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Der alte Hauptmann

Sophus Bauditz: Der alte Hauptmann - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorSophus Bauditz
titleDer alte Hauptmann
publisherRichard Hermes Verlag
printrun4.-7. Tausend
year1920
firstpub1913
translatorMathilde Mann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080527
projectid419d4344
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An einem Sommernachmittag saß ich in der Wohnstube des Hauptmanns.

Wir hatten eigentlich in die Tviser Wiese hinab sollen, um Bekassinen zu schießen, aber es war Regenwetter geworden, rettungsloses Regenwetter, und in dem abgespannten Zustand, in dem sich jeder normale Mensch befindet, wenn er daran verhindert ist, das zu tun, was er sich vorgenommen hat, und unter der einschläfernden Wirkung, die ein anhaltender Sommerregen immer hat, sagte niemand von uns recht viel. »Der Hahn des Gewehrs war in Ruhe«, wie der Hauptmann zu sagen pflegte. Selbst die alte Diana konnte sich nicht dazu aufraffen, wie sie das innerhalb der vier Wände zu tun pflegte, von ihrem Herrn zu mir und von mir zu ihm zu gehen, um abwechselnd von uns beiden verhätschelt zu werden; resigniert und demonstrativ hatte sie sich vor der offenen Tür aufgerollt, wo sie unbeweglich lag und nur hin und wieder nervös zusammenzuckte, wie es Hühnerhunde tun, wenn sie lichte Träume von Fährten und Stand träumen.

Mein Blick fiel auf die alte Schatulle des Hauptmanns. Die Klappe war zurückgeschlagen, und eine der Schubladen mit dem gelb eingelegten Muster in dem braunen Holz stand offen.

»Was verwahren Sie da eigentlich, Hauptmann?« fragte ich nach einer langen Pause – mehr um etwas zu sagen, als um eigentlich eine Antwort zu erhalten.

»Ja, was ich da verwahre,« wiederholte er, »allerhand Verschiedenes, aber hauptsächlich alte Reliquien, die nur durch die Erinnerungen, die sich daran knüpfen, Interesse haben. – Aber sehen Sie selbst nach – es sind keine Geheimnisse!«

Ich folgte der Aufforderung und fing an, die Schublade zu durchstöbern, und bei jedem Gegenstand, den ich hervorholte, erhielt ich eine Erklärung.

Das Ritterkreuz hatte er aus Friedrichs des Siebenten eigener Hand im Jahre 49 erhalten, und das silberne Kreuz mit Christians des Neunten Namenszug war von 64. Die Spitzkugel – eine preußische – war als matte Kugel ein paar Schritte vor ihm in der Schlacht bei Schleswig niedergefallen, und der Granatensplitter – ebenfalls ein preußischer – stammte von Dannevirke. Dann kamen ein paar welke Sträuße, jeder sorgfältig in einen Briefumschlag gelegt – ich sah ihn fragend an.

»Ja, die Blumen habe ich aufbewahrt,« sagte er mit einem Lächeln, »aber die Briefe, die sie begleiteten, habe ich verbrannt, Ein braver Kerl nimmt die Blumen und die Küsse hin, die ihm geboten werden, aber er prahlt nicht damit, und es soll nichts Schriftliches nach mir gefunden werden, was Lebende oder Tote kompromittieren könnte.«

» Die hat wohl auch ihre Geschichte?« fragte ich und zeigte ihm eine danebrogfarbene Schleife.

»Na, und ob!« erwiderte er, »Aber von wem ich sie bekommen habe, weiß ich nicht. Sie war an einen Kranz gebunden, der mir aus einem Fenster in der Wimmelskaft zugeworfen wurde, damals als wir nach Beendigung des dreijährigen Krieges unseren Einzug in Kopenhagen hielten, und ich habe den Kranz mit meinem Säbel aufgefangen – ja, den Tag vergißt man nie im Leben! War das eine Stimmung, war das ein Jubel – das waren glückliche Zeiten!«

»Und was ist denn das?« fragte ich und hielt ihm eine kleine Schachtel hin.

»Das weiß ich wirklich nicht mehr – sehen Sie doch einmal nach.«

Ich öffnete die Schachtel. Ein kleines, rotbraunes, kegelförmiges Ding lag darin, offenbar mit der Hand geformt, und ein merkwürdiger, süßlicher, ekelerregender Geruch schlug mir daraus entgegen. Ich reichte dem Hauptmann die Schachtel, und er erwiderte:

»Mein Gott, ist es die! – ja, das ist, was man in alten Zeiten ein Räucherkerzchen nannte – man zündete die Dinger an der Spitze an und ließ sie dann stehen und verglimmen, während sie die Stube parfümierten. Aber die gewöhnlichen, die man in der Apotheke kaufte, waren freilich schwarz – und sie waren auch nicht von derselben Sorte wie das da – glücklicherweise.«

»Warum glücklicherweise?« fragte ich.

»Ach, weil – weil die roten Räucherkerzchen nicht gesund sind! – Mein Gott, ich hatte ganz vergessen, daß ich das Ding noch habe.«

»Woher haben Sie es denn?«

,Ja, das ist eine lange Geschichte, und –«

»Aber der Regen hört ja heute doch nicht auf,« unterbrach ich ihn, »dann können Sie sie mir ebensogut erzählen.«

»Meinetwegen!« erwiderte der Hauptmann, und dann erzählte er.

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