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Der alte Hauptmann

Sophus Bauditz: Der alte Hauptmann - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorSophus Bauditz
titleDer alte Hauptmann
publisherRichard Hermes Verlag
printrun4.-7. Tausend
year1920
firstpub1913
translatorMathilde Mann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080527
projectid419d4344
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Ich kam an einem Oktober-Nachmittag von Süden hierhergereist.

Ich war in Aarhus gewesen, um bei dem Erstgeborenen eines Kameraden Gevatter zu stehen – es war also kein Jagdausflug, verstehen Sie, nicht die Spur – und ich ritt deswegen in voller Uniform, mit Säbel und allem, was dazu gehörte.

Es war ein Hundewetter: strömender Regen und halbwegs Sturm. Wäre das Wetter anständig gewesen, dann wäre ich gleich in einem Zug nach Viborg geritten, aber mein Mantel war fast durchgeregnet, und als ich an dem Timhügel vorüberkam, entschloß ich mich, hier im Krug zu übernachten – ich brauchte mich erst am nächsten Mittag in Viborg zu melden.

Alles sah so trübselig wie nur möglich aus. Die Pappeln am Wege wehten hin und her und pfiffen im Wind, Wasser und Schmutz spritzte an einem auf, und viel mehr als hundert Schritte konnte man vor Nebel und Dämmerung nicht sehen.

Den Timhügel – den »Henkerberg«, wie wir ihn auch nannten – konnte ich noch so eben draußen auf dem Felde erkennen, und ich dachte daran, wie mir als Kind, wenn wir daran vorüber mußten, immer ganz unheimlich zu Mute gewesen war, bei dem Gedanken an den Mörder des Spitzenhändlers, der hier aufs Rad geflochten war; ich dachte auch an den Zweiten, der mit bei dem Morde beteiligt gewesen sein sollte, der aber freigekommen war, und nun südwärts ein »großer Mann« geworden sein sollte, und an den Dritten, von dem niemand etwas wußte. – Ja, Sagen sind Sagen, sagte ich zu mir selber und gab Lotte die Schenkel – Trab, freier Trab, jetzt sind wir bald am Wegesende! Da liegt der aus Feldsteinen erbaute Hof des Dorfschulzen, da haben wir das Spritzenhaus, und da vor mir leuchtet es blendend und warm aus dem Halbdunkel heraus: das ist die Schmiede mit der offenen Tür, dann ist es nicht mehr als ein paar hundert Schritt bis zum Krug!

Ich liebe eine Schmiede zur Abendzeit. Sie nicht auch? Die Gestalten da drinnen nehmen sich ganz märchenhaft aus in dem glühenden Schein, der Blasebalg faucht um die Wette mit dem Sturm, und wenn der große Hammer Schlag auf Schlag auf den Amboß fällt, so daß die Funken stieben, so klingt das wie Musik – männliche, feste Musik in Dur – ja, eine Schmiede kann eine Landschaft förmlich beleben!

Ein paar Minuten später war ich im Reisestall; der alte Franz kam breitspurig heraus mit der Laterne, hielt sie nur dicht vor das Gesicht, um zu sehen, wer es sei, und bot mir freundlich Gutenabend, als es ihm klar wurde, daß ich es war.

Franz schien mir noch obeiniger geworden zu sein als früher, vielleicht auch noch ein wenig ducknackiger, aber der alte Soldat war trotz der vielen Jahre, die seit der Napoleonzeit verstrichen waren, doch noch an ihm zu erkennen, und ich merkte deutlich, daß er mich anders als alle andern behandelte, bloß weil ich Offizier war. Ordnungshalber kümmerte ich mich darum, daß er Lotte mit einem Strohwisch tüchtig trocken rieb, und als sie dann Wasser und Futter bekommen hatte, ging ich in die Gaststube.

Der Krugwirt und seine prächtige Frau empfingen mich als alten Bekannten, und ich bekam natürlich das beste Zimmer mit zwei Betten, weniger konnte es nicht tun – die zweite Tür zur Rechten, da unten im Gang; mein Ofen wurde geheizt, mein nasser Mantel wurde auf zwei Stühlen davor ausgebreitet, ich schnallte den Säbel ab und ging dann in die Gaststube.

Dort saßen ein Paar Bauern und schliefen halb über einem geleerten Kaffeepunsch, aber sie gingen bald darauf, und dann war ich allein.

Ich guckte in die Kellerstube hinein. Da war niemand weiter als ein Frachtmann, den ich nicht kannte, aber dann tat sich die Tür auf, und Ole Ras – Sie entsinnen sich seiner wohl noch – der Jäger, kam herein. Er war natürlich auf Entenjagd gewesen und brachte fünf Stockenten mit, die der Krugwirt sofort für 3 Mark erstand – teuer war Ole Ras nicht! Dann setzte sich Ole an den Ofen, so dicht heran, wie er nur konnte, um zu trocknen, so wie mein Mantel, und das war hoch nötig, denn er war natürlich bis aufs Fell durchnäßt, und bald stand ein ganzer kleiner See unter ihm, da, wo er saß. wir plauderten über die Jagd, ich bot ihm eine Zigarre an, und er bat, ob er sie bis »nach dem Abendbrot« aufheben dürfe, d. h. er steckte sie weg, um sie aufzupriemen – und dann kehrte ich in die Gaststube zurück, denn ich hatte meinen Freund, den Küster Christen, dort eintreten sehen.

Er trug seinen drolligen, alten Kutschermantel mit dem Messingschloß am Hals über dem Frack, und er hatte seinen alten baumwollenen Regenschirm in der Hand, folglich war er trocken. Dessenungeachtet mußte er sofort einen Pommeranz wegen des schlechten Wetters trinken – den trank er übrigens auch, wenn Sonnenschein war – dann stopfte er sich seine Pfeife aus dem Tabakkasten, der zu freier Benutzung auf dem Tisch stand, und dann erzählte er mir, was sich an Bemerkenswertem in der Gegend zugetragen hatte, seit ich zuletzt hier gewesen war.

Ich bat ihn zu bleiben und mein Gast beim Abendbrot zu sein, und darauf ging er gern ein, fing aber dann an, unruhig zu werden und nach seiner großen Tombakuhr zu sehen, das war ein Zeichen, daß die Diligence bald erwartet werden könne.

Und ganz richtig: nach einer Weile hörte man durch den Sturm den Laut eines schwerrummelnden Wagens, dann ertönte das Horn des Postillons – merkwürdig erkältete Töne waren es – und dann, einen Augenblick später, hielt die Diligence im Reisestall.

Der Küster fuhr zur Tür hinaus, wie aus einer Kanone geschossen, um nachzusehen, wer in der Kutsche saß – er konnte seine Neugier nicht so lange zügeln, bis die Passagiere hereinkamen! An diesem Abend war da nichts Interessantes: ein paar Handelsreisende, die einen Teegrog tranken, und eine deutsche Madame, die sich ebenso wie der Kutscher eine Tasse Kaffee geben ließ – das war das Ganze.

Zehn Minuten später rasselte die Diligence wieder von dannen, und der Küster und ich blieben allein.

Ich schickte mich eben an, eine ernsthafte Unterredung mit der Krugwirtin, Madame Knudsen, einzuleiten, in bezug auf das, was das Haus heute abend zu bieten vermochte, als der Küster plötzlich anfing, die Ohren zu spitzen.

»Aber was ist denn das?« rief er aus, »da kommen, weiß Gott, zwei Wagen von Süden her, und zwar sind es Federwagen, das kann ich hören – wer wohl in diesem Wetter draußen sein mag!«

Ja, das stimmte, es kamen zwei Wagen gefahren, und als ich zum Fenster hinaussah, unterschied ich einen holsteinischen Wagen mit einem Dach von Regenschirm darüber und einen kleinen Einspännerwagen dahinter. Nach einer Weile wurden drei, vier mächtige Koffer aus Seehundsfell und ein Holzkoffer durch die Gaststube getragen, das Küchenmädchen schleppte ein Schlachtschwert und ein paar vergoldete Helme herein, und hinter diesem Aufzug erschien eine Gesellschaft von vier Personen, zwei Herren und zwei Damen – es tropfte von ihnen herab, so naß waren sie.

»Nein, sind Sie es!« – »daß wir uns hier treffen sollten! das ist doch amüsant!« so ging es, als wir einander erst angesehen hatten.

Es waren der Schauspieler und Schauspieldirektor Didriksen mit seiner sehr rundlichen Gattin und Jungfer Wilhelmsen, die erste – und einzige – Primadonna der Gesellschaft, die überall, wohin sie kam, die ganze Stadt sich zu Füßen legte, und endlich, was ich später erfuhr, der Komiker, Herr Jensen oder Nielsen – ich weiß nicht mehr recht, wie er hieß, aber ein langweiliger Patron war er, der nichts sagte, im übrigen aber, was sich später herausstellte, mit der Jungfer verlobt war.

Die Gesellschaft sollte mit den übrigen Mitgliedern der Truppe in Viborg zusammentreffen, wie mir der Direktor erzählte, und hatte ebenso wie ich die Absicht gehabt, noch in dieser Nacht dort einzutreffen, das Wetter war ihnen aber zu arg geworden, sie waren schon ganz durchnäßt, und dann hatten sie beschlossen, im Krug zu übernachten.

Sie bekamen die beiden letzten freien Doppelzimmer – die Damen für sich, die Herren für sich – und dann gingen sie schleunigst hinein, um die nassen Kleider auszuziehen. Vorher hatte ich indessen die ganze Gesellschaft auf Ole Ras' wilde Enten zum Abendessen eingeladen – es war damals meine flotte Periode, wissen Sie, als ich die 2000 Taler von meinem Onkel in Lögum geerbt hatte und glaubte, daß das Geld nie ein Ende kriegen könne – und als dann der Küster nach Hause lief, um seine Fiedel zu holen, die, wie er meinte, im Taufe des Abends schon Verwendung finden könne, blieb ich allein zurück. Ich sah zu, wie der Tisch gedeckt wurde, und schwelgte in dem Duft der Enten, die draußen in der Küche schmorten; aber hinauszugehen und nachzusehen, so wie ich es vorhin mit den Rebhühnern getan habe, das würde ich nicht gewagt haben: Madame Knudsen litt keinen Topfgucker, und sie war auch selbst imstande, die Tiere so zu behandeln, wie sie behandelt werden mußten! Ich war eigentlich sehr angeregt durch die Aussicht, einen fröhlichen Abend zusammen mit den Schauspielern zu verleben – ich habe nun einmal stets eine Schwäche für das »fahrende Volk« gehabt! Schon allein, daß sie immer, mehr oder weniger, von der Hand in den Mund leben, ohne festes Budget, ohne zu wissen, wie es morgen werden wird, kurz, das ganze Leben auf Feldfuß, das sagt mir zu! Und dann waren die damaligen umherreisenden Schauspieler-Gesellschaften etwas ganz für sich, etwas ganz anderes wie heutzutage. Mein Gott, große Künstler waren sie wohl eigentlich nicht, aber sie besaßen den Glauben an sich selbst; keine Aufgabe war ihnen Zu hoch: Schiller und Oehlenschläger, Heiberg und Herz – sie spielten alles, und alles gleich gut, und dann war ihre – ja, wie soll ich es nennen – ihre Moral – aber es ist eigentlich nicht das, was ich meine – das war ganz anders, als jetzt. Ich weiß recht gut, daß die weiblichen Mitglieder auch damals nicht reine Vestalinnen waren, aber sie bewahrten den Schein, den guten Anstand, und das mag ich doch nun gern – Sie nicht auch? – Ja, ich rede aus einer gewissen Erfahrung, denn ich habe alle die hervorragendsten Mitglieder der Didriksenschen Gesellschaft während des Krieges kennen gelernt, damals, als sie in Sonderburg spielten, und später habe ich sie wiederholt in andern Städten getroffen. Und es hat Zeiten gegeben, wo ich drei Meilen hin- und drei Meilen zurückritt, nur um Jungfer Wilhelmsen spielen zu sehen – sie war großartig! – Ob sie Talent hatte? Ja, das mag zweifelhaft sein – wie viele haben eigentlich Talent? – Aber sie spielte mit ihrer Person, und die Person war allerliebst. Eine Figur wie eine Venus, sage ich Ihnen! – und eine Singstimme – ja, ich fand auf alle Fälle, daß sie brillant war! Und dann war sie so sanft und freundlich – nicht gleich freundlich gegen alle – aber ich habe mich über nichts zu beklagen gehabt.

Dann kam der Küster mit seiner Fiedel zurück, und nach einer Weile war die Gesellschaft zum Fest geschmückt, Ich entsinne mich noch, daß Jungfer Wilhelmsen ein weißes Kleid mit blauer Schärpe anhatte, ausgeschnitten und mit bloßen Armen – sie sah ganz entzückend aus! Das sagte ich ihr natürlich, und er, der Komiker – oder der Verlobte – sah mich an, als wolle er mich auffressen – damals konnte ich einen Mann noch eifersüchtig machen!

Und dann kamen die Enten und wir gingen zu Tisch – ich führte Madame Didriksen.

Sie war auch ausgeschnitten – offen gestanden: reichlich ausgeschnitten – aber es half ja, daß sie gegen den Zug einen roten, mit Hermelin verbrämten Mantel um ihre rundliche Gestalt gehüllt hatte – den Mantel kannte ich übrigens aus »Hagbarth und Signe«, wo ich sie damit als Königin Bera gesehen hatte – aber wenn der Mantel herunterglitt – und das tat er oft – so ließ es sich nicht vermeiden, daß man – nein, man soll lieber ahnen als Gewißheit haben, nicht wahr?

Der Krugwirt richtete an, und seine tüchtige Frau stand in der Tür und sah zu, wie wir aßen – das war nun ihr Vergnügen! wir bekamen Rotwein – guten Wein und reichlich Wein – und wir hatten alle einen wahren Heißhunger und waren in strahlender Laune. Didriksens und ich sprachen von alten Erinnerungen aus der Kriegszeit, die Jungfer sandte mir von Zeit zu Zeit, ohne etwas zu sagen, einen verstohlenen Blick zu, der vielleicht von alten Erinnerungen erzählte, und der Küster war glücklich, von längst entschwundenen Tagen berichten zu dürfen, als er selbst noch Privatkomödie in Kopenhagen gespielt und die heimgegangenen Berühmtheiten im Königlichen Theater gesehen hatte.

Endlich waren wir dann satt, es wurde abgedeckt, und ich bestellte eine Feuerzangen-Bowle, die ich natürlich selbst bereitete – das war Zu jener Zeit eine meiner Spezialitäten. Es wurde Rum – richtiger Strandungsrum – und Graves in die Bowle gegossen, ich legte einen halben Zuckerhut – oder sagen wir einen viertel – über zwei Feuerzangen – im Felde habe ich manch liebes Mal drei Bajonette dazu benutzen müssen – und dann zündete ich den braunen See an und schöpfte die bläulich brennenden Wogen über den weißen Berg, so daß es Funken sprühte und knisterte – den Anblick habe ich immer gern gemocht!

Die Feuerzangenbowle wurde, wenn ich es selbst sagen darf, großartig – Madame Didriksen sagte freilich, sie sei zu stark, – und als ich selbst das erste Glas geleert hatte, übertrug ich das Amt eines magister bibendi dem Küster – das war etwas, was für ihn paßte.

Und der Sturm heulte und der Regen strömte, die Lindenbäume draußen schlugen mit den Zweigen gegen die Fensterscheiben – es war wunderbar gemütlich, und wir waren in aller Harmlosigkeit fröhlich und waren zufrieden mit uns selber und mit einander.

Didriksen deklamierte »Der englische Kapitän« – das war eine seiner Bravournummem – und die Madame sang eine Arie aus der »Regimentstochter« zu der Violine des Küsters; es ward ihm ein wenig schwer, bei den schnellen Passagen zu folgen, aber lieber etwas überspringen als zurückbleiben, meinte er, und dann ging es im großen Ganzen gut. Ich sang Bellmann – ich habe singen können, obwohl man es nicht glauben sollte – und Jungfer Wilhelmsen holte die Guitarre und trug zu eigener Begleitung ein italienisches Volkslied vor. Wovon es handelte, das mag Gott wissen, denn ich kann nicht Italienisch – das heißt, ich kenne die notwendigsten Redensarten wie »Gib mir einen Kuß« und »Schönes Mädchen, ich liebe dich« – die habe ich von einer Kunstreiterin gelernt, mit der ich vorzeiten in Aalborg bekannt war – aber darüber hinaus, kann ich, wie gesagt, nichts von der Sprache. Das war nun auch garnicht nötig! Ich brauchte eigentlich garnicht zu hören, ich hatte genug vom Sehen. – Gibt es eine Situation, die vorteilhafter für eine Frau ist – natürlich nur wenn sie jung und hübsch ist – als mit der Gitarre im Schoß und dem seidenen Band um den Nacken da zu sitzen? Die ganze malerische Stellung – genau so wie auf einem florentinischen Bilde – es ist doch florentinisch das, was ich meine? Ja, ich dachte mir auch, daß es florentinisch wäre – den linken Arm halb gebogen, die rechte Hand, deren Finger gleichsam spielend in die Saiten greifen – ach, charmant!

Nun, wir klatschten alle wie besessen, als sie fertig war, und der alte Franz und Ole Ras standen in der Tür zur Kellerstube und lachten vor Vergnügen über das ganze Gesicht.

Da fing der Küster plötzlich an aufzuspielen – einen Walzer natürlich – die Madame knickste vor mir, und der Komiker vor der Jungfrau – und dann walzten wir vier auf dem sandigen Fußboden herum, daß es eine Lust war. Und der Krugwirt und seine Frau standen hinter dem Schenktisch und sahen zu, und die Mädchen schlichen aus der Küche herein, und schließlich faßte Didriksen den Küster um die Taille, und er mochte wollen oder nicht, er mußte zugleich tanzen und spielen – ja, in alten Zeiten, da war man gemütlich!

Aber dann wurde plötzlich mitten während des Walzers stark von außen an die Fensterscheiben gepocht – dort an dem Fenster, der Tür zunächst, die nach der Straße hinausgeht; der Küster hielt mitten in einem Takt inne, Didriksen ließ den Arm sinken, und wir anderen hörten natürlich auch auf zu tanzen.

Nun, der Krugwirt geht an die Tür und öffnet sie, um zu sehen, wer es sein kann, und herein kommt ein Paar: ein junger Mann in elegantem, dunkelblauem spanischen Mantel, und eine Menge Dame in Mantel und Kapuze – das sind freilich unerwartete Gäste.

Sie wären auf dem Weg gen Norden, erzählte er, im eigenen Kaleschewagen, aber da sei etwas am Wagen zerbrochen – ein Rad oder eine Feder, was es nun sein mochte – und der Schmied da unten, bei dem sie angeklopft hätten, könnte es erst am nächsten Morgen wieder instand setzen. So hätten sie denn die Pferde in dem nächsten Gehöft eingestellt und seien die paar hundert Schritte hier heraufgegangen, um Unterkunft im Krug zu suchen.

»Wir – meine Frau und ich,« sagte er, »möchten gern Zimmer für die Nacht haben, läßt sich das wohl machen?«

Bei den Worten »meine Frau« sah er sie so liebevoll an, daß es mir förmlich gut tat, sie aber schlug die Augen nieder und wurde dunkelrot.

»Aha,« dachte ich bei mir, »Neuvermählte, wahrscheinlich auf der Hochzeitsreise!« und da sah ich mir das Paar natürlich näher an.

Er war ein schöner, kräftiger, junger Mann mit einem gewissen militärischen Schnitt, und sie – ja, sie war lieb und sein, aber sie sah eigentlich aus wie ein eingeschüchterter Vogel. Nichts von einem Singvogel, ganz und gar nicht – aber ich erinnere mich, daß ich einmal an einem Herbsttag einen zerzausten, nassen Turmfalken fand, der in einem Erlenbusch saß und die Flügel nicht heben konnte – an den erinnerte sie mich.

Der Krugwirt kraulte sich den Kopf und sagte, es seien keine anderen Zimmer im ganzen Haus frei als eine schräge Bodenkammer und die – ja, weiter kam er nicht, denn ich bot dem Ehepaar natürlich mein doppeltes Zimmer an und sagte, daß ich mit Vergnügen in die Bodenkammer hinaufziehen wolle.

Sie sah ihn an und er sah sie an, dann faßte er offenbar einen schnellen Entschluß, zog mich ein wenig beiseite und sagte:

»Wir sind nicht verheiratet – noch nicht. Die junge Dame ist meine Verlobte, ich habe einen Königsbrief in der Tasche, und wenn alles so gegangen wäre, wie wir berechnet hatten, wären wir morgen vormittag bei meinem Onkel, der ein wenig weiter nördlich Pfarrer ist, getraut worden. Verhältnisse, über die ich nicht Herr bin, bewirken, daß ich weder den Namen meiner Braut noch meinen eigenen zu nennen wünsche.« – Ich verbeugte mich, – »Aber wenn Sie wirklich so liebenswürdig sein und meiner Braut ihr Zimmer überlassen wollen, würde ich Ihnen unendlich dankbar sein – dann verbringe ich die Nacht hier auf ein paar Stühlen in der Gaststube.«

»Aus keinen Fall dürfen Sie das,« erwiderte ich, Sie bedürfen offenbar mehr der Ruhe als ich! Sie legen sich oben in die Bodenkammer, dann decke ich mich mit dem Mantel zu und lege mich auf das Sofa drinnen im Kontor!«

»Das Kontor« war der kleine Raum hier nebenan, die erste Tür rechts – Sie können sie von hier aus sehen!

Nun, er dankte mir vielmals, und sie auch – verschämt und mit niedergeschlagenen Augen – und ich hörte sie flüstern: »Ach, mein Gott, ich bin so bange! Denke doch nur, wenn Vater jetzt käme und uns fände!«

»Das hat keine Not,« erwiderte er. »Dein Vater ist noch gar nicht nach Hause gekommen, und außerdem –«

Mehr hörte ich nicht, aber das genügte ja. Eine reguläre Entführung also, von einem grausamen Vater fort – das Paar hatte selbstverständlich meine wärmste Sympathie! Gott sei Dank habe ich immer Sympathie mit der Jugend gehabt, und habe sie auch jetzt noch.

Die beiden jungen Leute legten ab, der Krugwirt trug meinen Mantel und meinen Säbel in das Kontor, und dann lud ich die Verlobten zu einem Glas Feuerzangen-Bowle ein – essen wollten sie nicht.

Das nahmen sie an, und es währte nicht lange, bis der Gesang von neuem begann. Der Küster stimmte »Auf das Wohl der Maid mit dem blonden Haar« an, Didriksen brummte »Im tiefen Keller sitz' ich hier«, und Jungfer Wilhelmsen sang »Nein, nichts in der Welt ist so schön wie ein Ball« – das sang sie brillant.

Die Verlobten – oder sagen wir lieber: das junge Paar – saßen nebeneinander; jeden Augenblick ergriff sie seine Hand, und wenn man draußen auf der Landstraße einen Wagen rummeln hörte, zuckte sie zusammen und lehnte sich ängstlich an ihn an. Dann streichelte er ihr zärtlich die Wange und flüsterte ihr etwas zu, und dann war sie wieder ruhig – bis man einen neuen Wagen hörte.

Wer eigentlich auf den Einfall kam, weiß ich nicht mehr, aber einer – es war gewiß der Krugwirt – machte den Vorschlag, daß Franz »Allongs« singen solle. So bekam denn Franz ein Glas Punsch an die Tür, leerte es und begann. Den ersten Vers sang er wie gewöhnlich, aber bei dem zweiten war es, als wenn alle alten Erinnerungen an die große Armee und die stolzen Tage in ihm erwachten, er bekam Haltung, gestikulierte mit der Hand und sang schließlich mit förmlicher Begeisterung und mit einem Vortrag, um den ihn manch ein professioneller Sänger hätte beneiden können.

Es wurde Bravo gerufen, und das Beifallklatschen schien gar nicht wieder aufhören zu wollen. Dann gingen das Brautpaar und ich hin, um dem Sänger unsere Komplimente zu machen. Ich sah, daß der junge Mann ihm einen Speciestaler gab, und ich hörte ihn sagen! »Vielen Dank für den Gesang, Kamerad!« und sie drückte dem alten Franz die Hand und sagte mit weicher, bewegter Stimme: »Ich danke Ihnen vielmals, das Lied werde ich nie vergessen!«

Franz war natürlich ganz überwältigt von dem vielen Geld und den vielen Danksagungen, aber es war doch, als ob der Umstand, daß eine junge Dame, – eine wirkliche Dame – verstehen Sie, ihm ihre Huldigung bezeugte, den alten Dragoner am allermeisten beglückte; er beugte sich förmlich galant über sie, ergriff ihre Hand und küßte sie mit einem Anstand, als wenn er mindestens Marschall gewesen wäre – das lernt eine jütischer Bauernknecht wohl nur im französischen Dienst, und vermutlich nur unter Napoleon!

Nun, Franz richtete sich wieder auf, aber als er das junge Mädchen ansah, da war offenbar irgend etwas an ihrem Äußeren, das seine Aufmerksamkeit ganz besonders auf sich zog, denn er starrte sie unverwandt mit seinen kleinen, blitzenden Augen an, genau so, wie eine alte, fette Ratte auf dem Heuboden.

»Entschuldigen Sie, Jungfer, aber woher haben Sie das da?« fragte er und zeigte auf eine Nadel, die in ihrem Busentuch steckte – eine Nadel mit einem roten Korallenkopf in Form einer geballten Hand, die einen Dolch hielt.

»Die habe ich von meinem Vater bekommen,« erwiderte sie – aber es war, als ängstige sie sich fast, nur den Namen Vater zu nennen.

»So, also von ihm,« sagte Franz, »ei, ei! – Lebt Ihr Herr Vater denn noch?«

Sie nickte.

»Na, der lebt also noch – das ist ja recht nett!« fuhr Franz fort. Dann bekam er noch ein Glas Punsch, Ole Ras bekam auch noch eins – und wir übrigen tranken noch mehrere.

Endlich war die Bowle leer, und ich war gerade im Begriff, Ingredienzen zu einer neuen zu bestellen, da aber sagte der Bräutigam: »Gestatten die Herrschaften, daß ich Champagner kommen lasse?« Ja, dagegen hatten die Herrschaften natürlich nichts einzuwenden, und dann kam der Champagner.

Und der knallte und der schäumte, und wir stießen an und wir tranken, und wir waren alle mehr oder weniger ausgelassen, mit Ausnahme des Brautpaares natürlich und des Komikers; dieser Esel konnte nicht einmal betrunken werden, obwohl er soff wie ein Loch!

Es war auch schon weit über Mitternacht, als wir uns endlich zur Ruhe begaben.

Der Küster ging zuerst. Es ward ihm schwer, seine Fiedel in den Pelzbeutel hineinzupraktizieren, denn ganz sicher auf den Beinen war er nicht, und wir mußten ihm behilflich sein, den Mantel zuzuknöpfen und den Kragen über die Ohren zu schlagen. Das wäre nun freilich gar nicht nötig gewesen, denn es war klares Wetter geworden; der Regen hatte aufgehört, der Wind hatte sich gelegt, es war der schönste, strahlendste Mondschein.

Madame Didriksen nahm Jungfer Wilhelmsen unter ihre mütterlichen Schwingen, Didriksen und der Komiker gingen als gute Kameraden zusammen hinaus, und dann waren das Brautpaar und ich allein übrig, Sie sagte erst mir und dann ihm Gutenacht – ich wandte mich natürlich währenddem um, damit sie sich in Ruhe küssen konnten – und dann ging sie in ihr Zimmer, mein ehemaliges – er sah ihr sehnsüchtig nach, als die Tür sich schloß.

Dann dankte er mir noch einmal, daß ich ihr mein Zimmer überlassen hatte, und war offenbar kurz davor, mir etwas anzuvertrauen, besann sich aber und ging, ohne etwas weiteres zu sagen, nach oben, in seine Bodenkammer, und ich ging in das Kontor.

Ich legte mich auf das Sofa mit dem Roßhaarbezug und deckte mich mit meinem Mantel zu, schlafen konnte ich aber nicht, der Mond schien mir gerade ins Gesicht, und ich lag da und dachte und dachte, hauptsächlich an das junge Paar, das geflohen war und das morgen, wenn alles gut ging, Hochzeit feiern sollte.

Wer war er, und wer war sie?

Er war Offizier, davon war ich fest überzeugt – schon allein die Art und Weise, wie er »Danke, Kamerad!« zu Franz gesagt hatte, bezeichnete ihn als solchen – in so etwas irrt man nicht – aber sie! Aus welchem Nest war sie fortgeflogen? – Und nun lag der kleine, eingeschüchterte Vogel allein hier nebenan; und ihr Verlobter befand sich an dem andern Ende des Hauses, weit weg, obwohl sie am nächsten Tag schon Mann und Frau sein würden, – nun, man denkt ja nicht immer so ganz artig, wie man wohl sollte, nicht wahr? – – ich jedenfalls nicht!

Schließlich war ich aber doch wohl eingeschlafen, denn plötzlich fuhr ich in die Höhe, als ich den Laut eines scharf trabenden Pferdes von Süden her vernahm. Einen Augenblick später schlug der Kettenhund draußen an, ein anderer Hund, etwas weiter entfernt, stimmte mit ein, und dann hörte ich, daß an die Tür gedonnert und etwas mit einer groben Stimme gerufen wird.

Der Krugwirt öffnete selbst, es wurden einige Worte zwischen ihm und dem fremden Reiter gewechselt, und dann – dann wird die Tür zu meiner Kammer aufgerissen und herein stürmt – die junge Dame!

»Ach, um Himmels willen, helfen Sie mir, beschützen Sie mich,« schluchzte sie, »das ist Vater – ich kann seine Stimme erkennen!«

Sie zitterte am ganzen Leibe, das kleine Wesen, und zwar nicht vor Kälte – obwohl sie keine Zeit gehabt hatte, etwas über ihr weißes Nachtgewand zu ziehen – offenbar waren der Schrecken und die Angst Schuld daran.

»Verlassen Sie sich nur auf mich, gnädiges Fräulein,« sagte ich, schloß die Tür ab und hüllte sie in meinen Mantel. Sie kroch darunter in der entlegensten Ecke des Zimmers zusammen und zitterte wie Espenlaub; der eine nackte Fuß guckte unter dem Mantel hervor – sie hatte in der Eile draußen auf dem Gang den einen Schuh verloren – und den krümmte sie und streckte sie unwillkürlich nervös – nie habe ich einen entzückenderen Frauenfuß gesehen!

Jetzt entstand draußen auf dem Gang Spektakel: der Krugwirt und der, von dem sie gesagt hatte, daß es ihr Vater sei, näherten sich.

»Liegt sie hier in dieser Stube!« rief der Fremde mit unverkennbar schleswigschem Akzent, stürmte in die leere Stube hinein und dann wieder heraus, als er niemand fand.

»Aber hier liegt ja ein seidener Schuh!« brüllte er. »Da kann die Dirne nicht weit sein! – Machen Sie hier auf, oder ich schlage die Tür ein!«

Und dann kam ein Donnerschlag, so daß ich fast bange wurde, er könne Ernst aus seiner Drohung machen. Aber jetzt war die Reihe an mir.

»Wollen Sie sich wohl in Acht nehmen, Sie da draußen,« rief ich, »Der erste, der hier herein kommt, rennt in meinen Säbel hinein!«

Jetzt hörte ich, wie der Krugwirt den rasenden Vater beschwichtigte, plötzlich ertönte aber eine andere Stimme – es war Franz' Stimme.

»Ach du bist es!« sagte Franz – »Lassen Sie mich doch ein paar Worte mit dem fremden Mann reden, Herr, dann wird sich das schon geben!«

Ich vernahm einen unterdrückten Fluch, und als ich dann mein Ohr an die Tür legte, hörte ich Franz sagen:

»Na, so also siehst du jetzt aus – du bist eigentlich schön von Gesicht geworden, ja, das bist du – aber du weißt wohl noch, was du unter der Futterkiste vergraben hast? – Ja, das habe ich mir gedacht! Na, dann ist es wohl am besten, daß du dahin reist, wo du hergekommen bist, und das Mädel und uns in Ruhe läßt!«

»Hol der Deubel –« murmelte der andere mit unterdrückter Wut.

»Ja, das wird er schon tun, wenn die Zeit da ist, mach' du nu man, daß du wegkommst!«

Es tönten Schritte den Gang hinab, und eine Minute darauf hörte ich ein Pferd südwärts traben.

Dann kam Franz zurück, klopfte an die Tür und sagte:

»Nu kann die kleine Jungfer gern wieder in ihr Bett gehen und ruhig schlafen. Dem hab' ich die Giftzähne ausgezogen, der kommt nich wieder. – Gute, geruhige Nacht!«

Franz ging, und mein nächtlicher Gast, die kleine Dame – sie hatte glücklicherweise so weit von der Tür entfernt gesessen, daß sie nichts von der Unterhaltung zwischen Franz und dem Vater hören konnte – fuhr auf und – ja, nun erwarten Sie wohl, daß Sie mir um den Hals gefallen wäre usw. – nein! Sie sagte bloß, »tausend, tausend Dank!« weder mehr noch weniger – und schlüpfte dann wieder in ihr Zimmer hinein.

Aber meine Feuerzangen-Bowle mußte doch stark gewesen sein, wie Madame Didriksen sagte, denn weder die Schauspieler noch der Bräutigam oben hatten nur das Geringste von dem nächtlichen Auftritt gehört, sondern das Ganze friedlich verschlafen.

Etwas davon muß sie ihrem Verlobten indessen doch wohl erzählt haben, denn der junge Mann gab Franz einen blauen Zettel und wußte garnicht, wie er mir danken sollte, obgleich ja an und für sich gar kein Grund zum Danken vorlag.

Und dann verabschiedeten wir uns von einander, und dann fuhr das junge Paar winkend und wehend gen Norden, die Kastanienallee hinauf, dem Glück entgegen.

Der Himmel war blau und die Sonne schien, und die braunen Blätter in den Wagenspuren sahen aus, als seien sie pures Gold, »Truggold«, wie man es nennt.

Draußen vor dem Hof des Rademachers sprang ein kleiner, lockiger Junge auf und setzte sich hinten auf den Wagen. Es war vermutlich einer von den Jungen des Rademachers, aber ich meinte doch bestimmt, daß ich sehen konnte, wie dem Knaben Flügel aus den Schultern herauswuchsen, als er sich ein wenig seitwärts beugte, und so lange meine Augen dem Wagen folgen konnten, saß er noch da – es war ein wunderschöner Anblick! Denn wohl ist es gut, einen Königsbrief in der Tasche zu haben, wenn man mit seiner Braut in die weite Welt hinausfährt, noch besser ist es aber, Eros selbst im Rücken zu haben – das wollen Sie doch wohl nicht leugnen!

Ja, mehr ist da nicht zu erzählen – wenigstens vorläufig – aber glauben Sie wohl, daß man so eine Nacht in einem modernen Hotel erlebt – nein! Die Zeit der Krugwirtschaften ist vorbei, und vorbei ist es mit der Poesie der Landstraße – aber Gott sei Dank, hat man sie doch gekannt.


Der Hauptmann und ich waren auf Entenjagd gewesen. Nicht auf der großen alljährlichen auf dem Hjortholmer See, sondern auf einer kleinen, privaten Entenjagd, die im Pindser Mühlenteich begonnen und sich dann über alle die zunächst gelegenen Moorlöcher und Mergelgruben erstreckt hatte.

Und die Jagd hatte die gewöhnlichen Überraschungen und die gewöhnlichen Enttäuschungen gebracht. An einer Stelle waren die jungen Enten zu klein, dafür aber war auf einem fast zugewachsenen Sumpf, auf dem Gelände des Schulzen, ein großes, starkes ??Schof. Die Bläßhühner waren nicht aus dem Heidemoor heraus zu kriegen, obgleich wir sie die ganze Zeit drinnen in dem dunklen Rohrdickicht vor dem Hunde hatten plätschern hören; aber sie tauchten ununterbrochen, und wenn das vor Dianas Nase passierte, steckte sie die Schnauze in die Luft und heulte vor Erstaunen darüber, daß eine solche Durchtriebenheit überhaupt möglich sei. Eine kleine Ermunterung war es ihr, mitten zwischen den Bläßhühnern in einem Röhrichthügel, ein grünbeiniges Wasserhuhn zu erwischen, das sie, ohne ihm auch nur eine Feder gekrümmt zu haben, ganz lebendig zu dem Hauptmann brachte, der es natürlich wieder aussetzte.

Den Abend hatten wir auf eindringliche Aufforderung in der Pindser Mühle zugebracht, und Müller Sörensen und seine prächtige Frau wußten natürlich garnicht, was sie uns alles zugute tun sollten. Sörensen hatte eben sein Heu eingefahren – das letzte Fuder stand noch im Tor und sperrte die Passage, Überall auf dem Weg und auf dem Hof lag Heu, Heu hing dem Müller in den Haaren und an den Hemdärmeln, und nach Heu duftete die ganze Mühle – das macht Appetit.

Daran fehlte es nun freilich schon im voraus nicht, und die frisch geschossenen Enten – von Madame Sörensen tadellos gebraten – glitten eine nach der anderen herunter, und ein Schnaps oder zwei schlichen sich mit durch.

Als die Uhr dann auf halb zehn ging, sagten wir Adieu, und bald nach zehn waren wir daheim im Waldhäuschen.

Es war ein sengend warmer Tag gewesen, und angestrengt hatten wir uns ja auch, so war es denn an und für sich ganz natürlich, daß wir uns jetzt Zur Ruhe begaben, aber der Hauptmann erklärte mit großer Bestimmtheit, von solchen Abenden, so windstill und tageswarm, gäbe es in einem Sommer höchstens ein Dutzend, deswegen sei es eine Schande, jetzt zu Bett zu gehen – Zu Bett könne man ja jeden Abend gehen.

Ich war natürlich mehr als bereit, aufzubleiben – des abends zu Bett zu gehen und des morgens aufzustehen, das kann ich eigentlich nicht ausstehen – und dann stellten wir einen Tisch und ein paar Stühle vor die Tür hinaus, steckten unsere Pfeifen an und setzten uns. Der Hauptmann hatte eine große Kanne herrlich kalten Wassers aus seiner eigenen Quelle geholt – was ihm natürlich eine willkommene Gelegenheit gab, von neuem zu behaupten, daß es außerhalb Jütland eigentlich gar keine richtigen Quellen gäbe – und Whisky stand auch auf dem Tisch – wir waren beide keine Abstinenzler.

Dann saßen wir eine kleine Weile da und genossen den schönen Abend und die Ruhe, betrachteten den Neumond, der so gerade über den Wald hinübergucken konnte, und hörten, wie die alten Eulen drinnen im Tannendickicht die Kleinen das Schreien lehrten – ich habe ja immer gefunden, daß Eulengeschrei so gemütlich klingt.

Anfänglich sagte eigentlich niemand von uns etwas. »Pausen sind in der Unterhaltung ebenso notwendig wie in der Musik«, pflegte der Hauptmann zu sagen – aber dann wurden wir uneinig über die Entfernung bis oder die Lage von irgend etwas, und dann ging der Hauptmann hinein, um die Karte zu holen, und brachte zugleich einen Armleuchter mit zwei brennenden Kerzen heraus. Es sah ganz festlich aus, als der auf den Tisch gestellt wurde, und der Abend war, wie gesagt, ganz windstill, so daß die Flammen gerade in die Höhe stiegen wie in einer geschlossenen Stube.

Wir betrachteten die Karte – der Hauptmann hatte natürlich Recht, denn er kannte sein Ostjütland in- und auswendig – und es entstand wieder eine Pause, die Diana dazu benutzte, um heranzukommen und ihren Kopf auf mein Knie zu legen, und mir ihre Schnauze zu zeigen, die ganz zerschnitten und blutig war von dem scharfen Röhricht und all den Wasserpflanzen, durch die sie sich im Laufe des Tages so tapfer hindurchgearbeitet hatte.

Plötzlich kam dann, wie das so leicht selbst an dem windstillsten Abend geschehen kann, ein Luftzug, eine Brise, die die Flammen zwang, sich ganz horizontal niederzulegen, und die sie für einen Augenblick zu erlöschen drohte. Aber es waren auch nur ein paar Augenblicke, dann richteten sich die Flammen wieder auf, und alles war wieder wie vorher. –

»Ist es nicht sonderbar mit so einem Windhauch,« sagte der Hauptmann. »Man kann an einem Abend tief drinnen im Walde stehen, nicht ein Blättchen rührt sich, nicht einmal an den Birken – und dann kann plötzlich ein Windhauch kommen, der die ganze Fläche des Waldsees kräuselt – wo kommt der her, und wo geht der hin?«

»Ja, antwortete ich, »das kommt wohl davon, daß –«

»Behalten Sie nur Ihre Erklärung für sich!« unterbrach er mich. »Ich mache mir überhaupt nichts aus Erklärungen – im Gegenteil! Aber das erinnert mich an einen Abend –«

»Entschuldigen sie, Hauptmann« – jetzt unterbrach ich ihn – » kann überhaupt irgend etwas passieren, was Sie nicht an irgend etwas erinnert?«

»Nicht viel, das gebe ich zu,« erwiderte er lächelnd.

»Aber woran erinnerte Sie denn dieser Windstoß vorhin?«

»Ach, an einen Abend in Svendsö,«

»Svendsö?«

»Ja, sind Sie da nie gewesen?«

»Nein, da war ich nie gewesen.«

»Dann reisen Sie dahin, Mensch!« rief der Hauptmann aus. »Lieber morgen als übermorgen – nein, das ist wahr, morgen sollen wir ja die Laasbyer Enten schießen, dann müssen Sie noch ein paar Tage warten – aber hin müssen Sie! Svendsö ist der schönste Grundbesitz in Jütland!«

Es war nun einmal charakteristisch für den Hauptmann, daß der Ort, von dem er gerade sprach, immer »der schönste in ganz Jütland« war, aber ich gab ihm natürlich das Stichwort, indem ich fragte, wo Svendsö läge, und dann erzählte er.


»Svendsö liegt dicht am Kattegat, und gleich südwärts vom Hof liegt der große Svendsöer See – da war eine Jagd, das können Sie mir glauben! Der Wasserstand des Sees ist nur niedrig, er ist aber ein bodenloser Moorsumpf, und nur im Norden und im Süden von den kleinen Inseln in der Mitte, wo wohl seinerzeit ein Ziegelofen gestanden hat, geht ein schmaler überschwemmter Damm bis an das Ufer, – das ist der alte Ziegeleiweg – und hier kann jemand, der gut Bescheid weiß, mit Vorsicht hinüberwaten.

An halb schwimmenden Inseln und an Schilfwerdern gibt es rings umher im See genug, und wenn wir in früheren Zeiten uns in fünf, sechs Booten um so einen Werder legten und die Hunde losließen, dann flog da was auf, das können Sie mir glauben! Da waren Stockenten und Krickenten, Löffelenten und Spießenten; da waren mausernde Gänse und Erpel, und jedes Jahr wurden sowohl rotbraune als graue Sumpfhabichte und große Haubentaucher geschossen – die mit dem breiten, getollten Priesterkragen um den Hals, Sie wissen ja – und mit der wunderschön silberglänzenden Brust, ja von den Bälgen habe ich eine Menge an junge, hübsche Mädchen verschenkt, die jetzt längst würdige Mütter sind! Und Rohrdommeln waren da – ich habe sie nicht nur gehört, sondern auch gesehen – und auf sie vorbeigeschossen – das muß ich zu meiner Schande gestehen!

Nun, es ist ja nicht allein die Lage und die Jagd, die Svendsö zu dem macht, was es ist. Es ist ein großer Besitz – Wald von, ich weiß nicht wie vielen hundert Tonnen Land, und Boden erster Güte, Und dann das Schloß selbst! Das »neue«, das der Kammerherr gebaut hat – Sie wissen, Kammerherr Hjelmsted, der als Leutnant den ersten Krieg mitgemacht hat, und dann das »alte Schloß«, das unbewohnt daneben steht – haben Sie davon nicht gehört? Nicht! Ja, das ist ein altes, rotes Schloß mit Gräben – ausgetrockneten Gräben – rund herum, aber es ist, wie gesagt, unbewohnt und ziemlich verfallen, – Haben Sie denn wirklich nie davon gehört? Da spukt es ja! Oben in einem Zimmer neben dem Rittersaal steht ein Himmelbett mit einer zerfetzten Ledermatratze, und darauf werden noch ein paar schwarze Flecke gezeigt, das ist das Blut von Niels Skade, so heißt es, der auf der Jagd vor ein paar hundert Jahren draußen im Süd-Lyngeter Wald zu Schanden geschossen wurde und oben im Schloß an seinen Wunden starb Die Sage will wissen, daß seine eigene Gattin, Mette Munk – von den jütischen Weintrauben-Munks – Sie wissen ja – ihn durch einen Jäger aus einem Hinterhalt erschießen ließ, um sich dann später mit Palle Brok verheiraten zu können, den sie ursprünglich wohl mehr geliebt hatte, dem sie aber treulos wurde, weil der alte Niels Skade Svendsö und andere Herrlichkeiten besaß.

Mit dem Mord ist es nun übrigens nichts – wenigstens sagen die Historiker, daß die Aktenstücke das beweisen – aber das Leben einer Sage ist ja zäher als das einer alten Katze, und das steht fest, seit Menschengedenken hat niemand eine Nacht in dem alten Svendsö schlafen mögen, weil Mette Munk Schlag zwölf Uhr dort spukt, und es soll nicht angenehm sein, ihr zu begegnen. – Ich muß gestehen, ich möchte um keinen Preis dort eine Nacht liegen, denn man hat doch, Gott sei Dank, noch so viel Phantasie und so heißes Blut, daß einem da oben kein Schlaf in die Augen kommen würde, und es mag wohl sein, daß dieser Spuk mitbestimmend war, als mein alter Kriegskamerad, der Kammerherr, damals, als er Svendsö kaufte, ein ganz neues Schloß baute, statt das alte zu restaurieren, obwohl er ja freilich behauptete, daß das nur geschehen sei, weil das Restaurieren sehr viel teurer geworden wäre. Verkehrt war es nun doch gewissermaßen von ihm, es stehen viel zu viel alte dänische Schlösser leer und verfallen da – nicht wahr? – und das ist doch ein Jammer.

Nun, jetzt sind es ja viele Jahre her, es war ein paar Jahre vor dem letzten Krieg – als ich an einem Sommertag gerade vor Beginn der Entenjagd nach Svendsö geritten kam.

Ich entsinne mich noch, daß ich, als ich auf die Hügel westlich vom Schloß hinaufkam, halten mußte, um über den See und das Kattegat hinauszusehen und mein Auge an dem Anblick zu ergötzen. Da lag der See glitzernd in der Sonne, da lag die Ziegelei-Insel und die Schilfwerder, und ringsherum zwischen ihnen hindurch ruderten die Bläßhühner, diese schwarzen Galgenstricke, ganz munter herum, als wenn die Jagd siegar nicht angehe.

Ich freute mich wie ein Kind über das, was ich sah, und bei dem Gedanken an die fröhlichen Tage, die mir jetzt bevorstanden, umsomehr als ich ein paar Jahre nicht in Svendsö gewesen, und die Tochter des Hauses, Agnes, nicht gesehen hatte, seit sie erwachsen war. Agnes war nun immer mein spezieller Liebling gewesen, und sie hielt auch, das kann ich wohl sagen, große Stücke auf mich.

Seit sie ganz klein war, hatte sie mich, trotz meines verhältnismäßig jungen Alters, als einen alten Großvater betrachtet, hatte auf meinem Schoß gesessen und sich damit belustigt, mich an dem Bart zu ziehen, und manch liebes Mal schlug sie die kleinen Arme um meinen Hals und wollte mich absolut küssen, aber dann sagte ich, wie ich immer bei solchen Gelegenheiten zu sagen pflegte: »Nein, warte nur damit, bis du sechzehn Jahre alt bist, mein Kind!« Nun, wenn die Mädel erst sechzehn Jahre alt geworden sind, dann vergessen sie ja freilich oft, was sie mir auf die Weise schuldig geworden sind, aber immerhin – ich kann mich nicht beklagen!

Jetzt war Agnes indessen sechzehn oder gar siebzehn Jahre alt, und verlobt war sie auch, mit dem Sohn eines andern alten Kriegskameraden, des Rittmeisters Bergen. Den Sohn – den Verlobten – hatte ich niemals gesehen, aber ich wußte, daß er als Leutnant bei den Dragonern in Randers stand, und daß er in jeder Beziehung ein braver Mensch war: der beste Reiter des Regiments, ehrenhaft in seinen Gesinnungen und unglaublich verliebt in Agnes – was kann man noch mehr verlangen! Ein paar Schulden hatte er wohl, aber, du lieber Gott! Ich habe nun nie die Mittel gehabt, Schulden zu machen, daher ist ja nicht mein Verdienst, daß ich es nicht getan habe, aber so ein himmelblauer Dragoner-Leutnant, der einmal ein mittelgroßes Gut erben soll, und der mit der Tochter von Svendsö verlobt ist – Agnes war das einzige Kind – nicht wahr? Wenn da weiter nichts im Wege ist, wie? – Das wollte ich meinem Freund Hjelmsted auch sagen, denn ich hatte gehört, daß er nicht recht einverstanden mit der Partie sein sollte, sondern lieber einen Nachbar als Schwiegersohn gehabt hätte, den jungen Rishöi aus Tonsbo, der sein Gut frei und frank besaß.

Nun, schließlich hatte ich mich denn an dem See satt gesehen und ritt weiter über die Brücke nach dem alten Svendsö.

Ich liebe es, den Aufschlag des Pferdes unter mir auf einer Brücke zu hören! Eine hölzerne Brücke, die über den Bach nach der Mühle führt, ist schon ganz gut, aber eine gemauerte Brücke nach einem alten, roten Schloß, das war doch etwas anderes – »Es donnert der Hufschlag,« wie es in dem alten Lied heißt – das sind Worte, in denen Klang ist, nicht wahr?

So ritt ich denn über das holperige Pflaster in den Schloßhof, wo das Gras rings umher hervorsproß und eine gelblichgrüne Einfassung um die rundlichen, kleinen Steine legte, durch das halbgeöffnete Tor am Nordflügel, und dann war ich an dem neuen Schloßgarten angelangt.

Und da hatte ich wieder einen Anblick, der einem alten Kavalier gut tut.

Mitten auf dem großen Rasenplatz steht, oder stand auf alle Fälle – eine breitkronige Eiche, und in ihrem Schatten war in der warmen Mittagsstunde die ganze Jugend des Schlosses in einer Gruppe gelagert, die sich mehr als malerisch ausnahm, Svendsö war nämlich – wie immer zur Sommerzeit – mit Hausbesuch angefüllt: Agnes' Freundinnen, Kusinen und Vettern, Freunde und Freundes Freunde – herrliche, fröhliche Jugend – ich liebe Jugend!

Ich konnte denn auch nicht an mich halten, sondern rief schon aus weiter Entfernung mein »Halloh«, und dann kam Leben in das Lager: ehe ich noch vom Pferd abgestiegen war, hatten sich alle um mich geschart, und da war ein Gutentagsagen und ein Händedrücken und ein Vorstellen, so daß ich natürlich anfänglich kaum die Hälfte der Namen von allen diesen jungen Leuten behalten konnte – aber das machte nichts, wir kamen deswegen doch ebenso gut miteinander aus.

Als ich den Staub abgespült hatte und in einer etwas präsentableren Verfassung war, und den Kammerherrn und seine liebenswürdige Gattin ordentlich begrüßt hatte, da kam Agnes zu mir hin, und ich sah sie mir gründlich an.

Ja, wie schön war sie in den Jahren geworden, die ich sie nicht gesehen hatte – eine vollkommene Schönheit! Ein tannenschlank gewachsenes junges Mädchen, mit tiefen, blauen Augen und einem Lächeln, das einen Eiszapfen auftauen mußte, geschweige denn mich, der ich nie zu den Kalten gehört habe.

Es war mir aber doch, als wenn sie mir nicht ganz so offen in die Augen sähe, wie früher, und als ich nach dem Verlobten fragte, den sein Dienst in der Garnison zurückhielt, da kam mir die Antwort ein wenig trocken und vorbehalten vor. – »Aber du bist doch wohl so recht fröhlich und glücklich, mein Kind?« fragte ich und sah ihr, so lange ich konnte, in die Augen.

Ja, natürlich war sie froh und glücklich, und dann schob sie den Arm unter den meinen und führte mich in einen der entlegenen Gänge des Parks.

»Onkel Hauptmann,« rief sie plötzlich aus – ich bin nun einmal Onkel für die Hälfte der jütischen weiblichen Ostküste – »ich will dir etwas anvertrauen!«

»Ja, sprich du nur frisch von der Leber weg,« erwiderte ich, »ich bin ganz Ohr.«

»Nein – ich will es doch lieber nicht tun,« sagte sie und kehrte um – so wurde denn nichts daraus.

Dann kam das Mittagessen – stilvoll, ganz magnifique. Sie wissen, ich kann mich auf ein Stück gebratenen Specks und einen Schnaps bei Waldwärter Christen im Moor freuen, aber – warum sollte ich es leugnen – ich bin auch nicht gefühllos einer strahlenden Tafel gegenüber, die fast zusammenbricht unter Blumen, und wo man alten Madeira und Pfirsiche aus dem Treibhaus bekommt. – Und dann all die jungen, schönen Mädchen! – Ich glaube, es war Bischof Münster, der einmal sagte: »Ich kann mich nicht der Zeit erinnern, wo ich nicht verliebt gewesen bin!« Gott segne den Bischof für die schönen, ehrlichen Worte – ich mache sie zu den meinen, und ich danke Gott, daß ich das kann.

Also: das Mittagessen war tadellos! Aber da war doch etwas, was mir nicht gefiel, nämlich, daß Agnes offenbar mehr Wesens von diesem Nachbar, Herrn Rishöi aus Tonsbo, machte, als ich für ein verlobtes Mädchen passend fand. Und er machte ihr offenbar stürmisch den Hof, beugte sich fortwährend zu ihr hinüber, flüsterte und lachte mit ihr – meiner Ansicht nach recht unfein. Nun, das Essen zog sich ziemlich in die Länge, und hinterher saßen wir lange draußen auf der großen, geschlossenen Veranda bei Kaffee und Likör – ja, das mit dem Likör ist eigentlich ein Unding, aber er schmeckt verdammt gut! – ich für mein Teil schwelgte in dem Anblick der vielen jungen Mädchen.

In leichte, lichte Gewänder, in klare Farben waren sie gekleidet – wasserblau und rosa, lindengrün und weiß – und es sah großartig aus, wenn eine Gruppe von ihnen einen Augenblick in der offenen Verandatür stand und die Abendsonne ihre Köpfe mit goldenen Konturen umgab – kein Heiligenschein ist doch so strahlend, so warm, wie der der Abendsonne!

Und in fast ununterbrochener Bewegung befanden sie sich: bald verschwand ein paar, bald ein anderes in den Garten hinaus, und dann hörte man ein frisches Lachen, jetzt im Nußgang, jetzt hinter einem Boskett. – Die Leute sind oft so empört über das, was sie »Flirt« nennen, ja, wenn er grobkörnig wird, wenn er die Grenzen der Schönheit überschreitet – pfui Kuckuck! Aber wenn es nichts weiter ist als ein graziöses Spiel mit den kleinen Eroten, wenn die Worte von dem einen zu dem andern hinüberfliegen wie der Ball beim Tennisspiel, und wenn das Höchste, was vorkommen kann, ein Händedruck oder ein Handkuß ist – meinetwegen auch ein richtiger Kuß – draußen in den dunklen Gängen, wo niemand es sieht – Ach, wie kann das doch schön sein!

– Leichte Gewänder und leichter Sinn
Zarte Röte auf Wange und Kinn,
Rosengerank um den Fensterrahmen,
Knospende Rosen am Busen der Damen –

das kann einen wohl zwanzig Jahre jünger machen, nicht wahr?

Eros in den hellen Nächten
Gibt der Jungfer Stelldichein,
Trifft aus dem Versteck im Haine
Mitten in ihr Herz hinein –

aber er muß freilich nicht auf die Verlobten zielen, und das tat er, wie gesagt, hier. Nun, glücklicherweise kam jetzt eine Zeit, in der Monsieur Rishöi nicht an Annes Seite weilen konnte, denn sie und eine Freundin spielten einige Duos für Klavier und Violine, – die Freundin Violine, Agnes Klavier. – War das ein Genuß! Sie spielten zusammen, als hätten sie ihr ganzes Leben lang nichts weiter getan – es waren zwei Seelen und eine Melodie! Besonders Mendelssohns »Venetianisches Gondellied«. Ich bin nie in Venedig gewesen und komme wohl nie dahin – aber ganz Venedig lag vor mir in diesem Lied, und dann in Offenbachs Barcarole, – die aus »Hoffmanns Erzählungen«, Sie wissen ja, die ich viele Jahre später kennen lernte. Mendelssohns Lied, das ist die schwarze Gondel, die einsam auf den engen, todstillen Kanälen dahingleitet – man hört ja förmlich das Ruder durch den festen, einförmigen Rhythmus streichen – aber Offenbach, das ist Serenade und Stelldichein auf dem mondbeleuchteten Canale Grande – die Luft ist ja gleichsam mit Erotik gesättigt, wenn das so gespielt wird, wie es gespielt werden muß – und so habe ich es, Gott sei Dank, spielen hören.

Schließlich war das Repertoire der beiden jungen Mädchen erschöpft – leider! – und da die Uhr über elf war, begann der Kammerherr zum Aufbruch zu blasen. Aber da ertönte plötzlich hinter dem alten Schloß Musik von einer ganz anderen Art als die, der wir soeben gelauscht hatten, Es waren die Knechte und Mägde, die nach beendeter Heuernte auf alte, gute jütische Weise Mähefest hielten und drüben in der Scheune tanzten. Die ganze Musik bestand vermutlich aus nichts weiter als einer scharrenden Klarinette und einer falschen Violine, aber mit schlechten Instrumenten geht es ja so, wie es oft mit gewissen Menschen geht: wenn man sie nur in einer hinreichenden Entfernung hat, so nehmen sie sich eigentlich ganz gut aus, und es lag wirklich eine gewisse Stimmung über den fernen Tanzmelodien, von denen man nur einzelne Töne auffaßte.

»Ach, lassen Sie uns nach der Musik der Leute tanzen,« schlug jemand vor, »nur eine halbe Stunde!«

»Ja, nach »gebrauchter Musik« tanzen,« sagte ein anderer, »das ist doch was neues!«

»Nein, das kann nichts nützen,« wandte der Kammerherr ein, »sobald man zu tanzen beginnt, hört man hier keinen Ton mehr!«

»Aber ich habe einen anderen Vorschlag zu machen,« sagte Vishöi, »gehen wir in den Rittersaal des alten Schlosses hinüber und machen wir alle Fenster auf, von dort muß man die Musik ganz deutlich hören können, und da ist ja Platz genug!«

Ich sah zu Agnes hinüber. Sie hatte von Kindheit an eine fast krankhafte Angst vor dem alten Schloß und vor Mette Munks Spuken gehabt, und ich erwartete daher, daß sie sich ganz entschieden Rishöis Vorschlag widersetzen werde – aber nein! Mit großen, strahlenden Augen sah sie zu ihm auf, klatschte in die Hände und sagte: »Ach ja, das kann herrlich werden! Wir nehmen jeder ein brennendes Licht mit hinauf, und dann tanzen wir bis an den hellen Morgen!«

Ich hatte ein bestimmtes Gefühl, daß in der Gesellschaft mehrere waren, die in Wirklichkeit gar keine Lust hatten, um die Mitternachtstunde in dem alten Rittersaal zu tanzen, aber es ging hier, wie es immer geht: niemand hat den Mut, seine Furcht zu bekennen, und deshalb riefen alle die jungen Leute durcheinander, so wie Agnes, daß es herrlich sei, und einen Augenblick später bewegte sich eine Prozession mit brennenden Armleuchtern und brennenden Kerzen langsam über den Schloßhof – es nahm sich fast aus wie eine katholische Wallfahrt. Es war völlig still, so daß die Lichter nicht einmal flackerten, aber einige von den jungen Leuten hielten doch vorsichtshalber die Hand um die Flamme, und es sah hübsch aus, eine feine Mädchenhand von dem Feuer durchscheinen und gleichsam von inwendig herausglühen zu sehen.

Unwillkürlich war die laute Lustigkeit verstummt, und als der Schlüssel in das Schloß gesteckt wurde und sich kreischend herumdrehte, trat Totenstille ein.

Durch die große, öde Halle, die immer so eisig kalt aussah mit ihrer trübseligen Ausschmückung, grau in grau gemalt, die Treppe hinauf – sie knarrte bei jedem Schritt – und in den Rittersaal hinein ging der Zug.

Da drinnen wurden die Leuchter auf ein paar alten, wurmzerfressenen Schränken und Stühlen angebracht, die sich noch vorfanden, und die Fenster wurden geöffnet; das tat auch nötig, denn es herrschte dort eine eingeschlossene, moderige Luft, wie in einem Grabgewölbe.

An dem einen Ende des Saales hing das Bild von Frau Mette selbst, das ich so gut von früheren Besuchen her kannte: eine düster aussehende Dame in schwarz und weißer Witwentracht, das Weinranken-Wappen in der Ecke oben. Sie hing schief an der Wand, sehr schief, aber niemand schien Lust zu verspüren, sie gerade zu rücken, und ich glaube wohl, daß die ganze Gesellschaft sich jetzt ohne Ausnahme in das neue Schloß zurückwünschte, von woher wir gekommen waren.

Da ertönten plötzlich die Klarinette und die Fiedel unten aus der Scheune herauf, und die Musik machte neuen Mut. – Welch eine verteufelte Macht doch die Musik auf uns Menschen hat! Wird nur eine lustige Melodie geblasen, so kann man jede Kompagnie dazu kriegen, mit dem Bajonett vorzugehen, und so lange man hören kann, daß eine Melodie auf den Saiten gestrichen wird, hat ja der größte Feigling den Geistern der Nacht gegenüber Mut!

Nun, Rishöi forderte dann Agnes auf, die andern folgten dem Beispiel, und bald herrschte hier wieder lärmende, ausgelassene Lustigkeit, wie vorher draußen auf der Veranda.

Aber dann geschah das, was ich als die Katastrophe bezeichnen möchte.

Die Schloßuhr fing an, zwölf zu schlagen. Gleich bei dem ersten Schlag hielten alle unwillkürlich mit dem Tanzen inne, und man konnte deutlich sehen und merken, daß alle auf das warteten, was nun kommen würde – etwas mußte ja kommen.

Man vernahm keinen Laut im Rittersaal mit Ausnahme der Schläge der Uhr – die Musik in der Scheune war verstummt – Acht, Neun, Zehn, Elf, Zwölf – endlich!

Ja, was geschah denn da? Das ist eigentlich ganz schwierig zu sagen.

Wäre Frau Mette leibhaftig aus dem Rahmen getreten, oder wäre eine hohle Stimme aus dem Grab ertönt – ich glaube nicht, daß das dieselbe Wirkung gehabt haben würde, wie das, was sich jetzt zutrug.

Und dann war es doch nichts weiter – »nichts weiter«, das sagt man nun hinterher, wissen Sie! – als daß die Tür zu dem Schlafgemach, dort, wo Niels Skades blutbeflecktes Bett stand, plötzlich halb aufknarrte, und im selben Augenblick kam ein Zugwind, ein Windstoß, der alle Flammen niederdrückte, so daß sie nach der Seite schlugen, und die Hälfte von ihnen auslöschte.

Es entstand ein Kreischen, ein Schreien, das ich nie vergessen werde, und zum Saal hinaus, zur Treppe hinab stürmten sie – viele strauchelten, einige fielen – das war Panik, das war mehr als Todesangst.

Rishöi hatte Agnes Arm in dem Augenblick losgelassen, da die Tür aufsprang, und war wohl der erste, der hinauskam, und im selben Augenblick stürzte sie zu mir hin, der als Zuschauer bei dem Tanz dagestanden hatte, schlang die Arme um meinen Hals und preßte sich an mich, schluchzend und zitternd – ich mußte sie die Treppe hinabtragen.

Ich entsinne mich, wie ich einmal draußen im Rynger Walde ein neugeborenes, fast verschmachtetes Rehkitz gefunden hatte, dem die Mutter wohl von einem Wilddieb weggeschossen war – diese Kerle schrecken ja vor nichts zurück! Ich nahm das Kitz auf den Arm, trug es nach Hause, um es mit der Flasche aufzuziehen – was mir auch gelang – und ich fühlte, wie sein kleines Herz dem meinen vor Angst entgegenschlug, während es in meinen Armen zitterte.

Daran mußte ich denken, während ich Agnes trug.

Mit geschlossenen Augen lag sie da, und ihr Mund war dem meinen ganz nahe – aber anvertrautes Gut ist Kirchengut – selbstverständlich.

Nun, ich trug sie über den Schloßhof und legte sie auf ein Sofa in der Gartenstube, und dann wollte ich gehen, aber sie behielt meine Hand in der ihren und bat mich zu bleiben – das beruhige sie, sagte sie.

Eine Weile lag sie ganz still, aber auf einmal richtete sie sich halb auf, sah mir in die Augen und fragte, offenbar in Todesangst vor der Antwort:

»Hast du etwas gesehen, Onkel Hauptmann?«

»Nicht das Geringste!«

»Hast du auch nichts gehört

»Nichts weiter, als daß die Tür aufsprang. Es ist ja überhaupt nicht das Geringste geschehen!«

»Das meinst du ja nicht!« rief sie heftig aus und krallte ihre Finger in die meinen hinein.

Ich schwieg.

»Glaubst du, daß sie wirklich –« begann Agnes wieder nach einer Pause.

»Nein!« erwiderte ich. »Ich glaube ganz und gar nicht, daß sie ihren Mann hat ermorden lassen; es ist kein historischer Anhaltspunkt dafür vorhanden – ganz im Gegenteil!«

»Aber was glaubst du denn?« fragte Agnes.

Die Frage war ja gewissermaßen schwierig zu beantworten, aber plötzlich bekam ich – ja, ich möchte es eine Eingebung nennen, und dann sagte ich:

»Ich glaube an und für sich nichts, aber es wäre ja denkbar, daß die, deren Namen du nicht nennen magst – etwas anderes als ihren Mann – ja, sagen wir einmal, getötet hätte!«

»Was willst du damit sagen?«

Ich will damit sagen, daß sie vielleicht ihre eigene erste und wahre Liebe zu Palle Brok getötet hat. Sie getötet hat, indem sie sich Niels Skade für Gut und Geld verkaufte, während sie ihn doch in Wirklichkeit nicht liebte. Und wenn sie das getan hat, so ist das – jedenfalls nach meinem Katechismus – eine Sünde, vor der sie, das könnte ich mir sehr gut denken, keine Ruhe im Grabe finden kann, ehe sie nicht –«

»Ehe sie nicht was?« fragte Agnes.

»Ehe sie nicht ihre Sünde gesühnt hat, z. B. indem sie eine warnte, die vielleicht auf dem besten Wege ist, denselben Versuchungen zu erliegen wie Frau Mette!«

Agnes sah mit Augen voller Tränen zu mir auf, schlang die Arme um meinen Hals und gab mir den Kuß, den ich mir nicht genommen hatte, als ich sie trug.

Dann erhob sie sich, reichte mir ihre Hand zur Gutenacht und begab sich zur Ruhe.

Aber der Kammerherr und ich gingen noch allein oben in den Rittersaal hinauf und löschten die Lichter, die noch brannten – ganz ruhig, die Flammen kerzengerade in der Luft, aber mit langen knorrigen Stearinzapfen an den Seiten herab.

Nun, ein Jahr darauf hielt Agnes Hochzeit mit ihrem himmelblauen Leutnant, und sie hat es nie bereut.

Ich war auf der Hochzeit, natürlich, große Hochzeit, mit der Regimentsmusik aus Aarhus, das war etwas anderes als nach »gebrauchter Musik« von der Scheune her zu tanzen, – aber wir tanzten ja auch nicht mehr in dem alten Rittersaal!

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