Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Charles Dickens >

Denkwürdigkeiten des Pickwick-Klubs. Zweiter Teil

Charles Dickens: Denkwürdigkeiten des Pickwick-Klubs. Zweiter Teil - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleDenkwürdigkeiten des Pickwick-Klubs. Zweiter Teil
publisherGutenberg-Verlag
addressHamburg
seriesDickens Werke
volume2
editorDr. Paul Th.Hoffmann
translatorDr. Carl Kolb
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100317
modified20180816
projectid36731a79
Schließen

Navigation:

Neununddreißigstes Kapitel.

Wie Herr Winkle aus der Bratpfanne heraus hübsch ordentlich ins Feuer selbst gerät.

Nachdem der unter einem bösen Stern geborene Gentleman, der die unglückliche Ursache des von uns bereits beschriebenen ungewöhnlichen Lärms und der Störung sämtlicher Bewohner von Royal Crescent gewesen war, eine Nacht voll Bangigkeit und Angst zugebracht hatte, verließ er das Dach, unter dem seine Freunde noch schlummerten, und entfloh, ohne zu wissen wohin. Die vortrefflichen, edlen Gesinnungen, die Herrn Winkle zu diesem Schritte antrieben, können nie zu hoch oder zu warm gepriesen werden, »Wenn« – überlegte Herr Winkle bei sich selbst – »wenn dieser Dowler sich untersteht (und ich zweifle keineswegs daran), seine Drohungen persönlicher Gewalttätigkeiten gegen mich in Ausführung zu bringen, so werde ich nicht umhin können, ihn herauszufordern. Er hat eine Frau. Diese Frau liebt ihn über alles und kann ohne ihn nicht leben. Gütiger Gott! wenn ich ihn in der Blindheit meines Zornes tötete, was für Gefühle würden mich dann verfolgen!« Dieser peinliche Gedanke wirkte so mächtig auf das Gemüt des menschenfreundlichen jungen Mannes, daß seine Knie zusammenschlugen und auf seinem Gesichte beunruhigende Merkmale von tiefer innerer Bewegung sich bekundeten. Unter dem Einflusse solcher Betrachtungen ergriff er daher seinen Koffer, schlich sich leise die Treppen hinab, verschloß die verwünschte Haustür so geräuschlos wie möglich und machte sich davon. Er lenkte seine Schritte gegen das Royal-Hotel, traf dort eine Kutsche, die im Begriff war, nach Bristol zu fahren; und da ihm Bristol für seine Zwecke ein ebenso guter Ort dünkte wie jeder andere, so stieg er auf den Bock und erreichte den Ort seiner Bestimmung so schnell, wie man den zwei Pferden, die täglich zwei oder mehrere Male den ganzen Tag hin und her machen mußten, billigerweise zumuten konnte.

Er nahm sein Quartier im Gasthof Zum Busch, und entschlossen, alle briefliche Verbindung mit Herrn Pickwick solange auszusetzen, bis Herrn Dowlers Zorn nach menschlicher Berechnung einigermaßen verraucht wäre, ging er aus, um sich die Stadt zu besehen, an der ihm weiter nichts auffiel, als daß sie noch ein wenig schmutziger war als jeder andere Ort, den er bisher in Augenschein genommen. Nachdem er die Docks, die Schiffswerft und die Kathedrale besichtigt, erfragte er den Weg nach Clifton und schlug sofort die Richtung ein, die man ihm bezeichnet hatte. Wie indessen das Pflaster von Bristol nicht das breiteste oder reinlichste auf Erden ist, so sind auch die Straßen dieser Stadt eben nicht die geradesten, und da Herr Winkle durch ihre mannigfaltigen Wendungen und Drehungen sehr verwirrt wurde, so sah er sich nach einem anständigen Laden um, wo er sich aufs neue Rat holen und Erkundigungen einziehen könnte.

Seine Augen fielen auf ein neu angestrichenes Haus, das vor kurzem in ein Mittelding zwischen einem Laden und einem Privathaus verwandelt worden war. Eine über das fächerförmige Fenster der Haustür vorhängende rote Lampe würde es deutlich genug als den Wohnsitz eines Heilkünstlers bezeichnet haben, hätte nicht auch das Wort »Chirurgenstube« in goldenen Buchstaben auf dem Getäfel geprangt, über dessen Fenster in früheren Zeiten die Vorderstube gewesen war. Da Herr Winkle dies für einen geeigneten Ort hielt, um seine Nachforschungen anzustellen, so trat er in den kleinen Laden, wo die mit vergoldeten Lettern überschriebenen Schubfächer und Flaschen sich befanden, und als er niemand traf, klopfte er mit einer halben Krone auf den Ladentisch, um die Aufmerksamkeit der Leute zu erregen, die sich vielleicht im Hinterzimmer befinden möchten. Dies Hinterzimmer hielt er für das innerste und ganz besondere Heiligtum der Anstalt, weil das Wort »Chirurgenstube« hier aufs neue, und zwar zur Abwechslung diesmal mit weißen Lettern an die Tür gemalt war. Auf sein erstes Klopfen hörte ein bis jetzt wohl vernehmbares Geräusch, das demjenigen ähnlich, wenn mit Rapieren gefochten wird, plötzlich auf, und beim zweiten trat ein gelehrt aussehender junger Herr mit einer grünen Brille auf der Nase und einem gewaltigen Buch in der Hand ruhig in den Laden, stellte sich hinter den Tisch und fragte nach dem Begehren seines Gastes.

»Ich bedaure, wenn ich Sie störe, Sir«, sagte Herr Winkle, »aber würden Sie nicht die Güte haben, mir zu sagen, wo –«

»Ha! ha! ha!« lachte der gelehrte junge Herr, das große Buch in die Luft werfend und mit erstaunlicher Gewandtheit in demselben Augenblicke wieder auffangend, wo es sämtliche Flaschen auf dem Tisch zu Atomen zu zertrümmern drohte. »Das nenne ich einmal einen Zufall.«

Das war es auch wirklich, denn Herr Winkle war über das auffallende Benehmen des Äskulapsohnes so über die Maßen erstaunt, daß er unwillkürlich gegen die Tür zurücktrat und äußerst unruhig über diesen sonderbaren Empfang aussah.

»Wie, – kennen Sie mich nicht?« fragte der Medikus.

Herr Winkle murmelte, er habe nicht das Vergnügen.

»Nun«, fuhr der Doktor fort, »dann habe ich noch Hoffnung; wenn mir das Glück nur ein bißchen will, kann ich die Hälfte der alten Weiber von Bristol zu Kunden bekommen. Packe dich, du verschimmelter alter Spitzbube, fort mit dir!«

Unter dieser Verwünschung, die dem großen Buche galt, schleuderte der Doktor das Werk mit bewundernswürdiger Fertigkeit nach dem entfernten Ende des Ladens, nahm seine grüne Brille ab und ließ das leibhaftige Grinsen des Robert Sawyer Esquire, früher in Guys-Hospital, mit einer Privatwohnung in Landstreet, erkennen.

»Sie haben mich also nicht sogleich erkannt?« fragte Herr Bob Sawyer, mit freundschaftlicher Wärme Herrn Winkle die Hand schüttelnd.

»Auf Ehre nicht«, antwortete Herr Winkle, den Druck erwidernd.

»Haben Sie denn meinen Namen nicht gesehen?« fuhr Bob Sawyer fort, die Aufmerksamkeit seines Freundes auf die äußere Türe lenkend, wo ebenfalls weiß angemalt die Worte standen: »Sawyer, früher Nockemorf.«

»Ich habe es nicht bemerkt«, erwiderte Herr Winkle.

»Bei Gott, wenn ich gewußt hätte, daß Sie es sind, so wäre ich sogleich herausgestürzt und hätte Sie in meine Arme geschlossen«, sagte Bob Sawyer: »aber so wahr ich lebe, ich meinte es sei der Steuereinnehmer.«

»Wirklich?« fragte Herr Winkle.

»Ja«, antwortete Bob Sawyer: »und ich wollte eben sagen, ich sei nicht zu Hause. Möchte übrigens wissen, was er mir mitzuteilen hätte, denn er kennt mich so wenig wie der Beleuchtungs- und Pflastersteuereinnehmer. Der Steuerbote für die Kirche indes scheint zu erraten, wer ich bin, und der Wassersteuerbote kennt mich auch; denn diesem habe ich gleich nach meiner Ankunft einen Zahn ausgezogen. Doch kommen Sie jetzt, treten Sie herein.«

So schwatzend trieb Herr Bob Saywer seinen Freund Winkle in das Hinterzimmer, allwo niemand Geringerer als Herr Benjamin Allen saß und zu seinem Zeitvertreib mit einem glühenden Schüreisen kleine runde Löcher in das Kamingesims bohrte.

»Wahrhaftig«, sagte Herr Winkle, »das ist ein Vergnügen, das ich nicht erwartet hätte. Sie haben ja einen recht hübschen Platz hier.«

»O ja, so ziemlich«, erwiderte Bob Sawyer. »Ich machte bald nach unserer köstlichen Abendgesellschaft das Examen; meine Freunde schossen mir das Nötige zur Einrichtung vor, und nun legte ich mir einen schwarzen Anzug nebst einer Brille bei, um so feierlich wie möglich auszusehen, und kam hierher.«

»Sie haben ohne Zweifel ein recht hübsches Geschäftchen?« fragte Herr Winkle mit einem Kennerblick.

»O ja«, erwiderte Bob Sawyer; »so hübsch, daß Sie nach Verfluß von wenigen Jahren den ganzen Profit in ein Weinglas legen und mit einem Stachelbeerblatt bedecken können.«

»Das kann doch nicht Ihr Ernst sein?« meinte Herr Winkle. »Schon die Vorräte –«

»Lauter Larifari, Freundchen«, sagte Bob Sawyer. »In der einen Hälfte der Schubladen ist gar nichts, und die andern können nicht einmal herausgezogen werden.«

»Sie scherzen«, sagte Herr Winkle.

»Nein, auf Ehre«, erwiderte Bob Sawyer, in den Laden tretend und die Wahrhaftigkeit seiner Versicherung dadurch bekräftigend, daß er zu verschiedenen Malen vergeblich an den kleinen vergoldeten Knöpfen der falschen Schubladen zerrte.

»Im ganzen Laden ist kaum etwas Reelles, außer den Blutegeln, und auch diese haben schon einmal Dienste geleistet.«

»Das hätte ich nicht gedacht«, rief Herr Winkle sehr überrascht.

»Hoffentlich«, erwiderte Bob Sawyer; »denn was nützte mir sonst all das Scheingepränge. Doch, was wollen Sie jetzt genießen? Halten Sie es mit uns. Ben, mein lieber Kamerad, geh an den Schenktisch und hole uns den Patentverdauer.«

Herr Benjamin Allen gab seine Bereitwilligkeit durch ein Lächeln zu erkennen und zog aus dem Schrank an seinem Ellenbogen eine schwarze, halbvolle Branntweinflasche hervor.

»Sie trinken natürlich ohne Wasser?« fragte Bob Sawyer.

»Danke Ihnen«, erwiderte Herr Winkle; »es ist noch ziemlich früh, und ich nehme lieber Wasser dazu, wenn Sie nichts dagegen haben.«

»Nicht das geringste, wenn Sie es mit Ihrem Gewissen vereinbaren können«, erwiderte Bob Sawyer, mit großen Behagen ein Glas hinabstürzend. »Ben, die Kruke.«

Herr Benjamin Allen zog aus demselben Versteck einen kleinen messingenen Topf hervor, auf den Bob Sawyer stolz zu sein behauptete, besonders weil er so apothekermäßig aussehe. Das Wasser war in diesem kunstgerechten Topf mittels mehrerer Schaufeln Kohlen, die Herr Bob Sawyer aus einem bequemen, »Sodawasser« überschriebenen Wandschrank genommen hatte, zum Sieden gebracht. Dann mischte Herr Winkle seinen Branntwein, und die Unterhaltung fing bereits an, recht belebt zu werden, als sie durch einen jungen Burschen unterbrochen wurde, der in einer bescheidenen grauen Livree mit goldbetreßtem Hut und einem kleinen verdeckten Korb unter dem Arm in den Laden trat und von Herrn Bob Sawyer mit den Worten bewillkommt wurde:

»Kommst du endlich, Tom, du Tagedieb?«

Der Junge trat sogleich vor.

»Gewiß bist du wieder mit allen Gassenjungen von Bristol herumgeschlingelt, du fauler Spitzbube«, fuhr Herr Bob Sawyer fort.

»Nein, Sir, ganz gewiß nicht«, erwiderte der Knabe.

»Ich will es dir auch nicht raten«, sagte Herr Bob Sawyer mit drohender Geberde. »Wer wird auch wohl einen Geschäftsmann rufen lassen, wenn man sieht, daß sein Laufbursche auf der Gasse spielt wie kleine Kinder? Hast du denn gar keinen Sinn für dein Geschäft, du Gauner? Hast du die Arzneien alle abgegeben?«

»Ja, Sir.«

»Die Pulver für das Kind in dem großen Hause, wo die neue Familie wohnt, und die Pillen, die der übellaunige alte Herr mit seinem Podagra täglich viermal einzunehmen hat?«

»Ja, Sir.«

»Nun, so mach die Tür zu und besorge den Laden.«

»Nun«, sagte Herr Winkle, als der Knabe sich entfernt hatte: »die Sachen scheinen doch nicht so schlimm zu stehen, wie Sie mich glauben machen wollten. Sie haben doch jedenfalls einige Medizin auszuschicken.«

Herr Bob Sawyer sah in den Laden, ob kein Fremder ihn hören könne, dann aber beugte er sich zu Herrn Winkle und sagte leise:

»Er bringt sie alle in die falschen Häuser.«

Herr Winkle blickte äußerst verwundert um sich: Bob Sawyer aber und sein Freund lachten.

»Sehen Sie«, sagte Bob, »er geht in ein Haus, läutet, gibt dem Diener ein Paket ohne Aufschrift ab und entfernt sich wieder. Der Bediente bringt es in die Wohnstube, der Herr öffnet es und liest die Aufschrift: ›Ein Trank, vorm Schlafengehen einzunehmen – Pillen, wie das letztemal – Wasser, wie gewöhnlich – das Pulver. Nach den Vorschriften des Doktor Sawyer, früher Nockemorf, sorgfältig bereitet usw.‹ Er zeigt es seiner Frau, die liest die Aufschrift ebenfalls: dann geht das Paket wieder an die Dienerschaft zurück, und diese liest es auch. Am andern Tage kommt der Bursche wieder und sagt, es tue ihm sehr leid – er habe sich vergriffen – das große Geschäft – so viele Pakete zum Austragen – Komplimente von Herrn Sawyer, früher Nockemorf. Der Dame wird bekannt, und so, Freundchen, muß es ein Mediziner angreifen: ich versichere Sie, alter Freund, das wirkt weit besser als alle Ankündigungen von der Welt. Wir haben eine Vierunzenflasche, die schon in halb Bristol gewesen ist und noch in manche Häuser wandern muß.«

»Du mein Himmel, jetzt geht mir ein Licht auf«, bemerkte Herr Winkle. »Ein ganz vortrefflicher Plan.«

»O, Ben und ich haben schon ein Dutzend ähnliche ausgedacht«, erwiderte Bob Sawyer sehr vergnügt. »Der Lampenanzünder bekommt achtzehn Pence wöchentlich dafür, daß er jedesmal, wenn er vorbeigeht, zehn Minuten lang die Nachtglocke läutet, und mein Junge stürzt immer gerade während der kirchlichen Andacht, wenn die Leute nichts zu tun haben, als umherzusehen, in die Kirche und ruft mich hinaus, mit einem Gesicht, auf dem sich Schauder und Entsetzen malen. Ach Gott, sagt dann alles, es muß jemand plötzlich krank geworden sein. Man hat zu Sawyer, früher Nockemorf, geschickt. Welche Praxis der junge Mann schon hat!«

Nach dieser Enthüllung einiger Geheimnisse der Arzneiwissenschaft warfen sich Herr Bob Sawyer und sein Freund Ben Allen in ihre Stühle zurück und lachten aus vollem Halse. Als sie dieses Vergnügen nach Herzenslust genossen, wurde das Gespräch auf Gegenstände gelenkt, bei denen Herr Winkle unmittelbar interessiert war.

Wir haben, wenn wir nicht irren, schon früher einmal angedeutet, daß Herr Benjamin Allen nach dem Branntwein gewöhnlich sentimental wurde. Dieser Fall gehört nicht zu den seltenen, wie wir selbst bezeugen können, da wir es schon hier und da mit Patienten zu tun hatten, denen es ebenso erging. Herr Benjamin Allen war vielleicht gerade um diese Periode seines Daseins mehr als je zu diesem Zustand der Benebelung geneigt, und seine Krankheitsgeschichte ist kurz folgende: Er hatte sich schon beinahe drei Wochen bei Herrn Bob Sawyer aufgehalten; Herr Bob Sawyer zeichnete sich nicht gerade durch Mäßigkeit aus, so wenig wie Herr Benjamin Allen durch den Besitz eines extra festen Kopfes, und die Folge davon war, daß Ben während dieser Zeit zwischen teilweisem und gänzlichem Beschwipstsein geschwankt hatte.

»Mein teurer Freund!« sagte Herr Ben Allen, die zeitweise Abwesenheit des Herrn Bob Sawyer benutzend, der in den Laden gegangen war, um einige von den oben erwähnten gebrauchten Blutegeln abzugeben, »mein teurer Freund, ich bin sehr unglücklich.«

Herr Winkle sprach sein herzliches Bedauern darüber aus und wollte wissen, ob er nichts tun könne, um den Kummer des leidenden Studenten zu erleichtern.

»Ach nein, mein teurer Freund, nichts«, erwiderte Ben. »Sie erinnern sich Arabellas, Winkle – meiner Schwester Arabella: – ein kleines Mädchen, Winkle, mit schwarzen Augen – damals als wir bei Wardle waren? Ich weiß nicht, ob Sie sie zufällig bemerkt haben – ein hübsches, kleines Mädchen, Winkle. Vielleicht fällt sie Ihnen bei meiner Beschreibung wieder ein.«

Herr Winkle bedurfte keineswegs einer solchen Erklärung an die reizende Arabella, und zu seinem Glück; denn die Beschreibung ihres Bruders Benjamin hätte ohne Zweifel sein Gedächtnis nicht sehr aufgefrischt. Er antwortete daher mit aller Ruhe, die er aufzubieten vermochte, er erinnere sich der jungen Dame noch sehr gut und wünsche von Herzen, daß sie sich wohl befinde.

»Unser Freund Bob ist ein herrlicher Kerl, Winkle«, war die einzige Antwort des Herrn Ben Allen.

»Gewiß«, sagte Herr Winkle, dem diese nahe Zusammenstellung der beiden Namen keineswegs behagte.

»Ich hatte sie für einander bestimmt; sie waren für einander geschaffen, für einander in die Welt gesandt, für einander geboren, Winkle«, sagte Herr Ben Allen, indem er mit großem Nachdruck sein Glas niederstellte. »Es waltet ein besonderes Geschick in dieser Sache, mein lieber Herr; sie sind nur um fünf Jahre von einander im Alter getrennt und beider Geburtstage fallen in den August.«

Herr Winkle war zu begierig, zu hören, was folgen würde, als daß er großes Erstaunen über diesen außerordentlichen und wirklich wunderbaren Umstand ausgedrückt hätte. Herr Ben Allen erzählte ihm daher nach ein paar Tränen weiter, trotz aller seiner Achtung, Wertschätzung und Verehrung für seinen Freund, zeige Arabella unbegreiflicher- und pflichtvergessenerweise die entschiedenste Abneigung gegen seine Person.

»Ich glaube«, so schloß Herr Ben Allen, »ich glaube, es steckt eine frühere Neigung dahinter.«

»Haben Sie vielleicht eine Vermutung über die betreffende Person?« fragte Herr Winkle recht zögernd.

Herr Ben Allen ergriff das Schüreisen, schwang es nach Kriegerart über seinem Haupte, führte einen furchtbaren Schlag gegen einen in seiner Einbildung vorhandenen Hirnschädel und sagte in höchst bedeutsamem Tone, es sei sein einziger Wunsch, das erraten zu können.

»Ich würde ihm dann sagen, was ich von ihm denke«, sagte Herr Ben Allen und schwang aufs neue, noch drohender als zuvor, das Schüreisen.

All das mußte natürlich äußerst beschwichtigend auf die Gefühle des Herrn Winkle wirken, der ein paar Minuten lang stillschwieg, endlich aber sich den Mut faßte, zu fragen, ob Miß Allen in Kent sei?

»Nein, nein«, sagte Herr Ben Allen, das Schüreisen auf die Seite legend und sehr pfiffig dreinblickend: »Wardles Haus schien mir eben nicht der geeignetste Platz für ein widerspenstiges Mädchen. Da nun unsere Eltern tot sind und ich ihr natürlicher Beschützer und Vormund bin, so habe ich sie in der hiesigen Gegend auf ein paar Monate zu einer alten Tante gebracht, die in einem zwar etwas abgelegenen, aber dennoch recht hübschen Ort wohnt. Das soll sie schon kurieren, mein Freund. Wo nicht, so gehe ich ein Weilchen mit ihr ins Ausland und versuche, ob das nicht hilft.«

»Ah, die Tante ist also in Bristol?« stotterte Herr Winkle.

»Nein, nein: nicht in Bristol«, erwiderte Herr Ben Allen, den Daumen über seine rechte Schulter legend; »dort nach dieser Seite hin – da unten. Aber still jetzt; Bob kommt; kein Wörtchen, teuerster Freund, kein Wörtchen.«

So kurz diese Unterhaltung gewesen war, so versetzte sie doch Herrn Winkle in die peinlichste Aufregung und Angst. Die mutmaßliche frühere Neigung nagte in seinem Herzen. War er vielleicht der Gegenstand derselben? Konnte die schöne Arabella um seinetwillen den luftigen Bob Sawyer verächtlich angeblickt haben, oder hatte er einen glücklichen Nebenbuhler? Er beschloß, sie um jeden Preis zu besuchen; aber hier stellte sich ihm ein unüberwindliches Hindernis entgegen, denn er konnte schlechterdings nicht erraten, ob Ben Allens erklärende Worte: »dort nach dieser Richtung« und »da unten« eine Entfernung von drei, dreißig oder dreihundert Meilen zu bedeuten hatten.

Indes war ihm für den Augenblick keine Muße gestattet, seinen Liebesgedanken länger nachzuhängen; denn Bob Sawyers Rückkehr war der unmittelbare Vorläufer einer noch warmen Fleischpastete, und der Hausbesitzer bestand darauf, er müsse sie verzehren helfen. Eine Frau, die Herrn Bob Sawyers Haushälterin vorstellte, deckte den Tisch: ein drittes Paar Messer und Gabeln wurde von der Mutter des Jungen in der grauen Livree entlehnt (denn Herrn Sawyers häusliche Einrichtungen befanden sich noch auf einem beschränkten Fuße); sodann setzten sie sich zu Tisch, und das Bier wurde, wie Herr Sawyer bemerkte, in vaterländischem Zinn aufgetragen.

Nach dem Essen ließ Herr Bob Sawyer den größten Mörser aus dem Laden holen und begann einen dampfenden Rumpunsch darin zu brauen, wozu er die Materialien in kundiger Apothekerweise mit dem Stößel umrührte und verband. Herr Sawyer hatte als Junggeselle nur ein einziges Glas im Haus, das ehrenhalber für Herrn Winkle als den Gast bestimmt wurde. Ben Allen erhielt daher einen unten mit einem Kork zugestopften Trichter und Bob Sawyer begnügte sich mit einem jener weitrandigen, von einer Menge kabalistischer Zeichen bedeckten Glasgefäße, in denen die Apotheker den betreffenden Vorschriften gemäß ihre Flüssigkeiten auszumessen pflegen. Nachdem diese Präliminarien im reinen waren, wurde der Punsch gekostet und für vortrefflich erklärt. Sofort wurde der Beschluß gefaßt, Bob Sawyer und Ben Allen sollten die Erlaubnis haben, zwei Gläser zu trinken, bis Herr Winkle mit einem fertig würde, und nach allen diesen Einleitungen begannen sie mit großem Vergnügen und guter Kameradschaftlichkeit das Gelage.

Gesungen wurde nicht, weil Herr Bob Sawyer es mit der Würde seines Amtes für unverträglich hielt. Um sich jedoch für diese Entbehrung zu entschädigen, schwatzten und lachten sie so laut, daß man sie am Ende der Straße hören konnte und wahrscheinlich auch hörte. Diese Unterhaltung erheiterte auch dem Laufburschen wesentlich seine Arbeit und trug zu seiner ferneren Ausbildung bei; denn statt den Abend seiner gewöhnlichen Beschäftigung zu widmen, nämlich seinen Namen auf den Ladentisch zu schreiben und dann wieder auszulöschen, schaute er heute durch die Glastür, wo er genug zu hören und zu sehen bekam.

Herrn Bob Sawyers Lustigkeit wurde schnell zur Ausgelassenheit; Herr Ben Allen fiel in seine Sentimentalität zurück, und der Punsch war beinahe ganz verschwunden, als der Bursche hereinstürzte und meldete, es sei soeben ein junges Frauenzimmer gekommen und habe gesagt, Herr Sawyer, früher Nockemorf, möchte sogleich einen Patienten besuchen, der ein paar Straßen entfernt wohne. Das war das Signal zum Ende des Gelages. Herr Bob Sawyer verstand die Botschaft, nachdem man sie ihm etliche zwanzigmal wiederholt hatte, band ein nasses Tuch um seinen Kopf, um sich wieder nüchtern zu machen, was ihm auch einigermaßen gelang, setzte sofort seine grüne Brille auf und ging seinem Berufe nach. Trotz aller Bitten, bis zu seiner Rückkehr zu bleiben, nahm Herr Winkle, da er es rein unmöglich fand, mit Herrn Ben Allen eine vernünftige Unterhaltung über den Gegenstand, der seinem Herzen am nächsten lag, oder sonst über etwas anderes anzuknüpfen, Abschied und kehrte in den Busch zurück.

Die ängstliche Aufregung seines Gemüts und die zahllosen Gedanken, die Arabella in ihm hervorgerufen, verhinderten es, daß seine Portion aus dem Punschmörser die Wirkung hervorbrachte, die unter andern Umständen unausbleiblich gewesen wäre. Nachdem er daher noch im Schenkstübchen ein Glas Whisky mit Soda getrunken, begab er sich, durch die Vorfälle des Abends mehr entmutigt als aufgerichtet, in das Gastzimmer.

Vorn am Kamin saß ein langer Herr in einem großen Überrock, der ihm den Rücken zuwandte; sonst befand sich niemand in der Stube. Es war ein für diese Jahreszeit etwas kühler Abend, und der Herr schob seinen Stuhl auf die Seite, um dem neuen Gaste auch etwas vom Feuer zukommen zu lassen. Aber wer vermag Herrn Winkles Gefühle zu schildern, als er auf einmal das Gesicht und die Gestalt des rachsüchtigen, blutdürstigen Dowler erblickte!

Herrn Winkles erster Gedanke war, so stark wie möglich an der nächsten Klingelschnur zu ziehen; aber diese hing unglücklicherweise unmittelbar hinter Herrn Dowlers Kopf. Er hatte schon einen Schritt dahin getan, hielt aber auf einmal still, und als er das tat, zog sich Herr Dowler hastig zurück.

»Ach, Herr Winkle, seien Sie ruhig. Schlagen Sie mich nicht. Ich kann es nicht ertragen. Einen Schlag! Nein, nie!« sagte Herr Dowler, sah aber weit sanftmütiger aus, als Herr Winkle von einem so wilden Manne erwartet hatte.

»Einen Schlag, Sir?« stammelte Herr Winkle.

»Einen Schlag, Sir«, erwiderte Dowler. »Beruhigen Sie Ihre Gefühle. Setzen Sie sich. Hören Sie mich an.«

»Sir«, sagte Herr Winkle, von Kopf bis Füßen zitternd, »bevor ich mich darauf einlassen kann, ohne die Anwesenheit eines Kellners neben Ihnen oder Ihnen gegenüber zu sitzen, muß ich mich durch vorläufige Auseinandersetzung mit Ihnen verständigen. Sie haben gestern abend eine schreckliche Drohung gegen mich fallen lassen, Sir – ja, eine schreckliche Drohung, Sir!«

Bei diesen Worten wurde Herr Winkle leichenblaß und hielt inne.

»Allerdings«, sagte Dowler mit einem beinahe ebenso weißen Gesicht: »ich habe das allerdings getan. Die Umstände waren verdächtig; sie sind geklärt worden. Ich achte Ihre Tapferkeit. Ihre Gesinnung ist aufrichtig. Bewußte Unschuld. Hier ist meine Hand. – Nehmen Sie sie.«

»Wirklich, Sir«, versetzte Herr Winkle, unschlüssig, ob er seine Hand geben solle oder nicht, denn er fürchtete beinahe, es möchte eine Schlinge sein: »wirklich, Sir, ich –«

»Ich weiß, was Sie sagen wollen«, unterbrach ihn Dowler. »Sie fühlen sich beleidigt. Sehr natürlich. Es ginge mir auch so. Ich hatte unrecht. Ich bitte um Verzeihung. Seien Sie freundlich. Vergeben Sie mir.«

Mit diesen Worten ergriff Dowler gewaltsam Herrn Winkles Hand, schüttelte sie mit äußerster Heftigkeit, schwur, Herr Winkle sei ein Mann von außerordentlichem Mut, und er habe von ihm eine höhere Meinung als je.

»Jetzt«, sagte Dowler, »setzen Sie sich. Erzählen Sie alles. Wie fanden Sie mich? Wann sind Sie mir nachgereist? Seien Sie offen. Sprechen Sie.«

»Es ist ganz zufällig«, erwiderte Herr Winkle, in hohem Grade verblüfft über die sonderbare, unerwartete Art dieses Zusammentreffens: »reiner Zufall.«

»Freut mich«, sagte Dowler. »Ich wachte heute morgen auf. Ich hatte meine Drohungen vergessen. Ich lachte über die Geschichte. Ich hatte gar keine bösartigen Absichten. Ich sagte es auch sogleich.«

»Wem haben Sie es gesagt?« fragte Herr Winkle.

»Meiner Frau. – ›Du hast ein Gelübde getan‹, sagte sie. – ›Ja‹, sprach ich. – ›Es war recht unüberlegt‹, meinte sie. – ›Ich weiß wohl‹, sagte ich. ›Ich will es zurücknehmen. Wo ist er?‹«

»Wer?« fragte Herr Winkle.

»Sie«, erwiderte Dowler. »Ich ging die Treppe hinunter. Sie waren nicht zu finden. Pickwick sah recht ärgerlich aus. Schüttelte den Kopf. Hoffte, es würden keine Gewalttätigkeiten vorkommen. Ich sah alles ein, Sie fühlten sich beleidigt. Sie waren ausgegangen, vielleicht um einen Freund zu holen. Vielleicht auch um Pistolen. ›Großer Mut‹, sagte ich. ›Ich bewundere ihn.‹«

Herr Winkle hustete, und da er anfing, zu verstehen, was es geschlagen hatte, so nahm er eine höchst gewichtige Miene an.

»Ich habe ein Billett an Sie zurückgelassen«, fuhr Dowler fort. »Ich sagte, es tut mir leid. Es war auch so. Ein dringendes Geschäft rief mich hierher. Sie waren nicht zufrieden. Sie sind nachgereist. Sie verlangten eine nähere Erklärung. Sie haben recht gehabt. Jetzt ist alles vorbei. Mein Geschäft ist abgemacht. Morgen reise ich zurück. Gehen Sie mit mir.«

Je weiter Dowler in seiner Erklärung fortschritt, um so würdevoller wurde Herrn Winkles Antlitz. Die geheimnisvolle Art, wie ihre Unterhaltung anfing, war erklärt: Herr Dowler hatte ebenso viele Einwendungen gegen das Duell wie er selbst. Kurz und gut, dieser auftobende, schreckliche Mann war einer der herrlichsten Hasenfüße, so weit man um sich blickte. Er hatte Herrn Winkles Abwesenheit durch das Medium seiner eigenen Erschrockenheit betrachtet, hatte wirklich denselben Schritt getan wie jener und sich klüglich zurückgezogen, bis jede Aufregung des Gefühls sich gelegt haben konnte.

Als der wirkliche Stand der Sache in Herrn Winkles Kopf dämmerte, blickte er höchst furchtbar drein und sagte, er sei vollkommen befriedigt; er sagte das aber in einem Tone, woraus Herr Dowler notwendig schließen mußte, wenn dies nicht der Fall wäre, so hätte es unausweichbar zu einer höchst schauderhaften und zerstörenden Katastrophe kommen müssen. Herr Dowler schien von einem geziemenden Gefühl der Großmut und Herablassung des Herrn Winkle ergriffen zu sein, und die beiden kriegführenden Parteien verabschiedeten sich zur Nacht mit mannigfachen Versicherungen ewiger Freundschaft.

Ungefähr um halb ein Uhr, als Herr Winkle etliche zwanzig Minuten im vollen üppigen Genuß des ersten Schlafes geschwelgt hatte, wurde er plötzlich durch lautes Klopfen an seine Kammertür geweckt, das sich mit vermehrter Heftigkeit erneuerte und ihn veranlaßte, im Bett aufzuspringen und zu fragen, wer da sei und was es gäbe?«

»Erlauben Sie, Sir, es ist ein junger Mann da, der sagt, er müsse Sie sogleich sehen«, antwortete die Stimme des Stubenmädchens.

»Ein junger Mann?« rief Herr Winkle.

»Ja, Sie werden es sogleich zu wissen bekommen, Sir«, ertönte eine andere Stimme durch das Schlüsselloch, »und wenn dieser interessante junge Mensch nicht unverzüglich hineingelassen wird, so wäre es sehr wohl möglich, daß seine Beine vor seinem Kopf hineinkämen.«

Der junge Mann stieß nach dieser sanften Andeutung recht artig an eins der unteren Bretter der Tür, als wenn er seiner Bemerkung Kraft und Nachdruck geben wollte.

»Sind Sie's, Sam?« fragte Herr Winkle aus dem Bett springend.

»Nein unmöglich: einen Gentleman auch nur annähernd sicher zu erkennen, wenn man ihn nicht sieht, Sir«, erwiderte die Stimme dogmatisch.

Herr Winkle zweifelte nicht mehr, wer der junge Mann sei und öffnete die Tür. Auch hatte er es kaum getan, als Herr Samuel Weller mit großer Hast eintrat, sorgfältig von innen abschloß, mit großem Bedacht den Schlüssel in seine Westentasche steckte und, nachdem er Herrn Winkle von Kopf zu Fuß gemustert, also anhob:

»Sie sind ein sehr humoristischer junger Gentleman, Sir.«

»Was wollen Sie mit diesem Benehmen, Sam?« fragte Herr Winkle entrüstet. »Gehen Sie hinaus, Sir; im Augenblick! Was glauben Sie denn, Sir?«

»Was ich glaube?« erwiderte Sam. »Kommen Sie, Sir; das ist noch viel zu gut, wie die junge Dame sagte, als sie mit dem Pastetenbäcker Händel anfing, weil er eine Schweinspastete an sie verkaufte, wo das Inwendige nichts als lauter Fett war. Was ich glaube? Gut, ich glaube, daß das gar nicht so übel ist – gar nicht so übel.«

»Öffnen Sie die Tür und verlassen Sie sogleich dies Zimmer«, sagte Herr Winkle.

»Ich werde dieses Zimmer hier ganz in dem nämlichen Augenblick verlassen, Sir, wenn Sie es verlassen«, antwortete Sam in höchst eindringlichem Tone und setzte sich dabei mit vollendeter Gravität nieder. »Wenn ich es für nötig finde, Sie auf den Rücken zu packen und fortzuführen, so werde ich das letzte bißchen Zeit nehmen, das noch dazu da ist. Aber erlauben Sie mir, die Hoffnung auszudrücken, daß Sie mich nicht zu diesem Äußersten treiben werden: und wenn ich das sage, so fällt mir der Edelmann ein, der die widerspenstige Auster mit der Nadel nicht herausholen konnte und sagte, er fürchte, er müsse sie zusammenschlagen.«

Am Ende dieser für ihn ungewöhnlich langen Rede stemmte Herr Weller seine Hände auf die Knie und sah Herrn Winkle mit einem Ausdruck ins Gesicht, worin deutlich zu lesen war, daß er nicht die entfernteste Absicht habe, sich durch Ausflüchte abspeisen zu lassen.

»Sie sind ein zu Scherzen aufgelegter junger Mann, Sir«, fuhr Herr Weller im Tone moralischen Vorwurfs fort, »daß Sie unsern lieben Herrn in alle möglichen Torheiten verwickeln, während es doch sein Grundsatz ist, überall den geraden Weg zu gehen. Sie sind noch viel schlimmer, Sir, als Dodson, und was Fogg betrifft, so betrachte ich ihn als einen geborenen Engel gegen Sie.«

Nachdem Herr Weller diese seine letzte Empfindung mit einem nachdrücklichen Schlag auf beide Knie begleitet hatte, kreuzte er mit sehr entrüsteter Miene die Arme und warf sich in seinen Stuhl zurück, als erwartete er die Verteidigung des Verbrechers.

»Mein guter Junge«, sagte Herr Winkle, die Hand ausstreckend und mit den Zähnen klappernd, denn er hatte während der ganzen Lektion des Herrn Weller in einem leichten Nachtgewande dagestanden, »mein guter Junge, ich achte Ihre Anhänglichkeit an meinen vortrefflichen Freund, und es tut mir in der Tat sehr leid, ihm Ursache zum Kummer gegeben zu haben. Da, Sam, da!«

»Gut«, sagte Sam mürrisch, obgleich er die hingebotene Hand ehrerbietig schüttelte – »es darf Ihnen wohl leid tun, und mich freut es sehr, daß Sie mich hier getroffen haben: denn wenn ich ihm dazu helfen kann, so soll ihm keine sterbliche Seele einen Kummer machen.«

»Da haben Sie ganz recht, Sam«, erwiderte Herr Winkle. »Aber jetzt gehen Sie zu Bett und morgen früh wollen wir weiter über die Sache sprechen.«

»Es tut mir sehr leid«, erklärte Sam, »aber ich kann nicht zu Bett gehen.«

»Nicht zu Bett gehen?« wiederholte Herr Winkle.

»Nein«, sagte Sam, den Kopf schüttelnd, »es kann nicht sein.«

»Sie werden doch nicht in der Nacht zurückreisen wollen, Sam?« drängte Herr Winkle sehr überrascht,

»Nein, außer wenn Sie es absolut wünschen«, versetzte Sam, »aber ich darf dieses Zimmer hier nicht verlassen. Der Herr hat mir ganz ausdrückliche Befehle gegeben.«

»Unsinn, Sam«, sagte Herr Winkle. »Ich muß zwei oder drei Tage hier bleiben, und was mehr ist, Sam, Sie müssen auch hier bleiben, um mir zu einer Zusammenkunft mit einer jungen Dame zu verhelfen – nämlich, mit Fräulein Allen. Sie erinnern sich ihrer; ich muß und will sie sehen, bevor ich Bristol verlasse.«

Statt aller Antwort auf diese Vorschläge schüttelte Sam mit großer Festigkeit sein Haupt und erwiderte ausdrucksvoll:

»Es kann nicht sein.«

Nach manchen Argumentationen und Vorstellungen von Herrn Winkles Seite jedoch und nach einer umständlichen Auseinandersetzung über das Zusammentreffen mit Dowler begann Sam zu schwanken, und zuletzt kam ein Vertrag zustande, dessen Hauptbedingungen folgende waren:

Daß sich Sam entfernen und Herrn Winkle im ungestörten Besitz seines Zimmers lassen solle, jedoch mit der Erlaubnis, die Tür von außen zu schließen und den Schlüssel mitzunehmen; dagegen habe er, im Fall ein Feuer ausbrechen oder sonst eine Gefahr eintreffen sollte, die Tür sofort zu öffnen. Ferner solle am nächsten Morgen in aller Frühe dem Herrn Dowler ein Brief an Herrn Pickwick mitgegeben werden, worin Sam und Herr Winkle um Erlaubnis bitten, zu dem bereits bezeichneten Zwecke in Bristol zu bleiben und um Antwort mit der nächsten Postkutsche ersuchen: falle diese günstig aus, so sollen die besagten Parteien bleiben – wenn nicht, unmittelbar nach Empfang des Schreibens nach Bath zurückreisen. Endlich solle Herr Winkle gehalten sein und sich verpflichten, in der Zwischenzeit nicht durch das Fenster, den Kamin oder sonst auf hinterlistige Art zu entweichen.

Nachdem diese Punkte festgesetzt waren, schloß Sam die Tür und ging.

Er war beinahe die Treppen heruntergegangen, als er stehenblieb und den Schlüssel aus der Tasche zog.

»Das Niederschlagen habe ich ganz vergessen«, sagte Sam, sich halb zurückwendend. »Der Herr hat es doch ausdrücklich gesagt. O, ich Allerweltsdummkopf! Doch, es macht nichts«, setzte er, plötzlich sich klar werdend, hinzu: »es läßt sich ja morgen leicht nachholen.«

Durch diesen Gedanken augenscheinlich sehr getröstet, steckte Herr Weller den Schlüssel abermals in die Tasche, ging ohne weitere Gewissensbisse die paar Treppen vollends hinunter und verfiel bald darauf, gleich den übrigen Bewohnern des Hauses, in tiefe Ruhe.

 

 << Kapitel 7  Kapitel 9 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.