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Der alte Hauptmann

Sophus Bauditz: Der alte Hauptmann - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorSophus Bauditz
titleDer alte Hauptmann
publisherRichard Hermes Verlag
printrun4.-7. Tausend
year1920
firstpub1913
translatorMathilde Mann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080527
projectid419d4344
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Allmählich, als ich im Laufe der Jahre mehr und mehr von den Geschichten des Hauptmannes gehört hatte, gewann ich indessen ganz natürlich immer größeres Interesse daran. Ich lernte die Orte und die Personen kennen, die Orte und die Personen kehrten wieder, und ich traf plötzlich mitten in einer neuen Geschichte Figuren, deren ich mich aus einer früheren erinnerte.

Und dann begann ich ganz im Geheimen niederzuschreiben, was er erzählte, und rahmte die einzelnen Abschnitte in dasselbe Milieu ein, in dem ich sie von ihm gehört hatte, und eines Abends überraschte ich den Hauptmann, indem ich ihm eine Geschichte vorlas, die er mir selbst ein paar Abende vorher erzählt hatte.

»Das ist doch des Teufels!« rief er aus, »Kann ich wirklich so gut erzählen – das hätte ich nicht geglaubt!«

»Viel besser, Hauptmann,« erwiderte ich, »denn wenn Sie erzählen, zeichnen Sie sich selbst deutlicher als ich oder irgend ein anderer es vermöchte, und das ist nicht das Geringste bei Ihren Geschichten!«

»Soll ich denn gedruckt werden?« fragte der Hauptmann nach einer Weile, ganz ängstlich.

»Ja, wahrscheinlich – haben Sie etwas dagegen?«

»Nein, eigentlich nicht – aber welchen Titel soll ich denn haben?«

»Ach, ich denke mir so etwas wie »Hauptmann Riis' Erlebnisse« oder »Hauptmann Riis« allein.«

»Um keinen Preis!« erklärte der Hauptmann bestimmt, »Ich will meinen Namen nicht auf dem Titelblatt haben. – Nein, nennen Sie das Buch in Gottes Namen »Der alte Hauptmann«, das klingt viel besser, und es paßt auch viel besser.«

»Aber sie dürfen mich erst zehn Jahre nach meinem Tod herausgeben, hören sie – so lange will ich meinen Nachruf in Frieden besitzen!«


Jetzt sind die zehn Jahre vergangen und nun geht der Hauptmann in den Druck – d. h. eine kleine Auswahl seiner vielen Geschichten, die zusammengehören und sich ineinander verschlingen, wie die Glieder in einer Kette.

Sie können im Anfang vielleicht zufällig gewählt und ohne innere Verbindung erscheinen, aber es wird sich doch allmählich herausstellen, daß sie ein Ganzes bilden – ein Ganzes, das in erster Linie von dem alten Hauptmann getragen wird und von seiner Liebe zu dem Land und dem Volk, das er so hoch hielt.


Mit der Hühnerjagd in Hjorthold ist es nie weit her gewesen, und mehrere Jahre hatten daher der Hauptmann und ich davon gesprochen, daß wir doch einmal zusammen sein altes Rebhühnerrevier aus den Leutnantstagen, drinnen in Mitteljütland, südlich von Viborg, aufsuchen wollten.

Und dann wurde schließlich Ernst daraus. Wir trafen uns am fünfzehnten September in Kundby, erhielten Nachtquartier bei einem alten Bauern, den der Hauptmann dort im Dorf kannte, und hatten im übrigen vorläufig keinen andern Schlachtplan, als daß wir die nächste Nacht im Ulkenborger Krug schlafen wollten.

»Ach, wie ich mich freue!« sagte der Hauptmann am Abend, als wir im Begriff waren, uns zur Ruhe zu begeben. »Solange man das kann, ist man doch nicht wirklich alt, nicht wahr? – Und ich weiß, ich schlafe über Nacht nicht mehr als eine halbe Stunde hintereinander, aber es ist ja nur ein Vergnügen, auf die Weise zu erwachen und daran zu denken, was man in Aussicht hat, nicht wahr? – Und träumen tue ich ja, Gott sei Dank, auch noch von den Kriegsjahren und von schönen Mädchen und von Jagd – der Schuß will im Schlaf nie losgehen, ist das nicht sonderbar? – Na, dann gute Nacht, und schlafen Sie gut – das heißt, wenn Sie es können

Am nächsten Morgen das herrlichste Septemberwetter, nicht eine Wolke am Himmel, und einen ganzen, langen Tag vor uns! Ja, wie köstlich lang ist der erste Jagdtag, und wie sind die Erwartungen gespannt – Jäger und Hunde sind gleich ausgelassen vor Freude!

Draußen im Garten schüttelt man, ehe man hinausgeht, die Pflaumen von den Bäumen sie fallen mit eigentümlich dumpfem, weichem Laut, der nichts anderm in der Welt gleicht, in das betaute Gras hinab, und der zarte, matte Duft, der auf der gelben oder grünen Schale liegt, macht sie doppelt einladend – das ist nicht, wie die des Fruchthändlers, die befühlt und betastet sind, so daß der jungfräuliche Hauch von ihnen abgegriffen ist, schon lange ehe sie in die Stadt kommen! – Und dort auf dem Rasen liegen die heruntergefallenen blutroten Calvilles – die Kerne rasseln inwendig, wenn man sie schüttelt – und man kann die Gravensteiner riechen: kein Geruch in der Welt kann sich damit vergleichen – » Bouquet de l'automne,« sagt der Hauptmann. Ein paar davon in das Netz, das über der Tasche hängt, ein Lebewohl an unsern Wirt und nun von dannen – die Hunde sind kaum mehr zu halten!

Und dann geht es über Grasflächen und Stoppelfelder – die herbstlichen Stoppelfelder, auf die Tauperlen mit der Hand des Reichen in das feine Spitzengewebe hineingestreut sind – über den jungen, zarten Roggen, durch Rübenäcker und an den Zäunen entlang – Bewegung bekommt man!

Das erste Volk am ersten Tag! Und der erste Schuß!

– Ist es Einbildung, daß der anders klingt als die vielen späteren – schärfer, festlicher? Ja, natürlich ist das Einbildung – aber doch! Und das erste Rebhuhn, das einem der Hund bringt – man nimmt es sorgfältig in die Hand, wie einen seltenen Vogel, und hängt es ganz stolz an die Tasche – so viele Umstände macht man sich bei den späteren nicht mehr!

Wo ist das Volk eingefallen? Der Hirtenjunge hat natürlich nichts gesehen – Hirtenjungen sehen ja nie etwas – aber da steht Diana schon unten an dem Zaun – jetzt gilt es nur, sich zu sputen, und wir sputen uns!

Piff, paff – die Schüsse fallen à tempo, und die Hühner auch. Und während die Hunde nach dem krankgeschossenen Huhn drinnen in den Brombeerranken suchen, pflücken wir im vorübergehen ganze Hände voll von den reifen, glitzernden Beeren – »Hurra, der Herbst soll leben!« ruft der Hauptmann.

Drüben am Rand einer Mergelgrube mit herbstlich klarem, blaugrünem Wasser, verzehren wir unser Frühstück, und herrlich schmeckt es – den Schnaps nicht zu vergessen!

Ein Hollunder mit schwarzen, wässerigen Beeren beschattet uns, rote Hagebutten und stahlblaue Schlehen zu beiden Seiten – ja, Farben, die hat unser Herbst!

Und die Luft ist so rein und durchsichtig, man sieht meilenweit um sich, und alles – Bäume und Gehöfte, die Mühle auf dem Hügel und der Wagen des Kuhhirten, alles steht so weich und schön in dem Bilde, nicht mit den scharfen Konturen wie unter der Frühlingssonne.

Und der Hauptmann sieht still, fröhlich in das Dasein hinaus, streichelt seinen Hund und ist offenbar dem lieben Gott dankbar, weil er ihn noch eine Saison hat erleben lassen.

»Ja, es ist ein schöner Tag gewesen,« ruft er aus, »und dann freue ich mich wie ein Kind darauf, daß ich in meinem alten Krug, in dem Ulkenborger Krug, schlafen soll – ich bin in den letzten fünfundzwanzig Jahren nicht dagewesen! – Ja, ich freue mich auch, daß Sie einen richtigen jütischen Krug sehen sollen, für mich knüpfen sich freilich eine ganze Reihe Kindheitserinnerungen daran, die vor den Gedanken aufmarschieren, so wie nur der Name genannt wird.

Im Ulkenborger Krug, im »alten Krug«, wie er immer hieß, da machten wir in meinen Knabenjahren Rast, wenn wir nach Süden fuhren, und in Ulkenborg machten wir Rast, wenn wir gen Norden fuhren, da habe ich in der Kriegszeit gelegen, und da habe ich als Jäger gehaust, großartig aufgehoben war man da immer.

Es ist ja nun auch kein gewöhnlicher Krug – nein, es ist ein ganz herrschaftliches Gebäude, das werden Sie sehen: ein altes grundgemauertes Haus mit drei Giebelfenstern und dem roten Schild mit »Königlich privilegierter Krug« über der Haustür, das verleiht ein Relief. Und da ist eine Gaststube, so groß wie ein Saal für die Honaratioren, und eine Kellerstube für Kutscher und Viehtreiber. Sie müssen nämlich wissen, daß die Glanzperiode des Krugs damals war, als die Ochsen zu Tausenden nach Holstein hinübergetrieben wurden – damals herrschte dort Leben, das können Sie mir glauben, Leben und Wohlstand! Wenn die Aufkäufer vom Husumer Markt mit den blanken Talern in kleinen, zugeschlagenen Tonnen, die unter dem Wagensitz lagen, nach Hause kamen, so waren sie nicht bange, etwas zu spendieren, und da konnte der Champagner in dem alten Krug fließen. – Ob sie da Champagner hatten? Ja, darauf können Sie Gift nehmen! Eine lange Zeit lebte man von dem Strandungsgut von der russischen Fregatte, die waren für den Hof in St. Petersburg liefern sollte, aber vor Lönstrup auf Grund stieß und Wrack wurde – haben Sie davon nicht gehört? Ja, nach dieser Strandung schmierte manch ein Bauer an der Westküste seine Wagenräder mit französischer Pomade und kochte Suppe von Chambertin – das ist wirklich wahr. Und vor fünfzig Jahren war auch der Ulkenborger Krug so bekannt in Jütland, wie, sagen wir einmal, das Hotel d'Angleterre in Kopenhagen. Der Kaffeekessel kam weder bei Tag noch bei Nacht aus dem Kochen, und man bekam dort einen Speckpfannkuchen – nie im Leben habe ich etwas ähnliches geschmeckt! Und wie Madame Knudsen eine Ente braten konnte – hellbraun und saftig und doch durchgebraten und knusperig – davon können Sie sich keinen Begriff machen!

Und dann der Reisestall, – das war nun der Teil des Krugs, für den ich mich als Kind am meisten interessierte – der Reisestall, in dem es immer dämmerig war, und wo immer Zug herrschte!

Ich sehe den Stallknecht, den alten Franz, noch so deutlich vor mir, wenn er an Winterabenden da drinnen herumhumpelte mit einer bestaubten Laterne, die so schwach leuchtete, daß nur auf die allernächsten Gegenstände ein matter, flackernder Schein fiel; und wenn er dann hinging und den Deckel der ungeheuren Häckerlingskiste öffnete, dann durchlief mich ein kalter Schauder, denn der Reisestall hatte auch seine unheimliche Romantik: einmal in den zwanziger oder dreißiger Jahren war ein reicher Spitzenhändler aus Tondern hier im Stall ermordet und ausgeplündert worden, und seine Leiche hatte man unter der Futterkiste gefunden – Franz entdeckte sie dadurch, daß der schwarze Pudel des Spitzenhändlers vor der Kiste saß und heulte. Einen von den Mördern erwischten sie übrigens bald; er wurde oben auf einem Hünengrab, das sie Timhügel nennen, ein wenig südlich vom Krug, hingerichtet – ich will Ihnen die Stelle zeigen. Aber wie man sagte, waren es Dreie gewesen, und die andern beiden hatten sich vorläufig in Sicherheit gebracht, von dem einen hat man nie etwas gehört, er war wohl auf See gegangen – und der andere wurde später ein großer Mann, eine ganze Strecke weiter südwärts, erzählte man; aber dann sickerte doch einige Zeit nach dem Morde etwas von der Sache durch, und da mußte er einen mächtigen Haufen Geld an die Christianshafener Kirche bezahlen, wie es hieß, und kam nur dadurch frei, daß er einmal im Jahr nach Kopenhagen fuhr und dort des Königs Eisen im Stockhaus trug. – Das ist ja eine von den Sagen, wie sie überall erzählt werden.

Aber der alte Franz selbst, der war die Poesie des Reisestalles!

Er hatte als Dragoner unter dem großen Napoleon gedient, war mit in Spanien und bei Waterloo gewesen, war verwundet und gefangen worden und hatte eine große Narbe oben auf dem Kopf, die von einem österreichischen Säbelhieb herrührte – er bekam auch im Jahre 58 die St. Helena-Medaille, also muß er doch seine Papiere in Ordnung gehabt haben. Wenn er, obeinig, wie es sich für einen abgedankten Kavalleristen geziemt, und steif von der Gicht, die er sich im Reisestall im Zug geholt hatte, mit seinem stoppelbärtigen Gesicht in die Kellerstube hineingehumpelt kam, dann war ja an und für sich gerade nichts sonderlich Imponierendes an ihm, aber Sie können sich denken, daß man als Junge doch mit Bewunderung zu ihm aufsah – ein wirklicher Dragoner aus der Kaiserzeit, einer, der den kleinen Korporal mit eigenen Augen gesehen hatte! Und wenn irgend jemand aus der Gaststube ihn bat, das Lied von »Alongs« zu singen und ihn mit einem Wunsch traktierte, dann trat er in die Tür der Kellerstube und sang die Marseillaise, daß es schallte, und zwar in einem Französisch, das bedeutend echter klang, als das, was mein Lehrer auf dem Gymnasium sprach. – Er konnte wirklich auch ganz gut aussehen, wenn er sich die beiden Male im Jahr, wo er zum Abendmahl ging, fein gemacht hatte; dann ließ er sich von dem Schmied rasieren, lieh den alten Zylinder und die Stiefel des Krugwirtes, und auf seinem Mantel baumelte das rot- und grüngestreifte Band der Medaille – Sie können mir glauben, Franz tat es bei solcher Gelegenheit nicht billig!

Sehen Sie den Raubvogel da oben, der gen Süden segelt! Ja, der Zug hat begonnen. – Ist das nicht ein Sperber – ja, wirklich! Er sollte doch wohl nicht hier herumkommen, so daß wir ihm einen Salut geben können – nein, da bog er ab! ...

Aber wir waren ja bei dem Krug! wenn man von Norden kommt, so ist da eine lange, lange Kastanienallee – eine bepflanzte Chaussee, verstehen Sie – die führt da hinauf, Es sieht ganz vornehm aus – das heißt im Sonnenschein – denn ich kenne nichts Melancholischeres, als an einem regnerischen Novembertag durch eine entblätterte Allee zu gehen, wo das Wasser an den Stämmen heruntertreibt, und von den Zweigen tropft – man bekommt ja förmlich Wintergedanken bei dem Anblick, nicht wahr? Und

Die lange Allee, wohin mag sie gehen,
Mit den kahlen Zweigen, so traurig zu sehen
Zur herbstlichen Abendstunde?
Ihr Sommergewand verlor die Allee,
wo führet sie hin? – In den Winterschnee,
In des Jahres kreisender Runde!

Aber an einem Sommermorgen oder im Herbst, an einem Tag bei Sonnenschein, der das braune Laub vergoldet, da ist die Allee prachtvoll! Und wenn dann die Diligence gefahren kam des Morgens von Viborg und des Abends nach Viborg – zuweilen mit zwei Beiwagen im Gefolge, das war ein Fest zu sehen! Ich habe, weiß Gott, manches liebe Mal von langen Reisen und fremden Ländern geträumt, nur wenn ich den Postillon blasen hörte, und was für ein Vergnügen war es, den Postkutscher und die Passagiere in die Gaststube hineinkommen zu sehen, während Rast gemacht wurde! Dann versuchte man zu raten, wer wohl der sei und wohin der wolle – man konnte sich geradezu eine ganze Geschichte über die Diligencepassagiere zusammendichten, die man im nächsten Augenblick schon aus den Augen verlor, um sie nie wiederzusehen. Das war ja nämlich das Eigentümliche bei so einem alten Krug, daß dort ein beständiger Wechsel von Personen und Bildern vor sich ging, die ohne Text, ohne Kommentar und ohne Verbindung miteinander aus dem Rahmen herausfielen, – Und dann kann es doch zuweilen geschehen, daß man das Ende einer Art von Faden zu fassen kriegt: man hält ihn fest, und dann entschlüpft er doch wieder, man starrt und starrt einem Wagen nach, weiß aber nicht, wo in aller Welt er hinfährt – davon werde ich Ihnen gelegentlich eine Geschichte erzählen.

Und wenn man dann bedenkt, daß die Zeit der Diligence sozusagen ganz vorbei ist! Ich bin überzeugt, es gibt schon jetzt Tausende von erwachsenen Menschen hier zu Lande, die Dutzende Male mit der Eisenbahn gefahren sind, die aber noch nie so eine gelbe Schachtel auf vier Rädern gesehen haben, und doch vertreten ja die Diligencen die Poesie der Landstraße, nicht wahr? Ja,

Heh! Peitschengeknall und Posthornklang in lustiger Symphonie!
Nun spielt uns der Postillon seine beste Melodie!
Die Töne sind ein wenig falsch, ein wenig schrill und hoch.
Am Sommermorgen klingen sie gar schön und lieblich doch.
Besonders, wenn man blasen hört in einiger Distanze
Den feuerroten Postillon der gelben Diligence!

– ja, wie die Farben zueinander standen, das ist gar nicht zu beschreiben!

Nun, die Diligencepassagiere, die waren ja nur Passanten, die kamen und wieder verschwanden; aber der alte Krug hatte seine Stammgäste.

Ich denke nicht an die Bauern, aber da war nun erstens der Doktor aus Lyngkjar, Kriegsrat Schäbel; er kam regelmäßig zweimal in der Woche und hielt Sprechstunde in der Gaststube ab, und wenn er einem Patienten einen oder zwei Zähne auszog – das war seine Lieblingsbeschäftigung, und es wurde behauptet, daß er es oft gratis tue, nur zu seinem Vergnügen – so wohnten alle Gäste mit großem Interesse der Operation bei, ohne daß es den Doktor oder das Opfer zu genieren schien; aber den konnte ich eigentlich nicht leiden: er war mir zu sehr Schlächter! – Nein, da war mir allerdings Ole Ras lieber – er war gewissermaßen mein Freund.

Wenn man gerade heraus sagen wollte, was er war, so war er Wilddieb und nichts weiter. Aber Ole Ras würde auf das Bestimmteste dagegen protestiert haben, wenn jemand gewagt hätte, ihn so zu nennen, denn er betrachtete, was die Jagd anbetraf, alles Land als ihm gehörig, so weit der Himmel blau und der Schnee weiß war. Und seine Jagd war nun allerdings auch ganz eigener Art, und ein richtiger Jäger, so was Sie und ich darunter verstehen, das war er garnicht, insofern als er die Jagd ausschließlich von dem Gesichtspunkt des Lebensunterhalts betrachtete; er schoß nur, wenn es sich bezahlte – am liebsten zwei Rebhühner mit einem Schuß und den Hasen im Sitzen – und seine liebste Jagd war die Entenjagd. Man sagte von ihm, er könne jeden Köter, dem er auf seinem Weg begegnete, locken, so daß er ihm folgte, und ihn zum Stehen bringen, aber apportieren mußte er ja in der Regel selbst und zwar zu Lande wie zu Wasser, trockene Füße hatte er infolgedessen nur noch selten, Er hatte eine baufällige Hütte – oder wohnte dort zur Miete – war aber sozusagen nie zu Hause und kam eigentlich auch nur selten aus den Kleidern; am liebsten lag er im Krug auf einer Bank oder auf dem Heuboden, und im Krug verkaufte er in der Regel auch sein Wild, was ihm genug für seinen Unterhalt verschaffte, denn das einzige, wofür er Geld ausgab, war eine Mahlzeit Eisen und Pulver und Schrot, Die Bauern gaben ihm auch oft etwas, denn sie waren eigentlich bange vor ihm; man sagte nämlich, er habe Zigeunerblut in den Adern, und er sah wohl danach aus: schwarze, listige Augen unter scharf gezeichneten Brauen und eine dunkle, gelblichbraune Hautfarbe. Der Bart war ein reiner Urwald, lang, verfilzt, auf dem Kopfe trug er Sommer und Winter dieselbe abgegriffene Mütze aus einem unbestimmbaren Fell, und an seinem zerlumpten Rock fehlten gewöhnlich alle Knöpfe, so daß er einen Strick um den Leib binden mußte, um ihn zusammenzuhalten. Er sah eigentlich aus wie einer von den Wildmännern in dem dänischen Wappen – oder vielleicht noch mehr wie »das alte Jahr« auf einer der modernen Neujahrskarten, die Sie ja kennen. Ja, schön war er nicht, aber Riesenkräfte hatte er, und dabei war er doch eigentlich immer furchtbar gutmütig, nur hin und wieder konnte das Böse einmal in ihm aufsteigen, und dann suchte er nach besten Kräften mit irgend jemand Streit anzubandeln, aber das mißglückte fast immer, denn da war niemand, der mit ihm anzubinden wagte. – Das machte sich übrigens der Kammerrat auf Reistrup zunutze, aber das habe ich Ihnen gewiß schon erzählt? nicht wahr?

Ja, der Kammerrat hatte einen schönen Wald von ein paar hundert Tonnen Land mit ganz gutem Wildbestand, und ich zweifle nicht, daß Ole Ras sich manch liebes Mal da drinnen einen Bock oder eine Ricke geholt hat. Aber dann kamen einen Winter ein paar professionierte Wilddiebe von Fünen hier in die Gegend herüber, und die lüfteten allen Ernstes zwischen dem Reistrupper Wild aus. Darüber ärgerte sich ja der Kammerrat, und da sein eigener Förster die Räuber nicht fassen konnte, so schickte er nach Ole Ras und fragte ihn, ob er nicht auch fände, daß es eine Schande sei, daß so ein paar Leute aus Fünen hier oben im jütischen Land ihr Geschäft treiben dürften. Ja, das fand Ole Ras auch. – Ob Ole Ras sie denn nicht im Guten oder im Bösen bewegen könne, sich zu verziehen? Es sollte auch nicht auf einen Blauen ankommen, wenn sie erst fort wären, und um eine Doktorrechnung solle er sich auch keine Sorgen machen. – Ja, Ole Ras war sehr willig, den Versuch zu machen, und dann begann die Schlacht.

Die Leute aus Fünen saßen eines Abends nach beendetem Tagewerk im Krug und tranken einen Kaffeepunsch. Da kam Ole Ras herein, sagte guten Abend und trank erst den Punsch des einen und dann den des andern aus, ohne nur um Erlaubnis zu bitten; aber die Leute aus Fünen sahen den Hünen an und sagten klüglicherweise nichts. Da mußte Ole sie denn ein wenig hart auf die Schienbeine treten, und schließlich ging denn auch der Zank los – der erste Schlag fiel.

Da kam der Krugwirt hinzu, und Franz und noch ein paar andere wollten auch herein und sich die Geschichte mit ansehen, aber da rief Ole: »Raus aus der Stube mit euch, so lange die Sache währt! Ich will keine Zeugen haben! Ihr könnt kommen, wenn es still geworden ist!« und in demselben Augenblick schlug er nach der Hängelampe, so daß sie herunterfiel und es stockdunkel wurde.

Zehn Minuten später war es in der Gaststube ganz still, von den Leuten aus Fünen hat nie wieder jemand etwas gesehen, und nachdem Ole vierzehn Tage mit zwei gebrochenen Rippen im Bett gelegen hatte, war er wieder der alte.


»Nein, sehen Sie doch nur, da kommen, weiß Gott, ganze drei Hasen aus dem Wald gehoppelt – das wäre ein Anblick für den alten Ole Ras gewesen! – Es ist übrigens sonderbar, wie viele Hasen man vor dem 21. sieht – aber so bald man sie schießen darf, sind sie wie weggeblasen!


Ja, Ole Ras ist längst tot und begraben, und der Küster Christen auch – den hätten Sie kennen sollen, der wäre ein Mann für Sie gewesen!

Er wohnte dem Krug schräg gegenüber, und jeden Abend das ganze Jahr hindurch, wenn die Diligence erwartet wurde, kam er herüber, um zu sehen, wer mitgekommen sei, und dann blieb er gleich eine Weile da, stopfte seine Pfeife und trank seinen Grog – natürlich in der Gaststube.

Er war die personifizierte Überlieferung aus der Vergangenheit, einen schwarzen, blank geschlissenen Frack, der sich nicht mehr über seinem rundlichen Bauch zusammenknöpfen ließ, schwarze Beinkleider, die in ein paar hohen Stiefeln endeten, und ein weißes Halstuch. Aber die Lebensfreude und das Wohlwollen leuchteten aus seinem runden, bartlosen Gesicht, und wenn er seine Fiedel hervorholte und eine der alten Melodien darauf strich – mehr gut gemeint als eigentlich rein – und den Takt mit dem Fuß markierte, dann sah er aus, als sei er aus einem Bild aus Rahbeks Zeiten herausgesprungen.

Akademiker war er übrigens auch – wohl einer der letzten »lateinischen Küster« in Dänemark. Er hatte im Jahre 1807 im Studentenkorps unter der Waffe gestanden und war seit jener Zeit ein persönlicher Bekannter von Ingemann und Blücher, er hatte auf Duzfuß mit Jars Matthiesen gestanden und war mehrere Jahre erster Liebhaber an einem der damaligen vielen Privattheater gewesen. Ja, dann hatte er sich als Student in eine zweifelhafte Verbindung eingelassen, die nicht ohne Folgen blieb und dann – ja, dann heiratete er die Verbindung und wurde Vater der Folgen – so ist es ja schon andern vor ihm gegangen. Sein Staatsexamen machte er natürlich niemals, sondern strandete hier oben in Jütland als wohlmeritierter Rüster und Schullehrer; er fühlte sich höchst erhaben über seine gewöhnlichen »unstudierten« Berufsgenossen und ermüdete nie, von seinen Studentenjahren in Kopenhagen, von Theater und Musik, von Klubs und Maskeraden zu sprechen. »Erbärmlich, sehr erbärmlich waren seine Verhältnisse – er hatte natürlich ein Nest voll Kinder – aber die gute Laune behielt er bis zuletzt, und das war ja das Wesentlichste. Ja, den hätten Sie kennen sollen – und Ole Ras – und den alten Stallknecht Franz – sie sind alle heimgegangen, alle, die alt waren damals, als man selber jung war und fand, daß es ein langer Weg war bis zum Alter. – Ja, jetzt findet man auch, daß es ein langer Weg ist bis zum Ulkenborger Krug, und doch ist man vor Abend da – das heißt, wenn wir nicht den ganzen Tag hier bei der Mergelgrube liegen bleiben. – Na, denn nur auf mit Ihnen, und dann kommen Sie nur!«


Und den Rest des Nachmittags jagten wir, fanden noch ein paar Völker Rebhühner und hatten das große, heutzutage so seltene Glück, einen Fuchs drüben in den Rüben des Pfarrers aufzujagen – tot im Knall!

Und dann gelangten wir müde und warm gegen Abend an den Ulkenborger Krug.

Da lag er, der berühmte »alte Krug« und sah ganz aus wie nach der Beschreibung. Aber da waren keine Wagen im Reisestall, niemand kam heraus, um uns in Empfang zu nehmen, und als wir in die Gaststube kamen, war sie leer.

»Großer Gott,« rief der Hauptmann aus, »wie verändert es hier ist! Ja, die Krugwirtschaften sterben aus, so wie die großen Bekassinen – und wovon sollen die Leute auch leben! Keine Diligencen, keine Handelsreisenden, die die Nacht über da bleiben, kein Teepunsch. Heutzutage kommt da höchstens ein schweißtriefender Radler und trinkt eine Zitronenlimonade – nein, es ist Enthaltsamkeit in die Leute gefahren: das ist ja sehr ehrenhaft, aber gemütlich ist es nicht!«

Dann ging der Hauptmann in die Küche hinaus, um sich persönlich nach der Zubereitung von einigen unserer Rebhühner umzusehen – das vertraute er nämlich der ihm unbekannten Krugwirtin nicht an.

Währenddes saß ich in der leeren Gaststube und betrachtete die Merkwürdigkeiten dort, viele waren es freilich nicht. Unter der Decke hing eine »Unruhe«, an der einen Wand ein pyramidenförmiges Bort oder, wie es hier in der Gegend heißt, ein »Pirremi«, und an der anderen ein kleiner, wohl recht seltener Kupferstich, der die Hinrichtung von Struensee und Brandt darstellte – das waren die Luxusgegenstände. Zu den Notwendigkeitsartikeln muß man wohl einen der bekannten Fliegenfänger aus Glas zählen, mit der nach unten offenen Kuppel, unter der sich ein Glasrand mit saurem, dunkelbraunem Bier befindet; das Bier war ganz dick von den ekelhaften, schwarzen Tieren, die hier ihr Leben hatten lassen müssen, aber leider waren noch lebende Fliegen genug in der Stube, träge, matte Septemberfliegen, die auf dem fettigen, kleberigen Tisch herumkrochen, und die nicht abzuschütteln waren, wenn sie sich erst auf einen gesetzt hatten. In einer Ecke befand sich der Schenktisch, und daneben stand eine Tür offen, die in einen langen Gang mit Türen auf der einen Seite hinausführte – offenbar die »Gastzimmer«, und an dem entgegengesetzten Ende der Stube war eine Tür, die ebenfalls offen stand: die führte in die »Kellerstube« hinaus, die ebenso groß war wie die Gaststube.

Die Hunde bekamen ihr Fressen, rollten sich mitten auf dem Fußboden zusammen und schliefen gleich ein – sie waren offenbar totmüde.

Dann kam der Hauptmann aus der Küche zurück; ein Tischtuch wurde auf den Tisch gelegt, und die Rebhühner wurden aufgetragen – sie waren köstlich gebraten, und wir aßen mit einem wahren Heißhunger, tranken ein Glas Bier oder auch zwei dazu, bekamen einen Pfannkuchen – von dem hatte die Krugwirtin allein die Ehre – und dann zündeten wir uns die Pfeifen an und mischten uns einen Grog.

»Sehr ordentlich,« sagte der Hauptmann, als er den ersten Schluck genommen hatte. »Aber Strandungsrum von der alten Sorte ist es freilich nicht – nein, die Zeiten haben sich verändert! Aber die Betten sind gut – ich bin hin gewesen und habe sie inspiziert – und nach der Anstrengung des Tages werden wir schon gut schlafen – besser als ich die eine Nacht geschlafen habe, die ich kurz vor dem ersten Krieg hier zugebracht!«

»Warum haben Sie denn damals nicht gut geschlafen?«

»Ach, ich habe eigentlich gar nicht geschlafen – in der Nacht hatte ich an anderes zu denken, das können Sie mir glauben! – Es war übrigens die Geschichte, die ich Ihnen oben an der Mergelgrube versprach.«

Und dann erzählte der Hauptmann.

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