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Denkwürdigkeiten des Pickwick-Klubs. Zweiter Teil

Charles Dickens: Denkwürdigkeiten des Pickwick-Klubs. Zweiter Teil - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleDenkwürdigkeiten des Pickwick-Klubs. Zweiter Teil
publisherGutenberg-Verlag
addressHamburg
seriesDickens Werke
volume2
editorDr. Paul Th.Hoffmann
translatorDr. Carl Kolb
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Vierzigstes Kapitel

Herr Samuel Weller wird zum Liebesboten ernannt und versieht sein Amt als solcher. Mit welchem Erfolg er agiert.

Am ganzen folgenden Tag behielt Sam Herrn Winkle fest im Gesicht, entschlossen, seine Augen keine Minute lang von ihm abzuwenden, bis er von der Hauptquelle aus bestimmte Instruktionen erhalten hätte. So unangenehm nun dieses strenge Aufpassen und die große Wachsamkeit des Herrn Weller für Winkle waren, so hielt er es doch für besser, sich darein zu fügen, als sich der Gefahr einer gewaltsamen Abführung auszusetzen, zumal da ihm Sam mehr als einmal deutlich zu verstehen gab, daß sein Pflichtgefühl ihm keinen andern Ausweg lasse. Man hat wenig Grund zu zweifeln, daß Sam seine Bedenklichkeiten sehr schnell beschwichtigt haben würde, wenn er Herrn Winkle an Händen und Füßen gebunden nach Bath zurückgebracht hätte. Allein die schnelle Aufmerksamkeit, die Herr Pickwick dem durch Dowler ihm zugeschickten Schreiben widmete, ließ es nicht soweit kommen. Kurz und gut, abends um acht Uhr trat Herr Pickwick in eigener Person ins Gastzimmer des Busches herein und sagte, Sam zu dessen großer Beruhigung zulächelnd, er habe seinen Auftrag ganz recht vollzogen, doch brauche er jetzt nicht länger Schildwache zu stehen.

»Ich hielt es für besser, selbst zu kommen«, fügte Herr Pickwick gegen Herrn Winkle hinzu, während ihm Sam seinen Überrock und seinen Reiseschal abnahm, »um mich, bevor ich die Verwendung Sams in dieser Sache zugebe, zu vergewissern, daß es Ihnen mit der jungen Dame vollkommen Ernst ist.«

»So wahr ich lebe«, antwortete Winkle mit vielem Feuer.

»Bedenken Sie wohl«, sagte Herr Pickwick mit blitzenden Augen, »daß wir sie im Hause unseres vortrefflichen, gastlichen Freundes getroffen haben. Es wäre schlechter Dank, wenn Sie mit den Neigungen dieser jungen Dame ein leichtfertiges, unüberlegtes Spiel treiben wollten. Ich werde das nie zugeben, Sir – niemals.«

»Ich habe auch keine solche Absicht«, rief Herr Winkle warm. »Ich habe die Sache schon lange Zeit wohl überlegt und fühle, daß mein Glück an Arabella hängt.«

»Dann hängt es an einem sehr kleinen Ding, Sir«, fiel Herr Weller mit scherzhaftem Lächeln ein.

Herr Winkle blickte, über diese Unterbrechung einigermaßen entrüstet, um sich, und Herr Pickwick bemerkte seinem Diener unwillig, er brauche mit einem der edelsten Gefühle der Natur keinen Scherz zu treiben, worauf Sam erwiderte, dieses werde er auch niemals mit Wissen tun: aber es gebe so vielerlei edele Gefühle, daß er kaum unterscheiden könne, welches das edelste sei.

Herr Winkle erzählte sofort, was in Beziehung auf Arabella zwischen ihm und Herrn Ben Allen vorgegangen, erklärte, er wünsche mit der jungen Dame zusammenzukommen, um ihr seine Liebe in aller Form zu gestehen, und drückte seine auf gewisse dunkle Winke und Andeutungen des besagten Ben gegründete Überzeugung aus, daß sie jedenfalls in der Nähe der Dünen eingesperrt sein müsse: darauf beschränkte sich indessen sein ganzes Wissen oder Vermuten in dieser Sache.

Mit diesem schwachen Leitfaden sollte Herr Weller nach einem Beschluß der Gesellschaft am nächsten Morgen eine Entdeckungsreise antreten! Es wurde aber festgesetzt, daß Herr Pickwick und Herr Winkle, die kein übertriebenes Vertrauen auf ihre Kräfte besaßen, einstweilen die Stadt durchwandern und zufällig bei Herrn Bob Sawyer einsprechen sollten, ob sie dort vielleicht über die Verhältnisse der jungen Dame etwas sehen oder hören könnten.

Demgemäß ging Sam Weller am nächsten Morgen auf Kundschaft aus, keineswegs eingeschüchtert durch die nicht sehr ermunternden Aussichten, die vor ihm lagen. Er wanderte eine Straße hinauf und eine hinab – wir wollten sagen, einen Hügel hinauf und einen andern hinunter, wenn in Clifton nicht alles Hügel wäre – ohne auf irgendein Ding oder eine Person zu stoßen, die das geringste Licht auf den Gegenstand seiner Forschungen geworfen hätte. Häufig gab es Zwiegespräche, die Sam mit Dienern einleitete, die Pferde spazierenritten, und mit Kindermädchen, die mit ihren Kindern in den Gassen herumschlenderten. Aber er vermochte aus diesen beiden Arten von Menschenkindern nichts herauszulocken, was den mindesten Bezug auf seine schlau betriebenen Nachforschungen gehabt hätte. Es waren in sehr vielen Häusern sehr viele junge Damen, denen die männlichen und weiblichen Dienstboten scharfsichtig genug abgemerkt hatten, daß sie in irgend jemand sterblich verliebt oder jedenfalls im Begriff seien, bei der nächsten besten Gelegenheit es zu werden. Da aber unter diesen jungen Damen kein Fräulein Arabella Allen war, so blieb Sam auf derselben Stufe der Weisheit stehen, von der er ausgegangen.

Herr Weller arbeitete sich gegen einen starken Wind durch die Niederungen, voll Verwunderung, warum es in diesem Teil des Landes nötig sei, mit beiden Händen den Hut festzuhalten, und kam endlich in eine schattige Gegend, wo ihm mehrere kleine Landhäuser von ruhigem, abgeschlossenem Aussehen in die Augen sprangen. Am Ende einer langen Hintergasse ohne Ausgang faulenzte ein Reitknecht in halber Livree, der sich offenbar einredete, er stehe im Begriff, mit einem Spaten und einem Schiebkarren etwas zu arbeiten. Man erlaube uns hier die Bemerkung, daß wir nicht leicht in der Nähe eines Stalles einen Reitknecht in seinen müßigen Augenblicken gesehen haben, der nicht in größerem oder geringerem Maße das Opfer dieser seltsamen Selbsttäuschung gewesen wäre.

Sam dachte, er könne mit diesem Reitknecht so gut sprechen wie mit irgendeinem anderen Menschen, zumal da er etwas müde vom Gehen war und gegenüber dem Schiebkarren einen recht angenehmen breiten Stein erblickte. Er schlenderte also das Gäßchen hinab, setzte sich auf den Stein und leitete mit seiner merkwürdigen, ungezwungenen Offenheit ein Gespräch ein.

»Guten Morgen, alter Freund«, begann Sam.

»Guten Nachmittag, wollen Sie sagen«, erwiderte der Knecht mit einem grämlichen Blick.

»Sie haben recht, alter Freund«, sagte Sam, »ich wollte Nachmittag sagen. Wie geht es Ihnen?«

»Nicht viel besser darum, weil ich Sie sehe«, entgegnete der übelgelaunte Reitknecht.

»Das ist höchst sonderbar«, sagte Sam: »denn Sie sehen so ungemein lustig aus und scheinen überhaupt ein so munteres Kerlchen zu sein, daß es eine wahre Herzenslust ist, Sie anzuschauen.«

Der verdrießliche Bursche machte ein noch verdrießlicheres Gesicht, jedoch nicht grämlich genug, um irgendeine Wirkung auf Sam hervorzubringen, der sogleich sehr angelegentlich zu fragen begann, ob sein Herr nicht Walker heiße?

»Nein«, antwortete der Bursche.

»Oder Brown?«

»Nein.«

»Oder Wilson?«

»Nein, ebensowenig.«

»Gut«, erwiderte Sam, »dann habe ich mich geirrt, und er hat die Ehre meiner Bekanntschaft nicht, wie ich gedacht hatte. Warten Sie nur nicht aus Höflichkeit gegen mich hier außen«, setzte er hinzu, als der Knecht den Karren hineinschob und sich anschickte, das Tor zu verschließen. »Es geht nichts über die Bequemlichkeit, alter Knabe: ich entschuldige Sie gern.«

»Und ich möchte Ihnen gern für eine halbe Krone den Schädel einschlagen«, erwiderte der griesgrämige Stallknecht, indem er den einen Torflügel zuschloß.

»Könnte es nicht so billig geschehen lassen«, entgegnete Sam. »Es würde Ihnen wenigstens eine lebenslängliche Verköstigung eintragen und wäre daher allzu wohlfeil. Melden Sie im Hause meine Empfehlung. Sagen Sie, man brauche mit dem Essen nicht auf mich zu warten und mir auch nichts aufzuheben: denn es würde doch kalt werden, bis ich komme.«

Der Knecht machte ein wütendes Gesicht und murmelte den Wunsch, jemanden den Kopf zusammenzuschlagen, verschwand jedoch, ohne jenen in Ausführung zu bringen, und schlug ärgerlich die Tür hinter sich zu, indem er der zärtlichen Bitte Sams, ihm wenigstens eine Locke von seinen Haaren zu lassen, nicht die geringste Beachtung schenkte.

Sam blieb auf dem großen Stein sitzen. Er besann sich, was wohl jetzt das beste wäre und wälzte eben in seinem Geiste den Plan herum, fünf Meilen im Umkreise von Bristol an alle Türen anzuklopfen, indem er täglich etwa einhundertfünfzig oder zweihundert schaffen könnte, um dadurch Fräulein Arabella ausfindig zu machen, als ihm der Zufall unerwartet etwas in den Weg warf, was er bei jahrelangem Sitzen auf dem Stein nicht gefunden hätte.

In die Gasse, wo er saß, öffneten sich drei oder vier Gartentore, die zu ebenso vielen, nur durch die Gärten voneinander getrennten Häusern führten. Da diese Gärten groß, lang und dicht mit Bäumen bepflanzt waren, so standen die Häuser nicht bloß ziemlich weit voneinander entfernt, sondern waren auch meistenteils fast unsichtbar. Sam starrte weiter auf das staubige Tor, und zwar auf die Stelle, durch die der Knecht verschwunden war. Er war in tiefes Nachsinnen über die Schwierigkeiten seiner dermaligen Unternehmungen versunken, als das Tor sich öffnete und ein Mädchen auf die Gasse herauskam, um einige Teppiche auszuklopfen.

Sam war so durchaus mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, daß er höchstwahrscheinlich weiter keine Notiz von der jungen Dame genommen, sondern etwa nur den Kopf aufgerichtet und bemerkt hätte, es sei ein recht hübsches Figürchen, wären nicht seine Kavaliergefühle gewaltig durch die Beobachtung ermuntert worden, daß sie keinen Gehilfen hatte und die Teppiche für ihre einzelne Kraft offenbar zu schwer schienen. Herr Weller war ein Gentleman von großer Galanterie in seiner Art, und kaum hatte er diesen Umstand bemerkt, als er sich schleunigst von dem breiten Steine erhob und auf die Dame zuschritt.

»Mein liebes Kind«, sagte Sam, indem er mit großer Ehrerbietung auf sie zuschlenderte, »Sie schaden offenbar Ihrer über alle Maßen schönen Figur, wenn Sie die Teppiche allein ausstauben. Darf ich Ihnen Beistand leisten?«

Die junge Dame, die sich züchtiglich gestellt hatte, als wüßte sie nichts von der Nähe eines Gentleman, drehte sich bei dieser Anrede um – ohne Zweifel (denn sie sagte es nachher selbst), um das Anerbieten von einem ganz Unbekannten abzulehnen, aber statt zu sprechen, fuhr sie zurück und stieß einen halbunterdrückten Schrei aus. Sam war nicht viel weniger verblüfft, denn in dem Angesicht der wohlgestalteten Dame erblickte er die wohlbekannten Züge des hübschen Hausmädchens des Herrn Nupkins.

»Was sehe ich? meine liebe Marie«, sagte Sam.

»Ach nein, Herr Weller«, erwiderte Marie: »wie haben Sie mich erschreckt!«

Sam gab auf diese Klage keine Erwiderung mit Worten, auch können wir nicht mit Bestimmtheit sagen, welche Erwiderung er gab. Nur so viel wissen wir, daß Marie nach einer kurzen Pause sagte: »Sie Böser, Sie: lassen Sie mich doch gehen, Herr Weller«, und daß ihm sein Hut wenige Augenblicke zuvor vom Kopf gefallen war, aus welchen beiden Zeichen wir nicht abgeneigt wären zu schließen, daß einer oder mehrere Küsse vorgefallen.

»Aber wie sind Sie denn hierher gekommen?« fragte Marie, als das Gespräch, das diese Unterbrechung erlitten hatte, wieder seinen Anfang nahm.

»Bloß, um nach Ihnen zu sehen, mein Schätzchen«, erwiderte Herr Weller, der seiner Leidenschaft den Sieg über seine Wahrheitsliebe einräumte.

»Woher haben Sie denn gewußt, daß ich hier bin?« fragte Marie. »Wer kann es Ihnen gesagt haben, daß ich in Ipswich zu einer andern Herrschaft ging, die dann hierher gezogen ist? Wer kann es Ihnen gesagt haben, Herr Weller?«

»Ja freilich«, sagte Sam mit pfiffigem Blick, »das ist eben die Frage: das möchten Sie gern wissen. Wer meinen Sie wohl, daß es mir gesagt habe?«

»Herr Muzzle vielleicht?« fragte Marie.

»O nein«, erwiderte Sam mit feierlichem Kopfschütteln: »Muzzle nicht.«

»Dann muß es die Köchin gewesen sein«, meinte Marie.

»Versteht sich«, sagte Sam.

»So was habe ich mein Lebtag nie gehört«, rief Marie aus.

»Ich auch nicht«, sagte Sam. »Aber meine liebste Marie« – hier wurden Sams Manieren ungemein zärtlich – »meine liebste Marie, ich habe gegenwärtig ein Geschäft, das äußerst dringend ist. Es ist da einer von meines Prinzipals Freunden – Herr Winkle – Sie erinnern sich seiner.«

»Der mit dem grünen Rock?« fragte Marie. »O ja, ich kann mir ihn noch recht gut vorstellen.«

»Nun sehen Sie«, fuhr Sam fort: »der ist schauderhaft verliebt, so daß er nimmer weiß, wo ihm der Kopf steht, und es bei ihm ordentlich rappelt.«

»Nein, aber so was!« rief Marie.

»Das wäre schon recht«, sagte Sam, »aber was hilft es, wenn wir die junge Dame nicht auffinden können?«

Nun stattete Sam unter manchen Abschweifungen über Maries persönliche Schönheit und die unaussprechlichen Qualen, die er ausgestanden, seit er sie zum letztenmal gesehen, einen getreuen Bericht über Winkles Lage ab.

»Hat man je so was gehört?« sagte Marie.

»Nein, ganz gewiß nicht«, erwiderte Sam. »Das hat noch niemand gehört und wird auch niemand hören, und ich laufe da herum wie der ewige Jude – ein komischer Kerl, von dem Sie vielleicht gehört haben, mein Schatz, der immer mit der Zeit um die Wette läuft und niemals schläft – und suche nach dem Fräulein Arabella Allen.«

»Was für ein Fräulein?« fragte Marie mit großem Erstaunen.

»Fräulein Arabella Allen«, wiederholte Sam.

»Ach du meine Güte«, rief Marie nach dem Gartentore hindeutend, das der griesgrämige Stallknecht hinter sich verschlossen hatte. »Das ist ihr Haus dort, und sie ist schon seit sechs Wochen hier. Die Stütze, die zugleich das Stubenmädchen von der gnädigen Frau ist, hat es mir an einem Morgen zur Waschküche heraus gesagt, als die Herrschaft noch in den Federn war.«

»Was Sie nicht sagen! Also gerade neben Ihnen?« sagte Sam.

»Freilich, freilich«, erwiderte Marie.

Herr Weller war durch diese Nachricht so überwältigt, daß er es für unumgänglich notwendig hielt, sich mit beiden Armen auf seine schöne Auskunfterteilerin zu stützen, und erst nach verschiedenen kleinen Liebespassagen hatte er sich wieder gehörig gesammelt, um zur Hauptsache zurückzukommen.

»Wahrhaftig«, sagte Sam endlich, »wenn das nicht übers Hahnenfechten geht, so geht nichts darüber, wie der Lordmayor sagte, als der erste Staatssekretär nach dem Schmause die Gesundheit seiner Frau ausbrachte. Also gerade neben Ihrem Haus? Ich habe eine Botschaft an sie auszurichten, mit der ich mich den ganzen Tag abgequält habe.«

»Sie können sie auch jetzt nicht ausrichten«, sagte Marie, »weil sie nur abends im Garten spazierengeht, und allemal bloß ganz kurze Zeit; ausgehen tut sie gar nicht ohne die alte Dame.«

Sam sann einige Augenblicke nach und verfiel auf folgenden Operationsplan: Er wollte um die Dämmerung, zu welcher Zeit Arabella einen Tag wie den andern ihre Spaziergänge machte, zurückkommen. Marie solle ihn in den Garten ihrer Herrschaft einlassen, dann wolle er, geschützt durch die überhängenden Zweige eines großen Birnbaums, unbemerkt über die Mauer klettern, seinen Auftrag ausrichten und womöglich auf den folgenden Abend um dieselbe Stunde eine Zusammenkunft zwischen dem Fräulein und Herrn Winkle einleiten. Nachdem er diesen Plan mit großer Eile auseinandergesetzt, half er Marien bei ihrem lange hinausgeschobenen Geschäft des Teppichausstäubens.

Das Teppichausstäuben ist nicht halb so unschuldig wie es aussieht – das Stäuben selbst zwar mag etwas ganz Harmloses sein, aber das Zusammenlegen ist eine sehr verfängliche Sache. Solange das Stäuben dauert und beide Parteien auf Teppichlänge voneinander getrennt sind, ist es eine so unschuldige Ergötzlichkeit, wie man nur eine denken kann; wenn aber das Zusammenlegen beginnt und die Entfernung der Stäubenden von der Hälfte der früheren Länge zu einem Viertel, sodann zu einem Achtel, endlich zu einem Sechzehntel, und wenn der Teppich lang genug ist, zu einem Zweiunddreißigstel herabsinkt, da wird es höchst gefährlich. Wir vermögen nicht genau zu bestimmen, wie viele Teppiche im vorliegenden Falle zusammengelegt wurden, aber das können wir zu behaupten wagen, daß Sam das hübsche Mädchen sovielmal küßte, wie Teppiche da waren.

Herr Weller labte sich in der nächsten Kneipe bis es dunkel zu werden anfing und kehrte sodann in das Gäßchen ohne den Ausgang zurück. Nachdem ihn Marie in den Garten gelassen und mehrfache Ermahnungen für seine Sicherheit vor Hals- und Beinbruch erteilt hatte, kletterte Sam auf den Birnbaum, um Arabella zu erwarten.

Er mußte so lange angstvoll ausharren, daß er schon glaubte, sie werde nicht mehr kommen, als er auf einmal leichte Fußtritte auf dem Kies vernahm und bald darauf Arabella erblickte, die nachdenklich den Garten herabkam. Als sie in der Nähe des Baumes war, begann Sam, um seine Anwesenheit recht artig und zart zu erkennen zu geben, allerhand diabolische Töne auszustoßen, wie man sie etwa bei einer Person natürlich finden könnte, die von früherer Kindheit an fortwährend an Halsentzündung, Heiserkeit und Stickhusten gelitten hat.

Das Fräulein warf einen hastigen Blick nach der Stelle hin, von wo die furchtbaren Töne kamen, und ihr anfänglicher Schreck wurde keineswegs dadurch vermindert, daß sie einen Mann zwischen den Zweigen erblickte. Sie wäre gewiß entflohen und hätte Lärm im Hause gemacht: allein glücklicherweise nahm ihr die Furcht alle Kraft, sich zu rühren, und sie sank auf einen zum guten Glück dastehenden Gartenstuhl nieder.

»Sie wird ohnmächtig«, monologisierte Sam in großer Verlegenheit. »Das ist doch zu dumm, daß diese jungen Damen immer in Ohnmacht fallen wollen, wenn sie es nicht sollten. He da, Frauenzimmerchen, Fräulein Knochensägerin! – Herr Winkle – werden Sie munter.«

War es der Zauber des Namens ›Winkle‹ oder die Kühle der Abendluft oder eine dunkle Erinnerung an Herrn Wellers Stimme, was Arabella wieder zum Leben brachte – wir wissen es nicht. Aber sie erhob ihren Kopf und fragte mit matter Stimme:

»Wer ist da, und was wollen Sie?«

»Pst«, sagte Sam, sich auf die Mauer schwingend und sich dort auf den möglichst kleinen Raum zusammenkauernd; »Ich bin's bloß, mein Fräulein, bloß ich.«

»Herrn Pickwicks Diener?« sagte Arabella ernst.

»Zu Befehl, mein Fräulein«, erwiderte Sam. »Herr Winkle ist hier, und ganz in der ärgsten Verzweiflung, mein Fräulein.«

»Ah«, sagte Arabella, näher an die Mauer tretend.

»Ja freilich«, erwiderte Sam. »Wir meinten schon gestern nacht, wir müßten ihm die Zwangsjacke anlegen. Er rast den ganzen Tag und sagt, wenn er Sie nicht vor morgen nacht zu sehen bekomme, so ertränke er sich oder werde sonst etwas Schreckliches tun.«

»Um Gottes willen!« rief Arabella, die Hände zusammenschlagend.

»Ja, das hat er gesagt, mein Fräulein«, setzte Sam kaltblütig hinzu. »Er ist ein Mann von Wort, und ich bin überzeugt, daß er es tut. Der Knochensäger mit der Brille hat ihm von Ihnen erzählt!«

»Mein Bruder?« fragte Arabella, durch diese Andeutung einigermaßen auf die Spur geleitet.

»Ich weiß nicht recht, wer Ihr Bruder ist«, erwiderte Sam. »Ist es der Schmutzigere von den beiden?«

»Ja, ja, Herr Weller«, erwiderte Arabella: »aber nur weiter: beeilen Sie sich.«

»Nun schön, mein Fräulein«, sagte Sam, »er hat von ihm alles erfahren, und mein Prinzipal meinte, wenn er Sie nicht so bald wie möglich sehe, so würde der Knochensäger so viel Extrablei in den Kopf bekommen, daß die Entwicklung der Organe dadurch beschädigt werde, wenn man sie je nachher in den Spiritus lege.«

»Gott im Himmel, was kann ich denn tun, um diesen schrecklichen Streit zu verhindern?« rief Arabella.

»Die Vermutung einer früheren Neigung ist an der ganzen Geschichte schuld. Es wäre wirklich das beste, wenn Sie ihn sehen würden, mein Fräulein. «

»Aber wie und wo?« rief Arabella. »Ich darf das Haus nicht allein verlassen. Mein Bruder ist so unfreundlich wie unvernünftig. Ich weiß, wie auffallend diese Sprache Ihnen gegenüber erscheinen muß, Herr Weller, aber ich bin sehr, sehr unglücklich –« und hier fing die arme Arabella so bitterlich zu weinen an, das es Sam ganz mitleidig ums Herz wurde.

»Es mag sehr auffallend scheinen, daß Sie so mit mir sprechen, mein Fräulein«, sagte Sam mit großem Feuer; »aber ich kann Ihnen nur sagen, daß ich nicht bloß bereit, sondern auch fest entschlossen bin, alles zu tun, was die Sache zu einem guten Ende zu führen vermag. Und wenn man einen von den Knochensägern zum Fenster hinauswerfen muß, so bin ich der Mann dazu.«

Bei diesen Worten krempte Sam, um seine Bereitwilligkeit zur Erfüllung des Versprochenen an den Tag zu legen, mit augenscheinlicher Gefahr, von der Mauer herabzufallen, seine Ärmel zurück.

So schmeichelhaft diese Beweise von gutem Willen waren, so weigerte sich doch Arabella zu Sams größter Verwunderung entschieden, davon Gebrauch zu machen. Längere Zeit sträubte sie sich mit aller Macht gegen die von Sam so pathetisch verlangte Zusammenkunft mit Herrn Winkle. Endlich aber, als die Unterhaltung durch die unwillkommene Ankunft einer dritten Person unterbrochen zu werden drohte, gab sie ihm unter mannigfachen Versicherungen ihrer Dankbarkeit eiligst zu verstehen, es sei doch möglich, daß sie am nächsten Abend um eine Stunde später in den Garten komme. Sam verstand das ausgezeichnet. Arabella trippelte, nachdem sie ihn mit einem ihrer süßesten Lächeln beglückt, anmutig davon und ließ Herrn Weller mit seiner ungemeinen Bewunderung ihrer körperlichen und geistigen Vorzüge allein.

Nachdem Herr Weller sicher von der Mauer herabgestiegen war und nicht vergessen hatte, seinen eigenen Angelegenheiten in demselben Departement einige Augenblicke zu widmen, kehrte er so schnell wie möglich in den Busch zurück, wo seine lange Abwesenheit großes Kopfzerbrechen und viel Unruhe erregt hatte.

»Wir müssen bedächtig zu Werke gehen«, sagte Herr Pickwick, nachdem er Sams Bericht mit Aufmerksamkeit angehört; »nicht um unserer selbst, sondern um der jungen Dame willen. Wir müssen sehr vorsichtig sein.«

»Wir?« sagte Herr Winkle mit scharfer Betonung.

Herrn Pickwicks Gesicht verdüsterte sich vor Unwillen über den Ton dieser Bemerkung, nahm jedoch bald wieder seinen eigentümlich wohlwollenden Ausdruck an, als er erwiderte:

»Ja, Sir, wir – denn ich werde Sie begleiten.«

»Sie?« sagte Herr Winkle.

»Allerdings, ich«, entgegnete Herr Pickwick mit Milde. »Als die Dame Ihnen diese Zusammenkunft bewilligte, hat sie einen vielleicht natürlichen, aber immerhin sehr unklugen Schritt getan. Wenn ich dabei bin, ein beiderseitiger Freund, der alt genug ist, um der Vater von beiden sein zu können, dann kann sich die Stimme der Verleumdung nachmals nicht gegen sie erheben.«

Herrn Pickwicks Augen funkelten von gerechtem Entzücken über seine Vorsicht, als er so sprach. Herr Winkle war durch diesen Beweis zartsinniger Verehrung für die junge Schützlingin seines Freundes tief gerührt und ergriff seine Hand mit einem Gefühl, das an Ehrfurcht grenzte.

»Sie müssen mitgehen«, sagte er.

»Allerdings gehe ich mit«, erwiderte Pickwick. »Sam, halte meinen Überrock und Schal in Bereitschaft und bestelle auf morgen abend, etwas früher als unbedingt notwendig wäre, einen Wagen, damit wir zu rechter Zeit an Ort und Stelle gelangen.«

Herr Weller salutierte, die Hand an den Hut legend, um seinen Gehorsam zu versichern und entfernte sich, um die nötigen Vorbereitungen für die Expedition zu treffen.

Der Wagen fuhr zur bestimmten Stunde vor, und Herr Weller nahm, nachdem er Herrn Pickwick und Herrn Winkle pflichtgemäß hineingeholfen, seinen Sitz auf dem Bock neben dem Kutscher. Sie stiegen verabredetermaßen etwa eine Viertelmeile vom Ort des Stelldicheins ab, befahlen dem Kutscher, ihre Rückkehr zu erwarten, und machten den übrigen Weg zu Fuß.

Bis dahin war alles gediehen, als Herr Pickwick lächelnd und offenbar sehr selbstzufrieden aus einer seiner Rocktaschen eine Blendlaterne hervorzog, womit er sich ausdrücklich für diesen Fall versehen hatte, und deren große mechanische Schönheit er im Weitergehen zur nicht geringen Verwunderung der wenigen Leute, die ihnen begegneten, Herrn Winkle erklärte.

»Bei meiner letzten nächtlichen Gartenexpedition wäre mir ein solches Ding sehr zustatten gekommen, nicht wahr, Sam?« fragte Herr Pickwick, indem er mit vergnügtem Lächeln nach seinem Diener umsah, der hinter ihm hertrollte.

»Sehr hübsche Dinger, Sir, wenn man sie recht gebraucht«, erwiderte Herr Weller; »aber wenn man nicht gesehen sein will, so glaube ich, daß sie nützlicher sind, wenn das Licht ausgelöscht ist, als wenn es brennt.«

Herrn Pickwick schien Sams Bemerkung einzuleuchten, denn er steckte seine Laterne wieder in die Tasche, und nun gingen sie schweigend weiter.

»Da hinab«, sagte Sam: »lassen Sie mich den Weg zeigen. Hier ist die Gasse, Sir.«

Sie gingen die Gasse hinab und es war bereits ziemlich dunkel. Herr Pickwick nahm, als sie dahintappten, ein- oder zweimal die Laterne heraus, die einen sehr hellen Lichtkreis, jedoch bloß von einem Fuß Durchmesser, auf den Weg warf. Es war recht artig anzusehen, schien aber die Wirkung zu haben, die umgebenden Gegenstände noch dunkler zu machen.

Endlich kamen sie an den großen Stein, und hier empfahl Sam seinem Gebieter und Herrn Winkle, sich zu setzen, während er das Gelände auskundschaften und sich vergewissern wollte, ob Marie noch warte.

Nach einer Abwesenheit von fünf oder zehn Minuten kam Sam mit der Nachricht zurück, das Tor sei offen und alles ruhig. Herr Pickwick und Herr Winkle folgten ihm verstohlenen Tritts und befanden sich bald im Garten. Hier sagten alle drei gar manchesmal »Pst«, und keiner schien eine genaue Vorstellung von dem zu haben, was zunächst geschehen sollte.

»Ist Fräulein Allen schon im Garten, Marie?« fragte Herr Winkle sehr aufgeregt.

»Ich weiß es nicht, Sir«, erwiderte das hübsche Mädchen. »Das beste wird sein, Herr Weller hilft Ihnen auf den Baum hinauf und Herr Pickwick wird vielleicht die Güte haben, zu sehen, ob niemand die Gasse heraufkommt. Ich selbst will inzwischen am andern Ende des Gartens Schildwache stehen. Barmherziger Himmel, was ist das?«

»Die verdammte Laterne wird uns alle ins Unglück stürzen«, sagte Sam ärgerlich. »Nehmen Sie sich doch in acht, Sir: Sie werfen ja einen ganz hellen Lichtschein in das Fenster vom hintern Zimmer da.«

»Weiß Gott«, sagte Herr Pickwick, sich schnell auf die Seite wendend, »das habe ich nicht gewollt.«

»Jetzt ist's im nächsten Hause, Sir«, eiferte Sam.

»Verdammt noch mal!« rief Herr Pickwick, sich abermals umwendend.

»Jetzt ist's im Stalle, und die Leute werden meinen, es brenne darin«, sagte Sam; »machen Sie doch zu, Sir, können Sie nicht?«

»Das ist doch die sonderbarste Laterne, die ich je in meinem Leben gesehen habe«, rief Herr Pickwick, ganz verblüfft über die Wirkungen, die er so unabsichtlich hervorbrachte. »Ein so starker Reflektor ist mir noch nicht vorgekommen.«

»Er wird wohl zu stark für uns werden, wenn Sie ihn so fortleuchten lassen, Sir«, antwortete Sam, als Herr Pickwick nach mehreren vergeblichen Versuchen den Schieber endlich schloß. »Da kommt die junge Dame. Jetzt, Herr Winkle, schnell hinauf.«

»Halt, halt!« sagte Herr Pickwick, »ich muß zuerst mit ihr sprechen. Helfen Sie mir hinauf, Sam.«

»Nur sachte, Sir«, sagte Sam, seinen Kopf an die Mauer lehnend und aus seinem Rücken eine Plattform machend. »Treten Sie zuerst auf diesen Blumentopf, Sir. Jetzt schnell hinauf.«

»Ich fürchte, ich tue dir weh, Sam«, sagte Herr Pickwick.

»Sorgen Sie sich nicht um mich, Sir«, erwiderte Sam. »Geben Sie ihm die Hand, Herr Winkle. Nur frisch zu, Sir; so ist es recht.«

Während Sam so sprach, gelang es Herrn Pickwick durch Anstrengungen, die bei einem Herrn in seinen Jahren und seinem Gewicht fast übernatürlich zu nennen waren, Sams Rücken zu erklimmen: Sam richtete sich allmählich in die Höhe und Herr Pickwick hielt sich am Rande der Mauer fest, während Herr Winkle seine Beine umfaßte, so daß Herrn Pickwicks Brille gerade noch die Mauer überragte.

»Mein Liebe«, sagte Herr Pickwick, als er über die Mauer schaute und auf der andern Seite Arabella erblickte: »erschrecken Sie nicht, meine Liebe. – Ich bin's nur.«

»Ich bitte, gehen Sie doch, Herr Pickwick«, erwiderte Arabella. »Sagen Sie ihnen allen, daß sie fortgehen, denn ich bin in der tödlichsten Angst. Lieber, lieber Herr Pickwick, bleiben Sie nicht länger da. Sie werden ganz gewiß herabfallen und nicht mehr aufstehen können.«

»Seien Sie ohne Sorgen, liebe« Kind«, versetzte Herr Pickwick beschwichtigend. »Ich versichere Sie, es ist nicht die geringste Gefahr vorhanden. Stehe fest, Sam«, setzte er hinzu, indem er unter sich blickte.

»Sehr wohl, Sir«, erwiderte Herr Weller. »Bleiben Sie nur nicht länger, als es durchaus notwendig ist, Sir; Sie sind ein bißchen schwer.«

»Nur noch einen Augenblick, Sam«, erwiderte Herr Pickwick.

»Ich wünschte Ihnen nur zu sagen, meine Liebe, daß ich meinem jungen Freund nicht gestattet haben würde, Sie auf diesem heimlichen Wege zu besuchen, wenn Ihre Verhältnisse ihm einen andern Ausweg übriggelassen hätten. Damit Ihnen nun die Ungebührlichkeit dieses Schrittes keine Unruhe verursache, mein liebes Kind, mag es Ihnen zur Befriedigung dienen, zu wissen, daß ich in der Nähe bin; mehr habe ich nicht zu sagen, meine Liebe.«

»Ich bin Ihnen wirklich sehr verbunden für Ihre rücksichtsvolle Güte, Herr Pickwick«, antwortete Arabella, mit ihrem Tuche die Tränen trocknend.

Sie hätte wahrscheinlich noch mehr gesagt, wenn nicht Herrn Pickwicks Kopf infolge eines falschen Trittes auf Sams Schulter, der ihn schnell auf die Erde brachte, plötzlich verschwunden wäre. Er stand jedoch im Augenblick wieder auf, ermahnte Herrn Winkle, sich zu beeilen und die Zusammenkunft nicht zu versäumen, und rannte sofort mit dem Mut und Feuer eines Jünglings auf die Gasse, um Schildwache zu stehen. Herr Winkle, den die gute Gelegenheit begeisterte, war im Nu auf der Mauer und hielt nur inne, um zu Sam zu sagen, er solle für seinen Herrn Sorge tragen.

»Das werde ich schon tun, Sir«, erwiderte Sam. »Überlassen Sie es nur mir.«

»Wo ist er? Was macht er, Sam?« fragte Herr Winkle.

»Gott segne seine alten Gamaschen«, erwiderte Sam, nach der Gartentür hinblickend. »Dort in der Gasse steht er mit seiner Blendlaterne Schildwache, wie ein liebenswürdiger Guy FawkesGuy Fawkes, Hauptteilnehmer an der englischen Pulververschwörung 1605. Am 5. November wird noch in England der Guy-Fawkes-Day gefeiert, wobei eine Fawkes darstellende Strohpuppe verbrannt wird.. Hab' meiner Lebtage nichts Schöneres gesehen. Der Teufel soll mich holen, wenn sein Herz nicht wenigstens fünfundzwanzig Jahre nach seinem Leibe auf die Welt gekommen ist.«

Herr Winkle nahm sich nicht die Zeit, die Lobrede auf seinen Freund anzuhören. Er war schnell die Mauer hinabgesprungen, hatte sich zu Arabellas Füßen geworfen und setzte ihr die Aufrichtigkeit seiner Leidenschaft mit einer Beredsamkeit auseinander, die Herrn Pickwicks selbst würdig gewesen wäre.

Während das alles im Freien vor sich ging, saß ein ältlicher Herr von wissenschaftlichem Rufe, der zwei oder drei Häuser vom Garten entfernt wohnte, in seinem Studierzimmer und schrieb eine philosophische Abhandlung, wobei er von Zeit zu Zeit aus einer achtunggebietenden Flasche, die danebenstand, seine Lippen und seine Arbeit mit einem Glas Bordeaux benetzte. Während seiner geistigen Geburtswehen blickte der gelehrte Herr bald auf den Teppich, bald zur Decke empor, bald an die Wand, und wenn weder Teppich, noch Decke, noch Wand den erforderlichen Grad von Begeisterung zu liefern vermochten, so sah er zum Fenster hinaus.

In einer dieser Pausen starrte das erfinderische Genie abstrakt in die dichte Finsternis hinaus, als er zu seiner höchsten Überraschung ein äußerst glänzendes Licht in geringer Entfernung über die Erde hin durch die Luft gleiten und beinahe augenblicklich wieder verschwinden sah. Nach kurzer Zeit wiederholte sich das Phänomen, nicht bloß ein- oder zweimal, sondern mehrere Male. Endlich legte der gelehrte Herr seine Feder nieder und begann darüber nachzudenken, welchen natürlichen Ursachen diese Erscheinungen wohl zuzuschreiben seien.

Meteore waren es nicht; sie waren zu niedrig. Johanniswürmer konnten es auch nicht sein; sie waren zu hoch. Es waren keine Irrlichter, es waren keine Feuerfliegen, es war kein Feuerwerk. Was konnte es wohl sein? Irgendein außerordentliches und wunderbares Naturphänomen, das noch kein Philosoph vor ihm gesehen, eine Erscheinung, deren Entdeckung ihm allein vorbehalten war, und die seinen Namen unsterblich machen mußte, wenn er sie zum Nutzen und Frommen der Nachwelt aufzeichnete. Voll von dieser Idee ergriff der gelehrte Herr seine Feder wieder und brachte verschiedene Bemerkungen über diese unvergleichbaren Erscheinungen mit Angabe des Tages, der Stunde, der Minute und Sekunde, in der sie sichtbar gewesen, zu Papier – Stoff genug, um ein umfangreiches, von großem Forschungsgeist und tiefer Gelehrsamkeit zeugendes Werk zu schreiben, zum Erstaunen aller atmosphärischen Narren in sämtlichen Teilen der zivilisierten Erdkugel.

Er warf sich in seinen behaglichen Sessel zurück, überwältigt von Betrachtungen über seine künftige Größe. Das geheimnisvolle Licht zeigte sich abermals, und zwar glänzender als zuvor; allem Anschein nach tanzte es die Gasse auf und ab, kreuzte herüber und hinüber und bewegte sich in so exzentrischen Bahnen, wie die Kometen selbst.

Der gelehrte Herr war Hagestolz. Er hatte keine Frau, die er hereinrufen konnte, damit sie sich wundere, und läutete daher seinem Diener.

»Pruffle«, sagte er, »es ist heute abend etwas ganz Außerordentliches in der Luft. Siehst du es dort?« fügte er hinzu, zum Fenster hinausdeutend, als das Licht wieder sichtbar wurde.

»Ja, Sir.«

»Was denkst du davon, Pruffle?«

»Was ich davon denke?«

»Nun ja. Du bist auf dem Lande aufgewachsen. Welcher Ursache würdest du diese Lichter zuschreiben?«

Der gelehrte Herr setzte lächelnd voraus, Pruffle werde antworten, er wisse die Ursache dieser Lichter schlechterdings nicht anzugeben. Pruffle sann nach.

»Ich denke, es sind Diebe«, sagte er endlich.

»Du bist ein Dummkopf und kannst dich entfernen«, schrie ihn der gelehrte Herr an.

»Danke Ihnen, Sir«, erwiderte Pruffle und ging.

Allein dem gelehrten Herrn ließ der Gedanke keine Ruhe, die scharfsinnige Abhandlung, die er bereits projektiert, möchte für die Welt verlorengehen, was unvermeidlich der Fall sein mußte, wenn die Ansicht des scharfsinnigen Herrn Pruffle nicht in der Geburt erstickt wurde. Er setzte daher den Hut auf und ging schnell in den Garten hinab, entschlossen, der Sache bis auf den tiefsten Grund nachzuspüren.

Kurz bevor der gelehrte Herr kam, war Herr Pickwick so schnell wie möglich die Gasse herabgelaufen und hatte blinden Lärm geschlagen, es komme jemand des Weges, wobei er zufällig die Laterne vor sich hinhielt, um nicht in den Graben zu fallen. Herr Winkle kletterte sogleich wieder über die Mauer, Arabella eilte ins Haus, das Gartentor wurde geschlossen und die Abenteurer eilten auf schnellstem Wege die Gasse hinab, als sie auf einmal von dem gelehrten Herrn erschreckt wurden, der sein Gartentor aufschloß.

»Halt!« flüsterte Sam, der natürlich voranging, »machen Sie jetzt nur auf eine Sekunde Licht, Sir.«

Herr Pickwick tat es, und Sam, der einen Mann sehr vorsichtig, bloß ein paar Schritte von ihm entfernt, aus dem Gartentor herausblicken sah, versetzte ihm mit der geballten Faust einen tüchtigen Schlag auf den Kopf, so daß dieser mit einem hohlen Schall gegen das Tor flog. Nachdem er mit großer Schnelligkeit und Gewandtheit diese Tat ausgeführt, nahm er Herrn Pickwick auf den Rücken und folgte Herrn Winkle die Gasse hinab mit einer bei seiner Bürde wahrhaft erstaunlichen Geschwindigkeit.

»Haben Sie sich jetzt wieder erholt, Sir?« fragte Sam, als er das Ende erreicht hatte.

»Vollkommen«, erwiderte Herr Pickwick.

»Nun, so kommen Sie«, fuhr Sam fort, indem er seinen Herrn wieder auf die Füße stellte. »Gehen Sie zwischen uns beiden, Sir. Wir haben keine halbe Meile mehr zu laufen. Stellen Sie sich vor, es gehe zum kühlen Trunke, Sir. Nur munter vorwärts.«

So ermutigt machte Herr Pickwick den möglichst besten Gebrauch von seinen Beinen, und man kann zuversichtlich behaupten, daß nicht leicht ein paar schwarze Gamaschen schneller über den Boden hüpften, als die des Herrn Pickwick bei dieser denkwürdigen Gelegenheit.

Der Wagen wartete, die Pferde waren frisch, die Straßen gut und der Kutscher voll guten Willens. Die ganze Gesellschaft langte sicher im Busche an, ehe Herr Pickwick wieder zu Atem kommen konnte.

»Schnell hinein, Sir«, sagte Sam, als er seinem Herrn heraushalf. »Nach dieser Motion dürfen Sie keine Sekunde auf der Straße bleiben. Bitte um Verzeihung, Sir«, fuhr er fort, seinen Hut anfassend, als Herr Winkle ausstieg. »Ich hoffe, es war keine andere Liebesneigung vorhanden?«

Herr Winkle nahm seinen devoten Freund bei der Hand und flüsterte ihm ins Ohr: »Es ist alles in Ordnung, Sir, ganz in Ordnung«, worauf Herr Weller zum Zeichen des Verständnisses dreimal tüchtig an seine Nase schlug. Sodann lächelte er, blinzelte und ging mit dem Ausdruck der lebhaftesten Freude im Gesicht die Treppen hinan.

Was den gelehrten Herrn betrifft, so bewies er in einer meisterhaften Abhandlung, diese wundervollen Lichter seien Wirkungen der Elektrizität, und erklärte dies deutlich durch die umständliche Erzählung, wie ihm, als er den Kopf zur Tür hinausgesteckt, ein blitzendes Leuchten vor den Augen getanzt und er einen Schlag erhalten habe, der ihn eine volle Viertelstunde seiner Sinne beraubt. Dieses Schriftchen ergötzte sämtliche gelehrte Gesellschaften über die Maßen und verschaffte dem Manne später ein allgemeines Ansehen als Leuchte und Zierde der Wissenschaft.

 

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