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Der alte Hauptmann

Sophus Bauditz: Der alte Hauptmann - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorSophus Bauditz
titleDer alte Hauptmann
publisherRichard Hermes Verlag
printrun4.-7. Tausend
year1920
firstpub1913
translatorMathilde Mann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080527
projectid419d4344
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Ich hatte dem Hauptmann versprochen, Anfang April zu ihm zu kommen und nachzusehen, ob da noch Schnepfen seien, und ist freute mich schon im voraus sehr darauf; nicht, daß die Gegend um Hjortholm ein besonders gutes Revier gewesen wäre, sondern weil das Aufstöbern einer Schnepfe in Gesellschaft des Hauptmannes mir mehr wert war, als ohne ihn zehn aufzustöbern.

So verließ ich denn Kopenhagen eines Morgens und machte die lange Eisenbahnreise durch Jütland hinauf. Die meisten finden sie ermüdend und sehnen sich nur danach, an ihr Ziel zu gelangen. Für mich ist die Fahrt immer ein kleines Erlebnis: ich bin ja in Jütland – schon allein das ist genug! – und da ist immer etwas im Vorüberfahren zu sehen, finde ich.

Diesmal lag ja obendrein Frühling in der Luft, früher Frühling freilich.

Hie und da lagen noch Schneeschollen an den Nordseiten der Hecken, aber die Maulwurfhügel in der Wiese waren so schwarz und so locker, und rings umher auf dem Feld blitzten in den Niederungen kleine Seen, von denen die Generalstabskarte nichts weiß, und die, wenn ein frischer Südwind sie im Sonnenschein kräuselt, ganz meerblau sein können.

Wie unbarmherzig ist aber die Frühlingssonne – gerade so unbarmherzig wie eine unretouchierte Photographie von einem runzeligen Gesicht! Nicht nur wir Menschen sehen im April aus, als wären wir im letzten November zehn Jahre älter geworden, das ist auch mit der Staffage in der Landschaft der Fall: das Strohdach des Bauern hat Löcher an der Westseite, und der Zaun um den Garten neigt sich vornüber, die Strohmiete hat Schlagseite bekommen und der Kalkputz ist von der Scheunenwand abgefallen. Aber trotzdem liegt etwas ganz Unbeschreibliches, etwas Verheißungsvolles hinter all der Vergänglichkeit, und ich spähe aus dem betauten Fenster meines Abteils mit noch größerer Freude als in der Jugendzeit nach jedem kleinen Frühlingszeichen aus.

In dem kleinen Garten des Bahnwärters werden die Stachelbeerbüsche schon grün, und die Hühner des Häuslers geben auf eigene Faust ins Feld, um gegen Abend heimzukommen und Ostereier zu legen; an einer Stelle werden die Tannenzweige von einer Rose fortgenommen, an einer andern Stelle zieht man der Pumpe den Strohmantel aus, und dort unten – an dem kleinen See – teert der Fischer sein Boot – wenn es etwas ist, was Frühling bedeutet, so ist es ein Boot, das geteert wird.


Gegen Abend, als die Keile der wilden Gänse schnatternd über das Moor dahinzogen, kam ich an die Station. Der Hauptmann hielt dort mit seinem kleinen Gig, und dann fuhren wir dem Waldhäuschen zu.

»Ja, wie das Wetter morgen sein wird,« sagte er unterwegs, »dafür kann ich nicht einstehen – Sie wissen ja.

Die Silhouette des April –

Ein Regenschauer, der lachen will, aber der Frühling ist da, und bei mir zu Hause ist es herrlich:

Über der Hecke liegt grünender Schein,
Auf dem Giebel nisten Stare sich ein,
sind eben häuslich installiert.
Vorgestern hatten des Nachts wir Frost,
Doch die letzte Nacht mit Extrapost
Ist die Schnepfe arriviert.

Ja, wenn wir zuhause anlangen, können Sie sehen, daß es wahr ist, denn da hängen zwei Langschnäbel an der Mauer, die ich heute vormittag geschossen habe, und die wir morgen verzehren wollen – heute abend müssen Sie sich mit täglicher Kost begnügen!«

Aber die tägliche Kost schmeckt tadellos in des Hauptmanns Eßstube und in des Hauptmanns Gesellschaft; das tun auch die Pfeifen und der Grog, und es wird uns schwer, aufzubrechen. Aber einmal muß es ja sein, so sagen wir einander eine Gutenacht, und ich schlafe süß, bis mich der Hauptmann am nächsten Morgen weckt.


»Über Nacht haben wir Südwestwind und Sprühregen gehabt,« sagt er freudestrahlend – »also sind da Schnepfen! Und jetzt scheint die Sonne – so lange es währt – sehen Sie selbst!«

Und ich sehe zum Fenster hinaus, atme die kühle Morgenluft ein und genieße das Idyll, das vor mir liegt: Der Star sitzt auf seinem Stock und flötet, die Hauskatze Musch, die Diana wohl auf dem Hof, nicht aber in den Stuben duldet, ist draußen und schleckt Sonne, und die Spatzen zerhacken die gelben Krokus, so daß die Blütenblätter ringsumher auf dem Rasen herumfliegen.

Eine halbe Stunde später sind wir im Wald – nie ist er so groß und hoch wie im Frühling.

Die blanken Buchenstämme machen förmlich den Eindruck, als reckten sie sich und höben die Kronen in der starken Sonne hoch empor, aber die Eichen bemühen sich vergeblich, ihre krummen Rücken zu richten, und schämen sich offenbar, wenn sie die geraden, scharfen Schatten sehen, die ihre Nachbarn auf den braunen Laubteppich werfen können.

Die Weide unten im Erlenmoor hat schon gelbe Kätzchen, während die Kätzchen der Haselstaude erst im Aufblühen begriffen sind, und an einer vereinzelten Stelle steht schon eine blaue Anemone; sonst aber hat der ganze Wald unten wie oben diesen wunderlich zarten neutralen Farbenschimmer, der dem April so eigentümlich ist, – »Der Frühlingswald,« sagt der Hauptmann, »der erinnert mich im Ton immer an einen Eulenflügel – an einen weichen Eulenflügel, der alle Farben hat und doch keine Farbe – der Frühlingswald ist etwas ganz für sich!«

Nur die Tannen, namentlich die dunklen Edeltannen, verleihen dem Bilde Tiefe; sie stehen da wie Vordergrundkulissen, die im Laufe des Winters all das verlorene Grün an sich gesogen haben, und jetzt stolz darauf sind, es zeigen zu können – sie wissen ja, daß man vergißt, sie anzusehen, wenn erst alle Bäume in ihrem Blätterschmuck prangen.

In einem Teil des Waldes ist das Terrain stark koupiert, hier zieht sich eine tiefe, langgestreckte Schlucht zwischen dem Eichengestrüpp dahin, und auf dem Boden, wo es im Sommer ganz trocken ist, hüpft jetzt ein fröhlicher, kleiner Wildbach mit einem Fall hinter dem andern und mit silberweißem Schaum in den Stromschnellen. Hier ist ein schmaler Steg ohne Geländer und der Steg ist glatt, aber der Hauptmann geht aufrecht und sicher darüber hin, und als er auf der anderen Seite angelangt ist, bleibt er einen Augenblick stehen, lauscht und sagt: »Hören Sie nur, wie der Bach summt, und hören Sie die Orgeltöne des Südwindes drinnen aus dem Hochwald – das sind zwei von den Stimmen der großen Frühlingssymphonie, die zu hören man nie ermüdet – niemals! – Es ist doch schön von dem lieben Gott, daß er mich diesen Jubel noch einmal wieder erleben läßt – denn einmal muß es ja doch das letzte sein,« fügte er hinzu, »und eine Schnepfe wird ja auch die letzte werden!«

Aber keine von den Schnepfen des vorherigen Tages wurde diese letzte, denn einen Augenblick später steht Diana drinnen in dem niedrigen Buchenunterholz, die Schnepfe fliegt auf – Klapp, Klapp! – und steuert lautlos und geradlinig wie ein Pfeil zwischen den Eichen dahin. Der Hauptmann schießt, und die Schnepfe fällt – natürlich!

Das blieb aber auch die einzige, die wir an dem Tag fanden, aber was tat das: wir waren ja trotzdem alle beide sehr zufrieden mit unserem Jagdausflug.

Gegen Nachmittag gaben wir die Jagd auf und gingen über die Landstraße – die Viborger Landstraße – durch den Wald nach Hause. Als wir auf das offene Feld gelangten, wo die Sonne fast sengte, ward mir so warm, daß ich eine kurze Rast vorschlug. Dagegen hatte der Hauptmann nichts einzuwenden, nur bestand er darauf, daß wir die fünf Minuten bis zum Wier Hügel gehen sollten, um die Aussicht mitzunehmen, während wir ruhten. Das taten wir dann, warfen uns auf der Sonnenseite nieder und streckten die Glieder, zündeten die Pfeifen an, bewunderten die schöne, zusammengestimmte Farbenpracht der Schnepfe und erörterten die ewig neue Frage, ob man den Frühlingsstrich schonen solle.

»Nein, wie müde ich bin,« rief ich aus, als das Thema endlich erschöpft war.

»Ja, die junge Luft ist frisch aber stark,« erwiderte der Hauptmann und fuhr einen Augenblick später fort:

Im Frühling soll man frei und frank
Der Düfte Becher leeren,
Doch Frühlingsluft wie Ostertrank
Dir schweren Traum bescheren.

Das heißt, wenn man jung ist, dann sind Träume den Teufel auch nicht schwer, dann sind sie leicht und licht! Die Säfte steigen im Frühling in die Stämme, es gährt und siedet, und so ist es auch mit dem Menschen – wenigstens mit einem normalen Menschen – und Gott sei Dank dafür! – Freuen Sie sich, daß sie jung gewesen sind – das tue ich! Ach, wie bin ich jung gewesen! – Erinnern Sie sich noch der Geschichte aus dem alten Krug? So, also deren entsinnen Sie sich noch! Warum haben Sie mich denn nicht danach gefragt, ob ich später etwas von dem jungen Paar gehört habe, das an jenem Morgen von dannen zog – danach würde ich an Ihrer Stelle gefragt haben! So, daran haben Sie nicht gedacht – ja, dann muß ich wohl für Sie fragen und antworten! – Freilich, auf eine Weise – aber allerdings nur indirekt – habe ich wirklich eine Art Nachricht von dem Paar erhalten – oder vielmehr von der Braut – im Jahre darauf. – Ich habe Ihnen wohl noch nicht von der Eule erzählt, die wegflog – wie? – Nein, das dacht ich mir. Das ist eine richtige Frühlingsgeschichte, folglich paßt sie zu der Jahreszeit, und sie stammt aus meinen Leutnantstagen – sonderbar: obwohl ich jetzt über ein Menschenalter Hauptmann gewesen bin, fühle ich mich im Grunde noch immer wie ein Leutnant! – Nun, die Geschichte beginnt übrigens im Sommer!


Es war im Juli, in dem Sommer, nachdem ich die bewegte Nacht im Krug erlebt hatte.

Ich war ein paar Tage auf Audinghof gewesen und hatte eigentlich gedacht, zu Beginn der Entenjagd nach der Sleter Mühle zu reiten, aber dann sollte gerade an dem Tage ein großer Sommerball in Luisenhöhe stattfinden, das ja nicht mehr als eine gute Viertelmeile von Audinghof liegt, und so blieb ich denn.

An und für sich ist sowohl in Audinghof wie in Luisenhöhe gute Entenjagd – eine Unmenge von Mergelkuhlen und Mooren ringsumher in den Feldern, wissen Sie, auf denen jedes Jahr eine Masse junger Enten ausgebrütet werden, und wohin allabendlich noch mehr vom Strand her ziehen – aber in der Gegend, von der ich hier erzähle, lagen unglücklicherweise alle Kuhlen mitten im Korn, und selbst wenn ich Erlaubnis gehabt hätte, trotzdem da heranzugehen, so tue ich es nicht gern: Das Korn ist mir heilig – Sie entsinnen sich wohl der Geschichte von dem Mädchen, das auf das Brot trat!

Da war indessen ein Teich, oder vielmehr ein kleiner See, der Schwanenteich, wie er hieß, der nur gut hundert Schritte von dem Luisenhöher Park entfernt lag; da waren immer Enten, das wußte ich, und Bang auf Luisenhöhe hatte mir ausdrücklich Erlaubnis gegeben an dem Tag, wo die Jagd eröffnet wurde – das war also an demselben Tag, an dem der Ball stattfinden sollte – das Stück Wegs bis an den Teich durch den Roggen zu gehen, und dann – nun ja, Grundsätze hat man ja, um ihnen untreu zu werden.

Dieser Schwanenteich war nun ein merkwürdiges Gewässer. Kristallklares, kühles Wasser – es war wohl eine Quelle auf dem Grund – und an der einen Seite, an der nach dem Park zu, war das Ufer flach mit Sandboden, an der anderen Seite fiel es steil ab und war mit Weiden bestanden, die sich über das tiefe, dunkle Wasser neigten, wo sowohl Wasserlilien wie Wasserrosen wuchsen. Sollte ich erklären, weshalb mir der Schwanenteich immer als ein merkwürdiges Gewässer erschien, ja, dann weiß ich wirklich nicht, was ich sagen sollte, aber gar manches Mal, wenn ich an einem Herbstabend dort auf den Entenstrich gewartet habe, ist mir ganz unheimlich zu Mute geworden, ohne daß es mir selbst klar wurde, weswegen. – Überhaupt: ich bin nie bange vor Menschen gewesen, weder vor Freunden, noch vor Feinden, auch im Dunklen bin ich nicht graulig gewesen, aber ein Wald oder ein See – namentlich so ein kleines, verstecktes Gewässer – oder ein schwarzes Waldmoor – das kann mir förmlich Angst einflößen, und ich verstehe sehr gut den Aberglauben, daß ein Wasserloch oder ein See in sturmvollen Nächten nach Leichen schreien – können Sie das nicht auch verstehen?

Nun, an dem Tage, von dem hier die Rede ist, war da nichts Unheimliches, im Gegenteil: es war strahlender Sonnenschein, nicht eine Wolke am Himmel, und sengend warm. Ich gehe also an der Hecke, die den Luisenpark umgibt, entlang, bis ich an die Stelle komme, von wo der Weg bis an den Schwanenteich am kürzesten ist. Da sehe ich zu meiner größten Verwunderung und meinem größten Ärger, daß jemand vor mir auf dem Kriegspfad gewesen ist: das Korn war niedergetreten und in der Richtung nach dem Teich zu geknickt, und es war kein Wechsel, den Reineke Fuchs nach seinem Sommerbau gemacht hatte: es war ganz deutlich die Spur eines Menschen. Bang selbst konnte es nicht gewesen sein, er war ja kein Jäger, und er hatte auch anderen nicht erlaubt, dort zu gehen; das wußte ich; also war es ein Wilddieb – vermutlich Doktor Rasmus, der Esel! – der natürlich vor Sonnenaufgang dort gewesen war, ehe noch der Teufel Schuhe angezogen hatte. Da konnte ich mir wohl die Mühe sparen, dachte ich, denn jetzt waren da natürlich keine Enten mehr; da ich nun aber so weit gekommen war, so war es der Sicherheit halber wohl besser, den Teich einmal nachzusehen, und so ging ich denn, so vorsichtig wie möglich, durch das mannshohe Korn, meinen Hund auf den Fersen.

Als ich ungefähr zehn Schritte vor dem Ziel war, erwartete ich natürlich den »Steg« oder die »Spur«, oder wie man es nun nennen will, nach der Seite um den Teich herum abbiegen zu sehen – denn wenn man von dem flachen Ufer, wo seine Deckung war, auf die Enten zukam, so würden sie ja zu früh aufsteigen – aber, nein! Mein Vorgänger mußte gerade darauf losgegangen sein – das sah dem durchtriebenen Doktor Rasmus eigentlich garnicht ähnlich!

Ich bog natürlich ab und ging außen herum, bis ich in den Schutz der Weiden kam; jetzt war ich nur ein paar Schritte vom Rand entfernt, ich spannte die Hähne, lauschte und – drüben auf der anderen Seite rührte sich etwas im Wasser!

Ich hob die Flinte in halber Höhe und ging aus dem Korn heraus, und da ward mir ein Anblick zuteil, den ich nie im Leben wieder vergessen werde.

Draußen in dem klaren Wasser auf der anderen Seite stand zwischen den Wasserrosenblättern ein junges, nacktes Mädchen – das weißeste Weiß, die festlichste Schöne! Sie beugte sich herab und spritzte das Wasser mit den Händen über sich, so daß die Tropfen in der Sonne funkelten und zu Edelsteinen wurden, zu fließenden Edelsteinen, die in ihrem reichen, welligen Haar glitzerten und an ihrem schlanken Körper herabrannen; dann tauchte sie den Kopf unter die Wasserfläche, richtete sich wieder auf und stand in ihrer ganzen jungen Schönheit unter der strahlenden Sonne da.

Ich war wie gebannt, gelähmt, ich glaube nicht einmal, daß ich die Flinte gesenkt habe. – Ja, ich weiß recht gut, daß Sie vielleicht sagen werden: ich hätte mich gleich umwenden und meiner Wege gehen sollen – tat aber Aktäon das, als er Diana im Bad überraschte – nein! Und da hätten Sie es getan? Nein – ich will doch um Ihrer selbst willen hoffen, daß Sie es nicht getan hätten. Sie sind doch nur ein Mann! Und Sie müssen auch nicht glauben, daß ich auch nur einen Augenblick bereue, daß ich stehen blieb. Hunderte Male habe ich mit unkeuscheren Augen Damen in hohen Kleidern angesehen, als ich dies junge Mädchen im Schwanenteich ansah; ich hätte das Knie vor der Schönheitsoffenbarung beugen können, die mir hier, Dank dem lieben Gott, zuteil wurde, ja, das hätte ich können, weil er etwas so Schönes geschaffen und mir armen Sünder vergönnt hatte, es zu sehen! – Sie war für mich in diesem Augenblick garnichts Irdisches, sie war das Märchen selbst, das aus den Wolken herabgestiegen war, die Poesie des Lebens, die Gestalt angenommen hatte – und dann denken Sie sich doch: mitten am Tage. Ja, wäre es bei Mondschein gewesen oder im alten Hellas, das wäre etwas anderes gewesen, aber:

Ein Sommernachtstraum in Mittagsglut!
Ein klassisches Bild aus des Nordens Blut!
Von dem größten Meister ein lebend Gedicht,
Eine Schönheitsoffenbarung voll Glanz und Licht!

und obendrein hier zu Lande, drüben in Jütland! Nein, honny soit, qui mal y pense, und es würde mich nicht gewundert haben, wenn sie, die Prinzessin aus dem Morgenland, die im Schwanengewand hierher geflogen war, um das Bad der Verjüngung in den kühlen Wogen zu suchen, plötzlich ihre weißen Schwingen ausgebreitet und sich in die Luft erhoben hätte.

Das tat sie indessen nicht. Ich muß unwillkürlich eine Bewegung gemacht und gegen meinen Hund gestoßen haben, der wurde bange und stieß einen klagenden Laut aus, in demselben Augenblick wandte sie, die Märchenprinzessin, sich erschreckt um, und tauchte in das Korn hinab, und ich hörte sie an das Ufer eilen. Eine Weile später sah ich sie schleunigst dem Park zugehen – das heißt ich sah nicht sie selbst, sondern nur das Wippen des Roggens, der über ihrem Kopf zusammenschlug.

Dann ging ich nach der andern Seite des Teiches. Dort stand im Sand der Abdruck ihres nackten Fußes, und ein paar Schritte weiter in dem grünen Gras glitzerte etwas Rotes.

Ich nahm es auf, und wissen Sie wohl, was es war? Es war die Nadel mit der aus einer Koralle geschnittenen geballten Hand, die die Braut im Ulkenborger Krug getragen hatte!

Sie war es indessen nicht, die jetzt die Nadel verloren hatte, davon war ich fest überzeugt. es war nicht ihre Gestalt, die ich eben gesehen hatte – ganz sicher nicht – und außerdem: die Prinzessin aus dem Schwanenteich konnte nicht die Gattin eines Mannes sein, nicht wahr? Sie mußte »die Schönste der Schönen, eine holde Maid«, sein, wie Oehlenschläger sagt, nicht wahr? wie aber war denn die Nadel der Braut in ihren Besitz gelangt? Oder gab es zwei von derselben Art?

Da waren Rätsel genug, aber es sang förmlich in mir von Jubel auf dem Heimweg nach Audinghof; die schwirrenden Töne der Heuschrecken am Grabenrand klangen wie himmlische Geigen, und ich fühlte ein instinktmäßiges Bedürfnis, etwas zu tun, gleichgültig was: dem ersten besten Hirtenjungen, der mir begegnete, einen Taler zu schenken, meine Flinte in die Luft abzuschießen, oder ganz unmotiviert dem hübschen Hausmädchen auf dem Schloß einen Kuß zu geben – ich glaube fast, ich habe das Letztere getan!

Wer war sie? Nun, das würde ich ja am Abend erfahren, denn selbstredend war sie eine von dem Dutzend junger Damen, die in Veranlassung des Balles jetzt in Luisenhöhe waren, – Wie aber sollte ich das in Erfahrung bringen? Ich hatte ja nur einen einzigen Augenblick ihr Antlitz an der anderen Seite des Teiches gesehen, und ihre Gestalt – die würde in einem Ballkleid kaum wiederzuerkennen sein.

Nun, ich verließ mich darauf, daß wir einander auf irgend eine Weise finden mußten, und so ritt ich denn am Abend nach Luisenhöhe, meine Nadel in der Tasche.

Es währte nicht lange, bis ich herausbekam, welche von den jungen Damen auf dem Gut zu Gast waren, und an die hielt ich mich. Da waren Blonde, da waren Braune, da waren Kleine, und da waren Große, und da war nicht Eine, in die sich nicht ein Leutnant auf einem Sommerball hätte verlieben können – verlieben kann man sich ja in die meisten jungen Mädchen – aber die Schönheit, die Prinzessin, das war nach meiner Ansicht doch keine von ihnen.

Und dann waren sie doch alle zusammen so lieb und gut gegen mich, forderten mich im Freitanz auf, und kokettierten mit mir – ich war ausnahmsweise der Löwe des Abends. Aber wissen Sie, was ich glaube, woher das kam? Das kam daher, weil der Anblick, den ich am Vormittag gehabt hatte, noch gleichsam über mir lag. wenn einem Mann ein großes Glück widerfahren ist – ein erotisches Glück, oder wie Sie es nun nennen wollen – so leuchtet das aus ihm heraus; seine Haltung wird gleichsam aufrechter, er wird schöner und er wächst in seinen eigenen Augen und in denen der Frauen – wenigstens glaube ich das.

Nun, ich versuchte natürlich auf alle mögliche Weise zu erfahren, wer meine Unbekannte war, wer die Nadel verloren hatte. Der Einen gegenüber erwähnte ich ganz diskret den Schwanenteich, mit einer anderen sprach ich von dem Ulkenborger Krug, als ob das nutzen könnte! Ich brachte die Unterhaltung auf seltene Korallengegenstände, und ich machte eine Bemerkung darüber, daß man häufiger, als man glauben sollte, Gegenstände, die man verloren hatte, wiedererhielt. – Alles vergeblich – niemand biß darauf an! – Nicht, daß ich glaube, daß ich mich eigentlich zum Privatdetektiv geeignet hätte, ich habe es gewiß nicht sonderlich schlau angefangen! – Aber es war ja auch möglich, daß sie, die Rechte, sich nicht verraten wollte, dachte ich, oder vielleicht war sie auch gar nicht da? Das war allerdings höchst unwahrscheinlich, denn woher sollte sie sonst gekommen sein, wenn sie nicht nach Luisenhöhe hingehörte? Aber trotzdem konnte ich mich nicht entschließen, eine von den Anwesenden – ja, wie soll ich es nennen: unbeschreiblich genug zu finden, um meine Prinzessin zu sein. Und so legte ich denn, während einer Tanzpause, die Nadel auf einen Tisch im Kabinett hin, wo sie gesehen werden mußte: nun konnte die Besitzerin, falls sie hier war, sie ja wieder an sich nehmen, ohne sich zu erkennen zu geben.

Nach einer Weile sah ich nach dem Tisch hinüber, – die Nadel war verschwunden, sie war also hier! Mein Herz pochte, als solle es in Stücke zerspringen, und ich versuchte, das Geheimnis allen den Physiognomien abzulesen, von denen die Rede sein konnte, aber da war nichts zu lesen – das Ganze wurde immer unerklärlicher!

Aber es war trotzdem, ganz erklärlich, denn einen Augenblick später stellte sich der Wirt, Herr Bang, in die Tür des Tanzsaales, die Nadel in der Hand, und fragte, wer sie verloren habe. Ich tat erst, als wenn ich die Frage überhörte, und wartete darauf, daß sich die Rechte melden würde, als das aber nicht geschah, und Bang die Frage wiederholte, da meldete ich mich natürlich und bekam meine Nadel – ihre Nadel.

Und dann begab ich mich den nächsten Morgen ebenso klug, wie ich gekommen war, nach Audinghof zurück, und am Tage darauf ritt ich in meine Garnison.

Aber die Nadel trug ich immer bei mir, als eine Art Amulett, es war mir, als verknüpfe sie mich gleichsam mit der verschlossenen Märchenwelt, und ich hatte beständig ein Gefühl, daß sie einmal in die rechte Hand zurückgelangen würde.

Und dahin gelangte sie auch – schließlich!


Hier machte der Hauptmann eine kleine Kunstpause und sah zu mir hinüber, um sich zu vergewissern, daß ich nun auch hinreichend gespannt auf das war, was kommen würde. Als er aber eben wieder anfangen wollte, ertönte von Süden her Musik, Militärmusik, und wie ein altes Dragonerpferd bei den bekannten Tönen die Ohren spitzt, so fuhr der Hauptmann auf und sah zurück – es war eins von den Bataillonen aus Viborg, das auf Felddienstübung gewesen war, und jetzt in geschlossener Ordnung auf der Landstraße, die auf den Wald zuführte, heimmarschierte.

Es sah prächtig aus, und es klang brillant – wann klingt Militärmusik nicht brillant! – und dem Hauptmann standen während des Vorbeimarsches Tränen in den Augen.

Nachdem das Bataillon im Walde verschwunden war, kam der Adjutant, der einen ungewöhnlich feinen Fuchs ritt und selbst eine schöne, jugendliche Erscheinung war, im Galopp zurück und machte vor einem Hause Halt, wo er irgend einen Bescheid ablieferte. Dann sprengte er wieder dem Bataillon nach, in den Wald hinein, der sich um ihn schloß – es war ein schönes Bild.

Aber der Hauptmann war jetzt ganz bewegt, und als ich um den Schluß der Geschichte bat, sagte er, das habe Zeit, der Abend sei ja so lang, und dann gingen wir schweigend nach Hause.

Nun, seine Verstummtheit ging natürlich vorüber – sie währte nie lange Zeit – und er briet eigenhändig seine beiden Schnepfen nach allen Regeln der Kunst und bereitete »richtiges« Schnepfenbrot, dann verzehrten wir die Vögel in Andacht zu einer bestaubten Flasche Bourgogne, die der Kammerherr auf Svendsö ihm vor Gott weiß wie vielen Jahren geschenkt hatte, und der Hauptmann sagte: »Tadellos!«, als er das letzte Glas leerte.

Im Laufe des Abends, nach dem ersten Grog, begann er denn auch von selbst mit der Fortsetzung der Geschichte.

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