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Der algerische Panther

Emilio Salgari: Der algerische Panther - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorEmilio Salgari
titleDer algerische Panther
publisherVerlag Ullstein GmbH
seriesUllstein Abenteuer
isbn3548210694
year1987
translatorM. von Siegroth
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080317
projectidd04d3203
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Die geheimnisvolle Feluke

Es war eine herrliche Nacht, eine jener wunderbaren Nächte, wie man sie nur an den Küsten Italiens findet, wo die durchsichtige Klarheit des Himmels selbst schöner als in den tropischen Gegenden ist.

Der kaum aufgegangene Mond spiegelte sich mit tausend zitternden Silberstrahlen auf der ruhigen Fläche des Tyrrhenischen Meeres. Die dem Horizont nächsten Sterne schienen lange Streifen geschmolzenen Goldes darauf zu werfen. Eine frische Brise, voll vom Dufte der noch blühenden Orangenbäume, wehte stoßweise von der Küste Sardiniens. Die spitzen Gebirge dieser Insel hoben sich klar vom Himmel ab; ihre Riesenschatten lagen auf der Ebene zu ihrem Fuße.

Eine schnelle Schaluppe, am Rande reich vergoldet, am Vorderteil ein vergoldetes Wappen, glitt über das Meer, gerudert von zwölf starken Männern. Ihr Wappen zeigte drei eiserne Fausthandschuhe und einen aufrecht stehenden Löwen.

Sie hielt sich im Schatten der Küste, die hier ziemlich hoch ragte, wie bemüht, unbemerkt zu bleiben von etwa aus Süden kommenden Schiffen. Zwölf kräftige, wettergebräunte, mit Stahlpanzern bewehrte Männer füllten das schlanke Fahrzeug. Auf der Brust trugen sie ein schwarzes Kreuz. Den Kopf bedeckten glänzende Helme. Rings um sie waren Spieße, Hellebarden, zweihändige Schwerter, die man zu Ende des 16. Jahrhunderts brauchte.

Am Steuer saß ein stattlicher, noch sehr junger Ritter von edlem Aussehen. Er trug einen goldverzierten Panzer, um den eine blauseidene Schärpe mit gelbgesticktem Rand sich schlang. Wie Silber glänzte der kleine Helm, den drei langwehende, weiße Straußenfedern schmückten. Hohe, gelbe Stulpenstiefel mit Silberschnallen ließen kaum die rotsamtenen Beinkleider sehen. Am Gürtel hingen ein langes Schwert und zwei Pistolen.

Seine hohe, schlanke Gestalt zeigte eine kräftige Muskelbildung, die ihn zu leichter Handhabung des schweren Schwertes befähigen mußte. Trotzdem war sein Gesicht mit den leuchtenden, blauen Augen von zarter rosiger Farbe. Goldblonde Locken fielen ihm wellig unter dem Helm auf die Schultern herab.

Neben ihm auf der Bank des Ruderschiffes saß ein Mann, rund wie ein Faß, wenigstens zehn Jahre älter als der geschilderte. Von Gestalt viel kleiner, hatte er ein gutmütiges Vollmondgesicht mit langem, rötlichen Bart, stahlgrauen, kleinen Augen und einer roten Trinkernase. Wie die andern, trug er einen Stahlpanzer, durchquert von einem großen Kreuz, und eine federbauschgeschmückte Stahlkappe. Sein breiter, gelber Ledergürtel war ein wahres Arsenal. Er trug darin, neben dem Schwert, zwei Dolchen und zwei Pistolen, eine riesige eiserne Keule.

Die Schaluppe war von der Küste Sardiniens abgelenkt und einer kleinen Insel zugeeilt, die sich deutlich im Südosten zeigte.

»In einer halben Stunde werden wir San Pietro erreicht haben!« sagte der Ritter.

»Sind die Koranhunde schon dort, Herr Baron?« fragte der Dicke seufzend.

»Beunruhigt dich das, Eisenkopf?« Der Malteser lächelte mit leichtem Spott.

»Mich? Nein. Ich fresse sie alle; sie werden schon die Kraft meiner Arme spüren! Ich fürchte Barbaresken nicht!«

»Aber dein Seufzen ...«

»Alte Gewohnheit, Herr Baron. Wäre noch schöner, wenn ein Katalane sich vor Algeriern fürchtete. Mein Vater hat mindestens tausend davon getötet und mein Großvater...«

»Mindestens zehntausend!« warf der Ritter Sant' Elmo lachend ein.

»Wenn nicht ganz zehntausend, so doch jedenfalls sehr viele!«

»Und sein Enkel Eisenkopf?«

»Wird ebensoviele umbringen!« »Aber warum warst du neulich, als wir mit dem tunesischen Korsaren zusammenstießen, mit deiner furchtbaren Keule im Schiffsraum verschwunden?«

»Das ist wirklich nicht meine Schuld gewesen!«

»Wessen denn?«

»Die eines Bechers Zypernwein, der mir infolge irgendeiner Teufelei den Gebrauch der Beine unmöglich gemacht hatte. Irgendein Trick Mohammeds!«

»Ein Becher? Oder ein halbes Faß ›Angst‹?«

»Ein Abkomme der berühmten Familie Barbosa, die so viel Blut im Heiligen Lande und in Peru vergossen hat, Angst? Ihr wißt wohl nicht, Herr Baron, daß einer meiner Ahnherren den Kaiser der Inkas, Abatalisca, gefangennahm, und daß ein anderer beinahe Saladin getötet hätte? Aus so mutigem Blute kann kein Feigling hervorgehen. Laßt die Algerier in San Pietro landen und die Burg der Gräfin angreifen, da werdet ihr sehen, wessen Eisenkopf fähig ist!«

Diesmal hatte der Ritter geseufzt, und seine Züge zeigten eine gewisse Unruhe.

»In diesem Augenblick käme mir das sehr ungelegen«, erwiderte er. »Wäre meine Galeere zur Stelle, dann würde auch ich gern den Mauren zeigen, wie die Ritter von Malta kämpfen. Aber sie kann vor vierundzwanzig Stunden nicht hier sein!«

»Haltet ihr die Kunde, die man uns brachte, für wahr?«

»Ein gestern angelangter Fischer hat sie mir bestätigt!«

»Wird man es auf der Burg Donna Idas schon wissen? Und was beabsichtigen denn die Algerier mit der Landung?«

»Die Gräfin Santafiora zu rauben und das Schloß zu zerstören! Der Fischer hat eine Feluke bemerkt, die verdächtig um San Pietro herumstrich. Sie wird wohl der Kundschafter eines Geschwaders sein!«

»Aber was könnte dann eure Galeere gegen ein ganzes Geschwader ausrichten?« fragte nun zähneklappernd der Katalane.

»Unsere Leute sind nicht gewöhnt, die Feinde zu zählen!« erwiderte ihm mit fester Stimme der Baron. »Wir greifen diese Seeräuber an, und Gottes Wille geschehe!«

»Möge uns Sankt Isidorus schützen!« fügte Eisenkopf fromm hinzu.

»Das werden besser unsere Schwerter tun ... Still! Da erscheint wieder der Spion!«

Sant' Elmo war aufgesprungen. Unwillkürlich griff er mit einer Hand zum Schwert, mit der anderen zur Pistole. Sein Antlitz zeigte äußerste Besorgnis.

Am Horizont, südlich der Insel San Pietro, flog ein langer, schwarzer Streifen, überragt von zwei lateinischen Segeln, mit großer Schnelligkeit übers Meer. Eine lange Silberspur bezeichnete seine Bahn.

Vorn leuchtete von Zeit zu Zeit ein glänzender Punkt auf dem Fahrzeug auf.

»Das muß die vom Fischer beobachtete Feluke sein«, meinte der Baron. »Mit wem kann sie nur Signale wechseln?«

»Ihr meint den leuchtenden Punkt? Ist es ein Feuer?«

»Es ist ein Metallspiegel, der die Mondstrahlen auffängt!«

»Vielleicht verständigt sich die Feluke mit einem Schiff im Meere?« fragte Eisenkopf.

»Nein. Sie gibt Signale zur Küste. Ah, unglaublich! Man antwortet von San Pietro her!«

Dort flammte plötzlich am Ufer ein Feuer auf und erlosch nach wenigen Minuten wieder, während die Feluke, die Segel wechselnd, rasch nach Südosten, in der Richtung der undeutlich sichtbaren Insel Sant' Antioco, sich entfernte.

»Es ist mir unverständlich, wer ein Interesse haben kann, die Korsaren nach San Pietro zu locken, diese Räuber, die alles vernichten, wo sie landen! Es leben lauter zuverlässige Leute dort. Weißt du, daß der Fischer auf der Feluke die Flagge des Culkelubi gesehen haben will?«

»Was? Des Befehlshabers der algerischen Galeeren?« stammelte der Katalane. »Ach, Herr, auch der letzte der Barbosa fühlt, trotz des edlen Blutes in seinen Adern, einen Schauer bei diesem Namen!«

Der Baron schien die Bemerkung zu überhören. Seine ganze Aufmerksamkeit war auf die Feluke gerichtet, die jetzt wie ein schwarzer Punkt auf dem Silberspiegel des Meeres erschien.

Wohin eilte sie? fragte er sich. Sind dort im Süden vielleicht die Galeeren Culkelubis versteckt? Warum sind keine Malteser Schiffe in der Nähe? Wo sind Venedigs und Genuas Flotten, die unser Mittelmeer bewachen sollen? Ich bin allein gegen alle. Siegen oder sterben! Sei es! Verteidigen wir die Mauern der Burg, die meine Braut schützen!

Das Gesicht des jungen Ritters hatte sich verändert. Seine Augen schossen Blitze. Er, der eben fast noch einem Knaben geglichen, zeigte, daß er imstande sei, ein Held zu werden.

Mit lauter Stimme rief er jetzt: »Steuert geradeaus nach San Pietro! Verflucht der Verräter, der die Korsaren dorthin gelockt!«

Eisenkopf war zähneklappernd in sich zusammengesunken: »Hätte ich nur ein einziges Becherchen Zypernwein im Leib«, murmelte er, »dann wehe den Feinden! Herr Baron, werden wir viel dort unten zu tun bekommen?«

»Wir müssen um unser Leben kämpfen!«

»Ist das Schloß der Gräfin wenigstens fest?«

»Nun, wenn die Mauern nicht stark genug sind, müssen es unsere Schwerter sein!« rief ihm Sant' Elmo zu.

»Aber der Stahl, selbst wenn er aus Toledo ist, widersteht nicht den Geschützen!«

»Ich denke, dein Schwert ist im Guadalquivir gekühlt, eine Toledoklinge, wie du sagst!«

Nach einigem Schweigen setzte der Katalane hinzu: »Schöne Überraschung für Donna Ida! Ist sie von eurer Ankunft unterrichtet?«

»Ich hatte mein Kommen angezeigt, und wenn der Sturm nicht das Steuer meiner Galeere beschädigt hätte, wäre ich ja schon gestern hier angelangt. Achtung! Die Feluke erscheint wieder. Sie scheint jetzt nach Sant' Antico zu lenken, aber vielleicht sucht sie nur den Wind... Auf, Leute, rudert aus allen Kräften, wenn ihr nicht vorzeitig mit den Hunden Bekanntschaft machen wollt. Vergeßt nicht, es sind die algerischen Panther!«

Die zwölf Matrosen brauchten nicht angespornt zu werden. Sie kannten nur zu gut die Verwegenheit der Korsaren und wußten, daß dieselben ziemlich weittragende Geschütze mit sich führten, die sie sehr geschickt zu handhaben verstanden.

Die Insel war jetzt nahe, während die Gegner noch vier Meilen zu durchlaufen hatten. Es blieb also Zeit genug zum Landen.

Der Baron, der das Steuer führte, lenkte nach einer von einem felsigen Vorgebirge gebildeten Bucht. Dort erhob sich an einer Seite ein hoher, majestätischer Turm mit Zinnen, an den sich ein massiver Bau anschloß, den der Schatten einiger Bäume noch verhüllte.

Am Ufer dieser Bucht hatte das von Sant' Elmo und den Katalanen beobachtete Feuer gebrannt.

»Siehst du nichts, Eisenkopf?« fragte der Malteserritter.

»Nur ein erleuchtetes Fenster! Gräfin Ida scheint noch zu wachen.«

»Es ist ja noch nicht zehn Uhr!«

»Hoffen wir«, meinte der Dicke, »daß das Gesinde noch auf den Beinen ist! Diese Nachtbrise hat mich so hungrig gemacht, daß ich drei Mauren in fünf Minuten verspeisen könnte!«

Der Baron hatte sich erhoben. Seine Augen hafteten auf dem hellen Fenster, das sich deutlich von der dunklen Masse des Schlosses abhob.

Sollte man ihn erwarten? Eine rasche Röte flammte über sein Gesicht, aber machte einer plötzlichen Blässe Platz, als sein Blick das Meer überflog. Er suchte umsonst die Feluke. Ob das Unheil noch heute nacht über die Burg hereinbricht, oder ob seine Furcht übertrieben ist?

Sein Herz krampfte sich zusammen bei dem Gedanken, daß ihm die Geliebte entführt werden könnte, daß diese kühnen, als Frauenräuber bekannten Piraten sie ihrem Herrn bringen oder dem Bey von Algier verkaufen könnten.

»Wenn wir nur bis zur Ankunft meiner Galeere aushalten! Wir sind zwar wenige, aber ausgezeichnete Kämpfer. Auch die Schloßbediensteten sind tapfer!«

»Herr Baron«, rief da der Katalane: »Die Feluke kommt wieder!«

»Noch allein?«

»Ich erblicke keinen anderen Segler.«

»Nehmt noch einmal alle Kraft zusammen, meine Braven!« Des Ritters Schaluppe war nun bei der Bucht angelangt. »Zieht sie ans Land, nehmt die Waffen und folgt mir! Die Piraten können uns jetzt nicht mehr auf offener See erreichen!«

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