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Der alte Bartl

Adolf Pichler: Der alte Bartl - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleJochrauten- Neue Geschichten aus Tirol, 1. Band
authorAdolf Pichler
year1897
firstpub1897
publisherGeorg Heinrich Meyer
addressLeipzig
titleDer alte Bartl
pages118
created20141227
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der alte Bartl

Eine Geschichte aus Tirol

von

Adolf Pichler

 


 

Aus: Jochrauten – Neue Geschichten aus Tirol, 1. Band
Verlag von Georg Heinrich Meyer, Leipzig
1897

 


 

Die schönen Tage des Spätherbstes waren angebrochen; doch zogen bereits über die Berge im Westen von Innsbruck weiße Wolkenstriche, ebenso deutete das Azurblau des Himmels auf eine Luftströmung aus Süden. Jeden Tag konnte der Scirocco anbrausen. Ich hatte daher keine Zeit mehr zu versäumen, wollte ich nachsehen, wie sich Scholastika, die wackere Wirtin und altberühmte Jungfrau am Achensee, in der Blüte ihres jungen ehelichen Glückes ausnehme. Frisch gewagt ist halb gewonnen, dachte ich, als der Jäger zu Jenbach ob meines Vorhabens, nach Kirchweih noch ins Achenthal zu pilgern, den Kopf schüttelte und dabei auf Grund seiner meteorologischen Erfahrungen vom Himmel das Schlimmste prophezeite. Ich 2 warf die Kräuterbüchse über den Rücken und trabte wohlgemut am Kasbache empor. Aus der Hochebene von Maurach hörte ich bereits unheimliches Rauschen, einzelne Windstöße wirbelten gelbes Laub von den Buchen, die Rotkehlchen zogen, den Holunderstauden entlang, schnalzend thalab. Rötlicher Schimmer zitterte durch die Tannen. Ich schaute ins Oberland, in Flammenzungen loderten die Wolken am Abendhimmel über den Felsen empor, während Schluchten und Tobel dunkles Violett beschattete. Es war ein Schauspiel mit nichts zu vergleichen an erhabener Schönheit; die Pracht der Farben bei völlig klarer Luft, noch gehoben durch die Gegensätze, welche der Herbst bunt nebeneinander stellt, erinnerte an die Landschaften der Apenninen. So gießt der Scirocco stets Stimmung und Farbentöne des Südens über unsere nordische Gegend; wäre er nur nicht ein falscher tückischer Geselle, der spielend Bäume abbricht wie Blümchen, und Felstrümmer herabschleudert! Mich trieb er neckend zum Aufbruch, indem er mir den Hut 3 vom Kopfe riß und ihn über die Felder jagte, daß ich wider Willen laufen mußte, bis ich ihn eingeholt hatte. Schwer atmend ging ich weiter; als ich beim Rechler anlangte, war es bereits finstere Nacht. Ich begehrte über den See zu fahren; die Leute hatten aber bei diesem heftigen Winde und der großen Dunkelheit keine Lust. Es blieb mir daher nichts übrig, als entweder auf der Straße vorwärts zu wandern, dazu war ich jedoch, nachdem ich bereits einen weiten Weg gemacht, wenig aufgelegt und mußte auch das Abrollen der Steine fürchten, oder einen Kahn zu leihen und selbst zu rudern. Ich zog letzteres vor, obwohl mich der Ferge dringend warnte, nicht als ob er meiner Kunst, das Steuer zu lenken, mißtraue, sondern weil es nachts auf dem See nicht geheuer sei. Das hielt mich nicht ab; der Kahn wurde von der Kette gelassen und flog mit Sturmeseile in die Dunkelheit. Ich brauchte nur die Richtung zu halten, die Wellen, deren Gischt hoch an den Planken emporspritzte, thaten das übrige. Der Nachthimmel war 4 wunderbar klar mit Sternen übersät, wie es beim Scirocco stets zu sein pflegt; desungeachtet herrschte ein solches Dunkel, daß ich kaum die Spitze des Kahnes, geschweige das Ufer sehen konnte. Einem furchtsamen Gemüte mochte dieses Rauschen und Brausen aus unsichtbarer Nähe und Ferne unheimlich genug vorkommen, obgleich nirgends Gefahr drohte. Da stiegen plötzlich über den Wellen weiße Gestalten empor, sie flossen hin und her, sie schimmerten durch die Nacht; ich hielt das Ruder an und starrte staunend hinaus. Ein kalter Luftzug traf mich; nun wußte ich zuverlässig, was sich in der nächsten Stunde ereignen sollte. Der Nord mischte sich mit dem Süd, verdichtete die Wasserdämpfe zu Wolken, die nun aus allen Schluchten emportauchten, und braute ein furchtbares Unwetter.

Das Schauspiel war großartig, nur konnte ich es nicht mit rechtem Behagen genießen, denn schlug der Wind um, was nicht unmöglich war, so mußte ich an einem Vorsprung landen und wahrscheinlich trotz Sturm und Regen unter 5 einem Baume übernachten, wenn es mir nicht gelang, die Straße zu erreichen, oder umkehren, um gründlich ausgelacht zu werden. Ich faßte daher das Ruder mit aller Kraft – ein Segel aufzuspannen war nicht geraten – und so hatte ich bald ein tüchtiges Stück See überwunden. Als ich um die Ecke des Hechenbergs bog, sah ich aus weiter Ferne ein Licht schimmern; da die Bauern um diese Stunde längst schlafen, steuerte ich darauf los in der Meinung, es brenne am Fenster der Scholastika. Die Wogen trugen mich näher; bald überzeugte ich mich, daß in einer Stube zwei Reihen von Kerzen aufgesteckt seien, doch war die Mauer zu hoch, um etwas anderes als die Flammen zu erblicken. Als jedoch die schwarzen Umrisse des Landes kenntlich wurden, bemerkte ich, daß ich zu weit links gewendet und anstatt zur Scholastika, in den Winkel ihr gegenüber auf der anderen Seite des Sees gefahren sei. Ich mußte das Schiff mit großer Anstrengung drehen; schief lavierend rutschte ich endlich auf den Kies vor den Holzstößen des Wirtshauses. 6 Dort zog ich den Kahn empor, wand die Kette um einen Pfahl und sprang ans Land.

Scholastika saß glänzend, gleich dem Vollmond, neben ihrem Hans, der auch als Gatte noch immer gleich ernsthaft und würdevoll dreinschaute, wie in den Tagen seiner schwärmerischen Sehnsucht; am Herde wärmte das blonde Moidele die Hände, die übrigen Dienstboten gruppierten sich rings um sie.

Willkommen und freundlich aufgenommen, erzählte ich meine Fahrt und fragte endlich, was die Beleuchtung drüben im Winkel zu bedeuten habe.

»Du lieber Gott,« erwiderte Moidele, indem ihr Thränen ins Auge schossen, »der alte Bartl ist gestern gestorben.«

»Der alte Bartl,« rief ich, »wem wirst du jetzt am Sonntag das Blumensträußl spenden?«

»Die schönsten Röslein möchte ich ihm geben, so muß ich sie morgen auf sein Grab legen. Er war mir lieber als viele Jungen.«

7 »Nun, so viel ich weiß,« sprach Hans gedehnt, »hat er das achtzigste Jahr überschritten, dann ist's nimmer zu früh, wenn der Tod anklopft.«

»Gewiß nicht,« setzte Scholastika bei; »wir wollen ihm heute noch einen Rosenkranz beten, morgen begleiten wir seine Leiche.«

»Geb' ihm Gott die ewige Ruhe,« sprach Hans nach einer Pause. »Wir dürfen aber wegen Bartl nicht vergessen, daß der Doktor wahrscheinlich etwas zu essen und trinken begehrt.«

Ich ging in das Stübchen. Die Lust zu Schnurren und Scherzen war mir jedoch vergangen, und auch das boshafte, schelmische Moidele kam und ging schweigend.

Der alte Bartl. Tröst' ihn Gott. Nicht leicht habe ich ein so reines kindliches und lauteres Gemüt getroffen! Er verrichtete im Sommer ab und zu bei der Scholastika leichte Arbeiten, trug Holz, holte Butter von der Alm, trieb das Vieh aus und erhielt dafür allerlei 8 Speisereste, bisweilen auch ein Tröpfchen Wein. Als ich einen Träger suchte, der mir die gesammelten Versteinerungen holen sollte, bot er sich an. Da er schon das 76. Jahr überschritten hatte, zögerte ich, seinen Antrag anzunehmen, die Wirtin sagte mir jedoch, daß er auch jetzt noch 70 bis 80 Pfund ohne Anstrengung übers Joch bringe. Nun gönnte ich ihm gerne die paar Kreuzer Verdienst, weil er eben so bescheiden als dürftig war. Moidele erzählte mir, daß er manchen Tag nichts habe als ein elendes Stückchen Bohnenbrot, desungeachtet aber niemandem vor die Thür komme: es gebe ja solche, die Weib und Kinder ernähren müßten, und diesen dürfe er das Almosen nicht vom Munde wegschnappen. War er wieder recht in Not, so erfuhr man es gewiß nicht von ihm, der sich sogar ein Pfeiflein Tabak versagte, sondern nur zufällig; Scholastika unterließ aber auch nicht im Winter, wo es für ihn keine Arbeit gab, nachzufragen und zu unterstützen. Zu Weihnachten schickten ihm einige Gäste Schmalz und Mehl als Christgeschenk. 9 Wie jubelte der ehrwürdige Greis, die Augen standen ihm voll Thränen, daß es so gute Leute gebe, die sich in dieser heiligen Zeit seiner erinnerten, seiner, der noch schlechter sei als ein Stück altes Eisen, das der Schmied umschweißen könne.

Ich hatte in den waldigen Schluchten des Ampelsbaches allerlei aufgestapelt, dahin lenkten wir an einem sonnigen Morgen den Schritt. Eine Kraxe auf dem Rücken, ging er mir zur Seite, stets nur auf meine Frage antwortend, ohne sonst ein Wörtlein zu sagen. Ich erkundigte mich nach seinen jungen Tagen, er blieb stehen, stützte sich auf den Stock und sah mich treuherzig an. »Wundert es Euch wirklich? Ist es der Mühe wert, von nur zu reden, da Ihr doch so viele herrliche Bücher leset, die über Fürsten und Könige geschrieben sind?«

»Weißt du nicht, Bartl,« sagte ich darauf, »daß ich an den Bauern meine Freude habe?«

»Ja, ja,« entgegnete er, »Ihr waret stets ein spaßiger Herr, nicht bloß um die Bauern kümmert Ihr Euch, sondern auch um die Kühe, 10 ja sogar um die Kräuter, die sie fressen, und die Steine, zwischen denen diese wachsen. Ihr vexiert unsereinen nicht, mit Euch rede ich gern, recht gern, mögen mich doch sonst die Wenigsten hören.« Und nun begann er mit der breiten Geschwätzigkeit des Alters; kaum durch eine Frage unterbrochen, floß seine Rede, und da er meine innige Teilnahme merkte, steigerte sich Schwung und Ausdruck. Was hatte der Mann alles erlebt, welche Schicksale! Und doch war er still und heiter. Auch in seiner Brust hatten schmerzliche Kämpfe getobt, wild und furchtbar – sie waren überwunden, der Schmutz, die Angst des Daseins lag unter den Füßen, während dem demütigen Auge die Engel des Himmels mit ihren Ölzweigen näher und näher winkten.

Wir waren durch einen Wald uralter Tannen, in deren Schatten dumpfe Schwüle brütete, zu einer vom Bach tiefausgewaschenen Runse gekommen, wo ich die reichlichste Ernte von Versteinerungen gehalten.

Ich hieß den Alten niedersitzen, bis ich diese aus den verschiedenen Verstecken 11 hervorgeholt; er ging jedoch in den Holzschlag auf der andern Seite. Bald kehrte er zurück, den Hut mit duftigen Erd- und Himbeeren gefüllt, die er mir anbot.

»Iß sie selbst,« sagte ich, »warum willst du dich für mich plagen?«

»Mir ist das nichts Seltenes,« war seine freundliche Antwort, »Ihr in der Stadt kriegt derlei nicht so oft wie ich; eßt sie nur.«

Ich wollte ihn nicht betrüben und nahm sie an, fügte jedoch bei, er habe auf meine Rechnung bei der Scholastika eine Halbe Bier gut. Indes ich die Früchte verzehrte, legte er all die Ammonshörner, Schnecken, Muscheln, Terebrateln und Korallen sorgfältig in den Korb. Nachdem er damit fertig war, trat er den Rückweg an. Ich wollte quer über dem Mamos noch einige Abstürze untersuchen. Gegen Mittag stieg ich wieder in das Thal; bei der Scholastika fragte ich allsogleich, ob Bartl die Sachen gebracht. Er war noch nicht da. Nach einer Weile besorgte ich fast, es sei ihm ein Unheil zugestoßen, da kam er langsam, unter 12 der Kraxe gebeugt, daher. Als ich ihm den bedungenen Lohn auszahlen wollte, schob er ihn zurück: »Das sei zu viel, er habe gemeint, eine größere Last aufladen zu müssen.« Erst nach langem Zureden steckte er die Sechserln dankend in den Sack und suchte sodann, fern von den übrigen Gästen, die er nicht belästigen mochte, einen Winkel, um gemächlich seine Halbe Bier auszutrinken, zu der Scholastika einige Fleischreste gelegt hatte.

All das und so manches Wort, das ich mit ihm gewechselt, fiel mir jetzt wieder ein; auch Moidele, Hans und die Wirtin erzählten noch mancherlei von ihm. Als ich bereits das Licht ausgelöscht, beschäftigte mich die Erinnerung noch lange, und erst spät vermochte ich einzuschlafen. Des Morgens war mein erster Gedanke an ihn; nachdem ich gefrühstückt, kehrte ich wieder in mein Zimmer zurück und schrieb mir, während draußen der Regen in Strömen goß, was ich von ihm wußte, treulich auf. Vielleicht nimmt der Leser mit diesen Blättern vorlieb; wenn sie auf sein 13 Herz nicht den tiefen Eindruck machen, wie Bartls Worte ihn bei mir hervorgebracht, so möge er die Schuld eher mir als ihm zurechnen.

* * *

Rückwärts von dem großen Hause des Pulverers gegen den Wald zu liegt eine kleine hölzerne Hütte mit einem Stadel, Bartls Heimat. Sein Vater war ein mittlerer Bauer, der nebst einigen Schafen etwa fünf bis sechs Kühe fütterte und dabei soviel an Bohnen und Gerste erntete, als ausreichte, seine Leute zu ernähren. Steuern in Gemeindewustungen deckte er mit dem Ertrage von Kohlen, die er nach Jenbach in die Eisenschmelze lieferte. Bartl, von zwei Söhnen der ältere, war daher frühzeitig auf den Erwerb gewiesen, in der Jugend hütete er die Kühe, und als sein Bruder diesem Geschäfte gewachsen war, ging er, sobald im Thale der Schnee schmolz, mit einigen Burschen in die Bachen, um sich als Holzknecht zu verdingen. Dort mag man stundenlang durch die dichten Forste, deren mit tiefem Moder 14 überzogener Boden, beschattet von riesigen Stämmen, an einen Urwald gemahnt, fortsteigen, bis man endlich an einer Quelle einige Almhütten antrifft, wo das Mahd mit der Wildnis ringt und, seit man keine Kühe mehr austreiben darf, um hohen Herren die Jagdlust nicht zu verderben, ihr wohl wieder weichen muß. Da sind die Holzknechte ganz auf sich gewiesen; wöchentlich klettert abwechselnd einer über das Joch in die Zem, um für alle Butter zu kaufen; Branntwein brennt aus Beeren und Wurzeln ein abgehaustes Bäuerlein, das sich auf diese Art für Sommer und Winter die dürftige Kost erwirbt, Jochamseln singen die Frühmesse, und das Jauchzen, womit der Schmuggler das Zeichen giebt, mag statt der Vesper gelten. Hier und da klomm auch ein Wildschütz von den Felsen herab, für ein Billiges überließ er ihnen die Gemse, die er dem Jäger wegstibitzt, und dann war hoher Festtag. Die lustigen Gesellen warfen im Blockhause die Strohsäcke übereinander und tanzten mit den grobgenagelten Schuhen die Erde fest wie auf einer Tenne, 15 indem sie sich entweder selbst aufpfiffen oder ein Virtuos das Hackbrett schlug. Das waren die ersten Bälle, die Bartl mitmachte, hier wagte er die ersten Sprünge und hörte mit Staunen zu, wenn die andern von Mädchen und genossener Liebeslust plauderten.

»Aber wie könnt ihr euch so was getrauen!« rief er entsetzt und verwundert; »seit ich aus der Schule bin, wo ich mit Diendeln Schneeballen warf und dann samt diesen Schläg' kriegte, habe ich keine mehr angerührt, und endlich war's mir fast ungelegen, wenn ich mit einer reden sollt', schon gar mit der Winkel-Trina.«

Die anderen brachen über diese Unschuld in ein wieherndes Gelächter aus und johlten so saftige Schnadahüpfln, daß Bartl fast Sehen und Hören verging und er die Ohren zuhielt.

Als einer sang:

Steig aufi zum Fensterl
Und fücht' di net mehr,
Es wuzelt das Trinal
Im Hemdl daher!

16 brach Bartl auf und ließ, wie der ägyptische Joseph, die Joppe zurück, bei der ihn einer halten wollte. Diesen Abend war er nicht mehr zu finden, am nächsten Morgen hatten die anderen so viel zu thun, daß keiner mehr Lust verspürte, ihn zu necken. Übrigens blieben diese Reden nicht ohne Wirkung; die Ahnung unbekannter Wonnen dämmerte in ihm auf, reizende Bilder umgaukelten seine Sinne, und als er im Herbste mit anderen Holzknechten heimkehrte, betrachtete er Trina mit anderen Augen als früher. Sie verdiente allerdings eine Huldigung: ein hübsches, dralles Diendl mit roten Backen und einem Stumpfnäschen; aus ihren schwarzen Äuglein leuchtete frische Sinnlichkeit, so daß sie ganz berufen schien, einem unerfahrenen Jüngling, wie Bartl, die Kunst der Liebe zu lehren. Ob sie aber auch wollte? – Nun, Bartl war ein sauberer Bursch, ein Verhältnis mit ihm schien um so weniger tadelnswert, da er ja als Ältester Aussicht auf ein Heimatl hatte. Sie ging ihm daher gewiß nicht aus dem Wege und lächelte 17 ihn so freundlich an, daß ihm angst und bange wurde, denn er war schüchtern und schämig wie ein Mädchen.

»Kathrein stellt Tanz und Räder ein!« sagt ein alter Bauernspruch. Bald nach diesem Feiertag beginnt Advent, wo die Kirche alle öffentlichen Lustbarkeiten verbietet, anstatt Geige und Zither schnurrt das Spinnrad im häuslichen Kreise. Die Holzknechte wollten auch ihre Freude, so verlegten sie den Tinzeltag auf den 25. November, wo eben die Erinnerung jener Heiligen gefeiert wird. Da mußten alle Diendln her, fast jede Familie war, wenn er nicht dazu gehörte, mit einem Holzknechte verwandt. Deswegen ging es beim Riederer hoch her; zwei Böcke, ein Kalb und ein Schwein wurden geschlachtet, schon früh hörte man, als ob gedroschen würde, das Wurstbeil im Takte fallen, der Duft des Rosmarins und der Nelke, die zu einer Unzahl Sträußchen verbunden auf dem Tische lagen, mischte sich mit dem des Knoblauchs, sogar der Expeditor hatte die Feder beiseite gelegt und schnitt mit dem 18 Küchenmesser Geselchtes und Semmeln zu Knödeln in kleine Würfeln. Der Postmeister ging mit Scharmützeln ab und zu, hustend und niesend, wenn ihm der gepulverte Pfeffer in die Nase stäubte. Zwischen hinein lungerte der Gerichtsdiener, der die Aufsicht führen sollte, überall unwillig fortgeschoben, bis er sich endlich erbot, mitzuhelfen und an die Seite des Oberknechtes beordert wurde, der Krüge und Fläschlein in Reih und Glied stellte. Die Postmeisterin verwies ihn übrigens tröstend auf ein Fäßchen, aus dem er den Durst stillen könne. Das hatte der Schulmeister gehört, der mit den Musikanten anrückte; sogleich trug auch er seine Dienste an; ihm als guten Rechner wurde aufgetragen, Käse und Brot in Portionen vorzuschneiden. So hatte jeder die Hände voll zu thun, bis sie kamen, bis sie nahten, die Himmlischen alle! Schon von weitem verkündete lautes Jauchzen und Schnalzen einzelne Paare; in einer halben Stunde war der Saal gefüllt.

So recht aus ganzem Herzen lustig sein! 19 Unsere blasierten Städter bringen das gar nicht zusammen, wird doch lautes Gelächter, schallender Jubel für unanständig gehalten! Wie ein Schwimmer vom Brett in die Wellen springt und die Brust badet, so stürzten sich die Söhne des Gebirges, die nicht Zeit haben, jahraus, jahrein Gott täglich vierundzwanzig Stunden mit Nichtsthun abzustehlen, in die brausenden Wogen der Lust, welche die scharfen Töne der Klarinette und der Geige rhythmisch zu beherrschen suchten. Auch Bartl erschien; erst guckte er einigen an der Thüre über die Schulter, dann drängte er sich hinter den tanzenden Paaren in eine Ecke, wo ihm ein Kamerad ein Plätzchen einräumte und die Kellnerin Bier und Wurst brachte. Mit lebhaftem Behagen schaute er zu, manchmal erhob er sich, wenn ihn Trinas lebhafte Augen nur zu beredt aufforderten; dann saß er wieder zögernd nieder. So mag einem Zeisig zu Mute sein, der auf der Leimrute klebt und vergeblich aufzufliegen strebt. Sein Kamerad hatte ihn längst spöttisch beobachtet, endlich packte er 20 ihn: »Wenn du nicht tanzest, so leihen wir von der Kellnerin einen Kittel und stecken dich zum allgemeinen Gelächter hinein!« – Er schob ihn vorwärts und steuerte geraden Wegs auf Trina zu; Bartl mußte, mochte er wollen oder nicht, und trat zum Tanzen an. Seine Verlegenheit war aber so groß, daß er wie die Hummel im Grase überall anstieß und endlich von den andern, deren Reigen er störte, hinausgepufft wurde. Der Angstschweiß stand ihm auf der Stirne, Trina betrachtete ihn mitleidig und ergriff ihn bei der Hand. »Du kannst nicht recht tanzen, scheint's, aber ich will dir helfen. Gehen wir in die Kammer nebenan, man hört die Musik recht gut, dort probieren wir, und dann wagst du's im Saal.« Bartl folgte ihr dankbar. Hier, wo ihn niemand in Verwirrung brachte, zeigte er sich zu Trinas Staunen als Meister; sie sollte sich aber seiner Kunst nicht allein erfreuen, der Kamerad hatte das Abfahren des Paares bemerkt und durch das Schlüsselloch den Übungen zugeschaut. Dieser schlich auf den Tanzboden 21 zurück, faßte die Klinke der Thüre, die aus dem Saal in die Kammer führte, schrie überlaut: »Da schaut her!« und öffnete rasch sperrangelweit. Aller Augen waren auf Bartl und Trina gerichtet, ein donnerndes Gelächter erscholl. Bartl hätte versinken mögen, Trina wurde feuerrot, jedoch sich rasch fassend, lachte sie mit und zog ihn in den Saal; die Musik begann neuerdings, er sah ein, daß es keinen besseren Ausweg, dem Spott zu entfliehen, gebe, als zu tanzen, und hielt sich von jetzt an wacker, trotz einem.

Beim Kehraus fragte ihn Trina: »Für den unsinnigen Pfinztag bestellt der Riederer wieder die Musik, kann ich mich auf dich verlassen?«

»Ja freilich!« rief er entzückt, »da wollen wir herumtanzen wie die Engelein am Himmelfahrtstage.«

Er hatte, vom Wein erhitzt, den Vater vergessen, der strenge Zucht hielt und schwerlich damit einverstanden sein mochte, wenn er die im Schweiße seines Angesichtes hart verdienten Kreuzerlein den Musikanten zurückließ. Für 22 diesmal mußte er es gelten lassen, denn es war ja der Tinzeltag der Holzknechte; – aber im Fasching?

Als er ihn deswegen anredete, antwortete er mürrisch: »Tanzen! Saufen! Am Ende gar caressieren! Geh' lieber in das vierzigstündige Gebet! Ich leid' es nicht! Hast du gehört? Ich leid' es nicht.«

Bartl schob sich schweigend zur Thür hinaus, er wagte nicht mehr, die Sache noch einmal aufzurühren. Indes näherten sich jedoch jene Tage holden Unsinns, wo sich auch der Ernsthafteste berechtigt glaubt, über die Schnur zu hauen. Er wurde wegen des Versprechens an Trina immer unruhiger, nun ließ sie ihn gar grüßen und ermahnen, ja nicht zu vergessen. Zorn und Unwillen gegen den Vater bemächtigten sich seiner.

»Muß nicht ich mit saurer Arbeit das Geld verdienen und soll nun gar nichts davon haben? Nicht einmal ein Pfeifchen Tabak will er mir kaufen.« So dachte er, wagte aber nicht, etwas merken zu lassen. Da brach der 23 unsinnige Donnerstag an. »Du kommst doch!« rief ihm auf dem Wege der lustige Kamerad zu; »Trinele freut sich wütend, und du mußt es endlich mit ihr in Ordnung bringen!«

Bartl senkte traurig den Kopf.

»Ach so,« fuhr jener fort, »du traust dich nicht wegen deines Alten und bist doch ein solcher Lotter! Ich werd's erzählen; wirst sehen, wie dich die anderen auslachen, und Trina mag einen Buben, der unter der Rute heult, gewiß auch nicht länger. Recht hat sie, pfui Teufel!«

Bartl ballte die Faust, biß in die Lippen und sprach heftig: »Du darfst mich nicht hunzen, ich komme, ich komme!« Wo Gewalt nicht hilft, thut's List. Als der Abend-Rosenkranz gebetet war und jeder sein Bett suchte, schlich Bartl eilig davon, freilich nicht unbemerkt vom Vater, der bereits ausgezogen in der Kammer stand und ihn daher nicht verfolgen konnte. »Der Lump. Er soll mir aber nicht entrinnen!« Noch einmal nestelte er die Hosen hinauf und ging in die Kammer, wo 24 die Tochter schlief, um einen Ochsenziemer vom Kasten zu holen.

»Was giebt's,« rief das Mädchen, »was willst?«

»Der Bartl,« entgegnete er mürrisch, »ist zum Tanz fort; ich werde ihm, wenn er heimkommt, aufpassen und ein ordentliches Trinkgeld auszahlen.«

Das Mädchen, das von allem wußte, hielt, wie es gegen überstrenge Eltern zu geschehen pflegt, treulich zum Bruder und erschrak daher nicht wenig. »Vielleicht,« sagte sie zögernd, »ist er nur auf einen Sprung zum Nachbar, um ein bißchen zu ratschen.«

»Das wird sich zeigen,« erwiderte der Alte; »mit dem Betläuten ist die Tanzerei aus, da stehe ich auf und pass' an der Thür; bis dahin laß uns schlafen.« Er entfernte sich.

Das Mädchen konnte kein Auge schließen; nach dem ersten Glockenschlage erhob sie sich und trat ans Fenster, von wo sie den Weg, den Bartl kommen mußte, eine gute Strecke überschauen konnte. Endlich sah sie ihn von 25 weitem; sie rief ihm zu und erzählte leise, was geschehen. Diesmal sollte er jedoch mit dem bloßen Schrecken durchschlüpfen: sie hatte bereits eine List ersonnen, ihm auszuhelfen. Es lag nämlich eine gewisse Örtlichkeit, die selbst Papst und Kaiser nur zu Fuß betreten, außerhalb des Hauses; sie öffnete nun, ohne den Verdacht des Alten, der fröstelnd auf der Treppe saß, damit ihm Bartl ja nicht entwische, die Thüre. Dieser hatte bereits die Schuhe abgezogen, er nahm nun das Mädchen auf die Schultern und trug sie durch den dunklen Hausflur über die Treppe neben dem getäuschten Vater vorbei, der noch eine Zeit lang murrend paßte und dann wieder in die Kammer zurückkehrte. Vor Tagesanbruch trat er tastend an das Bett des Sohnes; er fand ihn ruhig schlafend und weckte ihn, weil es Zeit zur Arbeit war.

»Wo bist denn gestern noch hin?« fragte er lauernd.

»Zum Nachbar, wo ich mein Messer vergessen.«

26 »Und wann bist heim?«

»Weiß es nicht so genau, ein Stündchen dürft' ich wohl verplaudert haben.«

Der Alte ging kopfschüttelnd weiter. Bartl hatte zum ersten- und auch letztenmale gelogen, er bat später seinem Vater den Frevel ab.

Er hatte die Nacht vertanzt, wilder und toller als zu Kathrein, denn er wollte Gewissensbisse übertäuben; aber auch diesmal wagte er noch nicht, mit Trina Ernst zu machen, er hätte lieber glühendes Eisen geküßt, als ihr ein Bussel aufgepappt. Das Mädchen, klüger als er, wußte wohl, wie es mit ihm daran sei, deswegen war nichts verloren; sie hätte es aber sehr gnädig aufgenommen, wäre er ein bißchen kecker geworden.

Nur hier und da wagte er sich in das Haus ihrer Eltern. So wurde es Frühling, ohne daß er es zu einer Erklärung gebracht hätte. Schon nahte der Vorsommer, auf der Alm überzogen sich Flecken mit weichem Grün; Trina sollte auffahren. Damals sennerten noch Mädchen; allmählich legte sich die Geistlichkeit, 27 die strenger wurde, drein und schaffte diesen Brauch ab. Es war nicht zu leugnen, daß die lustigen Dirnen von Jägern und Hirten Besuch kriegten, wobei häufig das sechste Gebot an den Nagel gehängt wurde. Deswegen ist jedoch die Sache nicht anders geworden: auch im urkatholischen Tirol findet der heidnische Götze Amor den Weg durchs Fenster und versetzt manchmal die Kirche in die unangenehme Lage, vor der Trauung taufen zu müssen. Alle Schilderungen, die hyperbolische Touristen von lustigen Almerinnen machen, sind für Tirol Anachronismen, die vielleicht vor vierzig Jahren zeitgemäß waren.

Also Trina sollte am Sonntag nach Fronleichnam, wo sie noch das Jungfrauenkränzlein, tragen wollte, auffahren. Bartl war die Sache freilich nicht ganz recht, denn bis jetzt sah er sie doch alle Sonntage in der Kirche, ungefähr mit derselben Andacht, wie die flachshaarige Mutter Gottes auf dem linken Seitenaltar; er schlich daher abends noch einmal in den Winkel – langsam, langsam, hier und da 28 blieb er sogar stehen, weil er nachdenken mußte, was er zum Abschied sagen wolle. Das Herz war ihm übervoll; da sah er am Gatter Trina, die ihn schon längst beobachtet hatte, und alle die schönen Wörtlein, die er sich zurechtgelegt hatte, verschwanden wie die Spreu vor dem Sturm.

»Das ist schön, daß du noch kommst,« rief sie ihm lächelnd entgegen, »wir müssen doch bereden, was wir den Sommer treiben. Daheim richten sie alles zur Auffahrt her, laß uns dort niedersitzen und plaudern.«^

Bartl folgte ihr in den Wald; ein umgeworfener Stamm, den schon längst Moos und Simsen überzogen, bot Raum für beide. Sie ergriff ihn bei der Hand und lächelte, daß ihre Zähne durch die Lippen schimmerten wie Edelweiß zwischen Almrosen.

Er holte tief Atem und stotterte endlich: »Schad', daß du auf die Alm gehst! Hätt'st nicht deine Schwester schicken können?«

»Dir ist's ja doch gleich, du Zaggler, du mockst derweil im Thal um und nachher steigst 29 in die Bachen, wo du nur ein Stündlein zu mir hättest.«

Ihre Augen glänzten.

»Gleich ist's mir nicht,« erwiderte Bartl, »lieber thät ich dich schon sehen, als Monate lang an dich denken. Und wenn ich nur wüßt, daß du auch –« er schwieg.

»An mich denkst? Gewiß, Bartl.«

Er drückte ihre Hand, sie neigte sich so nahe zu ihm, daß ihr warmer Atem sein Haar berührte und die Wange, weich wie das Vlies des jungen Lammes, sein Gesicht streifte. Er konnte nicht widerstehen, drückte rasch einen Kuß darauf, und fuhr dann erschrocken zurück. Sie kicherte. da faßte er noch einmal den Mut, er wollte den Arm um ihre Hüfte legen und beugte schon den Hals; sie wendete sich schelmisch ab, und statt auf den Mund, hauchte er den Kuß auf ihr Ohr.

»Was hast mir eing'flüstert, Bartl?« fragte sie neckisch.

»Daß ich dich gern hab'!« hätte ein anderer 30 gerufen und das Dirndl trotz herkömmlichen Sträubens an die Brust gezogen; aber Bartl! Dem naggelte schon wieder das Herz, und am liebsten wäre er mit dem Hasen, der vorüberhuschte, in die Stauden gehüpft. Winklers Hündchen, das Trinas Schwester Ursel begleitete, hatte ihn aufgejagt; sie guckte, als es zu bellen begann, neugierig durch die Stauden und erschaute das Pärchen. Bartl sprang in größter Verlegenheit auf, jene schmunzelte und sagte halblaut: »Will nicht stören!«

Die Zweige schlossen wieder zusammen; wahrscheinlich wollte sie Wache halten, denn da muß man sich schwesterlich aushelfen, Bartl jedoch glaubte sich belauscht und verlor, trotzdem daß ihm Trina mehrmals einladend zuflüsterte: »So red' doch, wir sind ja allein!« den Mut. Wenn das sein Vater oder gar der Pfarrer erführe, o je, o je! was würde daraus! Endlich erhob sich das Mädchen unwillig: »Wenn du nicht bleiben willst, so komm doch bald möglich auf die Alm und hol' dir dein Bussel wieder, denn ich brauch' es nicht.«

31 Unter ihren gesenkten Wimpern glitt ein feuriger Blick auf ihn.

»Du bist ein lappeter Bua,« sagte sie nach einer Pause; »geh nur heim, daß du den Rosenkranz nicht versäumst, aber komm fein auf die Alm.«

Er beteuerte es noch einmal und schied. Auf dem Feldweg blickte er in den Wald zurück: Trina stand am Gatter, sie winkte ihm grüßend mit der Hand, es zog ihn wie mit magischen Banden zu ihr. Sollte er umkehren? Ein anderer hätte es gethan, aber er – lappeter Bua!


Nach einigen Tagen ging auch er, die Axt über der Schulter, in die Bachen. Die Woche hindurch mußte er angestrengt arbeiten, aber zum Takt der Axtschläge sang die Erinnerung an Trina ihr süßes Lied; so verflogen die Stunden schneller, als er gehofft. Sonntags früh legte er ein frisches Hemd an; ehe noch ein Kamerad erwacht, verließ er das Blockhaus. Noch ruhte Dämmerung auf den Wipfeln 32 der Föhren und Buchen, in denen die Meise piepte, als er bereits den Pfad am steilen Pfonserloch hinkletterte. Jenseits desselben liegt die Basili-Alm in einer kleinen Mulde, die sich ein wenig unter dem Grat des Gebirges einsenkt. Mit dem ersten Sonnenstrahl hatte Bartl die Höhe erstiegen, er blickte in die Tiefe, die bereits sich zu lichten begann und Nebelflocken emporsandte. Dort die Hütte, ein Steinwurf konnte ihr Dach erreichen. Die Thür öffnete sich, und Trina trat heraus. Den Oberleib verhüllte lässig das Hemdchen, von der Hüfte zum Knöchel floß der schwarze Rock mit breitem blauen Saum. Schon wollte er jauchzen, da trat sie an den Brunnen – er hörte das Plätschern des klaren Wassers – und streifte ihr Hemd zurück. Wie ins Gesicht geschlagen, duckte er sich hinter einen Stein, erhob jedoch unwillkürlich das Auge wieder. Über ihren weißen Nacken und üppigen Busen, schimmernd wie der Schaum auf dem Achensee, floß die kalte Flut, in seine Brust ergoß sich aber ein Strom glühenden Feuers, den er kaum 33 zu bändigen vermochte. Sie trocknete sich ab, die Sonne warf die ersten Strahlen über den Seekar; endlich ergriff sie den Kamm und zog ihn durch die langen Strähne ihres braunen Haares. Nachdem sie es mit der Nadel in einen Knoten geschlungen, schaute sie mit Augen, glänzend wie die der Gemse, in die Runde und jauchzte hellauf. Er wollte antworten, da bemerkte er einen Knaben, der sich über Steingeröll zur Alm empormühte, er trug am Stocke einen Pack. Bald erkannte er den Geiser von Winkel, der dem Mädchen frische Lebensmittel brachte. Nun wagte Bartl nicht mehr, hinunter zu steigen, sonst hätte ja der Bub drunten erzählt, er sei bei Trina gewesen, und wer weiß, was aus dieser wichtigen Neuigkeit für Unheil entsprungen wäre. Unwillig kehrte er um, seine Fastendiät mußte die Erinnerung an all das Holde, was er heimlich geschaut, würzen. Im Laufe der Woche kam ein Kraxenträger über das Joch, schon von weitem winkte er ihm. Bartl legte die Axt auf einen Stock und stieg empor.

34 »Trina läßt dich herzlich grüßen,« begann jener, »und dir sagen, du sollst doch endlich einmal kommen. Sei keine Lettfeige,« setzte er, pfiffig ein Auge zudrückend, hinzu, »und trau' dich endlich. Sonst wirst du beim Dirndl selber zum Gespött.«

Am nächsten Sonntag regnete es so heftig, daß Bartl sich nicht auf das Joch wagen durfte. Wieder war eine Woche trauriger Sehnsucht vorübergestrichen, da brach der Sonntag an, hell und strahlend, ein wahrer Tag der Sonne. Wir begleiten Bartl auf den Grat; er späht sorgsam hinab, er flucht ein lautes tausend Saggera! denn aus dem Thale steigt ein rüstiger Bursche. Es ist der Runer Sepp, er war bei den Mädeln, die vor dem Altar lieber ja, als nein sagen, gern gesehen, denn an seiner Hand hing ein sauberer Bua mit einem Bauernhofe. Er paßte schon seit langem auf Trina, sie hatte ihn jedoch, wenn auch nicht grob, stets abgeschnalzt. In der Einsamkeit der Alm wächst manchem sein Glück, und da wollte er denn nachschauen, ob für ihn nichts keime. Um 35 Bartl kümmerte er sich nicht, denn er wußte, daß dieser bei Trina noch nie zu fensterln versucht hatte, und bis das nicht geschehen, glaubt ein Bauer an keinen Ernst.

Etwa fünfzig Schritte vor der Kaser blieb er stehen und sang:

»Spring auf und steh auf,
Mei liebs Dirndl, grüß Gott!
Sei lustig, sei fein heut'
Und thua mir koan Spott!«

Rasch öffnete sich die Thüre, Trina war mit einem Satz auf der Isse – da wich sie betroffen einige Schritte rückwärts. Wäre Bartl nicht Bartl gewesen, er hätte aus dieser Bewegung erraten, daß sie meinte, es komme ein anderer – er. So aber sah er nur, wie sie Sepp, der sich mittlerweile genähert hatte, langsam die Hand bot und sich mit ihm vor der Hütte auf der Bank niederließ. Er hörte, wie sie lachten; endlich stand sie auf und ging in die Kaser, er folgte. Bald stieg aus dem Schlote Rauch. Daraus hätte jeder Unbefangene geschlossen, sie koche ihm Nocken, was man auf der Alm keinem Bekannten verweigert; 36 vor Bartl stiegen jedoch wie aus einem Schwefeldampfe der Hölle ganz andere Bilder auf und er schlug zornig an den Felsen, daß seine Hand blutete. Hinunterlaufen! Aber, aber, aber! Wäre Seppel allein hier oben, er würde ihn abgerauft haben, wie ein Bär ein Möpslein schüttelt, aber . . . . Die Hütte stürmen? Was für ein Gerede wäre daraus entstanden! Wütend vor Eifersucht lauerte er und spähte, ob er nicht einen Vorsprung gewinnen und Sepp aufpassen könne; seine zornigen Gedanken wurden jedoch bald unterbrochen, denn langsam nahte Trinas Vater, der nachsehen wollte, wie es dem Mädel gehe. »Gott sei Dank.« seufzte Bartl und wischte mit dem Ärmel den Schweiß von der Stirne. Der Alte trat in die Hütte; nach einer Weile kamen alle drei heraus und ließen sich gemütlich unter einer Schirmtanne nieder. Sepp reichte dem Bauer seinen Tabaksbeutel, dieser stopfte die Pfeife, schlug Feuer und gab auch dem Burschen ein Stück brennenden Zunders. Für Bartl war der Tag verloren, nun hätte er 37 sich beim besten Gewissen um keinen Preis mehr hinabgewagt. Unwirsch schlich er davon.

Wieder verflossen einige Sonntage, ohne daß es ihm möglich gewesen wäre, sei es wegen der Witterung oder eines andern Zufalls, zur Basili-Alm zu steigen. Trina wurde bereits verdrießlich; denn eine so jungfräuliche Liebe, wie die Bartls, will nicht jeder Unterinnthalerin behagen; zudem fühlte sich ihre Eitelkeit gekränkt, indem sie nicht mehr bloß Schüchternheit als Grund des Zögerns voraussetzen mochte. Sie ließ daher Bartl bei guter Gelegenheit sagen: »Wenn er nicht kommen wolle, mög' er's in Gottes Namen bleiben lassen.«

»Und wenn's Eisenkeile regnet,« sagte er zum Senner, der ihm die herbe Botschaft gebracht, »ich steig' hinüber am nächsten Sonntag.«

»Es ist ja nicht so weit,« erwiderte dieser, »ein Bua wie du, der das Dirndl gern hat, geht nach der Arbeit fort, sucht es nachts heim und kehrt in der Früh' übers Joch! Ein so sauberes Dirndl! Wie ich noch jünger war, 38 hätt' ich mir die Füße danach abgelaufen und die Leiter dabei auf dem Buckel getragen!«

»Bei Nacht? Das schickt sich ja nicht!«

»Ja nu!« erwiderte der Senner, »einem Lappen ist nicht zu raten.« Er schwang den Hut und sang:

»Die Nacht g'hört zum Lieben,
Zur Arbeit der Tag,
Und der Tag braucht nit z'wissen,
Was d'Nacht nit sag'n mag.«

Damit ließ er Bartl stehen.

Der hielt aber Wort. Sonntags machte er sich in aller Frühe auf, und wäre ihm der Teufel selbst quer gekommen, er hätte ihn diesmal wie der Achamer Bauer beim Waschel gepackt und an eine Zirbel genagelt. Der Teufel begegnete ihm nicht, aber auch kein Engel, der »Grüß Gott!« gesagt hätte.

Trina sah ihn schon von weitem, sie that, als ob sie ihn nicht bemerke, und ging gegen die Hütte zurück. Da schnalzte er und sang: 39

Ueber's Joch bin i g'stiegen,
Du hast mi ja b'stellt,
Und a Bussel mußt geben
Mir iatzt zum Vergelt.

Das Mädchen, obwohl von seiner Ankunft höchlich erfreut, war durch den Inhalt dieses Schnadahüpfels beleidigt, denn sie faßte es auf, als wolle er nur aus Gefälligkeit ihre Einladung annehmen.

»Du hast mi ja b'stellt,« murmelte sie, »wart', Schliffel, du sollst Buße thun!« Sie trat auf die Schwelle und sang zurück:

»Moanst wohl, du kimmst z'Gnad'n,
Daß d' herkommen bist?
An lustigern Bub'n,
Den krieg' i z' jeder Frist.«

Damit schlug sie ihm die Thür vor der Nase zu. Bartl ließ die Hände sinken und riß verblüfft Maul und Augen auf. Ein anderer hätte das Schloß aufgesprengt und das Mädchen gepackt, gedrückt und geküßt, daß es nimmer Zipp hätte sagen können; aber Bartl! Er schlich zehnmal um die Kaser, guckte 40 durch jede Spalte und wartete, bis Trina aufthue; sie beobachtete jede Bewegung und wartete ebenfalls, bis er offen Reue und Leid ablege – vergebens! Die Festung hätte so gern kapituliert, doch Bartl wagte nicht mehr, sie aufzufordern. Verzagt schlich er davon. Er mochte etwa hundert Schritte, ohne daß er in seiner Betrübnis umschaute, fortgeschritten sein, da öffnete Trina, die ihn nicht so fortlassen wollte, die Thür und sang:

»Wie an Eis ist dein Lieb ja,
Sein boade gleich kalt;
Kannst kommen, kannst bleiben,
Kannst gean, wie's dir g'fallt.«

Und er ging.

Drunten im Wald setzte er sich nieder und weinte. »Na, daß man so was erleben muß!« seufzte er bang.

Droben vor der Kaser setzte sich Trina und weinte. »Na, daß man so was erleben muß.« sagte sie zornig. »Den muß man in der Beize lassen, bis er mürbe wird!« – dachte sie, und kein Gruß, kein freundliches Wort 41 gelangte mehr an ihn. Oft stieg er auf das Joch und schaute wie Toggenburg zur Kaser nieder, wohl sah er hier und da die Traute, wie sie Kühe molk und Kessel rieb, aber was half ihm der Anblick, da sie ihm zürnte. Er magerte vor Gram ab, wie eine Heuschrecke, die Kameraden wurden besorgt um ihn; endlich schüttete er einem sein Herz aus. Dieser lief lachend zwischen den Bäumen herum, anstatt ihn zu trösten, und sagte: »Das ist ja alles Liebe, lautere Liebe, verstehst du denn das nicht? Was willst wetten? Laß sie grüßen, sie ladet dich wieder ein.«

Bartl glaubte das nur halb und halb, meinte jedoch: »Ein gutes Wort findet ein gutes Ort,« und gab einem zuverlässigen Kraxenträger, der Butter übers Joch brachte, einen Gruß mit. Schon am nächsten Abend hatte er eine herzliche Rückantwort: Sie ziehe morgen von der Alm ab, auch er werde sich wohl nicht mehr lange in den Bachen aufhalten, dann solle er sie ja gewiß besuchen. Bartl lächelte freudig und machte die schönsten Vorsätze.

42 Zu Allerheiligen war er daheim. Auf dem Wege zur Kirche traf er Trina. Freude strahlte aus seinem Gesichte, als sie ihm freundlich die Hand bot. Sie konnten nur wenige Worte wechseln, denn schon nahten andere, die sich ihnen zugesellen wollten.

»Du hast auch schlecht Wort gehalten«, sagte sie, »bist nur einmal gekommen.«

»Und dort hast du mich ausgeschlossen.«

»Ganz, wie du es verdientest. Es hätt' dir just schon der Mühe wert sein dürfen, mir ein gutes Wörtlein zu sagen, bist jedoch abgeschoben wie ein Bock beim Regen.«

»An den Sonntagen hab' ich halt nie Glück gehabt.«

»Hab ich dir verboten, an Werktagen zu kommen?«

»Ja, da mußt' ich von früh bis spät arbeiten!«

»Abends hätt'st du dir wahrscheinlich die Nase eingerannt.«

»Da hab' ich mich halt nicht getraut.«

Sie wendete sich spöttisch lächelnd von ihm; 43 Sepp nahte, das war gleich ein anderes Tempo, sie zwitscherte mit ihm und er mit ihr, als flöge ein Pärchen Schwalben daher, während Bartl einsilbig zur Seite trottete. Sie flüsterte ihm, als Sepp in die Kirche getreten war, noch leise zu: »Schau, das wär' a Bua, so solltest du sein!«

»Es ist mir halt nit geben,« wollte er ihr nachrufen, da schlug die Thüre ins Schloß, und die Orgel begann zu brausen. Verdrießlich blieb er auf dem Friedhof zurück; er mochte Trina gar nicht mehr erwarten; sollte er wohl Zeuge sein, wie sie an Sepp Scherzwörtlein verschwendete?

Trina war nicht wetterwendisch, sie blieb ihm noch immer im Herzen gewogen und hätte ihn jedem anderen vorgezogen, sich jedoch geradeswegs anzutragen, das verbot ihr weiblicher Stolz. So wie die Sachen lagen, mußte sie wohl auch zweifeln, daß es ihm wirklich ernst sei, war er doch unter Männern gar nicht blöde, sondern schoß, wenn es galt, den bairischen Jägern keck und verwegen Gemslein 44 und Auerhahn weg, wie nur einer. Gerade aber sein häufiger Aufenthalt in der öden Einsamkeit, zu der er ohnehin einen Hang fühlte, machte ihn noch einsilbiger, als er von Natur war, und erhielt ihn schüchtern auf fast komische Weise. Da beschloß sie, ihn von jetzt ganz kalt und spröde zu behandeln, seine Eifersucht zu erregen und dadurch die Glut so zu entflammen, daß alle Hindernisse, und wären sie noch so mächtig, wegschmölzen wie Eis im Juli. Er sollte brennen wie eine arme Seele, bis er endlich flehend nach ihr die Hände ausstrecke, wie man es beim Fegfeuer, das die Wand der Totenkapelle rötet, mit Schauer betrachten kann.


Bis zum Tinzeltage der Holzknechte waren noch einige Wochen. Schon wurde manche Vorbereitung zum Tanz getroffen, der diesmal, um es mit keinem Wirte zu verschütten, beim Kern abgehalten werden sollte, da platzte im Gemeindehause eine Bombe, die ganz Achenthal 45 mit Jammer und Unheil überschüttete. Ein Schreiben des Landgerichtes setzte nämlich den 23. November für die vom König verordnete Militärlosung fest, wobei das arme Landl dem Rachen des unersättlichen Korsen wieder den Blutzoll opfern sollte. Das war im Jahre 1811, wo noch alle Wunden von 1809 bluteten. Stille Wut glühte durch alle Thäler; Kaiser Franz hatte mit Napoleon Frieden geschlossen und das Land seinem Schicksal überlassen. Die Jünglinge zogen nach Schwaz, griffen in den Topf, und sieben gewannen das Los des – Todes, des Todes sehr wahrscheinlich, denn man munkelte bereits von einem neuen Kriege. Auch Hois, den jüngeren Bruder Bartls, traf es.

Deswegen herrschte in ganz Achenthal tiefe Trauer; der Tinzeltanz sollte diesmal weniger flott als in früheren Jahren ausfallen. An den Tischen beim Kern saßen die Alten, der Wein schien ihnen nicht recht zu munden; in der Mitte des Saales wirbelten bei rauschendem Trompetenschall die Paare, hier und da ein 46 Juchschrei – vielleicht von einem, der nach wenigen Tagen schon der bairischen Trommel nachlaufen mußte. Trina und Sepp tanzten, als gelte es für die Ewigkeit.

Bartl trat ein, auf seinem Gesicht lag tiefe Trauer, er wußte eigentlich nicht, was er hier beginnen sollte, während Eltern und Bruder zu Hause jammerten. Nur wegen Trina trank er seinen Wein. Die Musik verstummte, die wirren Knäuel der Tänzer lösten sich auf, Trina setzte sich zu ihrem Vater auf die Bank. Neben ihr nahm Sepp Platz; obwohl alles vollgepfropft war, wußte er sich dennoch einzukeilen. Bartl schenkte sein Glas voll; sorgsam, damit kein Tröpflein überfließe, trug er es zu Trina und bot es ihr mit einem herzlichen: »Bring dir's!«

Sie machte eine abwehrende Gebärde.

»Tanz'st den nächsten mit mir?« fragte er.

»Nein,« erwiderte sie, »ich hab's heut mit Sepp!« Sie wandte ihm gleichgültig den Rücken, blickte jedoch in den Spiegel gegenüber, um zu beobachten, wie er die Abweisung aufnehme.

47 Bartl zuckte zusammen und entfernte sich. Er setzte sich wieder zur Flasche, die er jedoch, ohne sie weiter zu berühren, wegschob und stützte das Haupt wie müde auf den Arm. Ein aufmerksamer Beobachter hätte gewiß die Spuren tiefen Schmerzes bemerkt, der seine Züge verdüsterte. Wer sollte sich aber um ihn kümmern? Die Musikanten stimmten wieder, wie aus einem Traume wachte er auf und starrte in das Gewühl, wo Trina und Sepp zum Tanz antraten. Er seufzte tief, blickte zum Himmel und stand auf. Noch einmal blieb er in tiefem Leide stehen, als sollte er zusammenbrechen; dann trat er rasch vor Trina. Sie erschrak, als ihr Blick sein bleiches Gesicht traf; mit einer Stimme, die von heftigem Gefühl zitterte, sagte er: »Leb' wohl, Trina, leb' wohl, auf Nimmerwiedersehen.«

Er war verschwunden.

Trina zitterte, sie ahnte unermeßliches Unheil und wollte ihm nacheilen; Sepp hielt sie zurück: »Laß ihn laufen, es ist nur ein Rausch.«

Ihre Heiterkeit war dahin, sie tanzte zwar, aber 48 immer und immer tauchte Bartl vor ihr auf, wie er sie innig und schmerzvoll anblickte.

Er eilte nach Hause. Dort traf er seine Leute in traurigem Gespräch. Hois hatte verweinte Augen, die Mutter wischte sich mit der Schürze die Thränen ab.

Bartl betrachtete sie einen Augenblick mitleidig, dann sagte er ruhig: »Hois, du gehst wohl ungern zu den Soldaten? Mir thut's weniger weh', ich trete für dich ein!«

Der Vater schüttelte den Kopf, denn er mußte so oder so einen Sohn verlieren; Hois starrte ihn ungläubig an. Bartl fuhr fort: »Es ist so! Ich trete für dich ein, du bleibst bei den Eltern; mach' mir aber nie das Herzeleid, daß du das vierte Gebot vergißt. Das Gütl übernimmst seinerzeit vom Vater, mir beding' ich, wenn ich etwa heimkomme, ein warmes Plätzchen beim Ofen aus. Willst, Hois?« Dieser zögerte.

»Wenn du nicht magst,« sagte Bartl nach einer Weile, »ist's einerlei; ich will nicht bleiben und gehe doch zu den Soldaten.«

49 »Wenn's so ist,« sprach Hois, »nehme ich es an.«

»Mir ist's leid,« sagte das Mütterchen schluchzend, wie Maria mit dem siebenfachen Schwert im Herzen, »ihr seid mir aber beide gleich lieb, ausmachen müßt ihr es unter euch.«

»Es ist ausgemacht!« rief Bartl, »morgen früh gehe ich nach Schwaz und stelle mich, doch jetzt kein Wort mehr.« Er war zum Mann geworden, der ein Recht hat, über sich selbst zu verfügen. Der Vater schüttelte ihm stumm die Hand und that keine Einsprache.

Sie trennten sich.

Die Nacht breitete ihren Schleier über den Seelenkampf des armen Bartl. Wir wollen ihn nachempfinden, schildern können wir ihn nicht.

Er schied vor Tagesanbruch. Noch einen Blick auf die trauten Berge der Heimat, noch einen Blick auf Trinas Häuschen im Winkel. Er hob segnend die Hand, über seine Lippen kam kein Laut.

Bald erfuhr Trina, was geschehen. Ihre 50 Berechnung war an seinem Herzen, für dessen Lauterkeit, dessen Tiefe ein gewöhnliches Maß nicht ausreichte, abgeprallt; sie machte sich die bittersten Vorwürfe, daß sie ihm nicht ihre ganze Seele geoffenbart – es war zu spät. Bald hatte sie ausgeweint; zu Jacobi nach der Ernte führte sie Sepp als Braut heim.

Bartl wurde in ein wildes, geräuschvolles Leben geworfen. Bei Tag exerzieren, Paraden, lange Märsche durch Länder, wo die Leute zwar deutsch reden, aber fast alle lutherisch sind: es stürmten so viele neue Eindrücke auf ihn los, daß er kaum Zeit fand, an die Heimat zu denken. Aber nachts im Schlafe streifte die Seele jedes Band ab, der Zauber des Traumes trug ihn nach Tirol, im Sonnenglanze tauchte der schneeige Gletscher auf, die Quellen rieselten, der Gemsbock sprang ins Kar, von dessen steilem Geschröfe Edelweiß und Jochraute nickten, drunten stieg der bläuliche Rauch aus dem Schlot der Kaser, Trina trat hervor, frisch wie eine Almrose; er wollte sich regen, auf sie zueilen, seine Füße waren jedoch gebunden, das 51 holde Gemälde zerrann, und die Reveille wirbelte durch die Gassen. Dann ging es in ein Land, flach, sandig, sumpfig, durchsetzt von trägen Bächen. Die Menschen redeten, was er nicht verstand, es klang fast nicht schön und weich, wie die Ratsche am Charfreitag; in ihren Hütten lag Schmutz und Unflat, mehr als in der elendesten Alpe Tirols. Schweinefleisch und Kraut war bis zum Ueberfluß seine tägliche Kost. Wollte er nicht auf der nassen Erde schlafen, so mußte er mit dem Säbel Tannenzweige abhauen, wie man in Tirol für das Vieh Streu holt. Oft traf es ihn, Schildwach zu stehen; über den dunklen Wäldern der weiten unermeßlichen Ebenen stieg voll und klar der Mond auf, bald sammelten sich fern am Horizont Wolken, ihr breiter Rücken leuchtete wie die beschneiten Höhen der Heimat, stets wechselnd an Form und Gestalt, ahmten sie täuschend die Zacken des Hochgebirges nach, er dachte an Trina, den kalten Lauf des Gewehres traf eine Thräne. – Horch! – das wilde Geheul hungriger Wölfe. Die Patrouille 52 naht, er ruft sie an, lachend tritt der Korporal vor: »Haben sie dich nicht gefressen, Tiroler? Ich meine, sie werden sich bald mästen mit unserm Fleisch und Blut.« – Ein anderer Soldat wurde hingestellt, Bartl zog mit der Ronde weiter. Die Kameraden waren froher Laune, denn morgen sollte er kommen, der eherne Kanonenkaiser, und seine Adler zu neuen Siegen, zu neuer Beute führen. Dort schimmerte der Niemen, jenseits desselben Rußland.

Napoleon! Wie zauberisch wirkt der Name jetzt noch, wie mag er zu seiner Zeit Lieb' und Haß entflammt haben! Bartl dachte an das Jahr 1809, ein fürchterlicher Gedanke blitzte in ihm auf; er blieb plötzlich stehen, so daß ihm der Hintermann auf die Ferse trat und fluchend schalt: »Dummer Tiroler, vorwärts!«

»Habt ihr,« fragte er leise, »nicht aus der heiligen Schrift vernommen, daß er der Apolyon ist, der in der Offenbarung Johannis aus dem höllischen Brunnen steigt?«

Schallendes Gelächter antwortete ihm; der 53 Korporal rief spottend: »Haben dir das deine einfältigen Bauern aufgebunden? Dafür sollte man sie mit Jauche tränken und mit Glasscherben füttern, die Einfaltspinsel. Stolz mußt du sein, daß dich das Glück zu einem Soldaten Napoleons machte; wenn du morgen nicht vive l'empereur schreist, kriegst du Fußtritte.«

»Morgen?« fragte Bartl rasch.

»Ja, morgen haben wir die Ehre, mit unseren französischen Waffenbrüdern vor dem erhabenen Kaiser zu defilieren.«

Bartl schwieg. Seine Gedanken waren finster wie die Nacht, die nach dem Untergang des Mondes auf die Ebene sank.

Morgen!

In der Kaserne paßte er, bis alle schliefen. Dann öffnete er sorgfältig ein Beutelchen und zog eine Kugel heraus. Es war ein Kreuz mit allerlei mystischen Zeichen darauf eingeschnitten.

Er untersuchte das Gewehr, schüttelte Pulver aus dem Maß in den Lauf und murmelte: »Verjag' den Teufel, triff die Hexen, erschlag' 54 den Zauberer im Namen der heiligen Dreifaltigkeit, in der Kraft des Pestengels, unter dem Schutze der Pfeile des heiligen Sebastian, zu Ehren der fünf Wunden am Leibe Christi. Seine Seele verfluche ich dreimal dem Teufel. Amen! Amen! Amen!« Als er dem Pfropf die Kugel nachstieß, wiederholte er jedesmal den schrecklichen Spruch. Dann warf er sich auf das Lager und betete: »Heilige Jungfrau Maria halt den blauen Mantel vor, daß mich seine Augen voll Höllenfeuer nicht erschrecken!« – Viele glaubten nämlich außerdem, daß sie ihn für kugelfest und gefroren hielten, er schaue durch teuflische Kunst in die Seelen der Menschen und entwaffne dadurch alle, die feindliche Anschläge gegen ihn vorhätten.

Bartl hatte sein Riemenzeug mit Wachs gebohnt, die Montur fleißig gebürstet, und harrte nun in Reih' und Glied, bis auch ihn das Kommando vorwärts triebe. Sie brausten, brandeten und rollten vorüber, die Völkerwogen, die der neue Attila über die Ebenen Rußlands goß, wo sie im Boden verschwinden 55 sollten, wie ein Regen im Sande. Dort hielt er auf dem Schimmel zwischen seinen Marschällen, die in ihren gestickten Uniformen schimmerten wie Goldkäfer, er selbst einfach im grünen Rock, das kleine Hütchen auf dem Kopf, die Züge groß und unbeweglich. Nur selten überflog sie ein Glanz freudiger Zufriedenheit, wenn ein rauschendes: vive l'empereur zum klaren Himmel stieg.

»Bataillon marsch!« kommandierte der Major.

»Kompagnie marsch!« wiederholte der Hauptmann, und die Schar leichter Jäger, der Bartl eingereiht war, schritt bei den Klängen der Feldmusik vorwärts.

»Rechts schaut.«

Die Köpfe flogen rechts, jedes Auge haftete am Bronzegesicht des Imperators.

»Dieses Männlein, das bei uns keine Bauerndirne aufklauben möcht', ist also des Teufels leiblicher Sohn!« dachte Bartl und faßte krampfhaft das Gewehr. Zitternd vor Haß und Wut starrte er auf Napoleon. Sein 56 schrecklicher Blick traf den Soldaten; er zuckte gar nicht einmal mit der Wimper. Da regte sich der Schimmel; der Kaiser machte eine rasche Wendung und flüsterte einem Marschall etwas ins Ohr – der günstige Augenblick war für den Mordanschlag verloren. –

»Dein Vater, der Teufel, hat dir's verraten, den will ich aber schon bändigen. Ich verlobe mich der Mutter Gottes zum Sieg, barfuß wallfahre ich nach Kauns, drei Nächte knie' ich auf der Schwelle, und opfere, wenn ich dich treffe, eine goldene Kugel, müßt' ich das Geld auch zusammenbetteln.«

Dieses Gelübde machte Bartl heimlich, während die andern dem Würger Deutschlands ihr pflichtschuldiges vive l'empereur zubrüllten.

Die Kolonne war vorüber, sie hatte auf der schwankenden Schiffbrücke den Fluß übersetzt und bewegte sich auf der staubigen Straße vorwärts. Da sprengte ein Adjutant daher, er sprach leise mit dem Major; ein lautes Halt donnerte durch die Reihen. Langsam 57 ritten beide an der Front dahin, Mann für Mann mit scharfem Auge musternd. Bartl gegenüber zog der Franzose ein wenig die Zügel an, flüsterte einige Worte und trabte davon.

»Marsch.«

Im Taktschritte ging es ohne Rast weiter, bis sie endlich gegen vier Uhr ein ausgebranntes russisches Dorf erreichten. Etwas später brachte ein Transportwagen Brot; von zwei Chevauxlegers, die Vieh dahertrieben, erfuhr Bartl, daß der Kaiser in einer halben Stunde hier durchreiten und sich zum Vortrab begeben werde. Über Bartls Antlitz zuckte ein unheimliches Lächeln. Während die andern die Ochsen schlachteten, sie zerstückten und das Fleisch in den Feldkesseln mit den ausgerissenen Brettern der Fußböden und Zäune kochten, schlich er, als er sich ganz unbeachtet glaubte, davon.

Hundert Schritte vor dem Dorfe erhob sich ein dichtes Gestänge von Erlen und Weiden; dort verkroch er sich. In einem Tümpel schwammen etliche Gänse, die hier dem 58 allgemeinen Untergange entronnen waren. Rasch zog er die Schuhe und Socken aus, sprang in das Wasser, drehte einer nach der andern, daß ihr Schnattern nicht die Aufmerksamkeit auf den Hinterhalt lenke, den Kragen um und warf sie dann an das Ufer. Kaum beachtete er die häßlichen Blutegel, die an seinen bloßen Beinen hingen, denn er hörte fernes Pferdegetrappel. Schnell packte er das Gewehr, stemmte sich auf ein Knie und hielt zum Anschlag bereit. Napoleon nahte im Galopp mit seiner Suite; noch war er außer Schußweite. Langsam näherte Bartl den Kolben der Wange, einen Augenblick – da packte ihn eine starke Faust im Nacken; ehe er einen Laut hervorstoßen konnte, war sein Gesicht in den weichen Sumpf gedrückt. Die Hand ließ ihn frei, er sprang auf, Wasser und Schlamm aussprudelnd. Nachdem er sich den Kot abgewischt und wieder um sich zu schauen imstande war, erkannte er seinen Kameraden Prosch aus Ried im Zillerthale:

»Was hast jetzt anstellen wollen, Zoch?« begann dieser leise; »hättest merken können, daß 59 man auf dich ein Auge hat. Laß Zeit, unser Herrgott verschlaft's nicht und nimmt ihn schon bei den Ohren, ohne daß du dreinpfuschest. Meinst, wir andern mögen den Bonapartl? Wenn du aber jetzt geschossen hättest, würden wir alle hingerichtet und das Landl könnt' es entgelten.«

»Ich hätt' ihn geschossen wie einen Auerhahn.«

»Seine Schergen wären aber in voller Macht zurückgeblieben. Meinst du wohl, die hätten dich dann heut' abends ruhig die Gänse da fressen lassen?«

Bartl blickte finster zu Boden, dann pflückte er die ekelhaften Würmer von Wade und Schienbein.

»Ich habe mir gedacht, was du willst und bin dir deswegen nachgeschlichen. Jetzt gehst zum Major und dann zum Hauptmann, giebst jedem einen Vogel und sagst, du hättest ihnen ein gutes Nachtessen verschaffen wollen.«

Er gehorchte ohne Widerrede, schweigend hob er die Vögel bei den Füßen auf und folgte dem Kameraden.

60 Prosch erzählte dem Major, sie hätten Gänse fangen wollen, und da sei Bartl in den Kot gepatscht. Der Offizier lachte und befahl seinem Diener, den Braten ja recht gut zu kochen. Da der Major zufrieden war, hatte der Hauptmann nichts mehr einzuwenden.

Die Angaben Bartls über die Märsche, die er zu machen hatte, und über die Gefechte, an denen er teilnahm, sind so verworren und unklar, daß ich mich weder an dem Leitfaden der Geschichte noch der Geographie zurecht finden konnte. Es liegt auch nicht viel daran; seine Beobachtungen über Land und Leute interessieren ohnedem nur insofern, als sein Schicksal damit verflochten ist.

Über die Richtung, die Bartl zunächst einschlug, giebt vielleicht der Umstand einigen Aufschluß, daß er sah wie General Deroi fiel. Dies geschah im Treffen vor Polocz. Übrigens strengte er sich nicht an, auf den Ebenen Rußlands Heldenlorbeeren zu pflücken. »Da war es in unseren Bergen,« erzählte er oft, »eine rechte Lust; mit welcher Freude blitzte ich 1809 61 den verfluchten Franzosen auf den Balg; wie jauchzte ich, wenn einer purzelnd die Fersen in die Luft schlug. Aber die Russen! Denen mochte ich nichts zu Leide thun, außer, wo ich mich meiner Haut wehren mußte; sie hatten ja recht gegen den teuflischen Bonaparte, und am liebsten wär' ich zu ihnen übergelaufen. Nur der Gedanke hielt mich zurück, daß ich dann vielleicht auf meine eigenen Landsleute schießen müßte, und das wär' gewesen wie Kain und Abel in der heiligen Geschrift.«


Der Winter brach an, furchtbar wie seine Stürme schritt die Nemesis durch das Land und zertrat das Heer des Korsen wie Gewürm. Wer berechnet die ungeheure Summe des Elends, das sich nicht auf einzelne verteilte und dadurch kleiner wurde, sondern jeden mit voller Wucht traf, wo der Mensch mit entsetzlichen Qualen sühnte, was die Völker verbrochen, weil sie sich sklavisch dem Wink eines Titanen gekrümmt hatten und dadurch, sowie er zum Maß des Übermenschlichen emporklimmen 62 wollte, unter das Maß des Menschlichen hinabgesunken waren. Die Geschichte mag zitternd den Spuren des ewigen Rächers folgen, die Poesie muß wie Moses bei dem Nahen Gottes vor diesem großartigen Schauspiel das Antlitz verhüllen.

Die Baiern deckten den linken Flügel der Armee, sie wurden daher erst, nachdem diese fast aufgerieben war, in den Strudel gezogen; 30,000 wackere Krieger gingen hier unter. Auf einem schönen Platze Münchens ragt ein Obelisk mit der Inschrift: »Auch sie starben fürs Vaterland.« Das Erz kann nicht erröten.

Ausgemergelt und erschöpft schleppte sich Bartl mit dem zerlumpten Troß weiter. Der Schrecken hatte ihn abgestumpft, selbst das Gefühl der Verzweiflung war aus seiner Seele gewichen; nur wenn sein mattes Auge wieder auf einen kleinen Schneehügel fiel, unter dem ein Toter ruhte, wünschte er alles überstanden zu haben wie dieser. »Kosaken, Kosaken!« scholl der Schreckensruf durch die aufgelösten Glieder, die Raben krächzten, im Nebel wurden 63 die langen Lanzen sichtbar; eine Salve, und sie verschwanden wieder, die Aasgeier des heiligen russischen Reiches. Lautlos wälzte sich der Trupp weiter; hier sank einer, niemand fragte wer? – Heute mir, morgen dir! Da sah Bartl einen toten Offizier in einen dichten Pelz eingehüllt am Wege: »Der braucht ihn nicht mehr,« sagte er halblaut, kroch in den Graben, warf seinen zerlumpten Mantel weg und hüllte sich mit der Empfindung seltenen Behagens in die Wildschur.

Seine Kameraden gingen vorwärts. Als sie im Schneegestöber verschwunden waren, sprengten heulend einige Kosaken, welche Nachzüglern auflauerten, gegen ihn los, eine Lanze fuhr ihm zwischen Arm und Brust durch und riß ihn nieder. Die Unholde sprangen vom Pferd; schneller als man eine Kartoffel schält, hatten sie ihm die Kleider abgerissen. Dann hängte ihn einer nackt mit einem Lederriemen an den Bauchgurt des Rosses, ein anderer stieß ihn mit dem Lanzschaft in die Weichen, ein dritter hieb ihn mit der Knute über den 64 Rücken, daß sein Blut in den Schnee floß. So jagten sie ihn vorwärts, daß ihm der Atem stockte. Sie erreichten ein Städtchen, dort wurde er in die Kirche geworfen; sie war bereits zum Erdrücken mit Gefangenen vollgepfropft, fast alle nackt, blutig und zerfleischt. Auf dem Boden lagen Sterbende. Wohl denen, über deren Antlitz das tolle Lachen des Wahnsinns flog! Schmerzgeheul, wilde Flüche, Gotteslästerungen erfüllten den Raum, wo sonst eine fromme Gemeinde ihre Lieder sang und der Priester betete.

In einem Winkel kauerte ein Mann, Bart und Haar mit Blut zu einem Klumpen gefroren; in schmählicher Wut spuckte er zum Himmel: »Könnt ich dich ins Gesicht treffen, du Teufel dort droben, du lachst und jubelst mit den Engeln und lässest uns hier zu Grunde gehen. Was hab' ich verbrochen, daß ich so leiden muß?«

Bartls Seele erfüllte Grauen, auch er verzagte an Gottes Gerechtigkeit und Liebe; konnte er nicht Frevler und Schuldlose durch seine 65 Boten trennen lassen? War seine Wunderkraft erschlafft und die heilige Schrift eine Lüge?

Wo gab es eine solche Fülle von Schmerz, Jammer und Elend als hier, wo zwanzig verschiedene Sprachen aus der Hölle des Daseins um Erlösung schrieen? – »Deine Zweifel sind eine Sünde gegen den heiligen Geist,« rief sein Gewissen, »eine Sünde, für die es weder in diesem noch in jenem Leben eine Verzeihung giebt. Wehe, wenn die ewige Qual schon hier begönne!« – Er preßte die Hände an die Stirn, sein Sinn wollte schwinden. Da flog die Thür auf, Kosaken sprangen grinsend herein und peitschten die Gefangenen mit dem Kantschu auf den Friedhof hinaus. Dort hielt ein Offizier zu Rosse; er rief: »Die Deutschen marsch in jene Ecke!« Bartl dachte: Da wird man uns umbringen und einscharren. Die anwesenden Deutschen, etwa fünf bis sechs, gehorchten mit stummer Gleichgültigkeit dem Befehle. Die anderen, Franzosen und Welsche, wurden in die Kirche zurückgejagt. »Ihr seid Deutsche?« fragte ein Offizier.

66 Alle bejahten es, Bartl rief: »Ich bin halt eigentlich ein Tiroler!«

Der Offizier verzog den Mund:

»Hast du 1809 gegen die Franzosen gefochten?«

»Ja freilich, und manchen erschossen.«

»Warum ziehst du jetzt mit ihnen gegen uns?«

»Ja weißt wohl, wenn du mußt! Der König hat uns hergesprengt.«

Das Antlitz des Offiziers erheiterte sich noch mehr, er winkte einem Kosaken, dieser brachte bald darauf allerlei Kleidungsstücke und warf sie Bartl zu. Während er die Schuhe anlegte, wandte sich der Russe an die übrigen: »Wer von euch will bei dem deutschen Freicorps eintreten, welches Se. Majestät der Czar« – er lüftete dabei die Pelzmütze – »gegen den französischen Räuber errichtet?«

Alle erboten sich.

Nun sprang Bartl auf, ein Weiberrock hing über der Schulter, von den Lenden schlotterte eine Hose nieder, ein Rohr am Knie abgerissen, in der Hand hielt er ehrfürchtig einen feinen 67 Frauenhut mit Federn, den wahrscheinlich ein Franzose zu Moskau bei einer Modistin gestohlen hatte. Er rief: »Krieg führen thu' ich nimmer, wenn's nicht sein muß; bei Österreich hat es mir gar nichts, bei Baiern nur Elend getragen!«

»Dann wirst du bis zu deiner Auslösung nach Sibirien geschickt!«

Nun wurde Bartl mit seinen Genossen in die Hütte geführt, dort erhielten auch diese Kleidungsstücke; die gemeinen Soldaten, die sie jetzt als Kameraden betrachteten, gaben ihnen Schnaps und Brot; auch am Feuer durften sie sich wärmen. Es kam ihnen vor, als wären sie in den Himmel versetzt.

Am nächsten Morgen mußte Bartl von ihnen scheiden. Alle weinten, als hätten sie ihr Lebtag in Lieb' und Freundschaft zugebracht. Einer trug dem anderen auf, die heimische Erde für ihn zu grüßen, denn keiner hoffte dieselbe wieder zu betreten.

Bartl wurde auf pfadlosen Wegen, durch Schneegestöber und Eis in das Innere Rußlands geführt; bald gesellten sich Genossen des 68 Elends zu ihm, die es ebenfalls abgelehnt hatten, noch ferner die Waffen zu tragen. Sie konnten mit Schauder beobachten, wie ausgesucht grausam man die gefangenen Franzosen behandelte, als sollten sie jetzt, gleichviel, ob schuldig oder unschuldig, büßen, was ihr Volk an Weh und Unglück über die Welt gebracht hatte. Den Deutschen ging es, soweit es bei solchen Verhältnissen möglich war, ganz leidlich; sie erhielten zwar von den Kosaken, die sie geleiteten, manchen Puff, aber doch auch zu essen, wurden nachts stets unter Dach gebracht und der Kleider nicht mehr beraubt.

In der Gesellschaft war ein beständiger Wechsel: einige blieben zurück oder wurden auf andere Straßen gewiesen, allmählich verringerte sie sich, die Kosaken verschwanden bis auf einen.

Bartl hatte Ebenen durchwandert, Berge überstiegen, Flüsse durchschifft, immer gegen Osten zu, wo die Sonne aufging, dem einzigen Zeichen, aus dem er auf die Richtung seiner langwierigen Reise schließen konnte. Allmählich wurden die Tage länger, Tauwetter 69 überschwemmte den Boden mit unergründlichem Morast, schon spitzte an sonnigen Stellen das Gras hervor, bis der eisige Steppenwind wieder alles in Erstarrung versenkte. Endlich gelangte er an einen sehr großen Fluß, der ungeheure Eisschollen führte, jenseits desselben erblickte er die Türme und Kuppeln einer Stadt: es dürfte Tobolsk gewesen sein, denn wie Bartl, wahrscheinlich aus Mißverständnis, behauptete, war der heilige Tobias ihr Schutzpatron.

Dort wurde das kleine Häuflein der Gefangenen einem hohen Herrn vorgestellt, der jedem die Ortschaft anwies, wo er zu bleiben habe. Zugleich ward jeder mit dem Galgen bedroht, der ohne Erlaubnis des Gemeindevorstehers, der für ihn haftete, den Aufenthalt verlasse. Hier mußte Bartl den letzten, schwersten Abschied überstehen: von seiner deutschen Muttersprache, denn sie wurden einzeln in die Verbannung geschickt, wo sie niemand verstanden, wo sie niemand verstand als der Herrgott. Er wurde einem Kosaken, der 70 mit einem amtlichen Schreiben als Kurier abging, anvertraut; dieser aber lieferte ihn nach einer Woche, wo sie die aufgehende Sonne stets mehr zur Linken hatten, dem Vorsteher eines Dorfes ab.

»Unter dem Dorfe,« meinte Bartl, »darf man sich nicht etwa eine Ortschaft wie Achenkirch oder gar Jenbach vorstellen, wo zwar keine vornehmen, aber doch nette saubere Häuser neben einander stehen; – da mußte man recht schauen, um die Wohnungen zu erkennen. Sie steckten zur Hälfte im Boden, waren mit Rasen bedeckt, der Rauch zog oben durch ein Loch, das man gar wohl als Hasen- oder Fuchsfalle benutzen konnte. Und erst drinnen, da sah es aus! Kinder und Säue kugelten im Schmutz durcheinander, als wär's die Arche Noahs mit allerlei Getier, so daß einem ordentlichen Menschen angst und bange werden mußte.

In ein solches Loch führte mich der Gemeindevorsteher, der wieder nicht aussah wie der Sixtenbauer, oder gar der Postmeister; er 71 war ein kleines Männchen mit einem schwappeligen Bauch und kurzen Haxeln, eingenäht in Felle, deren rauhes nach innen gewendet war, und roch aus dem ungewaschenen Maule, so oft er's aufthat, wie ein dampfiger Esel. Zu essen gab es genug, vor allem Wildfleisch, wenn nur nicht die Leute geglaubt hätten, es schmecke halb roh und stinkend am besten, so daß man von der Suppe die Würmer abschöpfen mußte, wie von der Milch den Rahm. Was die Gegend betrifft, so war nur von fern so etwas wie ein Streifen Berge zu erkennen, sonst alles mit Sümpfen, in denen Kröten gar melodisch sangen, und Wald bedeckt. Die Forste waren dicht und mit herrlichen Zirbeln besetzt, die in Tirol nur auf den Almen gedeihen, aber man durfte sich nur mit der Axt in der Faust hineinwagen, denn alle zwei- oder dreihundert Schritte sagte ein Bär oder Wolf: Grüß Gott. – Wasser fehlte nirgends, überall wimmelte es von Fischen, so daß man in der Luft gedörrte Hechte, die doch bei der Scholastika ihren Wert haben, wie Brot aß, 72 ja sogar Hunde damit fütterte. Auch die Vögel sangen und pfiffen wie in Tirol, die Menschen jedoch zaggelten lässig und matt herum, als wäre ihnen das Herz eingefroren; nirgends ein Schnadahüpfel oder eine Zither; als ich einmal, um es nicht zu vergessen, jodelte, lief das ganze Dorf zusammen.«

So schildert Bartl sein Asyl.

Das erste Jahr mußte er sich auf die Gebärdensprache beschränken; bald lernte er jedoch soviel reden, als zu einer dürftigen Verständigung genügte. Den Sommer hindurch half er seinem Wirt auf dem Felde arbeiten; da er aus einem mehr civilisierten Lande abstammte, konnte er dem genügsamen Völkchen manche Kenntnisse im Betrieb des Ackerbaues mitteilen, für die es ihn dankbar verehrte. Nachts schlief er im Freien auf einem Tannenbaum, wo er sich eine Art Hängematte bereitet hatte, denn seine Haut war noch nicht so durchgegerbt, um die Bisse und Stiche des zahllosen Ungeziefers in der Wohnung des Gemeindevorstehers auszuhalten.

73 Als sich die Blätter röteten, zimmerte er sich aus vierkantig behauenen Holzstämmen ein Blockhaus, wie er es in den Bachen gelernt; weitum prangte kein schönerer Palast. Im Spätherbst und Vorwinter fing er mit Latzen aus Draht oder Roßhaar allerlei Getier mit kostbaren Fellen, die er sorgfältig ausspannte, räucherte und in einem Erdloch bewahrte. Als der nordische Winter in seiner Pracht das Land beherrschte, kamen Kaufleute, in Schlitten von Hunden gezogen, um gedörrten Lachs einzuhandeln. Er bot ihnen seine Felle an und erhielt dafür eine Büchse nebst Pulver und Blei, soviel er bedurfte. Sie schlossen mit ihm auch für den nächsten Winter einen Vertrag; er versprach ihnen eine Anzahl Häute, die sie mit allerlei Eisengerät und Waren, wie sie sein gebildeter Geschmack wünschte, zu bezahlen versprachen. Als Drangeld gaben sie ihm einige Flaschen Anisbranntwein.

Am Christabend stach er die erste an. Er gedachte seiner Heimat, wo jetzt Trina 74 wahrscheinlich mit Mann und Gesinde im fröhlichen Kreise den Weihnachtszelten anschnitt. Eine Thräne der Wehmut fiel in den Becher aus Baumrinde, doch mischte sich der Erinnerung kein Gefühl von Bitterkeit bei; er hatte sich über seine Verhältnisse schon längst hinausgelebt. Am schmerzlichsten war es ihm, daß er jedes religiösen Trostes entbehren mußte; wohl kam zu jeder hohen Festzeit ein russischer Pope, hielt den Gottesdienst und suchte ihn zu bekehren, er bewahrte aber die katholische Religion wie ein Kleinod, denn sie war der Glaube seiner Väter, der Glaube Tirols, an dem er mit unveränderter Treue hing. Früh und abends betete er mit lauter Stimme das deutsche Vaterunser, damit ihn der Gott seines Volkes hier nicht vergesse.

Durch Fleiß, Thätigkeit, Mut und vorsichtiges Benehmen hatte er sich allmählich zum angesehenen Manne emporgearbeitet. Freilich hätte er, umgekehrt wie Cäsar, lieber im schlechtesten Dorfe Tirols als der letzte die Säue gehütet; wenn er jedoch das Schicksal und den 75 schrecklichen Untergang anderer erwog, so fühlte er sich Gott zum aufrichtigsten Danke verpflichtet.


Selbst die öden Steppen Rußlands meidet die Liebe nicht, wenn sie auch nach Birkenöl duftet und in Juchten auftritt. Bartl wühlte im Herbst aus einem Stückchen Boden, den er urbar gemacht hatte, Kartoffeln; er bemerkte kaum, daß ihm ein Mädchen unverwandt zuschaute. Da sich dieses auch bei anderen Anlässen wiederholte, so fiel es ihm endlich auf; er nahm jedoch keine Rücksicht und arbeitete unbekümmert weiter. Eines Abends kochte er in der Hütte ein Stück Lachs, da öffnete sich die Thür, lachend trat die Russin an den Herd und legte einen Büschel schöner roter Fliegenschwämme vor ihn.

Ich lachte über diesen sonderbaren Strauß.

»Ihr glaubt,« fuhr Bartl in seiner Erzählung fort, »sie wollte mich vergiften? Im Gegenteil. Dort schätzt man die 76 Fliegenschwämme hoch, die Reichen bezahlen sie, was man so bezahlen nennt, sehr teuer, um sich durch den Genuß derselben zu berauschen. Ich hab' das gar nie versucht, denn so was verträgt schließlich nur ein Magen, der mit russischem Leder gesohlt ist. Dann setzte sie sich mir gegenüber auf die Bank, steckte die Hände über der Brust in die Ärmel ihres aus Wolfsfellen zusammengenähten Kittels und lächelte wieder mit den schiefgeschlitzten Äuglein, indem sie das weite Maul grinsend verzog. Ich mein', ich seh' sie noch, dieses kugelige Ding mit dem kurzen krummen Gestell. Das schwarze Haar hing ihr lang und grausig wie Baumbart um die niedere Stirn, das Gesicht war gelblich und glänzte wie der Vollmond, denn sie hatte sich, um ja recht schön zu sein, mit Butter gesalbt. Und erst die Nase! Gerade so flach und breit, als wär' ihr eine Kuh darauf getreten! Ihre Hände hatte sie gar wohl als Hafendeckel brauchen können. Ich ließ sie ruhig auf ihrem Platz; als ich gekocht hatte, bot ich ihr ein Stück Lachs; sie verschlang es trotz der Gräten, 77 als wär' ihr Schlund eine Kellerstiege; auch die Nocken wies sie nicht zurück. Sie wäre wohl bis in die Nacht geblieben, ich schickte sie jedoch fort. Da wird wohl jeder glauben, ich sei noch der alte lappete Bartl gewesen; dem war aber nicht so. Beim Militär verlernt man die Geschämigkeit nach und nach; war ich auch kein Bruder Liederlich wie andere, die mit allem vorlieb genommen hätten, so legte ich doch die Schüchternheit ganz ab. Sie meinen vielleicht, der Gedanke an Trina habe mich davon abgehalten, auf dem Marsch bei Weibern Blümlein zu pflücken? Ich war über das vierundzwanzigste Jahr hinaus, und was hätte es mir genützt? Sie wiegte vielleicht, während ich den ägyptischen Joseph spielte, ein Kind. Ein häuslicher Herd ist ein unschätzbares Gut, sollte ich dem immer entsagen? Ich bin ein Unterländer, und die sind bekanntlich nicht zum Kapuziner geboren. Eine Russin oder eigentlich Tatarin mochte ich aber doch nicht, da hätte ich für mein Lebtag ein Tatermandl werden müssen, und ohne Liebe mir noch dazu ein schüches 78 Weib und einen Schwarm Kinder auf den Rücken geladen. Einige Wochen darauf hielt die Gemeinde Versammlung ab; man nahm mich meiner Jugend halber, weil ich so ausgezeichnet Bären schieße, Marder fange und Lachse schieße, als Mitglied auf und trug mir das Mädchen – ich weiß nicht mehr, wie es hieß – zum Weib an. Ich lehnte vorläufig ab, zum Glück fuhr später der russische Pfaff dazwischen, der, wie unser Bischof Gasser die katholische, so die griechische Glaubenseinheit erhalten wollte und gegen die Heirat Einsprache erhob, wenn ich nicht meine Religion abschwöre, das hätte ich sogar der schönsten russischen Prinzessin nicht gethan; die Gemeinde begriff das recht gut und ließ mich in Zukunft ruhig, ohne mich – das muß ich den Wilden zur Ehre nachsagen – in irgend einer Art zu kränken; das Mädchen ist auch nicht ins Kloster gegangen und hat später geheiratet; ich war bei der Hochzeit und hatte zwei Flaschen Anisschnaps – Wutki nennt man es dort – dazu spendiert. So ist's mir mit der Heirat 79 ergangen, es hat halt nicht sein sollen und hinterdrein ist's einerlei.«

Jahr um Jahr verging. Bartl harrte vergebens auf Erlösung; er blieb vergessen. Wohl trug er sich mit dem Plane, zu entfliehen, bei reiflicher Überlegung ließ er ihn jedoch fallen, wußte er doch kaum die Weltgegend zu bezeichnen, wo Tirol lag, wie hätte er durch Sümpfe und Wälder den Weg finden sollen? Stumm und schweigend ergab er sich in sein Schicksal, der Stern der Hoffnung verschwand allmählich in trüber Nacht, das Dorf lag so weit jenseits der Grenzen des menschlichen Verkehrs, daß man gar nicht einmal wußte, ob Napoleon noch herrsche oder nicht. Nur einmal hatte ein Kosak, der sich auf der Jagd in diese Öde verirrt, den staunenden Hörern erzählt, er sei geschlagen und verbannt worden.

Dann sprach ein dumpfes Gerücht von seiner Wiederkehr – vielleicht war er damals schon begraben – auch das Wort Helena hörte man, die Bauern brachten es jedoch mit der Heiligen gleichen Namens in eine wunderbare 80 Verbindung oder spannen Märchen auf Märchen, bis endlich niemand mehr davon redete. So war der zwanzigste Sommer angebrochen.

Bartls Antlitz zeigte bereits tiefe Furchen, sein dichter Bart mischte sich mit weißem Haar; wenn auch noch so stark wie früher, merkte er doch schon eine Abnahme der Gelenkigkeit. Er hatte sich mehr und mehr in sich gezogen, tagelang irrte er mit der Büchse über der Achsel, dem Beil im Gurt durch die Wälder, so saß er einmal im Schatten einer Zirbel auf dem Hügel, der sich etliche Stunden vom Dorf mitten im Forste ein wenig über die unermeßliche Ebene erhob und blickte traurig in die Ferne, wo sich der Fluß silberglänzend verlor. Da war's ihm, als höre er Stimmen; er richtete sich kaum auf – vielleicht Jäger. Noch einmal schlugen Laute an sein Ohr – deutsche Laute – er irrte nicht! Das Lied der Engel, die Klänge der Abendglocke seiner Heimat, sie wären ihm nicht süßer gewesen, hätten ihn kaum tiefer erschüttert. Er sprang empor, stand, er zitterte, Thränen brachen aus seinen Augen, 81 dann jauchzte er hell auf, wie nur je in jungen Tagen auf der Alm. Die Stimmen kamen näher. Er brach durch die Büsche. Auf einer Lichtung zwischen den Bäumen erblickte er zwei Fremde mit Gewehren, der eine trug eine Blechbüchse auf dem Rücken, der andere hielt ein grünes Netz, sein Hut war seltsam mit gespießten Schmetterlingen und Käfern geschmückt. Verwundert betrachtete sie Bartl und rief dann: »Seid ihr Deutsche oder etwa gar Tiroler?«

»Ersteres, aber nicht letzteres!« sprach der eine, ein kleines Männchen mit auffallend hoher Stirn und hellgrauen Augen, die wie Diamanten blitzten.

»Also doch deutsch,« schrie Bartl, »grüß' euch Gott, grüß' Gott zu tausendmalen! Ihr seid dem Aussehen nach vornehme Herren; ich möcht' euch vor Freude die Knie' küssen!«

Sie schlugen herzlich in seine dargebotene Hand ein, dann setzten sie sich zusammen, er erzählte sein Schicksal. Endlich fragt er: »Lebt er noch, der Bonapartl, oder brät ihn sein Vater schon auf der Höllenplatte?«

82 »Er ist längst tot.«

»Dann muß man mich ja heim lassen. Habt ihr vielleicht von der Trina in Achenthal auch gehört?«

»Das nicht,« erwiderte der kleine Herr lächelnd; »Tirol hab' ich allerdings besucht und im Fassa Steine geklopft, Trina jedoch nicht kennen gelernt.«

»Und wie gehts im Landl?«

»Es ist wieder kaiserlich!«

Die Fremden waren Naturforscher; einer hieß Alexander Humboldt. Bartl kam ihnen gelegen; er mußte sie als Jäger begleiten, ihnen allerlei Tiere fangen und Pflanzen trocknen; dafür versprachen sie, ihn mit nach Berlin zu nehmen und ihm von dort die Reise nach Tirol zu zahlen. Seine Hütte diente zur Niederlage der gesammelten Dinge. Sie wurden dem Gemeindevorsteher übergeben, der sie im Winter auf Schlitten in die nächste Stadt zu führen hatte, wo sie die Behörden von ihm übernehmen und weiter liefern sollten.


83 Der Abschied wurde Bartl schwerer als er geglaubt. Am Vorabende versammelte sich noch die ganze Gemeinde vor seiner Hütte, jeder wollte ihn noch sehen, ihm die Hand drücken, ihn bitten, seiner in der Heimat zu gedenken. Er hatte einen Hirsch geschossen, diesen gab er nebst allen Vorräten, die er eingethan, preis. Bald loderte ein Feuer, es wurde gekocht und geschmaust; endlich lieferte er auch den Wutki aus, den er sorgfältigst zu hinterst unter seinem Bette geborgen. Dem Weibe, das er einst hätte freien sollen, schenkte er ein rotseidenes Tuch, das er sich zu diesem Zwecke von dem Naturforscher ausgebeten hatte. Beide sahen der bewegten Scene zu, aßen wohl auch mit und nahmen einen Schluck; als es Mitternacht wurde, mahnten sie Bartl, die Leute zu verabschieden, um noch einer kurzen Ruhe zu genießen. Er that es, kein Auge blieb trocken. Schluchzend zog er sich in die Hütte zurück; er konnte vor Herzweh nicht einschlafen. Beim Morgenrot weckte er die Fremden; als sie fortwanderten, zog noch der Nebel durch die 84 Bäume. An der Ecke, wo das Dörflein verschwand, blieb er noch einmal stehen, die Thränen liefen über seine gefurchten Wangen, er faltete die Hände und betete ein inbrünstiges Vaterunser. Dann setzte er den Hut auf und eilte den Naturforschern nach.

Von seiner Rückreise habe ich nichts zu berichten, was der Mühe wert wäre. Bartl erzählte wenig, nur verwandelte sich die Sehnsucht, welche er bei den Tataren nach Tirol empfand, in süßes Heimweh, das von Tag zu Tag wuchs, je mehr die Entfernung schwand. Jeden Abend fragte er, wie weit es noch sei; er seufzte bei der ungeheuren Anzahl Meilen, von der die Naturforscher sprachen. Endlich hatte er die russische Grenze im Rücken, die Leute redeten wieder deutsch, freilich nicht tirolerisch, so daß er sie nur mit Mühe verstand und sein Ohr sich erst allmählich an die Töne gewöhnen mußte.

Zu Berlin kam er spät abends an, er setzte sich mit seinen Wohlthätern noch auseinander. In aller Frühe hängte er das Bündel über 85 den Rücken und ging ununterbrochen, bis die Sonne sank. So Tag für Tag. Er hatte Baiern erreicht, bald überschritt er die Donau; von jetzt heimelte ihn bereits manches Wort an, als wehte der Wind aus den Alpen. An einem Morgen bemerkte er einen bläulichen Streifen über dem Horizont, anfangs hielt er es jedoch für ein zackiges Wolkenband, als er jedoch die Richtung nicht veränderte, fragte er neugierig einen Bauern auf dem Felde, was das bedeute?

»Es sind die Tiroler Berge!« erwiderte dieser und schritt hinter dem Pfluge weiter.

»Die Tiroler Berge!« Bartl öffnete weit die Augen, ob er nicht den Unuz oder Seekar erkenne; leichter hätte er jedoch die Wellen des Meeres unterschieden. Er fühlte die Brust beklemmt wie bei einem großen Schmerz, und doch war es Freude; ein tiefer Seufzer entrang sich derselben; er kehrte als Fremdling zurück, sollte er Liebe und Treue finden?

Er beschleunigte den Schritt. Vor ihm erhoben sich die Türme der Frauenkirche, sie 86 wollten nicht näher rücken; erst bei der Dämmerung, als bereits auf den Straßen die Laternen angezündet wurden, hinkte er durch das Karlsthor von München. Er suchte in einem Brauhaus Unterkunft, gönnte sich jedoch den folgenden Tag keine Ruhe, so sehr er derselben auch bedurft hätte. Der Morgenstern sah ihn bereits mit dem Bündel, er wollte womöglich den Kirchtag bei den Seinigen feiern. Das Land wurde nach und nach hügelig, die Hügel schwollen zu Bergen, schon konnte er den hohen Grat des Unuz und die Pyramide des Guffert unterscheiden, sie waren tief herab angeschneit. Wieder nahte der Abend, als ihm der Walchsee, von Licht umflossen, entgegenstrahlte. Zu versäumen war nichts mehr; er setzte sich unter eine Buche in das Gras; ein Dörcher aus dem Vintschgau, wie sie bettelnd oder als Schleifer die Thäler abstreifen, gesellte sich zu ihm. In früherer Zeit hätte er einen solchen Kerl gar nicht angeschaut, jetzt horchte er seinen Worten, als wären sie das Evangelium. Dieser wußte gar manches, auch aus Achenthal, wo er vor 87 wenigen Tagen herumgelungert. Bartls Bruder war längst verheiratet, die beiden Söhne reiften schon dem Mannesalter entgegen, das Weib jedoch sei eine geizige Kluppe, die keinem Armen was gönne. Dagegen kriege man im Winkel stets ein Stücklein Brot und im Notfalle ein Lager auf dem Heu; Trina sei über die Maßen gut, obwohl sie selbst nicht viel besitze; denn ihr Mann habe sich nach und nach, weil sie keine Kinder gebracht, auf das Schnapseln verlegt, sei jedoch übrigens kein unguter Häuter.

Bartl dankte für die Mitteilungen, obwohl sie keineswegs erfreulicher Art waren.

In der Frühe ging er durch die Jachenau und überstieg den Gebirgsriegel, der dieses Thal von dem der Isar trennt. In der Riß, wo damals noch keine Fürsten jagten, machte er bei den Franziskanern Mittag und eilte sodann gegen das Plumserjoch. Als er den Grenzstein, der Tirol von Baiern scheidet, erblickte, umarmte und küßte er ihn mit einer Inbrunst, wie nie in seinem Leben ein Mädchen; wer ihn gesehen, hätte ihn wohl für verrückt gehalten. Jenseits 88 desselben blühten um einen Steinblock etliche Gentianen; er steckte sie sorgfältig auf seinen Hut.

Langsam kletterte er bergan; über das Stanerjoch zogen weiße Streifen, er betrachtete sie nachdenklich; ein Hirt, der ihm begegnete, riet ihm vorwärts zu machen, denn abends werde es vermutlich regnen.

»Morgen schneien!« fügte er bei, »so bring' ich den ersten Schnee in das Achenthal.«

Auf dem Grat des Joches wehte ihm ein heißer Luftstrom entgegen, der Scirocco, auf den der Alpler sorgsam achtet, weil er stets die Witterung wendet. In der Pertisau mietete er ein Schiff, um auf das jenseitige Ufer überzusetzen. Der Ferge war ein Holzknecht in den Bachen gewesen; tausend freundliche Bilder erwachten in Bartls Seele, und schon wollte er sich zu erkennen geben, als jener um einige Kreuzer zu mäkeln begann, die er noch vor dem Einsteigen in den Kahn erlegen sollte.

Das war zu meiner Zeit nicht, dachte Bartl unwillig und zählte ihm schweigend das Verlangte auf. Als der Kahn ans Ufer stieß, 89 sprang er heraus, ohne dem unfreundlichen Schiffer einen Abschiedsgruß zu bieten.

Die Straße nach Achenkirch mußte dem Wasser und dem Gebirge abgerungen und oft aus diesem gesprengt werden. Überall stürzten die Felsen steil in die Flut, die, wenn der See hoch geht, fast die Füße des Wanderers bespritzt. Es ist ein düsteres Bild, wie nicht leicht ein zweites, aber Bartls Seele war froh und heiter; es drängten sich ihm die Umrisse der Höhe und des Thales entgegen, wie er sie vor zwanzig Jahren verlassen, und dennoch schien alles verändert. An der Stelle des Waldes dehnten sich kahle Schläge, die Gruppierung der Bäume, wie er sie in der Erinnerung trug, war jetzt anders: wo früher Tannen emporragten, flüsterten jetzt Buchen im Winde, streckenweise war der Boden umgerodet, von der Höhe winkte manches neue Haus, während solche, die er neu gesehen, rauchig und alt zwischen hoch aufgeschossenen Lärchen trauerten. Er wurde ernst und versank wieder in trübe Gedanken, aus denen ihn 90 nur das wilde Rauschen des Sees, den der Südsturm peitschte, von Zeit zu Zeit aufweckte. Da erblickte er an einer Stelle, wo das Ufer über die Flut hing, mitten unter anderen Almrosenstauden eine blühende, als wollte sie, während ihre Schwestern ihren Schmuck längst verloren, jetzt den Lenz vorausnehmen. Mit Rührung betrachtete er das Blümchen, trotz der augenscheinlichen Gefahr, über den Schrofen in das Wasser zu stürzen, holte er es dennoch und steckte es freudig an die Brust. »Ja,« rief er, »du sollst mir der erste, der freundlichste Heimatsgruß sein! Mir hat das Leben bis jetzt wenig anderes geschenkt als grüne Blätter und scharfe Dornen, sei du mir für den Rest desselben ein freundliches Zeichen, wenn nicht des Glückes, doch des Friedens!«

So hatte er die Scholastika erreicht. Er blickte zum Saal empor, wo er manchmal getanzt, gezecht und gesungen; fast meinte er, es müßten die Töne der Geigen und Flöten aufs neue erklingen und die altbekannten Gestalten durch das Fenster grüßen, schön, jugendlich und 91 kräftig, wie ihr Bild vor seinem Geiste lebte. Da rief eine Stimme, bei deren Klang alle Tiefen seines Innern bebten, über die Straße:

»Was meinst, Scholastika, kann ich morgen auf den Eben zur heiligen Notburg wallfahrten?«

Die Antwort hörte er nicht, sein Herz pochte so stürmisch, daß er unwillkürlich mit der Hand an die Rippen fuhr.

Trina trat um die Ecke; sie warf dem Fremden, der eine ganz andere Kleidung als die des Thales trug, einen gleichgültigen Blick zu: sie erkannte ihn nicht. Wer hätte auch erwartet, daß die Toten wieder aufstehen!

Die Kellnerin brachte ihm eine Schüssel Suppe und ein Gläschen Schnaps; er setzte sich in den Schatten und betrachtete von hier aus Trina mit inniger Teilnahme. Noch immer lächelte ihr Auge frisch und freundlich, aber die roten Backen waren eingefallen, durch die magere Stirn hatten zwanzig Jahre mit so mancher Sorge, so manchem Kummer, den Pflug gelenkt; die einst so vollen Lippen hingen welk über die Zähne. Wie damals im Walde, 92 trug sie die Haare um eine Nadel geschlungen, vielleicht die nämliche, jetzt aber ragte sie zu beiden Seiten weit hervor, während sie früher kaum die üppigen Flechten zu bändigen vermochte. Einst flog sie leicht beschwingt wie eine Tänzerin, elastisch hoben sich die Hüften; jetzt ging sie mit langen trägen Schritten dahin, fast wie der Tod in der Sage, der hinter jedem zurückbleibt und doch jeden einholt. Bei diesem Anblick fühlte er plötzlich, daß auch er alt geworden war, woran er früher wenig gedacht hatte.

Scholastika und Trina gingen miteinander nach Achenkirch, um dort dem Rosenkranze beizuwohnen.

Bartl schlich in die Nähe seines väterlichen Hauses, es war so ziemlich alles unverändert. Er wollte jedoch nicht beim hellen Tage eintreten, sondern wie Odysseus seine Verwandten erst versuchen, und legte daher das Bündel hinter einen Haufen Spreu. Glockentöne vom Turme des Kirchleins zeigten den Beginn des Rosenkranzes an. Es waren die gewohnten trauten Klänge; was er in Rußland erlebt, 93 schien zu versinken wie ein Traum, die Gegenwart verknüpfte sich ihm unmittelbar mit den goldenen Tagen seiner Jugend, und dennoch stand er als ein ganz anderer auf der teuren Erde, er konnte das Daheim nicht mehr dort fortsetzen, wo er vor zwanzig Jahren aufgehört, die andern waren allmählich vorwärts geschritten von Tag zu Tag; er hatte einen Sprung über eine ungeheure Kluft gemacht. Vorerst waren es unklare Empfindungen, die ihn ergriffen, er gab sich ihnen ohne Rückhalt hin. Als die Gemeinde sich in der Kirche versammelt hatte, trat er auf den Friedhof. Die alten Gräber waren eingesunken, neue Hügel standen in langer Reihe. Sorgfältig las er die Inschriften; ein langes Verzeichnis von Bekannten und Jugendgenossen, mit denen er auf dieser Welt nicht mehr verkehren sollte.

Da näherte er sich zwei Hügeln; ein Blick auf die Namen und sein Auge umschleierte sich, daß er nichts mehr erkannte; voll tiefen Schmerzes warf er sich zum Gebet nieder. Hier ruhten seine Eltern; wenige Jahre, 94 nachdem er fortmarschiert, hatte sie der Herr heimgeholt. Er hatte auf der ganzen Reise gar nicht daran gedacht, daß sie tot sein könnten; sie neigten zwar, als er schied, dem Alter zu, waren jedoch stark und gesund. So trug er ihr Bild in der Erinnerung. Dieses Bild alterte freilich nicht, und daher war es ihm gar nicht eingefallen, nachzufragen, und die stumme Botschaft des Grabes traf ihn wie ein Blitz. Endlich faßte er sich, er mußte unter Thränen die Einfalt belächeln, daß er unbewußt die Eltern für ewig jung gehalten und nicht unterworfen dem Tode. Heiß und brünstig betete er für ihr Seelenheil, sie möchten seinen Dank vor Gottes Thron niederlegen, weil er ihn glücklich zurückgeführt, und sein Los für die Zukunft den Heiligen anempfehlen.

Da wurde seine glühende Andacht durch Stimmen des Zankes und grobe Schimpfworte gestört. Er stand auf, unweit von ihm haderten zwei halbwüchsige Buben um eine Tabakspfeife, die der eine in Händen hielt, der andere als Eigentum ansprach. Er verwies 95 sie zur Ruhe mit dem Bemerken, daß für solche Gelbschnäbel eine Bretze, aber kein Tabak tauge.

Zur Antwort thaten sie ihm Schande und Spott an, schalten ihn einen Tropf, ja drohten sogar mit Prügeln. Ernst und schweigend blickte er sie an, sie lachten höhnisch und plärrten die Zunge heraus.

»Das war zu meiner Zeit auch nicht!« murmelte er, wandte ihnen den Rücken, um bei seinen Toten zu beten. Sie stritten wieder; er kehrte sich um, und es schien ihm, als hätte er die Burschen schon irgendwo gesehen, wenn auch in anderer Tracht. Er sann hin und her, es war doch nicht möglich, er mußte sich täuschen. Neuerdings fing er an zu beten, ihr Zank entbrannte heftiger, endlich schlugen sie los und balgten sich bei Ohren und Haaren auf den Gräbern. Jetzt flammte Bartls Grimm mächtig auf, er faßte sie beim Schopf, stieß sie mit den Schädeln zusammen und warf sie durch das Thor des Friedhofes hinaus. »Schämt ihr euch nicht vor den armen Seelen im Fegfeuer, deren Gräber ihr entweiht?« rief er ihnen nach.

96 Sie griffen nach Steinen, einer sauste bei seinem Kopfe vorbei. Schon wollte er ihnen nachlaufen, da öffnete sich die Kirchenthür, der Segen war vorüber.

Er eilte heimwärts.

Vor der Thür des Hauses stand seine Schwägerin, sie stellte die Pfanne Maisbrei in das Gras, um sie bis zum Essen verkühlen zu lassen.

Bartl nahm demütig den Hut ab und sagte mit flehender Stimme: »Ich bin ein armer Wanderer, möchtest du mir nicht um Gottes Christi willen etwas Mus schenken und nachts ein Lager auf dem Heustock gönnen?«

Wie eine Viper fuhr sie auf und schalt, während sie den Kochlöffel drohend schwang: »Was, du Strawanzer, fressen willst? Scher' dich und such' dort was, wo du gelumpt hast. Gesindel kriegt hier nichts!«

Schon wollte er erwidern, da sprangen die Buben, die er vor der Kirche gezaust, über den Stiegel; einer überschrie den andern: »Was der Spitzbub? Wirf ihm Scheiter auf 97 den Rücken, dann hat er wenigstens das Holz und kriegt warm, ohne es anzuzünden!« Es waren seine Neffen.

Bartl setzte schweigend den Stab weiter, vor der Hütte blickte er noch zum Himmel und seufzte: »Lieber Gott, ist mein Elend noch nicht aus!«

Er wollte bei einem Bauern Unterschlupf suchen, da begegnete ihm sein Bruder.

»Grüß dich Gott Hois!« rief er.

Der Bauer maß ihn von oben bis unten mit mißtrauischen Augen.

»Kennst du mich nicht mehr? Ich bin ja dein Bruder, der Bartl!«

Hois starrte ihn verwundert an, endlich begrüßte er den lang Verschollenen mit aufrichtiger Freude. Hand in Hand eilten sie nach Hause; Bartl mochte ihn nicht durch Beschreibung des Empfanges, der ihm geworden, betrüben, ja er entschuldigte die Bäuerin sogar im stillen, denn er wußte, wie das Land von heimatlosen Bettlern überlaufen wurde, während 98 die Gendarmerie damals politischen Aufgaben geheimer Spionage zu dienen hatte.

Hois rief schon in der Hausflur: »Urschel, Urschel! Der Bartl aus Rußland ist da!«

»Was? Wer? Aus Rußland, wo das Gold wächst?«

Sie rannte unter die Thür, erschrak jedoch nicht wenig, als sie Bartl, den sie so unbarmherzig fortgejagt, erblickte. Doch zwang sie sich zu einem süßen Lächeln – er mußte viel Geld haben, wie wär' ihm sonst die weite Reise gelungen? – und wollte sich entschuldigen.

»Laß gut sein, Schwägerin,« sagte Bartl mild und drückte ihr freundlich die Hand.

Die Buben glotzten aus der Stubenthür, keiner wagte sich heran. Bartl schaute ihnen ernst ins Auge.

»Küßt doch dem Vetter die Hand!« rief Urschel.

»Laß gut sein, es gilt schon,« unterbrach er sie in ihrem heuchlerischen Eifer, »wenn die Buben brav sind, werden wir leicht auskommen.«

Tags darauf kaufte Bartl Kleiderstoffe und 99 Leinwand; Schneider, Schuster und Näherin wurden bestellt, um ihn aufs neue als Achenthaler zu gewanden. Urschel, die ihn belauerte, zog daraus einen günstigen Schluß auf sein Vermögen.

Inzwischen hatte auch Trina von Bartls Rückkunft gehört.

Erst zweifelte sie daran, dann ging sie in ihre Kammer, wo sie lang' weinte. So hatten beide die erste heftige Erschütterung überwunden; als sie sich zum erstenmale begegneten, hätte niemand geahnt, wie innig sie sich einst angehört, so daß sie einzig und allein ein Wort, das nicht gesprochen wurde, für ewig schied.

Ruhig blickten sie sich ins Auge, und der leise Druck der Hand mochte ein Zeichen sein, was sie sich einst gewesen; jetzt konnte man sie für treue Verwandte halten, die sich nach längerer Trennung begrüßen. Ja, Verwandte oder Freunde. Sie blieben es für den Rest ihrer Tage, wenn auch äußerlich wenig davon zu merken war. Die Leidenschaften waren 100 vernarbt, das Schicksal gesühnt, sie hatten ein Recht auf einen milden Herbst.

Am Kirchtag sammelte sich im Winkel ein großer Heimgarten. Bartl erzählte seine wundersamen Ereignisse. Sepp schenkte sich und ihm fleißig Enzelner ein, den er selbst gebraut, während Trina ab- und zugehend kein Wort verlor. Wir lassen sie plaudern, so lange sie wollen, ein paar Worte genügen, Trinas Vergangenheit aufzuklären.

Ihre Ehe mit Sepp hielt zwischen Glück und Elend die Mittelstraße. Sepp sollte das stark verschuldete Gut seines Vaters übernehmen, er begnügte sich jedoch mit einer kleinen Abfertigung und zog in den Winkel, wo Trina unterdessen nach dem Tode ihrer Eltern Haus und Hof zu gleichem Rechte mit ihrer Schwester übernahm. Sie mußten alle redlich schaffen, sollten sie ordentlich gedeihen; die Bewirtschaftung von Grund und Boden ist so schwer, daß einer, der sie in Ermangelung eigenen Nachwuchses durch Dienstboten betreiben muß, sich zwar mit Mühe über Wasser hält, aber 101 schwerlich je einen grünen Ast erreicht. Um sein Einkommen zu mehren, legte sich Sepp auf die Branntweinbrennerei; bald verboten ihm dies die österreichischen Finanzgesetze, und so war ihm nichts geblieben, als die kupfernen Destillierkessel und der Hang zum Schnapseln. Freilich nicht in dem Übermaße; wie der Dörcher erzählte; trank er sein Gläschen, so arbeitete er desto fleißiger. Eine dürftige Wirtschaft spürt den kleinsten Abgang, daher sah es in Trinas vier Pfählen oft notig genug aus. Wäre Bartl reich gewesen: – so konnte er nur bedauern, aber nicht helfen.

War ja doch daheim auch nicht alles in Ordnung. Urschel klob einen Pfennig, den sie ausgeben sollte, maß das Mehl mit dem Löffel und wog die Butter nach Quinteln, wenn es für andere galt; desungeachtet waren Kisten und Kasten nicht voll, denn sie steckte heimlich ihren Schlingeln zu, die, ohne Aufsicht des Vaters, der oft viele Wochen im Wald kohlte, zu üppigen Brennesseln gediehen. Sie machte 102 bei Bartl von Zeit zu Zeit Anspielungen, der wollte aber nicht hören.

Als Niklas nahte, wo sich Bekannte beschenken, fragte sie ihn geradezu: »Na Bartl, du wirst mir wohl etwa vier oder fünf Dukaten einlegen?«

Er nahm das für einen Scherz und sagte lachend: »Woher nehmen und nicht stehlen?«

»Willst etwa der Trina vermachen, was du aus Rußland mitgebracht hast?«

»Aus Rußland? Meine Haut, ja, und die zwei Hände zum Arbeiten. Sonst nichts, da passest du ganz umsonst, wenn du auf mich spekulierst.«

»Sonst nichts? Und hast jetzt zwei Monate bei uns gezehrt!«

»Ich bin auf meinem Grund und Boden, den ich deinem Manne gegen Atzung und Unterkunft im Alter abgetreten. Du sollst mirs danken, daß er dich heiraten konnte; ob er dazu Ursache hat, scheint mir fast nicht.«

»Was, du willst sticheln, du hergelaufener Kerl! Schad' ist's um die Totenmesse, die wir 103 für dich lesen ließen, und nun kommst du gar und hast nichts. Du hättest können in Rußland bleiben und Bären fangen.«

Sie schlug die Thüre zu, daß das Haus zitterte, er hörte sie noch lange fluchen und schelten. Von nun an ließ sie sich's mit ihren Söhnen angelegen sein, ihm alles erdenkliche Leid zuzufügen; beklagte er sich bei seinem Bruder, so gab es Zwist und Unfrieden. Er entschloß sich, zu weichen, dafür mußte Hois ein bestimmtes Maß Lebensmittel liefern, mit denen er sich im Winter, wo er weder Holz schlagen noch sich als Tagwerker verdingen konnte, ernährte. Die Schwägerin schaute ihn von jetzt gar nicht mehr an; seine Neffen spuckten vor ihm aus und thaten ihm alle Schmach und Schande an.

So verflossen zehn Jahre, ohne daß sich etwas von Belang zugetragen hätte; einmal erhielt er von einem russischen Fürsten, den er bei der Scholastika in seiner Muttersprache anredete, etliche Rubel, so daß er sich einen neuen Wollkotzen anschaffen konnte.

104 Der elfte Winter überschüttete das Thal mit einer solchen Masse Schnee, daß man an der Straße Stangen stecken mußte, um die Richtung anzudeuten. Man redet noch davon, wie Dächer eingedrückt wurden und das Vieh, das beim Pulverer aus dem offenen Stall entrann, so tief einsank, daß man es ausschaufeln mußte. Kalte, klare Tage folgten; das ist die Zeit, wo der Bauer zu Wald fährt und das aufgestößelte Holz, oder was ihm die Hasen vom Wildheu übrig ließen, heimschlittet.

Auch Sepp wollte die Gelegenheit benutzen. Windstreifen deuteten an, daß in der Höhe der Scirocco blase, um so mehr hatte er Eile. Ein Bauer riet ihm davon ab: man habe im Oberauthal ein eisgraues Männlein in grauer Joppe mitten im Schnee auf einem Baumstrunk, zu dem nirgends Fußspuren leiteten, sitzen gesehen, das bedeute Unglück; er lachte jetzt darüber, ob man ihn für so thöricht halte, derlei Märlein zu glauben?

Tief hinten im Thale hörte man das Krachen einer Lawine . . . er kam abends nicht mehr 105 nach Hause. Das war eine schreckliche Nacht im Winkel; Trina weinte und betete mit ihrer Schwester, da klopfte es gegen Morgen.

Sie lief an die Thüre; Bartl stand davor.

»Ist Sepp heimgekehrt?« fragte er kurz und ernst.

»Nein, noch nicht!« erwiderte sie weinend, »und die Männer des Thales wollen ihn nicht aufsuchen, wegen der großen Gefahr.«

Bartl entfernte sich schweigend. Er ging zum Pfarrer und trug ihm die Sache vor. Dieser ließ vom Turm ein Glockenzeichen geben, die Bauern versammelten sich in der Kirche. Er stieg auf die Kanzel und forderte sie im Namen Gottes auf, Hülfe zu leisten; eingedenk, daß auch sie in ähnlicher Weise verunglücken könnten. Fünf rüstige Männer standen auf, Bartl erbot sich als der sechste. Der Geistliche hieß sie niederknieen, aufrichtig Reue und Leid machen, dann erteilte er ihnen die Generalabsolution und das Sakrament. Sie holten ihre Schaufeln; die ganze Gemeinde 106 begleitete sie betend und weinend mit dem Totenkreuze, wie bei einem Begräbnis. Am Rande des Waldes nahmen sie Abschied, der Geistliche, der im Chorrock den Zug angeführt hatte, sprach noch die Gebete wie bei Sterbenden über sie und erteilte ihnen den Segen.

»Das graue Männchen, das graue Männchen!«

»Nebel, der durch die Tannen zieht!« behaupteten die Jüngeren, die Greise schüttelten traurig den Kopf und rieten, in die Kirche zu gehen und dort bis zur Zurückkunft der Männer zu beten.

Die Gemeinde war auf dem Rückwege beim ersten Brücklein über die Ache angelangt, da erscholl ein furchtbares Getöse. Erschrocken wendeten sich alle um; sie starrten in das Oberauthal. Dort wirbelte weißer Staub in einer Wolke empor, die ganze Flanke des Berges hatte sich losgeschält und donnernd als Lawine in den Abgrund geworfen. Ein lauter Schrei des Entsetzens ging herzzerreißend durch 107 die Versammlung. Alles lief verwirrt durcheinander, bis der Geistliche, der sich zuerst besann, auf einen Stein sprang und mit weithin schallender Stimme rief: man möge Boten durch das ganze Thal senden, die Männer aufbieten und sich an die Unglücksstätte verfügen. Der Berg sei abgeräumt, es drohe daher keine Gefahr mehr. Die Männer teilten sich in Rotten; je sechzig schaufelten und arbeiteten, bis sie von frischen Kräften abgelöst wurden.

Wenden wir uns zu Bartl und seinen Genossen. Sie waren schweigend, um keine Lawine zu wecken, vorwärts geschritten; da brach von einer Ecke des Seekar der Schnee los, die Erschütterung der Luft reichte hin, ihn auf der Gegenseite in Bewegung zu setzen; unaufhaltsam stürzten die Massen nieder und schleuderten Steinblöcke und schmutzige Eisklumpen bis zur anderen Wand des Thales. Sie wurden verschüttet; fast siebzig Fuß hoch türmte sich der Schnee über ihnen empor; seine Oberfläche glich einem erstarrten Strome, überall Schollen, 108 Wellen und Spalten, aus denen abgedreht und zerknickt, wie Weidengerten von der Hand eines Knaben, riesige Tannen die Wurzeln zum Himmel streckten. Die ältesten Greise erinnerten sich nicht, eine solche Lawine je gesehen zu haben; ein ungeheurer Sargdeckel, den erst der Hochsommer ganz zerschmelzen sollte.

Bartl ging gerade bei einem Felsblock vorbei, als die Lawine losbrach. Wie er hoch oben das Krachen hörte, rief er: »Aufgeschaut!« drückte sich an den Stein und – wußte nichts mehr von sich. Als er erwachte, war es um ihn dunkel, dunkler als die dunkelste Nacht, wo doch immer noch ein Sternlein flimmert, oder wenn der Himmel ganz umwölkt ist, die großen Linien der Schneeberge am Horizont kennbar bleiben. Heftiger Schmerz am Fuße war das erste, was er empfand; er wollte ihn an sich ziehen, es gelang nicht; zwei Schneeballen quetschten und klemmten ihn ein. Mit dem Taschenmesser und den Fingern bröselte er den Schnee los; endlich konnte er das Glied bewegen und mit einem heftigen Rucke frei 109 machen. Er untersuchte nun sein Grab, es war weit genug, um darin gebeugt zu stehen oder mit angezogenen Knieen zu liegen. Querüber griff er beim Tasten etwas Stacheliges, es war eine Tanne; sie hatte verhindert, daß nicht die ganze Höhle mit Schnee ausgefüllt und er dadurch erdrückt wurde. Seine Lage war desungeachtet schrecklich. Er wußte nicht, wie lang er sich schon hier befand, und wie lange konnte es noch dauern, bis er heraus geschaufelt wurde! Selbst vermochte er sich nicht zu helfen; wohl löste er Schnee von der Decke los und stampfte ihn fest, da besann er sich aber, daß er durch Anstrengung, die ohnehin nicht viel nützen konnte, nur seinen Untergang beschleunigen würde. Gräßlich stand der Hungertod vor seinen Augen; noch gräßlicher war die Angst, zu verdursten, mit brennender Zunge leckte er am Schnee; Tropfen sickerten herab, er stellte den Hut unter und fing sie auf. Das Schneewasser stillt aber, wie jeder weiß, den Durst nicht, sondern steigert das Gefühl desselben zu einer unerträglichen Höhe. Er hatte 110 ein Stücklein Brot in der Tasche, er teilte es in winzige Raten; was half das aber, ihm ging ja keine Sonne auf, um die Zeit zu messen, und Hunger empfand er stets. Dann schlief er wieder ein: Klare Ströme ergossen sich vor seinem Blick, Obstbäume streuten ihre Früchte auf ihn; er saß an einer Tafel und schwelgte im Genuß der köstlichen Speisen; Trina, hold und jugendlich, schenkte ihm roten Wein in das Glas und trank ihm zu; dann war er wieder in seine russische Hütte versetzt, vollauf beschäftigt mit Kochen, er erwachte und der Traum zerfloß in Schaum. Der Gedanke an Selbstmord tauchte vor seinem gequälten Geist auf: »Nur das nicht,« seufzte er, »nur das nicht, sonst stürze ich aus der zeitlichen in die ewige Hölle. Heilige Mutter Gottes, halt' meine Hand, wenn ich mich –« er stockte, mit wollüstigem Grausen fühlte er das Messer in der Tasche, er entblößte es unentschlossen . . . da fuhr etwas neben ihm nieder. Erschrocken tappte er darnach – eine Stange, die sich auf und ab bewegte, man hatte sie oben durch den 111 Schnee gestoßen, um zu untersuchen. Er riß sie mit aller Gewalt an sich, rüttelte aus Leibeskräften daran, um ein Zeichen zu geben; sie wurde rasch zurückgezogen und wieder hinabgetrieben. Nun stieß er unten die Klinge des Messers hinein und ließ es daran hängen. Sie verschwand. In seine Höhle fiel ein matter Schimmer, er schaute durch die Öffnungen empor und erblickte ein Stück blauen Himmel, so groß wie ein Teller; er horchte, hoch droben erklangen menschliche Stimmen. Er rief hinauf; Pickel und Schaufel scharrten um die Wette, die schmale Lücke wurde wieder verschüttet.

Sein Herz schlug in freudiger Hoffnung; lange, lange Stunden verflossen, kein Trost nahte, denn auch die angestrengteste Kraft einer ganzen Gemeinde vermochte nicht, die Decke schnell zu lüften. Die letzten Bröschen waren aus allen Taschen zusammengeklaubt und gierig verschlungen, er konnte fast kein Glied mehr regen, sein Bewußtsein schwand allmählich, dann fuhr er wieder im Wahnsinn auf, er 112 glaubte sich gefesselt und gebunden in der Vorhölle. Endlich erloschen alle seine Sinne . . . Da war es ihm, als flösse ein lauer Strom durch seinen Mund, schwer aufatmend öffnete er die Augen: er lag auf einem Bette. Trina stand mit einer dampfenden Schale vor ihm, sie hatte ihm Glühwein eingeflößt.

Die Stube füllte sich mit Leuten, die ihn sehen, ihn begrüßen wollten. Er starrte sie mit stumpfen Blicken an, noch erkannte er niemand. Der Chirurg Hochmair, der Vater unserer Scholastika, war soeben eingetreten, er befahl, ihm laue Milch mit zerrührten Eidottern zu geben und ihn dann ganz ruhig zu lassen. Nach einigen Tagen hatte sich Bartl so weit erholt, um Rede und Antwort zu geben. Man erzählte ihm, wie man ihn gefunden, daß Trina es sich nicht habe nehmen lassen, ihn, weil er sich für ihren Mann geopfert, in ihr Haus zu bringen und trotz ihrer Armut zu verpflegen. Er blickte sie dankbar an, ohne ein Wort zu sagen. Seine Gefährten hatte man als Leichen aus der Lawine gegraben, sie 113 waren, bis auf einen, gräßlich verstümmelt, so daß wahrscheinlich keiner auch nur ein Bewußtsein des Unglücks hatte. Jenen hatte der Hunger getötet; man fand ihn, einen Baumstamm über die zerschundenen Schenkel, ganz abgemagert, vor dem Munde den Filzhut, den er halb aufgezehrt hatte. An der Stelle, wo die Gemeinde bei ihrer Heimkehr das Rollen der Lawine hörte, ward eine Martersäule errichtet; dort kann jeder Jahr und Tag dieser Begebenheit, Zahl und Namen der Verunglückten lesen.

Nachdem Bartl genesen war, verlangte er in seine Wohnung zurück. Als er unter der Hausthüre von Trina Abschied nahm, schüttelte er heftig ihre Hand, auch jetzt fand er keine Worte. Sie kannte ihn ja und legte es ihm nicht übel aus. Sepp kehrte nie mehr wieder; im Hochsommer entdeckte der Schafhirt in einem Tobel des Pfonserjochs ein von Füchsen und Mardern abgenagtes Skelett, die Kleiderfetzen hatten einst ihm gehört.

Der Frühling rückte an. Trina wußte nicht, wo sie einen Arbeiter, ihr Äckerchen zu pflügen, 114 finden sollte, und was hätte ihr der beste genützt, besaß sie doch nichts, ihn zu dingen. Da klopfte es einmal bei Tagesanbruch an die Thüre, sie öffnete, Bartl stand, auf eine Haue gelehnt, davor.

»'s ist Zeit,« begann er, »daß wir die Felder anbauen, der Sixt hat schon gepflügt.«

Trina sah ihn mit großen Augen an.

»Leg' den Kühen,« fuhr er fort, »den Kommet auf und spann' sie an den Pflug, daß wir bald anfangen können.«

Sie wußte nicht, war es Wahnsinn oder Spott, was aus ihm sprach, und zauderte mit der Antwort.

Er wurde unwillig. »Nu mach, mit Sandeln wird nichts fertig.«

»Mein lieber Bartl,« begann sie kleinlaut, »du hast gewiß gehört, daß ich einen Arbeiter brauche, aber ich kann halt nicht zahlen.«

»Nimmst halt mich,« erwiderte er, »dein Mann ist tot, Gott hab' ihn selig! Ich ziehe zu dir, besorge, wie er gethan, Feld und 115 Wald, und was wächst – viel wird es freilich nicht sein – essen wir miteinander in Frieden. Jetzt ist es aber genug und braucht kein weiteres Gerede. Spann' ein.« Das war zum ersten und zum letztenmale, daß diese Angelegenheit unter ihnen zur Sprache kam. Die Bauern im Thal hatten nichts auszusetzen, warum sollte man die alten Leute stören, wenn sie in herzlicher Eintracht ihre Tage miteinander beschließen wollten?

In herzlicher Eintracht, so lebten sie von jetzt an alle drei: Bartl, Trina und ihre Schwester. Die Not des einen war die Not des andern, die Freude des einen die Freude des andern, jeder Bissen, den sie erhielten, gehörte allen; freilich hatten sie nicht viel und gar selten etwas Leckeres zu kauen.

Mittlerweile starb auch Bartls Bruder. Seine Söhne wollten von der Vereinbarung nichts wissen und verweigerten die Lebensmittel. Einen Prozeß anzufangen, dazu besaß Bartl kein Geld; in seiner Treuherzigkeit hatte er 116 gar nicht daran gedacht, einen schriftlichen Vertrag aufzusetzen, und so wäre er ohnedem verloren gewesen. Er überließ die Abrechnung dem droben im Himmel, der noch alles ordentlich ausbezahlt hat, sowohl Gutes als Böses, und auch hier brachte er den Handel ins Gleiche: die Burschen verwichsten ihr Gütchen und strolchen jetzt als Dörcher herum, noch ärmer als Bartl, aber nicht geachtet wie dieser.

Von nun an unterbrach den ruhigen Strom seines Lebens kein wichtiges Ereignis mehr; er blieb, kleine Unpäßlichkeiten abgerechnet, stets gesund, bis auch ihn jene Krankheit, für die es kein Kraut giebt, bis auch ihn das Alter niederstreckte.


Nach dem Essen erhellte sich der Himmel; das Sonnenlicht blitzte aus den Wolken über den ruhigen See, die Bäume prangten im Schmucke des herbstlichen Laubes: es war ein Bild von wundervoller Schönheit. Ich stieg in den Kahn und landete an dem waldigen 117 Vorsprunge, hinter dem sich der Winkel birgt. Auf der Hausflur duftete mir der Geruch des Wachses entgegen, in der Stube lag Bartl auf dem Schragen. Er trug sein bestes Feiertagskleid, ganz nach der alten Mode in den Tagen seiner Jugend, einen langen Rock mit großen, runden Messingknöpfen; die kurze bocklederne Hose, die weißen Strümpfe mit den zierlichen Zwickeln und weit ausgeschnittenen Schuhen, das schneeweiße Haar fiel auf das Polster zurück; das selige Lächeln, das auf seinem Gesichte schwebte, war das des Gerechten, der in Gott entschläft. Auf den eingesunkenen Wangen glänzten, wie Thränen der Freude, Tropfen Weihwassers, womit ihn fromme Besucher besprengt. Die gefalteten, mit gelbem Wachs verbundenen Hände hielten das Sterbekreuz und einen Strauß Blumen, eine Ehre, wie sie dem Junggesellen ziemte. Zu Füßen kniete Trina mit ihrer Schwester ruhig, aber mit tiefer Andacht, für ihn den Rosenkranz betend.

Ich mochte sie nicht stören und entfernte mich leise.

118 Als sich der Leichenzug über die Felder nach Achenkirch bewegte, schloß auch ich mich an. Die Erde rollte auf den Sarg, ein schlichtes hölzernes Kreuzchen wurde auf den Hügel gesteckt – ehe dieses noch vermodert, ist der arme Bartl vergessen.

 


 








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