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Hermann Harry Schmitz: Der Aesthet - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Ästhet und andere Tragikomödien (Sämtliche Werke Band III)
authorHermann Harry Schmitz
year1988
publisherHaffmans Verlag
addressZürich
isbn3-251-20058-5
titleDer Aesthet
pages48-91
created19990518
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Hermann Harry Schmitz

Der Aesthet

Eine immerhin recht merkwürdige Geschichte


I.

Er erbrach sich gerade, als ich mich ihm vorstellen wollte. Da ließ ich es vorläufig und ging nach unten.

Es war an Bord der Bocognano der Compagnie Fressinet auf der Fahrt von Marseille nach Bastia.

Ich fuhr nach Corsica, weil mein Billett dahin lautete.

Ein Onkel hatte sich mit viel Liebe eine Mittelmeer- und Orientreise zusammengestellt und war, ehe er die Reise antreten konnte, das vollständige Reiseheft von Cook bereits in Händen, im Begriff, in einem nicht ganz eine halbe Stunde entfernten Nachbarort noch schnell eine Hypothekenangelegenheit zu ordnen, das Opfer eines Eisenbahnunfalls geworden und gestorben.

Wir beerbten den Onkel.

Die Reise mußte gemacht werden, da Cook das Billett nicht zurücknehmen wollte.

Meine Familie hatte stets mein Bestes im Auge. Ich ließ mich überreden, des Onkels Reise zu unternehmen. Natürlich wurde mir das Billett zum vollen Wert an dem auf mich entfallenden Teil der Erbschaft abgesetzt. Man wollte nur mein Bestes – o gewiß.

Oberitalien und die Riviera bis Marseille hatte ich gewissenhaft erledigt und schon die seltsamsten Sachen erlebt. Nun ja, man ist jung, lernbegierig, unternehmungslustig, nicht wahr. –

Marseille hatten wir gegen 5 Uhr nachmittags verlassen, und so um die gleiche Zeit anderen Tages sollten wir in Bastia eintreffen. Im letzten Augenblick an Bord gekommen, hatte ich die Ausfahrt aus dem Hafen und einen Abschiedsblick auf Notre Dame de la Garde noch genossen und war dann in die Kajüte hinabgestiegen, um mich vor allem mal nach dem Verbleib meiner Koffer und nach meiner Kabine umzuschauen.

Mein Gepäck befand sich schon in der Kabine. Ich atmete erleichtert auf, es fehlte nichts. Im Gegenteil, auf dem Kabinentisch lag ein fremdes, unangenehm aussehendes Paket, in eine ziemlich mitgenommene Zeitung geschlagen, so ein Paket, wie es Näherinnen und Waschfrauen, die außer Hause arbeiten, bei sich zu führen pflegen. Kein Mensch weiß, was darin ist.

»Athinai« las ich. Es war eine griechische Zeitung. Hm.

Ich interpellierte den Steward.

Es werde dem anderen Herrn gehören, meinte der.

Richtig, die Kabine war zweibettig.

Wer der Herr sei?

Der Steward brachte mir die Schiffsliste.

»Professor Kaspar Moritz Mauzfies«, stand da angegeben.

Mauzfies! Mauzfies! So hieß doch der Verfasser des sensationellen Buches »Ästhetische Maximen«, worin voller Ekel vor der heutigen allgemeinen Lebensführung ein neues Leben auf künstlerisch-ästhetischer Grundlage gepredigt wurde. Kaspar Moritz Mauzfies – ein Irrtum war ausgeschlossen, es konnte nur der Apostel dieser glühend verkündeten neuen Lebenskunst, dieses dithyrambisch gepriesenen neuen Hedonismus, sein. In der Presse wurde er mit seiner Lehre zwar reichlich veralbert, aber nichtsdestoweniger hatte er sofort nach Erscheinen seiner Maximen eine Gemeinde exklusiver Schöngeister gefunden, die ihn in entzückenden Tönen als den Bringer neuer Werte, als den Messias eines Lebens in Schönheit ausrief.

Ja, stellenweise hatte das Buch von Mauzfies seltsame Verwirrungen angerichtet. So war in meiner Vaterstadt Düsseldorf die bis dahin ganz vernünftige Frau eines Notars nach seiner Lektüre dem Ästhetenkoller verfallen. Sie erklärte eines Morgens zum Entsetzen ihrer Umgebung, nur noch in matter Dämmerung leben zu können, keine andere Nahrung als das Mark von Bananen, mit Heliothropenöl beträufelt, dargereicht auf einer von Benvenuto Cellini gearbeiteten goldenen Schale, genießen zu können, und im übrigen ihre Tage von jetzt ab träumend im Anblick einer römischen Gemme oder eines altvenetianischen Glases verbringen zu wollen. Darüber ging die ganze Haushaltung zugrunde, Gatte und Kinder verkamen.

Das hätte ich ja famos getroffen, wenn mein Kabinengenosse der vielumstrittene Ästhet wäre! Eine glänzende Gelegenheit, eine Renommierbekanntschaft zu machen, die sich später zu Hause wundervoll ausschlachten ließ! Um es nur zu gestehen, ich bin ein bißchen Streber und sonne mich gern in Beziehungen zu Berühmtheiten. Gott, was nützt dich alles Können, alles Talent, blöke der Menge entgegen: »Hier, ich bin was, ich kenne den bekannten Soundso!« und sie wird dich wichtig nehmen. Ich kannte den Friseur einer Fürstlichkeit, das hatte mir schon unendlich genützt.

Nun sollte Kaspar Moritz Mauzfies mit mir in einer Kabine schlafen. Von Angesicht zu Angesicht würde ich ihn sehen. Unterhalten würde ich mich mit dieser Berühmtheit. Ich verspürte Herzklopfen. »Na ja, Professor Mauzfies meinte auch« – »Wer, der berühmte Mauzfies?« – »Na ja, wir hatten eine Kabine zusammen auf der Überfahrt nach Corsica.« So würde ich wohl einmal sprechen können.

Ein geheimnisvolles Dunkel umgab die Persönlichkeit des Ästheten. Niemand von seinen Anhängern selbst konnte etwas Genaues über ihn sagen. Einige behaupteten, er sei der Idealtyp seiner Schönheitsdoktrin, aber wirklich gesehen hatte ihn noch keiner. So viel stand fest, er war ein Sonderling und lebte stets auf Reisen.

Ein unerhört glücklicher Zufall also. Jetzt bloß nicht die Sache verkorksen. Vorstellen, in aller Form vorstellen mußte ich mich ihm als Kabinengenosse, und zwar sogleich. Das verlangte der Anstand des korrekten Deutschen! Man hatte nicht umsonst seine Erziehung genossen.

Freilich – das Paket, das malpropere Paket! Nach einem Ästheten sah es eigentlich nicht aus.

»Der Herr muß an Deck sein«, antwortete der Steward auf mein Befragen. Er sei schon lange vor Abfahrt an Bord gekommen, habe sich die Kabine ausgesucht und das Paket – anderes Gepäck habe er nicht bei sich – auf dem Tisch deponiert.

Wie er aussehe?

»Un drôle de type – er trägt eine Mütze mit einem gelben Zelluloidschirm.«

Ich stieg etwas unsicher nach oben.

Wir waren mittlerweile in die offene See hinausgekommen, die Bocognano stampfte bei dem starken Wellengang erheblich. Auf Deck waren nur einige wenige Tapfere, die dem Wetter Trotz boten.

Abseits an der Reling lehnte ein untersetzter Mann in einer Mütze, wie sie Besitzer von Dampfkarussells auf Jahrmärkten tragen oder kleine Beamte, wenn sie sonntags eine Radpartie machen.

Das wäre mein Kabinengenoß? Sonst war niemand an Deck mit einer Celluloidschirmmütze.

Einen Ästheten hatte ich mir ein wenig anders gedacht.

Dieser Herr trug eine schwarze Kammgarnhose, die wie alle Kammgarnhosen sehr glänzte und ins Grünliche spielte. Graue Harmonikasocken hingen traulich über ausgetretenen Zugstiefeln. Eine in der Farbe unbestimmbare Weste war weit genug ausgeschnitten, um trotz der Deckkrawatte noch einem braunen, sehr braunen Jägerhemd etwas Ausblick zu gewähren. Dazu ein zu kurzer Gehrock aus dem gleichen Stoff wie die Hose. Der einzige weiße Fleck an der Garderobe war ein Papierkragen, ultra schick mit zarten, duftig blauen Streifen, der verriet, daß der Träger den feineren Nuancen der Mode doch nicht so völlig fremd gegenüberstand.

Das Gesicht hatte er abgewandt.

Mir schien, als ob der ganze Kopf ein einziger, wilder, ungepflegter Haarwust sei.

Ein amerikanischer Exzentriker in der sehr vernachlässigten Kleidung eines kleinen Agenten für Viehversicherung, stellte ich bei mir fest.

Indes, Mauzfies galt für einen Sonderling, das war zu berücksichtigen.

Manche rauhe Schale birgt köstlichen Kern.

Ich reckte mich, wiederholte noch einmal leise, was ich mir zurechtgelegt hatte, und wollte gerade auf ihn zugehen, als er sich plötzlich über die Reling beugte und interessiert in die hochgehenden Wogen des Azurmeeres starrte.

Und jetzt blickte er sich kurz nach mir um.

Herrgott, das Gesicht! Entsetzlich! Eine Goyasche Fratze, in der eine tolle Kartoffelnase dominierte und vielleicht drei Wochen alte Bartstoppeln kaum viel Edles zu verdecken hatten.

Aber originell, entschieden originell.

Die Wiedergeburt des Diners nahm seine ungeteilte Aufmerksamkeit in Anspruch. Für eine Annäherung ein ungeeigneter Augenblick. Ich beschloß daher, der Sache fürs erste ihren Lauf zu lassen, und zog mich diskret zurück.

II.

Unruhige Gestalten füllten die Kajüte, die nach tausend Ratschlägen und Rezepten mit Kognak, Rotwein, Kaffee, Tee, durch sehr reichliches Essen, absolutes Hungern, durch Stillsitzen auf einer Stelle, durch fortgesetztes Hinundherlaufen sich gegen das dräuende Gespenst der Seekrankheit zu wappnen gedachten. Der französische Schiffskondukteur versuchte vergeblich, zwei händeringenden verwirrten, alten Tanten, die durcheinander Deutsch auf ihn einredeten, etwas zu erklären. Er bat mich als Dolmetsch heran. Die beiden Damen, die aussahen, als ob sie aus Ohligs oder Hilden stammten, klammerten sich nun an mich und beschworen mich, ihnen zu bestätigen, daß die Bocognano nach Genua fahre. Mit einiger Befriedigung konnte ich dieses verneinen und ihnen sagen, daß sie sich auf der Fahrt nach Corsica befänden.

Großes Gejammer. Man sollte sich beschweren, kreischte die eine, »Anhalten, sofort anhalten!« johlte die andere.

Der Kondukteur verfügte sich achselzuckend in seine Klause.

Man hielt sich an mich.

Dazu komme noch, daß ihr Gepäck nicht auf der Bocognano sei. Durch den Hoteldiener, der ihnen auch die Fahrkarten nach Genua besorgt habe, sei das Gepäck bereits am Tage vorher auf den Dampfer geschafft worden.

Dann sei wohl mit ziemlicher Sicherheit anzunehmen, daß wenigstens das Gepäck auf das richtige Schiff geraten sei, was doch immerhin in gewissem Maße eine Beruhigung sei, suchte ich zu trösten.

Aber meine Trostgründe überzeugten die Unglücklichen nicht. Außerdem begann noch das Spiel der Wellen seine Wirkung auszuüben. Sie wurden grün im Gesicht. Schon würgend flehten sie mich an, ihnen einen Rat zu geben.

Ich konnte ihnen für den Augenblick nur raten, sich in der Nähe eines Gefäßes aufzuhalten.

Mein Rat kam zu spät. Ich konnte noch eben zur Seite springen.

Ich drückte mich, da die Unterhaltung mit den beiden verfehlten Wesen nichts Anziehendes mehr versprach, und beschloß, wieder an Deck zu gehen, um zu sehen, ob ich mich nun bei Mauzfies anbringen könne.

Das opulenteste Diner muß doch einmal ein Ende nehmen.

Mauzfies war sein Diner augenscheinlich los. Er stand an seinem alten Platz, hielt das Geländer umklammert und starrte vor sich hin.

Der Mann sah schlimm aus, ganz schlimm.

Gott, ja, sagte ich mir aber, was bei einem gewöhnlichen Menschen als Schweinerei bezeichnet werden kann, wird bei einem Denker und Weisen wie Mauzfies zur berechtigten Eigentümlichkeit. Vielleicht kostet er nur den Reiz des Kontrastes, wer will darüber entscheiden bei einem so tiefrätselhaften, originellen Kopf.

Der große Augenblick war gekommen.

Die Bocognano tanzte doch verflucht.

Ich stolperte und schwankte auf ihn zu. – Da prallte eine heimtückische Welle gegen Backbord. Ich verlor das Gleichgewicht und schoß mit gellendem Schrei quer über die Planken gegen Mauzfies, den ich in meiner Kopflosigkeit faßte. Er verlor den Halt, und wir wälzten uns hilflos in trauter Verschlingung auf dem Deck herum. Es war mir offen gestanden riesig peinlich. Kugelnd bemühte ich mich, meinen Namen zu nennen und eine Entschuldigung zu stammeln. Es gelang nicht so recht. Eine mitleidige Woge, die die Bocognano am Bug traf, daß sie jäh aufstieg, schleuderte uns gegen einen Aufbau. Wir saßen uns gegenüber und stierten einander blöde und verblüfft an.

Himmel, der Mensch hatte ja auch nur ein Auge!

Ich sammelte mich, so gut es ging, stellte mich vor, entschuldigte mich.

»Die große, schöne Linie der klassischen Ruhe fehlt Ihnen, junger Herr!« erhielt ich zur Antwort.

Ich zitterte vor Erregung – es war trotz allem bestimmt der Verfasser der ästhetischen Maximen.

»Pfui – Kajütendunst – Speisegeruch!« murmelte mein Gegenüber, worauf er sich mit vieler Mühe auf die Beine stellte und in grotesken Sprüngen an die Reling zurück balancierte.

Der Mann ist mir böse, sagte ich mir. Ich muß mich ihm richtig mit Hackenanschlagen vorstellen, ihm klar machen, daß ich kein Prolet sei und den unglücklichen Zwischenfall nicht beabsichtigt habe.

So huschte ich denn diesmal mit unendlicher Vorsicht an ihn heran und erklärte ihm, mich malerisch am Geländer stützend, wie sehr ich bedauere, die Ursache seines Sturzes geworden zu sein, bat ihn um Verzeihung und stellte mich ihm wirklich vollendet vor. Und dann sagte ich noch etwas von großer Ehre, mit dem berühmten Verfasser der ästhetischen Maximen, die ich mit Begeisterung gelesen habe, eine Kabine teilen zu dürfen.

»Ich liebe so die violetten Tönungen eines sterbenden Tages, die Phonetik der Wellen und des Windes! – – Also wir schlafen in einer Kabine. Sie sind Deutscher? Ich liebe die Deutschen nicht, sie haben so wenig Gefühl für die Form.«

Er sprach langsam schleppend, ohne Modulation.

»Verzeihen Sie, Herr Professor, Sie haben sich vorne sehr häßlich bekleckert«, konnte ich nicht unterlassen zu bemerken – er hatte in mir das Nationalgefühl verletzt.

»Ich verabscheue Deutschland«, fuhr er unbekümmert fort. »Die Grazie ist dort tot, die Kunst eine Geschäftssache, ein Luxusartikel, der hinter dem Auto und dem Weinkeller rangiert. Mit Fortschritten auf realen Gebieten hat man das Höchste, die Phantasie, eingebüßt. Ich schrieb meine Maximen und wurde in Deutschland ausgelacht. Erfindet heute jemand einen Motor von erhöhter Kapazität oder eine billigere Methode der Stahlfabrikation oder irgend sonst etwas derartig Gleichgültiges, so wird er als Menschheitsbeglücker gefeiert. Ich frage Sie: Sind wir mit all unseren Erfindungen glücklicher geworden als unsere Vorfahren? Mitnichten. Ich lehre die Menschen das wahre Glück, erziehen will ich sie, angesichts der Wunder der Kunst das kleinliche Leben mit seinen Nöten zu verlachen, den praktischen Verstand zu überwinden, kurzum zum Leben in Schönheit. – Botticelli«, flüsterte er darauf unvermittelt. »Botticelli!« wiederholte er lauter. »Botticelli!« schrie er über das Meer.

»Botticelli!« brüllte ich aus Leibeskräften, verstummte aber schnell und wurde sehr kleinlaut, da er mich durchbohrend anschaute.

War's sein natürliches Auge oder sein Glasauge? Ich wußte es in diesem Augenblick nicht.

Ich hatte wohl mein Einjähriges, hielt mich überhaupt für ganz nett gebildet, allein dem, was Mauzfies verzapfte, fühlte ich mich doch nicht so völlig gewachsen. Ich hatte eine Heidenangst, er würde das merken und sich von mir abwenden. In solchen Fällen tut man am besten, man stellt sich enthusiasmiert.

»Die große, befreiende Geste werden wir in Deutschland nie erleben«, sagte er prophetisch, dabei rutschte ihm die Deckkrawatte bis unters Kinn. Noch immer sah er mich prüfend an.

Ich bekam einen roten Kopf.

»Sie wollen sich länger in Corsica aufhalten, Meister?« fragte ich unverschämt.

»Eroberung der Luft – jawohl!«

Mein Kopf wurde noch röter.

»Eines Bildes wegen fahre ich nach Corsica, verstehen Sie?« schnauzte mich der Ästhet abrupt an.

Das sollte der Teufel verstehen. Ich flüsterte: »Gewiß«.

»Die Herzogin Gonzo di Vizzerona-Forli hat in ihrem Schloß bei Bastia einen Botticelli, den ich noch nicht kenne. Sie werden sich erinnern, daß vor Jahren auf geheimnisvolle Weise aus dem Palazzo Riccardi in Florenz das Bildnis der Lena Griffi verschwand.«

Niemals habe ich mich ostentativer erinnert.

»Botticelli malte die große venezianische Buhlerin. Dieses Bild besitzt die Herzogin.« Wie ein Geheimnis raunte er mir das ins Ohr.

Nie in meinem Leben bin ich sichtlicher erstaunt gewesen. Der Mund stand mir offen, ich mußte mir einen gelinden Stoß unter die Kinnlade geben.

»Tränen, von Göttern geweint,
Wurden Venedigs Kristall«,

deklamierte er voll Pathos, wobei er die »r« rollte, daß sie bis zu mir herüberspritzten. »Der Herzogin wunderbare Sammlung venezianischer Gläser werde ich sehen, werde ich erleben, werde ich trinken! Verstehen Sie, trinken!« Wieder schrie er mich ohne Grund an.

Jedenfalls wußte ich jetzt, was er auf Corsica wollte.

»Jawohl, trinken, trinken, trinken!!« schrie ich noch lauter.

Abermals blickte er mich durchdringend an, nun zweifellos mit dem richtigen Auge, das ein wenig blutunterlaufen war.

»Venezianisches Glas ist für mich Mozart«, sagte er.

Es schien mir, als ob er zutraulicher würde.

»Ich komme von Griechenland« – er besah interessiert den Zahnstocher, mit dem er zuvor im Munde gebohrt hatte, – »ich sage Ihnen, drei Monate Griechenland machen einen immun auf einige Zeit selbst gegen Deutschland. Ich habe Griechenland hineingeschlungen, gewälzt habe ich mich in Kultur!« Und er stieß auf.

Es war mittlerweile dunkel geworden, mich fror.

Ich machte den Vorschlag, nach unten zu gehen.

»In sternenlosen, schwarzen Nächten schreitet Pan über das Meer. Ich bleibe noch hier. Bestellen Sie mir beim Steward ein Côtelette à la Robert – – ich komme in einer halben Stunde nach.

Un drôle de type. Ich war noch ganz dösig.

In der Kajüte hatten sich mit dem Wetter auch die Gemüter beruhigt. Man saß hohlwangig in Gruppen beisammen und erzählte sich von Fällen, wo die See noch viel höher gegangen sei und wo man, natürlich stets der Erzähler ganz allein, nur mit dem Kapitän bei Tisch gesessen habe.

Ich entledigte mich meines Auftrages und kroch, da ich von Mauzfies für heute genug hatte, nach einem kleinen Imbiß in meine Koje. Auch wollte ich mir vor Mauzfies das obere Bett sichern.

Einen scheuen Blick noch warf ich auf das mysteriöse Paket auf dem Tisch, dann schlief ich bald ein.

Ich schlief wie ein Dachs.

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