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Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken

Daniel Paul Schreber: Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken - Kapitel 23
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authorDaniel Paul Schreber
titleDenkwürdigkeiten eines Nervenkranken
publisherOswald Mutze in Leipzig
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XX. Egozentrische Auffassung der Strahlen in betreff meiner Person. Weitere Gestaltung der persönlichen Verhältnisse

In bezug auf die Unfähigkeit Gottes, den lebenden Menschen als Organismus zu verstehen und namentlich dessen Denktätigkeit richtig zu beurteilen, habe ich noch einen Punkt nachzutragen, der in mehrfacher Hinsicht für mich von Bedeutung geworden ist. Ich kann diesen Punkt kurz dahin bezeichnen, daß alles, was geschieht, auf mich bezogen wird. Indem ich den vorstehenden Satz niederschreibe, bin ich mir vollkommen bewußt, daß es für andere Menschen naheliegt, dabei an eine krankhafte Einbildung auf meiner Seite zu denken; denn ich weiß sehr wohl, daß gerade die Neigung, alles auf sich zu beziehen, alles, was geschieht, mit der eigenen Person in Verbindung zu bringen, eine bei Geisteskranken häufig vorkommende Erscheinung ist. In Wirklichkeit liegt jedoch in meinem Falle die Sache gerade umgekehrt. Nachdem Gott zu mir in ausschließlichen Nervenanhang getreten ist, bin ich für Gott in gewissem Sinn der Mensch schlechthin oder der einzige Mensch geworden, um den sich alles dreht, auf den alles, was geschieht, bezogen werden müsse und der also auch von seinem Standpunkte alle Dinge auf sich selbst beziehen solle.

Diese durchaus verkehrte Auffassung, die natürlich anfangs auch für mich vollkommen unbegreiflich war und deren Vorhandensein ich erst durch jahrelange Erfahrungen als Tatsache anzuerkennen genötigt worden bin, tritt bei jeder Gelegenheit und bei den verschiedensten Anlässen für mich zutage. Wenn ich z. B. ein Buch oder eine Zeitung lese, so meint man, daß die darin enthaltenen Gedanken meine eigenen Gedanken seien; wenn ich ein Lied oder den Klavierauszug einer Oper auf dem Klaviere spiele, so glaubt man, daß der Text des Liedes oder der Oper jeweilig meine eigenen Empfindungen ausdrücke. Es ist dieselbe naive Unkenntnis, vermöge deren man zuweilen bei ungebildeten Personen, die das Theater besuchen, die Vorstellung antrifft, daß dasjenige, was von den Schauspielern gesprochen wird, die eigenen Gefühle derselben wiedergebe oder daß die Schauspieler die dargestellten Personen wirklich seien. Auf mich kann es natürlich oft nur erheiternd wirken, wenn ich etwa beim Spielen der Arien aus der Zauberflöte »Ach ich fühl's, es ist verschwunden, ewig hin der Liebe Glück« oder »Der Hölle Rache kocht in meinem Herzen, Tod und Verzweiflung flammen um mich her« Stimmen in meinem Kopfe vernehme, die von der Voraussetzung ausgehen, daß ich nunmehr also wirklich mein Glück für ewig verloren halte, von Verzweiflung erfaßt sei usw. Indessen wolle man auf der anderen Seite auch die Geduldsprobe nicht unterschätzen, die mir durch das jahrelange Anhörenmüssen des entsetzlichen Blödsinns zugemutet worden ist, der in dem Dazwischenwerfen der Fragen: »Warum sagen Sie's (nicht laut)?« und »Fand Aufnahme« bei Veranlassungen der bezeichneten Art liegt. Der Unsinn ist ein so toller, daß ich lange Zeit im Zweifel gewesen bin, ob ich denselben wirklich auf Rechnung Gottes selbst setzen solle oder nicht vielmehr nur auf Rechnung irgendwelcher untergeordneter geistloser Wesen, die auf entfernten Weltkörpern nach Art der »flüchtig hingemachten Männer« geschaffen worden seien, um von dort aus zur Besorgung des Aufschreibe- und Abfragegeschäftes verwendet zu werden.

Die Gründe des Für und Wider habe ich in meinen »kleinen Studien« oft erwogen, wo derjenige, der sich für Einzelheiten interessieren sollte, das Nähere nachlesen könnte. Indessen neige ich doch, ohne endgültig absprechen zu wollen, der Auffassung zu, daß der entfernte Gott selbst es ist, der die angegebene törichte Fragestellung veranlaßt, also von dem derselben zugrunde liegenden Irrtum beherrscht ist.Noch oben (Kap. IX Seite [169 f.]) habe ich mich in entgegengesetztem Sinne geäußert. Es sind dies eben Punkte, in denen ich der Natur der Sache nach keine ganz feste Ansicht haben kann und daher auch jetzt noch, je nachdem neuere Eindrücke bald die eine, bald die andere Auffassung zu begünstigen scheinen, hin und herschwanke. Die Unkenntnis der menschlichen Natur und des menschlichen Geistes, die sich hierin äußert, ist im Grunde genommen nicht größer, als diejenige, die auch in anderen Erscheinungen zutage tritt, bei denen ich Gott selbst für beteiligt erachten muß z. B. in der Behandlung der Ausleerungsfrage, um mich einmal kurz so auszudrücken (Kap. XVI am Ende), in der Annahme, daß Nichtsdenken mit Blödsinn identisch sei, daß die Nervensprache die wirkliche Sprache des Menschen sei (Kap. XIII) usw. usw.

Daß Gott in Ansehung des mir gegenüber entstandenen weltordnungswidrigen Verhältnisses keinesfalls auf Unfehlbarkeit Anspruch machen kann, geht für mich unzweifelhaft daraus hervor, daß jedenfalls er selbst es gewesen ist, der die gesamte Richtungslinie der gegen mich verfolgten Politik bestimmt und die damit im Zusammenhang stehenden Systeme des Aufschreibens, des Nichtausredens, des Anbindens an Erden usw. eingerichtet hat. Diese Politik verfolgt aber eben ein unmögliches Ziel. Ein Jahr lang etwa habe zwar auch ich, wie schon früher erwähnt, bei meiner damaligen völligen Unbekanntschaft mit der Wirkung der Wunder und bei den außerhalb aller menschlichen Erfahrung liegenden Schrecknissen, die mir dadurch bereitet wurden, für meinen Verstand fürchten zu müssen geglaubt. Seit nunmehr mindestens fünf Jahren bin ich mir aber völlig klar darüber geworden, daß die Weltordnung die Mittel, einem Menschen den Verstand zu zerstören, auch Gott nicht an die Hand gibt. Gott dagegen läßt sich auch jetzt noch von der entgegengesetzten Auffassung leiten, die auf die Vorstellung der Möglichkeit »mich liegen zu lassen« hinauskommt, richtet dieser Auffassung entsprechend fortgesetzt neue Systeme ein und liefert mir Tag für Tag fast genau in derselben Form die Beweise, daß es ihm heute ebensowenig, wie vor Jahren, möglich ist, von der betreffenden irrtümlichen Vorstellung loszukommen. Damit erachte ich es, wie ich auch hier wieder betonen will, keineswegs für unvereinbar, daß Gott in der ihm nach der Weltordnung eigentlich zukommenden Sphäre seines Wirkens von ewiger Weisheit erfüllt sei.

Das Ansinnen, alles, was geschieht und demnach auch alles, was von anderen Menschen gesprochen wird, auf mich zu beziehen, wird namentlich bei meinen regelmäßig stattfindenden Spaziergängen in dem Garten der hiesigen Anstalt an mich gestellt. Dadurch hat sich für mich der Aufenthalt in dem Anstaltsgarten von jeher besonders schwierig gestaltet; es hängen auch damit die Rohheitsszenen zusammen, zu denen es in früheren Jahren zuweilen zwischen mir und anderen Patienten der Anstalt gekommen ist. Schon längst ist die in meinem Körper steckende Seelenwollust so stark geworden, daß jeweilig in kürzester Frist die Vereinigung aller Strahlen herbeigeführt wird, mit der die Vorbedingungen des Schlafes gegeben wären; man kann mich daher schon seit Jahren nicht mehr zwei Minuten ruhig auf einer Bank allein sitzen lassen, auf welcher ich – namentlich bei etwaiger Ermüdung infolge einer vorausgegangenen mehr oder weniger schlaflosen Nacht – in Schlaf verfallen würde, sondern muß dann sofort zu den sogenannten »Störungen« (vgl. Kap. X) vorschreiten, die den Strahlen es ermöglichen, sich wieder zurückzuziehen. Diese »Störungen« werden bald in der harmloseren Weise geübt, daß Insekten der in Kap. XVIII erwähnten Art gewundert werden, bald aber auch in der Weise, daß man andere Patienten der Anstalt auf mich einsprechen, oder dieselben irgendwelchen Lärm, am liebsten in meiner unmittelbaren Nähe machen läßt. Daß es sich auch hier um auf Wundern beruhende Anregung der betreffenden Menschennerven handelt, unterliegt nicht dem geringsten Zweifel, da jedesmal die früher (Kap. VII und Kap. XV) geschilderte Erscheinung hervortritt, daß ich die gesprochenen Worte zugleich mit einem gegen meinen Kopf geführten Streiche von mehr oder weniger schmerzhafter Wirkung empfinde.

Da die PatientenDie Namen derselben sind natürlich ebenfalls sämtlich »aufgeschrieben«. überwiegend aus Verrückten von geringem Bildungsgrade und roher Sinnesweise bestehen, so kommen dabei in der Regel gemeine Schimpfworte heraus, die ich nach der Absicht der Strahlen auf mich beziehen soll. In einzelnen Fällen hat man mich sogar ohne jeden vorausgegangenen Wortwechsel tatsächlich anfallen lassen, wie dies z. B. einmal von Seiten eines gewissen Dr. D., während ich ruhig mit einem anderen Herrn Schach spielte, geschehen ist. Ich meinerseits habe mich von jeher von dem Bestreben leiten lassen, die gegen mich geschleuderten Insulten als von Verrückten ausgehend, wenn irgend tunlich, zu ignorieren. – Indessen hat die Möglichkeit der Ignorierung doch ihre Grenzen; wenn, was früher sehr oft vorgekommen ist und auch jetzt noch nicht selten geschieht, die Verrückten mir gar zu dicht auf den Leib rücken oder ungeachtet der ihnen durch Schweigen bezeigten Verachtung das belästigende Geschimpfe nicht einstellen, so bleibt mir, wenn ich mir nicht selbst im Lichte der Feigheit erscheinen will, zuweilen nichts anderes als eine wörtliche Erwiderung übrig. Da bei solchen Gelegenheiten ein Wort das andere zu geben pflegt, so ist es dann in früheren Jahren zu wirklichen Prügelszenen gekommen, wobei ich übrigens die Genugtuung gehabt habe – obwohl gleichzeitig mit Heftigkeit namentlich an meiner Kniescheibe gewundert wurde, um mich kampfunfähig zu machen – noch jedesmal den Angreifer zu Boden zu strecken.

Seit einigen Jahren habe ich es glücklicherweise vermeiden können, daß es bis zu offener Prügelei gekommen ist, indessen ist auch jetzt noch bei jedem Spaziergang im Garten ein außerordentlicher Aufwand von Takt und Mäßigung von meiner Seite erforderlich, um wirkliche Skandalszenen zu verhindern. Denn die Methode, die Verrückten mit beleidigenden Redensarten auf mich zu hetzen, dauert auch jetzt noch fort, und gleichzeitig läßt mich das törichte Gewäsch der Stimmen »Fand Aufnahme,« »Warum sagen Sie's (nicht laut?)«, »Weil ich dumm bin« oder auch »Weil ich Furcht habe« usw. mich immer noch die Absicht Gottes, daß ich die beleidigenden Redensarten auf mich beziehen soll, erkennen.

Um möglichst Ruhe und Anstand zu erhalten und gleichzeitig Gott gegenüber den präsenten Beweis der Unversehrtheit meines Verstandes zu liefern, habe ich es mir daher schon seit Jahren zur Gewohnheit gemacht, bei den Nachmittagsspaziergängen jedesmal mein Schachbrett mit in den Garten zu nehmen und wenigstens einen größeren Teil der Zeit schachspielend zu verbringen. Ich habe dies auch während der Winter, wo das Schachspielen stehend erfolgte, jeweilig bis auf kurze Perioden strengster Kälte durchgeführt; solange ich Schach spiele, herrscht eben verhältnismäßige Ruhe. Ähnlichen Widerwärtigkeiten bin ich auch auf meinem Zimmer ausgesetzt, wo fortwährend – als sogenannte »Störung« – ein zweckloses Eindringen anderer Patienten stattfindet; der Zusammenhang mit übersinnlichen Dingen ist mir auch hier ganz unzweifelhaft.

Alle diese Vorkommnisse in Verbindung mit anderen Erwägungen haben seit etwa Jahresfrist den Entschluß in mir zur Reife gebracht, für eine absehbare Zukunft meine Entlassung aus der hiesigen Anstalt zu betreiben. Ich gehöre eben unter gebildete Menschen, nicht unter Verrückte; sobald ich mich unter gebildeten Menschen bewege, wie z. B. an der Tafel des Anstaltsvorstandes, an der ich seit Ostern d. J. (1900) die Mahlzeiten einnehme, fallen auch manche der durch die Wunder verursachten Übelstände, insbesondere das sogenannte Brüllen weg, weil ich solchenfalls Gelegenheit habe, durch Beteiligung an einer laut geführten Unterhaltung mich Gott gegenüber über den ungeschmälerten Besitz meiner Verstandeskräfte auszuweisen. Ich bin zwar nervenkrank, leide aber keinesfalls an einer Geisteskrankheit, die zur Besorgung der eigenen Angelegenheiten unfähig macht, (§ 6 BGB für das Deutsche Reich) oder die aus Gründen des öffentlichen Rechts meine Festhaltung in einer Anstalt gegen meinen Willen geboten erscheinen lassen könnte.Über die Voraussetzungen, unter denen Geisteskranke gegen ihren Willen in öffentlichen Anstalten festgehalten werden können, habe ich anfangs dieses Jahres einen Aufsatz geschrieben, wegen dessen Aufnahme in eine juristische Zeitschrift ich mich bemüht habe. Leider haben die Redaktionen der Zeitschriften, an die ich mich deshalb gewendet hatte, die Aufnahme wegen Platzmangel oder aus anderen Gründen abgelehnt. Für den Fall, daß es zu einer Drucklegung der gegenwärtigen Arbeit kommen sollte, gedenke ich derselben den erwähnten Aufsatz vielleicht als Anhang beizufügen.

Nachdem ich daher vor Jahren einmal zufällig in Erfahrung gebracht hatte, daß bereits Ende 1895 eine vorläufige Vormundschaft über mich verhängt worden ist, habe ich im Herbst vorigen Jahres (1899) selbst die Anregung dazu gegeben, daß die zuständigen Behörden sich darüber, ob die Vormundschaft in eine endgültige zu verwandeln oder aufzuheben sei, schlüssig machen möchten. Aufgrund eines von der hiesigen Anstaltsdirektion erstatteten Gutachtens und einer im Januar d. J. (1900) erfolgten gerichtlichen Vernehmung ist darauf allerdings, entgegen meinen Erwartungen, im März d. J. sogar ein förmlicher Entmündigungsbeschluß von dem Königlichen Amtsgericht Dresden gegen mich erlassen worden. Ich habe jedoch diesen Beschluß, da ich dessen Begründung für unzutreffend halten mußte, mittelst einer nach den einschlagenden Bestimmungen der Zivilprozeßordnung gegen die K. Staatsanwaltschaft beim Landgerichte Dresden gerichteten Klage auf Aufhebung der Entmündigung angefochten. Die Entscheidung des Prozeßgerichts, des Königl. Landesgerichts Dresden steht noch aus, wird aber voraussichtlich jedenfalls noch im Laufe dieses Jahres erfolgen. Nähere Mitteilungen über den bisherigen Verlauf des Prozesses kann ich mir ersparen, da, wenn jemals das Prozeßmaterial auch für weitere Kreise Interesse gewinnen sollte, die Akten des Kgl. Amtsgerichts und des Kgl. Landgerichts Dresden vollständige Auskunft darüber gewähren. In meinen zu diesen Akten gekommenen Vorstellungen sind allerdings auch einige Ausführungen enthalten, die meinen religiösen Vorstellungskreis berühren.

Fast unmerklich hat mich der Zusammenhang des gegenwärtigen Kapitels von Betrachtungen über die Natur Gottes wieder auf meine eigenen Angelegenheiten zurückgeführt. Ich will daher noch einige Bemerkungen hierüber anschließen. Meine äußeren Lebensverhältnisse haben sich in neuerer Zeit namentlich auch in Ansehung der Behandlung, die mir von Seiten der Anstaltsverwaltung zuteil wird, nicht unerheblich günstiger, ich möchte sagen menschenwürdiger gestaltet, nicht zum geringsten Teile wohl unter dem durch meine schriftlichen Arbeiten gewonnenen Eindrucke, daß man es doch bei mir möglicherweise mit Erscheinungen zu tun habe, die außerhalb des Gebiets der gewöhnlichen wissenschaftlichen Erfahrungen liegen. Mein körperliches Befinden ist schwer zu beschreiben; im allgemeinen findet ein rapider Wechsel zwischen hochgradigem körperlichen Wohlbefinden und allerhand mehr oder weniger schmerzhaften und widerwärtigen Zuständen statt. Das Gefühl körperlichen Wohlbefindens beruht auf der zu gewissen Zeiten hochgradig entwickelten Seelenwollust, dieselbe ist nicht selten so stark, daß es namentlich beim Liegen im Bette nur eines geringen Aufwands von Einbildungskraft für mich bedarf, um mir ein sinnliches Behagen zu verschaffen, das eine ziemlich deutliche Vorahnung von dem weiblichen Geschlechtsgenusse beim Beischlafe gewährt.

Ich komme auf diesen Punkt im folgenden Kapitel des Näheren zurück. Auf der anderen Seite treten infolge der gegen mich geübten Wunder eben abwechselnd damit (nämlich jedesmal, wenn Gott sich wieder zurückzieht), allerhand schmerzhafte Zustände ein, fast ohne Ausnahme ganz plötzlich und ebenso fast regelmäßig nach kurzer Zeit wieder verschwindend. Außer den bereits früher erwähnten Erscheinungen kommen u. a. ischiadische Schmerzen, Wadenkrampf, Lähmungserscheinungen, plötzliches Hungergefühl und dergleichen vor, früher waren auch Hexenschuß und Zahnschmerzen nicht selten. Der Hexenschuß war eine Zeitlang (als ich noch in der Zelle schlief) zuweilen so heftig, daß ich mich nur unter gleichzeitigem – halb und halb willkürlich zu diesem Zwecke ausgestoßenem – Schmerzensschrei vom Lager erheben konnte; auch die Zahnschmerzen waren zuweilen so stark, daß sie jede geistige Beschäftigung unmöglich machten. Noch jetzt habe ich fast ununterbrochen mit einer Art von Kopfschmerzen zu tun, die zweifellos keinem anderen Menschen bekannt und mit gewöhnlichen Kopfschmerzen kaum zu vergleichen ist. Es sind die ziehenden oder zerrenden Schmerzen, welche dadurch entstehen, daß die an Erden angebundenen Strahlen jeweilig, nachdem die Seelenwollust einen gewissen Grad erreicht hat, wieder einen Rückzug zu bewerkstelligen versuchen. Das in solchen Fällen meist gleichzeitig eintretende Brüllwunder verursacht bei öfterer Wiederholung ebenfalls eine sehr unangenehme Erschütterung des Kopfes; tritt dasselbe, während ich irgend etwas esse, ein, so muß ich mich sehr in acht nehmen, daß ich den Mundinhalt nicht ausspeie. Der jähe Wechsel des Befindens bringt es mit sich, daß der Gesamtzustand eigentlich ein verrückter zu nennen ist und demnach auch das ganze Leben, das ich führen muß, in gewissem Maße das Gepräge der Verrücktheit an sich trägt, dies um so mehr, als auch meine Umgebung überwiegend aus Verrückten besteht, die natürlich ihrerseits dazu beitragen, daß allerhand unvernünftige Dinge geschehen.

Selten ist es mir möglich, bei einer und derselben Beschäftigung lange auszuharren; sehr häufig macht vielmehr das Eintreten von Kopfschmerzen bei anhaltendem Lesen, Schreiben oder dergleichen einen Wechsel in der Beschäftigung nötig. Ich bin vielfach darauf angewiesen, meine Zeit mit kleinen Tändeleien hinzubringen; körperlich befinde ich mich hierbei (außer beim Klavierspielen) am wohlsten. Ich habe mich daher in den vergangenen Jahren vielfach mit mechanischen Arbeiten, Klebereien, Ausmalen von Bildern und dergleichen beschäftigen müssen; ganz besonders empfehlen sich, vom Standpunkte des körperlichen Wohlbefindens aus betrachtet, solche Arbeiten, die in das weibliche Fach einschlagen, also Nähen, Staubwischen, Bettmachen, Reinigen von Geschirr und dergleichen. Es kommen auch jetzt noch Tage vor, wo ich mich außer mit Klavierspielen fast nur mit solchen Kleinigkeiten beschäftigen kann, d.h. wo der Zustand meines Kopfes jede andere, dem geistigen Bedürfnisse besser entsprechende Beschäftigung ausschließt. Mein Nachtschlaf ist im allgemeinen erheblich besser als früher; daß ich infolge anhaltender Brüllzustände (die in Abwechslung mit hochgradiger Wollust auftreten) zuweilen das Bett nicht behaupten kann, ist schon früher erwähnt. Ich habe daher auch in diesem Jahr noch einzelne Male schon von Mitternacht oder 1 Uhr nachts ab das Bett verlassen und bei künstlicher Beleuchtung (für die jetzt gesorgt ist) oder im Hochsommer ohne solche mehrere Stunden bis zum Morgen aufsitzen müssen; von 3 oder 4 Uhr ab ist dies wohl nahezu in dem dritten Teile der Nächte nötig gewesen. Häufig wird mein Schlaf von Träumen beunruhigt, bei denen ich aus ihrem tendenziösen Inhalt (»Erhaltung auf der männlichen Seite« im Gegensatz zu der Pflege der »weiblichen Gefühle«) vielfach den Strahleneinfluß zu erkennen glaube. Eigentlichen Visionscharakter d. h. die den Visionen eigentümliche Lebendigkeit der Eindrücke haben die Träume jetzt nur noch ausnahmsweise.

Das Gerede der Stimmen ist fortwährend noch im Wandel begriffen und hat selbst in der verhältnismäßig kurzen Zeit, während deren ich mit Abfassung dieser Arbeit beschäftigt bin, schon wieder mannigfache Veränderungen erfahren. Von den früher gebräuchlichen Redensarten werden viele, namentlich solche, die noch irgendwie an den »Nichtsdenkungsgedanken« erinnerten, kaum noch gehört. Auch der Grad der Verlangsamung beim Sprechen hat seit der im Kap. XVI enthaltenen Schilderung immer noch mehr zugenommen, so daß das Sprechen der Stimmen zum nicht geringen Teil nur noch ein Gezisch in meinem Kopf zu nennen ist, aus dem ich vielleicht einzelne Worte gar nicht mehr heraushören würde, wenn ich nicht – ich muß sagen unglücklicherweise – infolge der gedächtnismäßigen Erinnerung fast immer im voraus wüßte, welche sinnlosen Redensarten ich zu erwarten habe.

Ich halte es für wahrscheinlich, daß Veränderungen der bezeichneten Art, die sämtlich mit der vermehrten Seelenwollust zusammenhängen, sowie – aus gleichem Grunde – Veränderungen der gegen mich geübten Wunder auch künftig immer noch weiter hervortreten werden. Am lästigsten empfinde ich jetzt – neben manchmal mangelhafter Verfassung des Kopfes – die Brüllzustände, von denen ich nun schon seit zwei oder drei Jahren heimgesucht werde, und die im letzten Jahre sich zuweilen zu einer nahezu unerträglichen Plage gestaltet haben. Ob hierin von der Zukunft eine Besserung zu erwarten ist, wage ich nicht vorauszusagen; eine Mäßigung würden die betreffenden Übelstände, wie ich aus den früher angedeuteten Gründen glaube, immerhin dann erfahren, wenn ich meinen Aufenthalt außerhalb der hiesigen Anstalt nehmen könnte.

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