Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Daniel Paul Schreber >

Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken

Daniel Paul Schreber: Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken - Kapitel 11
Quellenangabe
pfad/schrebdp/nervenkr/nervenkr.xml
typeautobiography
authorDaniel Paul Schreber
titleDenkwürdigkeiten eines Nervenkranken
publisherOswald Mutze in Leipzig
firstpub1903
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100910
projectid7ee6494f
Schließen

Navigation:

VIII. Persönliche Erlebnisse während des Aufenthalts in der Dr. Pierson'schen Anstalt. »Geprüfte Seelen«

Aus dem vorstehend Erzählten geht hervor, daß ich in den letzten Monaten meines Aufenthaltes in der Flechsig'schen Anstalt unter dem Eindruck der verschiedenartigsten Befürchtungen stand hinsichtlich irgendwelcher Gefahren, die meinem Körper oder meiner Seele aus dem unlösbar gewordenen Strahlenverkehr zu drohen schienen und die zum Teil auch schon eine recht greifbare Gestalt angenommen hatten. Am verabscheuungswürdigsten erschien mir die Vorstellung, daß mein Körper nach der beabsichtigten Verwandlung in ein weibliches Geschöpf irgendwelchem geschlechtlichen Mißbrauch unterliegen sollte, zumal eine Zeitlang sogar davon die Rede war, daß ich zu diesem Zwecke den Wärtern der Anstalt vorgeworfen werden sollte. Im übrigen spielte die Befürchtung vom »Liegengelassenwerden« eine Hauptrolle, so daß ich eigentlich jeden Abend mit dem Zweifel in das Bett meiner Zelle ging, ob sich die Tür der letzteren am nächsten Morgen überhaupt wieder öffnen werde; auch das nächtliche Herausholen aus der Zelle zu einer mitten in der Nacht auszuführenden Ertränkung war ein Schreckbild, mit dem meine Einbildungskraft nach dem, was die Stimmen mit mir redeten, sich beschäftigte und beschäftigen mußte.

Als daher eines Tages (etwa Mitte Juni 1894) am frühen Morgen drei Wärter mit einem Handkoffer, in welchem meine wenigen Effekten verpackt waren, in meiner Zelle erschienen, und mir ankündigten, daß ich mich zur Abreise aus der Anstalt fertig machen sollte, hatte ich zunächst nur den Eindruck der Befreiung aus einem Aufenthalt, in welchem mir eine unbestimmte Menge von Gefahren drohte. Ich wußte nicht, wohin die Reise gehen sollte, erachtete es auch nicht der Mühe wert, danach zu fragen, weil ich die genannten Wärter überhaupt nicht für Menschen, sondern für »flüchtig hingemachte Männer« hielt.Auch bezüglich des obengenannten R. hatte ich eine Vision gehabt, wonach er sich auf dem Wege nach »Übelessen« (dem Thonberg bei Leipzig) das Leben genommen haben sollte. Das Ziel der Reise erschien mir gleichgültig; ich hatte nur das eine Gefühl, daß es mir schlechter an keinem Orte der Welt ergehen könne, als es mir in der Flechsigschen Anstalt ergangen war, und daß daher jede Veränderung höchstens nur eine Verbesserung bedeuten könne. Ich fuhr in Begleitung der drei Wärter in einer Droschke nach dem Dresdener Bahnhof ab, ohne den Professor Flechsig noch einmal gesehen zu haben. Die Straßen der Stadt Leipzig, durch die wir fuhren, namentlich die Fahrt über den Augustusplatz, machten mir einen merkwürdig fremdartigen Eindruck; sie waren, soviel ich mich erinnere, vollständig menschenleer. Es kann dies an der frühen Morgenstunde und der dieser eigentümlichen Beleuchtung gelegen haben; wahrscheinlich ist der von mir benutzte Eisenbahnzug der etwa ½ 6 Uhr morgens abgehende Personenzug gewesen. Ich war aber damals, nachdem ich monatelang inmitten von Wundern gelebt hatte, mehr oder weniger geneigt, alles, was ich sah, für Wunder zu halten. Ich wußte also nicht, ob ich nicht etwa auch die Straßen der Stadt Leipzig, durch die ich fuhr, nur für Theaterkulissen halten sollte, in der Art etwa, wie sie der Fürst Potemkin der Kaiserin Katharina II. von Rußland bei ihren Reisen durch das öde Land vorgeführt haben soll, um ihr den Eindruck einer blühenden Landschaft zu verschaffen. Auf dem Dresdner Bahnhof sah ich allerdings eine größere Anzahl von Menschen, die den Eindruck von Eisenbahnpassagieren machten. Wenn man aber vielleicht meint, daß ich durch die Fahrt nach dem Bahnhof und die sich daran anschließende Eisenbahnfahrt von der Vorstellung einer großen, mit der Menschheit vorgegangenen Veränderung schon damals gründlich hätte befreit werden sollen, so muß ich einhalten, daß mich an meinem neuen Bestimmungsort alsbald wieder eine neue Wunderwelt mit so abenteuerlichen Erscheinungen umgab, daß die Eindrücke der Reise alsbald wieder verwischt wurden oder mir wenigstens Zweifel blieben, wie ich dieselben deuten sollte. Die Eisenbahnfahrt ging mit einer, nach meinem Gefühl wenigstens, für einen Personenzug ungewöhnlichen Geschwindigkeit vor sich; meine Stimmung in der damaligen Zeit war derart, daß ich jeden Augenblick bereit gewesen wäre, mich (wenn es verlangt worden wäre) auf die Eisenbahnschienen zu legen oder, bei der Fahrt über die Elbe, ins Wasser zu springen. Nach mehrstündiger Fahrt verließen wir die Eisenbahn auf einer Station, die, wie ich später erfahren habe, Coswig gewesen sein soll; dort wurden wir von einem Geschirr aufgenommen, das uns in etwa halbstündiger Fahrt nach meinem neuen Bestimmungsort führte. Wie ich ebenfalls erst nach Jahren vernommen habe, soll es die Dr. Pierson'sche Privatheilanstalt für Geisteskranke gewesen sein; damals lernte ich die Anstalt nur unter der mir von den Stimmen genannten Bezeichnung als »Teufelsküche« kennen. Auf dem Kutschbock des Geschirrs hatte der zur Abholung miterschienene Oberwärter der Anstalt Platz genommen, der, soviel ich mich erinnere, Marx genannt wurde und auf dessen in irgendwelcher Weise vorhanden gewesene Identität mit der von W.'schen Seele ich nunmehr bald zu sprechen kommen werde. Die Anstalt selbst, ein verhältnismäßig kleines Gebäude inmitten einer schönen Parkanlage gelegen, machte den Eindruck völliger Neuheit. Es schien eben alles erst fertig geworden zu sein; die Lackfarben auf den Stufen der Treppen waren noch nicht einmal völlig trocken. Die drei Wärter der Flechsig'schen Anstalt, die mich begleitet hatten, zogen sich alsbald zurück, so daß ich sie nicht wieder erblickt habe. Ich hatte Zeit, mich in meinem neuen Aufenthaltsorte umzusehen.Weshalb ich eigentlich – vorübergehend, auf 8 bis 14 Tage – in die Dr. Pierson'sche Heilanstalt gebracht worden bin, ist mir, wenn ich die Dinge menschlich natürlich aufzufassen suche, jetzt noch unerfindlich. War einmal meine Überführung aus der Leipziger Universitätsklinik in die hiesige Landesheilanstalt (Sonnenstein) beschlossen worden, so hätte es doch wohl näher gelegen, dieselbe sogleich ohne Zwischenaufenthalt ins Werk zu setzen, und wenn etwa auf dem Sonnenstein geeignete Räume zu meiner Aufnahme nicht gleich in Bereitschaft waren, lieber noch meinen Aufenthalt in der Leipziger Anstalt um acht bis vierzehn Tage zu verlängern, anstatt die Überwachung eines doch recht gefährlichen Patienten, wie ich es damals sicher war, einer Privatheilanstalt anzuvertrauen.

Auch von der Dr. Pierson'schen Anstalt (der »Teufelsküche«) will ich Grundriß und Skizze zu entwerfen suchen, da ich aus den räumlichen Verhältnissen derselben gewisse Folgerungen ableiten zu können damals geglaubt habe und noch jetzt ableiten zu können glaube. Das Gebäude, in dem ich Aufnahme fand, war, soviel ich mich erinnere, nur einstöckig, d. h. aus einem Erdgeschosse und oberen Stockwerke bestehend; in einiger Entfernung durch die Parkanlage getrennt, lag ein zweites Gebäude, das das Frauenhaus der Anstalt vorstellen sollte. Das obere Stockwerk des von mir bezogenen Gebäudes gewährte im Grundrisse etwa folgendes Bild:

Abb. Parkanlage

Das untere Stockwerk war etwas anders abgeteilt; es enthielt u. a. ein Badezimmer, sonst schien es nur aus wenigen größeren Räumlichkeiten zu bestehen; in der Richtung nach dem Hofraum führte eine Tür auf einigen Treppenstufen zu dem letzteren hinab.

Die Zeit, welche ich in der Pierson'schen Anstalt verbracht habe, war diejenige Zeit, in welcher nach meinem Urteil der tollste Wunderunfug getrieben wurde. Denn als Unfug kann mir doch nur alles Wundern erscheinen, welches nicht ein Schaffen zu dauernden vernünftigen Zwecken ist, sondern leere Spielerei, wenn schon sie vielleicht den Strahlen eine vorübergehende Unterhaltung gewähren mag. In keiner anderen Zeit wurde das Setzen von »flüchtig hingemachten Männern« so verschwenderisch betrieben, wie damals. Die Gründe, worauf ich diese Behauptung stütze, werden sich aus dem Folgenden ergeben.

Ich beginne zunächst mit der Schilderung meiner äußeren Lebensverhältnisse, wie sie sich an meinem neuen Aufenthalt gestalteten. Ein bestimmtes Wohnzimmer war mir nicht angewiesen; als Schlafzimmer diente mir der in obigem Grundriß mit b bezeichnete Raum. Den Tag über hielt ich mich meist in dem allgemeinen Gesellschafts- oder Speisezimmer c auf, in dem ein fortwährender Ab- und Zugang anderer angeblicher Patienten der Anstalt erfolgte. Zu meiner besonderen Überwachung schien ein Wächter angestellt zu sein, in dem ich nach einer vielleicht zufälligen Ähnlichkeit den Diener des Oberlandesgerichts wiederzuerkennen glaubte, der mir während meiner sechswöchigen Berufstätigkeit in Dresden die Akten ins Haus gebracht hatte; ich werde denselben, da ich seinen Namen nicht erfahren habe, als den »Oberlandesgerichtsdiener« bezeichnen. Natürlich hielt ich denselben, wie alle anderen Menschengestalten, die ich sah, nur für »flüchtig hingemacht«. Ich kann mich auch jetzt noch nicht von der Irrigkeit dieser Annahme überzeugen, da ich mich z. B. bestimmt zu erinnern glaube, daß ich diesen »Oberlandesgerichtsdiener«, der in demselben Schlafzimmer, wie ich, in einem anderen Bett schlief, mehr als einmal an den damaligen hellen Junimorgen im Bett habe alle werden, d.h. allmählich verschwinden sehen, so daß das Bett desselben dann leer war, ohne daß ich ein Aufstehen desselben und ein Öffnen der Tür zum Verlassen des Zimmers bemerkt hätte. Der »Oberlandesgerichtsdiener« hatte übrigens auch die Gewohnheit, hin und wieder meine eignen Kleidungsstücke anzuziehen. Als angeblicher ärztlicher Leiter der Anstalt erschien zuweilen – meist in den Abendstunden – ein Herr, der mich wiederum nach einer gewissen Ähnlichkeit an den in Dresden von mir konsultierten Dr. med. O. erinnerte; die Unterhaltung dieses Herrn, der immer in Begleitung des noch näher zu beschreibenden Oberwärters erschien und in dem ich also jetzt den Dr. Pierson vermuten müßte, beschränkte sich regelmäßig auf wenige nichtssagende Worte. Den Garten der Anstalt, die oben erwähnte Parkanlage habe ich nur ein einziges Mal und zwar gleich am Tage meiner Ankunft zu einem etwa einstündigen Spaziergang betreten; ich sah bei demselben einige Damen, darunter die Frau Pastor W. aus Fr. und meine eigene Mutter, sowie einige Herren, darunter den Oberlandesgerichtrat K. aus Dresden, letzteren allerdings mit unförmlich vergrößertem Kopf. Wenn ich auch versuchen wollte, mir jetzt einzureden, daß ich dabei nur durch flüchtige Ähnlichkeiten der äußeren Erscheinung getäuscht worden sei, so reicht dies doch zur Erklärung der damals empfangenen Eindrücke für mich nicht aus, da ich das Vorkommen solcher Ähnlichkeiten in zwei oder drei Fällen allenfalls verständlich finden könnte, nicht aber die Tatsache, daß, wie aus dem Folgenden hervorgehen wird, fast das ganze Patientenpublikum der Anstalt, sonach mindestens mehrere Dutzende von Menschen das Gepräge von Persönlichkeiten trug, die mir im Leben mehr oder weniger nahegestanden hatten.

Nach jenem einzigen Spaziergang in den eigentlichen Garten fand ein Aufenthalt im Freien – wohl jeden Vor- und Nachmittag auf ein bis zwei Stunden – nur noch in dem oben erwähnten Hofraum oder »Pferche« statt, einem etwa 50 Meter im Geviert haltenden, von Mauern eingeschlossenen, öden Sandplatz ohne jeden Busch oder Strauch und ohne jede Sitzgelegenheiten bis auf ein oder zwei Holzbänke der allerprimitivsten Art. In diesen Pferch wurden jedesmal zugleich mit mir 40-50 Menschengestalten getrieben, die ich nach ihrer ganzen Erscheinung unmöglich für den wirklichen Patientenbestand einer Privatheilanstalt für Geisteskranke halten konnte und noch jetzt halten kann. In derartigen Privatanstalten pflegen doch im allgemeinen nur wohlhabendere Patienten, und eigentliche Demente oder tiefer verblödete Kranke nur ganz ausnahmsweise Aufnahme zu finden. Hier sah ich aber lauter abenteuerliche Gestalten, darunter verrußte Kerle in Leinwandkitteln. Fast alle verhielten sich durchaus schweigsam und nahezu regungslos; nur einige wenige pflegten ab und zu gewisse abgerissene Laute auszustoßen, darunter ein Herr, den ich für den Oberlandesgerichtsrat W. hielt, und der fortwährend nach einem Fräulein Hering rief. Nie habe ich bei diesen Aufenthalten in dem »Pferch« oder auch im Innern der Anstalt eine Unterhaltung der angeblichen Patienten untereinander gehört, die auch nur annähernd den Charakter eines vernünftigen Gesprächs gehabt hätte, wie es in Privatanstalten unter leichteren Kranken geführt zu werden pflegt. Sie erschienen bei dem Eintritt in das Gesellschaftszimmer, einer nach dem anderen, völlig lautlos und entfernten sich ebenso lautlos aus demselben wieder, ohne, wie es schien, gegenseitig voneinander Notiz zu nehmen. Dabei habe ich wiederholt mit angesehen, daß einzelne von ihnen während ihres Aufenthaltes im Gesellschaftszimmer die Köpfe wechselten, d. h. ohne daß sie das Zimmer verlassen hätten und während meiner Beobachtung auf einmal mit einem anderen Kopfe herumliefen. Die Zahl der Patienten, die ich im Pferch und in dem Gesellschaftszimmer teils (namentlich in dem ersteren) gleichzeitig, teils nacheinander erblickte, stand in gar keinem Verhältnisse zu der Größe der Anstaltsräumlichkeiten, soweit dieselbe meiner Wahrnehmung zugänglich war. Es war und ist nach meiner Überzeugung geradezu unmöglich, daß die 40 bis 50 Personen, welche gleichzeitig mit mir in den Pferch getrieben wurden und auf das zur Rückkehr gegebene Signal jedesmal wieder nach der Tür des Hauses drängten, in dem letzteren alle Lagerstätten für die Nacht hätten finden können; ich war daher damals und bin noch jetzt der Meinung, daß ein größerer oder geringerer Teil derselben immer draußen bleiben mußte, um sich dann als das, was sie waren, nämlich »flüchtig hingemachte Männer« in kurzer Zeit aufzulösen.

In dem ersten Stockwerk der Anstalt, das ich bewohnte, waren, wenn es hoch kommt, überhaupt nur 4 bis 6 Betten vorhanden; das Erdgeschoß, welches ich beim Ausgang nach dem Pferch und bei der Rückkehr aus demselben jedesmal passieren mußte, wimmelte meist von Menschengestalten, hätte aber, selbst wenn etwa ein gemeinschaftlicher Schlafsaal vorhanden war, schwerlich mehr als 10 bis 12 Menschen Unterkommen für die Nacht bieten können. Und dabei hätten doch alle die 40 bis 50 Besucher des Pferchs sämtlich mehr oder weniger Demente sein müssen, da man leichtere und für ihre Umgebung ungefährliche Kranke schwerlich in diesen öden Pferch gesperrt und ihnen den Genuß eines Spaziergangs in dem tatsächlich vorhandenen Anstaltsgarten – der oben erwähnten Parkanlage – vorenthalten haben würde. Von den mir aus dem Pferch erinnerlichen Gestalten will ich nennen den Dr. Rudolph J. aus Leipzig, einen Vetter meiner Frau, der sich bereits 1887 erschossen hatte; die Ähnlichkeit war bis auf etwas geringere Körpergröße so frappant, daß ich einen Zweifel hinsichtlich der Identität für ausgeschlossen halten muß. Derselbe lief fortwährend mit einem Stoße Zeitungs- oder anderem Papier herum, das er aber lediglich benutzte, um sich auf den harten Holzbänken eine weichere Unterlage zu verschaffen; ferner den Oberstaatsanwalt B., der fortwährend eine gebückt-devote, gleichsam betende Haltung einnahm, in welcher er regungslos verharrte. Einige der Anwesenden wurden mir von den Stimmen als die Gestalten bezeichnet, in denen sich »rücksichtlich des Bestimmenden 4ter und 5ter« (zu ergänzen ein Wort wie »Dimension«, das ich nicht deutlich verstanden habe)»Rücksichtlich des Bestimmenden« war eine andere Bezeichnung für Gottes Allmacht, die den »vordern Kolonnenführern« d. h. Gottes Allmacht in irgendwelchen untergeordneten Instanzen (vergl. Anmerkung 12 [19]) gegeben wurde. Die beigesetzten Zahlen bedeuten die Stufenfolge nach oben. Der später zu erwähnende, auch »Unterhalb der Mäßigung« genannte »vordere Kolonnenführer«, in betreff dessen ich eine Art Identität mit dem Vorstand der hiesigen Anstalt anzunehmen habe, trug die Zahl 14. Die höchste Zahl, die ich später noch vernommen zu haben mich erinnere, war 480. und seine unterirdischen Antipoden (die verrußten Kerle in Leinwandkitteln »gesetzt« (verkörpert) hätten. Im Innern der Anstalt habe ich u. a. gesehen den Geh. Rat Dr. W. Diesen in zwiefacher Gestalt, einer vollkommeneren und nur mehr herabgekommenen, welche ihm in der Seelenwanderung verliehen worden sein sollte, ferner den Senatspräsidenten Dr. F., den Oberlandesgerichtsrat Dr. M., den Rechtsanwalt W. aus Leipzig (ein Jugendfreund von mir), meinen Neffen Fritz usw. In einem Herrn, der, wie es schien, das jenseits des Treppenhauses gelegene Zimmer f des obigen Grundrisses innehatte und den ich schon bei meiner Ankunft auf dem Bahnhof zu Coswig auf- und abgehend, gleichsam jemand suchend bemerkt zu haben meinte, glaubte ich einen Herrn von O. aus Mecklenburg, eine flüchtige Reisebekanntschaft von Warnemünde her, wiederzuerkennen. Das Zimmer desselben war ganz mit sonderbaren, meist rot gefärbten Bildern (auf Papier) ausgeschlagen und von demjenigen eigentümlichen Geruch erfüllt, den ich bereits im Kapitel 1 als den Teufelsgeruch bezeichnet habe. Meinen Schwiegervater habe ich einmal vom Fenster aus auf dem nach der Anstalt führenden Zugangswege bemerkt; von ihm habe ich übrigens auch um dieselbe Zeit eine Anzahl von Nerven im Leibe gehabt, an deren Verhalten im Wege der Nervenanhangsunterhaltung ich durchaus die Sinnesart meines Schwiegervaters wiedererkannte. Dabei ereignete es sich wiederholt, daß ich namentlich in die Eckzimmer a und d des obigen Grundrisses eine ganze Anzahl von Personen (4–5), einmal sogar einige Damen, nachdem sie das Gesellschaftszimmer passiert hatten, eintreten sah, die dann in jenen Zimmern verschwunden sein müssen.Ich habe dabei auch wiederholt das eigentümliche Röcheln gehört, das mit dem »Wegsetzen« (Sichauflösen) der »flüchtig hingemachten Männer« verbunden war. Die letzteren hatten, wie der Grundriß ergibt, keinen anderen Ausgang, als eben durch das Gesellschaftszimmer. Wenn ich selbst nach einiger Zeit, während der ich das Gesellschaftszimmer nicht verlassen hatte, durch die geöffnete Tür in die Zimmer hineinsah, war entweder gar niemand mehr darin, oder nur noch eine einzige Person, in dem Eckzimmer d, namentlich die von mir als Geh. Rat Dr. W. bezeichnete Persönlichkeit, die dann im Bette liegend sich mit allerhand sonderbarem Aufputz aus seidenen Bändern usw. versehen, wie es damals hieß, diese sich »gewundert« hatte.

Es wurde nicht nur an Menschengestalten, sondern auch an leblosen Gegenständen gewundert. So skeptisch ich mich auch jetzt bei Prüfung meiner Erinnerungen zu verhalten suche, so kann ich doch gewisse Eindrücke aus meinem Gedächtnisse nicht verwischen, nach denen auch Kleidungsstücke auf dem Leibe der von mir gesehenen Menschen, die Speisen auf meinem Teller während des Essens (z. B. Schweinsbraten in Kalbsbraten oder umgekehrt) verwandelt wurden usw. Eines Tages sah ich – am hellen Tage – vom Fenster aus – unmittelbar vor den Mauern des Gebäudes, das ich bewohnte, einen prachtvollen Säulenvorbau entstehen, gleichsam als ob das ganze Gebäude in einen Feenpalast umgewandelt werden sollte; das Bild verschwand später wieder, angeblich weil das beabsichtigte, göttliche Wunder infolge Flechsig'scher und von W.'scher Gegenwunder nicht zur Vollendung gelangte; in meinem Gedächtnisse steht das Bild noch jetzt in voller Deutlichkeit vor mir.

Eine besondere Besprechung muß dem Oberwärter der Anstalt gewidmet werden. Von diesem sagten mir die Stimmen gleich am Tage meiner Ankunft, er sei mit einem meiner Hausgenossen v. W. identisch; derselbe habe bei irgendeiner von Staats wegen über mich veranstalteten Enquête vorsätzlich oder fahrlässigerweise unwahre Dinge über mich ausgesagt, namentlich mich der Onanie beschuldigt; gewissermaßen zur Strafe dafür sei ihm jetzt als flüchtig hingemachter Mann meine Bedienung auferlegt worden.Eine derartige – übrigens, wenn etwas Wahres an der Sache sein sollte, gewiß ziemlich glimpfliche – Form der Bestrafung scheint der Auffassung der Seelen überhaupt nahegelegen zu haben. So hieß es auch vom Professor Flechsig einige Male, derselbe werde mich zur Sühne des an mir begangenen Unrechts in der Gestalt einer »flüchtig hingemachten« Scheuerfrau bedienen müssen. Eine mit leisem Spott verbundene Demütigung sollte sich eben derjenige, der in seinem Leben irgend etwas gesündigt hatte, gefallenlassen müssen; darauf beruhte auch die Bezeichnung als »Hundejunge«, die dem mit der Bedienung des ewigen Juden betrauten flüchtig hingemachten Mannes gegeben wurde und die daher auch in der ersten Zeit meines Aufenthalts in der hiesigen Anstalt den damaligen Pflegern, namentlich dem Pfleger M. zuteil wurde.

Es scheint mir völlig ausgeschlossen, daß ich von selbst auf derartige Gedanken gekommen sein sollte, da ich mit dem Herrn v. W., den ich überhaupt nur flüchtig kennenzulernen die Ehre gehabt hatte, niemals irgendwelche Mißhelligkeiten gehabt oder irgendwelchen Groll gegen denselben empfunden habe. Gegen diesen Oberwärter suchten mich die Stimmen fortwährend zu reizen; gleich am ersten Tage verlangte man, ich sollte ihn mit beleidigender Weglassung des Adelsprädikats als »W.« anreden; ich hatte zunächst gar keine Neigung dazu, habe es dann aber, um die drängenden Stimmen loszuwerden, doch einmal getan. Bei einer späteren Gelegenheit habe ich ihm auch einmal eine Ohrfeige gegeben; die nähere Veranlassung ist mir nicht mehr erinnerlich, ich weiß nur, daß die Stimmen es von mir verlangten, als derselbe irgendein unziemliches Ansinnen an mich gerichtet hatte und mich solange mit meinem angeblichen Mangel an männlichem Mute verhöhnten, bis ich zu der erwähnten Tätlichkeit verschritt. Daß ich an dem Oberwärter – nicht immer, sondern nur bei gewissen Gelegenheiten – die den Teufeln eigentümliche rote Farbe im Gesicht und an den Händen wahrgenommen habe, ist schon im Kapitel I erwähnt worden; daß derselbe wirklich mindestens zum Teil v. W.'sche Nerven gehabt hat, ist mir nach dem später zu Erzählenden unzweifelhaft.

Irgendwelche geistige oder körperliche Beschäftigungen habe ich während meines – übrigens doch nur kurzen – Aufenthalts in der Dr. Pierson'schen Anstalt (»Teufelsküche«) nicht vorgenommen; ich war den ganzen Tag fast nur durch die Unterhaltung der Stimmen und durch das Anstaunen der Wunderdinge, die sich in meiner Umgebung ereigneten, in Anspruch genommen. Recht auffällig will mir jetzt in meiner Erinnerung auch erscheinen, daß irgend etwas wie eine gemeinschaftliche Tafel nicht stattfand; soweit ich mich besinne, einzelne Mahlzeiten genossen zu haben, war für mich auf dem Tisch des Gesellschaftszimmers gedeckt worden; es pflegten dann außer mir höchstens noch ein oder zwei andere Patienten zu essen. Einmal erinnere ich mich, das mir vorgesetzte Gericht (Bratwurst) vielleicht unter Zertrümmerung einer Fensterscheibe zum Fenster hinausgeworfen zu haben; der Beweggrund dazu ist mir nicht mehr deutlich gegenwärtig.

Die Seelen, mit denen ich in der Flechsig'schen Anstalt im Nervenanhang gestanden hatte, waren mir selbstverständlich nach meinem neuen Aufenthalte, wie schon auf der Fahrt dahin, gefolgt: vor allen Dingen die Flechsig'sche Seele selbst, die sich übrigens schon vorher zur Verstärkung ihres gegen Gottes Allmacht eröffneten Kampfes eine Art Parteigefolge aus von ihr nachgezogenen, mehr oder weniger befreundeten Seelen gebildet hatte. Zu diesem Parteigefolge gehörte außer den schon im Kapitel V erwähnten »Cassiopejabrüdern« auch eine Gruppe, welche damals die Bezeichnung der »Vordringenden« erhielt; sie bestand aus der Seele Daniel Fürchtegott Flechsigs (welche in zweifacher Gestalt vorhanden war), derjenigen des Oberamtsrichters G. und eines ehedem zu Gottes Allmacht gehörigen vorderen Kolonnenführers, »rücksichtlich des Bestimmenden erster«, sonach einer Art Renegaten, der sich dem Flechsig'schen Einflüsse untergeordnet hatte. Die »unter der Cassiopeja Hängenden« (d. h. die Seelen der dem Corps Saxonia angehörig gewesenen Mitglieder) verschwanden in der Zeit meines Aufenthaltes in der Pierson'schen Anstalt; sie wurden »mit starker Hand« in die Gräber zurückgedrückt, ein Vorgang, den ich mit meinem geistigen Auge gesehen habe und bei weichem ich gleichzeitig die Klagelaute (eine Art Gewimmer) gehört habe, mit welchem diese Seelen den ihnen natürlich unerwünschten Vorgang, durch den sie der von ihnen erschlichenen Seligkeit wieder verlustig gingen, begleiteten. Dafür bildeten sich eine ganze Anzahl anderer Seelen heraus; es geschah dies vornehmlich im Wege der Seelenteilung eines, wie ich annehme, zunächst von der Flechsig'schen Seele eingeführten Mißbrauchs. Denn wenn auch die physische Möglichkeit einer Seelenteilung, deren ich schon in Kapitel 1 Anmerkung 6 [9] Erwähnung getan habe, wahrscheinlich schon früher bestanden hätte, so dürfte doch, solange die Weltordnung intakt war, von dieser, sicher auch für das menschliche Gefühl verletzenden Einrichtung schwerlich irgendwelcher Gebrauch gemacht worden sein. Es hätte gar kein ersichtlicher Grund vorgelegen, die Seele eines Menschen etwa mit einer gewissen Anzahl ihrer Nerven zur Seligkeit aufsteigen zu lassen und mit einem anderen Teil in einen eine Bestrafung darstellenden Zustand zu versetzen. Ich glaube vielmehr annehmen zu dürfen, daß man früher die natürliche Einheit der Menschenseele respektierte, also wenn es sich etwa um übermäßig geschwärzte Nerven handelte, welche sämtlich zu reinigen einen allzugroßen Aufwand reiner Strahlen erfordert haben würde, man nur einen geringeren Teil der Nerven reinigte (der betreffenden Menschenseele also damit nur eine kürzere Zeit andauernde Seligkeit verschaffte, vgl. Kapitel I) und den Rest einfach im Grabe verfaulen ließ. Die Flechsig'sche Seele aber führte, wie gesagt, die Seelenteilung ein, hauptsächlich um das ganze Himmelsgewölbe mit Seelenteilen zu besetzen, so daß die durch die Anziehungskraft herangezogenen göttlichen Strahlen auf allen Seiten irgendwelchem Widerstand begegneten. Das Bild, das ich hiervon im Kopf habe, ist in Worten ungemein schwierig auszudrücken; es schien, als ob das Himmelsgewölbe im ganzen Umkreise mit – wohl aus meinem Körper entnommenen – Nerven überspannt sei, die die göttlichen Strahlen nicht zu überspringen vermochten oder die ihnen wenigstens ein mechanisches Hindernis boten, ähnlich etwa wie eine belagerte Festung durch Wälle und Gräben gegen den anstürmenden Feind geschützt zu werden pflegt. Die Flechsig'sche Seele hatte sich zu diesem Behufe in eine große Anzahl von Seelenteilen gespalten; es existierten deren eine Zeitlang wohl 40–60, darunter viele ganze kleine, vermutlich nur aus einem einzigen Nerv bestehende; zwei größere Seelenteile wurden der »obere Flechsig« und der »mittlere Flechsig« genannt; der erstere pflegt sich infolge der Aufnahme göttlicher Strahlen, die er sich angeeignet hatte, vorübergehend durch größere Reinheit auszuzeichnen, die jedoch meist nicht lange vorhielt. In ähnlicher Weise gab es dann später auch 20 bis 30 von W.'sche Seelenteile, ja auch eine gemeinschaftliche v. W.-Flechsig'sche Seele, auf die ich vielleicht später noch zurückkommen werde.

Hinsichtlich der Ursachen, die zum Auftreten der von W.'sehen Seele (neben der Flechsig'schen) am Himmel führten, kann ich nur Vermutungen aussprechen, die jedoch der Wahrheit ziemlich nahekommen dürften. Für alle »geprüften« (Flechsig'schen usw.) Seelen war die durch die Hochgradigkeit der Nervenüberreizung in meinem Körper entstandene Anziehungskraft sozusagen die Grundbedingung ihrer Existenz, d.h. ich selbst war ihnen nur das Mittel zum Zweck, die durch die Anziehungskraft herbeigeführten göttlichen Strahlen abzufangen, mit denen sie dann sich wie der Pfau mit fremden Federn schmückten, Wundergewalt erlangten usw. Daher war es von Wichtigkeit für sie, über meinen Körper eine gewisse Verfügungsgewalt zu behaupten. Diese Verfügungsgewalt mochte die Flechsig'sche Seele, solange ich in der Leipziger Anstalt war, durch ihre Verbindung mit dem noch als Mensch (oder »flüchtig hingemachten Mann«; was er damals eigentlich war, muß ich dahingestellt sein lassen) vorhandenen Professor Flechsig ausgeübt haben. Mit meiner Übersiedelung in die Dr. Pierson'sche Anstalt (»Teufelsküche«) war dieser Einfluß weggefallen; die tatsächliche Macht über meinen Körper stand nunmehr dem dortigen Anstaltspersonal, namentlich dem Oberwärter der Anstalt zu. Dies scheint für die Flechsig'sche Seele die Veranlassung gewesen zu sein, einige dem Körper des Oberwärters entnommene, in Wirklichkeit von W.'sche Nerven in den Himmel oder zur Seligkeit heraufzuziehen, um vermittelst dieser Nerven und deren Einwirkung auf den Oberwärter sich den verlorengegangenen Einfluß wieder zu verschaffen.

Im ersten Anfang sollten es nur drei von W.'sche Nervenfäden gewesen sein, diese aber, einmal zum Bewußtsein ihrer himmlischen Existenz und damit gleichzeitig zur Ausübung der Wundergewalt gelangt, komplettierten sich dann durch Heraufziehen einer größeren Anzahl anderer von W.'schen Nerven (aus dem Grabe, wie ich damals annehmen mußte) zu einer ziemlich umfänglichen Seele. Auch hier handelte es sich natürlich um ungereinigte Nerven; es wurde m.a. W. eine zweite »geprüfte Seele« am Himmel fertig, die nur von dem eigennützigen Bestreben der Selbsterhaltung und weltordnungswidrigen Machtentfaltung im Gegensatz zu Gottes Allmacht erfüllt war und zu diesem Zwecke die Anziehungskraft meiner Nerven auf göttliche Strahlen mißbrauchte. Sie erkannte im allgemeinen die Führerschaft der Flechsig'schen Seele an, welche nach wie vor sozusagen das geistige Haupt der ganzen gegen Gottes Allmacht gerichteten Empörung blieb; sie behauptete aber doch im Gegensatz zu den andern das Flechsig'sche Gefolge bildenden Seelen in manchen Beziehungen eine gewisse Selbständigkeit. Sie ließ sich z.B., wie schon erwähnt, ebenfalls zu einer ausgedehnten Seelenteilung bestimmen, wandelte aber doch dann auch wieder ihre eigenen Wege.

Für mich wurde die Lage durch das Hinzutreten dieser zweiten »geprüften Seele« zunächst noch erheblich schwieriger; denn auch diese Seele wunderte nun in einer meinen Körper zum Teil recht empfindlich schädigenden Weise an mir herum, worüber ich später noch Näheres anführen werde. Auf der anderen Seite gab es aber doch dabei auch drollige Momente, die zeitweise in mein sonst so verdüstertes Leben, wenn ich so sagen darf, sogar einen Zug der Komik brachten. Daß es wirklich von W.'sche Nerven waren, die auf diese Weise zu einer Art himmlischer Herrschaft gelangt waren, geht für mich unzweifelhaft daraus hervor, daß ich mich zu oft wiederholten Malen mit der von W.'sehen Seele über ihre Erinnerungen aus dem Leben, namentlich aus ihrer studentischen Zeit vom Corps Misnia her bis herab zu dem ihr noch wohlbekannten Kellner B. in der Gassenschenke zu Eutritzsch bei Leipzig unterhalten habe. Dabei wirkte es zuweilen eben höchst drollig, wie sich ungeachtet der von beiden Seelen – der Flechsig'schen und von W.'schen – gegenüber Gottes Allmacht eingegangenen Bundesgenossenschaft, doch wieder der Professorendünkel der einen und der Adelsstolz der anderen wechselseitig voneinander abstießen. Die von W.'sche Seele schwärmte von einer »von W.'schen Haus- und Primogeniturordnung«, die sie am Himmel einrichten und worauf sie ihre »Weltherrschaft« gründen wolle und mochte an der Seele des ihr im Grunde genommen unsympathischen nationalliberalen Professor Flechsig zuweilen kein gutes Haar lassen. Diese hinwiederum glaubte im Gefühl einer vermeintlichen geistigen Überlegenheit auf die v. W.'sche Seele mit einer gewissen Verachtung herabsehen zu dürfen. Die v. W.'sche Seele zeigte auch sonst entschieden aristokratische Allüren, widmete mir z.B. vorübergehend eine größere Hochachtung, als sie bemerkte, daß ich beim Essen die Gabel mit der linken Hand zum Munde führte, gab ein besonderes Interesse für eine wohleingerichtete table d'hôte zu erkennen, zeigte aber dann auch wieder ein größeres organisatorisches Talent, als die Flechsig'sche Seele, indem sie mit den von ihr erbeuteten Strahlen besser hauszuhalten wußte, als diese, daher meist ein glänzendes Strahlenkleid aufwies und eine Zeitlang ein förmliches »Strahlenmagazin« (ich könnte die Richtung am Himmel, nach der es gelegen war, noch jetzt bezeichnen) unterhielt.

Von sonstigen übersinnlichen Eindrücken, die ich während meines Aufenthalts in der Pierson'schen Anstalt empfing, will ich noch einiges wenige anführen. Es flatterte mir in langen Zügen (das Bild ist schwer zu beschreiben, man könnte es vielleicht mit dem sog. Alteweibersommer, aber nicht als einzelnen Fäden, sondern eine Art dichteren Gewebes vergleichen) die sog. Mondscheinseligkeit zu, welche die weibliche Seligkeit vorgestellt haben sollte. Es gab davon zwei Arten, eine mattere und eine vollkräftigere; vielleicht darf in der ersteren die Kinderseligkeit erblickt werden. An die schon in den früheren Kapiteln erwähnte Vorstellung eines Weltunterganges schlossen sich Mitteilungen an, die sich darauf bezogen, in welchem Maße etwa eine Wiederbelebung der Schöpfung möglich sei; bald hieß es, es reiche nur bis zu den Fischen, bald bis zu den niederen Säugetieren usw. Inwieweit diesen Mitteilungen bloß eine Befürchtung für die Zukunft oder etwas Reales zugrunde lag, muß ich dahingestellt sein lassen. Dagegen habe ich anzunehmen, daß auf irgendeinem entfernten Weltkörper in der Tat ein Versuch mit Erschaffung einer neuen Menschenwelt (»neuen Menschen aus Schreber'schem Geist«, wie sie mit einer auch seitdem unzählige Male gebrauchten, meist spöttisch gemeinten Redewendung genannt wurden) wahrscheinlich also unter Benutzung eines Teiles meiner Nerven gemacht worden ist. Wie die hierzu erforderliche Zeit gewonnen worden sein sollte, bleibt allerdings in Dunkel gehüllt; ich mußte damals und muß noch jetzt unwillkürlich an die in dem in Anmerkung 36 angezogenen du Prel'schen Werke (im Anhang soviel ich mich erinnere) entwickelten Vorstellungen denken, wonach ein Unterschied im Raum zugleich einen Unterschied in der Zeit bedeutet. Jene »neuen Menschen aus Schreberschem Geiste« – körperlich von sehr viel kleinerem Schlag als unsere irdischen Menschen – sollten es bereits zu einer immerhin beachtenswerten Kulturstufe gebracht, u.a. ein ihrer geringeren Körpergröße entsprechendes kleines Rindvieh gehalten haben; ich selbst sollte ihnen als ihr »Nationalheiliger« sozusagen ein Gegenstand göttlicher Verehrung geworden sein, so daß meine körperliche Haltung (namentlich in dem »Pferch« der Pierson'schen Anstalt) für ihren Glauben von irgendwelcher Bedeutung gewesen wäre. Ihre nach dem Tode zur Seligkeit aufgestiegenen Seelen sollten es bereits zu Strahlen von ziemlich erheblicher Vollkräftigkeit gebracht haben.

Daß irgend etwas Wahres an der Sache gewesen ist, entnehme ich daraus, daß ich in jener Zeit den »Gott« oder »Apostel« jener kleinen Menschen – d.h. vermutlich den Inbegriff der aus ihrer Seligkeit gewonnenen Strahlen – als Seele im Leibe und zwar im UnterleibeEs trat darin die auch sonst in vielen Fällen von mir beobachtete Erscheinung zutage, daß befreundetere Seelen sich immer mehr nach der Gegend des Geschlechtsteiles (des Bauches usw.) zogen, wo sie wenig oder nichts schadeten und auch sonst kaum belästigten, während feindlicher gesinnte Seelen immer nach dem Kopfe strebten, dem sie irgendwelchen Schaden antun wollten, insbesondere in sehr lästiger Weise am linken Ohre saßen. gehabt habe. Dieser kleine »Gott« oder »Apostel« zeichnete sich in höchst auffälliger Weise vor allen anderen Seelen durch die einen Grundzug meines eigenen Charakters bildende – ich kann hier etwas Selbstlob nicht unterdrücken – praktisch verständige Auffassung der Dinge aus, so daß ich in ihm gewissermaßen Fleisch von meinem Fleische und Blut von meinem Blute erkannte. Übrigens wurde zu diesem kleinen »Gott« oder »Apostel« – wie auch in vielen anderen Fällen, z.B. seiner Zeit in betreff der Seele meines Vaters, der Seelen der Jesuiten usw. – um mich irre zu machen, ein gefälschter Widerpart gesetzt; die Fälschungen wurden jedoch meist sehr bald von mir wahrgenommen, da sich nach der ganzen Sinnesart der betreffenden Seelen das Echte von dem Falschen unschwer unterscheiden ließ. Viel war auch in der damaligen Zeit von einem »Strahlenerneuerungsgesetz« die Rede, d.h. von dem Grundsatz – von welchem die »kleinen Menschen aus Schreberischem Geist« ein Beispiel gewesen sein würden – daß neue Strahlen aus dem Glauben gewesener Menschen hervorgingen. Die betreffende Vorstellung scheint mit dem, was oben im Kap. I Anmerkung 6 über die Entstehung der »Vorhöfe des Himmels« bemerkt worden ist, in einer gewissen Übereinstimmung zu stehen.

Die Flechsig'sche Seele war zu jener Zeit Führerin zweier »Sonnen«, darunter auch derjenigen Sonne, von der die Tagesbeleuchtung ausging. Das Bild, das ich davon im Kopfe habe, wie die führende Seele gewissermaßen hinter der Sonne saß, ist in Worten schwer zu beschreiben. Auch der v. W.'schen Seele sollte zuweilen die Führung einer Sonne anvertraut werden, diese bezeigte jedoch im ganzen wenig Neigung dazu.

 << Kapitel 10  Kapitel 12 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.