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Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken

Daniel Paul Schreber: Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken - Kapitel 27
Quellenangabe
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authorDaniel Paul Schreber
titleDenkwürdigkeiten eines Nervenkranken
publisherOswald Mutze in Leipzig
firstpub1903
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Nachträge, zweite Folge. (Oktober und November 1902.)

Als weitere Nachträge habe ich dem früher Ausgeführten nur noch wenig hinzuzufügen.

In betreff meiner äußeren Lebensschicksale, der Aufhebung meiner Entmündigung und meiner bevorstehenden Entlassung aus der hiesigen Anstalt ist bereits im Vorwort das Nötige bemerkt worden. Es gereicht mir zur Genugtuung, daß damit meine Voraussagen im Eingang von Kap. XXII der Denkwürdigkeiten schon nach verhältnismäßig kurzer Zeit Bestätigung gefunden haben.

Wunder und Stimmengerede nehmen nach wie vor ihren Fortgang. Die Verlangsamung der Stimmen, nach welcher die gesprochenen Worte oft kaum noch verständlich sind, (Kap. XVI der Denkwürdigkeiten und Nr. IV der Nachträge) hat weitere Fortschritte gemacht; dasjenige, was in Nr. IV der Nachträge hinsichtlich der Kontinuierlichkeit des Stimmengeredes bemerkt worden ist, gilt auch jetzt noch in vollem Maße. Was die Wunder betrifft, so nehmen dieselben ein immer harmloseres Gepräge an. Nur ab und zu kommen namentlich beim Liegen im Bette noch etwas heftigere Lähmungs- und Krampferscheinungen, namentlich in den unteren Extremitäten und am Rücken, die mich am Aufstehen oder Veränderung der Lage im Bett hindern sollen, oder – zu gleichem Zwecke – akute Knochenschmerzen, namentlich in den Unterschenkelknochen – auch jetzt noch vor. Dagegen leide ich noch häufig, an jedem Tage zu oft wiederholten Malen, an den mit jedem Strahlenrückzug verbundenen, daher immer ruckweise auftretenden und bald wieder vergehenden zerrenden Kopfschmerzen, die bereits unter Nr. IV der Nachträge beschrieben sind. Dieselben sind immer noch zuweilen intensiv genug, um ein anhaltendes Lesen und dergleichen unmöglich zu machen. Dabei besteht, wie früher, die – schwerlich nur subjektive – Empfindung einer vorübergehenden Verdünnung und Durchfurchung der Knochensubstanz meiner Schädeldecke. Mein Schlaf ist mit Rücksicht auf meine Altersverhältnisse annähernd normal zu nennen; ich schlafe – überwiegend ohne künstliche Schlafmittel – im ganzen befriedigend.

Die Brüllzustände sind zwar noch nicht ganz verschwunden, treten jedoch nicht unwesentlich gemäßigter auf, hauptsächlich, weil ich mehr und mehr gelernt habe, denselben zu Zeiten, wo sie mir ernstere Ungelegenheiten bereiten, d.h. für andere Menschen zum Ärgernisse werden würden, wirksam zu begegnen. Abgesehen von dem schon früher erwähnten Aufsagen von Gedichten genügt u.a. für Gott, wie es scheint, auch das einfache Zählen in der Nervensprache, um ihn von der Irrtümlichkeit der Vorstellung, daß er es mit einem der Denkfähigkeit beraubten, also blödsinnigen Menschen zu tun habe, zu überzeugen. Solange ich anhaltend zähle, tritt daher das Brüllen nicht auf. Dies ist für mich von besonderer Wichtigkeit in der Nacht, weil ich dann unter Ausschluß des Brüllens durch anhaltendes Zählen in der Regel Schlaf erziele, auch nach vorübergehendem Erwachen in der Regel bald wieder in Schlaf verfalle. Allerdings ist dieser Erfolg nicht immer herbeizuführen. Stundenlanges Zählen bringt der Mensch nun einmal nicht leicht fertig. Gelingt es mir daher selbst bei längere Zeit fortgesetztem Zählen nicht, zum Schlaf zu gelangen, so höre ich wohl einmal damit auf und dann pflegt sofort im ersten Augenblick das Brüllwunder gemacht zu werden, welches bei öfterer Wiederholung im Bette leicht unerträglich werden kann. Es kommt daher zuweilen – wiewohl erheblich seltener – auch jetzt noch vor, daß ich das Bett verlassen muß, um irgendeine Beschäftigung, die den denkenden Menschen erkennen läßt, außerhalb desselben zu treiben. Ebenso vermag ich, wenn ich mich an öffentlichen Orten, im Theater, in gebildeter Umgebung usw. befinde, soweit ich nicht eine laute Unterhaltung führe, in den notwendigen Pausen derselben, durch anhaltendes Zählen das Brüllen vollständig oder so gut, wie vollständig, zu verhindern. Höchstens kommt es dann zu Geräuschen, die von anderen Menschen als Husten, Räuspern oder allenfalls etwas unmanierliches Gähnen aufgefaßt werden können und daher nicht geeignet sind, besonderen Anstoß zu erregen. Bei Spaziergängen auf offener Landstraße, auf freiem Felde usw. dagegen mache ich es mir, wenn nicht gerade andere Menschen in meiner Nähe sind, bequem. Ich lasse dann das Brüllen einfach über mich ergehen; dasselbe wiederholt sich zuweilen 5-10 Minuten lang fast ununterbrochen. Ich befinde mich dabei körperlich vollkommen wohl; wird es mir gar zu arg, so spreche ich dann auch im Alleinsein ein paar laute Worte, am liebsten gleich von Gott, Ewigkeit usw., um Gott von der Irrtümlichkeit der oft erwähnten Vorstellung zu überzeugen. Wer bei solchen Gelegenheiten unbeobachtet Zeuge der fast unausgesetzt von mir ausgestoßenen Brüllaute wäre, würde sich allerdings den Zusammenhang wohl kaum erklären können und wirklich einen Verrückten vor sich zu haben glauben. Allein ich achte dabei eben wohl darauf, ob andere Menschen sich in meiner Nähe befinden, und bin bei alle dem über mein Geschick vollkommen ruhig, da ich weiß, daß jeder Zeit ein einziges lautes Wort genügt, um mich über meine vollkommene geistige Klarheit auszuweisen.

Wie schon erwähnt, gestalten sich die Wunder in betreff der schädigenden Einwirkung auf meinen Körper immer harmloser; vielfach wird nur eine Art Schabernack mit meinen Gebrauchsgegenständen getrieben. Mein körperlicher Zustand ist zwar auch jetzt noch keineswegs immer beneidenswert; die durch jeden Strahlenrückzug veranlaßten zerrenden Kopfschmerzen, die durch das unausgesetzte Stimmengerede erzeugte geistige Beunruhigung, dazu nicht selten Atembeschleunigung, gewundertes Zittern, Herzklopfen usw. erschweren namentlich eine ruhige Beschäftigung zuweilen über die Maßen. Nichtsdestoweniger ist alles, was ich in dieser Beziehung noch zu ertragen habe, gar nicht der Rede wert im Vergleich zu den an meinem Körper verursachten Zerstörungen, die ich in den ersten Jahren meiner Krankheit zu erdulden gehabt habe (vergl. dazu die Schilderung Kap. XI der Denkwürdigkeiten).

Diese Entwicklung der Dinge ruft jedoch immerhin etwas widerstreitende Gefühle in mir hervor. Während es mir auf der einen Seite natürlich nur erwünscht sein kann, daß ich mich persönlich jetzt ungleich wohler befinde, als in früheren Jahren, so muß ich mir auf der anderen Seite doch auch sagen, daß die Aussicht, andere Menschen von der Wirklichkeit der Wunder zu überzeugen, immer schwächer zu werden scheint, je weniger die Wunder äußerlich wahrnehmbare Spuren zurücklassen. Die letztere Seite der Betrachtung fällt für mich fast ebenso schwer ins Gewicht, wie die erstere, da ich einen rechten Zweck meines Lebens fast nur noch zu erkennen vermag, wenn es mir gelingt, die Richtigkeit meiner sogenannten Wahnideen in für andere Menschen überzeugender Weise dazutun und damit der Menschheit eine richtigere Einsicht in das Wesen Gottes zu verschaffen.

In den ersten Jahren meiner Krankheit wäre es meines Erachtens ein Leichtes gewesen, durch eine nicht ganz oberflächliche Untersuchung meines Körpers mit den gewöhnlichen medizinischen Instrumenten, vor allen Dingen mit den damals allerdings wohl noch nicht erfundenen Röntgenstrahlen die alleraugenfälligsten Veränderungen an meinem Körper, namentlich sonst unbedingt tödlich wirkende Verletzungen meiner inneren Organe nachzuweisen. Dies wird jetzt erheblich schwerer fallen. Wäre es möglich eine fotografische Darstellung der in meinem Kopfe sich abspielenden Vorgänge, des bald äußerst langsam, bald – bei übermäßiger Entfernung – mit rasender Geschwindigkeit erfolgenden Züngelns der vom Horizont herkommenden Strahlen zu geben, so würde sicher für den Beschauer jeder Zweifel an meinem Verkehr mit Gott schwinden müssen. Allein leider verfügt wohl die menschliche Technik noch nicht über geeignete Hilfsmittel, um derartige Eindrücke der objektiven Wahrnehmung zugänglich zu machen. Daß es sich dabei nicht bloß um pathologische Vorgänge – innere abnorme Erregung apperzipierender Hirnapparate, wie Geh. Rat Dr. Weber in seinem Gutachten vom 5. April 1902 sich ausdrückt – handelt, ist für mich völlig zweifellos; namentlich kann bei den göttlichen Hilferufen (Kap. II und Kap. XV der Denkwürdigkeiten und Nr. IV der Nachträge am Ende), die ich an jedem Tage zu Hunderten von Malen in kurzen Zwischenräumen mit vollständiger Deutlichkeit vernehme, unmöglich eine Sinnestäuschung obwalten. Auch sind es ja nicht bloß die Gesichts- und Gehörshalluzinationen, sondern auch Vorgänge, die sich an meiner Umgebung, an leblosen Gegenständen, an anderen Menschen und Tieren ereignen, welche meine subjektive Gewißheit von den besondern Beziehungen, in denen ich zu Gott stehe, begründen. Ich kann bei Lebensäußerungen anderer Menschen genau unterscheiden, inwieweit dieselben auf Wundern beruhen oder nicht. Natürlich sind jetzt, wo ich zeitweilig in ausgedehnten Verkehr mit zahlreichen anderen Menschen getreten bin, die letzteren überwiegend; auch die ersteren – die auf Wundern beruhenden –, zählen jedoch an jedem einzelnen Tage nach Hunderten. Sie werden für mich in völlig zweifelsfreier Weise erkennbar:

  1. durch die zerrende, ruckhafte, zuweilen mit ziemlichem Schmerz verbundene Empfindung, die ich dabei in meinem Kopfe verspüre;
  2. durch die Blickrichtung (Kap. XVIII der Denkwürdigkeiten bei Anmerkung 100), indem dabei regelmäßig meine Augen nach der Stelle, von welcher die Lebensäußerung ausgeht, verdreht werden;
  3. durch die regelmäßig damit verbundene Examinationsfrage »Fand Aufnahme« (vgl. Kap. XVIII der Denkwürdigkeiten), durch welche man sich eben darüber vergewissern will, ob die jeweilig gebrauchten Ausdrücke (namentlich einem höheren Bildungsniveau entsprechende, fremden Sprachen angehörige usw.) noch Eingang in mein Verständnis finden.

Es bleibt also für mich unumstößliche Wahrheit, daß Gott sich mir täglich und stündlich durch Stimmengerede und Wunder von Neuem offenbart.Das Wort »offenbaren« ist, wie kaum der Bemerkung bedürfen wird, hier in etwas anderem, als dem herkömmlichen Sinne zu verstehen. Wenn man sonst von Offenbarungen Gottes redet, die nach religiöser Überlieferung stattgefunden haben, so denkt man dabei immer an gewillkürte Kundgebungen, die Gott einzelnen als seine besonderen Rüstzeuge erwählten Menschen zum Zwecke der Belehrung über göttliche Dinge und der Weiterverbreitung der hierdurch erlangten Einsicht unter der übrigen Menschheit zuteil werden läßt. Davon ist bei mir nicht die Rede. Gott offenbart sich mir nicht absichtlich, sondern die Kenntnis seines Wesens und seiner Kräfte erschließt sich mir unabhängig von seinem Willen und ohne einen besondern damit verfolgten Zweck durch die Wunder, die er an mir tut und durch die Stimmen, in denen er mit mir spricht. In den ersten Jahren meiner Verbindung mit Gott kamen allerdings noch Mitteilungen (teils in Worten, teils in Form von Visionen) vor, die augenscheinlich den Zweck der Belehrung verfolgten, bei denen es sich aber auch vorwiegend nur um Erteilung von Richtschnuren für mein eigenes Verhalten handelte (vergl. Kap. XIII der Denkwürdigkeiten). Seit Jahren haben jedoch derartige belehrende Mitteilungen fast gänzlich aufgehört; nur ganz vereinzelt kommt es noch in Träumen zu visionsartigen Vorgängen, die mir zuweilen den Eindruck einer absichtlichen Belehrung machen. Ich wage indessen nicht zu entscheiden, ob dies wirklich der Fall ist oder ob es sich nur um ein Spiel meiner eigenen Nerven handelt.

Kann ich mir nach dem vorstehend Bemerkten nicht verhehlen, daß die Aussichten auf eine objektive Erweislichkeit der von mir behaupteten Wunder und meines Verkehrs mit Gott im Laufe der Jahre sich nicht gerade gebessert haben, so hoffe ich doch, daß auch künftig immer noch genug übrig bleiben wird, um einer wissenschaftlichen Untersuchung bestimmte Anhaltspunkte zu bieten. Im allgemeinen verweise ich auf die Ausführung, die ich in meinem Entmündigungsprozesse zur Begründung der von mir gegen das Urteil des Landgerichts eingelegten Berufung dem Königl. Oberlandesgericht vorgetragen habe und die ich deshalb als Anlage C im Auszuge mit zum Abdrucke befördern lasse. Abgesehen von dem, was die Zukunft vielleicht noch bringen mag, hebe ich als charakteristische Erscheinungen, die schwerlich auf natürlichem Wege eine ausreichende Erklärung finden werden, wiederholt hervor:

  1. Die Brüllzustände, die mit den Lärmausbrüchen katatonischer Kranker kaum etwas gemein haben dürften. Bei Paranoikern – zu diesen will man mich ja nun einmal zählen – scheinen dieselben ein sehr ungewöhnliches Vorkommnis zu sein: Das Gutachten des Geh. Rat Dr. Weber vom 5. April 1902 weiß nur von einem einzigen Fall, in dem angeblich ähnliches an einem Paranoiker beobachtet worden sein soll, zu berichten;
  2. das auf Wundern beruhende Zuklappen meiner Augen und jeweilig nur auf einen einzigen Augenblick (ein einziges Gesicht) erfolgende Wiederaufschlagen derselben, bezüglich dessen unschwer zu konstatieren sein dürfte, daß es weder von meinem Willen noch von einer Schwäche meiner Muskeln beeinflußt ist;
  3. die ganz unnatürliche Atembeschleunigung, welche selbst bei ruhigstem Verhalten, beim Liegen im Bette oder auf dem Sofa usw. anscheinend völlig unmotiviert zu gewissen Zeiten in der augenfälligsten Weise hervortritt;
  4. das Vorhandensein der Wollustnerven an allen Teilen meines Körpers, das ich ungeachtet der teilweise ablehnenden Äußerungen des Gutachtens des Geh. Rat Dr. Weber vom 5. April 1902 als Tatsache aufrechterhalten muß, da die daraus – namentlich bei leisem Druck – hervorgehenden subjektiven Empfindungen zu den unzweifelhaftesten Erfahrungen, die ich täglich und stündlich mache, gehören und da auch das zeitweilige Anschwellen des Busens einer eingehenden Untersuchung gewiß nicht entgehen wird. In regelmäßigen Zwischenräumen, d. h. bei jeder Wiederannäherung der Strahlen, die zu einer Vereinigung derselben führt, strömt die Wollust so mächtig auf mich ein, daß mein Mund von einem süßen Geschmack ganz erfüllt ist; beim Liegen im Bette würde es häufig einer ganz besonderen Anstrengung bedürfen, sich der Wollustempfindung zu erwehren, in ähnlicher Weise, wie dies irgend etwa bei einer weiblichen Person, die der Umarmung entgegensieht, der Fall sein mag.

Von Vorgängen an leblosen Gegenständen will ich nur zweierlei beziehentlich wiederholt erwähnen: das Zerspringen meiner Klaviersaiten und dasjenige, was an meinem Musikwerk (Symphonion) zu beobachten ist.

Das Zerspringen der Klaviersaiten kommt zwar nicht ganz so häufig mehr vor, wie früher, immerhin hat es sich auch in den letzten Jahren mindestens je ein halbes Dutzend Male ereignet. Daß der Grund nicht in einer »rücksichtslosen Behandlung meines Instrumentes« liegen kann, wie Geh. Rat Dr. Weber in seinem Gutachten vom 5. April 1902 annimmt, scheint mir völlig ausgemacht. Man vergleiche meine früheren Ausführungen im Kap. XII der Denkwürdigkeiten und Nr. 1 meiner Berufungsbegründung (Anlage C). Dasjenige, was ich dort über die Unmöglichkeit, die Saiten eines Klaviers durch heftiges Aufschlagen auf die Tasten zum Springen zu bringen, bemerkt habe, wird, wie ich glaube, jeder Sachverständige bestätigen müssen.

Das oben erwähnte Symphonion habe ich mir ebenso wie früher einfache Spieluhren, Mundharmonikas und dergleichen angeschafft, um bei gewissen Gelegenheiten das schwer erträgliche Stimmengeschwätz zu übertäuben und mir damit wenigstens vorübergehend Ruhe zu verschaffen. Bei jedem Gebrauch des Symphonions wird dasselbe zum Gegenstande von Wundern, indem dann die sogenannten »Störungen« (vgl. Kap. X der Denkwürdigkeiten) an diesem geübt werden, was sich in ganz eigentümlichen Nebentönen, schwirrenden Geräuschen und wiederholtem heftigen Hacken in demselben äußert.

Ich habe mehrmals Veranlassung genommen, die Anstaltsärzte und den Anstaltsgeistlichen zu Zeugen dieser Vorgänge zu machen. Daß es sich dabei nicht um eine Eigentümlichkeit meines Musikwerks handeln kann, geht zur Evidenz daraus hervor, daß ganz dieselben Erscheinungen auch an Musikwerken in Restaurationen usw. hervortreten, wenn dieselben in meinem Beisein von dritten Personen aufgezogen oder von mir selbst durch Einwerfen eines Zehnpfennigstücks in Gang gesetzt werden. Leider bin ich auf meinen Spaziergängen fast immer allein, nicht in Begleitung eines wissenschaftlich gebildeten Beobachters; einen solchen hätte ich häufig von der Richtigkeit meiner Angabe überzeugen können. Beiläufig bemerkt will ich nicht eine bestimmte Voraussage wagen, ob diese Musikwerkwunder etwa in Jahr und Tag auch noch zu beobachten sind, da die Objekte der Wunder fast immer gewechselt haben. Immerhin hoffe ich, daß auch künftig noch Gelegenheit gegeben sein wird, die besprochenen auffälligen Vorkommnisse an meinem Symphonion und anderen Musikwerken festzustellen. Die früher von mir benutzte (einfache) Spieluhr ist, um dies noch zu erwähnen, mir längst durch Wunder unbrauchbar gemacht worden; der defekte Zustand derselben kann jetzt noch eingesehen werden.

Nach alledem bleibt mir weiter nichts übrig, als meine Person der fachmännischen Beurteilung als ein wissenschaftliches Beobachtungsobjekt anzubieten. Hierzu einzuladen ist der Hauptzweck, den ich mit der Veröffentlichung meiner Arbeit verfolge. Äußerstenfalls muß ich hoffen, daß dermaleinst durch Sektion meiner Leiche beweiskräftige Besonderheiten meines Nervensystems werden konstatiert werden können, sofern deren Feststellung am lebenden Körper, wie mir gesagt worden ist, ungewöhnlichen Schwierigkeiten unterliegen oder ganz unmöglich sein sollte.

Zum Schlusse noch einige Bemerkungen über den Egoismus Gottes, von dem an verschiedenen Stellen der Denkwürdigkeiten die Rede gewesen ist (vgl. Kap. V am Ende, Kap. X, Anmerkung 66). Daß Gott in Ansehung des zu mir bestehenden Verhältnisses vom Egoismus beherrscht wird, ist für mich vollkommen unzweifelhaft. Dies könnte geeignet erscheinen, die religiösen Gefühle zu verwirren, insofern danach Gott selbst nicht das ideale Wesen absoluter Liebe und Sittlichkeit wäre, als das die meisten Religionen ihn sich vorzustellen pflegen. Nichtsdestoweniger büßt, unter dem richtigen Gesichtspunkte betrachtet, Gott dadurch nichts von der Größe und Erhabenheit ein, die ihm innewohnt und die daher auch von Menschen gläubig anerkannt werden muß.

Der Egoismus, insbesondere in der Form des Selbsterhaltungstriebes, der unter Umständen dazu zwingt, fremde Wesen der eigenen Existenz zu opfern, ist eine notwendige Eigenschaft aller belebten Wesen; er kann gar nicht entbehrt werden, wenn nicht die betreffenden Individuen selbst untergehen sollen und erscheint daher an und für sich nicht als etwas Verwerfliches. Gott ist ein belebtes Wesen und würde daher ebenfalls von egoistischen Triebfedern sich leiten lassen müssen, dafern es andere belebte Wesen gäbe, die ihm irgendwelche Gefahren bereiten oder sonst seinen Interessen hinderlich werden könnten. Nur darauf, daß es unter weltordnungsmäßigen Verhältnissen keine derartigen Wesen neben Gott geben konnte und gegeben hat, beruht es, daß von einem Egoismus Gottes, solange diese Verhältnisse in unverfälschter Reinheit bestanden, nicht die Rede sein konnte. Mir gegenüber ist nun aber eben ausnahmsweise eine andere Gestaltung eingetreten; nachdem Gott durch Duldung geprüfter Seelen, die wahrscheinlich mit irgendwelchen seelenmordartigen Vorgängen in Verbindung steht, sich an einen einzelnen Menschen gekettet hat, von dem er sich anziehen lassen muß, aber doch nur widerwillig anziehen läßt, sind nunmehr auch die Vorbedingungen zur Entfaltung egoistischen Handelns gegeben. Diese egoistische Handlungsweise ist mir gegenüber jahrelang mit äußerster Grausamkeit und Rücksichtslosigkeit geübt worden, so wie nur irgend etwa ein Raubtier mit seiner Beute zu verfahren pflegt. Aber der Erfolg für die Dauer blieb eben aus, weil Gott sich dadurch mit der Weltordnung, d. h. mit seinem eigenen Wesen und seinen eigenen Kräften in Widerspruch gesetzt hatte (vgl. Kap. V der Denkwürdigkeiten, Anmerkung 35). Demnach wird dieses regelwidrige Verhältnis, wie ich mit Sicherheit annehmen zu können glaube, spätestens mit meinem Ableben seine vollständige Erledigung finden. Einstweilen hat für mich der Gedanke etwas ungemein Tröstliches und Erhebendes, daß der feindliche Gegensatz, in den sich Gott zu mir gestellt hat, immer mehr an Schärfe verliert und der gegen mich geführte Kampf immer versöhnlichere Formen annimmt, um zuletzt vielleicht in eine vollkommene Solidarität auszuklingen. Dies ist, wie bereits früher (Kap. XIII der Denkwürdigkeiten) ausgeführt, die natürliche Folge der stetig fortdauernden Zunahme der Seelenwollust meines Körpers. Dieselbe mildert den Widerwillen gegen die Anziehung; man findet eben in meinem Körper nach jeweilig kürzeren Unterbrechungen dasjenige wieder, was man infolge der Anziehung hat aufgeben müssen: die Seligkeit oder Seelenwollust, mit anderen Worten ein vollkommenes Behagen der einmal zum Eingehen verurteilten Nerven. Nicht minder wird dadurch die Periodizität der Wiederannäherung verkürzt und damit, wie mir scheint, für Gott in immer kürzeren Zwischenräumen erkennbar, daß es mit einem »Liegenlassen«, einem »Zerstören des Verstandes« usw. nichts ist und daß es sich daher schließlich nur darum handelt, innerhalb der durch die Anziehung nun einmal gebotenen Notwendigkeiten sich das Leben beiderseits so angenehm wie möglich zu machen. Ich selbst bin ja, auch dann, wenn ich aus den früher angeführten Gründen ab und zu in lauten Worten den Gottesspötter spielen mußte, niemals gottfeindlich gewesen; es wäre ein Unding, wenn ein Mensch, der Gott einmal erkannt hat, etwas Derartiges von sich sagen wollte.

Die ganze Entwicklung erscheint danach als ein großartiger Triumph der Weltordnung, den ich zu meinem bescheidenen Teile auch mir mit zurechnen zu dürfen glaube. Wenn irgendwo, so gilt eben auch in der Weltordnung der schöne Satz, daß alle berechtigten Interessen harmonisch sind.

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