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Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken

Daniel Paul Schreber: Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken - Kapitel 15
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authorDaniel Paul Schreber
titleDenkwürdigkeiten eines Nervenkranken
publisherOswald Mutze in Leipzig
firstpub1903
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XII. Inhalt des Stimmengeredes. »Seelenauffassung«. Seelensprache. Fortsetzung der persönlichen Erlebnisse

Das Gerede der Stimmen war, wie bereits im Kap. IX bemerkt worden, schon in der damaligen Zeit überwiegend ein ödes Phrasengeklingel von eintönigen, in ermüdender Wiederholung wiederkehrenden Redensarten, die überdies durch Weglassen einzelner Worte und selbst Silben immer mehr das Gepräge grammatikalischer Unvollständigkeit annahmen. Immerhin kam damals noch eine gewisse Anzahl von Redewendungen vor, deren besondere Besprechung sich lohnt, weil sie interessante Streiflichter auf die ganze Vorstellungsweise der Seelen, auf ihre Auffassung vom menschlichen Leben und vom menschlichen Denken warfen. Zu diesen Redewendungen gehörten namentlich diejenigen, in denen ich – etwa seit der Zeit meines Aufenthalts in der Dr. Pierson'schen Anstalt – die Bezeichnung eines »Höllenfürsten« erhielt. Zu unzähligen Malen hieß es z. B. »Gottes Allmacht hat entschieden, daß der Höllenfürst lebendig verbrannt wird«, »Rücksichtlich der Strahlenverluste ist der Höllenfürst verantwortlich«. »Victoria rufen wir nun über den überwundenen Höllenfürsten«, dann aber auch von einem Teil der Stimmen: »Schreber ist, nein Flechsig ist der wahre »Höllenfürst« usw.

Wer mich irgend in meinem früheren Leben gekannt und dabei Gelegenheit gehabt hat, meine kühle und nüchterne Sinnesweise zu beobachten, wird mir wohl darin Glauben schenken, daß ich nie von selbst darauf gekommen sein würde eine so phantastische Bezeichnung wie die eines »Höllenfürsten« für mich in Anspruch zu nehmen, zumal dieselbe mit der Dürftigkeit meiner äußeren Lebenslage, den zahlreichen Freiheitsbeschränkungen, denen ich unterlag usw., in so sonderbarer Weise kontrastierte. In den Verhältnissen meiner Umgebung war sicher weder von Hölle, noch von fürstlicher Einrichtung etwas zu spüren. Nach meinem Dafürhalten liegt dem Ausdrucke »Höllenfürst«, der nur mißverständlich auf mich angewendet wurde, ursprünglich eine Abstraktion zugrunde.

In den Gottesreichen mochte von jeher das Bewußtsein geherrscht haben, daß die Weltordnung, so groß und herrlich sie war, doch nicht ganz ohne Achillesferse sei, insofern die Anziehungskraft der menschlichen Nerven auf die Gottesnerven einen Keim der Gefahren für die Gottesreiche in sich barg. Diese Gefahren mochten zu gewissen Zeiten bedrohlicher erschienen sein, wenn irgendwo auf der Erde oder auch auf andern Weltkörpern ein Überhandnehmen von Nervosität oder sittlicher Fäulnis bemerkt wurde. Um sich von den Gefahren eine deutlichere Vorstellung zu verschaffen, waren anscheinend die Seelen zu einer Personifikation verschritten, ähnlich wie im Kindesalter stehende Völker die Idee der Gottheit durch Götzenbilder ihrem Verständnis näherzubringen suchen. Als »Höllenfürst« galt daher wahrscheinlich den Seelen die unheimliche Macht, die aus einem sittlichen Verfall der Menschheit oder aus allgemeiner Nervenüberreizung infolge von Überkultur als eine gottfeindliche sich entwickeln konnte. In meiner Person schien nun dieser »Höllenfürst«, nachdem die Anziehungskraft meiner Nerven sich immer unwiderstehlicher gestaltet hatte, auf einmal Wirklichkeit geworden zu sein. Man sah daher in mir einen Feind, der mit allen Mitteln der göttlichen Macht vernichtet werden müsse; daß ich im Gegenteil der beste Freund reiner Strahlen war, von denen allein ich doch meine Heilung oder eine sonstige befriedigende Lösung des Konfliktes erwarten konnte, wollte man nicht anerkennen. Man konnte sich anscheinend eher mit dem Gedanken befreunden, die eigene Macht mit unreinen (»geprüften« Seelen) – den wahren Feinden Gottes – zu teilen, als sich in das Gefühl der Abhängigkeit von einem einzelnen Menschen, auf den man sonst in dem stolzen Bewußtsein einer unnahbaren Macht herabgesehen haben würde, hineinfinden.

Eine andere Gruppe von Redensarten, denen eine gewisse sachliche Bedeutung beiwohnte, waren diejenigen, in denen von der » Seelenauffassung« gesprochen wurde. Auch hier lagen an sich beachtenswerte und wertvolle Gedanken zugrunde. Die Seelenauffassung in ihrer ursprünglichen Bedeutung ist nach meinem Urteil die etwas idealisierte Vorstellung, die sich die Seelen von dem menschlichen Leben und Denken gebildet hatten. Die Seelen waren eben die abgeschiedenen Geister gewesener Menschen. Als solche interessierten sie sich lebhaft nicht nur für ihre eigene menschliche Vergangenheit, sondern auch für die Schicksale ihrer noch auf Erden lebenden Angehörigen und Freunde, und für alles, was sonst in der Menschheit vorging, wovon sie ja im Wege des Nervenanhanges oder auch wohl, soviel äußere Eindrücke betrifft, durch unmittelbares Sehen Kenntnis nehmen konnten (vergl. Kap. I). Gewisse Lebensregeln und gewisse Lebensanschauungen hatten sie in mehr oder weniger bestimmten Formen zu wörtlichem Ausdruck gebracht. Ich will beispielsweise nur einige der betreffenden Sätze hier anführen. »Nicht an bestimmte Körperteile denken«, lautete eine Lebensregel, welche offenbar den Gedanken zum Ausdruck brachte, daß es der normalen gesundheitlichen Verfassung des Menschen entspricht, wenn derselbe keine Veranlassung hat, durch irgendwelche Schmerzempfindungen sich einzelner Teile seines Körpers zu erinnern. »Nicht auf die erste Aufforderung«, lautete eine andere, welche besagen wollte, daß ein verständiger Mensch sich nicht durch jeden augenblicklichen Impuls zum Handeln in dieser oder jener Richtung bestimmen lassen soll. »Ein angefangenes Geschäft muß vollendet werden«, war die Formel, in welcher der Gedanke zum Ausdruck gelangte, daß der Mensch dasjenige, was er einmal vornimmt, unbehindert durch erschwerende Einflüsse zu dem vorgestreckten Ziel führen soll usw.

In dem Denkprozesse des Menschen unterschied man »Entschlußgedanken« – die auf Vornahme einer bestimmten Tätigkeit gerichteten Willensanstöße des Menschen – »Wunschgedanken«, »Hoffnungsgedanken« und »Befürchtungsgedanken«. Als »Nachdenkungsgedanke« wurde die vielleicht auch dem Psychologen bekannte Erscheinung bezeichnet, die den Menschen sehr häufig dazu führt, diejenige Richtung seiner Willensbestimmung, zu welcher er sich im ersten Augenblicke geneigt zeigt, bei weiterer Erwägung, die unwillkürlich das Auftauchen von Zweifelsgründen veranlaßt, entweder in ihr völliges Gegenteil zu verkehren oder wenigstens teilweise zu verändern. »Der menschliche Erinnerungsgedanke« wurde diejenige andere Erscheinung genannt, nach welcher der Mensch unwillkürlich das Bedürfnis empfindet, irgendeinen wichtigen von ihm gefaßten Gedanken durch alsbald erfolgende Wiederholung seinem Bewußtsein fester einzuprägen. – Sehr charakteristische Erscheinungsformen des »menschlichen Erinnerungsgedankens«, welche erkennen lassen, wie tief derselbe im Wesen des menschlichen Denk- und Empfindungsprozesses begründet ist, sind z.B. in dem in Gedichten vorkommenden Kehrreim (Refrain) enthalten und treten ebenso in musikalischen Kompositionen zutage, wo ganz regelmäßig eine bestimmte Tonfolge, die eine dem menschlichen Empfinden zusagende Verkörperung der Schönheitsidee enthält, in demselben Tonstück nicht bloß einmal vorkommt, sondern zu alsbaldiger Wiederholung gelangt. – Einen sehr breiten Raum nahmen in der »Seelenauffassung« Vorstellungen ein, die auf das Verhältnis der beiden Geschlechter und die einem jeden derselben angemessene Beschäftigungsweise, Geschmacksrichtung usw. sich bezogen. So galten z.B. das Bett, der Handspiegel und die Harke (der Rechen) als weiblich, der Rohrstuhl und der Spaten als männlich, von Spielen das Schachspiel als männlich, das Damespiel als weiblich usw.

Daß im Bette der Mann auf der Seite, die Frau auf dem Rücken liegt (gewissermaßen als »unterliegender Teil« stets in der dem Beischlaf entsprechenden Lage), wußten die Seelen ganz genau; ich, der ich im früheren Leben nie darauf geachtet hatte, habe es erst von den Seelen erfahren. Nach dem, was ich darüber z.B. in der Ärztlichen Zimmergymnastik meines Vaters (23. Auflage, Seite 102) lese, scheinen selbst Ärzte hierüber nicht unterrichtet zu sein. Es war ferner den Seelen bekannt, daß zwar die männliche Wollust durch den Anblick weiblicher Nuditäten, nicht aber umgekehrt oder wenigstens nur in sehr viel schwächerem Maße die weibliche Wollust durch den Anblick männlicher Nuditäten angeregt wird, weibliche Nuditäten vielmehr gleichmäßig erregend auf beide Geschlechter wirken. So wird beispielsweise der Anblick entblößter männlicher Körper, etwa bei einem Schauschwimmen, das anwesende weibliche Publikum geschlechtlich ziemlich kalt lassen (weshalb denn die Zulassung desselben ganz mit Recht nicht ohne weiteres für sittlich anstößig gilt, wie dies betreffs der Anwesenheit von Männern bei einem weiblichen Schauschwimmen der Fall sein würde), während eine Ballettvorstellung bei beiden Geschlechtern eine gewisse sexuelle Erregung hervorruft. Ich weiß nicht, ob diese Erscheinungen in weiteren Kreisen bekannt sind und als wahr angenommen werden. Ich für meinen Teil kann nach den seitdem angestellten Beobachtungen und nach den, was mich das Verhalten meiner eigenen Wollustnerven lehrt, keinen Zweifel an der Richtigkeit des hierunter nach der Seelenauffassung stattfindenden Verhältnisses hegen. Natürlich bin ich mir dessen bewußt, daß das Verhalten meiner eigenen (weiblichen) Wollustnerven an sich nicht beweiskräftig ist, da diese sich eben ausnahmsweise in einem männlichen Körper befinden.

Bei den Kleidungsstücken (dem »Rüstzeug«, wie der grundsprachliche Ausdruck lautet) ergab sich die Unterscheidung des Männlichen und des Weiblichen in der Hauptsache von selbst; als ein besonders charakteristisches Symbol der Männlichkeit erschienen den Seelen die Stiefel. »Die Stiefel ausziehen« war daher eine Redewendung, die für die Seelen ungefähr dasselbe wie Entmannung besagte.

Diese kurzen Bemerkungen mögen genügen, um eine ungefähre Vorstellung davon zu geben, welcher Begriff sich mit dem Ausdrucke »Seelenauffassung« seiner ursprünglichen Bedeutung nach verband. Die betreffenden Aufschlüsse, – welche übrigens sämtlich in den ersten Zeiten meiner Krankheit erfolgten – verdanke ich teils ausdrücklichen Mitteilungen, teils sonstigen in Verkehr mit den Seelen genommenen Eindrücken. Ich habe dabei Einblicke in das Wesen des menschlichen Denkprozesses und des menschlichen Empfindens gewonnen, um die mich wohl mancher Psychologe beneiden könnte.

Eine ganz andere Bedeutung erhielten die Redewendungen von der »Seelenauffassung« in der späteren Zeit. Sie sanken zu bloßen Floskeln herab, mit denen man bei dem vollständigen Mangel eigener Gedanken (vgl. Kap. IX) dem Sprechbedürfnisse zu genügen suchte. »Vergessen Sie nicht, daß Sie an die Seelenauffassung gebunden sind« und »das war nun nämlich nach der Seelenauffassung zuviel« wurden beständig wiederkehrende leere Phrasen, mit denen man mich seit Jahren in tausendfältiger Wiederholung in nahezu unerträglicher Weise gequält hat und noch quält. Die letztere Phrase, die fast regelmäßig erfolgende Erwiderung, wenn man auf irgendeinen neu bei mir hervortretenden Gedanken etwas weiteres nicht zu sagen weiß, läßt auch in ihrer wenig geschmackvollen stilistischen Fassung den eingetretenen Verfall erkennen; die echte Grundsprache, d.h. der Ausdruck der wirklichen Empfindungen der Seelen zu der Zeit, als es noch keine auswendig gelernten Phrasen gab, war auch in der Form durch edle Vornehmheit und Einfachheit ausgezeichnet.

Gewisser weiterer Redensarten von sachlich einigermaßen bedeutsamem Inhalt kann ich wegen des Zusammenhangs erst in dem folgenden Kapitel Erwähnung tun.

Meine äußeren Lebensverhältnisse hatten sich, wie bereits am Schlusse von Kap. X bemerkt worden, seit etwa der ersten Hälfte des Jahres 1895 wenigstens in manchen Beziehungen etwas erträglicher gestaltet. Das Wichtigste war, daß ich mich in dieser oder jener Weise zu beschäftigen anfing. Eine Korrespondenz mit Angehörigen, namentlich mit meiner Frau, zu der man mich durch den Pfleger M. einige Male bestimmen wollte, lehnte ich damals allerdings noch ab. Ich glaubte noch nicht an eine wirkliche Menschheit außerhalb der Anstalt, hielt vielmehr alle Menschengestalten, die ich sah, namentlich auch meine Frau bei ihren Besuchen nur für auf kurze Zeit »flüchtig hingemacht«, so daß das mir angesonnene Briefschreiben eine bloße Komödie gewesen wäre, die ich nicht mitmachen wollte. Dagegen fand sich seit der angegebenen Zeit ab und zu Gelegenheit zum Schachspielen (mit anderen Patienten oder mit Pflegern) und zum Klavierspielen. Nachdem ich bereits ein oder zwei Male bei Besuchen meiner Frau in dem Gesellschaftszimmer oder im Bibliothekszimmer der Anstalt etwas Klavier gespielt hatte, wurde etwa im Frühjahr 1895 ein Pianino in meinem Zimmer zu meiner ständigen Benutzung aufgestellt. Das Gefühl, das ich bei Wiederaufnahme dieser in gesunden Tagen gern von mir getriebenen Beschäftigungen hatte, kann ich am besten mit dem Zitat aus Tannhäuser bezeichnen:

»Dichtes Vergessen hat zwischen heut' und gestern sich gesenkt. All' mein Erinnern ist mir schnell geschwunden und nur des einen muß ich mich entsinnen, daß ich nie mehr gehofft Euch zu begrüßen, noch je zu Euch mein Auge zu erheben

In der Flechsig'schen Anstalt hatte ich ein einziges Mal auf dringendes Zureden meiner Frau Klavier gespielt und zwar nach gerade zufällig daliegenden Noten die Arie aus Händels Messias »Ich weiß, daß mein Erlöser lebt«. Mein Zustand dabei war derart gewesen, daß ich es in der bestimmten Annahme getan hatte, es sei das letzte Mal in meinem Leben, daß meine Finger die Klaviertasten berührten. Seit ihrer Wiederaufnahme in der Anstalt sind Schach und Klavierspielen zwei meiner Hauptbeschäftigungen in dem ganzen seitdem verflossenen, etwa fünfjährigen Zeiträume geworden. Namentlich das Klavierspielen wurde mir von unschätzbarem Wert und ist dies auch jetzt noch; ich muß sagen, daß ich mir schwer vorstellen kann, wie ich den Denkzwang mit allen seinen Begleiterscheinungen während dieser fünf Jahre hätte ertragen sollen, wenn ich des Klavierspielens nicht mächtig gewesen wäre. Während des Klavierspielens wird das unsinnige Geschwätz der mit mir redenden Stimmen übertäubt,Denselben Dienst leisten mir, da man doch nicht immer Klavier spielen kann, Spieluhren und (für den Garten) Mundharmonikas, die ich mir in neuester Zeit (Frühjahr 1900) durch meine Angehörigen habe anschaffen lassen. es ist – neben körperlichen Übungen – eine der adäquatesten Formen des sog. Nichtsdenkungsgedankens, um den man mich betrügen wollte, indem dabei, wie es in der Seelensprache genannt wurde, der »musikalische Nichtsdenkungsgedanke« zur Geltung kommt. Zugleich haben die Strahlen an meinen Händen und an den Noten, aus denen ich spiele, immer wenigstens einen Augeneindruck und endlich scheitert, an der Empfindung, die man in das Klavierspiel hineinlegen kann, jeder Versuch einer »Darstellung« durch Stimmungsmache und dergleichen. Das Klavierspielen bildete daher von jeher und bildet noch jetzt einen Hauptgegenstand des Verfluchens.

Die Schwierigkeiten, die mir dabei in den Weg gelegt wurden, spotten jeder Beschreibung, Lähmung der Finger, Veränderung der Richtung der Augen, damit ich die richtigen Noten nicht soll finden können, Ablenkung der Finger auf unrichtige Tasten, Beschleunigung des Tempos durch verfrühtes In-Bewegung-Setzen meiner Fingermuskel waren und sind noch jetzt alltägliche Erscheinungen. Am Klavier selbst wurden mir (glücklicherweise in den letzten Jahren erheblich seltener) sehr häufig Klaviersaiten durch Wunder entzweigeschlagen, im Jahre 1897 hat die Rechnung für zersprungene Klaviersaiten nicht weniger als 86 Mark betragen.

Es ist dies einer der wenigen Punkte, bei denen ich einen auch für andere Menschen überzeugenden Beweis für die Wirklichkeit der von mir behaupteten Wunder liefern zu können glaube. Oberflächliche Beurteiler könnten vielleicht zu der Annahme geneigt sein, daß ich selbst durch unvernünftiges Lospauken auf das Klavier die Schuld an dem Zerspringen der Klaviersaiten getragen habe; in diesem Sinne hat sich z.B. auch meine eigene Frau vielleicht nach entsprechenden Meinungskundgebungen der Ärzte mehrfach mir gegenüber geäußert. Demgegenüber behaupte ich – und ich bin der Überzeugung, daß mir darin jeder Sachverständige recht geben muß – daß ein Zersprengen von Klaviersaiten durch bloßes Aufschlagen auf die Tasten und wenn es noch so gewaltsam geschieht, schlechterdings unmöglich ist. Die kleinen Hämmerchen, welche mit den Tasten in Verbindung stehen und ganz lose an die Saiten anschlagen, können auf die letzteren niemals eine solche Gewalt ausüben, daß ein Zerspringen möglich wäre. Es mag es nur jemand einmal versuchen, meinetwegen selbst mit einem Hammer oder einem Holzklotz auf die Tasten loszuhauen, er wird damit vielleicht die Klaviatur zertrümmern, aber niemals eine Saite zum Springen bringen können. Daß in den letzten Jahren das Zerspringen der Klaviersaiten seltener geworden ist – ab und zu kommt es auch jetzt noch vor –, ist lediglich darauf zurückzuführen, daß die Gesinnung der Strahlen (Gottes) infolge der beständig zunehmenden Seelenwollust eine weniger unfreundliche gegen mich geworden ist (worüber später das Nähere), und daß dieselben überdies neuerdings durch andere auch für sie (die Strahlen) noch unerquicklichere Zustände, insbesondere das sogenannte »Brüllen« genötigt wurden, in dem Klavierspielen eine der für alle Teile angenehmsten Arten der Zeitausfüllung zu finden.

Ich kann mir es nicht versagen, in diesem Zusammenhang noch eines anderen Wundervorgangs zu gedenken, der allerdings eigentlich einer früheren Zeit angehört und der auch für mich, der ich doch vieles Wunderbare gesehen habe, mit zu den rätselhaftesten Dingen gehört, die ich erlebt habe. Ich habe nämlich die Erinnerung, daß an einem Tage, der noch in die Periode meiner Regungslosigkeit fiel (also im Sommer oder Herbst 1894) einmal der Versuch gemacht wurde, mir einen ganzen (Blütner'schen) Flügel in das Zimmer hereinzuwundern; angeblich war ein von W.'sches Wunder dabei in Frage. Ich bin mir vollkommen bewußt, wie toll diese Mitteilung klingt und ich muß mich daher selbst fragen, ob eine Sinnestäuschung bei mir untergelaufen sein könne. Gleichwohl liegen aber Umstände vor, die mir die Annahme einer solchen wenigstens sehr erschweren. Ich entsinne mich genau, daß der Vorgang sich am hellen Tage ereignete, während ich auf dem Stuhl oder auf dem Sofa saß; ich sah dabei bereits die braunpolierte Oberfläche des im Entstehen begriffenen Flügels (kaum einige Schritte entfernt) deutlich vor mir. Leider verhielt ich mich damals der Wundererscheinung gegenüber ablehnend; ich mochte eben, zumal ich mir damals eine vollständige Passivität zur Pflicht gemacht hatte, von keinerlei Wundern, die mich sämtlich anwiderten, etwas wissen. Hinterdrein habe ich manchmal bedauert, daß ich das Wunder nicht begünstigt habe (»begütigt habe,« wie der grundsprachliche Ausdruck lautete), um zu sehen, ob dasselbe wirklich zur Vollendung gelangen könne. Es war und ist nämlich eine fast ausnahmslose Regel, daß alle Wunder scheitern oder wenigstens sehr erschwert werden, wenn ich meinen entschiedenen Willen entgegensetze. So muß ich also dahingestellt sein lassen, welche objektive Bewandtnis es mit dem berichteten Vorgange gehabt hat; sollte wirklich eine Sinnestäuschung in Frage gewesen sein, so wäre es sicher bei der unmittelbaren Nähe des vermeintlich gesehenen Gegenstandes eine Sinnestäuschung der allermerkwürdigsten Art gewesen.

Bei den Spaziergängen im Garten, sowie bei dem Aufenthalt im Zimmer wurden fast alltäglich und werden noch jetzt Hitze- und Kältewunder gegen mich geübt, beides immer in der Richtung, das durch die Seelenwollust entstehende, natürliche Wohlbehaben des Körpers zu verhindern, also z. B. die Füße kalt und das Gesicht heiß zu wundern. Der physiologische Vorgang ist nach meinem Dafürhalten der, daß bei dem Kältewunder das Blut aus den Extremitäten zurückgedrängt wird, wodurch ein subjektives Kältegefühl entsteht und daß umgekehrt bei dem Hitzewunder das Blut nach dem Gesicht und dem Kopf getrieben wird, in denen Kühle der dem allgemeinen Wohlbefinden entsprechende Zustand wäre. Da ich von Jugend auf an das Ertragen von Hitze und Kälte gewöhnt gewesen bin, so habe ich mir aus den betreffenden Wundern stets nur wenig gemacht, außer wenn was unzählige Male geschehen ist, auch beim Liegen im Bette die Füße kalt gewundert wurden. Im Gegenteil bin ich sehr oft genötigt gewesen, selbst die Kälte und Hitze aufzusuchen. Namentlich in den ersten Jahren meines hiesigen Aufenthalts, wo die Seelenwollust noch nicht denjenigen Grad erreicht hatte, zu dem sie jetzt gediehen ist, war dies oft eine notwendige Maßregel, um die Strahlen nach den frierenden Körperteilen, insbesondere den Händen und Füßen abzuleiten und dadurch den Kopf vor der beabsichtigten schädigenden Einwirkung zu bewahren. Es ist häufig vorgekommen, daß ich zu diesem Zwecke in den Wintern die Hände minutenlang an die vereisten Bäume gehalten oder Schneeklumpen in denselben festgehalten habe, bis die Hände mir beinahe erstarrten.

Aus gleichem Grunde habe ich eine Zeitlang (wohl im Frühjahr oder Herbst 1895) die Füße oft während der Nacht bei offenem Fenster durch die Gitter des letzteren herausgesteckt, um sie dem kalten Regen auszusetzen; solange ich das tat, konnten die Strahlen den Kopf, auf den es mir natürlich vor allem ankam, nicht erreichen und befand ich mich daher abgesehen von dem Frostgefühl in den Füßen, vollkommen wohl.Aus dem obenbezeichneten Grunde war auf die Wirkung einer kalten Dusche, die ich – ein einziges Mal – in dem Badraum habe nehmen können, geradezu wunderbar. Ich war dadurch mit einem Schlage vollständig gesund und von allen den bedrohlichen Wundererscheinungen, von denen mein Kopf und sonstige Körperteile zu jener Zeit heimgesucht wurden – freilich nur auf kurze Zeit – befreit. Ich glaube vermuten zu dürfen, daß dieses mein Verhalten irgendwie zu Ohren der Ärzte gekommen und dadurch Veranlassung zu einer Maßregel geworden ist, die meinen Unwillen im höchsten Grade erregte. Ich wurde auf einige Tage aus den gewöhnlich von mir bewohnten Zimmern ausquartiert und bei der Rückkehr fand ich, daß man an dem Fenster meines Schlafzimmers schwere hölzerne Läden hatte anbringen lassen, die während der Nacht verschlossen wurden, so daß nunmehr vollständige Finsternis in meinem Schlafzimmer herrschte und auch am Morgen die eintretende Tageshelle so gut wie keinen Einlaß fand. Natürlich werden die Ärzte keine Ahnung davon gehabt haben, wie empfindlich mich diese Maßregel in meiner ohnedies so maßlos schwierigen Selbstverteidigung gegen die auf Zerstörung meines Verstandes gerichteten Absichten traf. Auf der anderen Seite wird man begreiflich finden, daß sich meiner eine tiefe Verbitterung bemächtigte, die auf lange Zeit hinaus vorgehalten hat.

Bei der mir nun einmal gestellten Aufgabe, den den lebendigen Menschen nicht kennenden Gott in jedem gegebenen Zeitpunkte von dem ungeschmälerten Vorhandensein meiner Verstandeskräfte zu überzeugen, war das Licht, das man zu jeder menschlichen Beschäftigung braucht, für mich fast noch unentbehrlicher als das liebe Brot. Jede Entziehung der Beleuchtung, jede Verlängerung der natürlichen Dunkelheit bedeutete also für mich eine maßlose Erschwerung meiner Lage. Ich will mit den Ärzten nicht rechten, ob die über mich verhängte Maßregel unter rein menschlichen Gesichtspunkten als zum Schutze meiner Gesundheit gegen die Folgen verkehrten Handelns notwendig angesehen werden mußte. Auch hier kann ich die Bemerkung nicht unterdrücken, daß mir Mittel und Zweck kaum in richtigem Verhältnisse zueinanderzustehen schienen. Was hätte mir denn äußerstenfalls anders geschehen können, als daß ich mir irgendeinen Erkältungszustand zugezogen hätte? Denn gegen die Gefahr des Herausfallens aus den Fenstern boten ja die schon vorhandenen Eisengitter vollkommen ausreichenden Schutz, und gegenüber einer bloßen Erkältungsgefahr hätte man es doch vielleicht abwarten können, ob nicht das in dem Menschen von selbst hervortretende natürliche Wärmebedürfnis mich von einer übermäßig langen Ausdehnung der Öffnung der Fenster abgehalten haben würde. Allein dies waren und sind für mich nicht die entscheidenden Gesichtspunkte. Das Wesentliche für mich war, daß ich in den Ärzten nur Werkzeuge erblicken konnte, in deren Nerven die betreffenden Entschließungen von göttlichen Strahlen zur Förderung der auf Zerstörung meines Verstandes gerichteten Pläne angeregt wurden, ohne daß dies natürlich subjektiv den Ärzten zum Bewußtsein gekommen ist, die dabei lediglich nach menschlichen Erwägungen zu handeln glaubten. Diese Auffassung muß ich auch jetzt noch aufrechterhalten, da ich jedem Worte, das mit mir nicht nur von den Ärzten, sondern auch von anderen Menschen gesprochen wird, die auf göttlicher Einwirkung beruhende Ursache vermöge des Zusammenhangs mit dem mir genau bekannten Aufschreibematerial anmerke, wie ich vielleicht später noch zu erläutern versuchen werde. Indem ich diese Zeilen niederschreibe, beabsichtige ich keineswegs irgendwelche Rekriminationen für die Vergangenheit zu erheben. Ich hege wegen dessen, was in früheren Zeiten mit mir geschehen ist, gegen keinen Menschen irgendwelchen Groll, das meiste ist ja glücklicherweise auch in seinen Folgen überstanden. Ich habe aber geglaubt, den Vorgang mit den Fensterläden ausführlicher besprechen zu sollen, um das tiefe Mißtrauen verständlich zu machen, das mich den Ärzten gegenüber jahrelang beherrscht hat und von dem dieselben vielleicht auch in meinem Verhalten manche Anzeichen gefunden haben werden.

Die erwähnten Fensterläden (die einzigen auf dem von mir bewohnten Flügel der Anstalt) sind jetzt noch vorhanden, werden aber schon seit langer Zeit nicht mehr verschlossen. Sonst finden sich dergleichen Fensterläden nur in den für Tobsüchtige eingerichteten Zellen im Erdgeschosse und im ersten Stockwerke des Rundflügels der Anstalt. In verschiedenen dieser Zellen habe ich, wie später zu erzählen, während zweier Jahre (1896–98) geschlafen, wobei die durch die Verfinsterung erzeugten Übelstände für mich womöglich noch schlimmer hervortraten.

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