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Denkwürdigkeiten eines englischen Edelmannes

Daniel Defoe: Denkwürdigkeiten eines englischen Edelmannes - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleDenkwürdigkeiten eines englischen Edelmannes aus dem großen Kriege
authorDaniel Defoe
translatorunbekannt
firstpub1720
year1919
publisherGeorg Müller
addressMünchen
titleDenkwürdigkeiten eines englischen Edelmannes
pages1-275
created20070503
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Die Protestanten waren durch die Behandlung, die sie auf dem vorigen Reichstag erlitten hatten, in die größte Unruhe versetzt worden und hatten sich insgeheim untereinander verabredet, ein gemeinsames Bündnis zu schließen, um den Untergang abzuwenden, von dem sie voraussahen, daß er unvermeidlich sein würde, wenn man nicht schleunigst alle möglichen Hilfsmittel anwendete.

Der Kurfürst von Sachsen, das Haupt der Protestanten, ein tätiger und kluger Fürst, brachte es zuerst in Vorschlag. Er hatte es anfänglich nur dem Landgrafen von Hessen, einem eifrigen und tapferen Fürsten, mitgeteilt und ihn darüber um Rat gefragt, und die Sache war lange Zeit unter ihnen geblieben, weil man vor der Hand noch keinen gangbaren Ausweg finden konnte, die Sache zustande zu bringen. Denn der Kaiser war allenthalben so mächtig, daß sie voraussahen, die kleineren Fürsten würden sich nicht in Unterhandlungen dieser Art einzulassen wagen, wenn sie allenthalben von kaiserlichen Truppen umringt seien, die unter Wallensteins und Tillys Befehl sie sowieso schon in steter Furcht und Unterwürfigkeit erhielten. Diese Schwierigkeit hätte wahrscheinlich wieder alle Gedanken an ein Bündnis als an eine unmögliche Sache unterdrückt, wenn nicht ein lutherischer Gottesgelahrter, Sigensius, ein Mann von außerordentlichen Fähigkeiten, den der Kurfürst von Sachsen sowohl in Staatsangelegenheiten als in Religionssachen sehr gut brauchen konnte, einen vortrefflichen Ausweg gefunden hätte.

Ich habe nachher bei meinem Aufenthalt in Leipzig selbst das Vergnügen, diesen Mann kennen zu lernen. Er gefiel sich sehr darin, daß er auf eine so gute Sache gekommen war, wie die Leipziger Beschlüsse waren, und sah es gern, daß man sich mit ihm darüber unterhielt. Ich habe also die Erzählung aus seinem eigenen Munde. Er sagte mir jedoch mit der größten Bescheidenheit, daß er es selbst für eine Art Inspiration gehalten hätte, die ihm plötzlich durch den Kopf gefahren wäre, als ihn der Kurfürst von Sachsen eines Morgens in sein Kabinett hätte rufen lassen. Der Kurfürst hätte zuerst sehr unmutig ausgesehen, den Kopf geschüttelt, aber endlich ihn sehr bedeutungsvoll angesehen.

Was wird aus uns werden, Doktor, hätte er endlich angefangen, in Frankfurt a. M. ist's um uns alle geschehen.

Warum das, wenn Eure Durchlaucht erlauben?

Nun, sie werden mit unserm Volke und mit unserm Gelde in den Krieg gegen den König von Schweden ziehen und wir und unsere Freunde werden helfen müssen, daß sie uns und unsere Freunde zugrunde richten.

Aber was ist denn aus der Union geworden, die Eure Kurfürstliche Durchlaucht so glücklich aussannen und worüber der Landgraf von Hessen so erfreut war?

Daraus geworden? – Nun, der Einfall war gut, aber es ist unmöglich, die Sache selbst zustande zu bringen, da so viele protestantische Fürsten dabei zu Rate gezogen werden müssen. Denn wir haben erstlich keine Zeit mehr zu unterhandeln, und zweitens wird die Hälfte der Fürsten sich nicht auf die Sache einlassen wollen, da die Kaiserlichen mitten in ihren Ländern liegen.

Aber könnte denn nicht irgendein Mittel ausfindig gemacht werden, um sie alle zusammenzubringen und bei einer allgemeinen Versammlung diese Unterhandlungen zu unternehmen?

Der Vorschlag ist gut, Doktor, aber in welcher Stadt sollten sie zusammenkommen, ohne daß die Abgeordneten in einer Zeit von vierzehn Tagen von Tilly oder Wallenstein belagert werden würden?

Würden Eure Durchlaucht vielleicht bereit dazu sein, wenn irgendein Ausweg zu finden wäre, eine solche Verhandlung aus andern Ursachen auszuschreiben, woraus der Kaiser so wenig Argwohn schöpfte, daß er vielleicht selbst seine Einwilligung dazu geben würde? Eure Durchlaucht wissen, daß der Reichstag herannaht, der in Frankfurt a. M. abgehalten werden soll, es ist notwendig, daß die Protestanten vorher eine Zusammenkunft halten, um die Sachen für den allgemeinen Reichstag vorzubesprechen und dazu wird die Erlaubnis nicht schwer zu erhalten sein.

Der Kurfürst war über diesen Vorschlag beinahe außer sich geraten, hatte den Doktor vor lauter Entzücken umarmt und gesagt: Doktor, Ihr habts getroffen, und hatte ihm befohlen, sogleich ein Schreiben an den Kaiser aufzusetzen.

Der Doktor, welcher sehr gewandt die Feder führen konnte, bot seine ganze Geschicklichkeit auf, und stellte Sr. Kaiserlichen Majestät vor, Allerhöchstdieselbe möge geruhen zum besseren Ende der Unruhen von Deutschland den protestantischen Reichsfürsten zu erlauben, daß sie einen Konvent unter sich abhielten und sich über die Artikel beratschlagten, welche auf dem allgemeinen Reichstage verhandelt werden sollten, um in betreff der Austreibung der Schweden und Festsetzung eines dauernden Friedens im Reiche desto besser zum Einverständnis mit Allerhöchstdemselben zu gelangen.

Er ließ noch obendrein etwas von einmütigen Beschlüssen mit einfließen, daß die protestantischen Fürsten ihre Stimmen bei der Wahl eines römischen Königs für den König von Ungarn abgeben würden – eine Sache, woran dem Kaiser sehr gelegen war und die er auf dem Reichstage mit aller Macht betreiben wollte.

Das Schreiben ward abgesandt und die Lockspeise war so gut verborgen, daß der Kurfürst von Bayern, der Kurfürst von Mainz, der König von Ungarn und die andern nicht das geringste ahnten, sondern ohne das geringste Bedenken dem Kaiser den Rat gaben die Verhandlung zu bewilligen.

Mit dieser Bewilligung unterzeichnete nun der Kaiser seinen eigenen Untergang. Denn von diesem Zeitpunkte an nahm die Verbindung der protestantischen Deutschen mit dem Könige von Schweden ihren Anfang, welches der unglücklichste Schlag war, den Ferdinand bekam, und den er nie wieder verwinden konnte.

Der Konvent wurde zu Leipzig am 8. Februar 1630 gehalten. Die Protestanten wurden über verschiedene Punkte einig, die ihre gegenseitige Ver[t]eidigung betrafen und die der Grund zu dem folgenden Kriege waren.

Da[s] waren die berühmten Leipziger Beschlüsse, welche den Kaiser und das Reich so sehr beunruhigten, daß der Kaiser, um sie gleichsam noch im Entstehen zu ersticken, den General Tilly beorderte, ohne Verzug den Landgrafen von Hessen und den Kurfürsten von Sachsen als die vorzüglichsten Häupter der Union zu überfallen. Allein es war nunmehr zu spät.

Der Vertrag selbst war in folgenden Artikeln abgefaßt:

1. Da die ganze protestantische Kirche durch ihre Sünden Gottes Strafgericht auf sich gezogen hätte, solle man sich in öffentlichen Gebeten wegen Anwendung des zu befürchtenden Unglücks an Gott den Allmächtigen wenden.

2. Sollte man eine Friedensunterhandlung in Gang zu bringen suchen, um mit den katholischen Fürsten zu einem rechten Verständnis zu kommen.

3. Wenn zu einer solchen Verhandlung eine Frist erhalten worden, so sollte eine Versammlung von Deputierten zur Einleitung dieser Unterhandlung angesetzt werden.

4. Alle ihre Beschwerden sollten zur Vermittelung eines gütlichen Vergleichs der Kaiserlichen Majestät und den katholischen Kurfürsten alleruntertänigst und freundlichst vorgelegt werden.

5. Zufolge der Reichsgesetze und der Kaiserlichen Majestät feierlichen Eide und Versprechen wolle man um Allerhöchst Dero Schutz ersuchen.

6. Es sollten Deputierte ernannt werden, um über das gemeinsame Beste zu beraten, und sie sollten völlige Macht haben alles zu beschließen, was sie zur Sicherheit der Protestanten für nötig erachten würden.

7. Eine hinlängliche Kriegsmacht sollte ausgerüstet werden, um ihre Freiheit, Rechte und Religion zu erhalten und zu verteidigen.

8. Diese Beschlüsse sollten der Verfassung des Deutschen Reiches, wie sie auf dem Reichstag zu Augsburg festgesetzt worden, nicht entgegen sein.

9. Diese Rüstung sollte zu ihrer Notwehr auf keine Art ihrem Gehorsam gegen Ihre Kaiserliche Majestät Eintrag tun, sondern man wollte Allerhöchstderselben immer mit geziemender Treue und Gehorsam gewärtig sein.

10. Jeder sollte seinem Vermögen gemäß eine Kriegsmacht anwerben, und alles in allem sollte ein Volk von 70 000 Mann auf die Beine gebracht werden.

Der Kaiser war vor Schrecken über diesen Vertrag außer sich und erließ ein sehr strenges Manifest gegen die Protestanten, eine Sache, welche damals soviel bedeutete wie eine förmliche Kriegserklärung. Er befahl dem General Tilly, sich unverzüglich mit seinem Heere in Marsch zu setzen und den Kurfürsten von Sachen mit aller nur erdenklichen Wut zu überfallen.

Hier begann die Flamme auszubrechen, denn auf das Manifest des Kaisers sandten die Protestanten Abgeordnete an den König von Schweden und ließen ihn um seinen Beistand anflehen.

Der König hatte bereits Mecklenburg und einen Teil von Pommern erobert, nun rückte er mit seinen siegreichen Truppen, welche er noch durch einige in diesen Gegenden angeworbene Regimenter verstärkt hatte, weiter vor, um sie in den Krieg gegen den Kaiser zu führen.

Sein Plan war, an der Oder hinauf nach Schlesien zu gehen und so den Kriegsschauplatz in den kaiserlichen Erblanden Österreich und Böhmen aufzuschlagen, als die ersten Abgesandten der Protestanten zu ihm kamen. Dies änderte seine Pläne, er beschloß den Wunsch der Protestanten zu erfüllen und rückte bis an die brandenburgische Grenze vor.

Aber hier fing der Kurfürst von Brandenburg an ihn aufzuhalten und ihm Schwierigkeiten in den Weg zu legen, da er ihm den Durchmarsch durch seine Länder nur unter Bedingungen gestatten wollte. Der König, um zu seinem Zwecke zu gelangen, wurde dadurch genötigt, auf das Äußerste gegen ihn zu verfahren. Doch konnte es nicht fehlen, daß dieses Verhalten des Kurfürsten von Brandenburg die Schweden in ihrem Vorrücken aufhalten mußte, die außerdem gewiß schon an den Ufern der Elbe gewesen wären, als der General Tilly in Sachsen einfiel. Wäre dies geschehen, so wäre dadurch auch, wie ich schon vorher bemerkt habe, die beklagenswerte Zerstörung von Magdeburg verhindert worden.

Der König war also eingeladen worden der Union der Protestanten beizutreten, er nahm den Vorschlag an, als er eben das erstemal von der Oder zurückging, und rüstete sich, diese Union mit seiner ganzen Macht zu unterstützen.

Der Kurfürst von Sachsen hatte bereits eine sehr gute Armee mit großer Sorgfalt rekrutiert und musterte sie unter den Kanonen von Leipzig. Der König von Schweden war durch seinen Gesandten in Leipzig der Union der Protestanten beigetreten und eilte ihnen siegreich zur Hilfe, als gerade der Graf Tilly in die Länder des Herzogs von Sachsen eingefallen war.

Der Ruf von den schwedischen Eroberungen und von dem königlichen Helden, der sie kommandierte, brachte meinen Entschluß, in die Türkei zu reisen, ins Wanken; ich beschloß, mir die vereinigten protestantischen Armeen anzusehen, und ehe das Feuer weiter ausbräche, den Vorteil zu benutzen, beide Parteien in Augenschein zu nehmen.

Während ich mich noch in Wien in der Ungewißheit aufhielt, welchen Weg ich einschlagen wollte, erinnere ich mich bemerkt zu haben, daß man vom König von Schweden als von einem Fürsten sprach, der gar nicht in Betracht käme, den man gehen und sich selbst in Mecklenburg entkräften lassen müßte, bis man eine gelegene Zeit finden würde, sich mit ihm einzulassen und ihn nach Gefallen ganz und gar aufzureiben. Doch wie es niemals klug gehandelt ist, einen Feind zu verachten, so war dies wenigstens kein Feind, den man verachten durfte, wie sie bald selbst aus Erfahrung lernen mußten.

Der Leipziger Vertrag verursachte zwar anfänglich dem kaiserlichen Hofe eine gewisse Trauer, als sie aber hörten, daß die kaiserlichen Truppen schon verschiedene Fürsten von der Union zurückgeschreckt hätten, und daß die einzelnen Glieder der Union eben keine beträchtliche Armee auf den Beinen hätten, so war es ein landläufiges Gerede in Wien, daß die Union von Leipzig dem Kaiser eben erst die beste Gelegenheit gäbe, die Kurfürsten von Sachsen und Brandenburg und den Landgrafen von Hessen ganz und gar zu unterdrücken, und das sahen sie schon als eine völlig abgemachte Sache an.

Ich sah aber wirklich niemals einen größeren Kummer in den Mienen der Wiener Herren, als damals, als die Nachricht an den Hof kam, der König von Schweden sei der Leipziger Union beigetreten. In demselben Maße ab, wie ihnen diese Nachricht wirklich sehr großen Kummer verursachte, fingen sie auch an sich der nachdrücklichsten Mittel zu bedienen, die möglich waren, um diesen Sturm abzuwenden, und der Graf Tilly mußte sogleich in größter Eile aufbrechen, um in Sachsen einzufallen, ehe die Union durch neue Mitglieder noch mächtiger würde.

Dieser Entschluß war wirklich sehr klug, und niemals wären dergleichen Maßregeln besser ausgeführt worden, wären ihnen nicht die tätigen Sachsen an Geschwindigkeit darin zuvorgekommen.

Bald sollte nun dieser Sturm losbrechen, der anfänglich nur als ein trübes Wölkchen erschien, sich aber bald über das ganze Reich auszubreiten begann, und von dem kleinen Herzogtum Mecklenburg aus ganz Deutschland zu bedrohen schien. Dies brachte mich zu dem festen Entschluß, den Gedanken nach Ungarn zu gehen fahren zu lassen und dafür weiter nach Deutschland vorzudringen, um womöglich die Armee des Königs von Schweden zu sehen.

Ich reiste Mitte Mai von Wien ab, nahm Post nach Großglogau in Schlesien, um von da, meinem Plane zufolge nach Polen zu gehen, änderte aber meinen Entschluß, um an der Oder entlang nach Küstrin ins Kurfürstentum Brandenburg und von da nach Berlin zu gehen; als ich aber an die Grenze von Schlesien kam, konnte ich trotz meiner Pässe nicht weiter, so streng waren die Wachen an den Grenzen. Ich sah mich also genötigt wieder nach Böhmen zurückzukehren und kam nach Prag.

Ich fand, daß ich von hier aus sehr leicht durch die kaiserlichen Provinzen nach Niedersachsen kommen könnte, nahm in dieser Absicht Pässe nach Hamburg, beschloß aber nur im Notfall davon Gebrauch zu machen. Mit Hilfe dieser Pässe kam ich am 2. Mai 1631 unter die Kaiserlichen, die damals unter dem Kommando des Grafen Tilly Magdeburg belagerten.

Ich gestehe es, ich sah das traurige Schicksal dieser Stadt nicht voraus, auch glaubte ich nicht, daß der General Tilly selbst erwartete, seine Wut mit einer so schrecklichen Verwüstung Genüge zu tun, und noch viel weniger befürchteten es die Einwohner. Ich dachte, die Stadt würde kapitulieren und ich hörte oft in der Armee davon sprechen, daß der Graf Tilly ihnen gerade nicht die schlechtesten Bedingungen vorschreiben würde. Allein die Sache fiel leider ganz anders aus.

Die Unterhandlungen wegen der Übergabe der Stadt hatten bereits ihren Anfang genommen, ja einige sagten, sie wären schon abgeschlossen gewesen, als einige von den kaiserlichen Vorposten bemerkten, daß die Bürger die Außenwerke vernachlässigten und schlechter als gewöhnlich besetzten; die Kaiserlichen brachen sogleich ein und bemächtigten sich mit dem Degen in der Hand bei geringem Widerstande eines Halbmondes.

Obwohl man auf beiden Seiten höchst erstaunt war, da weder die Einwohner der Stadt etwas Schlimmes befürchteten, noch der Feind diese Gelegenheit, einen Einfall zu tun, erwartet hatte, so flog doch die Besatzung mit einer Entschlossenheit und einem Mut, wie man bei einem so Schrecken kaum erwarten sollte, auf die Wälle und schlug die Kaiserlichen zweimal zurück.

Da aber an deren Stelle immer wieder frische Mannschaften anrückten und der Statthalter von Magdeburg selbst verwundet und gefangengenommen wurde, so brach der Feind aufs neue ein, bemächtigte sich der Stadt mit Sturm und überließ sich einer so zügellosen Wut, daß er ohne Rücksicht auf Alter oder Stand die ganze Garnison und die Einwohner, Männer, Weiber und Kinder über die Klinge springen ließ, die Stadt plünderte, und als das geschehen war, sie über und über in Brand zu stecken befahl.

Dieser Anblick war zweifellos das Schrecklichste, was ich je gesehen habe. Die Wut der kaiserlichen Soldaten war nicht zu beschreiben, denn sie überschritt alle Grenzen. Von 20 000, andere sagen 30 000 Menschen war keine lebendige Seele mehr zu sehen, bis die überhandnehmenden Flammen noch diejenigen aus ihren Schlupfwinkeln heraustrieben, welche sich in unterirdischen Gewölben und heimlichen Gemächern verborgen hatten, die nun aber lieber ihren Tod auf der Straße finden als in den Flammen umkommen wollten.

Sogar von diesen bewundernswürdigen Geschöpfen wurden viele von den wütenden Barbaren niedergehauen, und erst zuletzt wurde denjenigen, die aus ihren Kellern und Höhlen hervorkamen, das Leben geschenkt, so daß etwa 2000 solcher armen Kreaturen übrig blieben, das heißt dem Mangel und der Verzweiflung überlassen wurden.

Die genaue Zahl der Umgekommenen hat man nie mit Sicherheit erfahren können, weil diejenigen, welche von den kaiserlichen Truppen erst niedergemacht worden waren, nachher von den Flammen verzehrt wurden.

Ich befand mich gerade auf dem andern Ufer der Elbe, als dieses grausame Gemetzel vor sich ging. Der Stadt Magdeburg gerade gegenüber stand ein Blockhaus oder Fort, welches man das Zollhaus nannte und das mit Magdeburg durch eine ziemlich gute Schiffbrücke verbunden war. Diese Befestigung hatten die Kaiserlichen einige Tage vorher eingenommen. Weil ich willens war sie zu besichtigen, und besonders, weil man von da aus eine sehr gute Aussicht über die ganze Stadt hatte, so ging ich über des Generals Tillys Schiffsbrücke in dieses Festungswerk. Ungefähr um 10 Uhr morgens hörte ich ein gewaltiges Feuern und erfuhr, daß man während der Kanonade Sturm lief, und sogleich rannte alles auf die Werke. Ich dachte an nichts weniger als an die Eroberung der Stadt sondern glaubte vielmehr, man mache auf ein Außenwerk einen Angriff. Denn wir alle erwarteten, daß man die Stadt noch diesen Tag, wenigstens am folgenden auf ziemlich leidliche Bedingungen übergeben werde.

Als ich eben auf den Festungswerken des Forts umherging, erhob sich in der Stadt mit einem Male das erbärmlichste Geschrei und Geheul, das man sich nur vorstellen kann, und es ist schlechterdings unmöglich einen Begriff davon zu geben. Ich konnte sehr deutlich Weiber und Kinder in dem jämmerlichsten Aufzuge auf den Straßen hin- und herrennen sehen. Die Stadtmauer hatte längs der Seite, wo der Fluß war, keine so große Höhe, so daß ich deutlich den Markt und alle Straßen übersehen konnte, die auf den Fluß hinabgingen. Ungefähr eine Stunde später, als sich das erste Geschrei erhob, war alles in der größten Verwirrung. Es wurde wenig geschossen, und die ganze Exekution bestand in nichts anderem als daß man Kehlen abschnitt und alles, was man in den Häusern antraf, ermordete.

Die tapfere Garnison verteidigte sich zwar unter der Anführung ihres braven Barons Falkenberg so lange als nur möglich, wurde aber zuletzt gänzlich niedergehauen. Nun brachen die kaiserlichen Truppen die Tore auf, stürzten sich von allen Seiten hinein in die Stadt, und das Gemetzel war gräßlich. Wir konnten deutlich das Volk haufenweise die Straße herunterstürzen sehen, um der Wut der Feinde zu entgehen, die ihnen nachsetzten und alles niederstießen, was sie erreichen konnten, die übrigen aber bis an den Fluß hinabtrieben, wo sich die Unglücklichen in Verzweiflung einander selbst in den Fluß stießen, so daß viele tausende, besonders Weiber und Kinder, darin ihr Grab fanden.

Verschiedene Männer, welche schwimmen konnten, kamen auf unsere Seite herüber, wo die Soldaten, die nicht beim Gefecht gewesen, und also nicht so sehr aufgebracht waren, ihnen Pardon gaben und sie aufnahmen. Bei dieser Gelegenheit muß ich zur Ehre der deutschen Offiziere im Fort ihrer Menschlichkeit Erwähnung tun. Sie hatten fünf kleine flache Boote, gaben ihren Soldaten die Erlaubnis, sich ihrer zu bedienen, um zu retten, wen sie retten könnten und befahlen ihnen, keinen einzigen Mann zu töten, sondern sie nur zu Gefangenen zu machen.

Doch ihre Menschlichkeit wurde ihnen auch nicht übel gelohnt. Denn die Soldaten vermieden absichtlich die Plätze, wo ihre Kameraden mit Niedermetzeln beschäftigt waren und ruderten vielmehr dahin, wo das Volk in großen Haufen stand und um Hilfe schrie, da es jede Minute erwartete, entweder ersäuft oder ermordet zu werden. Von diesen setzten sie zu verschiedenen Zeiten an 600 Personen über, sahen aber sehr sorgfältig darauf, keinen in die Boote zu nehmen, der ihnen nicht eine gute Bezahlung bot. Niemals müssen Gold, Silber und Juwelen größere Dienste geleistet haben als hier, denn wer etwas anzubieten hatte, dem war schon so gut wie geholfen.

Dies glückte unter anderm einem Bürger der Stadt, der eins von den Booten den Strom heraufkommen sah. Es war noch zu weit von ihm entfernt, um es durch Rufen erreichen zu können, er nahm also ein Sprachrohr und rief den Soldaten zu, daß er ihnen 20 000 Taler geben wollte, wenn sie ihn übersetzen würden. Sogleich ruderten sie dicht an das Ufer hin, wo er stand, und nahmen ihn nebst seinem Weibe und sechs Kindern ins Boot. Es sprangen aber aus dem Gedränge des Volkes so viele hinein, daß das Boot wahrscheinlich gesunken sein würde, und die Soldaten genötigt waren, eine große Anzahl mit Gewalt wieder hinauszustoßen. Währenddessen stürzten einige Feinde die Straße herunter und trieben alle diejenigen, die noch am Ufer standen, wütend in den Strom.

Den Bürger aber nebst seinem Weibe und seinen Kindern setzten sie glücklich im Boote über, und trotzdem er die Summe nicht bar bei sich führte, so gab er doch jedem Soldaten an Geld und Juwelen so viel, daß sie alle dadurch ein ansehnliches Vermögen erwarben.

Ich bin nicht imstande, alle die Grausamkeiten zu schildern, die an diesem Tage verübt wurden. Nachmittags um 5 Uhr stand die ganze Stadt in Flammen und die Reichtümer, die dabei durch Feuer verwüstet wurden, waren unschätzbar und für den Eroberer selbst ein sehr großem Verlust. Wenn ich nicht irre, so blieben außer der Hauptkirche und ungefähr 100 Häusern wenig oder gar nichts übrig.

Dies war für mich ein sehr trauriges Willkommen und brachte mir Grausen und Abscheu vor dem Heere des Kaisers sowohl wie vor dem ganzen Kriege bei.

Den dritten Tag nach diesem Morden verließ ich das Lager, als das Feuer in der Stadt noch kaum gelöscht war, und da ich ein sicheres Geleit von hier nach der Pfalz erhielt, wandte ich mich von der Landstraße ab nach Emmerfeld, einem kleinen Dorfe an der Elbe, aber auf Wegen, von denen ich keine Nachricht geben kann, da ich einen Bauern zum Wegweiser hatte, von dem ich kein Wort verstehen konnte. Endlich kam ich am 17. Mai in Leipzig an.

Wir trafen den Kurfürsten in voller Tätigkeit an, um seine Armee zu verstärken, das Volk selbst aber war in der größten Furcht, die man sich nur vorstellen kann. Man erwartete jeden Tag den General Tilly, der durch seine Grausamkeit, die er bei der Eroberung von Magdeburg bewiesen hatte, den Protestanten so schrecklich geworden war, daß man, wo er hin kam, nichts weniger als Gnade erwartete.

Die Macht des Kaisers war allen Protestanten so furchtbar geworden, seitdem sie besonders der Reichstag von Regensburg in eine weit schlimmere Lage versetzt hatte, als sie sich zuvor befunden hatten, daß sie nicht nur den Leipziger Beschlüssen beitraten, welche jedermann mehr für einen Schritt der Verzweiflung als für irgendein wahrscheinliches Mittel zu ihrer Errettung ansah, sondern daß sie auch insgeheim die Protektion auswärtiger Mächte, besonders des Königs von Schweden suchten, der ihnen auch bereits einen schleunigen und nachdrücklichen Beistand versprochen hatte.

Und ihr Glück war es, daß sich ihrer der König mit so vielem Nachdruck annahm, denn sonst hätten aller Wahrscheinlichkeit nach ihre Leipziger Beschlüsse zu weiter nichts gedient als ihren Untergang zu beschleunigen. Ich erinnere mich noch sehr deutlich, mit welcher Verachtung man bei meinem Aufenthalte unter der kaiserlichen Armee von den protestantischen Truppen sprach. Nicht nur die Kaiserlichen, sondern selbst die Protestanten betrachteten sie als so gut wie verloren. Der Kaiser hatte nicht weniger als 200 000 Soldaten in verschiedenen Armeen auf den Beinen, von welchen der größte Teil den Protestanten allenthalben auf dem Nacken saß.

Hierzu kam noch, daß der General Tilly an irgendeine Stadt oder an einen Fürsten, die an der Union teilgenommen hatten, nur ein drohendes Schreiben ergehen lassen brauchte, und sogleich unterwarfen sie sich, fielen von dem Leipziger Vertrage ab und nahmen kaiserliche Besatzung ein, wie zum Beispiel die Städte Ulm und Memmingen, das Herzogtum Württemberg und noch verschiedene andere. Nur der Herzog von Sachsen und der Landgraf von Hessen waren die einzigen, die den sinkenden Mut der Protestanten noch aufrecht erhielten, alle Friedensbedingungen ausschlugen und die Drohungen des kaiserlichen Generals verachteten. Den Kurfürsten von Brandenburg trieb nachher die Notwendigkeiten, gemeinschaftliche Sache mit ihnen zu machen.

Der Kurfürst von Sachsen musterte also seine Truppen unter den Wällen von Leipzig, und da ich schon vor zwei Tagen in dieser Stadt angekommen war, sah ich sie selbst die Revue passieren. Der Kurfürst, der auf einem schönen Pferde saß, ritt in Begleitung seines Feldmarschalls Arnheim durch die Glieder und schien sehr zufrieden mit ihnen zu sein, und in der Tat gewährten sie auch einen sehr schönen Anblick. Ich aber, der ich Tillys Armee und dessen alte abgehärtete Leute gesehen hatte, deren Kriegszucht und Manöver bis zu einer Art Vollkommenheit gebracht und deren Mut schon so oft erprobt worden war, konnte die sächsische Armee nicht ohne Betrübnis ansehen, wenn ich bedachte, mit wem sie es zu tun haben würde.

Tillys Soldaten waren finstere trotzige Kerle, ihr Gesicht war mit den Ehrenzeichen kühnen Mutes, mit Wunden und Narben bedeckt, und auf ihren Rüstungen konnte man noch deutlich die abgeprallten Musketenkugeln und den Rost von den Winterstürmen sehen. Ich bemerkte, daß ihre Kleider stets sehr schmutzig. ihre Waffen aber glänzend und poliert waren. Sie waren gewöhnt, unter freiem Himmel zu kampieren und bei Frost und Regen zu schlafen. Ihre Pferde waren so mutig und hart wie sie selber und vortrefflich zu allen Bewegungen abgerichtet. Die Soldaten wußten so genau, was sie zu tun hatten, so daß allgemeine Befehle genügten. Jeder Gemeine war imstande, das Kommando übernehmen zu können, und ihre Schwenkungen, Märsche, Kontermärsche und übrigen Manöver verrichteten sie so pünktlich und mit einer solchen Geschwindigkeit, daß ausdrückliche Kommandoworte selten unter ihnen gehört wurden. Ihre öfteren Siege hatten sie ziemlich stolz gemacht, und sie wußten kaum, was fliehen heißt.

Es waren schon einige Botschaften zwischen dem Grafen Tilly und dem Kurfürsten von Sachsen hin- und hergegangene der Kurfürst aber ließ jenem stets nur zweideutige Worte geben, wodurch er selbst Zeit zu gewinnen und Tilly aufzuhalten glaubte. Tilly aber wollte sich nicht mit bloßen Worten abspeisen lassen, rückte mit seiner Armee näher gegen Sachsen vor, übersandte dem Kurfürsten vier Vorschläge zur Unterzeichnung und verlangte unverzüglich eine bündige Antwort darauf.

Erstens sollte der Kurfürst seine Truppen dahin bringen, daß sie in kaiserliche Dienste träten und er selbst sollte in eigener Person gegen den König von Schweden zu Felde ziehen.

Zweitens sollte er der kaiserlichen Armeen Quartier in seinem Lande geben und sie mit dem notwendigen Proviant versorgen.

Drittens sollte er aus der Leipziger Union austreten und den zehn Artikeln entsagen.

Viertens sollte er die Güter und Länder der Kirche restituieren.

Der Kurfürst, den der Trompeter des Generals Tilly sehr heftig wegen einer unverzüglichen Antwort drängte, saß die ganze Nacht und einen Teil des nächsten Tages mit seinen geheimen Räten, um zu überlegen, was man nun für eine Antwort zu geben habe. Endlich beschloß er ihn mit kurzen Worten sagen zu lassen: der Kurfürst wäre bereit, für die Verteidigung der protestantischen Religion und der Leipziger Verträge zu leben und zu sterben und dem General Tilly die Spitze zu bieten.

Der Würfel war also gefallen. Der Kurfürst brach sogleich mit seiner ganzen Armee auf, um nach Torgau zu marschieren, denn er befürchtete, Tilly möchte vor ihm dort ankommen, um ihn an der Vereinigung mit dem König von Schweden zu hindern. Noch hatte der Kurfürst keine bindenden Verhandlungen mit Gustav Adolf abgeschlossen, und da der Kurfürst von Brandenburg schon einige Bedenken geäußert hatte, sich mit den Schweden zu vereinigen, so zögerten sie jetzt beide unter allerhand nichtigen Einwendungen so lange, bis sie dadurch beinahe selbst ihren eigenen Untergang befördert hätten.

Der Kurfürst von Brandenburg hatte dem König durch einen früheren Vertrag die Festung Spandau eingeräumt, um ihm dadurch im Notfall den Rückzug für seine Armee zu sichern, und der König war schon bis Frankfurt a. O. vorgerückt, als plötzlich wieder einige kleine Schwierigkeiten entstanden, der Kurfürst von Brandenburg der Sache abgeneigt zu sein schien und mit einer Art Gemütsruhe an Gustav Adolf die Forderung stellte, ihm die Festung Spandau wieder abzutreten.

Gustav Adolf, der sogleich auf den Gedanken kam, daß der Kurfürst mit dem Kaiser Frieden geschlossen und nun entweder als Feind gegen ihn auftreten oder eine völlige Neutralität beobachten wollte, gab ihm sein Spandau großmütig wieder zurück, kehrte aber unverzüglich um und belagerte ihn mit der ganzen Armee in seiner Hauptstadt Berlin. Nun sah der Kurfürst seinen Fehler ein und durch weibliche Vermittlung, vielleicht weil die Königin von Schweden die Schwester des Kurfürsten war, wurde die Sache wieder beigelegt und der Kurfürst von Brandenburg vereinigte nun seine Truppen mit den Schweden.

Der Kurfürst von Sachsen aber hätte sich durch sein Zögern beinahe seinen eigenen Untergang zugezogen, denn die Kaiserlichen waren unter der Anführung des Grafen von Fürstenberg in seine Lande eingefallen, hatten sie von Halle aus in Besitz genommen, und Graf Tilly war schon auf dem Marsche zu ihm zu stoßen, welches kurz darauf geschah, verheerte das ganze Land und fing an Leipzig zu belagern. Der Kurfürst, der nun aufs Äußerste getrieben war, warf sich den Schweden lieber ohne Bedingungen in die Arme, als daß er erst vorher mit ihnen verhandelte, und so vereinigte sich die sächsische Armee am 2. September mit der schwedischen.

Ich war nur nach Leipzig gekommen, um die Armee des Kurfürsten von Sachsen zu sehen; da nun diese, wie ich bereits erwähnt habe, nach Torgau marschiert war, so hatte ich auch hier nichts mehr zu suchen, auch war die Annäherung des Grafen Tilly und der kaiserlichen Armee Ursache genug, mich schnell von hier wegzubegeben, denn ich hatte keine Lust, mich mit belagern zu lassen. Auf diese Art verließ ich am 27. August die Stadt, wie schon verschiedene der vornehmsten Einwohner vor mir getan hatten, und wie noch mehr getan haben würden, hätte nicht der Gouverneur einen öffentlichen Befehl dagegen ergehen lassen. Außerdem wußten sie wirklich nicht, wohin sie fliehen sollten, denn alle Plätze waren auf die gleiche Weise der Gefahr ausgesetzt, und das arme Volk befand sich in einer schrecklichen Furcht vor einer Belagerung und vor der Wut und den Grausamkeiten der Kaiserlichen, da das Beispiel von Magdeburg ihnen noch in frischem Andenken war. Der Kurfürst war mir seiner Armee nach Torgau marschiert und hatte die Stadt zwar gut verproviantiert, aber nur mittelmäßig befestigt zurückgelassen.

In dieser Lage verließ ich sie, wie sie noch einen großen Vorrat von Proviant aufkauften, sehr eifrig waren, den Stadtgraben auszuräumen, die nötigen Palissaden aufzusetzen, die Befestigungswerke auszubessern, kurz, alles zu einer förmlichen Belagerung vorzubereiten. Ich folgte der sächsischen Armee nach Torgau und blieb in dem Lager bis sie sich mit der Armee des Königs von Schweden vereinigte. Ich hatte nun alle Mühe, meinen Begleiter, den Hauptmann Fielding, davon abzubringen, daß er nicht bei der kurfürstlich sächsischen Armee Dienste nahm. Ein sächsischer Oberst, mit dem wir ziemlich gut bekannt geworden waren, erbot sich ihm den Platz eines Fahnenjunkers bei einem alten Kavallerieregiment zu verschaffen. Aber der Unterschied, den ich zwischen dieser neuen Armee und Tillys alten Truppen bemerkt hatte, hatte einen so tiefen Eindruck gemacht, daß ich nicht die geringste Neigung in mir verspürte in sächsische Dienste zu treten, und deswegen überredete ich auch meinen Begleiter, vorderhand noch einige Zeit davon abzustehen, bis wir ein wenig klarer in dieser Angelegenheit sehen könnten und besonders bis wir die schwedische Armee gesehen hätten, von welcher uns bereits soviel zu ihrem Vorteil erzählt worden war.

Die Schwierigkeiten, welche der Kurfürst von Sachsen zu machen schien, sich mit dem König von Schweden zu vereinigen, wurde durch eine Unterhandlung mit Sr. schwedischen Majestät am 2. September in Coswig, einer kleinen Stadt an der Elbe, wo Gustav die Nacht vorher angekommen war, glücklich beigelegt. Denn der General Tilly war schon in das Land des Kurfürsten eingebrochen, hatte den ganzen unteren Teil desselben bereits geplündert und verwüstet und fing nun an, die Hauptstadt Leipzig zu belagern.

Die dringende Not machte also jetzt dem Kurfürsten von Sachsen jede Bedingung annehmbar. Die größte Schwierigkeit fand er darin, daß sich der König von Schweden das unumschränkte Kommando auch über die sächsische Armee vorbehielt, eine Bedingung, auf welche der Kurfürst weniger gern einging, als er Ursache dazu gehabt hätte, wenn wir die Erfahrung und die Klugheit des Königs in Betracht ziehen.

Ich hatte nicht soviel Geduld, das Ende ihrer besonderen Unterhandlungen abzuwarten, sondern verließ, sobald der Weg frei war, das sächsische Lager, um die schwedische Armee zu Gesicht zu bekommen.

Zuerst traf ich in Belzig, einer kleinen Stadt am Flusse Werra, die schwedischen Vorposten an, als sie gerade abgelöst wurden und nun wieder zurückgingen. Da ich einen Paß vom englischen Gesandten bei mir hatte, so wurde ich mit großer Achtung vom Offizier, der die Posten ablöste, aufgenommen und ging mit ihm in das Lager. Frühmorgens um neun Uhr war die ganze Armee in vollem Marsch, der König ritt in eigener Person auf einem Fliegenschimmel an der Spitze des Heeres von einer Brigade zur andern und kommandierte den Abmarsch von jeder Linie selbst.

Als ich die schwedischen Truppen zu Gesicht bekam, fand ich ihre Kriegszucht und ihre Ordnung von der größten Vollkommenheit, das bescheidene und vertrauliche Wesen der Offiziere sowohl wie das gesittete Betragen der Gemeinen machte, daß ihr Lager einer gut eingerichteten Stadt ähnlich schien, und die geringste Bauersfrau war mit ihren Waren, die sie hier zu Markt brachte, vor jeder Gewalttat so sicher, als sie es nur immer in den Straßen von Wien sein konnte. Hier gab es keine Regimenter von liederlichen Weibspersonen in zerrissenen Kleidern, wie man sie bei der kaiserlichen Armee antraf, noch viel weniger wurden Frauenzimmer im Lager geduldet außer einigen, die wirklich Soldatenweiber und welche unentbehrlich waren, um für die Wäsche und übrigen Kleidungsstücke der Soldaten die nötige Sorge zu tragen, auch ihnen ihr Essen zu bereiten.

Die Soldaten selbst waren zwar nicht stutzerhaft, aber sehr gut gekleidet und mit vortrefflichen Waffen versehen, auf die sie außerordentlich viel zu halten schienen, und obgleich sie kein so fürchterlicher Anblick waren wie Tillys Soldaten, als ich sie zum ersten Male sah, so gab ihnen doch ihre ganze Haltung zusammen mit dem, was wir schon von ihnen gehört hatten, das Aussehen von Siegern und der Unüberwindlichkeit.

Die Kriegszucht und die Ordnung bei ihren Märschen, ihr Lager und ihre Manöver waren vortrefflich und einzig in ihrer Art, hierzu kam noch, was man in keiner Armee, außer der königlich schwedischen, antraf, daß des Königs eigene Erfahrung, Einsicht und sein Beobachtungsgeist in der damals gebräuchlichen Art die Armee zu führen viele vortreffliche Verbesserungen gemacht hatte.

Da ich die Schweden gerade auf dem Marsche antraf, so hatte ich keine Gelegenheit, mit irgendeinem unter ihnen eine Bekanntschaft anzuknüpfen, bis sie sich mit der sächsischen Armee vereinigt hatten, und da von dieser Zeit bis zur berühmten Schlacht bei Leipzig nur vier Tage dazwischen waren, so war auch da noch unser Bekanntenkreis sehr klein, nur die, mit denen wir zufälligerweise durch eine Unterhaltung bekannt wurden. Ich traf verschiedene Edelleute in der Armee an, die sehr gut englisch sprachen, und außer diesen gab es noch drei Regimenter Schotten darunter, deren Oberste Lord Rea, Sir Lumsdell und Sir John Hepburn beim Könige in besonders großer Gnade standen. Als ich mit dem letzteren durch einen Zufall bekannt wurde, fand ich, daß er schon vor vielen Jahren einer der vertrautesten Freunde meines Vaters gewesen war, und in Anbetracht dieses Umstandes zeigte er sich sehr zuvorkommend gegen mich, und bald darauf traten wir in eine Art vertrauter Freundschaft. Er war in der Tat ein vollkommener Soldat und eben deswegen außerordentlich bei diesem tapferen Könige beliebt, der immer die Verdienste zu belohnen wußte.

Nun war es allerdings eine Unmöglichkeit für mich, meinen mutigen Reisegefährten länger abzuhalten, in schwedische Dienste zu treten, und alles war auch so einladend, daß ich ihn deshalb keineswegs tadeln konnte. Ein Hauptmann aus Sir Hepburns Regiment war sehr gut mit ihm bekannt geworden, und da Fielding ebensoviel Kriegerisches in seinem Gesicht als Tapferkeit in seinem Herzen hatte, so hatte der Hauptmann ihn bald überredet, Dienste zu nehmen, und hatte ihm versprochen, sein ganzes Ansehen zu gebrauchen, ihm eine Kompagnie bei der schottischen Brigade zu verschaffen. Fielding hatte mir das Versprechen geben müssen, mich auf meinen Reisen ohne meine Einwilligung nicht zu verlassen: dies war noch das einzige Hindernis, das sich seinen Wünschen, in schwedische Dienste zu gehen, entgegensetzte. Eines Abends gingen wir zusammen in das Zelt des Hauptmanns, wo wir ganz ohne Zurückhaltung miteinander sprachen. Auf einmal fragte der Hauptmann meinen Begleiter sehr kurz aber freundlich, indem er mich mit einer etwas ernsten Miene ansah: Ist das der Herr, Sir Fielding, der dem König von Schweden soviel Eintrag getan hat?

Ich wurde dadurch in eine doppelte Unruhe versetzt, sowohl durch den Ausdruck, den der Hauptmann brauchte, als durch den Obersten Sir John Hepburn, der in demselben Augenblicke ins Zimmer trat. Der Oberst hörte noch etwas von der Frage, wußte aber ebensowenig wie ich, was sie eigentlich bedeuten sollte, sah mich jedoch in einiger Verlegenheit hierüber und wollte jetzt, nachdem die gewöhnlichen Begrüßungen von beiden Seiten gewechselt waren, durchaus wissen, was ich getan hätte, um dem Dienste Sr. Majestät hinderlich zu sein.

Oh, wahrhaftig soviel, Sir, antwortete der Hauptmann, daß ihm Se. Majestät der König gewiß sehr wenig verbunden sein würde, wenn er es wüßte.

Ich bin außer mir, Sir, sagte ich, wenn ich, der ich nur ein Fremder bin, an irgendeiner Sache beteiligt sein sollte, aber wenn Sie die Güte haben wollen, mir meinen Fehler zu sagen, so werde ich mich aus allen Kräften bemühen, in meinem Betragen alles das zu ändern, was irgend jemandem, besonders dem Dienste Sr. Majestät nachteilig sein könnte.

Topp, Sir, sagte der Hauptmann, ich werde Sie beim Wort nehmen. Der König von Schweden hat ein besonderes Gesuch an Sie.

Sie würden mich sehr verbinden, Sir, erwiderte ich, wenn Sie mir zwei Dinge erklären wollten: Erstlich, wie es möglich sein kann, da ich in der ganzen Armee fast noch keinem Menschen, geschweige denn Sr. Majestät bekannt bin, zweitens, worin das sogenannte Gesuch bestehen kann.

Nun, Sir, sagte er, Se. Majestät verlangen, daß Sie Ihren Freund nicht abhalten, bei uns in Dienste zu treten, da er es doch so sehr zu wünschen scheint, daß er nur noch Ihrer Einwilligung bedarf.

Ich hege eine viel zu tiefe Ehrfurcht vor dem König, antwortete ich, als daß ich in irgendeinem Stücke mich unterstehen sollte seinen Befehlen entgegen zu sein, indes kommt es mir ein wenig unfreundlich vor, daß Sie das zu einem Befehl des Königs machen, wovon Se. Majestät höchstwahrscheinlich nicht ein Wort wissen.

Hier brach Sir John Hepburn die Sache etwas ernsthaft ab und trank dem Hauptmann plötzlich ein Glas Leipziger Bier zu.

Sehen Sie, Hauptmann, sagte er, Sie werden doch den Herren nichts erpressen wollen. Der König verlangt von keinem Menschen Dienste, die nicht völlig freiwillig sind.

Die Unterhaltung wurde dann auf andere Dinge gelenkt, und als der Oberst aus meinen Erzählungen hörte, daß ich Tillys Armee gesehen hätte, wurde er sehr neugierig, tat Fragen über Fragen und schien recht zufrieden mit den Antworten, die ich ihm geben konnte.

Am Tage darauf ging die Armee bei Wittenberg über die Elbe und vereinigte sich darauf bei Torgau mit der sächsischen Armee. Der König stellte hier beide Heere in Schlachtordnung und gab jeder Brigade den Posten in dem Vorder- oder Hintertreffen, den sie nach seinem Plane in der Schlacht haben sollten. Ich muß dem Andenken dieses glorreichen Heerführers die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß ich niemals eine Armee mit soviel Mannigfaltigkeit und sogleich mit soviel Einfachheit und genauer Regelmäßigkeit in Schlachtordnung gestellt gesehen habe, obgleich ich seit der Zeit noch viele Armeen sah, die von den größten Feldherren des Jahrhunderts angeführt wurden. Die Ordnung, vermöge deren seine Leute so aufgestellt waren, daß sie einander flankieren und sich wechselseitig unterstützen konnten, die Methoden, nach denen ein Korps, das in Unordnung geraten war, in ein anderes einrücken konnte, wie eine Eskadron sich wieder sammelte, ohne daß dadurch eine andere in Verwirrung geriet, und die Art, auf welche die Kavallerie allenthalben von der Infanterie, die Infanterie von der Kavallerie und alle beide von der Artillerie flankiert, gedeckt und unterstützt wurden, alles das war so vortrefflich, daß nichts weiter nötig war, als diese Anordnung pünktlich auszuführen, um es fast unmöglich zu machen, daß ein so aufgestelltes Heer in Unordnung gebracht werden konnte.

Als die Revue vorüber und die Truppen wieder in ihre Lager gerückt waren, begegnete mir der Hauptmann, mit dem ich gestern Leipziger Bier getrunken hatte, und sagte mir, ich müßte mit ihm gehen und den Abend in seinem Zelt bei ihm speisen, damit er mich wegen der Beleidigung, die er mir gestern zugefügt hätte, um Verzeihung bitten könne.

Ich antwortete ihm, daß er das gar nicht zu tun brauche, weil ich nicht im geringsten beleidigt wäre, doch würde ich mir mit Vergnügen die Ehre geben, ihn in seinem Zelte zu besuchen, aber nur unter der Bedingung, daß er mir sein Ehrenwort gäbe, von dem gestrigen Scherz nie wieder als von einer Beleidigung zu sprechen.

Wir waren noch keine Viertelstunde in seinem Zelte, als Sir John Hepburn abermals hereintrat, sich sogleich an mich wendete und sagte: daß er sich sehr freue mich hier zu sehen, er wäre nur gekommen, um sich zu erkundigen, wo ich zu erfragen wäre, und ich müßte ihm die Ehre erweisen, mit ihm zum Könige zu gehen, der aus meinem eigenen Munde die Nachrichten zu hören wünschte, die ich von der kaiserlichen Armee geben könnte. Ich muß gestehen, daß mich dies anfänglich in Verlegenheit setzte, auf welche Art ich mich Sr. Majestät vorstellen sollte, allein da ich soviel von der Herablassung des Königs und von seiner ganz besonderen Freundlichkeit gegen den geringsten gemeinen Soldaten gehört hatte, so verschwand diese Verlegenheit sehr bald, ich sagte dem Obersten Hepburn einige verbindliche Worte, dankte ihm für die Ehre, die er mir bereitet hätte, und erbot mich, sogleich aufzustehen und ihn zu begleiten.

Nein, nein, sagte der Oberst, jetzt noch nicht, erst wollen wir essen, denn ich sehe wohl, daß der Hauptmann was Gutes zum Abendbrot angeschafft hat, und des Königs Befehl lautet erst auf sieben Uhr.

Sir John wurde aufgeräumt und freundlich, er erzählte mir mit großer Freude verschiedene Gelegenheiten, durch welche mein Vater ihm ganz besonders lieb geworden wäre.

Wir setzten uns darauf zu Tisch, tranken wie gewöhnlich auf die Gesundheit des Königs, und der Oberst und ich brachen etwas früher auf, weil wir noch etwas miteinander besprechen wollten. Während wir ins Hauptquartier gingen, fragte er mich ausführlich nach meinen Reiseplänen, nach dem Zwecke meiner Reise und welche Gelegenheit mich zum Heere des Königs gebracht hätte.

Ich erzählte ihm kurz die Geschichte meiner Reise: daß ich von Wien darum hierher gekommen sei, damit ich den König Gustav Adolf und seine Armee zu sehen bekäme. Er fragte mich, ob ich wünschte, er solle sich für mich verwenden, er meinte damit, ob ich bei der Armee eingestellt zu werden wünschte. Ich tat gar nicht, als ob ich ihn verstünde, sondern sagte ihm, die Protektion, welche seine Bekanntschaft mir gewähre, wäre mehr, als ich jemals hätte wünschen können, weil sie mir die bequemste Gelegenheit verschaffte, meine Neugierde zu befriedigen, die eigentlich der Hauptzweck meiner Reise wäre.

Als er merkte, daß ich nicht gesonnen war, Dienste zu nehmen, sagte er mir sehr freundlich, ich sollte in allem und jedem über ihn verfügen, sein Zelt, sein Wagen, seine Pferde, seine Bedienten, alles sollte jederzeit zu meinen Diensten sein, doch aus Freundschaft gäbe er mir den wohlgemeinten Rat, daß ich mich ein wenig von der Armee entfernen sollte, denn die Armee würde morgen aufbrechen, und der König wäre entschlossen, sich mit dem General Tilly zu schlagen, er wünsche nicht, daß ich mich bei dieser Gelegenheit in Gefahr begäbe, und wenn ich seinem Rate folgen wollte, so schlüge er mir vor, unterdessen den Berliner Hof zu besuchen, wohin er mir einen seiner Leute zur Begleitung mitgeben wollte.

Dieser Vorschlag war zu gütig, als daß ich für ihn nicht die zärtlichste Dankbarkeit empfinden mußte, deren ich nur fähig war. Ich sagte ihm, seine Sorgfalt für mich verpflichtete mich ihm derart, daß ich nicht wüßte, wie ich sie ihm erwidern sollte, doch wenn es ihm gefiele, mich nach meiner eigenen Wahl handeln zu lassen, so bäte ich ihn um keinen größeren Vorzug als den, daß ich in der bevorstehenden Schlacht unter seinem Kommando eine Waffe tragen dürfte.

Junger Freund, sagte er, ich könnte es nicht vor Ihrem Vater verantworten, wenn ich dulden würde, daß Sie so weit von ihm entfernt sich solchen Gefahren aussetzten.

Ich antwortete, mein Vater würde ganz sicher den Vorschlag, den er mir gemacht hätte, für einen Beweis seiner Freundschaft und Fürsorge ansehen, indes glaubte ich meinen Vater besser zu kennen: daß ich mir nicht seine Billigung zuziehen würde, wenn ich jenen Vorschlag annähme, ich wäre sicher, mein Vater würde selbst mit Extrapost herbeieilen, um einer solchen Schlacht unter einem solchen Feldherrn beizuwohnen, und ich könnte nicht zugeben, daß ihm jemals die Nachricht gebracht würde, sein Sohn wäre 50 Meilen geritten, um davon fortzukommen.

Der Oberst schien über den Entschluß, den ich mir so fest vorgenommen hatte, ein wenig betroffen, er sagte mir, daß ihm mein Mut zwar gefiele, allein, setzte er hinzu, niemand erwerbe sich ein Ansehen dadurch, daß er sich unnötigerweise in Abenteuer begäbe, und niemand verlöre dadurch sein Ansehen, daß er Gefahren vermiede, zu denen er nicht berufen wäre. Für einen braven Mann, schloß er, ist es genug, daß er sich dann tapfer hält, wenn er zu etwas befohlen ist. Ich habe um dieses leidigen Ehrenpunktes willen oft genug gefochten und habe mir doch niemals etwas anderes dadurch erworben als Verweise aus des Königs eigenem Munde.

Aber trotz alledem, Sir, antwortete ich, muß ein Mann, der sich durch Tapferkeit emporschwingen will, sie doch irgendwo zeigen, und wenn ich einmal eine Befehlshaberstelle in der Armee bekommen sollte, so möchte ich doch erst erprobt werden, ob ich ihrer würdig wäre. Ich habe noch nie irgendeinen Dienst mitgemacht, und ich muß doch zu irgendeiner Zeit dazu Anleitung bekommen, und Sir, ich werde nie einen besseren Lehrmeister finden als Sie, noch eine bessere Schule als die schwedische Armee.

Gut, Sie sollen diesen Unterricht und diese Schule haben, wenn die Schlacht vorüber ist, denn ich kann Ihnen im voraus sagen, daß es heiß hergehen wird. Tilly hat eine starke Armee von alten Burschen, die das Dreinschlagen gewöhnt sind, und es ist meiner Treu ein bißchen zu viel, daß Sie Ihren ersten Versuch im Fechten mit solchen Eisenfressern wagen sollen – Sie können diesen Winter über unsere Kriegszucht mit ansehen und dann im folgenden Sommer den ersten Feldzug mit uns machen, Sie werden alsdann besser in die Sache eingeweiht sein, und ich stehe Ihnen dafür, daß es uns an Gelegenheit zum Fechten nicht fehlen wird. Wir nehmen niemals unsere neuen Leute bei dem ersten Feldzuge in ordentliche Schlachten mit, sondern stecken sie erst in Garnison oder erproben sie auf Streifzügen.

Sir, sagte ich mit ein wenig mehr Freimütigkeit, ich denke nicht, daß ich den Krieg als Handwerk betreiben werde, glaube also auch nicht, daß ich erst die Lehrjahre durchmachen muß. Es muß doch schon ein hitziges Treffen sein, aus dem kein einziger entkommt. Also Sir, komme ich davon, so hoffe ich, daß ich Ihnen keine Schande machen werde, und komme ich nicht davon, so wird es meinem Vater zur Beruhigung gereichen, wenn er hört, daß sein Sohn unter dem Kommando von Sir John Hepburn in der Armee des Königs von Schweden fechtend gefallen ist, und ich verlange keine bessere Inschrift auf meinen Grabstein.

Sie mögen recht haben, sagte Sir John, als wir gerade an dem Quartier des Königs angekommen waren und die Wachen durch ihre Anrufe: Wer da? unser weiteres Gespräch unterbrachen. Wir gingen in den Hof des Hauses, wo der König wohnte, ein unbedeutendes Haus eines Bürgers zu Düben. Sir John ging hinauf, während ich unten wartete, und begegnete gerade dem Könige, der eine kleine Treppe herunterkam und in ein geräumiges Zimmer ging, welches über die Stadtmauer hinweg die Aussicht auf ein freies Feld hatte, auf welchem ein Teil der Artillerie aufgestellt war. Sir John sandte nach wenigen Augenblicken seinen Bedienten, ich sollte hinaufkommen, und führte mich geradenwegs und ohne alle Umstände in das Zimmer des Königs, der im Fenster stand und sich auf die Ellenbogen gestützt hatte.

Das ist der englische Edelmann, von dem ich Eurer Majestät gesagt habe, daß er in dem kaiserlichen Heere gewesen ist.

Wie hat er denn hierher kommen können, fragte der König Sir John, ohne von den Vorposten angehalten zu werden?

Vermittels eines Passes von unserem Gesandten zu Wien, sagte ich und machte eine tiefe Verbeugung.

Sie sind also in Wien gewesen, sagte der König.

Wie Eure Majestät sagen.

Der König legte sogleich einen Brief zusammen, den er in der Hand hatte, und es schien ihm mehr daran gelegen zu sein, etwas von Wien zu hören als von Tilly.

Und was gab es damals Neues in Wien?

Nichts als tägliche Nachrichten – eine nach der andern – von den Unglücksfällen der Kaiserlichen und von den Eroberungen Eurer Majestät, und das alles gab dem Hofe dort einen traurigen Anstrich.

Aber, sagte der König, wie spricht das Volk über diese Angelegenheiten?

Der gemeine Mann, Euer Majestät, ist in einer unbeschreiblichen Angst, und wenn Ihre Majestät nach der Einnahme von Frankfurt a. d. O. nur 20 englische Meilen nach Schlesien vorgerückt wären, so hätte die Hälfte der Einwohner von Wien die Stadt verlassen. Soviel kann ich sagen, daß sie bei meiner Abreise mit der Befestigung der Stadt beschäftigt waren.

Das hatten sie nicht nötig, antwortete der König lächelnd, meine Absicht ist nicht, sie zu belästigen, mein Weg führt mich nur nach den protestantischen Ländern.

In diesem Augenblicke trat der Kurfürst von Sachsen ins Zimmer. Er wollte sich wieder entfernen, als er sah, daß der König beschäftigt war, aber der König winkte ihm mit der Hand und rief ihm auf französisch zu: Lieber Vetter, sagte er, hier ist der Herr, der auf der Reise von Wien kommt.

Und nun mußte ich alles wiederholen, was ich schon vorher gesagt hatte. Der König trat dann näher zu mir hin, und da Sir Hepburn Se. Majestät sagte, daß ich Hochdeutsch spräche, so wechselte er die Sprache und fragte mich auf deutsch, wo ich General Tillys Armee gesehen hätte.

Bei der Belagerung von Magdeburg, sagte ich.

Bei Magdeburg? sagte der König und schüttelte den Kopf, Tilly muß mir noch eines Tages für diese Stadt Rechenschaft geben, und wenn auch nicht mir, doch gewiß einem größeren König als ich bin. Aber können Sie ungefähr sagen, wie stark die Armee war, die Tilly bei sich hatte?

Er hatte zwei Armeen bei sich, war meine Antwort, aber die eine wird, denke ich, Eurer Majestät nicht viel Schaden zufügen.

Zwei Armeen? sagte der König.

Ja, Eure Majestät, er hatte eine Armee von ungefähr 26 000 Männern und eine andere von mehr als 15 000 liederlichen Weibspersonen und ihrem Gefolge.

Ei ei, sagte der König, der sich des Lachens nicht enthalten konnte, diese Weibspersonen tun uns ebensoviel Schaden als die Armee, denn sie fressen das Land auf und verheeren die armen protestantischen Lande mehr als die Männer. – Aber, setzte er hinzu, spricht man im Ernst davon, daß man mit uns kämpfen will?

Ernsthaft genug, zum Unglück aber haben Eure Majestät noch nicht so viele Gefechte erlebt, als Sie nach ihren Reden schon Niederlagen erlitten haben.

Nun, sagte der König, die Mannschaft kenne ich noch nicht, aber dem alten Korporal sieht das Tun so ähnlich wie das Reden, und ich werde sehen, wie sie sich morgen oder übermorgen benehmen werden.

Der König stellte darauf noch verschiedene Fragen an mich wegen der Niederlande, wegen des Prinzen von Oranien und wegen des Hofes und der Angelegenheiten in England, und da Sir John Hepburn Sr. Majestät sagte, daß ich der Sohn eines englischen Edelmannes von seiner Bekanntschaft wäre, so hatte der König die Gnade, ihn zu fragen, welche Maßregeln er meinetwegen für den Tag der Schlacht getroffen habe.

Hierauf wiederholte ihm Sir John das Gespräch, das wir unterwegs miteinander gehabt hatten. Der König schien besonderes Wohlgefallen daran zu finden und fing selbst an mir zuzureden.

Ihr englischen Edelleute, sagte er, seid ein wenig zu voreilig im Kriege, und das ist auch schuld, daß Ihr den Krieg so bald wieder verlasset.

Eure Majestät, antwortete ich, führen den Krieg auf eine so angenehme Art, daß jedermann sich sehnt, unter Ihrer Anführung zu fechten.

Nun so gar angenehm ist die Sache doch nicht, sagte der König, hier steht ein Mann, der Ihnen sagen kann, daß sie bisweilen ziemlich unangenehm ist.

Majestät, antwortete ich, ich kann noch nicht viel reden vom Kriege noch von der Welt, aber wofern ein beständiges Erobern das Angenehme des Krieges ausmacht, so haben Ew. Majestät Soldaten alles, was man sich nur wünschen kann.

Immerhin, antwortete der König, aber alles wohlüberlegt denke ich doch, daß Sie gut daran tun würden, wenn Sie dem guten Rate folgten, den Sir John Ihnen gegeben hat.

Eure Majestät mögen geruhen, mir alles und jedes zu befehlen. Aber wenn Eure Majestät und so viele brave Männer ihr Leben wagen, so ist das meinige in keiner Weise in Betracht zu ziehen, und ich dürfte es meinem Vater bei meiner Rückkehr nach England nicht sagen, daß ich in Eurer Majestät Armee gewesen wäre und dort eine so schlechte Figur gemacht hätte, daß Eure Majestät mir nicht hätten erlauben wollen, unter Eurer Majestät Fahne zu fechten.

Gott bewahre, erwiderte der König, verwehren will ich es Ihnen nicht, aber Sie sind noch zu jung.

Und doch werde ich nie mit größeren Ehren sterben können als in den Diensten Eurer Majestät.

Ich sagte das mit soviel Freimütigkeit, und es gefiel dem König so gut, daß er mich fragte, ob ich lieber unter der Kavallerie oder Infanterie dienen wollte.

Ich würde entzückt sein, erwiderte ich, von Eurer Majestät selbst darin angewiesen zu werden, doch sollte ich aber diese Gnade nicht haben, so wäre mein Wunsch, unter dem Kommando von Sir John Hepburn meine Pike zu tragen, da er mir die Ehre erwiesen hat, mich Eurer Majestät vorzustellen.

Gut denn, versetzte der König, wendete sich an Sir John Hepburn und befahl ihm für mich Sorge zu tragen. Ich war hingerissen von dem gnädigen und herablassenden Benehmen des Königs, machte ihm eine tiefe Verbeugung und trat ab.

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