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Denkwürdigkeiten von Wien

Wilhelm Ludwig Wekhrlin: Denkwürdigkeiten von Wien - Kapitel 2
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authorWilhelm Ludwig Wekhrlin
publishern.n.
titleDenkwürdigkeiten von Wien
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Erste Parthie

 

Inhalt der §§. zur ersten Parthie.


§. 1. Ankunft.

§. 2. Miethzimmer.

§. 3. Gebäude.

§. 4. Strassen.

§. 5. Ein Meisterstückchen.

§. 6. Das Theater.

§. 7. Kirchen.

§. 8. Das Belvedere.

§. 9. Der Prater.

§. 10. Der Augarten.

§. 11. Sanct Marx.

§. 12. Die Kaiserburg.

 

Buchschmuck

§. 1

.Die ersten Augenblicke meiner Erholung widme ich ihnen, Karl. Endlich bin ich in dieser Stadt angelangt. Der Weg durch Tirol ist unendlich beschwerlicher, als ich vermuthete; ich werde mehr als Einen Tag nöthig haben, um meinen Körper wieder in Ordnung zu bringen, so zerschmettert ist er. Erwarten sie, wenigstens heute, keine andere Nachrichten, als, wie man sie aus dem Bette, oder durchs Fenster geben kann.

Ich bewohne einen Felsen, den man hier Gasthof nennet. Sobald ich eingetreten war, so erschien ein Kerlchen vor mir, der gerade so aussah, wie der Geist Adramelech beym Milton. Aus seiner Geschäftigkeit urtheilte ich, daß er der Kellerpursch wäre; meine Furcht verschwand: ich bat ihn mit einer schmeichlerischen Miene um ein Abendessen. – Wenn die Gesellschaft bey der Tafel etwas erträglicher gewesen wäre, so hätte ich mich für diesen Abend vollkommen glücklich gehalten.

So viel ich aus den Fenstern bemerke, so ist Wien sehr volkreich. Einer von den Herren, welche gestern Abend mit uns speiseten, versicherte mich, daß die Zahl der Inwohner zufolge der genauesten Berechnungen, auf 245,000 steige. Diß schien mir viel zu seyn. Gleichwohl spotteten die übrigen Gäste aufs bitterste über den Mann. Sie behaupteten, das die Bevölkerung geradezu eine Million betrüge, und daß Wien wenigstens mit Canton und Londen um den Vorzug streite. Ich will der Meinung dieser Herren nicht eingreifen: aber mich dünkt, sie haben niemal begriffen, was eine Armee von hunderttausend Mann für einen Erdkreis braucht, um sich zu lagern: denn Menschen lassen sich doch nicht packen wie Häringe.

Kaum grauete der Tag, so fand sich ein Haufe Trödlerinnen in meinem Zimmer ein. Sie trugen theils ihre Waaren, theils sich selbst an. In Wien scheint die Gewohnheit zu seyn, daß die Kramläden den Käufern nachlaufen. Die Zunöthigungen dieser Weiber sind unbeschreiblich. Ich war glücklich genug, sie mir nach einer vollen Stunde für etliche Gulden vom Halse zu schaffen.

Es ist eine Augenweide, zu sehen, wie munter, wie wohlgemuth, wie geputzt die Leute auf den Strassen hin und wieder wandlen. Diß erweckt bey mir ein sehr gutes Vorurtheil von dem Vorzug der Regierung.

So schlecht unser Gasthof beschaffen ist, so ist er doch hinlänglich bevölkert. Unterdessen beklagte sich der Wirth, daß die Anzahl der Fremden zu Wien abgenommen hätte. Er legte die Schuld auf die Abschaffung der Prachtfeste bey Hof. Mein Freund, der Unbekannte, mit welchem ich gestern Abend speißte, allegirte einen viel schönern Grund. Seitdem, sagte er, sich die Gesetzverwaltung in den Hofstellen und beym Reichsgerichte verbessert hat, und seitdem durch weise Policeyeinrichtungen der Ausschweifung und dem Uebermuthe gewisse Schranken gesetzt worden, so vermindern sich die Gäste zum Verdrusse der Wirthe und ihrer Kellnere.

Heute speißte ich in Gesellschaft einiger französischen Officiers. Sie waren den ganzen Morgen umgeschweift.

 

Sie machten mir einen so leckerhaften Vorgeschmack von den Vergnügungen, die man in Wien findet, daß ich eile, mich herzustellen, um ausgehen zu können.

 


 

§. 2.

Kaum schwung ich mich heute vom Polster herab, so empfand ich, daß ich vom Regen in die Tiber gefallen war. Weil Jerobeam noch keinen Bescheid weis, so nahm ich gestern Abends einen von den Taugenichts auf, wovon die Zechstube des Gasthofs voll sitzt, und die man Lehnlackeyen nennt. Die erste Verrichtung, so ich ihm auftrug, war, daß er nach der Wohnung des Herrn Lockmann gehen, und ihm meine Ankunft melden sollte. Er blieb zwo schwere Stunden: und bey seiner Zurückkunft brachte er eine Sammlung neue Trödler, Spielleute und Gaukler mit, die sich auf der Strasse zu ihm geschlagen hatten.

 

Im Augenblicke war ich umringt. Vergebens bat ich um Gnad: man entgehet zu Wien seinem Schicksal nicht. Ich mußte mir gefallen lassen, eine Menge Läppereyen und Künste zu kaufen, die ich nicht nöthig habe.

 

Herr Lockmann erschien zu meiner Errettung. Dieser wackere Freund holte mich auf die verbindlichste Art in seine Wohnung ab, um mir seine Familie vorzustellen. Er bewohnt ein artiges Appartement in der Blutgasse: so nennt man diese Gegend, um sich der Massacre zu erinnern, die sich mit den Tempelherrn zutrug, wodurch unsere Vorältern ihre Grausamkeit verewigten. Herr Lockmann wies mir seine Gemahlin und Töchter. Die letztern sind artige Frauenzimmer. Ich konnte mich nicht enthalten, einen jungen Herrn zu bewundern, den die ältere Lockmann für ihren Anbeter ausgab. Er sah aus wie ein Tagvogel, so geschminkt. Es ist der erste Maccarone, den ich hier sah.

 

Herr Lockmann nahm auf die höflichste Art über sich, für meine Lebensart allhier zu sorgen. Ich bin entschäftigt, spricht er, es ist mir Bewegung nöthig: erlauben sie mir das Vergnügen, sie in Wien zu orientiren.

Dieser Antrag ist allzu schmeichelhaft, um ihn auszuschlagen. Da Herr Lockmann schon zwanzig Jahre allhier wohnt, und übrigens ein Mann von einer sehr gesunden Urtheilskraft und viel Empfindung ist; so wird mir seine Gesellschaft nützlich seyn.

Nachdem wir die Schokolade genommen hatten, welche von den Demoiselles mit viel Anstand bedient wurde: so führte mich mein Freund aus, um ein Miethzimmer, so er für mich bestimmt hatte, in Augenschein zu nehmen. Die Dame, die es wegzugeben hatte, nannte sich gnädige Frau. Sie zierte sich sehr viel umsonst: denn von Leuten, die Zimmer vermiethen, vermuthet man Nichts. Ich nahm das ihrige auf Herrn Lockmanns Zuspruch. Nun bin ich also eingewohnt, das ist, ich befinde mich zwischen vier alten Stühlen, mit neuem Cottun übertüncht, und einer Matratze.

Sobald Jerobeam unser Gepäcke aus dem Gasthofe hieher gebracht hatte, so mußte ich eine genaue Beschreibung meiner Person aushalten. Die Formul dieses Bekänntnisses gedruckt. Sie enthält im Inbegriffe: wie ich mich nenne? woher ich komme? unter welchem Planeten ich gebohren bin? was ich in der Welt suche? Was ich denke? Wenn ich mich wieder davon trollen will? Nachdem ich alle diese Fragen aufs genaueste beantwortet, und meinen Namen unterschrieben hatte, so versprach mir die gnädige Frau ihre Protection.

 

Man erzählte mir, daß Lord Baltimore, welcher sich vorgenommen hat, seine Lebenszeit hindurch zu reisen, weil er nicht wissen will, wo er einst begraben seyn wird, allhier mit seinem Serail ankam. Es bestund damals aus acht Frauenzimmern, ohne den Arzt, Herrn William Footer, die Negers, und Köche. Der Policeyoberbeamte ersuchte den Lord, daß er sich erklären möchte, welche von den acht Dames seine eigentliche Gemahlin wäre. Milord erwiderte, daß er ein Engländer wäre, und daß er im Augenblick einen Ort verlassen würde, wo es ihm nicht erlaubt wäre, mit der Faust zu antworten, sobald man ihm dergleichen Fragen stelle.

 

§. 3.

Heute gieng ich mir Herrn Lockmann aus, um die Stadt zu besehen. Ich werde ihnen nicht viel Ausserordentliches sagen können: doch scheint, nach der Menge der neuen Häuser zu urtheilen, daß die Stadt unter der glänzenden Epoche der itzigen Herrschere um viel in ihrer Häßlichkeit abgenommen habe. Ich fand kaum vier bis fünf Palläste, die sich vom gemeinen Haufen ausnehmen: der Pallast des Fürsten Lobkowitz, der Lichtensteinsche Pallast, der Pallast des Grafen Ferdinand Harrach, der Pallast Schönborn, und der des französischen Gesandten. Die übrigen Palläste des Adels sind in sehr bürgerlichem Geschmack angelegt: sie gleichen mehr den Häusern der Finanzverwalter, als den Residenzen grosser Herren. Die Münze in der Johannisgasse ist ein Gebäud, welches den unsterblichen Kennzug träget, der sich in alle Werke des grossen Eugen geprägt findet.

Eine andere Gattung Hotels werden hier Höfe genennt. Sie gehören der Geistlichkeit. Die vornehmsten unter ihnen sind der heilige Creuzhof, der Schottenhof, der Mölkerhof. Sie sind durch nichts als ihren Umfang und ihre Bevölkerung merkwürdig. Im letztern wohnte Noverre, als er seine unsterblichen Werke Adelheit von Gonthier, und die Horazier, schrieb.

Diese Gebäude, welche meistentheils neu, und mit grossen Kosten aufgeführt sind, sind Wirkungen der Staatskunst neuerer Zeiten. Man hielt die Aebte, welche Besitzer davon sind, im Namen des Hofs zum Bauen an. Hierdurch erhielt man, daß soviel Geld in Umlauf gesetzt, und die Stadt um soviel Wohnungen erweitert wurde. Die Bauenden verlohren dabey nichts. Die Auslage zinnßt reichlich, und da sie vermuthlich die ewigen Eigenthümer bleiben, so erholt sich mit der Zeit das Kapital selbst vom Ueberschusse der Interessen.

Die Geistlichkeit ist es aber nicht allein, welche sich in dergleichen Unternehmungen zeiget. Als wir über den Graben giengen, so machte mich Herr Lockmann auf ein grosses Gebäud aufmerksam, womit sich eine Menge Bauleute auf einem Platze beschäftigen, den man den Freisinger Hof nennet.

Nach dem Umfang des Plans zu urtheilen, schloß ich wenigstens, daß es zu einem Pallast bestimmt wäre, den Kaiser und alle Neun Churfürsten zu logiren. Ich fühle aber, daß es einem Spital gleicht. Das Innere enthält einen Labirinth von Zimmern, welche geräumig genug sind, um Bettstätte einzurichten. Die Vorderseite ist von einem unverzeihlich niedrigen Geschmack. Der Baumeister fand gut, eine Reihe Götter auf das Dach zu stellen, die in Verlegenheit zu seyn scheinen, warum sie da sind. Es ist noch nicht ausgemacht, ob sich die Götter über das Haus mocquiren, oder das Haus über die Götter. Herr Lockmann sagte mir, daß der Unternehmer ein vornehmer Buchdrucker wäre: in der That findet man nach genauerer Einsicht, daß ein typischer Verstand im Grundrisse liege.

 

Die öffentlichen Plätze, welche in andern Städten für Hauptvorzüge der Zierde betrachtet werden, sind hier in geringer Anzahl, und unendlich unbeträchtlich.

 

Der Hof, worauf sich der Pallast des Nuncius befindet, ist ein längliches Fünfeck. Ich habe dem Versuche beygewohnt, die Wachparade auszuführen; allein ich glaube nicht, daß man diese Versuche fortsetzen wird, weil das Unebenmaaß des Bodens die Truppen an der Uebereinstimmung ihrer Bewegungen hindert. Der Graben besteht aus einem länglichen Viereck. Eine ungeheure Denksäule, welche die Wiener gleichwohl von unschätzbarem Werthe halten, dient mehr, den Platz durch ihre Grösse zu verdunklen, als aufzuheitern. Diß ist die berufene Dreyfaltigkeitsäule. Leopold der Grosse stiftete sie zum Andenken der verheerenden Pest 1679.

 

Man kann nicht läugnen, daß es ein sowohl der Grösse seines Stifters, als der Kunst seines Baumeisters Octavio Burnaccini. würdiges Werk ist. Aber man muß bedauren, daß der Erdkreis welchen es beherrschet, zu klein ist.

 

Ein weit unschätzbareres Denkmal der Kunst des Donner, eines Bürgers von Wien, enthält der Neumarkt. Man muß dem Rathe für seine Aufmerksamkeit Ehrerbietung beweisen: er läßt diese Figuren Tag und Nacht durch eine eigene Wache bewachen, um sie vor der Entweihung zu schützen.

 

Ich weis nicht, ob ich die kleine Terasse vor dem Pallaste der Hofbibliothek unter die öffentlichen Plätze zählen solle. Man sagt, daß der Kaiser einen Riß entworfen hätte, diesen Platz mit einer Balustrade und einem Monument zu zieren. Wenn dieses geschieht, so wird es der kleinste, aber interessanteste Platz zu Wien werden, weil er ein gleiches Viereck und eine völlig offene Fronte hat. Dann alle vorbemerkten Plätze haben den Fehler gemeinschaftlich, daß sie sich weder öfnen noch mittheilen. Sie haben folglich weder Perspectiv noch Ordonanz: Zwo wesentliche Eigenschaften eines Platzes. Sie gleichen in ihrer Art mehr Zwingern als Prachtplätzen.

 

§. 4.

Die Chronick von Wien datirt sich nicht weit nach der Erschaffung der Welt.

Das gewisseste ist, wie ihre Gelehrten sagen, daß eine römische Garnison um diese Gegend lag, als Appius Flavianus, Generallieutenant des Galba, an der Donau commandirte. Diß mag den Grund zur Stadt gelegt haben. In der Mitte des zwölften Jahrhunderts wird sie die Residenz der Oesterreichischen Herzoge. Ihre meiste Aufnahme hat sie den Leopolden und Marie Theresie zu danken. Inzwischen hat diese Stadt Strassen, die, für ihr Alter, hinlänglich regelmäßig sind. Diese Strassen sind zu beyden Seiten mit Häusern zu vier bis fünnf Stockwerken besetzt. Die höchsten darunter sind sieben Stockwerke hoch. Diese ungeheuren Felsen werden von einer Menge Menschen bewohnt.

Die niedrigste Gattung gräbt sich in die Erde. Den untern Grund nehmen Kaufbuden ein. Der zweite Stock wird für den edelsten Theil des Hauses geschätzt; er dient nur dem Adel und den Hofbedienten zur Wohnung. Unter dem Dache nisten Schneider, Sticker, Bildschnitzer, wegen des Lichts, so sie zu ihrem Gewerbe nöthig haben. In der That siehet es beneidenswürdig angenehm bey ihnen aus. Man athmet eine reine Luft, und hat reizende Aussichten über die Stadt weg. Aber diese Himmelsbürger leiden Mangel an Wasser und Erde. Sie müssen hundert und fünfzig Stufen steigen, um sich die Nothwendigkeiten des Lebens zu verschaffen.

Man zählt ungefähr 80 Gassen in der Stadt. Ihre Benennungen sind hinlänglich, den geduldigsten Menschen desperat zu machen. Ein Kavalier von meiner Bekanntschaft, der sich noch nicht lang hier befand, erhielt von einem seiner Freunde einen Brief mit der Pfennigpost – Pour Monsieur de Gony, abzugeben im Hundsfottgäschen. Er fand sich beym Anblick dieser Addresse so sehr beleidigt, daß er, da der andere ein Edelmann war, seinen Mann für die Spitze des Degens foderte. Allein dieser trug die Ausforderung zum Policeyamte, und bat seinen Freund zu belehren. Man überzeugte den Kavalier aus den Stadtprotocollen, daß sein Gegner gute Gründe gehabt, die Addresse so einzurichten, weil die Gasse, worinn er wohnte, wirklich diesen Namen trägt: ein Umstand, der ihm keine andere Parthie übrig ließ, als, sich wegzuziehen.

 

Die Bevestigung zu Wien, welche nicht von den vorzüglichsten ist, wird wohl unterhalten. Sie hat ihr größtes Verdienst der Belagerung 1683 zu danken. – Es ist ganz gewiß, daß nichts als der Geiz des commandirenden Vezirs Wien rettete. Er befürchtete, daß sein Antheil an der Beute, wenn die Stadt den Truppen Preis gegeben würde, zu klein ausfiel. Sie war hundertmal verlohren, ehe der großmüthige Sobiesky ankam, wenn man Sturm anschlug. Der Vezier hofte eine Capitulation zu erzwingen, wodurch der größte Theil der vorhandenen Reichthümer in seine Schatulle fliessen sollte, ohne daß es die Armee gewahr würde. Diß ist die Ursache, warum sich die Tataren einige Tage vor Ankunft des Sobiesky von der Armee trennten, welche den Alliirten den Sieg in die Hände gab.

Man erstaunt, wenn man bey den Schriftstellern dieser merkwürdigen Begebenheit den seltnen Stolz liest, den sich der Hof nach diesem Siege gab. Man berathschlagte sich im kaiserlichen Ministerium, ob der Kaiser den Sobiesky und seine Helden, die Ihro Majestät entgegen kamen, sitzend, oder stehend, oder zu Pferde, und mit bedecktem oder unbedecktem Haupte, empfangen sollte. Der König, welcher, als ein europäischer Souverain, dem Kaiser im Range gleich war, welcher mit einer freyen Nation aus fremden Landen herbey kam, um das deutsche Reich zu retten, und dem in der äussersten Noth befangenen Hause Oesterreich eine Krone zu erhalten, die ihm auf dem Haupte schwindelte; kurz, welcher sein und der Seinen Blut vergoß, während man zu Linz vor dem Altar lag, und Litanien betete; wurde zween Tage lang mit den Ceremonialregistern der Reichskanzley schikaniert.

 

Kaum sollte man glauben, daß es möglich ist, wie man von diesen Vorurtheilen zurück kommen konnte, wenn man eben diesen Hof unter der itzigen Regierung betrachtet. –

 

Ich ließ mir den Ort weisen, bis wohin sich die Mienen der Unglaubigen erstreckt haben sollen. Man nennt es beym Heidenschuß. Ein artiges Türkchen zu Pferd klebt an der Ecke eines Hauses, und schießt Pfeile auf die Kräuterweiber herunter, so in dieser Gegend feil haben.

 

§. 5.

Die Schule der Schotten auf der Freyung ist eines der interessantesten Gebäude, so ich jemals gesehen habe. Es ist ganz neu, und von der Erfindung eines blossen Steinmetzgesellen. Die Väter des Benedictinerordens bey den Schotten sind die Urheber. Der Baumeister hatte zween Vortheile: einen unerschöpflichen Beutel und einen freyen Platz. Er wußte sie mit einem Meistergeiste zu benutzen. Dieses Häuschen – denn man kann es wegen seinem mittelmäßigen Körper nicht anders nennen – enthält ein Modell zum Grossen, zum Schönen, zum Angenehmen, in der alten und neuen Baukunst. Hier weiset der Baumeister die seltne Kunst, diese Charactere zu vereinigen, ohne die Composition zu überladen. Es ists ganz, was man à la Mignonne nennt.

 

Bey alle dem hat der Künstler das Glück nicht, seinen Landsleuten zu gefallen. Die Wiener, welche in der Musik, im Schauspiel und in allen übrigen Künsten etwas Eigenes haben wollen, nennen es nicht anders, als, einen Schiebkasten.

 

§. 6.

Sagte ich ihnen nicht bey irgend einer Gelegenheit, daß der Umkreis der Stadt eine Stunde betrüge? Gerade so viel ist es, um in einem bürgerlichen Schritte rund auf dem Wall herum zu spatzieren. Heute maßen wir es, Herr Lockmann und ich, ab. Er hatte die Gefälligkeit, mich auf den Wall zu führen, weil er zur Sommerszeit einer der glänzendsten und volkreichsten Spatzierplane ist.

Hier sah ich alles, was reizend, was geschmackvoll, was schön ist zu Wien. Liebesgötter in Menschengestalt flatterten zwischen Grazien. Der Pracht, die Schönheit giengen mit der Vernunft gepaart: sie schienen zum erstenmal im Verständnisse zu leben.

Im Ernste, das Geblüt ist sehr schön unter diesem Himmelsstriche, und ihre Kleidung höchst natürlich. Ich habe vollendete Schönheiten unter dem Frauenzimmer gesehen: und unter den Mannsbildern, Gestalten, auf die ein persischer Sultan neidisch seyn würde.

Aber diese Gaben werden durch die unerträglichste Selbstliebe und Eitelkeit verdunkelt. Der allerkühnste Petitmaitre in Paris       ein Geck gegen die Dup ... und ... berge in Wien.

 

Herr Lockmann machte mich verschiedene Personen kennen, die ihrem Rang oder Schönheit nach sich auszeichneten. Ich sah unter andern

                   

Die Schöne, reich an seltnen Gaben,
Die nicht der griech'schen Venus weicht.
Die, Grazien gebildet haben,
Und deren Geist dem Körper gleicht.

Da ich beschlossen hatte, mit der Familie des Herrn Lockmann heute ins Theater zu gehen, so begaben wir uns zeitlich nach Hause, wo wir den Aushängezettel liegen fanden. Es waren zwey Schauspiele angekündigt: wälsches Singspiel, und deutsches Dram; oder, wie man allhier par preference spricht, Nationalschauspiel. Herr Lockmann wollte uns in das erstere führen, weil ich die deutsche Sprache nicht verstehe.

Ich bat ihn aber aus Nachsicht für die Demoiselles, mich ins Deutsche zu bringen, wogegen sie mir versprachen, meine Dollmetsch zu werden.

Sie erklärten mir, daß das Stück, so man heute spielte, ein Trauerspiel wäre, welches der Verfasser aus sechs englischen Stücken zusammengezogen hätte. Ich erstaunte über diese Unternehmung. Sie müssen sich irren, meine schöne Nanette, sagte ich; es wird heissen, daß er aus Einem englischen Stück sechs deutsche gemacht habe. Die Demoiselle Lockmann behauptete die Richtigkeit ihrer Lectur. Sie versicherte mich, daß der Verfasser sogar einer von den Schauspielern wäre, die im Stücke aufträten. – Kühner Sterblicher! – Dieser Umstand entschied mich, das deutsche Schauspiel vorzuziehen, ich wollte sehen, wie weit sich die Verwegenheit treiben ließe.

Wir langten sehr frühe im Theater an und nahmen unsere Plätze im Parterre.

Das Schauspielhaus ist neu und schön erbauet. Es hat wohlverlegte Treppen und Zugänge. Die Bühne ist nicht von den größten: sie ertrug aber doch, daß man die größten Compositionen des Hilverding, Noverre und Angiolini aufführte. Das Orchester bestehet aus 40 Stimmen, die gut beherrscht, und gut eingewöhnet sind.

Herr Lockmann ließ uns im Hintergrunde: weil man im Vorgrunde, eben so sehr als in den Gallerien, von dem Glanze der Lampen und Hängeleuchter geblendet wird.

Ich erwartete mit Zittern, daß der Vorhang auffuhr ..... Fif! .... Welch Erstaunen! Zum mindsten englisches Costume? .... In der That stellte das Dram, wie mir meine liebenswürdigen Dollmetsche an verschiedenen Orten erklärten, ein Stück aus der englischen Geschichte vor. – – Aber weit gefehlt, daß es die Königin Elisabeth, oder Essex waren, die sprachen, oder Shakespear, der ihnen einbließ. Es waren deutsche Schauspieler. Der Erzliebhaber primo Amoroso. fühlte am stärksten, daß er sich nicht auf seinem Platze befinde. Er war in Verlegenheit, was er mit seinen Gliedern machen sollte: itzt spielte er mit seiner Hutfeder: itzt schüttelte er seinen tafetnen Ermel. Einmal machte er eine Wendung, die der Wendung im Hexentanze ähnlich war. Seine Königin blickte ihn bey diesen schönen Akten aufs zärtlichste an. Sie war eine runde, fette Prinzessin. Es war rührend, ihnen zuzuschauen. Hier konnte man den Sinn jener Strophe empfinden:

                   

Der Britten grosse Königin,
Wie stolz tritt sie einher!
Schielt über ihren Essex hin,
Und buhlt mit dem Parterr.
Indeß, daß Essex, dieser Held,
So kühn als tugendhaft,
Zu ihren Füssen niederfällt,
Und nach der Loge gafft.

Die übrigen Könige und Prinzen, Nottingham, Salisbury etc. spielten ihre Parthie weg, so gut es die Umstände zuließen.

Ich bewundere die Imagination dieser Leute. Es war fast keiner, der nicht ein Ordensband trug. Die Raserey, Ordensbänder und Sterne an sich zu pflanzen, muß unter den deutschen Schauspielern sehr ansteckend seyn.

In den Schauspielen, die ich zu Strasburg, Hamburg und Berlin von ihnen gesehen habe, trugen alle Personen flittergoldene Ordensketten oder Bänder.

Das Uebel ist – Dank sey dem Himmelsstriche dieser Leute! – noch nicht so gefährlich, wie man es bey den Jesuiten zu Padua bemerkt. Ich traf gerade zu, als man bey den Jesuiterschülern in dieser Stadt ein berühmtes Dram aufführte. Es war der Sturz Belials aus dem Paradies.

Die vornehmsten Officiere unter den Engeln trugen die Uniform der Paduaischen Stadt- Quardia, und drüber Ordensbänder von verschiedenen Potentaten. Der Erzengel Gabriel, welcher die Dragoner anführte, hatte das goldene Vließ: Michael den russischen schwarzen Adler; Uriel war Commenthur von Sanct Jacob. Der Teufel trug den Orden Christi.

Um wieder in unser Theater zurück zu kommen: ich muß gestehen, daß ich ihnen von der Intrigue des Stücks nichts sagen kann, weil ich die Sprache nicht verstund. Es schien nicht viel Beyfall zu finden, weil nur wenig geklatscht wurde.

In der That siehet man nicht ein, was eine englische Anekdote für eine Wirkung auf die Nerven der Inwohner zu Wien haben sollte, deren Empfindungsart so weit von den Engländern unterschieden ist, als ihr Horizont. Gleichwohl schien einer von den Akteurs von der Materie sehr durchdrungen zu seyn: er machte bey einigen empfindsamen Stellen eine Miene wie der Lazarus des Guido.

Herr Lockmann sagte mir, daß nirgendswo mehr vom Theater geschrieben würde, als hier. Die Dramaturgien, Theorien, Liturgien, Chronicken und Allmanachs, so man in dieser Materie besäße, wären unerschöpflich. Ein desto schlimmers Zeichen: die Regeln sind Krücken, die der Kranke braucht, und der Gesunde verwirft.

Söhne Thaliens! Eure Kunst schränkt sich auf einen einigen Grundsatz ein, welchen Ovid erfunden hat –

Est Deus in nobis, agitante calescimus illo. Ein Gott, welcher mich besessen hat, hilft, daß mein Geist glühet. Anm. d. Ueb.

Der Ballet Minotaurus schloß die Vorstellung. Man kann nichts Unergänzteres in der Anlage, und nichts Matteres in der Machinistick sehen. Es ist schwer, Virgil oder Noverre zu seyn; aber man kann doch etwas Erträgliches, bloß vermöge des allgemeinen Menschenbegrifs machen, wenn man auch nur nachahmt.

Das Schicksal schien seinen Scherz mit mir zu treiben. Wir nahmen unsern Ruckweg aus dem Theater über den Graben, welcher zur Abendzeit der San Marco in Wien ist. Wir näherten uns einem Zirkel, der vorzüglich aus einer schönen Gesellschaft gebildet zu seyn schien. Die ungezwungene und freye Miene dieser Leute, ihr verbindlicher Anstand, und ihre lebhafte Unterhaltung zogen mich an ....... Wie sehr erstaunte ich, als mir die Demoiselles Lockmann sagten, daß es eben dieselben Schauspieler wären, die mich heute Abend so sehr ennuyrt hatten ..... Weiser Hume, wie wahr redest du! Die Schauspieler würden vollkommen vernünftige Wesen seyn, wenn sich die Vernunft in Noten und Schritte bringen ließ.

Herrn Lockmann glückte es, zween der ansehnlichsten unter ihnen besonders zu kennen: er brachte mich in ihren Zirkel. Sie zeigten Welt, Sentiment, und sogar etwas Litteratur. Sie deklamirten nicht, wie es die Gewohnheit ihres Gleichen ist. Sie waren den Fröschen auf der Hudsonsbay ähnlich, welche nur ausserhalb dem Wasser glänzen.

Ich beobachtete mit Vergnügen, daß ihnen niemand der Vorbeygehenden seine Hochachtung versagte. Diß ist hier bey einem Schauspieler vermuthlich die Wirkung seiner Privattugend, und nicht seines theatralischen Verdienstes. In der That versicherte mich Herr Lockmann, daß ihre Sitten gereinigt wären. Er sagte, daß sie, nach dem Beyspiel des Pariser Theaters, sich untereinander zu einer edlen Aufführung ermunterten; und daß man blendende Beyspiele der Tugend von einigen ihrer Frauenzimmer ....... gardons mes amis, de toucher aux apocryphes Der Himmel behüte, daß wir uns in geheiligte Zweifel mischen! Anm. d. Ueb. (Leçons de Devotion par Abbé de Vilette.)

Man muß gestehen, daß unter den Einwürfen, die Rousseau und andere Feinde des menschlichen Vergnügens dem Theater machen, die Ausschweifung seiner Mitglieder keiner der geringsten ist. Es ist mit der Schaubühne, wie mit der Religion. Wenn sie jemals die Vollkommenheit erhalten solle, die ihr ihre Verfechter zueignen, so wird es von der Verbesserung ihrer Disciplin abhangen.

 

§. 7.

Nach dem gestrigen Schauspiel konnte ich keine aussöhnendere Handlung begehen, als die Kirchen zu besuchen.

Sanct Stephan ist die Kirche des Domkapitels. Die Musik ist vortreflich – was auch der milzsüchtige Burney sagen mag. Hier ists, wo die Compagnie der Tonkünstler ihr Jahrfest am Cöciliatag begehet, welches eine der besten musikalischen Akademien der Welt ist.

Bey den Kapuzinern besah ich das prächtige Pantheon, welches Marie Theresie dem lotharingischen Kaiserstamm erbauen ließ. Artemisia that nichts grösseres für die Apotheose ihrer Liebe.

– Das Denkmal der Dankbarkeit, welches die Kaiserin ihrer berühmten Ziehemutter, der Gräfin Fuchs aus dem Hause Molart, stiftete, indem sie die Urne derselben zu den Füssen ihres eigenen Sarges setzen ließ, ist ein auffallender Gesichtspunkt.

Die Hofkirche bey den Augustinern ist das vollkommenste Zeughaus in Europa, wegen der Menge Fahnen, Standarten, Roßschweife, Säbel, Kanonen, Hellebarden, Degen, Petarden, Sturmleitern, Pfeifen, Trommeln u. d. gl. womit der Chor und alle Wandpfeiler ausgeschmückt sind. Man siehet nicht ein, was für eine Verbindung diese Meubles mit der Kirche haben, welches ein friedfertiger, einsamer und stiller Ort seyn soll. Der Anblick dieser mörderischen Gegenstände stöhrt die Gemüthsruhe des Menschen, und nimmt den Geist mit blutdürstigen Empfindungen ein. Wie? sollten die Ruhe, die Sicherheit, der Ueberfluß, worinn ihr lebt, nicht Beweggründe genug seyn, euch an die Siege zu erinnern, die euch Gott wider die Feinde des Vaterlandes verliehen hat; sollten sie nicht fähiger seyn, eure Gemüther zu Hymnen an den Führer der Heerschaaren zu erheben, als jene verächtlichen Werkzeuge, die das Herz entweder mit Rache entflammen, oder in Verzweiflung über das Elend der Menschen versenken? .....

Ich fragte nach der Fahne, welche sich in der Geschichte durch die edelmüthige That des Prinzen Commerci berühmt gemacht hat. Niemand verstund mich. Es scheint, daß die Ordensväter eben soweit von dem Endzwecke dieses Schmucks entfernt seyen, als von dem Jahrhunderte, welches ihn lieferte.

Man begreift nicht, wie es möglich ist, daß alle Tage Zehntausend Personen an der Michaelerkirche zu Wien vorbeygehen, und den Anblick ertragen können, daß ein Haas den Rosenkranz betet. In der That siehet man zur linken Seite des Oelberges im Hofe die Figur eines Hasen in halberhobener Arbeit, welcher ein Männchen macht, um einen Rosenkranz, der 8 Zoll lang, und folglich nur 2 Zoll kürzer ist, als das Thier selbst, beten zu können. Alles was die Kirchenbeamte zur Entschuldigung dieser ärgerlichen Sottise anzuführen wissen, ist, daß der Stifter dieser Andacht sich Haas genennt habe. Ich bedaure das Jahrhundert, welches keine bessern Sinnbilder zu erfinden wußte – noch mehr aber jenes, welches übel erfundene Sinnbilder nicht zu verbessern weis.

Dergleichen Züge sind traurige Zeugen von dem Unglück unserer Vorältern, von der Barbarey ihrer Begriffe. Wir sind ihrem Andenken die Hochachtung schuldig, sie zu vertilgen.

Die Kirche des heiligen Borromäus, welche von den Kreuzherren bedient wird, ist die Wirkung eines Gelübds, wie die Innschrift über dem Portal lautet: ich will meine Gelübde bezahlen vor denen die ihn fürchten. (Ps. 22.) Sie ist unstreitig eine der schönsten Kirchen in Wien, und vielleicht in Deutschland. Sie stehet ungefähr auf achthundert Schritte von den Mauren der Stadt entfernt, auf einem freyen Platz. Diß giebt ihr eine vortheilhafte Wirkung. Sowohl ihre äussere als innere Einrichtung stimmt mit dem Prachte und dem Andachtseifer ihres Stifters überein, welches Karl VI ist. Sie ist, wie man weis, nach dem Modell der Rotunda erbaut.

Weil der Hof heute eine Andacht bey unserer lieben Frauen zu Mariahilf hatte: so begab sich unsere Gesellschaft dahin, um dem Feste beyzuwohnen. Niemals habe ich ein rührenderes Bild der Frömmigkeit gesehen. Ein allgemeiner Andachtseifer flammte über alle Höflinge, so sich neben dem Stuhl den Kaiserin befanden. Weder an dem Hofe Ludwigs des Heiligen, noch Ludwigs des Frommen können die Höflinge erbaulichere Beyspiele gegeben haben. Ich näherte mich einem dieser Herren, welcher sich gerade in dem Gesichtspunct der Kaiserin gestellt hatte. Er trug einen goldenen Zahlpfennig im Knopfloche. Ich vernahm ihn folgenden Seufzer lispeln: Pulchra Laverna, da mihi fallere, da justum sanctumque videri! Heilige Mutter! lehre mich die Welt betrügen, und für einen ehrlichen und gottesfürchtigen Mann passiren. Anm. d. Ueb.

 


 

§. 8.

Wenn man nicht ganze Bücher in dieser Materie besäße, so würde ich ihnen sehr viel vom Prinz Eugenschen Garten, dem sogenannten Belvedere, sagen. So wie ich mich diesem merkwürdigen Orte näherte, so empfand ich einen ehrerbietigen Schauer vor dem Wohnsitze dieses grossen Mannes, welchem die österreichische Monarchie – und die ganze Christenheit, so viel zu danken hat; der einer der berühmtesten Männer seines Jahrhunderts, und der Vater fast aller heutigen Helden war.

Dieses Gebäude trägt den Charakter der Grösse seines ehemaligen Bewohners an sich. Das Aeussere ist in einem höchst heroischen Geschmack. Das Innere enthält unschätzbare Mahlereyen, Tapezereyen, Spiegel, Kronleuchter, Schränke, Bildsäulen, Porcellan und Kristalle. Der Garten würde einer der edelsten Spatzierörter in Wien seyn, wenn er mehr Schatten hätte. Aber sowohl diese Ursache, als die Entlegenheit hindert die Wiener, an diesem vortreflichen Lustplatze Theil zu nehmen; ob er schon durch die unschätzbare Gnade des Kaisers eröfnet ist.

Im Vorgrunde liegt ein stolzer und geraumer Teich, worauf man, selbst mit Gondeln, fahren kann.

Zum Pallaste führen zwo majestätische Treppen. Rechter Hand im Hofe liegt das Corp de Garde: zur linken Seite die Wohnungen der Bedienten und Gärtner. Wenn man an der ehemaligen Menagerie vorbey ist, wovon noch die Gebäude vorhanden sind, so siehet man sich auf einer Terasse, von welcher man die glücklichste und reizendste Aussicht über die Stadt Wien hat. Verschiedene Treppen, zwischen welche Wasserfälle, Bassins und Springbrunnen gemacht sind, führen in ein Elisyum, so aus Taxbaumalleen, Cypreßwäldchen, Labirinthen und Fontainen bestehet. Zur Linken öfnet sich eine Thüre ins sogenannte Paradiesgärtchen, worinn die niedlichsten Parterres, Vogelhäuser und Gitterwerke sind. Die Seitengänge sind mit einer Reihe Busten besetzt, welche die Bildnisse der vornehmsten Götter, Weltweisen und Heiden vorstellen.

Dieser Ort riß mich hin. Jeder Tritt heftet den Fuß des Reisenden. Wäre ich zu Wien, so sollte kein anderer mein Lieblingsspatzierplatz seyn, als er. Die feyerliche Stille, so wegen der Einsamkeit des Gartens hier herrschet, öfnet die Seele dem angenehmsten Gefühle der Schönheiten, so sie umringen. Die vielen Gegenstände der Pracht und der Kunst unterhalten das Genie des Zuschauers. Selbst jene Reihe Busten prägt einem die lehrreichsten und angenehmsten Erinnerungen aus der Geschichte ein. Nichts ist fähiger, die Grösse unserer Vorfahren zu beurtheilen, als Werke dieser Art.

Jenseits dem Garten selbst ist ein Lustwäldchen, wohin die Kaiserin Königin die unter ihrer für die Künste so schmeichelhaften Regierung gestiftete Bienenschule verlegt hat.

Es giebt noch hin und wieder zu Wien, Genossen der merkwürdigen Zeiten dieses Helden. Einer derselben, welcher als Hauptmann unter ihm gedient hatte, und an dem grossen Tage bey Belgrad (16 Aug. 1716) zu seiner Seite war, erzählte mir dieser Tagen, daß der Prinz – vermuthlich, weil er von dem glorieusen Erfolge seines Vorhabens bereits versichert war – sich bey ungewöhnlich aufgeräumter Laune befunden hätte. Wenn wir gewinnen, sagte er zum Herzog von Würtenberg, und andern Officiers, welche ihn umringten, so bedaure ich die Hofräthe zu Wien; dieser Zufall wird sie ihr Latein verlieren machen. Der Verfasser der Memoires pour servir à l'histoire de Brandebourg sagt: alle Kriegsoperationen wurden im Kabinette eingerichtet. Der Ueberfall der Türken bey Belgrad war schlechterdings ohne Vorwissen des Hofkriegsraths geschehen: und es war eine so verwegene Unternehmung, die das Ministerium niemals entworfen haben würde. Auch weis man, daß der Prinz, des glücklichen Ausgangs ungeachtet, zur Verantwortung gezogen, und ihm ein Proceß gemacht werden sollte. Anm. d. Ueb.

Man weis, daß der Prinz Eugen sich allezeit in dreyerley Sprachen zu unterschreiben pflegte – Eugenio von Savoye. Als ihn die Marquise von Prie einst fragte, was Seine Königliche Hoheit hiezu bewege, so erwiederte der Prinz: zu zeigen, daß ich ein dreyfaches Herz besitze; das Herz eines Wälschen – gegen meine Feinde; das Herz eines Franzosen – für meinen Monarchen; ein deutsches – gegen meine Freunde. Karl VI, dem diese Rede hinterbracht wurde, that einige Zeit später, dem Prinzen eben dieselbe Frage. Sire, versetzte Eugen, ich habe Wälschland mein Leben, Frankreich meinen Ruhm, und Deutschland mein Glück zu danken. Nur sehr grosse Seelen können ein so aufrichtiges Bekenntniß ablegen, wie die letztern Worte enthalten.

 

§. 9.

Heute war ich im Prater, welches der Hydepark zu Wien ist. Wir trafen keine schöne Welt an, ob es zwar nicht an der Menge der Menschen fehlte. Der Prater ist ein Lustwald, der sich längst dem Donaustrome von der Spitze der Leopoldstadt an auf eine halbe Meile erstreckt. Anfänglich ist der Wald ziemlich licht. Weiter hin aber wird er dunkler, weniger bevölkert; und in der Tiefe lassen sich einige Hirsche und Rehe sehen.

Da dieser Wald eine Halbinsel ist, so dünkt mich, könnte man die Vergnügungen unendlich durch Gondeln und Wasserfahrten vermehren, wenn die Wiener grössere Liebhaber vom Wasser wären, als sie nicht sind.

Der Adel bedient sich dieser Promenade bloß für die Cours de Carosse. Der Pöbel schwimmt, überall wo Freßgelage sind, in seinem Element.

Wir blieben, bis das Feuerwerk begann. Es giebt deren zwey zu Wien: das deutsche und das wälsche. Jeder Künstler hat seinen Anhang. Dieser Anhang bestehet aus Journalisten, Kunstrichtern und Combattanten. Beide Partheyen sind auf einander so sehr erbittert, und streiten mit soviel Wuth, als ob es sich der Mühe verlohnte. Es ist der Streit der Kraniche und der Zwerge. Das heutige Stück trug den Titel: Die Belagerung. Es war der Deutsche, dem es zugehörte. Er hat ein ausschliessendes Recht vor seinem Nebenbuhler, im Prater zu spielen, weil es Nationalschauspiel ist.

Das Programm, welches der Künstler austheilen ließ, hebt sich mit dem Compliment an seine Zuschauer an: weil er beobachtet hätte, daß sie das Knallen am meisten unterhielte, so würde er heute Abend ein recht Hauptgetöse machen, und die Ehre ihres schmeichelhaften Beifalls zu gewinnen. Zu diesem Ende hätte er in Bereitschaft:

    Bomben. . . . . . . . . . . . . . 200.
    Mordschläge . . . . . . . . . . 100.
    Canonschläge . . . . . . . . . 80.
    Carthaunschüsse. . . . . . . 150.
    Pelotonfeuer . . . . . . . . . . 300.
    Schnurlaufer . . . . . . . . . . 48.
    Granatfässer . . . . . . . . . . 64.
    Schlagraketten . . . . . . . . 600.
    Geladene Batterien . . . . . 3.

Der Mann hielt Wort: er machte mehr Getös als Werke.

Weil wir im Wagen waren, so mußten wir sehr lange vor dem Thore warten, bis der Faden fortrückte. Man bezahlt hier, wie in allen übrigen Orten, Sperrgeld. Die Einnehmer waren Herren in Kleidern mit Gold besetzt, und die die Miene grosser Herren nachmachten. Trotz diesem Prachte muß die Abgabe dem gemeinen Manne sehr beschwerlich seyn. Die Sperr fängt so früh an als möglich ist, und dauert bis an die Gränze der Natur. Joseph II verherrlichte sich auch hierinn, daß er ihnen, zum Besten der Armen, einige Stunden abbrach. Man läutet eine gewisse Glocke, und auf den Streich schliessen sich die Thore an allen Oefnungen der Stadt so genau, als die Pforten der Höllen. Wer zurück oder vorwärts gehet, muß einen küpfernen Kreuzer bezahlen, welchen die Herren in den goldenen Kleidern mit einer hohen Miene in den Zahltisch werfen. Man behauptet, das das einträglichste Thor am günstigsten Tage 500 fl. gebracht habe.

Herr Lockmann erzählte, um uns eine Kurzweile zu machen, eine lustige Anecdote von einem dieser lächerlichen grossen Herrn. Sie rühren meistentheils aus fürstlichen und gräflichen Häusern her, wo sie als Hausbeamten gedient haben. Derjenige, wovon ich rede, war Kammerdiener beym Fürsten ..... Er bildete sich auf seinen Protectionen etwas ein. Bey jedem Worte sprach er: je parlerai au Prince. Diese Redensart war ihm durchaus angewohnt. Einst begegnete ihm der Baron Schenk auf der Treppe des Fürsten. Monsieur Henry, sagte er, comment se porte Madame votre femme? – – Je m'en vais justement parler au Prince erwiederte der zerstreute Ministerling.

 

§. 10.

Um das Feuerwerk des Girandolini, so nennt sich der wälsche Künstler, zu sehen, führte mich Herr Lockmann in Augarten. Man hat mehr nicht nöthig, um einen Begrif von diesem Orte zu geben, als die Aufschrift anzuführen, die sich über den Eingang befindet:

Allen Menschen gewidmeter Belustigungsort von ihrem Schätzer.

Dieser erlauchte Menschenschätzer ist, wie man leicht urtheilen kann, Joseph II. In der That hat der Kaiser diesen Ort, welcher unter seinen durchlauchtigsten Vorfahren zu nichts als einer Jagdremise diente, umgeschaffen und einen der schönsten Spatzierplane der Welt daraus gemacht.

Die Meynungen der Wiener sind getheilt, ob der Platz gewonnen habe. Es giebt Leute, die Alles ertragen können, nur nicht, was untadelhaft ist. Sie behaupten, daß

    »die kunstlose Natur, welche zuvor in die-
    »sem Hayne herrschte, in der Seele des
    »Wanderers ein weit feyerlicheres Gefühl
    »des Lebens erweckte, als die Reize der
    »Kunst, womit er itzt ausgeschmückt ist –

Hierauf haben Andere durch ein sehr schönes Sinngedicht, welches unter dem Titel – sokratische Unterhaltungen im Augarten, dem Götterhayne; der Madam Eskaeleß zugeeignet ist, einem Frauenzimmer, welches alle Anlage besitzt, die Diane im Hayn zu machen – zur Antwort gegeben:

    »Freunde, entheiligt diesen Garten nicht
    »durch mühsam gefundene Klagen, er ist
    »unser Hayn. Die Majestät hat ihn der
    »Menschheit geweiht – – – – Besuchet
    »öfters diesen heiligen Hayn. Manch gu-
    »tes, unschuldiges Mädchen verschönert ihn,
    »von Freude geführt, vollblühend wie eine
    »Rose. Erfrischende Luft hat sie geschminkt.
    »Leicht ist ihr Gang und Gewand; edel die
    »Miene; jeder Zug des sittlichen Reizes in
    »sinnlicher Schönheit – – – –

Ich mische mich in die Begeisterungen dieser Herren nicht: dann ich kenne den Platz nicht anders, als wie er heut zu Tag beschaffen ist. In dieser Betrachtung scheint er mir eine Art von Vauxhall zu machen.

Obgleich die Pflanzung noch ganz neu ist, so nimmt man doch Meisterzüge im Plan und im Endzwecke wahr.

Die Allee, welche von der grossen Terasse sich bis ans Ufer der Donau erstreckt, und auf dem gegenseitigen Ufer, vermittelst eines Walds, fortgesetzt wird, verschaft eines der vortreflichsten Perspective. Der Urheber konnte nichts glücklicheres denken. Mit eben soviel Genie sind die Gänge und Ruheplätze vertheilt. Der innere Theil des Garten athmet einen philosophischen Aufenthalt, das Bild einer platonschen Akademie. Der äussere eröfnet Scenen des Vergnügens, der Gesellschaft und des Geschmacks. Welch reizender Wechsel! – – Ach! alle diese Schönheiten werden durch den Anblick des Wirthshauses verderbt, welches sich im Mittelpunkt befindet. Diese Nation kann kein Vergnügen empfinden, ohne daß sie den Schenktisch im Gesichte hat. Sie würde ein Wirthshaus neben den Pallast der Fee Zephirette bauen.

Man siehet aus dem Zwange, den dieser Gegenstand im ganzen Plan verursacht hat, deutlich, daß es ein bloßes Opfer ist, welches der Stifter der Nation, die er vor sich hat, und die er kennt, hingegeben.

Wäre es ungeheiligten Händen erlaubt, die Werke der Götter zu berühren, so glaubte ich die Vorzüge dieses Lusthayns durch einen Gedanken zu vermehren, der mir während meinem Spatziergange darinn beyfiel. An die Stelle des Wirthshauses würde ich ein Theater einrichten. Hierdurch dächte ich das Interesse des Platzes zu vierfachen. Einmal am Schauspiele: zweytens, weil man nach geendigtem Schauspiel, welches ich frühe anfangen liesse, eine der glänzendsten Promenaden eröfnen könnte: drittens, weil diejenigen, welche – wie es ohne Zweifel sich oft ereignen würde – sich durch die Schauspieler ennuyrt befänden, nicht mehr als einen Schritt zu thun hätten, um sich zu entschädigen. Viertens, weil das Theater nach geendigtem Schauspiel in einen Tanzsaal verändert werden könnte.

Das Wirthshaus würde ich, um den Bedürfnissen der Nation nichts abzubrechen, in die Entfernung verlegen.

Die Schönheit der Welt, so ich um mich her sah, zog meine ganze Seele an sich. Unter verschiedentlichen ungewöhnlichen Personen wies man mir den türkischen Gesandten. Er gieng mitten unter einem Schwarm Officiers. Unter diesen befand sich der Graf K...., welcher vor zween Tagen zu einer artigen Scene bey dem Gesandten Anlaß gab. Der Graf war aus Hungarn angekommen. Er hörte, daß die ganze Noblesse zum Gesandten lief, um ihm den Hof zu machen, und zu sehen, wie er Toback schmauche. Er ließ sich melden. Sobald ihn der Gesandte sah, wendete er sich mit dem Gesichte ans Fenster, und kehrte dem Grafen den Rücken zu. Vergebens bezeugte ihm der Graf Höflichkeiten. Der Türk sprach nicht ein Wort. Voll Wuth über diesen Empfang lief der Graf vom Gesandten weg, und suchte den Dollmetsch auf. Die ganze Noblesse, sagt er, spricht von dem verbindlichen Character dieses Türken. Mich hat er beschimpft. Begeben sie sich zu ihm, und sagen sie ihm, daß ich eine Erklärung erwarte, warum er mich von seiner Hochachtung ausnehme. Der Dollmetsch versicherte den Grafen, daß hier ein Mißverständniß seyn müsse. Sogleich suchte er den Gesandten auf. Bassa, sprach er, der Graf K.... beschwert sich, daß sie ihm keine Höflichkeit erwiesen. Sein Haus ist eins der erlauchtesten am Hofe, und er ist Officier von den Armeen des Kaisers..... Wie? ist er ein Deutscher? rief der Gesandte. Man bitte ihn geschwind, zurück zu kehren, ehe er in Wagen steigt. Der Graf kam zurück: und der Gesandte empfing ihn mit der lebhaftesten Ergiessung des Herzens, indem er sich entschuldigte, daß er ihn seiner Uniform nach – der Graf dient den den Chevaux Legers – für einen russischen Officier gehalten hätte, gegen welche ihn Gewissen und Vaterlandspflicht verbände, Abscheu zu tragen.

Man kommt durch einen sehr leichten Weg aus dem Augarten auf den Platz, wo Girandolini seine Feuerwerke giebt. Ich fand, daß die Wiener ein richtiges Gefühl von der Kunst haben; und daß der deutsche Feuerwerker ein Unverschämter ist. Ich lauerte genau auf ihre Bewegungen. Man klatschte dem Manne nie Beyfall zu, als wenn er ihn verdiente. Man muß gestehen, daß er sich sehr oft in diesem Falle befand.

 

§. 11.

Wenn die Menge Spitäler und Versorgungshäuser, welche man in dieser Stadt findet, nicht ein Beweis von dem Vorzuge ihrer Policey sind, so sind sie es von dem Alter derselben. Es ist rührend, diese Denkmäler der Menschlichkeit und der Religion zu betrachten.

Das erste und vornehmste ist das Spital der barmherzigen Brüder. Vermöge der besten Berechnungen verlieren die barmherzigen Brüder unter zwanzig ihrer Kranken dreyzehn; und diß ist in der That sehr wenig, wenn man bedenkt, daß Keiner gerne stirbt, und Alle zum Tode gezwungen werden müssen. Diese Ordensleute haben noch ein anderes Haus, in einer annehmlichern Lage, jenseits der Donau. Sie nennen es das Reconvalescentenhaus. In der That werden alle Patienten, welche sich von der Krankheit erholt haben, hieher übersetzt, um die ersten Züge von der Wohlthat des Lebens wieder zu schmecken.

Von dem Reconvalescentenhause etliche hundert Schritte entfernt, liegt das Waisenhaus zu Sanct Marx. Dieses Etablissement ist das Werk eines Jesuiten. Es ist, seinem Ursprunge, Wachsthum und Einrichtung nach, das einige in seiner Art. Es beweißt, was der gesunde Willen eines Privatmenschen, vom Fleisse begleitet, ausrichten kann. Der Pater Parhammer, so heißt dieser ausserordentliche Mensch, ist, nach meinem Urtheile einer der besten Staatsbürger, die die Monarchie besitzt. Er hat etlich tausend Kindern, die für den Staat todt waren, das Leben erhalten. Er hat die Freigebigkeit ermuntert, und dem Ueberflusse eine Laufbahn gezeigt. Die Tugend verlangt oft nichts, um sich zu veroffenbaren, als daß man ihr die Mittel hiezu weise. Diß hat der menschenfreundliche Jesuit gethan. Sein Werk ist das Denkmal eines sehr ausgebreiteten und sehr wohlthätigen Geistes.

Man wies mir in einer der Gallerien des Waisenhauses eine Thür, worüber die Innschrift stund: Stiftung Ihro Kaiserlichen Majestät Joseph II, für arme Jägerskinder. Diese Innschrift wird durch die Legende merkwürdig, welche man dabey erzählt. Als Leopold der Heilige das bekannte reiche Stift zu Klosterneuburg zu errichten beschloß, und wegen der Wahl des Platzes unschlüssig war: so erhielt er eine Offenbarung, welche ihm befahl, jenen Fleck zu erwählen, wo er den Schleyer seiner Gemahlin wieder finden würde. Die Marggräfin hatte ihn auf der Jagd verlohren. Man durchstreifte das Gehölz, und die Hunde gaben bey einer Staude Laut, wo man den Schleyer hängen fand. Aus Hochachtung für diese Begeisterung, welcher die Geistlichkeit ihren Reichthum zu danken hat, erhielt das Kapitel die Race derselbigen Hunde bis auf den heutigen Tag. Sie machten einen Theil der Reliquien aus, die man den Reisenden zu Klosterneuburg weiset.

Die Geistlichen prätendirten, daß es Abkömmlinge wären, die sich zugegen befanden, als Joseph II im Jahr 1770 das Kloster besuchte. Man erzählt die Geschichte der erleuchteten Vernunft und der Menschlichkeit, wenn man die Handlungen dieses Prinzen erzählt. Diese politische Race stund dem Kaiser nicht an. Er glaubte die Würde des Gegenstandes und die Herrlichkeit des Heiligen mehr zu verewigen, wenn er die Stiftung auf Menschen leitete. Er nahm das zur Erhaltung dieser Thiere bestimmte Kapital weg, und gab es dem Waisenhause, mit der Verordnung, daß soviel arme Jägerskinder dafür ernährt werden sollen.

In der Nachbarschaft des Waisenhauses liegt das Spital zu Sanct Marx. Diß ist eines von den traurigen Denkmälern des menschlichen Elendes. In dem einen Theile des Gebäudes liegen Unsinnige an Ketten. Auf der andern Seite enthält ein Saal, wie die Ueberschrift über der Thüre lautet – die aus Liebe unglücklich gewordenen Frauenzimmer. Diese unglücklichen Opfer des Vergnügens und der Unvorsichtigkeit finden sich in Menge ein, theils um die ihnen anvertrauten Unterpfande abzulegen, theils um sich an dem Gifte des Vergnügens heilen zu lassen. Es befindet sich eine Schule dabey angelegt, worinn sich junge Aerzte und Wundärzte in der Geburtshilfe und in der Heilung der Lustseuche üben können.

Allein Ein – vielleicht der wichtigste – Gegenstand gehet dieser Einrichtung ab. Es ist nicht genug, daß man das Laster heile: man muß es auch vor der Schande bedecken. Es giebt gewisse Situationen im menschlichen Leben, deren Anblick weder dem Zuschauer, noch dem Patienten erträglich ist. Zu St. Marx ist nicht nur jedem Neugierigen erlaubt, in den Saal der Wöchnerinnen und an der Lustseuche arbeitenden einzutreten, wenn er will; sondern an einem gewissen Tage des Jahrs werden die Thüren auch für den Pöbel eröfnet. Hier sehen sich die unglücklichen Frauenzimmer dem Witze und den Spöttereyen der Gassenjungen und Gemeindirnen ausgesetzt, welches ihnen schmerzhaftere Empfindungen erwecken muß, als ihre Krankheit selbst.

 

§. 12.

Um ihnen einen Begrif von der Residenz des Kaisers zu machen: es ist ein altes Gebäude in einem barbarischen Geschmack. Man nennet es die Burg. Man zeigt Einem noch in der Wallnerstrasse das Haus, so Marggraf Leopold von Oesterreich bewohnte. Es ist ungleich edler als die Burg selbst, welche lange nach der Hand von dem Böhmenkönige erbauet ward. Die heutige Burg ist ein längliches Viereck zu vier Stockwerken. Die Eingänge, die Treppen, die Gallerien sind ohne Erfindung und Regel. Das Gebäude entspricht schlechterdings dem Eindrucke, den es von der Majestät seiner Beherrscher machen sollte. Aber dieser Eindruck wird wieder hergestellt, sobald man das Inwendige betreten hat. Die Pracht der Appartements ist kaiserlich. Karl VI welcher in Allem, was er entwarf, groß war, ließ den Riß zu einem neuen Residenzpallaste durch seinen Liebling, Fischer von Erlach, zeichnen. Wenn dieser Plan ausgeführt worden wäre, so würde der Kaiser den prächtigsten und edelsten Pallast in Europa besitzen. Das Schicksal wollte, daß er den gegenwärtigen mit all seinen Fehlern behalten sollte.

Im ersten Hofe trift man eine Kompagnie Grenadiers an, welches eine Mannschaft, die schön genug ist, um mit den vornehmsten Garden der europäischen Prinzen in Vergleichung gestellt zu werden. Diese Wache besetzt die äussern Zugänge, und einen Theil der Gallerien des Pallasts.

Auf dem zweiten Posten findet man die Hausgarde (Garde du Palais). Ihre Uniform ist grau. Sie bestehet aus alten, verdienten Soldaten, die von der Armee ausgezogen sind, um ihnen hier ein Sort zu machen.

Den dritten Posten hat die Leibgarde zu Fuß, oder die Cent Suisses. Ihre Uniform ist hochroth, mit schwarz sammetnen Aufschlägen und goldenen Tressen. Diß sind Krieger, deren Treu und Verdienste bewährt sind. Sie müssen wenigstens Sergeanten oder Wachtmeister gewesen seyn. Man zählt keinen unter ihnen, der nicht Wunden auf dem Leibe trägt, und zwanzig oder mehr Jahre gedient hat. Dieses Corps, dessen Anblick sehr viel Ehrerbietung erweckt, ist eines der Schöpfungswerke Josephs II. Der Kaiser errichtete es im Jahr 1768, anstatt der aufgehobenen Schweizergarde. Es besteht aus 120 Mann, deren Kapitain Feldmarschall ist, und die auf den Fuß der Oberofficiers bezahlt sind.

Der letzte Posten gehört der Hungarischen Nobelgarde, und der deutschen Arciergarde gemeinschaftlich. Man kann sich im Bilde der Möglichkeit kein schöneres Corps ersinnen, als das erstere ist. Blühende Jünglinge von auserlesenem Wuchs. Sie dienen zu Pferde. So oft der Kaiser oder die Kaiserin Königin ausfährt, so sind vier Garden beordert, den Wagen zu begleiten. Joseph II dispensirt sie sehr oft von diesem Dienste: Seine Majestät lieben, wie man weis, das Incognito. Aber wenn die Kaiserin Mutter, der Erzherzog Max, oder die Erzherzoginnen, welche bey Hofe leben, ausfahren, so siehet man die Begleitung der Hungarischen Garde. Diese Garde ist, die Detaschements, welche sich an den Höfen zu Mailand und Preßburg befinden, einberechnet, 180 Pferde stark. Ihr Kapitain ist Feldmarschall: die Gardes selbst sind Oberofficiers der Armee.

Die deutsche Arciergarde ist, wie sie wissen, bey Gelegenheit der Krönung Ihre itzt glorwürdigst regierenden Kaiserl. Majestät 1763 errichtet worden. Sie bestund anfänglich aus jungen Edelleuten, so Lieutenants von der Armee waren, und wenn sie einige Jahre bey Hof unter der Garde zugebracht hatten, wiederum auf ihre Posten zum Regiment zurückkehrten; und von andern abgelöst wurden. Sie diente zu Pferde, als Joseph II 1773 ihre Zahl verringerte und statt der jungen Leute alte, abgediente Officiers einführte. Seit dieser Zeit dient sie Fuß.

Diese beede Garden haben große Vorzüge. Sie bewohnen prächtige Palläste, und bey dem Begräbniß eines Garde wird ein Siegespferd mit einem Harnische vorangeführt.

Ein Theil des Pallasts wird von der Kaiserin Königin Majestät, der zweite Theil von dem Kaiser bewohnt. Auf den beeden Flügeln befinden sich die Appertements der Erzherzoginnen Anne, Christine und Lisbeth, des Erzherzogs Max, und des Herzogs zu Sachsen-Teschen; die Gallerien der Schatzkammer, des Münzkabinets, der Naturalien- und Kunstsammlung, der Gemälde, und die Hofbibliothek.

Gerade unter dem Horizonte des Kaisers ist die Kabinetskanzley Seiner Majestät. Sie ist mit dem Kabinet des Monarchen durch eine seltene Maschine verknüpft. Diese Maschine bestehet aus einem Tische, welcher sich vermöge einer Walze, von selbst bewegt, in die Höhe drehet, durch den Fußboden des Kabinets gehet, und an der Seite Seiner Majestät ruhen bleibt. Durch diesen stummen Kurier empfängt der Kaiser die Ausfertigungen Seiner Kanzley. Er übergiebt ihm seine neuen Aufträge, und der Tisch sinkt auf eben die Art, wie er herauf gekommen ist, wieder zurück in die Kanzley. Vermöge dieses bewundernswürdigen Mittels ist der Kaiser in Stand gesetzt immer allein zu arbeiten und Herr über seine Geheimnisse zu seyn. Kein Sterblicher kann sich auch vielleicht rühmen, das Innere seines Kabinets gesehen zu haben.

Nach der äußerlichen Gegend zu urtheilen, wenn man dem Schlusse des Herzogs von Marlborough folgen darf, den er aus einem ähnlichen Gesichtspunkte von Karln XII fällte; so wird Joseph II einer der kriegerischsten Prinzen unseres Jahrhunderts: alle Zugänge sind mit Landcharten und Plans bestreuet.

Die Bevölkerung in den Vorzimmern Ihro Majestäten hat gegen die ehemaligen Zeiten sehr abgenommen. 1756, wo der Hof in seinem höchsten Glanze war, zählte man 180 Kammerdiener des Kaisers; eben soviel bey der regierenden Kaiserin Majestät; ungefähr 100 für die Dienste der Erzherzoge und Erzherzoginnen, ohne die Kammerthürhüter, das Offiz, die Stall- und Jagdparthien. Der Etat des ganzen kaiserlichen Hauses belief sich, nach den Schematismen der damaligen Zeit, auf 4113 Personen.

Durch die Veränderung der Familie des Erzhauses Oesterreich hat sich ein grosser Theil dieser Welt nach Parma, Neapel, Mailand und Preßburg gezogen. Die übrigen sterben nach und nach ab, ohne daß man ihre Stellen ersetzen siehet. Es ist gewiß, daß es sich im Grossen mit einem Hofe, eben so verhält, wie mit der Privathaushaltung eines Unterthanen. Allzuviel Bediente hindern einander im Dienst. August der I, der wohl verstund, was Pracht und Bequemlichkeit war, pflegte zu sagen, ich bin nie besser bedient, als wenn ich mich allein befinde.

Der Oesterreichische Hof, dessen Regenten von den Leopolden an bis auf den unvergleichlichen Joseph II, sich allezeit mehr bestrebten, von der Seite der Menschenhuld und der Gnade zu schimmern, als durch den Glanz des Prachts, erhielten diese Menge Bedienten an ihrem Hofe aus eben dem Beweggrunde, warum – in unendlich verringertem Lichte – der Herzog von Orleans seinem Haushofmeister antwortete: aber habt ihr sie auch gefragt, ob sie mich entbehren können?

Unterdessen hat man am kaiserlichen Hof gefühlt, daß der Ueberfluß der untern Dienerschaft dem Staate beschwerlich falle, und daß er eine der gehässigsten Geißeln der Höfe, die Cabale, ernähre, aus deren Schoos der Neid, die Intrigue, der Schleichweg, die Eifersucht und die Verläumdung entspringen.

Die größten Chargen am kaiserlichen Hofe sind: der Obristhofmeister, der Obristkämmerer, Obristhofmarschall, die beeden Kapitains der Garde, der Premierminister. Man hat kein bestimmtes Kennzeichen, welches der allererste Rang am kaiserlichen Hofe sey. Zu den Zeiten des Eugens war es der Hofkriegspräsident: zu den Zeiten Uhlefelds der Obristhofmeister; in unsern Zeiten, das ist – seit Kaunitz – hält man den Staatskanzler dafür. Vermuthlich ist man hierinn deßwegen ungewiß, weil man niemals eine Gelegenheit gesehn hat, wo alle Rang zu gleicher Zeit concurrirt hätten. Diese Alternativ ist, dünkt mich, ein Kennzug der Grösse des kaiserlichen Hofs. Die höchste Grösse führt den eigentlichen Begrif mit sich, daß in Gegenwart des Monarchen alle Diener einander gleich seyn müssen, und daß sie ihren Rang bloß von seinem Ausspruche erwarten. Diesen läßt er von seiner Gnade, oder von dem Verdienste bestimmen. Es ist billig, daß der Obervorzug in einem monarchischen Staate dem herrschenden Verdienste gebühre, wie es sich bisher genau bey dem kaiserlichen Hofe zugetragen.

Unter den Ferdinanden und Leopold dem Grossen war die Sphäre der Höflinge sehr beschränkt. Die Zeitläufe, die Verwirrungen des Interesse und die schweren Kriege, welche man zu führen hatte, beschäftigten die Prinzen mit wichtigern Gegenständen als mit der eiteln Einrichtung ihres Hofstaats. Der Stolz der Oesterreichischen Krone, welcher sich allezeit auf ihr innerliches Gewicht stützte, und damals auf seiner äussersten Stufe war, suchte nichts, als, sich Fürsten zu unterwerfen und durch die Grösse seiner Sclaven groß zu seyn.

Die Mißstreiche, welche unter den Regierungen Josephs I und Karls VI eintrafen, verursachten, daß dieser Trieb in seiner Spannung nachließ. Die ansteckenden Beyspiele des Jahrhunderts Ludwigs XIV traten hinzu. Die Maxime veränderte ihre Fläche. An die Stelle der innern Grösse trat ein schimmerndes Aussenwerk. Karl VI brachte in dem Gefolge einer Menge spanischer Nationalen, allen plumpen Schwulst und jenes gothische Gepränge mit, für welches man den Namen spanisches Ceremoniel erfunden hat.

Der kaiserliche Hof stund auf dem Punkte, in die Verfassung zu verfallen, worinn sich Frankreich und Sachsen am Lebensende ihrer Ludwige und Auguste befanden – wenn die Diener bereichert sind, und es dem Herrn selbst am Nothwendigsten mangelt – als der Schutzengel Oesterreichs Franzen I krönte.

 


 

Niemals hat die Staatskunst eine glücklichere Vereinigung gestiftet: niemals hat Hymen ein liebenswürdigeres Paar mit seinem Bande umschlungen. Das Heil des Staats erwartete diese Verbindung. Franz und Marie Therese rechtfertigten solche Erwartung durch eine zahlreiche Familie, die sie dem Staate schenkten, vermittelst welcher alle Reiche Europens sich so untereinander verknüpft befinden, daß Friede und Ruhe zum gemeinschaftlichen Interesse worden. Diß ist das erhabene Glück, welches diese Verbindung Oesterreich und dem ganzen übrigen Europa verschafte.

 


 

Dieser Monarch gab dem Hofstaate seine rechte Richtung. Er unterdrückte die allzukostbaren Chargen, welche nichts als Kolossen glichen, so verhinderten, daß man die Sonne am Hofe nicht sehen konnte, und die durch die Schwere ihrer Massen die niedrigen Steine erdrückten. Er erschuf dafür eine Menge kleiner Bedienten, durch welche der Prachtaufwand des Hofs einen bessern Umlauf erhielt, und welche die Strahlen desselben mehrers verbreiteten.

Wenn Joseph II von dem Plan seines erlauchtens Vaters abweicht, so geschiehet es bloß, weil die Veränderung der Zeiten und der Sitten unvermeidliche Aenderungen in unserer Politik nach sich ziehen müssen. Joseph II der Erbe aller Grösse und aller Tugenden seiner Ahnen, hat sich den Entwurf einer wirthschaftlichen Staatshaltung vorgesetzt. Er bringt die eine Hälfte der Einkünfte in Schatz, um die Würde seiner Krone zu behaupten; die andere wendet er an, das Verdienst zu belohnen, den Fleiß und die Künste zu erwecken, und die Macht des Staats im Ansehen zu erhalten.

Dieser Geist der Mäßigung und der Klugheit fängt an, sich aller Departements bey Hofe, selbst der Festins, zu bemeistern. Man erinnert sich noch genau der Jahrzahl, da sich der berühmte Roßballet auf dem Burgplatz hielt. Vier Quadrillen, an deren jeder Spitze ein Harlekin mit einer Trompete ritt, welcher tausend närrische Sprünge machte, zogen auf, und taumelten ihre Pferde, welche prächtig aufgeputzt waren, vor einem Balcon, wovon der Kaiser und der Hof zusah. So roh diese Festins waren, so versichern uns doch die Geschichtschreiber Ferdinands II und III daß sie den Hof viel tausend Goldgülden gekostet hätten. Leopold und Karl VI gaben Baurenhochzeiten, wobey die vornehmsten Herren und Dames des Hofs in allerhand Landestrachten erschienen. Das Fest endigte sich mit einer Schwelgerey und mit verschwenderischen Geschenken.

Man muß gestehen, daß alle diese Arten Festins dienten, Pracht und Verschwendung zu zeigen, ohne zu vergnügen. Sie trugen den Namen öffentlicher Belustigungen, ohne dem Publikum zuzugehören.

Joseph II stellte den Begrif der Cäsars, seiner Vorfahren, vollkommen wieder her, als er bey Gelegenheit der Vermählung der Erzherzogin Amalie jene Festins im Belvedere gab, welche wegen der Schönheit ihrer Einrichtung so berühmt sind. Diß ist das Eigene dieses Prinzen, aus dem Vergnügen seiner Unterthanen sein persönliches Vergnügen zu ziehen.

Eine der liebenswürdigsten Parthien der kaiserlichen Burg ist der sogenannte Gardegang. In diesem Gange erscheint der Kaiser zu verschiedenen Zeiten des Tags sich persönlich umzuschauen, ob niemand zugegen sey, welcher Gehör verlange, oder eine Bittschrift an ihn zu überreichen habe. Hier siehet man ihn zum öftern, mitten unter einem Haufen armer und geringer Leute stehen, wie einen Cherub, der die Geschenke der Gottheit unter die Menschen austheilt.

Dieser Gang ist eine simple Gallerie für den Hof, um aus der Burg in die Augustinerkirche zu gehen. Der Kaiser muß zwo Treppen aus seinem Appartement hernieder steigen. Er ist bloß von einem Grenadierposten bewohnt, und bestehet aus weis getünchten Wandungen: aber die Bildsäulen Aristids und Antonins in den beeden Winkeln würden ihn kleiden.

Ausser der Burg hat der Hof noch zween Sommerlustörter, Schönbrunn und Laxenburg. Sie sinds, wovon uns ein Dichter der damaligen Zeit folgende Beschreibung hinterlassen:

                   

Laxenburgo non e Castello Benjamin Häckhels Uebersetzung:
Laxenburg ist zwar kein Schloß, und ist auch keine Stadt:
Genug! daß Kaiser Karl daran Gefallen hat.

    Laxenburgo non e Città.
Mà un luogo bello
    Che piace a sua maestà.

Ende der ersten Parthie.

 

 

Buchschmuck
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