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Adolf Schmitthenner: Der Ad'm - Kapitel 1
Quellenangabe
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typenovelette
authorAdolf Schmitthenner
booktitleNovellen
titleDer Ad'm
publisherFr. Wilh. Grunow
year1896
firstpub1887
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080904
projectid66fae2f8
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Er war ein struppiger Bursche, fünfzehn und ein halbes Jahr alt. Aus der Strafanstalt für jugendliche Verbrecher hatte er einen kurzgeschorenen Schopf und die Redensarten »jawohl« und »nee« mitgebracht, »Jawohl« hatte er von einem Aufseher gelernt, »nee« von einem Kollegen aus Magdeburg, der neben ihm im Gefängnishofe Holz zu spalten pflegte.

Einmal war er während der Zeit seiner Haft zu Hause gewesen, als seine Mutter begraben wurde. Sie war im Spital gestorben, wohin man sie aus der ihr zugewiesenen Wohnung, einem alten Türmchen der Stadtmauer mit Schießscharten statt der Fenster, fünf Tage vor ihrem Tode gebracht hatte. In Ermanglung einer Krankenbahre wurde sie auf einem jener Handkarren transportiert, auf dem in den größern Städten die Kälber vom Schlachthause zu den Fleischern geführt werden, nur mit dem Unterschiede, daß die Kälber ganz mit einem Tuche bedeckt sind, während die Frau Kopf und Beine hinausstreckte und darum von einer schweigenden Kinderschar geleitet wurde.

Als der junge Sträfling, von einem Gendarmen geführt, am Grabe seiner Mutter stand, war er der Zielpunkt aller Augen. Er vergoß keine Thräne. Nicht als ob er des Fluchs gedachte hätte, den ihm seine Mutter bei der Verhaftung nachgerufen hatte, weil er sich über dem letzten Diebstahl hatte erwischen lassen; sondern er pflegte überhaupt nur zu weinen, wenn er Schläge bekam. Andre Schmerzen als die des Hungers und körperlicher Mißhandlung kannte er nicht.

An der Mutter Grab sah er auch seine jüngern Geschwister zum erstenmal wieder, zwei Mädchen, die bei einem Tagelöhner untergebracht waren. Das erste, was er bei ihrem Anblick empfand, war eine Art von Neid; denn er sah sie in neuen saubern Kleidchen, die ihnen von der Gemeinde angeschafft worden waren. Von der Beerdigungsrede, die der Geistliche hauptsächlich auf ihn gemünzt hatte, vernahm er nichts.

Auf dem Rückwege vom Kirchhof sprang eines seiner Schwesterlein zu ihm heran und sagte: Ad'm, wenns bei uns Kartoffelschnitz giebt, dürfen wir essen, so viel wir wollen. Kriegst du auch Kartoffelschnitz?

Jawohl, erwiderte er, dreimal in der Woche!

Nach seinem ältern blödsinnigen Bruder, der während seiner Abwesenheit in der Kreispflegeanstalt untergebracht wurde, fragte er nicht.

Auf der Rückfahrt sah er zuerst mit innigem Behagen und mit dem Verständnis eines verdorbnen Gemütes zu, wie in der benachbarten Abteilung zwei Soldaten mit einem Mädchen schäkerten. Als ihm der Gendarm befohlen hatte, sich auf die andre Bank zu setzen, damit er der Szene den Rücken drehe, musterte er, was oben auf dem Gepäckbrette lag, und sann darüber nach, was er von diesen Dingen alles gebrauchen könnte. Dann blitzte es einmal aus seinen grünlich braunen Augen; es mußte ihm irgend ein bübischer Gedanke durch den Kopf gezuckt sein. Darauf sah er gleichartig und schläfrig vor sich nieder, und während die Nacht kam, schlief er ein. Es träumte ihm, er ziehe seinen jüngern Geschwistern die neuen Kleider aus, die Mutter komme fluchend auf ihn los, um ihn zu schlagen, er raufe mit ihr um den Stock; da sehe er das Mädchen von drüben winken; er auf, zur Thür hinaus und ihr nach. Dann träumte ihm wieder, er sitze in seiner Zelle und schlage die Bibel auf, um die Geschichte von der schönen Susanna zu lesen; und wie er sie aufschlage, da sei es der große Reisekoffer, der ihm gegenüber auf dem Gepäckbrett lag. Die eine Hälfte sei bis oben voll glitzriger Goldstücke. Eben wollte er mit zitternden Händen die andre aufschnallen, als ihn der Gendarm aus dem Schlafe rüttelte.

In seiner Zelle fand er auf dem Tisch ein aufgeschlagnes Buch. Es gehörte zum Inventar. Der Pfarrer war da, sagte er; dann sah er hinein und las die Überschrift: Trost beim Verluste teurer Angehöriger. Nee, lächelte er und legte das Buch beiseite.

Seitdem hatte er niemals mehr an seine Mutter gedacht oder des Nachts von ihr geträumt.


Fünf Wochen später – es ging schon stark auf Weihnachten – wurde er aus der Haft entlassen. Die Sorge, was nun zu beginnen sei, beunruhigte ihn keinen Augenblick. Vor der Landstraße als Heimat fürchtete er sich nicht, und als bewährte Gegenmittel gegen den Hunger kannte er das Betteln und Stehlen. So schaute er der Zukunft gleichmütig entgegen. Als ihm aber der Gefängnisvorstand nach einer ernsten Ermahnung eröffnete, daß der Pflegeverein seines Bezirkes für ihn ein Unterkommen besorgt habe, wo er ein Handwerk lernen könne, da war ihm das auch recht.

Es hatte Mühe gekostet, geeignete Leute zu finden, die den verwahrlosten Burschen ins Haus aufnehmen wollten. Endlich hatte sich ein Bahnwart angeboten, der in jeder Hinsicht als der rechte Mann erschien. Er wohnte eine halbe Stunde vom Dorf entfernt. Sein Häuschen stand auf einem Hügel, der sich zwischen der hochgelegnen Landstraße und der Bahnlinie erhob. Nach der Landstraße zu senkte er sich sacht, und man gelangte dorthin auf einem gewundnen Pfade, der sich zuerst zwischen Gärten und dann noch etwa hundert Schritte weit zwischen Fruchtfeldern hinabzog. Nach dem Schienenkörper dagegen, der in der Sohle eines tiefen Einschnittes lag, konnte man nur auf einer schmalen Treppe niedersteigen.

Der Bahnwart trieb als Nebenbeschäftigung das Weberhandwerk; das sollte der entlassene Sträfling bei ihm erlernen.

An einem Tage der zweiten Dezemberwoche – es war zum erstenmal heuer kalt gewesen – klopfte es um die Nachtessenszeit an die verschlossene Thür des Bahnwärterhäuschens.

Die junge Frau schob den Riegel zurück und rief: Seid ihrs schon, Voglerin? Dann setzte sie leise hinzu: So hätts nicht pressiert.

Nee, der Ad'm ists, rief eine Stimme, und ein stämmiger Bursche trat ohne weiteres in die Stube herein. Ich soll ja hier bleiben.

So, du bist der Adam? sagte jetzt der Bahnwart, der auf der Bank hinter dem Tisch gesessen hatte, sich jetzt aber schwerfällig erhob und mit der Lampe dem Ankömmling ins Gesicht leuchtete. Die Gatten wechselten einen Blick. Der Bahnwart setzte die Lampe auf den Tisch nieder, nahm seinen alten Platz ein und sah schweigend vor sich hin.

Die blasse Frau aber streckte dem Burschen die Hand entgegen und sagte: Grüß dich Gott bei uns, Adam! Es ist kalt und finster draußen. Setz dich zu ihm auf die Bank! Das Essen kommt bald!

Während die Frau in der Küche nachsah, und der Mann immer noch schweigend auf die Tischplatte starrte, schaute sich der Junge mit frechen und listigen Augen im Zimmer um.

Aha, da drinnen steht der Webstuhl! sagte er und wies mit der Hand in die Kammer, zu der die Thür offen stand. Ein gewöhnliches Auge erblickte nichts in ihr als Finsternis.

Ja, Adam, und morgen gehts dran.

Ungeschafft schmeckts besser, lachte der Junge mit einem Blick nach der Thür, die sich gerade aufthat. Die Bahnwartsfrau kam mit dem Essen herein.

Schweigend saßen die Drei beim Mahle. Zuweilen thaten die Eheleute eine prüfende Schau nach dem mit Essen beschäftigten Burschen hinüber, und dann fanden sich immer ihre Augen zu vielsagender Aussprache. In dem Blicke des Mannes lag Unmut und Besorgnis, in dem der Frau begütigender Zuspruch.

Nach dem Essen legte sich Adam an die Wand zurück und schien zu schlafen; es kam jedoch der jungen Frau vor, als ob er zuweilen unter den Lidern hervorblinzle. Sie holte ihr Strickzeug, aber setzte sich so, daß sie dem Lichte und dem Burschen den Rücken drehte.

Du siehst ja nichts, Lisbeth, sagte der Mann.

Ich sehe genug, erwiderte sie und hob ein beinahe fertiges Kinderstrümpfchen in die Höhe.

Da verschwanden alle Schatten von des Mannes Stirne, er lachte über das ganze ehrliche Gesicht. Auch die blasse Frau lächelte zu ihm hinüber, dann wurde sie rot und beugte sich über ihre Arbeit.

Der Bahnwart ging jetzt hinaus auf seinen Posten. Kurze Zeit darauf brauste der letzte Zug vorbei. Unterdessen war die Frau hinauf in den Verschlag gegangen, wo der neue Hausgenosse schlafen sollte. Das Paar kam zusammen wieder zur Thür herein. Der Mann rüttelte den Burschen auf, der fest eingeschlafen schien.

Geh zu Bett, Adam!

Als der Junge auf den Füßen stand, nahm der Bahnwart die Lampe und sagte zu ihm: Komm!

Dann schritt er ihm voraus in die Kammer. Ein kräftiger Garngeruch erfüllte den kleinen Raum. In zahlreichen Strängen hing der gesponnene Hanf von der Decke herab. Der Pflegevater stellte die Lampe sorgfältig auf eine Stelle des Bodens, über der die eisernen Haken in der Decke kein Garn trugen, und holte aus dem Winkel hinter dem Webstuhl einen derben hagenbüchenen Stock hervor, den er dem verdutzten Burschen unter die Augen hielt.

Wenn du brav bist, hast dus bei uns gut. Wenn du aber wieder stiehlst, dann hau ich dich mit dem da, daß du dran denken sollst!

Dann stellte er den Stock wieder an seinen Platz und ging mit der Lampe in die Stube hinaus.

Seine Frau war draußen am Fenster im Dunkeln stehen geblieben. Jetzt kam sie auf den Burschen zu und sagte mit ihrer sanften Stimme: Sieh, Adam, wir wollen dir Vater und Mutter sein und dich lieb haben wie unser eigen Kind. Machs uns nicht schwer! Sei brav! Und wenn dir dein Bett nicht warm genug ist, dann nimm die Säcke da und leg sie oben drauf!

Damit gab sie ihm ein halbes Dutzend neuer Säcke, die sie aus dem von ihrem Mann gewobnen Tuche genäht hatte.

Der Junge riß seine Augen auf und sah seine neue Mutter mit dem Ausdruck scheuen Erstaunens an. Dann lief ein helles Grinsen über sein Gesicht. Es sollte vielleicht dasselbe ausdrücken, was die Katze durch Schnurren kund giebt: die Empfindung wohlthuender Wärme, und in diesem Augenblicke hatte das verwahrloste Antlitz den Zug frühreifer Gemeinheit verloren; es war wieder ein Kindergesicht, das man fast hübsch nennen konnte.

Als der Bahnwart, der seinen Pflegling nach seinem Verschlag geführt hatte, wieder zur Thür hereinkam, sagte er zu seiner Frau: Ich fürchte, wir haben einen Halunken in unser Haus aufgenommen.

Lisbeth seufzte; nach einer Weile sagte sie: Der arme Bube! Er hat eine schlechte Mutter gehabt! Wir wollen gut zu ihm sein, Georg!

Dann gingen sie mit einander die Treppe hinauf nach dem Schlafgemach.


Es war seitdem rüstig in den Winter hineingegangen, und Weihnachten stand vor der Thür. Adam hatte sich das »Nee« und »Jawohl« fast wieder abgewöhnt, und der Zuchthausschnitt seiner strohgelben Haare war verwachsen. Seine Fortschritte hinter dem Webstuhl konnte man nicht sonderlich groß nennen; aber sonst war er willig und folgsam. Er trug Wasser, machte Holz klein und half der Frau seines Meisters bei allen häuslichen Arbeiten, was diese sich gern gefallen ließ, da ihr das Heben und Tragen beschwerlich wurde.

Einmal, als er Scheitholz spaltete, während seine Pflegemutter auf einem Schemel saß und Kartoffeln schälte, fing er an eines der frechen Vagabundenlieder zu singen, die er von seinem Kumpan in der Strafanstalt, dem Magdeburger, gelernt hatte.

Da sprang die junge Frau von ihrem Sitz auf und rief ihm zu: Pfui, du wüster Bub, geh mir aus den Augen!

Er erschrak, daß ihm das Herz zitterte, und schlich zur Küche hinaus. Am folgenden Tage war er stille bei seiner Arbeit. Am zweiten Tag pfiff er leise vor sich hin und hatte so tiefe Falten zwischen den Brauen, wie wenn er über ein finsteres Problem nachdächte. Am dritten Tag fing er beim Holzsägen eines der Lieder an, die er in der Schule gelernt hatte; auf das erste folgte ein zweites, und so weiter. Es war ein unerschöpflicher Vorrat. Sie paßten nicht gerade alle zu Zeit und Umständen: Goldne Abendsonne, wie bist du so schön – Alle Menschen müssen sterben – Alle Vöglein sind schon da, und die vielen andern. Die junge Frau that, als ob sie nichts Absonderliches merke; aber bei jedem neuen Liede, das er anstimmte, lag ein glückseliges Lächeln auf ihren Lippen, und bei diesem oder jenem Liede fiel sie wohl selbst mit ihrer klangvollen Stimme ein.

So war der Tag, der dem Christfeste vorausgeht, herangekommen. Die Bahnwartsleute waren gerade mit dem Putzen des Christbäumchens fertig geworden. Als der Mann noch ein vergessenes Lichthalterchen auf einen Zweig steckte, sagte er zu seiner Frau: Du, wie wirds das nächstemal sein?

Wie Gott will, erwiderte sie, und ein tiefer Atemzug hob ihre Brust.

Jetzt machte sich der Bahnwart fertig zu einem Gange ins Dorf. Ein Pfündlein Rindfleisch für die Suppe wollte er einkaufen; – zu einem Weihnachtsbraten reichte es nicht, wie sie vor einigen Tagen gefunden hatten, als sie während des Mittagessens die Festtagskosten überschlugen. Noch eine andre Adresse wollte er aufsuchen, die freundliche Frau, die in dem kleinen Hause bei der Kirche wohnte und der einzige Mensch im Dorfe war, neben dessen Hausthür sich eine Nachtglocke befand. Man konnte nicht wissen, was sich in den nächsten Tagen ereignen werde.

Es kann sein, daß ich bis zum Fünfuhrzug noch nicht daheim bin. Den Schlagbaum über den Feldweg hab ich schon zugezogen. Gieb nur acht, wenn du die Treppe hinuntersteigst!

Geh ohne Sorge, rief sie lachend, ich bin noch sicher auf meinen Füßen. Auch hat Adam heute das Eis weggehackt.

Was nur der Schlingel bei dem tiefen Schnee im Walde treiben mag? sagte noch der Bahnwart und schickte sich zum Gehen an.

In diesem Augenblick kam der Bursche zur Hausthür herein, barhäuptig, mit hochroten Wangen und fliegendem Atem. Er mußte wacker gelaufen sein. Die Hosen steckten in den Stiefeln, und diese waren mit Schnee bedeckt. Er hielt etwas hinter seinem Rücken, und man sah es seinen lachenden Augen an, daß es etwas Gutes sein mußte. Rasch trat er in die Stube hinein, warf einen toten Hasen auf den Tisch und rief: Da habt ihr euern Weihnachtsbraten!

Die Beschenkten sahen sich sprachlos in die Augen. Die junge Frau sank auf einen Stuhl. Adam weidete sich an der Überraschung seiner Pflegeeltern. Bald aber klopfte ihm angstvoll das Herz. Das Antlitz des Bahnwarts war blutrot geworden.

Wo hast du den Hasen her?

Ich hab ihn gefunden und totgeschlagen.

Wo hast du ihn gefunden?

In einer Schlinge.

Wer hat die Schlinge gelegt?

Der Knabe zögerte mit der Antwort.

Adam, sag die Wahrheit! rief ihm die Frau zu.

Ich hab sie gelegt.

Komm! rief der Bahnwart und ging mit schwerfälligen Schritten nach der Kammer voraus, wie er an dem Abend gethan hatte, an dem sein Pflegesohn eintraf.

Lisbeth trat ihm in den Weg. Georg, thus nicht! Ich bitt dich, – mir zu lieb! Denk doch, 's ist heiliger Abend! Er hats gut mit uns gemeint! Georg, denk an mich!

Lisbeth, aus dem Weg! rief der Mann mit einer vor Zorn bebenden Stimme. Erschrocken wich sie zur Seite. Er that sich Gewalt an, und seine Stimme klang unheimlich ruhig, als er sagte: Ich habs den Herrn auf dem Rathaus in die Hand versprochen, daß ich streng gegen ihn bin. Soll ich mein Wort brechen? Willst du, daß der Halunke gestohlenes Zeug in mein Haus bringt? Aus den letzten Worten flammte wieder der Zorn. Er riß die Thür auf und stieß den zitternden Knaben in die Kammer. Es sah in ihr anders aus als an jenem ersten Abend. Anstatt des Webstuhls stand das Ehebett in der Mitte; denn da die obere Stube nicht geheizt werden konnte, hatte man für die Wochenzeit das untere Zimmer gerüstet. Neben dem Bett stand eine Wiege. Die Garnstränge waren verschwunden. Nur der hagenbüchene Stock stand noch im Winkel.

Georg, thu es nicht! in meiner Stube nicht! rief die Frau, die in die Kammer nachgegangen war. Aber der Wütende schob sie zur Thür hinaus.

Mein Kind, mein Kind! weinte sie und fiel erschöpft auf den Stuhl, die Hände im Schoße zusammengekrampft. Dann sprang sie auf, hielt sich die Ohren zu und eilte hinaus ins Freie. –

Es war geschehen. Der mißhandelte Bube lag wimmernd in seinem Verschlage auf dem Bett. Der Bahnwärter ging mit großen Schritten im Zimmer auf und ab. Die Frau folgte ihm bekümmert mit den Augen.

Gesund ists für ihn gewesen, Lisbeth, sagte er, und sterben wird er nicht dran. Gieb mir noch eine halbe Mark, daß ich dem Buben ein Buch kaufe mit schönen Liedern, weil er so gern singt. Sie gab ihm das Geld.

Bist du mir noch böse, Lisbeth?

Sie schüttelte den Kopf. Ich war dir nicht böse, ich bin nur traurig.

Bis ich zurückkomme, bist du wieder lustig, und dann halten wir Bescherung.

Er gab ihr einen Kuß, nahm den Hasen vom Tisch und schritt zur Thür hinaus.

Eine Weile später schlich Adam die Treppe hinunter. Es dunkelte schon. Etwas Raubtierähnliches war in dem Burschen, als er vor der Stube lauschte. Seine Augen funkelten. Die Hausthür war angelehnt. Er huschte hinaus, um das Haus herum, die Treppe hinunter und über die Schienen. Mit etwas Schwerem in den Händen kam er wieder zurück. Es war ein großer Stein. Er legte ihn auf einer der mittleren Stufen der Treppe sorgfältig zurecht. Dann schlich er wieder hinunter und duckte sich in den finstersten Schatten der Felswand.

Es war schwarze Nacht in dem Einschnitt. Durch den bleichen Schimmer des Schnees auf dem Bahnkörper schien die Finsternis zu beiden Seiten noch schwärzer. Es erhob sich ein Wind, und es fing zu schneien an. Bald ächzten die Tannen oben in der Höhe, bald fuhr der Sturm in die Tiefe und heulte an den Felswänden hin. Vom Dorfe her klang Glockengeläute, aber matt und verschleiert.

Jetzt ziehen die Kinder in die Kirche und singen Weihnachtslieder, sagte der Bursche zu sich, – jetzt kommt der Zug bald.

Es schlug ab. Der helle Ton zitterte wie ein klagender Aufschrei im Sturmwind und wurde in der Ferne aufgenommen und weiter gegeben. Jetzt hörte man das Rollen des Zugs, und oben ging die Thür des Hauses. Schritte näherten sich. Jetzt ist er am Rande angelangt; jetzt geht er die Treppe hinunter; die erste, die zweite, die dritte Stufe; – und jetzt –

Ein gellender Aufschrei. Aber was ist das? – so schreit kein Mann! dem Burschen stand das Herz still. Ein Poltern, – ein harter Fall, – ein leiser Klageruf: Adam, das hast du gethan. Er hörte nichts mehr. Ein Rauschen und Brausen erfüllte den Raum. Zwei ungeheure Fackeln, sprühend von rotem Licht, schossen auf ihn los, und die Felswand zitterte, als ob sie ihn abschütteln wolle. Jetzt wars vorbei. Er öffnete die Augen, die er entsetzt geschlossen hatte. Er sah, drei Schritte vor sich, die Bahnwartsfrau auf dem Posten stehen. Jetzt wandte sie sich um, und ohne ihn zu bemerken ging sie langsam und ächzend die Treppe hinauf.

Eine gute Weile blieb er noch, dann ging er ihr nach ins Haus hinein.

Mit klopfender Brust stand er einen Augenblick, die Hand auf dem Drücker, vor der Stubenthür. Jetzt faßte er sich ein Herz und trat hinein. Die Lampe stand brennend auf dem Tisch, neben ihr ein Strickzeug und eine Schüssel voll Wasser mit einem Tuche, wahrscheinlich zum Abwaschen der Blutflecken, die der Hase auf der weißgescheuerten Platte zurückgelassen hatte. Die Bahnwartsfrau war nicht da. Adam ging geräuschvoll und pfeifend an das Fenster und schaute in die schwarze Nacht hinaus. Dann brach er plötzlich ab und schlich auf den Zehen an die Kammerthür und horchte. Er meinte, er hätte einen Atemzug drinnen vernehmen müssen, aber er vernahm nichts. Dann holte er den Kalender von der Wand und setzte sich auf die Bank. Er schlug auf und las, was er gerade fand, die Legende vom heiligen Christophorus. Als er am Ende der Seite war, vergaß er umzudrehen und blätterte rückwärts. Da fand er, daß die zwei letztvergangnen Wochen auf dem Monatsblatt Dezember noch nicht ausgestrichen waren. Er holte aus der Tischschublade das Tintenfaß und die Feder heraus und zog zwei dicke Kreuzstriche, und von der begonnenen Woche strich er Tag für Tag durch, auch den heutigen; erst vor dem roten Christfest machte die Feder Halt. Zwischen hinein griff er sich an den Hals. Was klopfte denn da so schrecklich von unten herauf, daß es ihn schier erwürgte? Er that Kalender, Tinte und Feder an ihren Platz und ging hinaus auf den dunkeln Flur. Vor der Küchenthür stand er lauschend; dann stieß er den Kopf an den Pfosten und rief: Holla, da ists finster! Da rennt man sich ja den Schädel ein!

Keine Antwort erfolgte. Da machte er die Thür auf. Es war kein Licht in der Küche. Im offnen Herd glommen die Kohlen eines verlöschenden Feuers.

Jetzt triebs ihn zum Hause hinaus. Ein wildes Schneegestöber raubte ihm fast den Atem. Er ging um das Haus herum die Treppe hinunter. Die von der Nacht gedrückte Schneedämmerung, die über den Boden hinfloß, die Gegenstände auflöste und ineinander mischte, verdeckte den Absturz und hätte einen andern genötigt, vorsichtig zu tasten, Adam aber hatte von seinen frühen Diebsfahrten her ein nachtgewohntes Auge, und hier ging er mit geschlossenen Lidern in vollkommner Sicherheit. Er zählte die Stufen. Diese hier wars. Da lag der Stein. So ist sie auf ihn getreten; dann stürzte er hinunter, und sie ihm nach. Er wischte mit seinen Händen den Schnee von der Stufe und starrte auf die schwarze Erde. Dann wars ihm, als ob es wieder sausend herankomme mit feurigen Augen, als ob die Felswand sich wieder schüttle und ihn hinabschleudern wolle in die Tiefe. Sich festkrallend in den Schnee kroch er auf den Knieen die Stufen hinauf und flog ins Haus hinein, in die Stube und wieder an die Kammerthür. Es war ihm, als müsse er etwas von der hören, die allein von allen Menschen gut gegen ihn war, und der er ein Leid angethan hatte. Aber es war totenstill in der Kammer. Da stürzte er von Verzweiflung gejagt wieder zum Hause hinaus und, wie um Hilfe zu holen, der Straße zu. Dort kommt ein Licht heran; da ist er!

Adam sprang dem Bahnwart entgegen. Neben diesem trippelte rüstig ein altes Weiblein daher, wunderbar in Kapuze und Tücher vermummt.

Du bists, Ad'm? sagte der Mann mit weichem Ton, und dann setzte er erschrocken hinzu: Was ists? Wie gehts meiner Frau? Ist etwas passiert?

Nein – ich weiß nicht – sie ist in der Kammer.

Da eilte der Mann, so schnell er konnte, den Hügel hinan; das Weiblein trippelte pustend hinten nach.

Eine Weile später war es hell und lebendig geworden in allen Räumen des Häuschens. Adam stand zitternd vor dem Fenster. Er wagte nicht einzutreten, und als er seinen Namen rufen hörte, zuckte er zusammen. Sie hats ihm gesagt, und er wird mich totschlagen, flüsterte er und zitterte heftiger.

Da that sich der Laden auf, und der Bahnwart schaute heraus. Da bist du, Ad'm? sagte er freundlich. Komm doch herein, der Weihnachtsbaum brennt.

Sie hat ihm nichts gesagt, flüsterte der Junge, und die Thränen traten ihm in die Augen.

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