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Gutenberg > Hugo von Hofmannsthal >

Der Abenteurer und die Sängerin

Hugo von Hofmannsthal: Der Abenteurer und die Sängerin - Kapitel 3
Quellenangabe
typedrama
booktitleDer Abenteurer und die Sängerin
authorHugo von Hofmannsthal
year1909
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleDer Abenteurer und die Sängerin
pages5-7
created20021008
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1899
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(Bei der Tür im Hintergrund ist der Juwelier hereingekommen und steht lauernd. Auf ein Zeichen von Achilles kommt er schnell nach vorne; Stellung von links nach rechts: Achilles, Redegonda, Baron, Juwelier. Juwelier hält dem Baron Perlenohrgehänge hin.)

Baron Tut der Rialto Marmorkiefern auf
und speit den alten Tubal uns hervor?

Juwelier Ich seh, der Herr kennt mich. Das sind ein Paar Ohrgehänge, wie der Herr keine zweiten solche findet in Venedig. Es hat eine Illustrissima sterben müssen in grosser Verlegenheit, damit ich diese Ohrringe in die Hand bekomme und sie kann anbieten dem Herrn um einen Preis zum Lachen.

Baron (die Ohrgehänge in der Hand)
O Perlen, Perlen! nichts von Steinen! – Leben!
Sie halten Leben wie ein Augenstern:
die Sterne droben, diese goldnen Tropfen
sind jeder, sagt man, eine ganze Welt:
so gleichen die, nur von weit weit gesehn
dem Leib von Überirdisch-Badenden.
Vielleicht sind Kinder,
die einst der Mond mit Meeresnymphen hatte,
hineingedrückt, sie frieren in der Luft:
hier ist ihr Platz, hier saugen sie sich wach!
(Hält sie an den Hals der Redegonda)

Juwelier Ich seh', der Herr versteht sich auf Perlen. (Geht eilig ab)

Baron Halt, und dein Preis!

Juwelier (an der Türe) Ich seh', der Herr versteht. Ich kenn' das Haus. Morgen ist auch ein Tag.

Baron Ganz recht! ich kann sie ja nicht überzahlen!
(Mit einem Blick auf die Redegonda)

Redegonda Wie meint ihr das?

Baron                                         Schlag' ich für nichts dies an,
daß du sie trägst?

Redegonda (gibt ihm die Hand zum Küssen)

Baron Die Hand! und wann den Mund? o heute, heute,
unnützes Warten ist nichts als der Wurm
in einer reifen Frucht. O, Warten ist
die Hölle!

Redegonda       Wenn's dies boshafte Geschöpf,
die Corticelli weiß, bin ich des Todes!
(Zu Achilles)
Fällt dir nichts ein?

Achilles Wir gehn zum Schein mit allen Andern fort
und kehren um, sobald uns eine Ecke
verdeckt –

Baron               Ein braver Bursch!

Redegonda                                       Wenn sie uns sehn,
so weißt du dann, ich hab's vorausgesagt.

Baron So willst du nicht?

Redegonda                       O ja, nur hab' ich Furcht,
die Menschen sind so neidisch, wenn man schön ist
und nicht gemein wie sie.

Rückwärts treten alle vom Spieltisch weg, außer der Mutter, die noch ein Glas austrinkt. Sassi, Venier, der Abbate gehen nach vorne, Marfisa und Salaino verschwinden schnell miteinander durch die Haupttür. Die Mutter bemerkt es, läuft den Beiden nach. Sassi kehrt sich in diesem Augenblick um, klatscht in die Hände. Alle lachen.

Redegonda Was das für Menschen sind!

Abbate                                                     Die sind schon fort.
Wir folgen ihrem Beispiel, wenn auch nicht
so wortlos und so eilig. (Verbeugt sich)

Baron (verbeugt sich)             Abbate!

Venier Ich seh' dich morgen, schnellerworb'ner Freund.

Redegonda (zu Achilles)
Geh' vor und leuchte!

Baron                                 Mademoiselle!

Sassi                                                             Ich finde
nicht Worte . . . .

Baron                           Sie beschämen mich! (Noch winkend)
                                                                Abbate!

(Alle ab. Der Baron bleibt allein; tritt ans Fenster. Pause)

Le Duc (tritt wieder auf mit einem Brief)

Baron Von wem?

Le Duc                 Die gleiche alte Frau,
die schon vor einer Stunde –

Baron                                           Von Vittoria!
(Erbricht den Brief, liest)

Le Duc Antwort?

Baron                   Ist keine. (Geht auf und ab)
                                    Wie! sie will hierher!
So steigt von links und rechts aus dieser Nacht
hier Gegenwart und hier Vergangenheit
empor, jedwede eine schöne Nymphe.
Und Zufall tanzt, der übermütige Gott,
wie ein betrunk'ner Stern in dunkler Luft
und streut Verwirrung! Doch ich nehm's auf mich!
und ficht er aus dem Dunkel – ich pariere!

Redegonda (tritt hastig und atemlos auf)
Versteck' mich! schnell! ein Mann ist hinter mir!
Ich fürcht', es ist der Graf! wenn der mich findet,
der mordet dich und mich. Ich hab's gewußt!
ich hab's vorausgesagt! ich hab's gesagt!

Baron (Führt sie durch die kleine Tür links vorne)
Nur Mut! nur still! hier steh' ich, du bist sicher!

Venier (Tritt ein, hastig und erregt. Er ist sehr blaß. Hinter ihm Le Duc, der dem Baron Zeichen macht, daß noch eine Person draußen im Vorzimmer ist.)

Baron (Zeigt ihm, er solle sie in das Zimmer rechts rückwärts führen.)

Le Duc (Schließt die Tür in dieses Zimmer. Indessen schlägt es Mitternacht.)

Baron (halb für sich)
Wie! mehr Verwirrung! Folgen sie einander
wie Puppen an der Turmuhr, weil es schlägt?

Venier (ist an der Tür einen Augenblick unschlüssig stehen geblieben, kommt jetzt rasch auf ihn zu) Herr Holländer! ich tue hier ein Ding, das ihr aufnehmen dürft, ganz wie ihr wollt und wofür ihr später jede Genugtuung haben sollt. Umstände nötigen mich, Argumente, die sich um meinen Hals legen wie der Strick des Henkers. (Hält inne)

Baron (zuckt die Achseln)

Venier Wenn das der Fall ist, was ich befürchte, so steht vor euch ein Mensch, an dem das Schicksal einen unfaßbaren Diebstahl begangen hat, einen Diebstahl, der dem Bestohlenen alles wegnimmt, alles, was war, was ist, was sein wird, und das Werkzeug dieses Diebstahls seid ihr.

Baron Messer Lorenzo Venier, ich bin um zwanzig Jahre älter als du, und du bist mein Gast. Das macht die Musik zu meiner Antwort. Hör' auf dies: Die Dame,
die sich bei mir befindet, ist dir nichts;
ich hab' dich nicht gefragt, ob du vermählt bist,
doch ist es weder deine Frau, Geliebte,
noch sonst dir nah', ja, der Beachtung wert.

Venier Wie weißt du das? Ich hab mich so verstrickt
durch eine kleine Falschheit, daß ich nun,
wo Scham und Zweifel mir den Mund verschließen,
nichts andres weiß, als diesen ganzen Knoten
entzweizuhau'n, bevor er mich erwürgt.

Baron Die hier drin steht, der steht Dein Ernst so fern
wie finstre Waffen einem Maskenkleid.

Venier Du weißt nicht, wer mir nachsteht, wenn sie dir's
nicht mehr verriet als ich, und sie hat zehnmal
mehr Grund als ich zu diesem Maskenspiel.

Baron Wär' hier ein Ding, das für mich reden könnte,
ein Zipfel ihres Mantels! Könnte dies
ihr blondes Haar, das hier am Vorhang hängt,
goldfarbige Lippen auftun, diesen Argwohn
zu scheuchen.

Lorenzo                 Wie, ein blondes Haar?

Baron                                                           Der Vorhang
entriß es ihr.

Lorenzo               Der Vorhang! (Er besieht es)
                                            Dunkles Gold
wie die vom Weihrauch dunklen innern Kuppeln
der Markuskirche! welchen blöden Narren
macht Phantasie aus mir –
Was soll ich sagen? Wenn du morgen kommst,
sollst du sie sehen. Kenntest du mich besser,
so wüßtest du, ich bin nicht immer so,
und nähmst es für den Krampf, der eine Kerze
zuweilen packt, daß sich ihr ganzes Licht
zusammenzieht und sie beinah' erlischt.
Doch so . . . .

Baron                   Du bist so edel von Natur,
sehr wohl vergleichst du dich mit einem Licht,
das manches Mal, bedrängt vom finstern Hauch
des Lebens, flackert. Wahrhaft edle Art
hat dies vom Feuer, daß ihr's nicht gelingt,
sich zu verstecken, wickelt sie sich auch
in Finsternis, verkriecht sich in den Klüften
des Kaukasus in eine Schäferhütte,
sie glüht hindurch. Wer hinkommt, beugt die Knie!

Lorenzo Nun laß mich gehn. So machst du mich dem Feuer
zu ähnlich. Meine Wangen brennen schon.

Baron Noch nicht. Du hast noch etwas gut zu machen.

Lorenzo Wie kann ich's?

Baron                               Daß du dieses Spielzeug annimmst
und trägst. (Gibt ihm eine kleine Dose)

Lorenzo           Gold und Saphire!

Baron                                             Stört dich das,
so denk', es wäre Zinn, nicht darum gab ich's:
es ist mein Bild darauf und damals war ich
so alt, vielmehr so jung, wie du jetzt bist.

Lorenzo Nimm diesen schlechten Ring, so stehn wir hier
du Glaukos, Diomedes ich, das Bild
ungleichen Tausches.

Baron (zeigt auf das Bild auf dem Deckel der Dose)
                                    Hätte dieser da
das Feu'r in seinem Blut so schön gebändigt
wie du, so stünde nun ein andrer hier,
ich bin ein Kartenkönig.

Lorenzo                                 Laß ihn ansehn.

Baron Er ist mein Vater, denn ein jedes Heut
ist seines Gestern Sohn. Ich bring' dir Licht.

Lorenzo (das Bild starr betrachtend)
Dies . . . ist?

Baron                   Mein Bild. Ich sagte, 's ist lang' her.

Lorenzo Dein Bild?

Baron                       Du wirst wachsbleich.

Lorenzo (schreiend)                                       Ich träum', ich träum'!
Hexen und Teufel sind auf meinem Bett!
(Schlägt ohnmächtig hin)

(Baron, darauf Le Duc mit Wasser, um den Ohnmächtigen beschäftigt.)

Redegonda (aus der Tür heraustretend)
Ach, ich vergeh' vor Angst! Was ist denn hier?
Ganz sicher seid ihr alle einverstanden
und niemand schützt mich! und wo ist mein Bruder?

Baron Dein Bruder?

Redegonda               Ja, Achilles ist mein Bruder,
daß du's nur weißt. Es kommt doch nichts heraus
mit der Geheimniskrämerei, und der
(auf Lorenzo)
ist der Vittoria Mann, der Sängerin:
ich sag' dir's grad', weil er mir Zeichen machte,
daß ich's nicht sagen sollte! Denn wenn ich
will, daß sie was verschweigen, tut mir's keiner.
Ich weiß zwar nicht, warum er dir's verschwieg,
allein ich sag' dir's grad'! und ich geh' fort!

Baron Dies ist der Mann?

Redegonda                         Ja, ja, sie hat den Namen
nur am Theater nicht, weil er von hier
ein Adeliger ist, allein vermählt
sind sie zusammen. Und ein andres Mal,
wenn du soviel Geschäfte hast mit Herrn,
lad' niemand ein, in einem dunklen Zimmer
sich tot zu frieren! Das ist gar nicht höflich.

Lorenzo (schlägt die Augen auf)
Nun wird es Tag.
(Er steht auf, die Redegonda läuft hinaus)
                              Bei Gott, die Redegonda!
(Er hält sich atmend am Tisch fest)
So bin ich nicht bei mir!
(Erblickt die Dose am Boden, hebt sie auf)
                                        Nein, dies gibt Zeugnis,
daß ich noch bei Verstand bin. So leb' wohl.
Allein hier ist ein Knoten aufzulösen
und wird es! sei's zum Guten oder Bösen!
(Geht schnell ab)

Baron (zu Le Duc, nach einer Pause, Zeichen: Jetzt führ' die Andere herein)

Pause.

Vittoria (von rechts rückwärts)

Baron (vorne am Tisch. Sie zittert vor Erregung, kann nicht gleich sprechen)
Bist du es wirklich, Liebste!

Vittoria (kann nicht sprechen, muß sich setze»)

Pause.

Vittoria Es waren Leute bei dir.
(Sie redet fast gedankenlos, sieht ihn unaufhörlich an)

Baron                                           Ja, dein Mann.

Vittoria (versteht dies nicht, überhört die Worte vollkommen in ihrer Erregung; sie will aufstehen, ihre Kniee zittern, ihre Stimme lebt; setzt sich wieder)
Es ist zu Vieles von zu vielen Jahren:
eins wirft sich auf das andre; laß mich weinen.
(Sie weint lautlos; er geht hin, küßt ihre Hand, sie entzieht sie ihm sanft)
So fragst du mich nun gar nichts, du hast Recht:
wir sind hinaus übers Erzählen.

Baron                                                 Liebste,
wie du mich gleich erkannt hast!

Vittoria                                               Sonderbar,
jetzt seh' ich dich verändert, im Theater
war's wie ein Blitz, bei dem mein Blut im Sturm
dein früh'res Bild auswarf.

Baron                                         So wohnt's in dir?

Vittoria Du fragst?
Pause.
                        Auch deinen Namen trägst du nicht mehr,
hast wie ein altes Kleid ihn abgelegt.

Baron Was tut ein Name. Bin's nicht ich?

Vittoria (ängstlich)                                    Ja, bist du's?
Ich bin's. Mir ist, ich hab' in dieser Stadt,
wo keine Gärten sind, nur Stein und Wasser,
nicht altern können, nicht wie And're altern,
nur viel durchsichtiger und viel gelöster
vom schweren Boden scheint mir alles: dies
sind wohl die Augen, die der Herbst uns einsetzt.
Du warst mir Frühling, Sommer, Sonn' und Mond
in einem! Lieber, fühlst du, daß ich's bin?

Baron Fühlst du, daß ich's bin?
(Will sie küssen)

Vittoria                                       Laß! was willst du tun?
Pause.
(In einem zarten, reinen Ton mit sanften Augen)
Daß du's bist, ob ich's fühle? Ja und nein.
Ich bin bei dir und doch mit mir allein.

Baron So red' von dir.

Vittoria                         Ist's noch dieselbe Stimme?
Zuweilen seh' ich abends auf das Wasser:
es ist verwandelt, scheint ein Element,
herabgeflutet von den Sternen. Lautlos
verschleiert's und entschleiert, unaufhörlich
erzeugt es und zerstört es tausend Bilder
von Dingen, die nicht dieser Welt gehören:
so ist's in mir. Dies ist nun so geworden.

Baron Red' noch von dir, noch mehr.

Vittoria (immerfort lebhafter werdend) Hast du mich nicht
singen gehört? Sie sagen, daß es finst'rer
und lichter wird in einer großen Kirche
von meinem Singen.
Sie sagen, meine Stimme ist ein Vogel,
der sitzt auf einem Zweig der Himmelsglorie.
Sie sagen, wenn ich singe, mischen sich
zwei Bäche freudig, der mit goldnem Wasser,
der des Vergessens, und der silberne
der seligen Erinnerung.
In meiner Stimme schwebt die höchste Wonne
auf goldnen Gipfeln, und der goldne Abgrund
der tiefsten Schmerzen schwebt in meiner Stimme.
Dies ist mein alles, ich bin ausgehöhlt
wie der gewölbte Leib von einer Laute,
das Nichts, das eine Welt von Träumen herbergt:
und alles ist von dir, dein Ding, dein Abglanz.
Denn wie ein Element sein Tier erschafft,
so wie das Meer die Muschel, wie die Luft
den Schmetterling, schuf deine Liebe dies.
In deiner Liebe, nur aus ihr genährt,
unfähig, anderswo nur einen Tag
sich zu eratmen, einzig nur bekleidet
mit Farb', aus diesem Element gesogen,
wuchs dieses Wunder, dies Kind der Luft,
Sklavin und Herrin der Musik, Geschwister
der weißen Götter, die im Boden schlafen,
dies Ding, das ich so: meine Stimme nenne,
wie Einer traumhaft sagt: mein guter Geist!

Baron Wie hätte ich an solchen Wundern Schuld?

Vittoria Mein Lieber, wohl. Denn dies entstand ja so:
Als du mich ließest, stand ich ganz im Finstern
und wie ein Vogel an den dunklen Zweigen
hinflattert, suchte meine Stimme dich.
Du warst im Leben, dies war mir genug.
Ich sang, da warst du da, ich weiß nicht wie,
ich meinte manchesmal, du wärst ganz nah'
und meine Töne könnten aus der Luft
dich holen, wie die Klauen eines Adlers.
Es wurden Inseln in der Luft, auf denen
du lagest, wenn ich sang. Und immer war mir,
als rief ich nur das Eine: Er ist schuld,
an allen Wonnen er, an allen Qualen!
Merkt nicht auf mich! Er ist es, der euch rührt!
Und meine Klagen senkten sich hinab
wie tiefe Stiegen, unten schlugen Tore
wie ferner Donner zu, die ganze Welt
umspannte meine Stimme und auch dich,
du warst in ihr.

Baron                       Sei wieder mein, Vittoria.

Vittoria Ich kann nicht. Nein. Ich will nicht!

Baron                                                             Wer verbietet's?

Vittoria Wer? (Kleine Pause)
                Menschen – auch.

Baron                                           Dein Mann?

Vittoria                                                             Mein ganzes Schicksal
verbietet's ungeheuer. Spürst du das nicht?
Es hüllt mich wie in seinen Schatten ein.

Baron Du lügst! Du liebst mich, aber du hast Furcht!

Vittoria O nein, nicht Furcht, nur Ehrfurcht.

Baron                                                           Komm zu mir:
wir wohnen –

Vittoria                 Auf dem Grabe uns'rer Jugend?
(Schüttelt den Kopf)
Ich hab' ein Haus, ich hab' – (Für sich)
                                              noch nicht, noch nicht!
Die Stunde kommt, wo er auch das erfährt!

Baron (will sie an sich ziehen)
Gehör' mir wieder! Denk' an das, was war!

Vittoria (zurücktretend)
Ich denk' daran. In mir ist keine Faser,
die nicht dran dächte. Eben darum laß mich!
Du denk' daran. Denk' an das Fürchterliche,
das kam, als wir mit frevelhaftem Finger
aufjagen wollten die verglühte Flamme.
Denk' an die Qual! Ich mein', ich muß vergehn
vor Scham, wenn ich dran denke. Auf dem Rand
des Bettes saßen wir wie bleiche Mörder!
Denkst Du's? Die Luft der Nacht blieb stehn wie starr
und draußen spie der Berg sein rotes Feuer
und leuchtete auf dein' und meine Qual.

Baron Was meinst du?

Vittoria                       Die drei Tage in Neapel,
wo wir als die Gespenster uns'rer selbst
uns in den Armen lagen, schmählich tauschend
mit bleichen Lippen nicht mehr wahre Worte!
und Küsse, nein, vielmehr blutrote Wunden
ein jedes auf das arme Herz des andern
über und über streute, bis ein Grauen
uns auseinander trieb!

Baron                                 In Genua!
Dies war in Genua. Es war zu nah
von uns'rem großen Glück, wir hatten noch
die Augenwimpern und die Fingerspitzen
versengt von zuviel Flammen. Welch ein Narr
war ich, Dich so zu quälen, welch ein Narr
und Bösewicht! um der Geschenke willen!

Vittoria (ganz verwirrt)
Geschenke?

Baron                 die der Marchese –

Vittoria (wiederholt)                           der Marchese . . . mir?

Baron Grimaldi –

Vittoria (tonlos)     Wie?

Baron                               Der dir das Landhaus baute –

Vittoria Ein Landhaus mir?

Baron                                   Das mit dem Pinienhain.

Vittoria Neapel war es und nicht Genua!
Ich weiß von keinem Landhaus! niemals waren's
Geschenke, wegen deren du mich quältest!
Nie kam der Nam' Grimaldi an mein Ohr!
Neapel war's! Neapel! Ich allein!
Nichts von Grimaldi! ich war ganz allein
– vielmehr nicht ganz allein, wer mit mir war,
hab' ich dir damals nicht gesagt, ich hielt
dies einzige Geheimnis mit den Zähnen
in mir zurück wie einen Fetzen Schleier
für meine Seele.

Baron                         Hätt' ich alles denn
verwechselt, so den Ort als die Person?

Vittoria Er hat's verwechselt! hat's vergessen können,
wie man den Inhalt einer schlechten Posse
vergißt, so wie den Namen eines Gasthofs,
wie das Gesicht von einer Tänzerin!
(Sie weint)
Und wenn er das vergessen konnte, was
vergaß er nicht?
(Pause)
Er weiß 's nicht mehr! Ich Närrin! Dies ist Leben.
Nun bin ich ruhig. Siehst du, früher war ich
so wie ein kleines Kind und hab' uns ganz
ums Plaudern und ums ruhige Erzählen
gebracht.
(Pause)
                  Ich hab' gehört, du warst ein Jahr
hier in den bleiernen Kammern, hast den Weg
mit deinen Händen Dir gebohrt, an Tüchern
dich nachts aufs Kirchendach herabgelassen –

Baron Dann kam ein Sprung: doch hatt' ich reichlich Kleider
übereinander an: zu unterst meine,
den grünen Rock –

Vittoria                         Den grünen Rock!

Baron Du weinst?

Vittoria                 Es war so bald
danach

Baron             Kein halbes Jahr. Darüber trug ich
von einem Domherrn das Habit. Zu äußerst
umschloß ein dicker dänischer Edelmann
mit Orden und Perücke diesen Klumpen.
Ich sprang und tat mir nur am Finger weh.

Vittoria (streichelt sanft seine Hand, die am Tische ruht; mit sanftem Vorwurf)
Nun kommst du wieder!

Baron                                     Wer erkennt mich?

Vittoria                                                               Ich
hab' dich erkannt.

Baron (küßt ihr die Hand)

Vittoria (sieht ihn lächelnd an)
                              Und Frauen, Frauen, Frauen
wie Wellen! wie der Sand am Meer! wie Töne
in einem Saitenspiel!
(leicht über seine Stirne streifend) Dies war der Strand,
verzeih, dies ist der Strand, auf dem die leichte Barke
des leichten Gottes landet, jedesmal
beladen mit der jüngsten Siegerin:
und viele Spuren sind in diesem Strand.
Nun aber geh' ich.

Baron                           Wie! wann kommst du wieder?

Vittoria Ich, wieder? nimmermehr! Dies war einmal
und durfte einmal sein.

Baron                                   Doch ich?

Vittoria                                                   Wohl auch nicht.

Baron Du hast mich früher überhört: Dein Mann –

Vittoria Ich hab's gehört, ich dacht', mein Ohr betrög mich.

Baron Dein Mann ward heut' mein Freund.

Vittoria (schüttelt verwundert den Kopf)

Baron                                                           Gleichviel, es kam so.
Und führt mich morgen, er, der von nichts weiß,
an seiner Hand vor dich und nennt den Namen –

Vittoria Den deinen?

Baron                         Nein, den ich jetzt hab'. Wir müssen
bedenken –

Vittoria             Ja; bedenken, heucheln, lügen.
Ich seh', das Leben läßt von seinem Brauch
nicht ab, und wenn es ein Versprechen hält,
so mischt es einen wilden Augenblick
zusammen aus Verwirrung und Besorgnis
und wirft einem Betäubten sein Geschenk
zweideutig lächelnd vor die Füße hin.
Dich führt mein Mann, der von nichts weiß, mir morgen
treuherzig lächelnd zu. Was dir verborgen,
dacht' ich in einer reineren Begegnung
an einem stillern Strande dir zu zeigen.
Nun ist's wie eine wilde Hafenstadt
voll Lärm, in dem die Nachtigallen schweigen.
Allein muß nicht in dieser dunklen Welt
sogar das Licht gewappnet gehen? Nun:
wir wollen einen Harnisch von Musik
anlegen und dann mutig alles tun,
was uns gerecht und schön erscheint. Die Macht
ist bei den Fröhlichen. Jetzt gute Nacht.
(Geht ab)

(Pause)

(Baron, dann Le Duc, der einige von den Lichtern auslöscht)

Le Duc Befiehlt der gnädige Herr zur Nacht?

Baron                                                             Jawohl,
jawohl, Le Duc. Der gelbe Koffer ist
gekommen? Bring' ihn her.

Le Duc (Bringt den gelben Koffer, sperrt ihn auf)

Baron Die Salbe für die Hände ist fast ganz
verbraucht.

Le Duc               Ich habe nach Marseille geschrieben.

Baron Sehr gut. Der neue Diener, wie? gefällt dir.

Le Duc Ich glaube nicht, daß Euer Gnaden wirklich
im Ernst gedenken, – Stellen Ihrer Dienste
mit Komödianten zu besetzen.

Baron                                             Wie?
so was im Ernst! Du kannst ganz ruhig sein.

Le Duc Ich war vollkommen ruhig. Andernfalls
hätt' ich sofort gebeten, meinen Rücktritt
in Gnaden zu genehmigen.

Baron (mit sanftem Vorwurf)
Le Duc! Le Duc!
(Pause)
                            Ich habe nicht genug
Bewegung!

Le Duc               Um Verzeihung, ich vergleiche
den gnädigen Herrn, was die Gestalt betrifft,
in jeder Stadt mit andern Edelleuten
von gleichen Jahren, nein, vielmehr mit Jüngern
und werde mit vollkommenem Vergnügen
mir jedesmal des Resultats bewußt.

Baron Die letzten Tage auf dem Schiff, ich fühl' es.
Le Duc, wir fechten vor dem Schlafengehn.

Le Duc Verzeihung, die Rappiere sind in Mestre
beim übrigen Gepäck.

Baron                                 So ringen wir.

(Er legt Uhr, Ringe, ein Armband ab
Le Duc zieht seinen Rock aus, stellt sich mit einer Verbeugung bereit. – Es wird unten heftig an eine Tür geschlagen. Beide horchen; es wird noch einmal angeschlagen.)

Baron Geh' nachsehn.

(Heftigere Schläge)

Le Duc (am Fenster)     Eine Gondel mit Maskierten!

Baron Auch Frauen?

Le Duc                       Nein, nur Männer.

Baron So ist's der Messer Grande und mein Tod!
(Blickt wild um sich, packt Le Duc an der Gurgel)
Du bist's, der mich verkauft hat, Schuft! nur du!
Sonst kennt mich hier kein Mensch!

Le Duc                                                     Gnädiger Herr,
Hier ist ein Messer. Wozu Ihre Hände?
(Entblößt seinen Hals)

Baron (Läßt das Messer fallen)
Vergib. Was ist das! Bin ich schon so schreckhaft!
Gib meine Ringe. Zieh' dich an, Le Duc.
Das Haus hat keinen zweiten Ausgang. Gestern
noch sicher wie in Mutters Schoß. Verflucht
mein Leichtsinn! wie? es ist gebaut, zum Teufel,
wie eine Mausefalle.
(Kramt fieberhaft im Koffer)

Le Duc Der Koffer?

Baron                         Nein, das Haus . . .
(Wirft Kleidungstücke aus dem Koffer)     . . . . das ist der Orden
vom goldnen Sporn –

Le Duc                               Was suchen Euer Gnaden?

Baron (weiterkramend)
Häng' du ihn um.

Le Duc                       Den Orden?

Baron                                               Du! ich will's!
Und steht der Henker unten, soll zumindest
ein Kämm'rer ihm die Türen öffnen, geh!
Nicht den, den großen Leuchter! geh'! dein Herr
empfängt.

(Wiederholte heftige Schläge; er verstummt, winkt Le Duc, abzugehen; dieser geht.)

(Allein. Er zittert heftig; er hält ein kleines Fläschchen, das er aus dem Koffer genommen, und steckt es zu sich.)

Und sind sie's, hilft mir dies. Warum? ich könnte
ja noch einmal entkommen. Nein, nein, nein.
Noch einmal alles dies: mit meinen Nägeln
den Mörtel bohren, auf den Atemzug
der Wächter horchen, alle Höllenqualen
erdulden, wenn der letzte Schuft dem Bett
auf zwei Schritt nahe kommt – noch einmal dies?
Ich merk', das Leben will dasselbe Stück
nicht wiederholen . . . . Was die Seele
genossen und ertragen hat einmal,
brennt sich beim Wiederkehren in sie ein
mit glühnden Stempeln: Ekel, Scham und Qual.
Dies ist beinah' der Brauch wie auf Galeeren:
und da und dort hilft eins, sich zu erwehren.

Le Duc (kommt zurück mit einem Brief)

Baron Was ist? Was wollen sie?

Le Duc                                         Fort sind sie, fort
und warfen dies herein mir durch die Tür.

Baron (liest aufmerksam, lacht dann heftig)
Wir sind nur Arlekin und Truffaldino
in einem tollen Stück. Die Herzogin
Sanseverina tut die große Ehre
uns an und ist – errätst du? – eifersüchtig.

Le Duc Das ist zum mindesten ein wechselnd Fieber,
es ließ lang aus.

Baron                       Heufieber, alle Jahre
ein Mal, doch heftig. Und sie schreibt, sie wisse,
was mich veranlaßt hat, hierherzugehen.
Ich weiß es selbst nicht! außer Übermut,
der Mäuse immer wieder zu der Falle
hinlockt. Und kurz und gut, sie droht, sie droht,
wenn ich bis morgen abend nicht Venedig
im Rücken habe, ist ein Brief am Weg,
der mich verrät an die Inquisitoren.
Wir gehn. Sie ist die Frau, ihr Wort zu halten.
Doch nun zu Bett; dies ist ein buntes Zeug
von Wiedersehn und Trennung, Angst und Lust,
und macht den Kopf so wirr, als hätt' man Nächte
in einem Maskenaufzug umgetrieben.
Wir gehen morgen, zwar vor Abend nicht:
Vittoria wollte mir doch etwas zeigen . . . .
Was wird das sein? Sie ist noch fast so schön
wie damals . . . doch ich merk', man soll kein Ding
zweimal erleben wollen. Wie wenn Fäuste
unsichtbar uns von rückwärts hielten. Seltsam,
Ich wollt', die Redegonda wär' geblieben!
Die hält kein Spuk mit Luft als wie mit einem
Gitter umschlossen. Vor zehn Jahren, glaub' ich,
hätt' ich dergleichen nicht gespürt. Dergleichen
sind deine unsichtbaren Boten, du,
den ich nicht nennen will, und dem die Zeit
auf leisen Sohlen dient.
(Er wechselt den Ton)   O schöne Stadt,
die nie versagt! Heut' war ein hübscher Tag,
wir wollen ihn uns merken! so gelungen,
als wär' er eines Dichters Kopf entsprungen!
Doch was vergeud' ich Schlafenszeit mit Schwätzen?
Wir wollen auf dies Heut' ein bessres Morgen setzen!
(Wendet sich an der Türe zum Schlafzimmer noch einmal um.)
Schreib' um die Salbe. Ja, du hast schon! Gut.

Vorhang.

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