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Der alte Hauptmann

Sophus Bauditz: Der alte Hauptmann - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorSophus Bauditz
titleDer alte Hauptmann
publisherRichard Hermes Verlag
printrun4.-7. Tausend
year1920
firstpub1913
translatorMathilde Mann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080527
projectid419d4344
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Die Lichter auf dem Tisch waren während der Erzählung tief in den Leuchtern heruntergebrannt, und es war über Mitternacht, als wir zu Bette kamen, aber dann schliefen wir den nächsten Morgen eine Stunde länger und schossen trotzdem noch eine hinreichende Menge von den Laasbyer Enten.


Es war zu Anfang Juni.

Der Hauptmann, der insofern als »Jäger« auf Hjortholm fungierte, als er alles schoß, was auf dem Gut geschossen wurde, hatte mich gebeten, auf einen Bock zu pürschen, und eines Abends kam ich nach dem Waldhäuschen und wurde mit gewöhnlicher Gastfreundschaft empfangen.

An dem Abend wurde nun nicht viel aus der Unterhaltung: wenn man halb vier am nächsten Morgen geweckt werden soll, hat man in der Regel keine Lust, lange aufzusitzen, denn, wie der Hauptmann sagte, »das frühe Aufstehen am Morgen ist immer am schlimmsten am Abend vorher.«

Präzise um halb vier weckte mich mein Wirt, ich fuhr in die Kleider, trank die obligate Tasse Tee und eilte dann an den kleinen Wagen hinaus, vor den das alte Reitpferd des Hauptmanns gespannt war. Diana lag in ihrem Korb und guckte, das eine Auge halb geöffnet, uns nach, ohne sich zu rühren – ein anständiger Hund mißbilligt immer auf das Bestimmteste eine Pürschjagd, teils weil er weiß, daß er da nicht mitkommt, teils weil die Jagd zu einer so unvernünftigen Tageszeit vor sich geht.

Und dann fuhren wir – ich mit dem berühmten Drilling des Hauptmanns ausgerüstet – in den grünen, grünen Wald hinein.

Die Buche steht in ihrem schönsten Schmuck da, die Eiche hat sich eben mit dem ersten, zarten gelblichroten Laub bekleidet, aber die Esche besinnt sich noch.

Alles ist neu und üppig, Blatt und Gras sind so frisch, und überall herrscht eine verschwenderische Blütenpracht. Die Dolden des Faulbaums duften, und der weiße, rotgesprenkelte Spitzenschmuck des Weißdorns läßt den Schlehdorn ganz grau erscheinen; am Zaun blühen die wilden Rosen zwischen Brombeerranken und Geißblatt, und drinnen in dem Garten des Holzschuhmachers ist es ganz lilagelb von hochragendem Flieder und herabtropfendem Goldregen; die Apfelbäume sind gleichsam bedeckt von einem zarten rosafarbenen Schleier, und in dem kleinen Sumpf daneben heben sich die schwefelgelben Iris über das schwarze Moorwasser. – »Großartig,« sagt der Hauptmann.

Alles ist still, erwartungsvoll still, die Natur harrt noch auf das Wunder des Sonnenaufgangs.

Da rührt sich etwas – was ist das! – Es ist nur eine schwarzbunte Katze, die mit erhobenem Schwanz auf das Feld geht – wohl kaum, um mit Andacht der Frühpredigt der Lerche zu lauschen! Eigentlich sollte sie eine Kugel haben, die Räuberin, aber der Hauptmann erklärt, es sei die »Mies« von Holzschuhmachers Sidse, und dann bleibt sie am Leben.

Wir fahren an dem Moor dahin, an dem großen, endlosen Moor.

Der Nebel ruht feucht und dicht darüber und macht die bekannte Gegend so fremd und verworren. Das Moor gleicht einem Meerarm, der sich in das Land hineingedrängt hat, und die Hügelkette auf der anderen Seite ist die Küste jenseits des Wassers.

– »Das erinnert mich an den kleinen Belt an einem Sommermorgen im Jahre 49,« sagt der Hauptmann.

» Hier ist Fredericia und dort drüben liegt Hindsgavl – ja, das waren stolze Tage!«

Und dann bricht die Sonne aus dem Nebelmeer hervor, plötzlich, wie infolge einer Explosion. Die blutrote Scheibe hebt sich über den Horizont und zerstört im Nu den Nebelteppich, der sich in leichten Wogen zusammenrollt, die fliehen und schwinden, und dann ist das Meer wieder festes Land und bekanntes Land. Die Sonnenstrahlen glitzern in den Tauperlen auf dem Gras, spielen zwischen den Stämmen auf der Westseite, erleuchten und wärmen – jetzt erst merkt man, daß es kühl gewesen ist.

Und nun erwacht alles.

Ein Stück Wild springt über die Waldhecke, und in der Ferne brüllt eine Kuh; der Fasanenhahn kräht drinnen im Tannendickicht, der Kuckuck ruft, und die Holzhäher schreien. Eine Drossel schlägt Alarm zwischen den Haselbüschen, als sei es nicht ein einziger Vogel, sondern eine ganze Schar, und ringsumher, hoch oben und tief unten ertönt im Laufe von wenigen Minuten eine vielstimmige Morgenhymne von allen den kleinen Vögeln, die über das Geschenk des Lebens jubeln: »Es scheint die Sonn', es ist Tag, heller Tag!«

Nun kommt der Storch über das Moor dahergeschwebt, – mit langen, stolzen Flügelschlägen; ein taunasser Hase, schwarz und groß anzusehen, hüpft unbeholfen auf dem Weg dahin, ohne uns zu sehen, und da – nein, wie schön das ist! ganz vertrauensselig kommt eine Ricke aus dem Dickicht heraus, um ihr neugeborenes, geflecktes Kitz zu sonnen – ja, die Ricke weiß es wohl, daß zur Zeit weder ihr Leben noch das ihres Kitzes in Gefahr schwebt! –

Wir fahren wieder in den Wald hinein, eifrig nach einem Bock ausspähend, jeder auf seiner Seite.

Der Hauptmann kennt natürlich nicht nur seinen Wald in- und auswendig, sondern er hat auch einen Namen für jede Lichtung, jede Tanneninsel und jede kleine Moorstrecke; Namen, von denen viele des Versuchs einer ethymologischen Erklärung spotten. Das da ist der »Farnenberg«, und das da ist das »Gänsemoor«, und hier liegt die »Quellwiese« und dort hinten kommt »Franz Franzens Moor« – alle Einzelheiten erhalten gleichsam Individualität und neues Leben, wenn sie so benannt werden.

Und der Hauptmann kennt den Wildbestand. Im Eschenmoor, wo die Rinde an mehreren Stellen in Fetzen von den jungen Stämmen herabhängt, hat der gute Sechserbock neulich gefegt, aber heute ist er nicht da; zwischen den hohen Nesseln im Mühlenwald pflegt jeden Morgen ein Gabelbock zu stehen – da ist er! Kaum fünfzig Schritte vom Weg steht er mit gesenktem Hals, den Kopf versteckt, – jetzt hebt er ihn – nein, es ist eine Ricke.

Dann biegen wir vom Weg ab, in ein Dickicht hinein, wo nur eine undeutliche Wagenspur zu erkennen ist, und wo der Weg bald nach der einen, bald nach der anderen Seite abfällt, so daß wir dem Gleichgewicht nachhelfen müssen, indem wir den beweglichen Ballast bilden; schließlich hört die Wagenspur ganz auf, und wir fahren über den weichen Waldboden hin, hinweg über Gras und Himbeerranken, über knackende Aste und bemooste Steine.

Wir steigen vom Wagen – das Pferd hütet sich indessen selbst und schnappt Zweig auf Zweig von dem saftigen Buchenlaub – und gehen dann so vorsichtig und lautlos wie nur möglich nach dem Staarmoor hinab.

Drüben unter der großen Eiche, ganz da drüben auf der anderen Seite, steht ein Stück Wild. Der Krimstecher wird sicherheitshalber herausgeholt – ja, es ist ein Bock. Ich finde natürlich, daß die Entfernung zu groß ist, aber der Hauptmann sagt, ich soll schießen, und der Hauptmann ist gewohnt, daß man ihm gehorcht, also, den Drilling an die Wange und ruhig gezielt – ganz ruhig, wenn auch das Herz pocht und die Hand vor Spannung zittert – das ist fast zu viel verlangt! »Feines Korn, ja nicht zu hoch!« flüstert der Hauptmann, und dann fällt der Schuß – der Bock ist verschwunden, aber als wir hinüberkommen, wo er gestanden hat, liegt er auf dem Fleck in dem hohen Gras. Er hebt den Kopf halbwegs in die Höhe, fällt aber gleich wieder nieder, das Auge bricht – es ist, als wenn eine bläuliche, opalisierende Haut darüber gezogen wird – und dann ist er verendet – ein glücklicher Tod! Wir tragen ihn im Verein an den Wagen, steigen auf, zünden unsere Pfeifen an und schlagen die Richtung nach Haus ein.

Jetzt steht die Sonne schon verhältnismäßig hoch am Himmel; der Waldarbeiter geht an sein Tagewerk, grüßt uns und betrachtet voller Interesse den Bock hinten im Wagen, das Mädchen des Waldwärters ist auf dem Weg nach dem Melken, und die jungen Störche oben auf dem Dach gucken neugierig über den Rand des Nestes heraus, während der blaue Torfrauch aus dem Schornstein daneben davon zeugt, daß Feuer unter dem Kaffeekessel ist.

Wir kommen heim nach dem Waldhäuschen, das Pferd wird ausgespannt und der Bock abgeladen – der Hauptmann bricht ihn drüben am Giebel selbst auf.

Diana, die sich fest vorgenommen hat, die Beleidigte zu spielen, weil wir ohne sie fortgefahren sind, und die uns deswegen bei unserer Heimkehr nicht empfangen hat, kann doch ihrem besseren Gefühl nicht länger widerstehen, sondern kommt ganz langsam und ganz leise wedelnd auf uns zu. Mit ungeteiltem Interesse verfolgt sie das Aufbrechen, und als der Hauptmann ihr schließlich das Herz des Tieres gibt, scheint die Beleidigung vergessen zu sein; sie sieht verliebt zu der Leber hinüber, aber das fehlte noch – die ist ja unser Frühstück, und wie der Hauptmann es versteht, eine Rehleber zu bereiten – nein, das macht ihm niemand nach!

Als der Bock an einem der Haken des Giebels aufgehängt ist, und wir ihm mit Rücksicht auf die Fliegen den leeren Bauch mit frisch gepflückten Nesseln gefüllt haben, wäre es ja eigentlich am natürlichsten, sich nun in seinen »Bau« zu begeben und ein paar Stunden zu schlafen, aber als wir erst eine Pfeife angezündet und uns in die offene Tür mit der Aussicht auf den Wald gesetzt haben, und als der Hauptmann eine große Kanne Wasser aus der Quelle geholt hat, da sitzen wir so gut, daß niemand von uns der Erste sein will, der aufbricht.

»Stellen Sie sich vor, die Uhr ist nicht mehr als sechs,« sage ich, »und doch hat man schon das Gefühl, als hätte man gar nicht so wenig in dieser Morgenstunde ausgerichtet.«

»Das Gefühl habe ich auf alle Fälle an einem Sommermorgen gehabt,« erwidert der Hauptmann ernsthaft.

»Wo war denn das?«

»Das war am sechsten Juli nach der Schlacht bei Fredericia – den Morgen vergißt man nie! Vorher unten am Moor dachte ich gerade daran.«

»Ja, Sie sprachen ja von dem kleinen Belt und von der Fünenschen Küste. – Warum haben Sie mir eigentlich nie etwas von Ihren Erlebnissen von damals erzählt?«

»Von meinen Erlebnissen!« wiederholt der Hauptmann. »Was glauben Sie, das ein Gemeiner oder ein neugebackener Leutnant von einer Schlacht erzählen kann! Er sieht und faßt ja nur das auf, was er gerade vor Augen hat, und wenn er dann hinterher den Rapport des Oberkommandos hört, so wundert er sich manch liebes Mal darüber, daß wirklich seine Abteilung dieses oder jenes ausgeführt hat. Und dann sind es obendrein oft nur ganz wenige, scheinbar unbedeutende Einzelheiten, zufällige Augenblicksbilder, die überhaupt in der Erinnerung zurückbleiben. Für mich ist der Ausfall und der Sturm auf die Schanzen nicht das, was nur am klarsten in der Erinnerung steht, wenn Fredericia genannt wird. Es ist vielmehr die Morgenstimmung, der Siegesjubel nach der Schlacht, und dann – vielleicht am allermeisten – was voraus ging.«

»Meinen Sie die Belagerung und die Spannung vor der Entscheidung?« fragte ich.

»Auch das; in erster Linie denke ich aber an den Abend vor der Schlacht – das sind die märchenhaftesten Stunden, die ich jemals erlebt habe.«

»Wieso?«

»Ja, das war Karl Hortens Verdienst.«

»Karl Horten?«

»Ja, habe ich Ihnen nie von ihm erzählt?«

Ich schüttelte den Kopf, und dann legt der Hauptmann die Pfeife hin, trinkt ein großes Glas Wasser und erzählt.


Im Jahre 48 ging ich als Freiwilliger mit, wissen Sie, und 49 marschierte ich als Leutnant aus. Ich stand in Schleppegrells Brigade und war also während der ganzen Belagerung in Fredericia.

Zu Anfang, als sich die Deutschen damit begnügten, die Festung zu zernieren und ihre Batterien und Verschanzungen noch nicht angelegt hatten, war es ja ein verhältnismäßig friedliches Dasein: regelmäßig auf Vorposten, wo man gelegentlich zu einer kleinen, munteren Rekognoszierung alarmiert wurde, und im übrigen ein sorgenloses Leben mit den Kameraden, einfache, aber fröhliche Zusammenkünfte und Spaziergänge rund herum auf dem Wall, von wo man alles beobachten kann, was draußen vor sich geht.

Am liebsten stand ich, wenn ich keinen Dienst hatte, oben auf der Bastion Dänemark – der nordöstlichsten, wie Sie wissen, nach dem kleinen Belt hinaus – und an manch einem Sommermorgen habe ich von hier aus die entzückendste Aussicht über das Wasser genossen und gegen Norden nach dem Trelder Wald ausgespäht.

Hier war immer genug zu sehen. Bald kam von Hindsgavl eine Flottille von Billes Ruderkanonenbooten, um eine Demonstration gegen den Feind vorzunehmen – sie glichen mächtigen Wasserskorpionen mit vielen Beinen, die sich alle auf einmal bewegten, und es lag etwas eigentümlich Beruhigendes darin, die Fahrzeuge den Kurs innehalten zu sehen, auch wenn die feindlichen Kugeln gerade vor dem Steven in den Wasserspiegel einschlugen; bald war Unruhe zwischen den Vorposten – das brachte Leben!

Plötzlich ein Schuß von einer Vedette,
Aufblitzender Schein der Bajonette,
Man rühret die Trommeln, es tönt ein Horn.
Und die Reihen stürmen vorwärts durch taufeuchtes Korn!

– ja, so einen Sommermorgen vergißt man nie wieder!

Allmählich, als der Feind sein schweres Geschütz in Stellung gebracht hatte und allen Ernstes anfing, die Stadt zu bombardieren, wurde es ja weniger gemütlich. Immer mehr Häuser wurden eingeäschert oder beschädigt, mehrere von der Besatzung wurden getötet oder verwundet und der größte Teil der zivilen Bevölkerung der Stadt verzog sich.

Nun, man gewöhnt sich ja schnell an alles, auch an Bomben. Am Tage sieht man so ein Ding als winzig kleinen, schwarzen Punkt, ungeheuer hoch oben, und man meint immer, daß sie absolut direkt einem auf den Kopf fallen muß, was sie doch nur sehr selten tut. Platzt sie in der Luft, so entsteht zuerst eine kleine, kreideweiße Wolke, dann hört man ein scharfes Geknatter, darauf ein Geräusch, als wenn ein Volk Rebhühner auffliegt. Des Nachts sieht man natürlich mehr; dann zieht die Bombe einen Feuerschwanz hinter sich drein wie ein Komet, und platzt sie an der Erde, so steigt eine ganze Fontäne aus ihr heraus, prachtvoll, sage ich Ihnen, aber selbstverständlich nicht ohne Risiko!

Mit der Verpflegung war es natürlich nur so so la la, und viele klagten jammervoll darüber, aber ich habe immer eine gewisse Anlage gehabt, eine Scheibe Speck oder andere Naturalverpflegung auf der Pfanne prasseln zu machen, daß es nach etwas aussieht und nach etwas schmeckt, und außerdem will ich auch nicht leugnen, daß zuweilen auch etwas anderes auf die Pfanne kam als gerade Naturalverpflegung. – Mein Gott, man ist ja so oft empört darüber, daß sich der Soldat In Kriegszeiten etwas »gampft«, aber kann es ihm eigentlich jemand verdenken, daß er in einer eingeschlossenen Festung von den Gottesgaben ißt und trinkt, die er findet – ich jedenfalls nicht! Ich gestehe ganz offen, ich habe längere Zeit herrlich gelebt von einer halben Elle Mettwurst, die ich in einem Schornstein eines abgebrannten Hauses hangen fand – sie war ja freilich ein bißchen extra geräuchert, wie Sie sich denken können! – und ich schäme mich nicht, daß ich allmählich all den Wein ausgetrunken habe, der in dem Keller lag, da, wo ich mich einquartiert hatte – das war in einem alten Kaufmannshaus in der Prinzessinnenstraße; der Besitzer war mit seinem ganzen Hausstand geflüchtet, aber ich bezahlte ihm selbstredend später den Wein, und ich glaube nicht, daß er einen schlechten Handel dabei gemacht hat.

Es war übrigens ein vorzügliches Quartier, so lange es währte! Sofa, Klavier und Lehnstühle im Wohnzimmer – ganz herrschaftlich – und das Schlafzimmer mit zwei tadellosen Betten lag nach einem kleinen Garten hinaus, wo an der Wand eines Wirtschaftsgebäudes die schönsten Rosen blühten – Centifolien, wissen Sie; wenn ich das Fenster öffnete, strömte der Duft zu mir herein, eine ganze Sommerbrise von süßem, berauschendem Wohlgeruch – keine Rosen duften doch wie die alten Centifolien!

Nun, nach und nach wurde ja der Dienst streng, der Feind rückte uns näher auf den Leib, immer mehr Mörserbatterien eröffneten ihr Feuer, und manch liebes Mal konnten mehrere Tage vergehen, ohne daß man aus den Kleidern kam.

Eines Nachts hatte ich die Wache in dem Blockhaus, das, südlich von der Festung zwischen der Überschwemmung und dem Strand lag, und das die Leute »Lundings Lust« nannten, weil es ganz allgemein hieß, daß der Kommandant ihm eine besondere Bedeutung beilegte. Das steht fest, er hatte dem Leutnant, der da draußen fallen würde, ein Begräbnis mit Majors-Ehren versprochen, und das war ja sehr ermunternd für einen jungen Ehrgeiz, – Nun, ich fiel ja nicht und kam auf die Weise um die Honneurs herum, aber als ich am Morgen aus dem Blockhaus wieder ausrückte und nach Hause in die Prinzessinnenstraße kam, da hatte eine Bombe freilich die Herrschaftlichkeit ein wenig reduziert. Sie war durch das Dach gegangen, gerade durch den Dachfirst und war in der Wohnstube geplatzt; der Fußboden war halb aufgerissen, ein Stück Mauer war herausgeschlagen, und das Klavier hatte ein Bein verloren. Das Schlafzimmer aber war fast unberührt und meine Rosen dufteten nach wie vor. Es kann ja nichts nützen, es leugnen zu wollen: je längere Zeit verging, um so unbehaglicher wurde es in Fredericia, und während zu Anfang hie und da einmal eine Bombe gefallen war, so fielen jetzt so viele, daß man es aufgab, sie zu zählen. Nun, offen gestanden, es war gewissermaßen eine Erleichterung, denn man hörte schließlich ganz auf, sich vor ihnen zu ducken, ganz so, wie man bei Regenwetter anfänglich immer unter einem Baum oder hinter einem Zaun Schutz sucht, aber wenn es wirklicher Platzregen wird, so daß man sich doch nicht dagegen wehren kann, schließlich Schutz Schutz sein läßt und seinen Weg geht, als wenn es eitel Sonnenschein wäre.

Eine große Ermunterung war es ja, daß alle Abteilungen – jedenfalls alle Abteilungen der Infanterie – abwechselnd vier, fünf Tage zur Zeit drüben auf Fünen waren.

Das war eine Veränderung! Stellen Sie sich vor, was das heißt, aus dem belagerten Fredericia, aus angestrengtem Vorpostendienst, Wache im Blockhaus oder auf dem Wall, von Bomben und Naturalverpflegung weg, nach dem herrlichen Garten Fünens hinüberversetzt zu werden und den Frieden zu genießen! Das Korn wogte auf dem Felde, der Flachs läutete mit seinen blauen Glocken, und die Lerche sang – ich erinnere mich noch, daß ich mich geradezu darüber wunderte, daß sie so fröhlich und ruhig singen konnte, ganz, als gäbe es nichts, was Krieg heißt!

Drüben in Hindsgavl, da war das Hauptquartier, und abends spielte die Brigademusik im Hindsgavler Walde. Dann hielt in der Regel der alte, prächtige General Schleppegrell – alt war er ja nun übrigens garnicht – zu Pferde und sah zu, wie Offiziere und Mannschaften sich im Tanz mit den Damen und Mädchen der Umgegend drehten – einen Standesunterschied gab es nicht. Den Mützenriemen hatte der General immer unter dem Kinn, und vergnügt sah er aus – geradezu strahlend vergnügt, mochte er Zuschauer bei dem Tanze oder bei einem Sturm sein – aber einen gewaltigen Respekt hatte man vor ihm, das ist sicher! Ich sehe ihn nach so deutlich vor mir, dort draußen unter den Hindsgavler Buchen, den einen Tag auf seinem Rappen, den andern auf seinem Fuchs – die beiden Pferde waren ja in der ganzen Brigade bekannt.

Es waren wunderbare Abende, und vernahm man dann drüben von Fredericia her plötzlich dumpfes Dröhnen, und sah man die gebogenen Feuerlinien über der Stadt, ja, dann verlieh das dem friedlichen Idyll nur noch mehr Reiz, und man ließ sich weder bei seinem Tanz noch beim Kurmachen stören – es ist ja ein beneidenswertes Leben, unter Feldverhältnissen Uniform zu tragen.

Niemals fallen so viele Küsse für den Soldaten ab, und selbst wenn der Krieg die Reihen lichtet, so hilft er dafür auch die Bataillone der Zukunft rekrutieren. – Da, ich will das nicht verteidigen – keineswegs – aber es ist sehr schwer, Heiliger zu sein, wenn man auf Feldfuß lebt!

Nun, drüben in Hindsgavl war es übrigens leichter, ein Heiliger zu sein, da die Offiziere der ganzen Brigade sämtlich in die schöne Liese verliebt waren – so sonderbar es klingen mag, ich ahne nicht, wie sie mit Nachnamen hieß.

Sie war eine Nichte – oder auf alle Fälle eine Verwandte – eines Gutsbesitzers dort in der Nähe, und sie war jeden Abend im Hindsgavler Walde. Eine regelmäßige Schönheit war sie vielleicht nicht einmal, aber über ihrer ganzen Erscheinung lag etwas so – ja, etwas so Dänisches, so Kerngesundes, und dabei war sie so allerliebst – so »wohltuend allerliebst«, wie mein Hauptmann sagte.

Auch sie kann ich noch vor mir sehen,

Haar so gelb wie des Adlers Klau',
Tief wie das Meer der Augen Blau;
Der Busen so voll und der Arm so rund,
wie zum Kuß geschaffen der rosige Mund –

Aber es bekam doch niemand Erlaubnis, den Mund zu küssen! Sie war gleich freundlich und gleich natürlich gegen alle, aber darüber hinaus – nein! Zuweilen bildete ich mir ja freilich ein, wenn wir zusammen tanzten, und ich mir zum Dank erlaubte, ihre Hand zu drücken, daß ich einen schwachen Druck wieder verspürte, aber den gab sie auch wohl den andern, dachte ich mir dann, und war deswegen nicht im geringsten eifersüchtig auf die Kameraden.

Am letzten Abend, als ich zum Tanz in Hindsgavl war, traf ich unvermutet meinen Freund Karl Horten.

Er war ebenso wie ich als Freiwilliger beim Ausbruch des Krieges 48 mitgegangen, und war wie ich Leutnant geworden, aber ich hatte ihn eine geraume Zeit nicht gesehen, denn einmal war er in ein anderes Bataillon versetzt, zum anderen hatte er längere Zeit krank im Billeshaver Lazarett gelegen.

Jetzt hatte er sich eben wieder zum Dienst gemeldet, genug, um bei der Entscheidung mit dabei zu sein. von der wir alle ein bestimmtes Gefühl hatten, daß sie in der Luft lag.

Karl Horten ist einer von den Menschen, die ich am innigsten geliebt und am meisten bewundert habe.

Er war einige Jahre älter als ich, war Student und hatte angefangen, Theologie wie auch Medizin zu studieren, glaube ich, aber ohne sich bei einem der Studien beruhigen zu können. Dann hatte er auch kurz vor Beginn des Krieges einen Band Gedichte herausgegeben – anonym. Die hatten offenbar keinen Erfolg gehabt, und verdienten es auch wohl nicht, aber daß er doch ein Dichter war, oder es werden würde, davon war er selbst und auch ich fest überzeugt.

Nie habe ich jemanden gekannt, den ich in so hohem Maße eine poetische Natur nennen könnte. Er konnte sprudelnd lebhaft und tief niedergebeugt, exaltiert, begeistert und gemütlich-kameradschaftlich sein, und dabei war er empfänglich für jede Stimmung und hatte unwillkürlich Einfluß auf alle, mit denen er in Berührung kam. Er war einer der kühnsten Soldaten, die ich je gesehen habe, vergöttert von den Leuten und beliebt bei allen Kameraden.

Ihm war der Krieg gerade recht gekommen; die ewige Unruhe des Feldlebens paßte zu seinem unruhigen Sinn, und ich glaube eigentlich, ihm graute oft vor dem Gedanken, wie es ihm ergehen sollte, wenn einmal Friede würde und er wieder an demselben Ort unter ruhigen, täglichen Verhältnissen leben sollte.

Sein eigentlicher Traum war wohl von Anfang an gewesen, wie ein Ronget de l'Isle eine dänische Marseillaise in der Nacht vor der Schlacht zu schreiben und als berühmter Mann heimzukehren, aber bisher hatte er sich freilich damit begnügen müssen, wo er auch im Quartier gelegen hatte, seine Umgebung dadurch zu erfreuen, daß er die Lieder anderer zu eigener Begleitung sang – er war sehr musikalisch und komponierte auch ein wenig. Namentlich Heibergs unvergleichliche »Gassenlieder« sang er, und nie habe ich sie jemand so vortragen hören wie ihn, mit einem solchen Glauben und einer solchen Frische der Improvisation.

Ich brauche wohl nicht zu sagen, daß alle Frauen, wohin er auch kam, in ihn verliebt waren, und zwar von dem Edelfräulein bis zum Hühnermädchen – er nahm sie alle im Sturm gefangen! Ich entsinne mich noch eines Pfarrhofes in Sundeved, wo er und ich zusammen mit einem Kameraden – er hieß Zimmer und fiel später bei Idstedt – im Jahre 48 im Quartier lagen. Da waren drei Töchter, nette, gutmütige Mädchen, und obwohl wir nur eine Nacht dort gelegen hatten, weinten sie alle drei, als ob sie geprügelt würden, als wir am nächsten Morgen zum Abmarsch ausrückten. Rimmer und ich taten ja freilich so, als wenn wir glaubten, daß die zwei von ihnen um unsertwillen weinten, aber sie weinten, weiß Gott, alle drei um Horten; das ist bombensicher!

Mich hatte er in sein Herz geschlossen – ich glaube eigentlich ursprünglich, weil er mich als eine Art Kollegen auf dem Gebiet der Dichterei betrachtete, da ich ja immer die Gewohnheit gehabt habe, hin und wieder ein paar gereimte Zeilen in meine Rede hineinzustreuen – und ich kann wohl sagen, daß ich sein Gefühl aus ganzem Herzen vergalt: ich liebte ihn wie einen teuren Bruder, und ich sah zu ihm auf. Es versteht sich von selbst, daß er und ich unbeschreiblich glücklich waren, als wir uns an jenem Abend in Hindsgavl wiedersahen. Ein wenig abgezehrt und bleich sah er aus nach der Krankheit, aber die Laune war glänzend, und er tanzte wie der Fröhlichste von den Fröhlichen – er tanzte natürlich tadellos! – am meisten mit Lise.

Gegen Mitternacht wurden wir nach Fredericia zurückgeführt. Man wurde in Transportfahrzeugen eingeschifft, wo man zusammengedrängt wie die Heringe in einer Tonne stand, dann schleppte der Dampfer die Fahrzeuge hinüber an die Brücke vor dem Kastell, und da ging man an Land.

Über dieser Fahrt lag immer eine eigentümliche Stimmung. Die Deutschen sandten uns regelmäßig ein paar Bomben nach, denn sie wußten ja, um welche Zeit der Transport stattfand, und hätten die uns getroffen, so wären wohl kaum viele lebend in Fredericia angelangt; daran dachte man indessen nicht – wenigstens nicht lange – man fühlte sicheren, festen Grund unter den Füßen auf Deck des Prahms, und sah in der hellen Nacht abwechselnd hinüber nach Jütland und zurück nach Fünen – nie sind mir die hellen Nächte so hell erschienen wie damals.

Nun, als wir in jener Nacht nach der Festung zurückgekommen waren, nahm ich Horten mit nach Hause in mein Quartier und bot ihm mein bestes Bett an – sie waren übrigens wohl beide gleich gut – und dann schliefen wir süß bis zum nächsten Morgen, – es wird der 4. Juli gewesen sein.

Erst am Morgen sah ich, was geschehen war, während ich auf Fünen gewesen: das Wirtschaftsgebäude war niedergebrannt. Die Mauern standen, aber meine schönen Rosen waren weggesengt; nur ein einziger Zweig trug noch eine ganz frische Knospe, der Zweig selbst war aber von der Hitze verdorrt, dem Tode geweiht.

Lange dachte ich freilich nicht an die Rosen – anderes und wichtigeres legte Beschlag auf unsere Gedanke».

Daß ein Ausfall unmittelbar bevorstand, mußte nämlich einem jeden klar sein. Neue Truppenabteilungen, die man bisher nicht gesehen hatte, ließen sich in den Straßen blicken, und es kamen immer mehr – es waren die Brigaden de Mezas und Ryes, die allmählich von Alsen und Helgenäs übergeführt wurden.

Man hatte so lange darunter gelitten, nur die Eingeschlossenen zu sein, daß der Gedanke, endlich einmal Luft zu bekommen, einen natürlich mit Freude erfüllte, – hinaus, nur hinaus, auf das offene Feld, wenn da auch noch so viele feindliche Verschanzungcn waren – so lautete die Losung.

Ich hatte aber eine ganz persönliche Sorge, nämlich Horten.

Er, der Kühnste der Kühnen, er, der noch am vorhergehenden Abend drüben in Hindsgavl der Fröhlichste unter den Fröhlichen gewesen, er war wie verwandelt. Elend sah er aus und mehr als nervös war er, antwortete kaum auf das, wonach man ihn fragte, und rührte nicht den delikaten, durchwachsenen Speck an, den ich auf der Pfanne gebraten hatte.

Wir gingen zusammen die Prinzessinnenstraße hinab, als eine Bombe in eins der Häuser an der Seite niederfiel; die Dachsteine prasselten herunter – es war ein abscheuliches Geräusch – fast im selben Nu ertönte ein Krachen, und dann fiel ein Stück von der Seitenwand auf den Bürgersteig hinaus. Ich wollte weitergehen, Horten aber blieb, leichenblaß und am ganzen Leibe zitternd, stehen. – »Bist du verwundet?« fragte ich. – »Nein,« erwiderte er und nahm sich soweit zusammen, daß er mitkam, aber wunderlich schwankend und unsicher war sein Gang.

– »Daß man auch verdammt sein muß, hier drüben zu sein,« rief er plötzlich aus, »und nicht fortkommen kann – das ist nicht zum Aushalten!«

»Fort!« wiederholte ich. »Wohin?«

»Nach Fünen,« antwortete er.

Ich sah zu ihm auf, er schlug den Blick nieder.

Nun ist es ja eine bekannte Sache, daß der Mutigste plötzlich Anfechtungen bekommen, einer dunklen Ahnung unterliegen und seiner eigentlichen Natur ganz untreu werden kann, und so dachte ich mir denn, daß Horten, der ja eben erst aus dem Lazarett kam, noch nicht ganz genesen sei, und sagte:

»Melde dich doch krank – du bist zu früh entlassen!«

Er wurde dunkelrot – offenbar bei dem Gedanken, daß ich ihn auch nur einen Augenblick für feige hatte halten können – und rief:

»Ich mich krank melden! Heute, wo die Entscheidung vor der Tür steht – nie im Leben! Glaubst du vielleicht, daß ich –«

»Nein, das glaube ich nicht,« erwiderte ich und wollte noch etwas hinzufügen, als ich in demselben Augenblick von einer Ordonnanz eingeholt wurde, die mir den Befehl überbrachte, während der Nacht nach Fünen hinüberzugehen und einem der Bataillone, die noch nicht übergeführt waren, einen Befehl zu bringen; am nächsten Tag, also am 5ten, sollte ich mich in der Festung zurückmelden.

Als ich Horten erzählte, was mir die Ordonnanz gebracht hatte, stand er einen Augenblick still und besann sich, und dann sagte er:

»Kann ich nicht statt deiner hinübergehen?«

»Bist du verrückt, Mensch,« erwiderte ich, »der Befehl war ja für mich und nicht für dich!«

Dann stand er wieder einen Augenblick still und besann sich, und sagte darauf feierlich:

»Kamerad, willst du mir einen Gefallen tu»?«

Ja, natürlich wollte ich das.

Und dann kam es ganz exaltiert und stoßweise, heraus.

Er hatte sich verliebt – zum erstenmal in seinem Leben – hatte sich in die schöne Lise verliebt. Er hatte sie schon mehrmals getroffen, aber erst an jenem letzten Abend war es ihm klar geworden, daß sie die Rechte, die Einzige sei. Er hatte es ihr sagen wollen, ehe er Hindsgavl verließ, aber da war sie schon fortgewesen. Und jetzt konnte er sich gar nicht vorstellen, daß er in den Kampf gehen sollte, ohne die Gewißheit zu haben, daß auch sie ihn liebte – was er hoffte, ohne sich jedoch darauf verlassen zu können. Und nun sollte ich, da er ja an den Fleck gebunden war – sie aufsuchen, seine Sache führen und ihr Ja – oder Nein mitbringen.

Das war ja ein höchst aparter Auftrag. Aber ich sah Hortens bleiches Gesicht an, in dem es um die Mundwinkel zuckte, ich hörte seine zitternde, halb heisere Stimme, und dann versprach ich zu tun, um was er mich bat – so weit die Zeit und der Dienst es mir gestatten würden.

Ich kam nach Fünen hinüber und überbrachte dem Bataillon den Befehl, und ich hatte noch ein paar Stunden zu meiner Verfügung.

So begab ich mich denn auf das Gut, wo Lise wohnte, bat, mit ihr reden zu dürfen, und ging mit ihr in eine Lindenlaube, wo wir uns setzten, – ich entsinne mich noch ganz genau, daß die Bank grün gestrichen war.

Ich hatte früher nie für mich selbst gefreit – wenigstens nicht richtig – geschweige denn für einen andern, und ich war wohl ebenso verlegen wie Lise, als ich anfing.

Was ich sagte, das weiß ich natürlich nicht; in einer solchen Stunde kommt es übrigens weniger auf das an, was gesagt wird, als darauf, wie man es sagt – c'est le ton, qui fait la chanson, wie der Franzose sagt – aber ich fing denn ungefähr so an, daß da ein Offizier sei – sie errate wohl wer – der sich nicht vorstellen könne, in die Schlacht zu gehen, ohne vorher zu wissen, ob diejenige, die er in sein Herz geschlossen habe, ihn auch liebe, und deswegen sollte ich – ja, so weit kam ich und vorläufig nicht weiter.

Denn Lise, die zu Anfang meiner Rede dagesessen und ihr Schürzenband ein paarmal aufgelöst und wieder zugeknöpft hatte, und schließlich damit endigte, die Bänder zu verknoten – fuhr von der Bank auf und legte den Arm um meinen Hals, barg erst ihren Kopf an meiner Brust und endete damit, mich zu küssen.

Es ist dies wohl das einzige Mal in meinem Leben, daß ich nicht wieder geküßt habe, aber ich war ja in dienstlichem Auftrage hier – als Vertrauensmann eines Kameraden – also nichts von dergleichen – selbstverständlich!

Und so befreite ich mich denn sanft aus ihren weichen Armen und sagte ihr, wie sich die Sache verhielt, daß Nicht ich es sei, sondern Horten, und daß ich nur in seinem Namen geredet hatte.

Sie erwiderte kein Wort, sondern entschlüpfte mir wie eine scheue Hündin – die Antwort war ja auch deutlich genug.

Am Nachmittag kehrte ich nach Fredericia zurück.

Der arme Horten stand an der Landungsbrücke – da hatte er wohl lange gestanden – und kaum war ich an Land gekommen, als er schon auf mich zustürzte und fragte:

»Hast du sie getroffen?«

Ich nickte.

»Und was hat sie geantwortet?«

Er hatte mich beim Handgelenk gepackt, und ich fühlte, daß seine Hand kalt wie Eis war; ich warf ihm einen Blick zu und sah, daß er wie Espenlaub zitterte, und dann – ja, dann kam der Mut der Feigheit über mich, und ich antwortete:

»Sie hat Ja gesagt!«

Nie im Leben habe ich eine solche Veränderung gesehen, wie sie mit Horten vorging. Er umarmte mich, er preßte mich an sich, er warf seine Mütze in die Luft und sang aus voller Kehle, und plötzlich rief er:

»Jetzt sollen Lise und das Bataillon Ehre von mir haben!«

Und damit stürzte er von dannen.

Ich ging nach Hause in mein Quartier, warf mich auf das Bett und versuchte, ein wenig Ruhe zu finden. Aber das ging nicht so leicht – fortwährend mußte ich an das denken, was ich getan hatte, und wie die Sache enden sollte. Endlich gegen Abend war ich dennoch eingeschlafen, aber plötzlich wurde ich durch jemand geweckt, der schnell die Tür aufriß – es war Horten.

Er sah überirdisch strahlend aus.

»Nun habe ich ein Lied gedichtet,« rief er aus, »ein Lied, wie es seinesgleichen nicht in der dänischen Poesie gibt, und du sollst der Erste sein, der es hört! In acht Tagen wird es von jedem Soldaten in der Armee, im Biwak und in der Sturmkolonne gesungen werden, und dein Kamerad wird ein berühmter Mann sein – aber Lise hat ihn dazu gemacht! – Hilf mir nur, das lahme Klavier auf die Beine Zu bringen, damit ich singen kann!«

Mt vereinten Kräften stellten wir eine Kiste und meinen Koffer unter das Klavier, statt des fehlenden Beines, dann setzte sich Horten davor, schlug ein paar Akkorde an und sang sein Lied.

»Es waren vier, fünf Verse, glaube ich, und ein Refrain – dessen erinnere ich mich ganz genau.

Die Melodie – sie war von ihm selbst, ich kannte sie jedenfalls nicht – glaube ich zuweilen noch inwendig hören zu können, versuche ich aber, sie laut zu singen, so verschwindet sie sogleich, bleibt weg, weit draußen, wo nichts ist. Und der Text, ja, von dem Text erinnere ich mich auch keines Wortes, buchstäblich nicht eines einzigen Wortes; nie im Leben aber hat mich etwas so hingerissen wie Hortens Gesang. Es klang durch ihn die Begeisterung hindurch, die mit fortreißen mußte, fand ich, und alles klang durch das Lied hindurch: Vertrauen auf die Vorsehung, Liebe zum Vaterland, Siegeszuversicht und der Jubel, geliebt zu sein.

Horten sang es einmal und er sang es zweimal, und ich war ebenso außer mir vor Freude wie er.

»Du hast es doch wohl niedergeschrieben?« fragte ich nach einer Pause.

»Nein – glaubst du, daß man ein solches Lied vergißt?« antwortete er und sah mich an, stolz wie ein junger Gott.

»Man vergißt es nicht,« wandte ich ein, »aber –«

»Ach, du meinst, ich könnte fallen?« unterbrach er mich mit einem Lächeln. »Nein, Kamerad, man fällt nicht, wenn man Lisens Jawort erhalten hat und wenn man ein Dichter ist wie ich – morgen nach dem Sieg – denn der Sieg ist uns gewiß – werde ich es aufschreiben.

Und Horten sang es noch einmal, trank ein Glas Wein und sah selbst aus wie das Modell zu einem Siegesmonument.

Gegen neun trennten wir uns – die Bataillone sammelten sich in den Straßen.

Gegen Mitternacht ertönte das Kommando: »An die Gewehre! Richt euch! Das Gewehr über!« – Schleppegrell ritt durch seine Brigade. Plötzlich hielt er das Pferd an und sprach: »Geht sparsam mit eurem Pulver um und laßt dem Feind keine Zeit, zweimal zu schießen, sondern geht mit dem Bajonett darauf los! Kann ich mich auf euch verlassen?« Und dann geschah das Unerhörte, daß man rings umher aus den Reihen ein gedämpftes, treuherziges: »Jawohl, Herr General!« vernahm – und dann ritt Schleppegrell weiter.

Gegen ein Uhr hörte man ein paar Schüsse draußen vor den Wällen und dann folgten einen Augenblick später zehn, hundert und dann knatterte das Gewehrfeuer, und es wurden Bomben und Granaten gegen die Tore der Festung geworfen.

Schleppegrells Brigade rückte erst eine halbe Stunde später aus – zum Königstor hinaus, wir begegneten gleich Scharen von Gefangenen, wir sahen Tote und Verwundete, Freunde und Feinde – und in der dämmerigen Beleuchtung erkannte man die wehenden Bataillons- und Kompagnie-Fahnen; Hörner gellten, Kommandorufe erschallten und Kanonen brummten.

Aber was weiß ich von der Schlacht! Ich weiß, daß wir zuerst gen Westen rückten und dann gen Süden; dann nahmen wir die Skovstrupper Schanzen im Sturm – das war ein harter Kampf – und dann, ehe man sich's versah, war die Schlacht auf der ganzen Linie gewonnen. Die Sonne beleuchtete einen Sieg, so stolz wie nur je, und nie – nie – habe ich einen solchen Jubel, eine solche Dankbarkeit für das Leben empfunden, wie an jenem herrlichen Julimorgen.

Als wir dann nach Fredericia zurückkehrten, mischte sich ja die Wehmut in die Siegesfreude: man hörte von den Gefallenen.

Unter ihnen war Horten – wie ein Held gefallen, von drei Kugeln durchbohrt, als er als Erster seines Bataillons die Fahne auf die feindliche Brustwehr pflanzte.

Ich ging »nach Hause« in die Prinzessinnenstraße, setzte mich betrübt an das offene Fenster und sah in den kleinen Hof mit dem niedergebrannten Wirtschaftsgebäude hinaus.

Mein einsamer Rosenzweig war in der Nacht aufgebrochen, war zu einer duftenden, voll entwickelten Rose geworden; der Zweig, der sie trug, war dem Tode geweiht, aber durch eine letzte Kraftanstrengung, ein Aufflackern des Lebens hatte er das, was bisher nur eine Knospe war, zur Entfaltung zu bringen vermocht.

Und das hatte ja auch Horten getan.

Was würde ich gemacht haben, wenn er nicht gefallen wäre? Ich weiß es nicht. Aber ich glaube felsenfest, daß der liebe Gott mir meinen Betrug verziehen hat. Nun fiel Horten als tapferer Soldat für König und Vaterland – gibt es wohl einen schöneren Tod? Er war glücklich im Glauben an seinen Dichterberuf und im Glauben an Lises Liebe – was kann ein Mensch noch mehr verlangen? Und wenn wir uns dort oben einmal begegnen sollten, Horten und ich, dann wird auch er mir verzeihen und sagen, daß es gut war, wie es kam, und daß ich mir keine Vorwürfe zu machen habe.

Und Lise? – Ja, das weiß ich nicht – ich kam nie wieder nach Hindsgavl.

Ein kluger Mann hat einmal gesagt, man soll sich nie Vorwürfe über das machen, was man getan hat, sondern nur über das, was man nicht getan hat, und manch liebes Mal habe ich mir Vorwürfe darüber gemacht, daß ich sie nicht später aufgesucht habe.

Aber dazu fehlte mir der Mut – ich hatte ja nur für Horten gefreit, und es noch einmal und für mich selber zu tun – nein!

Hätte ich es aber getan, so wäre wohl vieles anders gekommen. – Dann würde ich jetzt auch wohl nicht als verabschiedeter Hauptmann hier im Waldhäuschen sitzen.

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