schnurrbart etwas Unternehmendes, aus den Augen glitzerten Pfiffigkeit und eine vergnügte Zufriedenheit mit dieser angenehmen Welt.

Er hob den Hut noch einmal, so daß die Glatze sichtbar wurde, und sagte höflich: »Herr von Kosegarten kennen mich wohl nicht wieder?«

»Wüßte nicht,« brummte Kosegarten, dem der Mann mißgefiel und den überdies nach seinem Frühstück verlangte.

»Dann erlauben Sie mir wohl, daß ich mich vorstelle: Theodor Debberitz! ... Nun werden sich Herr von Kosegarten schon erinnern?«

Der alte Herr sah die pompöse Erscheinung verblüfft an und brach in ein lautes Gelächter aus.

»Potzdonnerschockschwerenot!« rief er, sich auf den Schenkel schlagend, »da soll doch dieser und jener die Kränke kriegen –. Ja, was hab ich denn vorhin gehört! Sie treten hier als Volksbeglücker auf! Na, alle Achtung! Sie scheinen es ja zu was gebracht zu haben.«

Der Mann lächelte, und dieses Lächeln ließ in seiner beleidigenden Überlegenheit die gute Laune des alten Gutsbesitzers so schnell wieder versiegen, wie sie gekommen war.

»Ich kann mich nicht beklagen, Herr von Kosegarten. Na ja, ein Stück Arbeit steckt auch dahinter ... Das hätten Sie wohl nicht gedacht, als ich die Ehre hatte, mit Ihrem Herrn Sohn auf dem Gutshof spielen zu dürfen ...«

Herr von Kosegarten reckte sich in die Höhe. Was unterstand sich der Kerl!

»Also – wünsche Ihnen ferner Glück zu Ihren Unternehmungen. Bin jetzt eilig.«

Er wandte sich zum Gehen. Der prächtige Mann schien die Verabschiedung nicht zu bemerken und blieb an Herrn von Kosegartens Seite.

»Sie lassen den Wald über dem Wasserfall schlagen?« fragte er ruhig.

»Wenn Sie gestatten, lasse ich den Wald an dem Wasserfall schlagen,« antwortete Kosegarten in gereiztem Ton.

»Tun Sie das doch lieber nicht,« sagte der Pompöse gelassen.

Herr von Kosegarten blieb stehen und stieß ein kurzes erbittertes Gelächter aus. »Sind Sie etwa Holzhändler? Oder was geht es Sie sonst an, ob ich in meinem Wald Holz schlagen lasse oder nicht?«

»Scheinbar geht mich das gar nichts an – gebe ich zu. Könnte mich aber später was angehen. Der Rauschenfall ist sozusagen die Perle der Gegend. Wird in jedem Reisehandbuch erwähnt. Mit Sternchen. Na, die Leute sind ja jetzt kolossal hinter so was her ... Naturschönheiten – was weiß ich ... Muß man in seine Spekulationen mit aufnehmen!«

Kosegarten blieb stehen. Über seine Stirn jagte dunkelrot das Blut des aufsteigenden Jähzorns. »Kerl, was wollen Sie eigentlich? Suchen Sie sich jemand anders für Ihre Späße.«

»Herr von Kosegarten, ich erlaube mir zu bemerken, daß ich mich Ihnen einfach als einen zahlungsfähigen Käufer für Rauschenrode vorstelle. Im ersten Moment sind Sie davon vielleicht verblüfft. Aber Sie werden schon auf die Chose zurückkommen. Sie können sich in Berlin nach mir erkundigen: Theodor Debberitz & Komp., bekannte Firma für Käufe und Verkäufe in Grund und Boden.«

»So – Sie betreiben Vermittlungen von Käufen?« fragte Kosegarten ein wenig sanfter und aufmerksamer. »Wer steht da hinter Ihnen?«

»In diesem Fall niemand. Rauschenrode will ich als einen Ruheplatz für meine alten Tage erwerben. Ja, Herr von Kosegarten, man hat doch so ne Art von Anhänglichkeit an seine alte Heimat ... Wo man die Tage der Jugend verlebte ... wie der Dichter singt ...«

»Na, nu hören Sie aber auf!«

»Herr von Kosegarten, ich habe mich in Ihrem Haus immer wohl gefühlt – die schönen Stunden mit Fritzen ...«

Eine Nachdenklichkeit kam über Kosegarten – eine müde Schwäche. So viel Geld hatte dieser Kerl erworben, daß er Rauschenrode kaufen wollte – mir nichts, dir nichts kaufen – wie man sich ein belegtes Butterbrot auf dem Bahnhof kauft, wenn man Hunger hat. Und Fritz? ... Der alte Schmerz quoll wieder auf, wurde gewaltig, jäh – betäubend – raubte ihm jeden klaren Gedanken.

Debberitz beobachtete aus kleinen, scharfen Augen den leeren, dumpfergebenen Blick des andern. »Wann darf ich vorsprechen, Herr von Kosegarten?« sagte er milde, in der Gewöhnung, bei solchem Geschäft alle Register von Stimmen und Tönen spielen zu lassen. »Sie können sich ja mal die Chose überlegen. Ich bin in Schäfers Gasthof abgestiegen. Empfehle mich, Herr von Kosegarten!«

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