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Der Alpenkönig und der Menschenfeind

Ferdinand Raimund: Der Alpenkönig und der Menschenfeind - Kapitel 6
Quellenangabe
typecomedy
booktitleDer Alpenkönig und der Menschenfeind
authorFerdinand Raimund
year1995
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-000180-3
titleDer Alpenkönig und der Menschenfeind
pages1-92
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1828
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Vierzehnter Auftritt

Voriger. Habakuk tritt zur Eingangtür herein, ein Kuchelmesser in der Hand.

Habakuk.
Jetzt wollen wirs probieren. (Sieht Rappelkopf, erschrickt.) Sapperment, da steht er just vor der Gartentür! Wie komm ich denn jetzt hinaus? Ich trau mich nicht vorbei. Er fahret auf mich los als wie ein Kettenhund. Ach, was kann denn mir geschehen! Ich war zwei Jahr in Paris. Euer Gnaden erlauben, daß ich (Rappelkopf kehrt sich schnell um und erschrickt. Habakuk erschrickt ebenfalls.)

Rappelkopf.
Was ists –? Was will Er?

Habakuk (für sich).
Bellt mich schon an. (Versteckt das Messer unwillkürlich.)

Rappelkopf (packt ihn an der Brust).
Was willst du da herin, warum erschrickst?

Habakuk (für sich).
Hat mich schon. (Laut.) Euer Gnaden verzeihen, ich hab –

Rappelkopf.
Was hast? Ein schlechtes Gewissen hast. Was versteckst denn da? Ans Licht damit!

Habakuk (zeigt es vor).
Ich versteck gar nichts, Euer Gnaden. Es ist ein Kuchelmesser –

Rappelkopf (prallt entsetzt zurück).
Himmel und Hölle! Der Kerl hat mich umbringen wollen.

Habakuk.
Warum nicht gar –

Rappelkopf.
Den Augenblick gesteh! (Packt ihn und entreißt ihm das Messer.) Ist dieses Messer für mich geschliffen?

Habakuk.
Ah, das wär ja rasend, wenn Euer Gnaden so was glauben könnten – Ich hab ja Euer Gnaden nur fragen wollen –

Rappelkopf.
Ob du mich umbringen darfst?

Habakuk.
Warum nicht gar, da würd man ja Euer Gnaden lang fragen –

Rappelkopf.
O du schändlicher Verräter!

Habakuk.
So lassen sich Euer Gnaden nur berichten –

Rappelkopf.
Keine Entschuldigung, hinaus mit dir!

Habakuk (beiseite).
Er laßt einem nicht zu Wort kommen. (Laut.) Euer Gnaden müssen mich hören. (Will auf ihn zu.)

Rappelkopf (hält einen Stuhl vor).
Untersteh dich und komm mir auf den Leib. Ich glaub, er hat noch ein paar Messer bei sich. Der Kerl ist ein völliger Messerschmied.

Habakuk.
So untersuchen mich Euer Gnaden ins Teufels Namen –

Rappelkopf (packt ihn wieder).
Das will ich auch. Gesteh, Bandit von Treviso, wer hat dich gedungen?

Habakuk.
Ich versteh Euer Gnaden gar nicht.

Rappelkopf.
Ich will wissen, wer diese Schreckenstat veranlaßt hat.

Habakuk.
Mein Himmel, die gnädige Frau hat gschafft –

Rappelkopf.
Genug, ich brauch nicht mehr zu wissen. Entsetzlich! (Habakuk will reden. Rappelkopf schreit.)
Nichts mehr! Mein Weib will mich ermorden lassen! (Sinkt in einen Stuhl und verhüllt sein Gesicht.)

Habakuk (für sich).
Ah, das ist schrecklich! ich hätt sollen einen Zichori ausstechen (ringt die Hände), und er glaubt, ich will ihn umbringen. Ah, das ist schrecklich, das ist schrecklich!

Rappelkopf.
Ja, es ist schrecklich – es ist entsetzlich, es ist das Unmenschlichste, was die Weltgeschichte aufzuweisen hat. (Nimmt den Stuhl.) Hinaus, du Mörder! du Abällino! du Ungeheuer in der Livree!

Habakuk.
Aber Euer Gnaden –

Rappelkopf.
Hinaus mit dir –

Habakuk.
Nein, ich war –

Rappelkopf (wütend).
Hinaus, sag ich, oder – (jagt ihn hinaus.)

Habakuk (schon vor der Tür, schreit).
Ich war zwei Jahr in Paris, aber das hab ich noch nicht erlebt. (Ab.)

Rappelkopf (allein).
Es ist vorbei, ich bin unter meinem eignen Dache nicht mehr sicher.

Drum hinaus, nur hinaus
Aus dem mörderischen Haus!
Doch vorher will ich mich rächen,
Alle Möbel hier zerbrechen.
Gleich zuerst nehm ich beim Schößel
Diesen vierzigjährgen Sessel,
Auf dem meine Weiber saßen,
Die mein Lebensglück mir fraßen.
Ha! Dich tret ich ganz zuschanden.
(Zertritt den Stuhl.)
So – der hat es überstanden.
Auch den Tisch, an dem ich Briefe,
Voll Gemüt und treuer Tiefe,
Einst an falsche Freunde schrieb,
Spalte ich auf einen Hieb.
(Schlägt in den Tisch.)
Und der weltverführnde Spiegel,
Der Verderbtheit blankes Siegel,
Dieser Abgott aller Schönen,
Dem die eitlen Narren frönen,
Wo sie stehen, wo sie gaffen
Und sich putzen wie die Affen,
Gsichter schneiden, Buckerl machen,
Weißer Zähne willen lachen:
O du truggeschliffner Räuber!
Du Verführer eitler Weiber!
O du niedrige Lappalie!
Wart, dir liefr ich jetzt Bataille.
(Erblickt sich in dem Spiegel.)
Pfui! das häßliche Gesicht,
Ich ertrag es länger nicht.
(Zerschlägt den Spiegel mit geballter Faust.)
So! da liegt er jetzt, der Held,
Und sein Harnisch ist zerschellt.
(Besieht die Hand.)
Ha! der glänzende Betrüger
Hat verwundet seinen Sieger,
Doch ich mach mir nichts daraus,
Flöß ein Eimer Blut heraus.
(Öffnet den Schreibtisch und nimmt Briefe aus demselben.)
Auch die Briefe voll von Lieb,
Die im Wahnsinn ich einst schrieb,
Die zerreiß ich alle hier.
's ist nur schad um das Papier.
(Zerreißt sie und streut sie auf den Boden.
Nimmt Geldrollen und Geldbeutel aus einer Schatulle.)

Nur das tiefgehaßte Geld,
Die Mätresse dieser Welt,
Das bewahr ich mir allein,
Das muß mit, das steck ich ein.
(Steckt es schnell in die Taschen.)
Nun? Ihr Esel, ihr vier Wände,
Die ich hasse ohne Ende,
Warum schaut ihr mich so an?
Bin ich nicht ein ganzer Mann?
Euch kann ich zwar nicht zerschlagen,
Doch ich will euch etwas sagen:
Ich geh jetzt in Wald hinaus
Und komm nimmermehr nach Haus.
(Läuft wütend ab.)


Fünfzehnter Auftritt

Verwandlung

Das Innere einer Köhlerhütte. Rußige Wände.

Salchen am Spinnrocken. Hänschen, Christopherl, Andresel sitzen am Tisch. Marthe an einer Wiege, in der ihr Kind liegt. Unterm Tisch ein großer schwarzer Hund. Auf dem Tisch eine Katze, mit welcher die Knaben spielen. Im Hintergrunde zwei schlechte Betten. In einem liegt die kranke Großmutter, in dem andern der betrunkene Christian.

Quintett

Salchen (fröhlich).
Wenn ich an mein Franzel denk,
Wird mir halt so gut.
's Herzel, das ich ihm nur schenk,
Kriegt gleich frohen Mut.

Die drei Kinder.
He, Mutter, gib was z' essen her,
Der Magen tut uns weh!

Salchen.
Das Hungern fällt mir gar nicht schwer,
Wenn ich mein Bürschel seh.
Wenn ich an mein Franzel denk,
Wird mir halt so gut.
's Herzel, das ich ihm nur schenk,
Kriegt gleich frohen Mut.

Die drei Kinder.
Mutter, gib uns Brot!

Christian (mit lallender Stimme).
Ihr Bagage, seids nicht still?
Tausendschwerenot!

Marthe (ruft).
Still!

Das Kind.
Qua qua!

Die Katze.
Miau!

Der Hund.
Hau hau!

(Die erste Melodie fällt ein.)

Salchen.
Mein Franzel ist ein wiffer Bua,
Singt den ganzen Tag:
Daß er mich alleinig nur
Und kein andre mag.

Die drei Kinder.
Wenn wir nicht was z' essen kriegn,
So gehn wir ja zugrund!

Salchen.
So weckts das Kind nicht in der Wiegn,
Und spielts euch mit den Hund!
Mein Franzel ist ein wiffer Bua,
Singt den ganzen Tag:
Daß er mich alleinig nur
Und kein andre mag.

Die drei Kinder.
Sapperment, ein Brot!

Christian.
Wanns nicht euern Schnabel halts,
Schlag ich euch noch tot!

Marthe.
Still!

Das Kind.
Qua qua!

Die Katze.
Miau!

Der Hund.
Hau hau!

Marthe.
Still seids, ihr ausgelassenen Buben!

Hänschen (weinerlich).
Mutter, a Brot!

Salchen.
Ist keins da, Holzbirn eßts!

Marthe.
Und machts keinen solchen Lärm. Euern Vater ist nicht gut.

Andresel.
Was fehlt ihm denn?

Marthe.
Den Schwindel hat er. (Für sich.) Man darfs den Kindern nicht einmal sagen.

Christoph.
Jetzt hat der Vater so viel Kohlen verkauft –

Andresel.
Und hat kein Geld z' Haus bracht, nichts als ein Schwindel.

Salchen.
Was geht das euch an?

Andresel.
Weil wir hungrig sein. Ich weiß schon, warum wir so wenig z' essen kriegen, weil der Vater so viel trinkt.

Salchen.
Jetzt schaut d' Mutter einmal die Spitzbuben an. Sie haben gar kein Respekt vor ihren Vatern.

Christian.
Ich massakrier die Buben alle drei. (Er will auf und taumelt.)

Marthe.
Liegen bleib! (Sie drängt ihn ins Bette.)

Andresel.
Er kriegt schon wieder den Schwindel.

Alle drei Buben (lachen).
Haha! Der Vater kann nicht grad stehn!

Marthe.
Ob ihr aufhört! Nein, wie hat mich der Himmel gstraft!

Das Kind (schreit).
Qua qua!

Marthe (zu Salchen).
Aufs Kind schau!
(Salchen wiegt.)
Eine Butten voll Kinder und so einen liederlichen Mann. Kein Pfennig Geld im Haus.
(Die Großmutter niest im Bett.)
Hört d' Mutter zum niesen auf. Man hört sein eignes Wort nicht.

Die drei Buben.
Ah, das ist a Spaß.

Andresel.
D' Mutter ist zornig. Haha!

Marthe.
Nein, die Gall bringt mich um. Du verdammter Bub du, wart, ich will dir deine Mutter ausspotten lernen! (Nimmt ihn beim Kopf und schlägt ihn.)

Andresel (schreit).
Au weh! (Weint.)

Salchen (springt herzu und hält sie ab).
So hört d' Mutter auf! –

(Die zwei andern Buben verkriechen sich hinter den Tisch und hinters Bett.)

Alles zugleich:
Das Kind (in der Wiege).
Qua qua!
Die Großmutter (streckt im Bett die Arme heraus und niest).
Hehe!
Der Hund (bellt).
Hau hau!

(Die Katze springt davon.)

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