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Denkwürdigkeiten von Wien

Wilhelm Ludwig Wekhrlin: Denkwürdigkeiten von Wien - Kapitel 4
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authorWilhelm Ludwig Wekhrlin
publishern.n.
titleDenkwürdigkeiten von Wien
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Dritte Parthie

 

 

 

Inhalt der §§. zur dritten Parthie.


§. 1. Handlung.

§. 2. Künste.

§. 3. Luxus.

§. 4. Policey.

§. 5. Justitz.

§. 6. Gelehrte.

§. 7. Seltne Männer.

 

 

Buchschmuck

§. 1.

WWien ist ein Bild, wie es im Reiche Indostan seit der Regierung der Moguln aussiehet. Die Verschiedenheit der Nationen, welche unter dem Oesterreichischen Scepter stehen, die spanischen und lotharingischen Regierungen, haben eine Menge fremde Nationalen versammelt. In den Strassen zu Agra (Voyages d'un Philosophe,) siehet man Tatarn, Perser, Muselmänner, Maratten, Barbarn, unter einander vermischt. Die Indianer haben sich in die Gebürge geflüchtet. Zu Wien wimmelt es von Franzosen, Wälschen, Hungarn, Raizen, Juden, und Reichsgliedern. Die ursprünglichen Oesterreicher sind verschwunden. Von dem Hause Staremberg an, sagte mir gestern eine Magistratsperson, bis auf den Kerl, der mit der Klapper in den Strassen herumgehet, ist kaum eine Familie unter uns übrig, die ihr Oesterreichisches Herkommen in einer unvermischten Geschlechtsfolge vom Urgroßvater herleiten kann.

Die Trägheit der Nation, ihr natürlicher Hang zum Wohlleben und Müssiggange waren Ursachen, daß die Fremden kamen, den Wienern das Brod vor dem Maul wegzunehmen. Es kommen ganze Fluthen Menschen aus Schlesien, aus Böhmen, aus Lotharingen, aus Schwaben, aus der Pfalz, aus Sachsen, um ihr Glück in Wien zu suchen. Diese ausgehungerte Nationen, welche durch die Noth an Sparsamkeit und Fleiß gewohnt sind, verkaufen sich anfänglich als Sclaven in die Dienste der Einwohner. Wenn sie sich fest genug gesetzt haben, so handeln sie als Ueberwinder, und unterdrücken ihre Herren.

Die Geschichte der Handlung und der Industrie der Wiener ist sehr neu. Ich schreibe ihnen eine Stelle ab, wie ich sie in einem Lokalschriftsteller finde, der von diesem Gegenstande handelt. Sie enthält alles, was man hievon sagen kan.

»Es ist ungewiß, sagt man, ob eine
»Residenzstadt Handlung treiben kan. Der
»Handel erfodert Sparsamkeit, Freyheit
»und Glauben; Dinge, die an Höfen –
»wo die Unterdrückung, der Luxus und der
»Betrug herrschen – nicht fortkommen.

»Gleichwohl sind Lißbon, Neapel, Lon-
»den, Venedig unstreitig grosse Handels-
»städte – – – – Ihr irret euch, wenn
»ihr euch beklagt, die Regierung lasse den
»Handel bey euch nicht aufkommen. Ihr
»seyd nicht gemacht, glücklich zu seyn. Euer
»Handel ist bloß leidend; einmal weil ihr
»das Handwerk nicht verstehet; zweitens
»weil ihr nichts wegzugeben habt.

»Ich habe mich bemühet, die Stoffe zu
»untersuchen, womit Wien tauschen könn-
»te. Aus Hungarn und der Türkey erhal
»ten wir Wolle, Seide, Vieh, Fische, Wild-
»brät, Weine, Getraid, Reiß, Specerey
»und Leder. Dagegen geben wir Galante-
»riewaaren, Porcellan, etwas Tuche und
»baar Geld. Hier ist die Bilanz wider
»uns. Aus dem Reiche und Italien em-
»pfangen wir Weine, Oel, Früchte, Ge-
»traid, Manufacturen. Dagegen geben
»wir Kupfer, Quecksilber, Eisen, Weine,
»Hüthe, Wolle, Pferde. Hier ist ein Ue-
»berschuß im Tausche. Aber der Geld-
»cours und die Mauthen betragen 15 6/ 8
»Verlust. Folglich ist die Bilanz abermal
»wider die Unternehmung. Das, was uns
ȟbrig bleibt, ist die Fabrikatur. Als
»Faktors werden wir glücklicher seyn, denn
»als Herren. Who buys hath need of
»an hundred Eyes, who sells hath enough
»of one
. Ein auf der Börse zu Londen übliches Sprüchwort: Der einkauft, hat hundert Augen nöthig: der verkauft, nur Eines.
Anm. d. Ueb.

»Unter hundert Fabriken, die wir besitzen,
»sind kaum sechs erträglich: die Hüthe, die
»Florarbeit, das Leder, die Sattlerey, die
»Tischlerey, die Wollweberey.

»Man muß gestehen, daß die Regierung
»Wunder gethan hat, um unsere Industrie
»zu ermuntern. Nichts ist übertreffender
»als die Privilegien für die Fabriken; die
»Gesetze, wodurch solche geschützt werden;
»die Fonds, womit der Staat die Anlage
»unterstützt; die Vortheile, welche man dem
»Unternehmer einräumt.

»So viel verödete Fabriken, so viel un-
»vollendete Maschinen, die man nicht ohne
»Bewunderung und Rührung betrachten
»kann, sind sie weniger als rühmliche Denk-
»mäler von der Weisheit und Wohlthätig-
»keit der Regierung? Sie sind wie mir
»deucht, ewige Zeugen, daß wenn die Wer-
»ke unvollkommen geblieben sind, es nicht
»dem Antheile des Staats, sondern der
»Trägheit oder Bosheit ihrer Unternehmer
»beygemessen werden müsse.

 


 

»Je mehr ich die Vorzüge der Regierung
»in diesem Stücke betrachte, desto häufiger
»fliessen sie auf meine Feder zu. Leopold
»stiftete schon 1667, zum Vortheile der
»bürgerlichen Handlung zu Wien, eine orien-
»talische Kompagnie. Sie ist völlig erlo-
»schen, weil ihr das Nahrungsöl erman-
»gelte, welches wir selbst beytragen muß-
»ten. Der edelmüthige Karl, sein Nach-
»folger, gründete in eben derselben Absicht
»die bekannte Girobank, wozu sein Vater
»schon seit 1704 einen Dot von acht Millio-
»nen beygelegt hatte.

Diese Bank bestehet, ob zwar unter einer unendlich veränderten Gestalt, noch.

»Unter der itzigen übertreffenden Regie-
»rung wurden Fabriken in allen Gattungen
»erschaffen. Man errichtete ein Commerz-
»kollegium; die Schiffarth auf der Donau
»wird zur Vollkommenheit gebracht; der
»Handlungscodex wird durch eine Menge
»neuer Gesetze und Edicte verbessert; es
»wird eine Börse gestiftet, und der Mauth-
»zoll in ein System gebracht. Trotz dieser
»Vortheile verbessert sich unser bürgerlicher
»Handel nicht. Wir beklagen uns unauf-
»hörlich, bald über die Aufhebung des
»Prachtaufwandes, bald über die Ausschwei-
»fungen der Mauth, bald über die Bedrü-
»ckungen des Schleichhandels. Es ist an
»dem, daß wir selbst nicht wissen, über was
»wir uns zu beklagen haben........

»Wie? sollte die Abschaffung der Pracht-
»feste uns Grund zur Klage geben? Ich
»weis nicht, ob der Adel mit uns gleich
»denkt. Hier schlägt die Fabel von den
»Klägern und dem Guckuck an. Wir be-
»haupten, daß die Bedürfnisse des Adels,
»die Consumtion der Handlung, und der
»Kreislauf des Geldes um so viel abneh-
»me: die Noblesse allegirt, daß die Hof-
»gallen hingereicht hätten, die ansehnlich-
»sten Häuser unter ihnen zu ruiniren. Wir
»Thörichte! was verstehen wir unter Galla?
»goldene und silberne Spitzen – sammetne
»Zeuge – seidne Stoffe? Diß war nicht
»unser Handel; wir waren nur die Faktors
»Anderer. Der Guckuck pfiff also für die
»Kaufleute zu Lyon und Genua, und nicht
»für uns. Wie lange werden wir uns noch
»bemühen, zu begreifen, daß alle Gesetze
»wider den Luxus in sich nichts sind; daß
»sich das Wesen der Sache nicht verändern
»läßt; daß man höchstens die Gestalt ver-
»wechslen, aber nicht hindern kann; daß
»sich der Luxus auf eine andere Seite ziehe,
»weil die Bedürfnisse keine Gränzen ausge-
»steckt haben?«

So weit der Schriftsteller. – Man muß niemal in Londen, in Cadix oder Lißbon gewesen seyn, um sich über den Mauthzoll in den kaiserlichen Staaten zu beklagen. Er ist unendlich sanft gegen jene. Gleichwohl sagen die Negocianten dieser Städte nicht, daß er sie in der Handlung hindere. Die Ursache ist: sie handlen aus Grundsätzen; und nicht aus Uebung.

Der Mauthzoll in den Oesterreichischen Staaten drückt, so viel ich eigentlich bemerkt habe, die Ausländer. Es sind Bürger einiger benachbarten Reichsstädte. – Wesen, die zu klein sind, um Gesetze von der Art zu verdienen – welche, in ihrer Heimath an keine Mauthordnungen gewöhnt, den Mauthzoll ins Geschrey gebracht haben. Die Kaufleute zu Wien winseln ihnen nach; denn das Klagen ist ansteckend, eben so wie das Gähnen. Jeder Mauthzoll, der nur die Einfuhre beschwert – und von dieser Gattung dünkt mich, ist der Oesterreichische – ist ein Seegen für die Nation selbst. Er zielt darauf, um die Industrie zu ermuntern, die Nationalhülfsmittel zu beleben, und den Reichthum des Staats zu erhalten.

Es beträgt vielleicht mehr als eine Million, die man hier aufgewendet hat, um die Schiffarth auf der Donau zu vervollkommen. Man weis die Versuche des berufenen Rheinschiffers, aufwärts, ohne Hülfe der Pferde zu fahren. Die Wiener sagen, daß es dem Manne noch nicht gänzlich geglückt hatte. Unterdessen sah man jenseits diesen Versuchen einen andern, der vollkommen glücklich war. Ein Genueser erschien vor den Thoren Wiens mit einem Segel, so er an den Ufern der Saw erbauet, und durch die Donau heraufgeführt hatte. Die Equipage bestund aus 6 Montenegrinern. Es war die erste Erscheinung in dieser Art vor den Augen der Wiener. Es ist nichts unmöglich, sagt der Vater der Philosophie: man muß nur wissen zu wollen. Ludwig XIV wollte, und es ward Versailles und ein Kolbert. Voltaire – Siecle etc.

Eines der gegründetesten Hindernisse des Handels zu Wien ist vielleicht der Mangel des bürgerlichen Kredits. Die Ursachen, welche den Kredit heben oder fällen, sind veränderlich. Beck entdeckte ein Specificum wider den Banquerott der Handelsleute. Im Jahr 1748 entwarf er, zum Vortheil der Handlung zu Strasburg, den Vorschlag einer Assecuranzgesellschaft für den bürgerlichen Kredit. Zufolge dieses Entwurfs war es unmöglich, daß bey einem Banquerott verlohren gehen konnte. Es war an dem, daß der Vorschlag in Anwendung gebracht werden sollte, als dem Urheber sein Manuscript auf Begehren des Herrn Generalcontrolleur abgenommen wurde.

 

§. 2.

»Die Gärtner sind gut; aber der Boden »taugt nichts. Temple – Lettres of Arts etc.

Milord, wir befinden uns hier zu Wien in ihrem Falle. Wir haben unsere Hamiltone, unsere Richmonds, unsere Orrerys .... Wir haben noch mehr .... einen Kaunitz, einen Galliczin, einen Kettler – erklärte Beschützer der Kunst; aber die Raphaele und Sansovino sind so selten als in England.

Es liegt alles an der Unterstützung! schreyen die Künstler – es liegt alles an Beweisthümern! antworten die Beschützer. Haben beyde Partheyen Recht? Im Garten des Doktor Meßmers siehet man die berufene Gruppe eines gewissen Messerschmidts, welcher ziemlich auf dem Wege der Donners arbeitete. Von eben diesem Künstler stehet ein heiliger Johannes in der Begräbnißkapelle des grossen Eugen; eine Mutter Gottes über dem Portal des savoyschen Fräuleinstifts; ein Kopf des van Swieten im Hörsale der Aerzte. Alles diß ruft man für Meisterstücke aus. Wenn sie es sind; so ist man sie der verstorbenen Prinzessin von Savoy, aus dem Hause Lichtenstein, schuldig, welche den Künstler beschützte. Gleichwohl hat man einen Erzengel Michael von eben diesem Künstler auf dem Gottesacker der Pfarre an der Landstrasse, wordurch er den Schutz der Princessin nicht rechtfertigt.

Die Akademie der bildenden Künste, wobey Meytens und andere Zunftgenossen, ehemals tagwerketen, ist mit der Kupferstecherakademie, welche eine Schöpfung des Fürsten Kaunitz, in den neuerern Zeiten ist, vereinigt. Diese letztere ist durch den hohen Rang ihrer Mitglieder eben so merkwürdig, als durch das Verdienst der daran arbeitenden Lehrer. An der Spitze ihrer Mitglieder stehen die Erzherzoginnen von Oesterreich. Man hat vortrefliche Handzeichnungen von diesen Prinzessinnen. – Eigentlich gebührt der Thron im Reiche der Grazien den Töchtern der Venus. –. Was die Lehrer anbetrift, so nennet man Schmuzern, welcher lange Zeit für den besten Schüler Wille's gehalten wurde, und Baier, den seine Modelle berühmt machen. Brand ist vielleicht in der Kunst der Teniers und der Vanloo's glücklich. Wenn die Mahler zu Wien nicht alle Angelo's und Cassareli's Ein Sänger, der durch seine Kunst Herzogthümer und Goldminen gewann. sind; so ist es gewiß nicht die Schuld des Publikums. Nirgendswo gehet die Kunst weniger müssig. Die Wiener wollen von allem, was ausserordentlich ist, eine Abbildung. Ich habe Gallerien gesehen vom General Paoli an, bis auf den englischen Bereuter. Ich habe diesen Pickelhering unter verschiedenen Figuren abgebildet gesehen, sogar einmal in der Kleidung eines Franciskaners.

Für die Mahlerey und Bildsäulen wollte ich wetten, daß es die Wiener binnen einem halben Jahrhunderte kaum bis zum Erträglichen bringen. In der Baukunst gelingt es ihnen besser. Die kaiserliche Reutschule, die Karlskirche, die böhmische Hofkanzley, deren Baumeister Wiener waren, sind Beweise davon. Unter den merkwürdigsten neuern Gebäuden ist der Fürst Paarsche Pallast, und einige einzelne Säle. In einem dieser letztern sah ich das allegorische Bild Josephs II in Plafond gemahlt. Der Prinz sitzt unter der Gestalt des Apoll, im Tempel zu Delphos, wo ihm die Künste opfern. Mich dünkt, der Mahler hat die Vergleichung nicht recht gefaßt. Sie sollte umgewendet seyn. Joseph sollte unter der Gestalt des Oberpriesters im Tempel Isis, mit dem Bilde der Wahrheit auf der Brust, der Tugend opfern. Diß ist sein Kontur.

Erwarten sie nichts, Karl, über die Materie der Musik. Burney hat diesen Gegenstand abgehandelt. Ich berufe mich ungern auf ihn; denn er hat sich in viel Stücken geirret – irren ist der Charakter eines Burney – Unterdessen kann man doch nicht weitläufiger davon schreiben, als er gethan hat. Die Tonkunst ist seit der Oper Karls VI zu Prag, welches vielleicht die größte und vollständigste Oper ist, so man jemals in der Welt gegeben hat: so wie dieser Monarch der größte Beschützer ist, den die Muse der Tonkunst in allen Jahrhunderten gehabt hat, am kaiserlichen Hofe entwöhnt ..... Damals lebte Fuchs noch, dem man den Contrapunkt, die Schikane der heutigen Tonsetzer, zu danken hat. Einer seiner berühmtesten Schüler war Reutter. Es ist merkwürdig, daß Reutter, Meytens und Weiskern, drey Pedanten, die den Geschmack in den schönen Künsten zu Wien verdarben, Zeitgenossen waren.

Die Gärtnerey, worauf man in England und Frankreich so viel hält, ist hier völlig vernachläßigt. Ich zweifle, ob man sie zu Wien unter die schönen Künste zählt, ungeachtet sie unmittelbar an die Mahlerey gränzt. Es ist gewiß, daß eine der andern ihren Reiz mittheilt. Ich bin überzeugt, wenn die Kunst durch Töne reden könnte, sie würde gestehen, daß sie sich lieber in den Garten zu Potsdam, oder in dem Park zu Marly findet, als in den Sälen der Farnesischen, und Barbarinischen Palläste. Hier kömmt sie mir vor, wie eine Dirne, die aus dem Galanteriemarkte zu St. Germain feil stehet; dort aber, wie eine Göttin, welche auf der Erde lustwandelt.

Dem ungeachtet giebt es eine Art Haiden um die Bezirke der Wirthshäuser allhier, die man Gärten nennet. Sie sehen dem Bilde des verlohrnen Paradieses ähnlich. Man schmaust, spielt und siehet, wie die Menschenkinder nach dem Falle der Welt lebten. Kaum erblickt man ein grünes Gras; so sehr fliehet alles in diesen Orten vor dem Begriffe eines Gartens.

Man kann nicht umgehen, zwo den Künsten sehr günstige Anstalten allhier zu loben. Die eine ist: eine Zeichnungsschule für die Metiers (l'ecole de Graveurs, oder l'ecole de Domaneck). Sie ist sehr wohl bestellt, und von einer ganz unterschiedenen Einrichtung gegen andere Etablissements in dieser Art. Die andere bestehet in der Handlungsakademie, die man hier die Realschule nennt, und deren Vorsteher ein Mann ist, welcher den Ruhm des Wolfschen Namens fortzupflanzen fähig ist.

Diese zwey Etablissements würden mit der Akademie der bildenden Künste zween Gesichtspunkte ausmachen, wozu ich die Pendants angeben werde: ein Konservatorium für die Musik, und eins für das Schauspiel.

 

§. 3.

Wenn es wahr wäre, daß die Künste Kinder des Ueberflusses sind; so müßten sie zu Wien – nicht wohnen, sondern – herrschen. Der Luxus, dieses beglückte Kennzeichen des Vorzugs unserer Zeiten, lebt hier in seiner Grösse. Es ist natürlich, daß eine Stadt, die keine Handlung und folglich viel Müssiggänger hat, sich auf den Pracht verlegen muß, wenn sie bestehen will. Auch giebt es weder zu Nürnberg, noch zu Paris irgend eine unnütze Erfindung, die zu Wien nicht aufs genaueste nachgearbeitet wird. Ein jeder bestrebt sich, seinen Nachbar im Patriotismus zu übertreffen, indem er den Aufwand befördert.

Lassen sie uns nicht disputiren, Karl, ob die Verschwendung ein nützliches oder schädliches Wesen sey. Es ist eine Frage, woran meines Wissens noch keine der neuern Policeykünstler gedacht hat: müssen sich die Policeygesetze nach der Veränderung der Sitten richten; oder müssen die Sitten sich nach den Policeygesetzen verändern? Die Erfindung des Luxus hat eine Epoche in der menschlichen Denkensart gemacht. Sie hat den Begriff der Ehre und des Nachruhms in einen neuen Lichtpunkt gestellt. In Rom und Athen arbeitete man für die Ehre nach dem Tode. Wir sind klüger worden: wir arbeiten bloß für den Tag, den der Himmel giebt. Unbekümmert um den Ruhm der spätern Zeiten, spricht Herr von Walltron, genießt man zu Wien, was man findet, verzehrt, was man hat, und dient, um genießen und verzehren zu können. Diß ist der Ehrgeiz unserer Patrioten. Der Glanz des heutigen Tages hat mehr Reize für sie, als das Lob eines künftigen Jahrhunderts: und das Glück mit Vieren und Sechsen zu fahren, schmeckt ihnen süsser, als eine Denksäule von Granit. Die Professoren der Mäßigkeit erbarmen mich. – Ist nicht ausgemacht, daß bey einer monarchischen Verfassung die Staatstriebfeder die Ehre sey? und besteht die Ehre nicht in Pracht? ..... Also! ... wozu das Pappierverderben?

Freylich ist ein wenig Unterschied vorhanden. Der Begriff der vorigen Ehre schien dem Staate vortheilhafter zu seyn, als der heutige. Jener erfoderte mehr nicht, als eine wahre Grösse im Leben, und einen mäßigen Aufwand nach dem Tode; der heutige führt zu einer Reihe Verschwendungen, übermäßigen Besoldungen, unnützlichen Zerstreuungen – und wenn man es sagen darf – ein wenig zum sittlichen Verderben. Aber diß ist eine Sache, die man dem Publikum nicht weis machen muß.

Zufolge der genauesten Vergleichungen des Aufwandes, mit den Bevölkerungstabellen zu Wien findet man eine Summe von 8,300,000 fl. die der Pracht und der Geschmack der Inwohner jährlich in Umlauf setzt. Herr von Walltron hat mir einen Auszug dieser Vergleichungen aus dem Archive der Policey vom Departement der politischen Rechenkunst, verschaft. Hier ist die Abschrift. (S. die Tabelle.)

Fürs Militärjahr.
1775.
Ein Kavalier vom ersten Adel ist zum Maasstab angenommen.
Verhältnisse In der
Kunst Tafel
zu geben.
 
In der
Anzahl der
Domesti-
quen.
In der
Kühnheit zu
spielen.
 
Im Ge-
schmack an
den Parthies
de Plaisir
.
In
der Garde-
robbe.
 
Ein Rath. gnädige Herren. wie zu
12
6 4 10 8 5
Ein Negociant. 8 3 4
Ein Agent. 6 4 9 8 6
Ein Prälat. 11¾ 6 10 10 4
Ein Kaufmann. gestrenge Herren. 4 4 6 8
Ein Kanzellist. 6 8 9
Ein Komödiant. 6 2 8 10 11½
Ein Schneider. 1 6
Ein Thürhüter. 5 1 2⅓ 4

Signatum, den . . . . . .

Beer

Dank sey der Regierung, so diese glückliche Constellation begünstigt! Es giebt keinen Staatsbeamten zu Wien, welcher sich in dem Falle des Kanzler Pips Pips war Kanzler Karls IX, Königs in Schweden. Einst begegnete ihm der Kronprinz in einer üblen Laune. Sie fressen so eine grosse Besoldung, sagte er zum Kanzler, und sie wissen doch auch nicht alles. »Gnädigster Herr, antwortete Pips mit trockener Miene, Seine Majestät dero Herr Vater bezahlen mich gerade für das, was ich weis: wenn ich jenes wüßte, was mir noch abgehet: so wäre er nicht reich genug, mich zu besolden.«
Anm. d. Ueb.
befindet. Es scheint, daß der Tarif zwischen der Gnade des Hofs und den Talenten dieser Herren ziemlich hergestellt sey. Nichts ist angenehmer, als daß man hier die gemeinsten Dinge genießt, ohne zu wissen, woher sie kommen. Die Wiener, welche nicht glauben, daß ausser ihrem Meridian noch ein Land auf der Erde sey, geben allen Fremden, die auf der Donau ankommen, den Namen der Schwaben. » Es ist nur »Wien!« spricht man hier an den Tafeln. Diese vornehme Ingnoranz hat sich bis in die Kanzleyen verbreitet. Im Jahr 1750 berathschlagte man bey der Kommerzkammer, ob ein Handel mit Schiffbauholz von Trieste nach Holland eingerichtet werden könne. Es fragt sich, sprach der zuerst votirende Rath, ob die Pforte erlauben wird, daß unsere Flöze den Sund passiren mögen?

Die Farben, woraus der Luxus zusammengesetzt ist, sind, das Spiel, die Moden, und die Vergnügungen. Es ist lustig, wenn man von Prachtgesetzen, von Kleiderordnungen, von Spieltaxen in einem Jahrhunderte reden hört, wo das Geld im Ueberflusse ist, und die Künste müssig gehen. Die Bestimmung der eigentlichen Linie, bis wohin der Prachtaufwand reichen solle; das wahre Gleichgewicht in den Gesetzen zwischen dem Schuldner und dem Gläubiger, und noch einige andere ähnliche Fälle der bürgerlichen Politik scheinen mir der Stein der Weisen in der Projectirkunst zu seyn.

Lehrer der Staats-, Finanz- und Policeykunst! ihr berufet euch auf das Beyspiel Schwedens? Wie, dieses menschenlose und armseelige Land vergleichet ihr gegen uns? Ihr thut wohl daran; – ein Land, wo der Bürger einen Erdapfel ausrauft, und dabey jauchzt: Hui, welch ein Leckerbissen! Sehet einen Schneidermeister zu Wien oder Paris in einem Schlafrocke von Peruvienne sitzen, wie er mit kaltem Blut eine Tasse Schokolade nimmt, und wenn er sie getrunken hat, zu seinem Jungen spricht: Bestie! ich werde dich lehren, künftig von der feinern Sorte zu bringen.

Es fehlte nichts mehr in Schweden, als daß man vollends eiserne Kleider erfand. Ein Policeykommissar zu Stockholm machte diese Entdeckung im vorigen Jahre bekannt. Nichts ist ein traurigerer Zeuge von dem Elende dieser Länder. Im Jahre 1771, als in ganz Deutschland eine Hungersnoth wüthete, wagte ein nasewitziger Mensch zu Wien ein Mittel im Druck zu verkündigen, wie man für zween Groschen des Tags leben kan. Das Publikum fand sich geärgert. Man lief zu Haufen, und suchte den Schriftsteller auf, um ihn zu steinigen. Einige Monate später las man folgenden Brief in den öffentlichen Zeitungen.

»Viel Glück zur Autorschaft, Herr Wo-
»chenblättner! Um die nämliche Zeit erschien wirklich in den Oßnabrückischen Intelligenzblättern ein Brief, der mit gegenwärtigen viel Aehnlichkeit hat.
Anm. d. Ueb.
Sie nehmen es doch nicht übel,
»wenn ich mein Compliment mit dem unmaß-
»geblichen Wunsche begleite, daß sie in dem
»neu angetretnen Autorjahre vernünftiger wer-
»den mögen, wie im vorigen? Sie können
»leicht errathen, was ich sagen will. Dann,
»daß ihr einfältiger Vorschlag, die Moden
»abzuschaffen und eine Kleiderordnung einzu-
»führen, höchst lächerlich sey, das werden sie
»selbst einsehen. Die Projektenmacher sind
»verächtliche Geschöpfe. Es sind Leute, wel-
»che die Natur zum Drechslerhandwerke be-
»stimmt hat, und die zum Urtheil der Welt
»sich in Schriftsteller- und Policeygelehrte ver-
»wandeln. In Schweden mag der König im-
»merhin, wie sie sagen, eine Nationalklei-
»dung einführen; dann ich gedenke mein Leb-
»tag nicht dahin zu reisen. Aber zu Wien,
»wo man seit der Auferstehung Christi die
»völlige Freyheit hat, zu tragen, was man
»will, werden sie doch nichts Neues aufbrin-
»gen wollen? Meynen sie, daß man um ih-
»res albernen Wochenblatts willen seinen
» Fichus oder Pets-en l'air herabreissen und
»ins Feuer werfen wird? Das beste ist, daß
»niemand ihre Armseligkeiten liest: sonst wür-
»de ich verzweiflen.

»Warum bringen sie nicht auch eine Ta-
»feluniform in Vorschlag? Ein Stück Rind-
»fleisch auf einem bleyernen Teller, und eine
»Portion Sauerkraut dazu würde vortreflich auf
»den Tafeln unserer grossen Herren stehen.
»Merken sie ihre Thorheit? Statt des Cham-
»pagners könnten sie weisses Bier einführen.
»Diß würde euch Männern wenigstens den
»Kopf nicht blöd machen, wenn wir Frauen-
»zimmer uns einen neuen Schuh kaufen
»wollen.

»Ich bin nur ein Mädchen. Ich wollte
»aber bessere Projekten machen als Sie, viel-
»weiser Herr. Sie eifern wider das Haarpu-
»der. Vergessen sie das grosse Projekt unse-
»rer Finanzräthe, die Landesprodukte zu ver-
»edlen? oder wollen sie, daß wir den Getraid-
»überfluß, den wir in Böhmen und Hungarn
»haben, lieber den Ratzen zu fressen geben
»sollen?

»Ich bin müde, mich länger mit ihnen
»aufzuhalten. Sie sind ein schlimmer Mann,
»der vielleicht seine besten Tage schon genossen
»hat, und uns jungen Leuten keine Freude
»mehr gönnt. Merken sie diß, und lassen sie
»sich das Projekt, die Welt klüger zu machen,
»vergehen. Ich bin auf diese Condition mit
»den ergebensten Gesinnungen für den Abgang
»ihrer Schrift.

Amalia von Haubenspitz.

Courage mein gnädiges Fräulein! Sie haben Recht. Der Schriftsteller ist ein Narr, ein Stockfisch. Die Annehmlichkeiten der Natur sind zugegen, um sie zu geniessen. Es ist wahr, es beleidigt ein wenig die Delikatesse, daß die Frau eines Schreibers in einem eben so weichen Bette schlafen soll, wie die Fürstin Lobkowitz. Wenn sie von Robbes à la Poniatofsky, à la Henry quatre, von Soupirs etouffés, von Chapeaux à la Canada von Considerations, Prétensions, Attentions, und Vin du Cap und Démigaloppins spricht: so muß die Stirne ihres Gemahls dreyfach mit Eisen umgeben seyn, um nicht aus ihren Angeln zu brechen. Aber trägt nicht die Industrie der Frau das meiste bey, ein Haus in Glanz zu setzen?

Ja, Karl, diß ist so gewiß, daß es mehr als ein Haus zu Wien giebt, dessen Etat ist, Spieltische zu halten. Ich besuche die Gesellschaft der Baronne G... sehr fleißig. Es ist eines von den Häusern, wo am besten gespielt wird, und wo sich eine schöne Welt versammelt. Die Baronne hat Mittel gefunden, sich das Glück unterwürfig zu machen, von welchem sie vernachläßigt zu seyn schien. Sie kam vor einigen Jahren als ein armes Fräulen nach Wien. Ihre Geburt ließ ihr nicht zu, den gemeinen Weg zu nehmen, um sich in gemächliche Umstände zu versetzen. Es fand sich ein verständiger Freund, der ihr mit Rath an die Hand gieng.

Die Baronne hat eine Mutter, welche eine ziemlich kavaliermäßige Miene besitzt. Sie verweilte sich nicht länger, als, um einen Blick auf den Platz zu werfen, und die Lage zu prüfen. Sogleich nahm sie die Post nach Padua. Hier verkleidete sich ihre Mutter in einen Kavalier. Sie nannte sich den Bräutigam des Fräulen, und ließt sich unter dieser Verkleidung mit ihrer Tochter öffentlich trauen.

Binnen zween Monaten kam das Fräulen als Baronne G.... mit ihrem verstellten Gemahl zu Wien an. Niemand konnte ihr übel deuten, Besuch anzunehmen, und als eine verheyrathete Frau zu leben. Mutter und Tochter leben auf diesen Fuß seit zwey Jahren ungestört. Der Baron giebt Spieltische. Seine Gemahlin hat zwo sogenannte Anverwandtinnen von ihrem Mann, die artigsten Frauenzimmer von der Welt, bey sich. Diese helfen die Annehmlichkeiten und die Ressource des Hauses vermehren. Die Baronne hat sich grosse Beschützer erworben. Ihre Lebensart ist sehr philosophisch. Des Morgens um 5 Uhr legt sich die Familie schlafen. Um 12 Uhr hört man eine ganze Messe. Alsdenn nehmen die Frauenzimmer eine Brühe. Abends um 6 Uhr findet sich die Gesellschaft ein. Um 9 Uhr speist man, en Cotterie. Hiebey geht alles so wohlanständig zu, wie bey einer Königin.

Es muß doch an dem seyn, wie die Menschenkenner sagen, daß der Trieb zum Vergnügen unsere gewisseste und wichtigste Bestimmung ist, weil sich alle Jahrhunderte und alle Gegenden der Erde vergebens bemühen, ihn uns zu rauben.

 

§. 4.

Sangaride ce jour est un grand jour pour vous Sangarid, dieser Tag ist wichtig für dich.
Anm. d. Ueb.
– – –

»Sorgen, daß die Lampen in den Stras-
»senlaternen brennen; Brod- und Fleischtaxen
»hüten; die Schorsteine visitiren; Fremdlin-
»gen nachspähen; die Bierhäuser überfallen;
»auf Vagabonden Jagd machen: – – ist
»diß die eigentliche Bestimmung der Policey;
»oder ist es die innerliche Verbesserung des
»Volks, und die Beförderung der Privat-
»glückseeligkeiten?

An dieser Stelle in....... war ich, als mich Herr von Walltron, mit dem Buche in der Hand, lesend antraf. Ich nahm Gelegenheit, ihn zu fragen, wie es um diese Sache zu Wien stünde. Herr von Walltron hielt mir folgende Lection.

»Es ist noch nicht lange, daß man zu
»Wien noch keinen Begrif vom Worte Policey
»hatte. Die Policey verwaltete sich aus noth-
»wendigen und einfachen Gründen; und sie
»verwaltete sich glücklich. Seit dem – Dank
»sey den Zeiten, die uns dazu behülflich ge-
»wesen – diese Uebung in ein Lehrgebäude
»gebracht, und unter die Scienzien eingeord-
»net worden, so ist das Wort Policey zum
»Modewort geworden.

»Es scheint, daß, bloß um den aus dem
»allzuhäufigen Gebrauch entstehen könnenden
»Misbrauch zu vermeiden, man seit einigen
»Jahren auf den Gedanken verfallen ist, das-
»selbe umzuschaffen. Man spricht itzt Si-
» cherheit; ein Wort, das einen etwas leeren
»Begrif in der Vernunft des gemeinen Man-
»nes läßt, aber den Geist desto mehr schre-
»cket. Denn es fehlt so weit, daß der ge-
»meine Mann die Policey für eine Stelle an-
»sehen sollte, die ihn bey seiner Nahrung zu
»sichern, die die Tugend seines Weibs und
»seiner Töchter, und die Ehre seines Sohns
»zu schützen sucht: so hält er sie für nicht
»mehr als eine Truppe loser Leute, welche
»sich zusamm geschworen, um sein Haus
»Schlingen zu legen, und ihn und seine Kin-
»der unglücklich zu machen, sobald sich Ge-
»legenheit ereignet.

»So ist, leider! der Begrif beschaffen,
»den sich der Pöbel von der Policey macht.
»Glückliches Publikum, wo er niemals durch
»die Erfahrung gerechtfertigt wird!

»Man hat nie von merkwürdigen Angrif-
»fen bey uns gehört. Wenn sich einige Hand-
»werkspursche auf der Gasse herumfuchtel-
»ten, so war man eben so wenig beunruhigt
»dabey, als bey dem Zweykampfe der heuti-
»gen Horazier und Euriazier. Unsere Zeit-
»verwandten glauben gewunderwirket zu ha-
»ben, daß sie diese Misbräuche abgeschaft
»haben. In der That, man scheint eine voll-
»kommene Sicherheit zu genießen – – – –
»Ach! Sie, ist nur scheinbar!

»Ich gehe auf der Strasse, oder befinde
»mich zu Hause: ein Mann tritt mir unter
»die Augen: mein Herr, weit entfernt, daß
»ich mich wider sie vergreife! erlauben sie,
»ihnen zu sagen, daß sie der größte Schurke
»sind, der unter der Sonne ist. Ich lege kei-
»ne Hand an sie: denn ich weis, daß es von
»der Policey verbothen ist: aber sie sind ein
»Filou, ein Kupler, ein Schelm. Bewahre
»Gott, daß ich sie schlage, sie verdienen das
»Auspeitschen. – Unstreitig ist hier die Si-
»cherheit meiner Ehre beleidigt. Auch läug-
»nen es die Lehrsätze der Policey nicht. Aber
»sie rathen mir, meinen Gegner bey Gericht
»zu verklagen.

»Welche schwache Zuflucht, Herr von
»Walltron! Mäßigung macht die Wunde
»noch unheilbarer.

»Setzen sie hinzu – und die Schikane
»des Beleidigers. Es ist nicht lange, daß
»man den Tadler nach der Mode, ein
»Fratzenspiel, welches ein Schandfleck auf der
»Stirne der Nation ist, zu spielen aufgehört
»hat. Ein Mann, der durch seinen Patrio-
»tismus sich berühmt gemacht hatte, der, wie
»man sagt, in einem öffentlichen Amte stehet,
»kurz ein Staatsbürger, wird durch dieses
»Dram dem allgemeinen Spott Preis gege-
»ben. Man führte seine Person, unter einem
»erbettelten Namen, aber mit so zeichnen-
»den Farben auf, daß die Knaben auf der
»Strasse die Finger ausreckten – Dieser ists!
»Inzwischen war der Mann ein Wohlthäter
»der Nation – – –

»Und das Stück hielt die Vorstellung
»aus? Man brach den Schauspielern nicht
»Aerme und Beine?

»Es hielt mehr als eine Vorstellung aus.
»Waren sie im Tadler nach der Mode? frag-
»ten die Steine auf der Strasse einander. –
»Ach, so haben sie nichts schönes gesehen!»
»Jünglinge und Greisen liefen herbey, ihr
»Antheil zum allgemeinen Spott beyzutragen.
»Man ermüdete nicht, das Stück vorzustellen:
»man ermüdete nicht, es anzuschauen.

»Wie verhielt sich die Policey dabey? der
»Beleidigte kam nicht, zu klagen?

»Diß war, was die Verschwornen erwar-
»teten. Die Schlinge lag schon geknüpft.
»Der Unglückliche stürzte sich darein: ein we-
»nig Erhebung der Seele und Verachtungs-
»kraft würde ihn gerettet haben. – – Sie
»beklagen sich, sprach der Verfasser, daß
»sie durch die Rolle des Tadlers in mei-
»nem Stück gemeynet wären? Ich habe nicht
»eigentlich auf sie gezielt; aber wenn sich
»welche Züge finden, die, ihnen ähnlich sind,
»so ersuche ich sie, daß sie mit dem Finger
»darauf deuten; ich bin bereit, sie wegzu-
»streichen. – Diese Schikane verwirrte den
»Kläger – – –

»Sie mußte aber die Richter nicht ver-
»wirren. Ich bin beschämt, daß man die
»Schimpfer um eines so armseligen Witzspiels
»willen entkommen ließ. Die That lag am
»Tage. Es war einer von den Fällen, wo
»die Wirkungen den Endzweck erklären. Be-
»fürchtet nicht jeder andere Staatsbürger bey
»ihnen eben diß Schicksal?

»Man muß gestehen, fuhr Herr von
»Walltron fort, es hieß den Muthwillen auf
»der einen Seite, und die Nachsicht auf der
»andern aufs äusserste treiben. Es war eine
»allgemeine Betäubung. Dank sey dem Him-
»mel, man ist davon zurückgekommen. Heute
»zu Tag würde das Stück sein Glück nicht
»mehr machen. – Unterdessen siehet man, wie
»weit wir noch von dem Begriffe der Sicher-
» heit entfernt sind.

»Der Codex der Policey ist unerschöpflich,
»Herr von Walltron.

»Auch haben wir eine Menge Anschläge
»auf das Leben, die Gesundheit, die Wohlfahrt,
»die Sicherheit der Bürger. Aber zum Un-
»glück, sind diese Anschläge ein Geheimniß der
»Policeybeamten. Sie müssen bloß aus ihren
»Wirkungen errathen werden. Derjenige,
»welcher eingezogen wird, erfährt die Ursache
»nicht, als, wenn er schon abgestraft ist. Die
»Policeybeamte unsers Jahrhunderts machen
»es, wie die Schöppen der Lokrenser. Sie
»hiengen ihre Gesetztafeln so hoch, daß man
»sie nicht lesen konnte.

»Alles, was man also von ihrer Policey
»weis, mein Herr von Walltron, bestehet in
»dem, daß es gefährlich ist, in ihre Hände
»zu fallen?

»Diß ist sehr wenig für unsern Unterricht:
»aber sehr viel für unsere Betrachtung.

Ich wies hierauf dem Herrn von Walltron, was mein Autor von der Materie spräche. Ich erklärte ihm, daß eine Policey, so wie er sie mir beschrieb von dem Begriffe eines Tribunals unendlich abstünde, welches sich damit beschäftigt, die Glückseligkeit des Publici, durch sich selbst, zu befördern, dem Bürger eine Liebe zu den Gesetzen, und ein Vertrauen auf die Regierung einzuflössen. Ich wollte ihm vorlesen – – –

»Halten sie ein! rief er mir zu – wie
»lange wird man uns noch bey den Theo-
»rien unseres Glücks aufhalten! Wie lange
»werden wir noch die Lehrsätze der Policey-
»wissenschaft, die Instruktionen ihrer Ober-
»und Unteraufseher anhören müssen!

»Die gesellschaftlichen Gesetze vor Ue-
»bertretung zu schirmen; Frieden zu hegen;
»Ehrfurcht zu erhalten; den Muthwillen
»der Reichen zu zähmen; das Bett der
»Dürftigkeit sanfter zu machen; den hülf-
»losen Vagabonden wieder zur Ruhe zu
»bringen; die Irrgänge des Betrugs, den
»Schutzort des Lasters zu erforschen; dem
»unbesonnenen Mädchen, das die List über-
»wältigte, beyzustehen, und ihren Räu-
»ber an ihren Busen zu bringen; die
»Stimme des Lärms durch Würde zu
»dämpfen; der Rache den schändlichen
»Plan aus den Händen zu winden – –

»deswegen erhebt die schöne Justitz ihren
»heiligen Arm: deswegen setzte deine Güte,
» Marie Therese, ihren Stuhl mitten un-
»ter uns!

Ich sah, daß die Seele des Herrn von Walltron in Wallung gerathen war. Diese Apostrophe, die er mit einem Nachdruck enoncirte, welcher eine von Vaterlandsliebe entflammte Brust verrieth, war so schön: sie schien mir die Summe der Policeykunst so genau auszudrücken, daß ich ihn bat, von der Materie abzubrechen, um dem Werthe seiner Anmerkung nichts zu schaden.

Der Geist der Policey, dünkt mich, laufe auf den einigen Kunstgrif aus, daß man den Bürgern Ehrfurcht gegen sich selbst einflösse. Diß war das grosse und einfache Mittel, welches die Spartaner und Römer lenkte: Nationen, die wegen der Vorzüge ihrer Policey so berühmt sind, ungeacht sie kein Kommissariat für diese Pflege unterhielten.

 

§. 5.

Ich hatte mir vorgenommen, die berühmten Mahlereyen des Franz Pozzo im Lichtensteinschen Garten in der Rossau zu beaugenscheinigen. Ich konnte aber nicht durchs Thor gelangen. Es war eine Execution. Diß zog einen Zusammenfluß des Volks herbey. Der arme Schlucker hatte die Kirche bestohlen: Er wurde aufgehangen. Zu Sparta hätte er eine Lorbeerkrone erhalten.

Die Justitz unseres Jahrhunderts ist barbarisch. Zu Wien hat man noch die peinliche Frage mit allen ihren schrecklichen Folgen. Warum verfassen Rechtsgelehrte unsere Criminalordnungen, und nicht Philosophen? Warum verbessern wir unsere Politik? und vergessen uns selbst? Natur, Menschheit und Bürgerliebe sprechen laut für die Unglücklichen, die wir einem Vorurtheile aufopfern, welches sich bloß auf Ansehen gründet. Groß sind die Bewegungsgründe, die uns veranlassen sollten, ihnen Gehör zu geben.

Weil ich keine andere Materie gegenwärtig besitze, sie zu unterhalten, so werde ich ihnen den Inhalt einer Unterredung mittheilen, die zwischen mir und dem Herrn von Walltron bey dieser Gelegenheit vorfiel. Hierdurch will ich mich an der Justitz rächen, weil sie mich hindert, sie von dem Gegenstande zu unterhalten, den ich mir auf heute vorgesetzt hatte.

 

Dyatribe.

Es ist unter den heutigen Politikern längst ausgemacht, daß die Erhaltung eines Bürgers für den Staat ein Gewinn ist. Nichts, als die Macht hat den Gebrauch erfunden, unsere Gattung zu zerstöhren. Alle peinlichen Gesetze, die wir besitzen, rühren von Menschen her, die entweder ungerechte Eroberer, oder Unterdrücker waren. Das Alter übergab sie uns mit den Vorurtheilen seiner Philosophie. Wäre ihr Ursprung göttlich, so müßten sie sich ähnlich seyn.

Ihre Verschiedenheit beweißt den Zweifel ihrer Herkunft. Wer hier geradbrecht wird, dem bauet man in Thibet Tempel. Zu Kanton ist der Kindermord eine löbliche Handlung? in Paris wird er mit dem Schwerdte bestraft. Vergebens allegirt ihr die Aussprüche der heiligen Schrift. Sie befiehlt, die Zauberer und Hexen zu verbrennen: wir sind heute zu Tag überzeugt, daß es niemals eine solche Gattung gegeben habe, und daß es Unschuldige waren, die unsere Vorältern unter diesem Vorwande verbrannten. Warum übergebt ihr die Onaniten nicht der Steinigung? Dieses Gebot stehet neben jenem Texte.

Die Rechtsgelehrten sind seit zweitausend Jahren uneinig, ob die Strafe wegen der That oder wegen dem Beispiele verhängt werde. Diß ist ein Beweis der Unfähigkeit unserer Begriffe, Gesetze zu verfassen. Geschöpfe, die nicht fähig sind, das Wesen einer Sache einzusehen, haben kein Recht, diese Sache zu üben. Der Endzweck der Strafe beziehet sich ohne Zweifel weder auf die That, noch auf das Beispiel, sondern auf den Gemeinnutzen der Gesellschaft. Man kan keine entsetzlichere Todesart lesen, als die Execution des Ravaillac: hat ihr Beispiel die Damiens und die Malagridas abgeschröckt? hat sich ein einiger unter den Caziquen, die der grausamen Hinrichtung des Atabaliba zusahen, bewegen lassen, seine Schätze zu entdecken? Die vornehmsten Verbrecher waren Menschen, die mit der Gefahr und dem Tode vertraut waren. Sie glaubten, daß man auch auf dem Blutgerüste zum Helden werden könne. Das Schicksal des Cartouche ist bey mehr als einem seiner Nachfolger ein Bestimmungsgrund gewesen. – Es ist also gewiß, daß das Beispiel die Todesstrafe nicht rechtfertigt.

Noch weniger kan sie eine Folge der That seyn. Es giebt kein Verbrechen, welches den Tod nothwendig und unzertrennlich nach sich zöge. Unter allen Schwachheiten der menschlichen Natur, denen unser Eigensinn den Namen Verbrechen beygelegt hat, ist keine, welche gefährlicher, dem allgemeinen Besten der Gesellschaft schädlicher, in sich grausamer wäre: kurz, welche allein den Namen eines eigentlichen Verbrechens verdient, als der Hochverrath. Wenn andere Verbrechen nur für sich selbst begangen werden: so legt hingegen dieses Uebel den Saamen zu unendlichem Unglück. Es wird zur Mutter tausend anderer Gattungen, die den Staat betrüben. Billig sollte man es durch einen merkwürdigen Kennzug unterscheiden.

Aber wie können wir es noch, nachdem wir die Todesstrafe, das äusserste unter allen Beispielen, gemein gemacht haben: nachdem wir den Elenden, der ein Huhn gestohlen, oder einen Eseltreiber von der Erde geräumet hat, mit eben soviel Gepränge hinrichten, wie den Vermessenen, der seinen Dolch gegen den von den Göttern geheiligten Monarchen aufgehoben, der die ganze Nation in Trauer verhüllt, und ihr das Haupt abgeschnitten hat.

Der Begrif vom Eigenthum (ich befürchte nicht, daß mein Brief in die Hände der Gemeindiebe fallen werde,) ist, noch sehr unbestimmt. Die Gesetzgeber aller Nationen haben sich blos bey der Widererstattung begnügt. Der Diebstahl ist unter allen Vergehungen diejenige, welche den allgemeinen Nutzen, folglich die Gesellschaft am wenigsten stöhrt. Es ist unbillig, daß, um einem Einzelnen Genugthuung zu thun, sich die Gesellschaft ein Glied abtrennen soll. Der Preiß aller Schätze auf der Erdfläche ist nicht des Bluts eines Menschen würdig.

Der Mord ist ein etwas ernsthafterer Gegenstand. Es ist ein Raub, den der Thäter an der allgemeinen Gesellschaft begehet. Er hat also das Interesse des Staats verletzt. Seine Handlung gränzt zunächst an den Hochverrath. Es muß sich aber doch eine Scheidelinie befinden. Durch die Todesstrafe wird der der Gesellschaft zugefügte Verlust noch vermehrt. Es kan sich ausserdem ereignen, daß in politischem Betrachte, der Mörder mehr werth ist, als der Getödtete war. Hier muß man also die nächste Strafe nach dem Tode anerkennen.

Denn, was den Vatermord anbetrift, so halte ich es mit Solon. Ich glaube nie, daß eine solche unmenschliche That möglich ist.

Wir strafen die Gotteslästerung mit dem Tode. Es ist eine blosse Sünde des Verstandes. Nur Rasende können sie begeben. Ueberließen wir doch den Göttern selbst die Bemühung, sich zu rächen. Wie kan man ein Wesen beleidigen, das man nicht kennet.

Unter allen Temperamentssünden, das ist, unter allen Ausschweifungen des Temperaments, ist nicht eine einige, die die Ruhe der Gesellschaft so merkwürdig stöhrete, daß sie den Tod verdient. Diese Sünden haben das Eigene an sich, daß sie die Dunkelheit suchen. Sie beunruhigen die Gesellschaft nicht. Sie sind bloß Gegenstände des politischen Staatsnutzens, in soferne sie die Vermehrung des Geschlechts verwirren, oder hindern.

Sollte man nicht glauben, daß ich dem Laster das Wort zu reden gedenke? daß ich gefährliche Lehrgebäude aufzuführen suche? Man irret sich. Vielmehr will ich es empfindlicher strafen; ich will den Menschen den Ekel am Laster lebhafter machen. Aber ich will mein Lehrgebäud mit dem Nutzen des Staats, mit dem Rechte der Natur und der Menschheit verknüpfen.

Das Traurigste in unserer Rechtsgelehrsamkeit ist, daß wir uns selbst der Gerechtigkeit bedienen, um ungerecht zu seyn. Der Unterschied zwischen dem Rechte der menschlichen Natur und unserer Gesetzverfassung bestehet darinn, daß, anstatt sich der Richter bemühen sollte, Gründe aufzusuchen um den Missethäter unschuldig zu erklären, er geradezu jene sucht, um ihn der Vergehung zu überweisen. Wir Unglücklichen! Hierdurch haben wir uns unmöglich gemacht, einen Einigen Unschuldigen zu retten; und uns hingegen sehr geläufig gemacht, tausend Unschuldige, deren Verbrechen bloß auf dem Verdachte, oder auf der Anschauungskraft des Richters beruhete, hinzurichten.

 


 

Die Erhaltung des Uebelthäters ist also (den einigen Fall des Hochverraths ausgenommen, welcher um die Wichtigkeit seiner Natur zu unterscheiden, eine ausschliessende, einzelne und denkwürdige Strafe haben muß,) bey mir entschieden.

Da ich das Verbrechen überhaupt nicht anders, als politisch beurtheile, in sofern es nämlich Beziehung auf das allgemeine Interesse der menschlichen Gesellschaft hat; denn Blutrache kommt nicht in die Berechnung der Vernunft- und der Staatsgründe: so beruhet mein Vorwurf bloß auf dem Grundsatze, die Gesellschaft vor dem Schaden zu sichern, das ist – zu verhindern, daß der Verbrecher so wenig möglich, mehr schädlich seyn könne.

Um diesen Zweck zu erreichen, würde ich mich jener Mittel bedienen, welche aus dem Gegensatze folgen – zu machen, daß er der Gesellschaft, so viel möglich, nützlich sey. Hieraus fließt mein Vorschlag von selbst. Die Galeere ists ganz allein, was alle Begriffe erfüllt, die man mit der Strafe verbunden hat: das Beyspiel; den Abhaltungsgrund; die Besserung; die Empfindung des Fehlers; die Sicherheit der Gesellschaft.

Sie ist noch grösser als die Todesstrafe, weil sie noch die Erwartung des Verbrechers übertrift. Sie gehet über die Gränze seiner Rechnung. Durch sie überlebt die Strafe sich selbst.

Alle Beherrscher sind, wie ich glaube, überzeugt, daß, einen verödeten Erdbezirk fruchtbar machen, so viel ist, als, ein Land gewinnen ohne Krieg. Wie viel Erdbezirke bleiben verödet, wegen dem Mangel der Aerme, die zu ihrem Anbau gehören? Der Landmann kan nicht zugleich seinen Acker pflügen, auf die Deserteurwache gehen, Frohndienste thun, im Gerichte erscheinen, an der Gemeindestrasse bessern, und öde Plätze umreissen.

Ausserdem sind viele öffentliche Geschäfte, z. B. Steinbrüche arbeiten, Brunnen graben, Teiche putzen, Raubthiere einfangen, mit solcher Lebensgefahr verknüpft, das das Leben eines Bürgers zu edel ist, um es dem Zufalle auszusetzen.

 


 

Geist meines Jahrhunderts! der du verleihest, daß es niemals ein Jahrhundert gegeben hat, welches sich mit der Theorie der Tugenden, mit Beyspielen der Menschlichkeit, der Toleranz, und der Vaterlandsliebe so sehr beschäftigte: du, durch welchen Katharine, ein Friederich und Joseph denken: erbarme dich dieser elenden Menschenfamilie, und stehe mir bey, die Rechte der Natur zu vertheidigen.

 


 

In Wahrheit, wenn man bedenkt, wie einer unserer neuesten und wegen der Großmuth und Weisheit seines Inhalts berühmten Gesetzunterrichte anführt, wie schwer es sey, den Charakter eines Verbrechens richtig zu beurtheilen, wie viel von den Umständen, von den Beziehungen, von den Folgen abhange; so wundere ich mich nicht mehr, warum ich in einigen Ländern und insbesondere in Wien, bemerkt habe, daß der meiste Theil der Räthe an einem Tage, wo die Verurtheilung eines Delinquenten in Ueberlegung kommen solle, von der Sitzung ausbleiben. Sie empfinden das, was Bossuet bey Gelegenheit der Schauspiele, Ludwig XIV antwortete: es sind grosse Beyspiele dafür, und starke Gründe dagegen.

Wem müßte das Projekt, welches ich in Vorschlag bringe, mit mehr Grund zugeeignet werden, als, dem wohlthätigsten und gerechtesten unter den itztlebenden Prinzen; dem größten Freunde, den das menschliche Geschlecht jemals gehabt hat. Miskennen sie, Karl, das Ebenbild Josephs II?

Er ists, der das schönste Amt der Gottheit, das Amt Gerechtigkeit zu verwalten, erwählt hat: in dessen erhabenen Busen

– – Asträens heiliger Eifer flammt – –

In der That Karl, wenn die Tapferkeit unter den Tugenden der Könige die älteste ist: so ist die Gerechtigkeit die schönste. Sie ist die Lieblingstugend des Kaisers. Man hat hier unnachahmliche Beyspiele von der Gerechtigkeit des Geists dieses Monarchen. Ich wiederhole ihnen eines, so wie es von Wort zu Wort in den hiesigen Nouvelles à la Main stehet.

»Man hatte einen der schönsten Hirsche
»eingefangen, um ihn für die Parforcejagd
»des Kaisers zu bestimmen. Während das
»Thier in einem gewissen Orte geheget wurde,
»so lief es täglich aus, die benachbarten Fel-
»der der Landleute zu zerstöhren. Ein Bauer,
»auf dessen Acker der Hirsch vorzüglich übel
»wirthschaftete, zeigte es dem Hägereuter an.
»Vergebens, das Thier war geheiligt. Man
»konnte keine Hülfe finden. Der Bauer ergrif
»einen Entschluß.

»Er wußte zwar, daß der Hirsch für
»den Kaiser bestimmt war; er erinnerte sich
»aber auch des Edikts, welches unser zärt-
»lichster Landesvater vor einigen Jahren wi-
»der die Beschädigung der Felder erlassen. Es
»ist dem Gutbesitzer erlaubt, wenn er, nach
»vorgängiger Anzeige, von den Forstbedienten
»keine Hülfe erlangt, sich solche durch Erle-
»gung des schadenmachenden Thiers selbst zu
»verschaffen. – Förster, sagte er, ich ersuche
»sie auf meinen Acker zu schicken, und den
»Hirsch abzuholen, den ich niedergeschossen
»habe. Sie wissen, daß er nicht aufhörte,
»mir zu schaden.

»Hier fiel der Förster in Ohnmacht.
»Morgen sollte der Hirsch gejagt werden.
»Es war bey Hofe schon angesagt. Man
»schickte eine Estaffette an den Fürsten Clary
»nach Wien. Der Bauer wurde indeß in Eisen
»geschlossen. Die ganze Gemein zitterte für
»sein Schicksal. Kaum konnte der Obristhof-
»jägermeister den Weg in die Burg finden, so
»erschrocken war er. Er legte dem Kaiser den
»Bericht vor, und endigte mit der Anfrage,
»was Ihro Majestät in Ansehen des Verbre-
»chers verordneten, welcher – setzte der Fürst
»hinzu – auf meine Anstalt bereits in Fesseln
»liegt. – – Was ich verordne? erwiderte
»der gleichmüthige Monarch – – daß man
»den Hirsch verkaufe, und dem Bauren das
»auf die Erlegung der Raubthiere bestimmte
»Schußgeld bezahle.

Das kaiserliche Reichshofrathsgericht, so, wie es war; wie es ist; und wie es werden wird – würde zur Vorrede des Panegyrikus dienen, welchen man auf die Gerechtigkeitsliebe Josephs II verfassen wollte.

Die Wiener Stadtgerichte, sagt man, sind von diesen Simpathien noch weit entfernt. Ich kenne den Schwung ihrer Gerechtigkeit nicht. Was den Styl derselben betrift, so lasse ich sie aus der Signatur urtheilen, welche sich über dem hiesigen Stockhause in goldenen Buchstaben eingeätzt befindet.

Ratio.
Proxima.
Legis.

 

§. 6.

Heute werde ich sehr gelehrt mit ihnen sprechen: denn ich komme aus dem Kollegium. Was glauben sie, Karl, daß ich gehört habe? Diese Stelle entdeckt den schwindelnden, läppischen und über die Oberfläche hinschwebenden Franzosen, mit Selbstgenügsamkeit und Verachtung von der deutschen Gelehrsamkeit sprechend. Sind dann die drey Vorlesungen, wozu ihn der Zufall geführt hat, so lächerlich? Hier hat sich der Herr Verfasser umsonst mit Lachen verunköstet. Der Batteur ist das Lesebuch aller deutschen Lehrer der schönen Wissenschaften; aber nicht um des Batteur willen, Chevalier! wie sie glauben, sondern um der deutschen Uebersetzung unseres Rammlers willen. Die Erfindung der Cicuta, eine neue Erscheinung unseres Jahrhunderts, war eine so merkwürdige Hypothese, daß sie wohl verdiente, auf den Lehrstühlen der Arzneygelehrten entwickelt zu werden. Was die Wochenmärkte anbetrift, so sind sie bey uns in Deutschland kein Kennzeichen der Gerichtbarkeit und Regalien eines Orts.
Anm. d. Ueb.
– den Batteux mit lauter Stimme von Wort zu Wort herlesen – eine Abhandlung vom Einflusse des Schierlinggifts auf das Wohl des Vaterlands – die Rechte der Wochenmärkte statistisch untersucht. Diß waren die Materien, zu welchen mich der Zufall führte.

Die Universität zu Wien ist, wie man weis, eine der vornehmsten in Europa. Sie besitzt die Vorrechte eines Souverain. Sie hat ihre eigene Gerichtbarkeit sowohl in bürgerlichen als peinlichen Fällen: ihre Befugniß erstreckt sich bis auf Leben und Tod. Dieses herrliche Vorrecht ist ein Geschenk des Pabst Martius, vermöge einer Bulle 1420.

Ausserdem hat die Universität ihren besondern Staat: Man nennt ihn Civitas academica. Der Rektor hat königliche Ehren. Es werden ihm bey öffentlichen Verrichtungen 4 vergoldete Scepter vorgetragen. Man weis, daß er sich einst unterstehen durfte, mit den Rittern vom goldenen Vließ einen Rangstreit anzufangen, den Karl VI mit Mühe entschied.

Herr Queckfeld, ein Bekannter des Herrn Lockmann, diente mir zum Introdukteur und Dollmetsch. Dieser Herr ist selbst ein Gelehrter, aber dabey ein Mann von gesunder Vernunft.

Die Universität bestehet aus der alten Eintheilung in 4 Facultäten: die Philosophen oder Scholastiker; die Arzneykundigen; die Rechtsgelehrte, und die Theologen. Unter der auszeichnenden Regierung der Kaiserin-Königin, seit den neuesten Jahren, sind noch einige Lehrstühle für die politischen Wissenschaften hinzugekommen.

Das mathematische und theologische Fach ist zu allen Zeiten im Besitze einer Gattung Ruhms gestanden. Seit der Epoche des van Swieten, welche Licht am Firmament verbreitete, hat sich die Sphäre der Aerzte gebildet.

Der Lehrstuhl der Policey- und Finanzkunst hatte einige Zeit den meisten Zulauf. Das junge Volk drang sich im Strom herbey, um die Schallwörter – Bevölkerung, Prachtaufwand, Bilanz, Politik, Staat, aussprechen zu lernen. Dieses Studium wurde zum Ton. Man konnte sich nicht in Gesellschaft zeigen, ohne nach der Policey zu riechen. Ihr Lehrer erwarb sich eine Art von Anhang. Allein man scheint ziemlich an dieser Ausdünstung geheilet zu seyn. Man empfand, daß die Sache in nichts als in einer ewigen Liturgie bestehe, die der Lehrer mit seinen Zuhörern wiederholt. Die Schüler verlohren sich. Diese Elenden haben kein Eigenthum; sogar nicht einmal ihren Namen: man nennet sie, par Indignation, ..... sianer.

Von der Universität begleitete mich Herr Queckfeld in die kaiserliche Bibliothek. Der erste Bibliothekar ist der Hofrath Kollar, ein Hungar von Geburt. Er ist der größte Philolog zu Wien. Er hat ein vortrefliches Werk – wenn ich mich nicht irre, über die Geschichte seines Vaterlandes – geschrieben. Wenn jemand würdig war, die Reihe seiner Vorfahren fortzusetzen, so mußte es Kollar seyn: man weis, daß Lambecius und van Swieten sich darunter befinden. Der zweite Bibliothekar ist der Herr von Martinez, dessen Schwester durch ihr vortrefliches Tonspiel berühmt ist.

Der Saal der Bibliothek ist überraschender, als der im Vatican. Aber er enthält weder die Eleganz noch die Ordnung im Vorrathe. Man weis den Vorzug seiner Mahlerey. Um diese zu erhalten – sie bestehet in der Decke, – wurde im Jahr 1766, als das Gebäude sank, ein Gerüst aufgeführt, welches ein Meisterstück der Architectur und der Hebekunst ist. Man weiset das Modell und die Zeichnungen dieses Gerüsts in der Bibliothek. In der That verdient der Name des Erfinders gemerkt zu werden. Man hat Palläste und Thürme sehen aus ihren Angeln heben und versetzen; aber man hat noch nicht gesehen, ein Haus von oben herab bauen.

Die Bibliothek selbst ist in verschiedene Departements abgetheilt, wozu die an den Saal gränzenden Kabinette dienen. Nur mit Mühe bekommt man einen librum prohibit. zu lesen. Zum Unglück für die Liebhaber ist die Anzahl in dieser Gattung groß.

Hier ists, wo man Gelegenheit erhält, mit den vornehmsten Gelehrten in Wien bekannt zu werden, welche sich häufig einfinden, um die Herrn Bibliothekaren, welches die höflichsten Männer von der Welt sind, zu besuchen. Man wies mir den Herzog von Braganz, den seine Reisen und seine Talente eben so berühmt machen, als seine hohe Geburt; den Freiherrn Kresel, welcher Obervorsteher der Studien, und – was noch mehr – würdig ist, es zu seyn.

Ich warf mein Aug auf einen Folio, der auf dem Tische aufgeschlagen lag. Es war eine lateinische Sammlung von einigen Policeyverordnungen der Stadt Wien. Zufälliger weis fiel ich auf eine Stelle, wo verordnet wird, daß die Fischer auf dem Markte mit unbedecktem Haupte feil haben sollen, um sie durch die Hitze der Sonne zu zwingen, ihre Waaren wohlfeiler zu geben. Scheint ihnen diß nicht ein denkwürdiger Zug von der Seltsamkeit der Begriffe dieser Nation zu seyn?

Ausser der Hofbibliothek giebt es noch sechs bis sieben öffentliche Bibliotheken in Wien. Die im Theresianum rührt, wenn ich mich nicht irre, von Kaiser Karl VI her. Sie ist sehr wohl beschaffen, wohl geordnet, und hat einen der liebenswürdigsten Dichter in Deutschland zum Vorsteher, den Pater Denis.

Die Universitätsbibliothek ist der Lymbus der Scholasticker und Canonisten. Es hat niemals einen Schulfuchs im Reiche der Wissenschaften gegeben, der sich hier nicht in dreyerley Editionen befindet.

Die Bibliotheken der Benedictiner bey den Schotten, der Minoritten, der Jesuiten, der Dominikaner sind zahlreich genug, um diesen Namen zu verdienen. Sie haben alle das Unglück gemeinschaftlich, daß sich jeder Autor durchaus in die Gestalt eines Kirchenvaters verwandeln muß, wenn er von dem Bibliothekar gefunden und erkannt werden will.

Die Windhagische Bibliothek ist die rühmliche Stiftung eines Musensohns zum Andenken, daß er den Studien sein zeitliches Glück zu danken habe. Wenn der Katalog des Stifters nicht besser beschaffen war, als seiner Nachfolgere, so bedaure ich seine Studien. Um einen Autoren zu finden, werden ungefähr zwo Stunden erfodert. Nun ist die Bibliothek nicht länger als so lang eröfnet; folglich ist unmöglich, zu etwas zu gelangen, es sey denn, daß der Bibliothekar und das Buch einander auf dem Wege begegnen.

Der Bibliothekar ist ein ganz feiner, junger Mönch, der vielleicht einiger Erleuchtung fähig wäre, wenn ihm die Regel nicht daran verhinderte. Als ich in die Bibliothek trat, so betete er an einem Pulte sein Brevier. Zu seiner Seite saß sein Schreiber, der einen Roman las, welcher, wie mir Herr Queckfeld sagte, das Reich der Geister, betitelt ist. Diese Umstände erweckten in mir traurige Ahndungen. Ich bat mir den zweiten Band von Bayle Wörterbuch aus. Erstlich fragte mich der fromme Pater, ob dieser Autor unter die Philosophos, unter die Theologos, unter die Juristas, oder unter die Medicos gehöre? dann in diese 4 Klassen war sein Katalog eingetheilt. Zweitens, ob er hebräisch, griechisch oder lateinisch geschrieben habe? Ich antwortete, daß er weder zur einen noch andern Masse zu gehören, die Ehre hätte. O er wäre ein Kritikus, und hätte französisch geschrieben. Hier runzelte der Bibliothekar die Stirne – debet igitur quaerere inter mixtos.

Die Zahl der Lokalschriftsteller ist so unbeträchtlich als ihre Werke. Alles schreibt hier Wochenblätter. Ein gewisser Fingerzeig gab den Ton. Seitdem ruft ein Schrifterling dem andern zu: (Juv.)

Stulta est clementia periturae parcere chartae! Freunde, schont das Papier nicht: es ist ohnehin zum Untergang bestimmt.
Anm. d. Ueb.

Die Republik der Gelehrten zu Wien bestehet im Gegentheile aus Geistern vom ersten Rang. Hiezu rechne ich nicht alle, die als Gelehrte von Profession oder Schriftsteller bekannt sind. Die Rede ist nur von den Kollars, den Riegers, Martini, einem Hell, einem Kresel, und Kerens. Diese Leute leben wie die Gestirne. Sie drehen sich in ihrer eigenen Axe, und nähren sich von ihrem eigenen Feuer. Ohne das mindeste Geräusche zu machen, ohne besondern Umgang untereinander, unterhält sich, seines innern Werths bewußt, ein jeder für sich, bey dem Blatte, welches er sich im Buche der allgemeinen Erkenntnisse erwählt hat. Hier ist die Liste der vornehmsten Heutigen, die als Gelehrte oder Schöngeister bekannt sind.

Erste Klasse.

Mathematik. Naturlehre. Staatswissenschaft. Oekonomie.

Abbe Marcy.
Born.
Der Geist des verstorbenen van Swieten.
Haen.
Hell.
Kerens.
Kozian.
Kranz.
Leber.
Martini.
Rieger.
Störck.
Wolf: bey der Realakademie.

Mittlere Klasse.

Geschichte. Altherthümer. Handlung.

Freisleben.
Der Geist des verstorbenen Baron Senkenberg.
Kollar.
Schaib.
Serionne.
Taube.

Untere Klasse.

Theologie. Dichtkunst. Musik. Schöne Litteratur.

Abbe Rosalino.
Baron Göbler.
Baron Kresel.
Chevalier Gluck.
Denis.
Gazaniga.
Metastasio.
Mastalier.
Noverre.
Prälat zu St. Dorothea.
Riedel.
Salieri.
Sonnenfels.
Stephanie.
Wurz.
Zahlheim.

Zur Equipage der Republik gehört die Akademie der Wissenschaften, die Buchläden, und die Büchercensur.

Die Akademie der Wissenschaften ist noch in ihrem Lymbus. Man sagt, daß die Kaiserin Königin dieses ihrer glänzenden Regierung so würdige Werk längst beschlossen habe. Der verstorbene Baron van Swieten aber wäre immer dagegen gewesen. Man weis die Ursachen nicht, welche diesen erleuchteten Geist bewegen konnten, sich einem Etablissement zu widersetzen, so auf die Wissenschaften und auf seinen Ruhm einen so grossen Einfluß hatte. Man führt aber an, daß er befürchtet habe, es sey für das Alter der Litteratur zu Wien noch zu frühe, ihr so feste Speisen vorzusetzen.

Die schönen Tage Wiens sind ihren Enkeln aufbehalten. Die Wiener sind um so mehr berechtigt, sich mit schönen Wünschen zu schmeichlen, je mehr sie den Tribut der Barbarey einige Zeit länger bezahlt haben, als der übrige Theil Deutschlands.

Hier ist die Verhältnißtabelle der Chronologie des Geschmacks zwischen Deutschland und Wien.

Deutschland. Wien.
Jahr nach Christi Geburt. Jahr nach Christi Geburt.
1728. Romanen im Geschmack der Banisen. 1736.
1740. Robinsons nach Crusoe. Jede Provinz hatte ihren eigenen. Der Oesterreische erschien zu Linz, im Jahre 1751.
1740. Ehren und Lobgedichte nach Bessern etc. etc. 1754.
1752. Wochenschriften nach Addisson. Die Hallenser. Klemm und Bob. 1760.
1754. Romainen im Geschmacke der Marivaux. Die schöne Wienerin. 1764.
1758. Journale. Die Leipziger. Rosalino. 1772.
1758. Bardengesang 1773.
1768. Romanzen. 1774.
1768. Schauspiel. Mahlerey. Allmanachs. Werthers Passionskollekten. 1774.

Die französische Litteratur steigt nicht über das Jahr 1735 hinauf. In diesem Jahre erschien Briffaut, ein Marketentner von der Armee des Marschall Asfeld, in Wien, welcher die ersten französischen Hefte mitbrachte. Es waren anfangs nur Telemaqs. Briffaut machte 1752 eine Reise nach Amsterdam, und brachte Grecourts, Pirons und Voltaire mit.

Unter den Buchläden ist der Gräfersche der vorzüglichste. Er wird von dem edelsten und erleuchtesten Theile des Publikums besucht. Sein Besitzer ist ein Mann, der mit dem Charakter einer seltnen Redlichkeit alle Erkenntnisse des Buchhandels verknüpft. Er theilt mit den Krausischen und Trattnerschen Handlungen ein Triumvirat. Die übrigen Buchhändler sind Kartenkönige; sie gewinnen, ohne zum Geiste des Spiels beyzutragen.

Ich schließe meinen Brief bey der Censur. Dieses Gerichte, welches, nach der heiligen Hermandad, das unumschränkteste Tribunal in Europa ist, bestehet aus einem Präsidenten, so viel Beysitzern, Lecteurs und einem Concipisten.

Ich machte mir von der letztern Person einen wichtigen Begrif. Ich vermuthete zum mindesten, daß er bestellt wäre, die Stellen zu ergänzen, so man in den Büchern ausmerzet, oder die Autoren zu verbessern, die man verbietet. Ich konnte meiner Neugierd nicht widerstehen, einen so merkwürdigen Mann in Person zu sehen. In der Censurboutike wollte ich mich nach der Wohnung dieses seltnen Geists erkundigen. Man wies mir in der Ecke einen Menschen, der, mit einer grossen Scheere in der Hand, beschäftigt war, den Autoren die Köpfe abzuzwicken, welche die Censur bey ihrer letzten Sitzung verurtheilt hatte.

Diß ist das Amt des Concipisten. Er hatte dißmal ein großes Tagwerk vor sich. Es war Auto da Fe, welchen die Censur zu Wien jährlich zum Andenken giebt, weil der Gedächtnißtag von dem Widerrufe des Galiläi einfällt. – Wie lang, so seufzt einer der Lieblingsautoren Wiens Sonnenfels. werden wir anstehen lassen, die Dachläden auszuheben, welche verhindern, daß kein Tag in den Geist der Nation fällt!

Alle Welt seufzt – Amen!

 

§. 7.

Im Realcomtoir, auf dem Kohlmarkte, hat man die Pasten von allen berühmten Personen feil, welche Wien illustriren. Ich hob, unter der Anleitung des Comtoir-Buchhalters, folgende für mich aus, deren Charaktere mir besonders selten, und die Ehrfurcht eines Reisenden vorzüglich zu verdienen schienen.

Fürstin Auersperg.

Sie ist eine Tochter des Feldmarschall Neipperg, welcher 1739 bey Belgrad commandirte. Man hält sie für das erste Frauenzimmer zu Wien in der Schönheit, und in der Grazie des Geists und des Herzens.

Duc de Braganz.

– – – virum captae post tempora Troiae
Qui mores hominum multorum vidit et urbes.
Muse! nenn' mir den erlauchten Trojaner, welcher gereist ist, um Sitten der Menschen, und Staaten, in Menge zu sehen.
Horat.
Anm. d. Ueb.

Abbe Costa.

Welchen die musikalischen Reisen des Burney uns bekannt gemacht haben.

Ritter Gluck.

Der neue französische Orpheus. Einer seiner Schmeichler sagt, daß sieben Länder – so wie einst beym Homer – um die Ehre streiten, sein Vaterland zu seyn. Ein desto schlimmeres Zeichen! Was mich betrift, so glaube ich, daß der Ritter mit dem Homer nichts gemein hat, als daß er sehr viel schöne Sachen sagt, ohne daran zu denken.

Fürst Kauniz.

Ein Name, welcher jenen Ausdruck besitzt, durch welchen man alle wahrhaftig grossen Männer bezeichnet hat – eines Beförderers der Künste und der Wissenschaften.

Feldmarschall Lacy.

Das Leben dieses Herrn macht einen neuen Zeitpunkt in der Staatsgeschichte des Hauses Oesterreich, und der Verbesserung der europäischen Kriegszucht.

Abbe Metastasio.

Der unsterbliche Verfasser der Canzonette –

                   

grazia all' inganni tuori
Alfin respiro ò nice! etc. etc.
Dieses Stück ist zu allen Zeiten und von allen Nationen für das vollkommenste und größte unter den Meisterstücken des berühmten Metastasio gehalten worden.
Anm. d. Ueb.

Parhammer. Exjesuit.

Er ist der Stifter eines der besten Werke der Menschlichkeit – eines Waisenhauses. Unternehmer, Baumeister, Gesetzgeber, Priester, General und Steifbettler.

Graf Pergen. Staatsminister.

Der Erste von den Oesterreichischen Ministern, welcher die Reform in Pohlen unternommen – eine Unternehmung, die in den folgenden Jahrbüchern des menschlichen Geschlechts zu einem grossen, merkwürdigen und wichtigen Denkpunkt werden wird.

Sc:.....

Ein türkischer Handelsmann. Seine Vertrauten behaupten, daß er Professor der Negromantie zu Epirus gewesen sey. Ich weis nicht, ob man dort eine Schule für die Schwarzkünstler unterhält: aber soviel weis ich, daß dieser Türk ungewöhnliche Künste besitzt. Er behauptet, alle Länder der Erde gesehen zu haben. Seine Anhänger berechnen es auf ungefähr hundert und fünfzig lebendige Sprachen, die er spricht. Seine Bedienten bestehen aus lauter Geistern, die ihm unterthänig sind. Er kan unsichtbar werden, durch die Luft fliegen, unter dem Wasser reisen, Diamanten und Gold machen.

Das, was in seinen Künsten Wesentliches ist, ist, daß er eines der schönsten Münzkabinette besitzt, und die seltenste Naturaliensammlung in der Welt hat. Er kennt den berühmten St. Germain Der Herr von St. Germain, oder der Markis Bellmar ist ein berühmter Abentheurer dieses Jahrhunderts. Er hat alle Gegenden der Welt durchreiset. Man kennt ihn an allen europäischen Höfen als einen ausserordentlichen Mann, der eine Menge Sprachen spricht, ein Naturkenner ist, Diamanten machen, und noch andere schlimme Künste kan. Er prätendirt bey dreihundert Jahre alt zu seyn, vermöge eines verjüngenden Pulvers, so er bey sich führt. Sein Motto ist: Man muß entweder zum Könige oder zum Narren gebohren seyn. Der Wahlspruch scheint seinem Erfinder Gerechtigkeit wiederfahren zu lassen.
Anm. d. Ueb.
genau. Es wäre ein Wunderwerk, wenn sich zween so ausgezeichnete Schalke nicht kennen sollten.

Chevalier Soor.

Er ist ein natürlicher Sohn vom berühmten Baron Neuhof, Könige der Corsicaner. Er hat die ausserordentlichsten Schicksale von der Welt gehabt. Itzt hat er sich von der ganzen menschlichen Gesellschaft getrennt, und wohnt in der Verborgenheit in einem kleinen Gärtchen in der Vorstadt. Ueber seiner Hausthüre hat er in einer hölzernen Tafel mit grossen Buchstaben eine Strophe des Maynard geschrieben:

                   

Las, d'esperer et de me plaindre
Des Grands, de Muses et du sort
C'est ici que j'attens la mort
Sans la desirer ni la craindre. Müde von den Grossen, von den Musen, und vom Glücke zu hoffen und – zu klagen: erwarte ich hier dich, freundlicher Tod! ohne deine Ankunft weder zu wünschen, noch – zu fürchten.
Anm. d. Ueb.

Graf Zinzendorf.

Der Urheber und Beschützer der vortreflichen Erfindung von der Anwendung der Scrittura doppia im Finanzwesen und der Oekonomie. Sein Bild ist das Bild eines hellen, wohlthätigen und erschaffenden Geists.

Unter den übrigen Pasten – die ich nicht kaufen konnte, weil ich mich aus ökonomischen, Gründen einschränken mußte – sind folgende die edelsten.

Graf Degenfeld-Schomberg, holländischer Gesandter.
Baron Doppelhofen.
Kriegspräsident, Graf Haddick.
Reichshofrathspräsident, Graf Ferdinand Harrach.
Comtesse Rosa Harrach.
Graf Louis Hartig.
Prinz Hildburghausen.
Graf Joseph Kaunitz.
General Kettler.
Regierender Fürst Lobkowicz.
Kardinal Migazzi.
Reichshofrath Moser.
Obristlieutnant Ripke.
Graf Seilern, Statthalter.
Graf Philipp Sinzendorf.
Hofrath Sonnenfels.
Hofrath Sperges.
Baron van Swieten, in Berlin.
Madame Teschi.
Gräfin Thun.
Vanhall.

Namen, deren Originale sich theils durch die Beschützung der Künste, theils durch andre seltne Verdienste des Herzens und des Geists ausgezeichnet, und zum erlauchten Theile des Publici empor gehoben haben.

Ende.

Buchschmuck
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