Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Charles Dickens >

Denkwürdigkeiten des Pickwick-Klubs. Zweiter Teil

Charles Dickens: Denkwürdigkeiten des Pickwick-Klubs. Zweiter Teil - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleDenkwürdigkeiten des Pickwick-Klubs. Zweiter Teil
publisherGutenberg-Verlag
addressHamburg
seriesDickens Werke
volume2
editorDr. Paul Th.Hoffmann
translatorDr. Carl Kolb
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100317
modified20180816
projectid36731a79
Schließen

Navigation:

Vierunddreißigstes Kapitel.

Herr Weller, der Ältere, teilt einige kritische Bemerkungen über ein literarisches Produkt mit, und übt mit Hilfe seines Sohnes Samuel eine kleine Wiedervergeltung an dem hochwürdigen Herrn mit der roten Nase

Am Morgen des 13. Februar, welcher Tag, wie die Leser dieser wahrhaftigen Erzählung so gut wie wir selbst wissen, dem unmittelbar voranging, an dem der Prozeß der Frau Bardell verhandelt werden sollte, hatte Herr Samuel Weller alle Hände voll zu tun. Er mußte nämlich unaufhörlich von morgens neun Uhr bis mittags zwei Uhr von dem Georg und Geier nach der Wohnung des Herrn Perker und wieder zurück gehen. Nicht als ob er etwas von besonderer Wichtigkeit zu erledigen gehabt hätte: denn die Beratung hatte bereits stattgefunden und alle zu nehmenden Maßregeln waren verabredet. Aber Herr Pickwick befand sich in äußerster Unruhe und schrieb seinem Anwalt unaufhörlich kleine Billetts, in denen bloß die Frage stand: »Lieber Perker, steht alles gut?« worauf Herr Perker einmal wie das andere unverändert erwiderte: »Lieber Pickwick, so gut wie möglich.« Übrigens konnte man, wie wir bereits angedeutet, noch nichts, weder Gutes noch Schlimmes sagen, bis die Sitzung des Gerichtshofs am folgenden Morgen vorüber war.

Aber freilich dürfen Leute, die nicht gern Prozesse führen oder dazu gezwungen werden, das erste Mal wohl etwas aufgeregt und ängstlich sein. Sam erfüllte mit allen gebührenden Rücksichten für die Schwachheiten der menschlichen Natur sämtliche Aufträge seines Herrn mit der unzerstörbaren guten Laune und der unbesiegbaren Seelenruhe, die zu seinen hervorstechendsten und liebenswürdigsten Eigenschaften gehörten.

Dann hatte er sich mit einem sehr angenehmen kleinen Mittagsmahl erquickt. Nun wartete er in der Schenkstube auf das warme Getränk, wodurch er sich Herrn Pickwicks Aufforderung gemäß nach den Mühseligkeiten seiner Morgenwanderung stärken wollte, als ein junger Bursche von etwa drei Fuß Höhe, dessen härene Mütze und barchente Überhosen, sowie seine ganze übrige Kleidung den lobenswerten Ehrgeiz verrieten, sich mit der Zeit zur Würde eines Stallknechts zu erheben, in den Hausflur des Georg und Geier trat, zuerst die Treppen, dann den Gang und endlich die Schenkstube durchmusterte, als suche er jemand, an den er einen Auftrag habe. Das Kellermädchen, das es für nicht unwahrscheinlich hielt, besagter Auftrag könne den Tee- und andern Löffeln gelten, rief dem Knaben zu:

»He da, Junge, was machst du hier?«

»Ist niemand namens Sam da?« fragte der Junge mit lauter Diskantstimme.

»Wie ist der Zuname?« fragte Sam, sich umblickend.

»Tjä, wie kann ich das wissen?« erwiderte der junge Herr unter der härenen Kappe barsch.

»Du bist ein hitziges Kerlchen, du«, sagte Herr Weller. »Aber ich würde an deiner Stelle die scharfe Kante nicht so sehr herauskehren, sie könnte dir einmal stumpf geschlagen werden. Wie kommst du dazu, in ein Hotel zu gehen und mit der Höflichkeit eines wilden Indianers nach einem Sam zu fragen?«

»Ein alter Herr hat es mich geheißen«, antwortete der Bursche.

»Was für ein alter Herr?« fragte Sam mit tiefer Verachtung.

»Der Herr, der die Postkutsche nach Ipswich führt und bei uns absteigt«, erwiderte der Knabe. »Er sagte gestern morgen zu mir, ich solle heute mittag in den Georg und Geier gehen und nach Sam fragen.«

»Das ist mein Vater, Schätzchen«, sagte Herr Weller mit einem erläuternden Blick auf die junge Dame in der Schenkstube: »ich glaube wahrhaftig, er weiß meinen Zunamen nicht mehr. Nun gut, was will er denn von mir, du Frechdachs?«

»Sie sollen«, erwiderte der Knabe, »heute abend um sechs Uhr nach unserm Hause kommen, wo er Sie zu sehen wünscht, – in den Blauen Bären auf dem Leadenhall-Markt. Soll ich sagen, daß Sie kommen werden?«

»Ja, Sie können das melden, Sir«, erwiderte Sam.

Und mit dieser Vollmacht entfernte sich der junge Gentleman, indem er sämtliche Echos in George Yard durch verschiedene keusche und äußerst korrekte Nachahmungen von Kutscherliedern aufweckte, die er mit einer wirklich sehr vollen und umfangreichen Stimme pfiff.

Nachdem Herr Weller Urlaub von Herrn Pickwick erhalten hatte, der in seinem Zustand der Aufregung und Angst gern allein blieb, machte er sich lange vor der bestimmten Stunde auf den Weg. Da er noch über hinreichende Zeit verfügte, schlenderte er nach Mansion House, machte dort halt und musterte mit der Ruhe eines Philosophen die zahllosen Kutschen, die dort standen. Sie treffen dort zusammen zum großen Schrecken und zur Beunruhigung der alten Damenwelt, die in diesem Viertel wohnt. Nachdem er dort etwa ein halbes Stündchen verweilt, kehrte Herr Weller um und begann durch eine Menge Nebenstraßen den Weg nach dem Leadenhall-Markt einzuschlagen. Da er nun seine überflüssige Zeit darauf verwandte, bei allen Gegenständen, die sich seinen Blicken darboten, stehenzubleiben und sie zu betrachten, so darf man sich nicht wundern, daß Herr Weller auch vor dem Fenster eines kleinen Buch- und Bilderhändlers halt machte. Das muß jedoch ohne weitere Erklärung auffallend erscheinen; denn Herr Weller fuhr beim Anblicke dieser zum Verkauf ausgestellten Bilder plötzlich zusammen, stieß mit dem rechten Fuß heftig auf den Boden und rief lebhaft aus:

»Hätte ich das nicht gesehen, so hätte ich wahrhaftig die ganze Geschichte vergessen, bis es zu spät gewesen wäre.«

Das Bild, an dem Sam Wellers Augen hingen, war ein mit starken Farben aufgetragenes Gemälde zweier durch einen Pfeil verbundener Menschenherzen, die auf einem lustigen Feuer gebraten wurden, indem ein Kannibale und eine Kannibalin, beide in modernem Schmuck, der Herr in einem blauen Frack und weißen Beinkleidern, die Dame in dunkelrotem Schal mit gleichfarbigem Sonnenschirm in der Hand, sich auf einem mit Kies bestreuten Schlangenpfade gierigen Blickes dem Mahle näherten. Ein entschieden unanständig gekleideter junger Herr mit ein paar Flügeln und sonst weiter nichts besorgte das Kochen. In einiger Entfernung erblickte man den Kirchturm von Langham Place. Das Ganze stellte einen Liebesbrief vor, wovon, laut der geschriebenen Ankündigung im Fenster, hier ein großes Lager vorrätig war. Der Buchhändler pries seinen Kunden das Stück zum herabgesetzten Preis von einem Schilling und sechs Pencen an.

»Ich hätte es vergessen; ich hätte es wahrhaftig vergessen«, sagte Sam, ging dann sogleich in den Laden und verlangte einen Bogen feines Briefpapier mit goldenem Rand, nebst einer hart geschnittenen Feder, die aber nicht spritzen dürfe. Nachdem er diese Artikel schnell erhalten, ging er, ganz anders als er gekommen war, mit eiligen Schlitten, nach dem Leadenhall-Markt. Hier sah er sich um und erblickte ein Schild, auf dem die Kunst des Malers etwas dargestellt hatte, das eine entfernte Ähnlichkeit mit einem himmelblauen Elefanten hatte. Der Elefant hatte nur statt des Rüssels eine Adlernase. Da Sam mit Recht schloß, dies sei leibhaftig der Blaue Bär, so trat er in das Haus und fragte nach seinem Vater.

»Er wird erst in drei Viertelstunden oder noch später kommen«, sagte die junge Dame, die den häuslichen Geschäften des Blauen Bären vorstand.

»Schön, mein Schatz«, antwortete Sam. »Haben Sie die Güte, mir für neun Pence Branntwein und Wasser und zugleich Schreibzeug zu geben.«

Das Verlangte wurde alsbald in das kleine Gastzimmer gebracht, und nachdem die junge Dame die Kohlen sorgfältig zusammengedrückt hatte, damit sie nicht zu hell lodern möchten, nahm sie das Schüreisen mit, um die Möglichkeit abzuschneiden, ohne vorher eingeholte Mitwissenschaft und Erlaubnis des »Blauen Bären« das Feuer noch mehr zu schüren. Sam Weller setzte sich an einen Tisch nahe am Kamin, zog sein goldgerändertes Briefpapier nebst der hartgeschnittenen Feder aus der Tasche. Sodann betrachtete er die Feder sorgfältig, ob sie nicht vielleicht ein Haar in der Spalte habe, blies den Tisch ab, um keine Brotkrumen unter das Papier zu bekommen, schlug seine Rockärmel zurück, legte seine Ellbogen auf und schickte sich an zu schreiben.

Für Damen und Herren, die sich in der Wissenschaft der Federführung keine praktischen Kenntnisse erworben haben, ist das Briefschreiben keineswegs eine leichte Aufgabe. Sie halten es in solchen Fällen für unumgänglich notwendig, daß der Schreibende seinen Kopf auf den linken Arm niederbeugt, so daß die Augen möglichst in gleicher Höhe mit dem Papier liegen, und daß, während Seitenblicke auf die eben entstehenden Buchstaben fallen, die Zunge die entsprechenden Laute ausspricht. So zweckmäßig und förderlich diese Bewegungen auch unbestreitbar für originelle Kompositionen sein mögen, so verzögern sie doch die Fortschritte des Verfassers einigermaßen. Sam hatte unbewußt schon volle anderthalb Stunden geschrieben, wobei er häufig mißratene Buchstaben mit seinem kleinen Finger auslöschte und neue an ihre Stelle setzte; dabei war oft große Nachhilfe nötig, um sie durch die alten Flecken hindurch sichtbar zu machen. Auf einmal wurde er durch das Aufgehen der Tür und den Eintritt seines Vaters in seinem Geschäft unterbrochen.

»Willkommen, Sammy!« sagte der Vater.

»Willkommen, Alter!« antwortete der Sohn, seine Feder niederlegend. »Wie lautet das letzte Bulletin von der Stiefmutter?«

»Frau Weller hatte eine recht gute Nacht; heute morgen aber ist sie äußerst launisch und widerwärtig; unterzeichnet: Tony Weller, Esquire. Das ist die letzte Nachricht, die ausgegeben wurde, Sammy«, antwortete Herr Weller, während er sein Halstuch löste.

»Also noch nicht besser?« fragte Sam.

»Im Gegenteil, alle Symptome sind schlimmer geworden«, entgegnete Herr Weller kopfschüttelnd. »Aber was hast du denn hier? – Willst du vielleicht gar ein gelehrter Mann werden? – He, Sammy?«

»Ich bin schon fertig«, sagte Sam etwas verlegen; »ich habe etwas geschrieben.«

»Das sehe ich«, erwiderte Herr Weller. »Aber hoffentlich doch nicht an ein junges Frauenzimmer, Sammy?«

»Warum soll ich es nicht sagen?« versetzte Sam. »Es ist ein Liebesbrief.«

»Was ist's?« rief Herr Weller, bei diesem Wort sichtbarlich von Schauder erfüllt.

»Ein Liebesbrief«, wiederholte Sam.

»Samuel! Samuel!« sagte Herr Weller in vorwurfsvollem Tone: »das hätte ich von dir nicht erwartet. Nach den Warnungen, die dir deines Vaters fehlerhafte Neigungen hätten sein sollen, nachdem ich dir so viel über diese Sache gesagt, nachdem du sogar deine Stiefmutter gesehen hast und mit ihr zusammen gewesen bist, was doch, dächte ich, eine moralische Lehre war, die niemand bis zu seinem Sterbestündchen vergessen sollte: ei, ei, Sammy – nach alledem hätte ich so etwas nimmermehr von dir erwartet.«

Diese Betrachtungen schienen den guten alten Mann zu überwältigen. Er führte Sams Krug an seine Lippen und trank ihn aus.

»Was ist es denn aber so Arges?« sagte Sam.

»Ja gewiß, Sammy«, erwiderte Herr Weller: »es wird für mich in meinen alten Tagen ein großes Leid sein. Aber ich bin, Gott sei Dank, schon ziemlich zäh geworden, und das ist noch mein Trost, wie der alte Truthahn bemerkte, als der Pächter sagte, er werde ihn wohl für den Londoner Markt schlachten müssen.«

»Was wird euch denn das für große Schmerzen machen?« fragte Sam.

»Wenn ich dich verheiratet sehen muß, Sammy: wenn ich in dir ein betörtes Schlachtopfer erblicken muß, das in seiner Unschuld glücklich zu werden glaubt«, erwiderte Herr Weller. »Ach, Sammy, das ist eine schreckliche Prüfung für ein Vaterherz.«

»Unsinn!« sagte Sam. »Ich will mich ja nicht verheiraten: also braucht Ihr Euch deswegen keine Sorgen zu machen: ich weiß, daß Ihr Euch auf solche Sachen versteht. Laßt Eure Pfeife kommen, und ich will Euch den Brief vorlesen.«

Wir können nicht mit Bestimmtheit sagen, ob es die Aussicht auf die Pfeife oder der tröstliche Gedanke war, daß ein unwiderstehlicher Heiratstrieb im Blut der Familie stecke, was Herrn Wellers Unruhe beschwichtigte und seinen Kummer verscheuchte. Wir möchten übrigens fast behaupten, daß dieses Resultat durch die Vereinigung beider Trostgründe erzielt wurde, denn er wiederholte den zweiten sehr häufig leise für sich, während er klingelte, um sich den ersten zu verschaffen. Sodann zog er seinen Überrock aus, zündete die Pfeife an und stellte sich mit dem Rücken gegen das Feuer, damit er dessen volle Hitze empfing und sich zugleich an das Kamingesims anlehnen konnte. Schließlich wandte er sich an Sam, und bat ihn mit einer durch den besänftigenden Tabak bedeutend aufgeheiterten Miene um Feuer.

Sam tauchte seine Feder ein, um sich zu allen nötigen Verbesserungen bereit zu halten, und begann mit theatralischen Pathos:

»›Liebliches –‹«

»Halt!« sagte Herr Weller klingelnd. »Ein Doppelglas von dem Bewußten, liebes Kind!«

»Ganz recht, Sir«, erwiderte das Mädchen, das mit großer Schnelligkeit erschien und verschwand, wieder erschien und wieder verschwand.

»Sie scheinen Euren Geschmack hier schon zu kennen«, bemerkte Herr Sam.

»Ja«, erwiderte sein Vater, »ich bin früher oft hier gewesen. Aber fahr nur jetzt fort, Sammy.«

»›Liebliches Wesen!‹« wiederholte Sam.

»Das sind am Ende gar Verse?« unterbrach der Vater.

»Nein, nein!« erwiderte Sam.

»Das freut mich«, sagte Herr Weller. »Verse sind etwas ganz Unnatürliches: es spricht niemand in Versen, außer der Büttel an Boxtagen, oder die Leute, die Warrens Schuhwichse oder Makassaröl ausschreien, und anderes solches Lumpengesindel. Laß es dir darum nie einfallen, in Versen zu sprechen.«

Herr Weller führte mit kritischer Feierlichkeit seine Pfeife wieder an den Mund. Sam aber begann aufs neue und las wie folgt:

»›Liebliches Wesen, ich fühle mich ganz beschmiert –‹«

»Das ist kein schicklicher Ausdruck«, sagte Herr Weller, die Pfeife aus dem Mund nehmend.

»Nein, es heißt nicht ›beschmiert‹«, wandte Sam ein, den Brief ans Licht haltend, »es heißt ›beschämt‹, es ist ein Tintenklecks da – ›ich fühle mich beschämt!‹«

»Sehr gut«, sagte Herr Weller: »nur weiter.«

»›Fühle mich beschämt und gänzlich ver –‹ Da weiß ich schon wieder nicht, wie das Wort heißt«, sagte Sam, während er in vergeblichen Bemühungen, seinem Gedächtnis nachzuhelfen, mit der Feder am Kopf kratzte.

»Warum siehst du nicht hinein?« fragte Herr Weller.

»Ich sehe freilich hinein«, antwortete Sam; »aber da ist schon wieder so ein Tintenklecks; ich erkenne blos ein v und ein e«.

»Verloren vielleicht?« meinte Herr Weller.

»Nein, das nicht«, sagte Sam, ›»verzaubert‹ – das ist's!«

»Das ist aber kein so gutes Wort als verloren, Sammy«, sagte Herr Weller ernsthaft.

»Meint Ihr nicht?« fragte Sam.

»Nein, gewiß nicht«, erwiderte sein Vater.

»Glaubt Ihr aber nicht, daß es eine stärkere Bedeutung hat?« fragte Sam weiter.

»Es mag vielleicht zärtlicher sein«, sagte Herr Weller nach einigem Bedenken. »Jetzt lies weiter, Sammy!«

»›Fühle mich beschämt und gänzlich verzaubert, indem ich an Sie schreibe, denn Sie sind ein gar zu hübsches Kind, wie es kein zweites gibt.‹«

»Das ist ein sehr hübscher Gedanke«, sagte Herr Weller senior, indem er die Pfeife aus dem Mund nahm, um seiner Bemerkung Platz zu machen.

»Ja, ich denke, es ist nicht übel«, bemerkte Sam, höchlich geschmeichelt.

»Was mir an dieser Art zu schreiben besonders gefällt«, sagte Herr Weller senior, »ist, daß keine solche fremde Namen darin vorkommen, keine Venusse und dergleichen: denn sag' einmal Sammy, wozu braucht man denn ein junges Mädchen eine Venus oder einen Engel zu heißen?«

»Ihr habt ganz recht«, erwiderte Sam.

»Ebensogut könntest du sie einen Greif oder ein Einhorn nennen, was doch bekanntlich bloß Fabeltiere sind«, fügte Herr Weller hinzu.

»Ganz richtig«, erwiderte Sam.

»Jetzt fahr fort, Sammy«, sagte Herr Weller.

Sam erfüllte diesen Wunsch und las, während sein Vater rauchend und mit einem höchst erbaulichen, gemischten Ausdruck von Weisheit und Wohlgefälligkeit ihm zuhörte.

»›Bevor ich Sie sah, meinte ich, alle Mädchen seien einander gleich –‹«

»Das sind sie aber auch«, bemerkte Herr Weller senior zwischendurch.

»›Jetzt aber‹«, fuhr Sam fort, »›sehe ich erst ein, was ich für ein hirnverrückter, abgeschmackter Dummerjan gewesen bin, denn es gibt kein Mädchen, das Ihnen gliche, und ich liebe Sie mehr als die andern alle zusammen.‹«

»Ich hielt es für gut, mich etwas stark auszudrücken«, sagte Sam aufschauend.

Herr Weller nickte beifällig. Sam las weiter:

»›So nehme ich mir denn, meine geliebteste Marie, das Privilegium dieses Tages – wie jener verschuldete Edelmann tat, als er Sonntags ausging – um Ihnen zu sagen, daß Ihr Bild sich das erste und einzige Mal, als ich Sie sah, weit schneller und in glänzenderen Farben meinem Herzen eindrückte, als je ein Bild von der Silhouettiermaschine aufgefaßt wurde. (Sie haben vielleicht auch schon davon gehört, liebste Marie, obgleich diese ein Portrait nebst Rahmen, Glas und Haken zum Aufhängen in zwei und einer Viertelminute fix und fertigt macht.)‹«

»Ich besorge beinahe, Sammy, dies streift wieder ans Poetische,« sagte Herr Weller bedenklich.

»Ganz und gar nicht«, erwiderte Sani, der jetzt sehr schnell las, um weitere Erörterungen über diesen Punkt zu vermeiden.

»›Nehmen Sie mich als Ihren Verehrer an, schönste Marie, und überlegen Sie, was ich gesagt habe. – Meine teuerste Marie, jetzt will ich schließen.‹ – Das ist alles«, setzte Sam hinzu.

»Das heiß ich aber gar zu schnell abgebrochen, Sammy«, meinte Herr Weller.

»Bewahre«, erklärte Sam. »Sie wird wünschen, es käme noch mehr, und eben darin besteht die große Kunst des Briefschreibens.«

»Nun gut«, antwortete Herr Weller; »das ist nicht ganz ohne, und ich wünschte nur, deine Stiefmutter möchte sich zu eben so vernünftigen Grundsätzen bekennen. Willst du deinen Namen nicht unterzeichnen?«

»Eben da steht die Kuh vorm neuen Tor«, sagte Sam: »ich weiß nicht, wie ich unterzeichnen soll.«

»Schreib: Weller«, erklärte der älteste der noch lebenden Träger dieses Namens.

»O nein«, sagte Sam. »Man darf einen Liebesbrief nie mit dem eigenen Namen unterzeichnen.«

»So schreib: Pickwick«, meinte Herr Weller: »das ist ein sehr hübscher Name und läßt sich auch leicht buchstabieren.«

»Ihr habt recht«, sagte Sam. »Da könnte ich auch mit einem Verse schließen. Was haltet Ihr davon?«

»Das will mir nicht gefallen, Sam«, versetzte Herr Weller. »Ich habe nie einen ehrenwerten Kutscher kennengelernt, der in Versen geschrieben hätte, außer einen. Der setzte in der Nacht, ehe er wegen Straßenraubs gehenkt wurde, herzzerbrechende Verse auf. Aber das war bloß ein CamberwellerCamberwell, Verwaltungsbezirk Londons, in dem heute viele Deutsche wohnen, die dort eine eigene Kirche haben., und muß also als eine Ausnahme betrachtet werden.«

Sam ließ sich jedoch von seiner poetischen Idee, die er sich einmal in den Kopf gesetzt hatte, nicht abbringen, und unterzeichnete den Brief:

»Von Lieb' berückt
Ihr Pickwick.«

Sodann faltete er das Schreiben auf höchst umständliche Art zusammen und schrieb in einem schiefen Winkel die Adresse: ›An Marie, Hausmädchen bei Herrn Mayor Nupkins, Ipswich, Suffolk‹. Dann versiegelte er es und steckte es in seine Tasche, um es selbst auf die Post zu tragen. Als dies wichtige Geschäft beendet war, kam Herr Weller senior auf das zu sprechen, weswegen er seinen Sohn hatte rufen lassen.

»Vor allem, Sammy«, sagte er, »wollen wir von deinem Herrn sprechen. Wird nicht sein Prozeß morgen verhandelt werden?«

»Allerdings«, erwiderte Sam.

»Schön«, sagte Herr Weller; »ich habe gedacht, er werde vielleicht einige Zeugen nötig haben, um seinen guten Ruf oder vielleicht auch ein Alibi nachzuweisen. Die ganze Geschichte ist mir lange im Kopfe herumgegangen, und er kann jetzt ganz ohne Sorgen sein, Sammy. Ich habe einige Freunde zusammengebracht, die beides für ihn tun wollen; nur wäre mein Rat der, man sollte auf dem guten Ruf nicht so fest bestehen und sich mit dem Alibi begnügen. Ich versichere dich, Sammy, es geht nichts über ein Alibi.«

Herr Weller blickte sehr gelehrt um sich, als er dieses sein Rechtsgutachten abgab; dann begrub er seine Nase in dem Humpen und blinzelte über den Rand desselben hinüber seinem erstaunten Sohne zu.

»Tja, was meint Ihr denn?« fragte Sam; »glaubt Ihr vielleicht, sein Prozeß werde in Old BaileyOld Bailey heißt in volkstümlicher Sprache das Londoner Hauptkriminalgericht mitten in der City. verhandelt werden?«

»Das kommt hier gar nicht in Betracht, Sammy«, entgegnete Herr Weller. »Die Sache mag abgehandelt werden, wo sie will, ein Alibi muß seine Freisprechung bewirken. Wir brachten Tom Wildspark, der auf Totschlag angeklagt war, mit einem Alibi los, als alle die gelehrten Perücken meinten, ihn könne nichts mehr retten. Wenn daher dein Herr kein Alibi nachweisen kann, so ist er futsch, wie die Italiener sagen.«

Da der ältere Herr Weller die feste und unabänderliche Überzeugung in sich trug, Old Bailey sei der oberste Gerichtshof des Landes, und nach seinen Rechten und Formen müssen sich alle übrigen richten, so achtete er sehr wenig auf die Versicherungen und Beweisgründe seines Sohnes, der ihm auseinandersetzen wollte, daß ein Alibi hier nichts nütze. Er behauptete mit großer Heftigkeit, in diesem Fall werde Herr Pickwick ein Opfer. Als Sam sich endlich überzeugt hatte, daß weiteres Streiten über diesen Gegenstand doch zu nichts führen würde, brach er ab und fragte nach dem zweiten Punkt, worüber sein verehrter Vater sich mit ihm zu beraten wünsche.

»Es betrifft die häuslichen Angelegenheiten, Sammy«, sagte Herr Weller. »Dieser Stiggins da –«

»Der Rotnasige?« fragte Sam.

»Ja, derselbe«, erwiderte Herr Weller. »Dieser rotnasige Schuft besucht deine Stiefmutter mit einer Freundlichkeit und Beharrlichkeit, die ihresgleichen sucht. Er ist ein solcher Freund unserer Familie, Sammy, daß es ihm außerhalb unseres Hauses nirgends wohl ist, wofern er nicht irgendein Andenken an uns hat.«

»An Eurer Stelle«, sagte Sam, »würde ich ihm einen Denkzettel auf den Rücken schreiben, den er mir die nächsten zehn Jahre nicht vergessen sollte.«

»Soll er auch bekommen«, fuhr Herr Weller fort; »ich wollte eben sagen, daß er jedesmal eine Flasche mitbringt, die anderthalb Maß hält, und sie mit Ananasgrog füllt, ehe er geht.«

»Und wahrscheinlich jedesmal leert, bevor er wiederkommt?« fragte Sam.

»Bis auf den letzten Tropfen«, erwiderte Herr Weller. »Er läßt nichts mehr darin, als den Korken und den Geruch. Diese Spitzbuben wollen heute nacht an der monatlichen Versammlung der Brick-Lane-Abteilung des vereinigten großen Ebenezer-Mäßigkeitsvereins teilnehmen. Deine Stiefmutter wollte auch hingehen, Sammy, allein sie hat sich erkältet und kann nicht; nun habe ich die beiden Einlaßkarten zu mir gesteckt, die ihr geschickt wurden.«

Herr Weller teilte dieses Geheimnis seinem Sohne sehr fidel mit und blinzelte ihm so unermüdlich zu, daß Sam beinahe glaubte, er habe einen Krampf in seinem rechten Augenlid.

»Was ist denn da zu tun?« fragte der junge Gentleman.

»Das will ich dir sagen«, fuhr sein Erzeuger fort, indem er sehr vorsichtig um sich blickte; »wir beide wollen heute abend zur rechten Zeit hingehen. Und der Hirtenhelfer will nicht, Sammy, der Hirtenhelfer will nicht.«

Hier fing Herr Weller wie närrisch an, aus vollem Halse zu lachen, und lachte so lange, wie es ein ältlicher Herr nur wagen kann, wenn er nicht geradezu ersticken will.

»Meiner Lebetage habe ich noch nie so einen komischen alten Kauz gesehen«, rief Sam, dem alten Herrn derb den Rücken reibend, als ob er Feuer herausschlagen wollte. »Bitte lacht Euch nur nicht zu Tode; bei Eurer Korpulenz kann leicht etwas passieren.«

»Sammy«, flüsterte Herr Weller, mit größerer Vorsicht um sich blickend; »ich muß dir etwas erzählen. Zwei von meinen Freunden, die auf der Oxforder Straße fahren und gerne einen lustigen Spaß machen, haben den Hirtenhelfer ins Schlepptau genommen, und wenn er in den Ebenezer-Verein kommt (woran gar nicht zu zweifeln ist; denn sie werden ihn bis an die Tür führen und nötigenfalls auch hineinschieben), so wird er so voll von Grog sein, wie er es nur jemals im Marquis von Granby gewesen ist, und das heißt gewiß hoch geschworen.«

Bei diesen Worten schlug Herr Weller senior abermals ein außerordentliches Gelächter an und verfiel aufs neue in einen Zustand teilweiser Erstickung.

Nichts hätte mit Sam Wellers Gefühlen und Wünschen mehr übereinstimmen können, als dieser Plan zur Entlarvung des rotnasigen Heuchlers, und da die Zeit zur Versammlung herannahte, so begaben sich Vater und Sohn miteinander auf den Weg nach Bricklane. Sam vergaß indessen nicht, seinen Brief sorglich auf einem Postbureau abzugeben.

Die monatlichen Versammlungen der Bricklane-Abteilung des vereinigten großen Ebenezer-Mäßigkeitsvereins wurden in einem weiten, freundlich und luftig gelegenen Saale gehalten, zu dem man auf einer sichern und bequemen Leiter hinaufklettern konnte. Präsident war der auf dem rechten Wege wandelnde Herr Anthony Humm, ein bekehrter Spritzenmann, derzeit Schulmeister und gelegentlich reisender Prediger. Das Sekretariat bekleidete Herr Jonas Mudge, Inhaber eines Kramladens, ein enthusiastisches, uneigennütziges Mitglied, das an die Gesellschaft Tee verkaufte. Vor dem Beginn der Geschäfte nämlich tranken die Damen, auf Bänken sitzend, so lange Tee, bis sie endlich glaubten, es sei Zeit aufzuhören, während auf dem mit einem grünen Tuche überzogenen Amtstische, jedermann sichtbarlich, eine große hölzerne Geldbüchse stand, und hinter ihr der Sekretär, der jeden neuen Zuwachs der darin verborgenen Kupfermünzsammlung mit holdseligem Lächeln quittierte.

An diesem Abend nun tranken die Damen wirklich unglaublich viel Tee zum großen Abscheu des Herrn Weller senior, der trotz aller warnenden Winke Sams mit dem unverstelltesten Erstaunen nach allen Richtungen herumglotzte.

»Sammy«, flüsterte Herr Weller, »wenn man nicht morgen früh mehrere von diesen Weibsbildern abzapfen muß, so bin ich dein Vater nicht, und damit Punktum. Sieh nur die Alte neben mir, die ersäuft sich wahrhaftig noch im Tee.«

»Könnt Ihr denn gar nicht ruhig sein?« murmelte Sam.

»Sam«, flüsterte Herr Weller einen Augenblick darauf im Tone tiefer Bewegung; »merke dir, was ich sage: wenn der Sekretär dorten nur noch fünf Minuten lang so fortmacht, so muß er bersten vor lauter Butterbroten und Wasser.«

»Ja, so laßt ihn doch, wenn es ihm Vergnügen macht«, erwiderte Sam; »es geht Euch doch nichts an.«

»Wenn es noch länger so fortgeht, Sammy«, flüsterte Herr Weller in demselben Tone weiter, »so halte ich es für meine Menschenpflicht, aufzustehen und mich an den Präsidenten zu wenden. Dort auf der dritten Bank sitzt ein junges Frauenzimmer, das bereits fünfzehn große Tassen getrunken hat; sie quillt ja schon sichtbarlich vor meinen Augen auf«.

Ohne allen Zweifel hätte Herr Weller seine wohlwollende Absicht sofort ausgeführt, hätte ihn nicht zum Glück das laute Geräusch, das durch Abräumen der Tassen und Kannen entstand, zum Bewußtsein gebracht, daß die Teezeit vorüber war. Nach Entfernung des Geschirres wurde der grüne Tisch mitten in den Saal gestellt, und die Geschäfte des Abends von einem sehr lebhaften kleinen Mann mit Kahlkopf und lichtbraunen Kniehosen begonnen, der schnell und mit augenscheinlicher Gefahr, seine zwei in besagte lichtbraune Hosen eingeschlossene Beinchen zu verlieren, die Leiter hinaufkletterte und also sprach:

»Meine Herren und Damen, ich mache den Vorschlag, daß unser vortrefflicher Bruder, Herr Anthony Humm, den Präsidentenstuhl einnehme.«

Die Damen ließen auf diesen Vorschlag eine auserlesene Sammlung von Taschentüchern wehen, und der unruhige kleine Mann brachte Herrn Humm im buchstäblichen Sinne des Wortes auf den Präsidentenstuhl, indem er ihn an den Schultern nahm und in einen Mahagonisessel warf, der wenigstens früher einmal ein derartiges Möbel vorgestellt hatte.

Das Wehen der Taschentücher erneuerte sich: und Herr Humm, ein Mann mit glattem, aber blassem Gesichte, der beständig schwitzte, verbeugte sich holdselig zur großen Verwunderung der Damen, und nahm sofort mit würdevoller Feierlichkeit seinen Sitz ein. Der kleine Mann in den lichtbraunen Hosen gebot sofort Stillschweigen, worauf Herr Humm sich erhob und sagte, mit Erlaubnis seiner versammelten Brüder und Schwestern aus der Bricklane-Abteilung werde der Sekretär den Bericht des Bricklane-Abteilungs-Komitees vorlesen – eine Ankündigung, die abermals mit einer Demonstration vermittels der Taschentücher aufgenommen wurde. Nachdem sich sofort der Sekretär auf eine sehr eindrucksvolle Art geräuspert und der Husten, der eine Versammlung jedesmal befällt, wenn etwas von besonderer Wichtigkeit vorgenommen werden soll, in bester Form vorübergegangen war, las er folgendes Dokument vor:

Bericht
des Komitees der Bricklane-Abteilung des vereinigten großen Ebenezer-Mäßigkeitsvereins.

»Ihr Komitee hat im verflossenen Monat seine dankbaren Arbeiten fortgesetzt, und kann mit unaussprechlichem Vergnügen folgende neue Bekehrungen zur Mäßigkeit mitteilen:

Herr Walker, Schneider, nebst seiner Frau und zwei Kindern. Er bekennt, in bessern Umständen täglich Ale und Bier getrunken zu haben, und weiß nicht mit Bestimmtheit anzugeben, ob er nicht seit zwanzig Jahren wöchentlich zweimal ›Hundsnase‹ genossen hat, ein Getränk, das den Nachforschungen unseres Komitees zufolge aus warmem Porter, Farinzucker, Wacholderbranntwein und Muskatnuß gebraut wird. (Stöhnen und ›das ist wahr‹ eines ältlichen Frauenzimmers.) Gegenwärtig ist er ohne Arbeit und ohne Geld; er glaubt, daran sei der Porter (Beifall) oder der Umstand schuld, daß er seine rechte Hand nicht mehr gebrauchen kann. Er ist zwar noch zweifelhaft darüber, hält es aber für sehr wahrscheinlich, daß, wenn er in seinem ganzen Leben nichts als Wasser getrunken hätte, sein Gesell ihn nicht mit einer verrosteten Nadel gestochen und dadurch sein Unglück herbeigeführt haben würde (stürmischer Beifall). Er hat jetzt nichts als kaltes Wasser zu trinken, und ist nicht mehr so durstig wie zuvor (lauter Beifall).

»Betsy Martin, Witwe mit einem Kind und einem Auge. Sie wäscht für Taglohn, hat nie mehr als ein Auge gehabt, weiß aber, daß ihre Mutter starkes Doppelbier trank und würde sich nicht wundern, wenn dieser unglückliche Umstand davon herrührte (ungemeiner Beifall). Sie hält es für unmöglich, daß sie, wenn sie sich stets geistiger Getränke enthalten hätte, dadurch den Gebrauch ihres andern Auges auch erlangt haben würde (stürmischer Zuruf). Sie erhielt gewöhnlich wo sie wusch täglich achtzehn Pence, eine Maß Porter und ein Glas Branntwein, hat aber, seitdem sie Mitglied der Bricklane-Abteilung geworden, statt dessen immer drei Schillinge und sechs Pence verlangt.« (Die Mitteilung dieses höchst interessanten Falles wurde mit betäubendem Enthusiasmus aufgenommen.)

Henry Beller – war viele Jahre hindurch Toastausbringer bei den Diners mehrerer Vereine und hat in dieser Zeit eine Menge ausländischer Weine getrunken, mag auch zuweilen eine Flasche oder zwei mit nach Hause genommen haben, weiß dies zwar nicht ganz gewiß, ist aber überzeugt, daß er, wenn er es tat, sie auch ausgetrunken hat. Er fühlt sich sehr niedergeschlagen und melancholisch, hat oft Fieber, leidet an beständigem Durst und glaubt, das müsse von seinem früheren Weintrinken herkommen (Beifall). Ist gegenwärtig ohne Beschäftigung und rührt unter keinen Umständen mehr einen Tropfen fremden Wein an. (Schallender Beifall.)

»Thomas Burton – versorgt den Lordmajor, die Sheriffs und mehrere Mitglieder des Magistrats mit Katzenfleisch« (atemlose Aufmerksamkeit, als der Name dieses Gentleman genannt wird), »hat ein hölzernes Bein, findet es kostspielig, damit über das Pflaster zu gehen, pflegte sich alte, gebrauchte hölzerne Beine zu kaufen und jeden Abend ein Glas heißen Wacholderbranntwein mit Wasser zu trinken – manchmal auch zwei (tiefe Seufzer). Fand, daß die alten, schon gebrauchten hölzernen Beine sehr schnell zersplitterten und faulten, und ist fest überzeugt, daß ihre Konstitution durch den Wacholderbranntwein mit Wasser untergraben wurde (anhaltender Beifall). Kauft sich jetzt neue hölzerne Beine und trinkt nichts als Wasser und schwachen Tee. Die neuen Beine halten zweimal so lang wie die andern, und er schreibt dies einzig und allein seiner gegenwärtigen Mäßigkeit zu.« (Triumphierendes Beifallsgeschrei.)

Anthony Humm machte jetzt den Vorschlag, ein Lied zu singen. Mit besonderer Rücksicht auf ihre geistlich-sittlichen Genüsse habe Bruder Mordlin die schönen Worte:

»Wer kennt ihn nicht, den lust'gen Fährmann«

einer alten wohlbekannten Volksmelodie angepaßt, und er bitte nun, ihn bei diesem Liede zu begleiten (großer Beifall). Zugleich nahm er Gelegenheit, seine feste Überzeugung auszusprechen, daß der selige Herr Dibdin, nachdem er die Irrtümer seines früheren Lebens eingesehen, dieses Lied geschrieben habe, um die Vorteile der Enthaltsamkeit darzutun. »Es ist«, sagte er, »ein Mäßigkeitslied« (Wirbelwind von Beifall). »Der schmucke Anzug des interessanten jungen Mannes, die Gewandtheit seiner Bewegungen, der beneidenswerte Gemütszustand, kraft dessen er, um mit den schönen Worten des Dichters zu sprechen

»Dahingerudert aller Sorgen bar.«

»All das vereinigt sich mit dem Beweise, daß er ein Wassertrinker gewesen sein muß (Beifall). O welch ein Zustand tugendhafter Fröhlichkeit! (Entzückter Beifall.) Und was war der Lohn des jungen Mannes? Mögen alle anwesenden jungen Männer es sich merken:

»Die Mädchen hüpften alle in sein Boot«

(Lauter Beifall, in den die Damen einstimmen.) Welch ein glänzendes Exempel! Die Mädchen scharten sich um den jungen Wassermann und umgaben ihn auf dem Pfad der Pflicht und der Mäßigkeit. Aber waren es blos Mädchen niedrigen Standes, die ihn erfreuten, trösteten und aufrecht erhielten? O nein!

»Den schönsten Frauen der Stadt war er das erste Ruder«

(Unermeßlicher Beifall.) Das zarte Geschlecht« – hier bat er eine Dame um Verzeihung – »sammelte sich um den jungen Fährmann und wandte sich mit Verachtung ab von dem Trinker geistiger Flüssigkeiten. (Beifall). Die Brüder der Bricklane-Abteilung wären die Fährleute. (Beifall und Gelächter). Dieser Saal wäre ihr Boot; diese Zuhörerschaft wären die Mädchen, und er (Herr Anthony Humm) sei, wiewohl unwürdig, ›das erste Ruder‹«. (Grenzenloser Beifall).

»Was meint er mit dem zarten Geschlecht, Sammy?« fragte Herr Weller leise.

»Die Damen«, sagte Sam ebenso leise.

»Da braucht er sich nicht so anzustrengen, Sammy«, fuhr Herr Weller fort: »sie müssen freilich ein zartes Geschlecht sein, ja ein sehr zartes und gebrechliches Geschlecht, wenn sie sich von solchen Gaunern am Narrenseil herumführen lassen.«

Einige weitere Bemerkungen des entrüsteten alten Herrn wurden schnell durch den Anfang des Liedes unterbrochen, das Herr Anthony Humm, immer zwei Zeilen auf einmal, für diejenigen Hörer vorsagte, die mit dem Text nicht bekannt waren. Während des Gesangs verschwand das kleine Männlein mit den lichtbraunen Hosen, kehrte aber, als das Lied zu Ende war, rasch zurück und flüsterte mit überaus wichtiger Miene Herrn Anthony Humm etwas ins Ohr.

»Meine Freunde und Freundinnen«, sprach Herr Humm, indem er bittend seine Hand emporhob, um diejenigen von den alten Damen, die noch um ein paar Zeilen zurück waren, zum Schweigen zu bringen, »meine Freunde und Freundinnen, ein Abgesandter der Dorkingerabteilung unserer Gesellschaft, Bruder Stiggins, wartet unten.«

Die Taschentücher flogen aufs neue heraus und wehten stärker als je, denn Herr Stiggins war bei den weiblichen Mitgliedern von Bricklane außerordentlich beliebt.

»Er mag kommen, dächte ich«, sagte Herr Humm, mit einem plumpen Lächeln um sich blickend. »Bruder Tadger, führen Sie ihn herauf, uns zu begrüßen.«

Der kleine Mann mit den lichtbraunen Kniehosen, der auf den Namen Bruder Tadger hörte, huschte schleunigst die Leiter hinab, und bald darauf vernahm man ihn in Begleitung des ehrwürdigen Herrn Stiggins heraufkommen.

»Er kommt, Sammy«, flüsterte Herr Weller, der vor unterdrücktem Lachen purpurrot im ganzen Gesicht wurde.

»Sagt nichts zu mir«, erwiderte Sam, »denn ich kann mich sonst nicht halten. Er steht dicht an der Tür. Ich höre, wie er den Kopf an die Latten und an die Wand schlägt.«

Während Sam Weller noch sprach, flog die kleine Tür auf, und herein trat Bruder Tadger, gefolgt von dem ehrwürdigen Herrn Stiggins, dessen Anblick mit gewaltigem Händegeklatsch, Fußgetrampel und Taschentücherwehen begrüßt wurde. – Freudenbezeugungen, die Bruder Stiggins nur dadurch erwiderte, daß er mit wirren Augen und starrem Lächeln nach dem Licht auf dem Tische hinglotzte, wobei er höchst unstet und unsicher seinen Körper hin und her bewegte.

»Sind Sie unwohl, Bruder Stiggins?« flüsterte Herr Anthony Humm ihm zu.

»O, ich bin ganz in Ordnung, Sir«, erwiderte Herr Stiggins in trotzigem Ton, aber mit sehr schwerer Stimme; »ich bin ganz in Ordnung, Sir«.

»Ah, sehr wohl«, sagte Herr Anthony Humm, einige Schritte zurückweichend.

»Ich hoffe, daß hier niemand sich unterstehen wird zu sagen, ich sei nicht ganz in Ordnung, Sir?« rief Herr Stiggins.

»O gewiß nicht«, sagte Herr Humm.

»Ich wollte es auch niemandem raten, Sir; ich wollte es niemandem raten«, lallte Herr Stiggins.

Inzwischen war die ganze Versammlung mäuschenstill geworden und sah mit Bangigkeit dem weiteren Verlauf der Dinge entgegen.

»Wollen Sie eine Rede an die Versammlung halten?« fragte Herr Humm mit einladendem Lächeln.

»Nein, Sir«, erwiderte Herr Stiggins; »nein, Sir; ich will nicht, Sir.«

Die Versammelten blickten einander mit großen Augen an, und ein Murmeln der Verwunderung lief durch den Saal.

»Meine Meinung, Sir, ist –« begann Herr Stiggins, indem er seinen Rock aufknöpfte, mit sehr lauter Stimme, »meine Meinung, Sir, ist – daß diese Versammlung betrunken ist, Sir. Bruder Tadger – Sir«, fuhr er fort, indem er immer wilder wurde und sich barsch gegen das kleine Männchen in den lichtbraunen Höslein umdrehte, »Sie sind betrunken, Sir.«

Da nun Herr Stiggins den löblichen Wunsch hegte, die Nüchternheit der Versammlung zu fördern und deshalb alle ungeeigneten Charaktere auszuschließen, schlug er nach Bruder Tadger und traf seine Nasenspitze mit solcher Sicherheit, daß die lichtbraunen Höslein wie ein Blitz verschwanden. Bruder Tadger war kopfüber die Leiter hinabgestürzt.

Jetzt erhoben die Frauenzimmer ein lautes Jammergeschrei, stellten sich in kleinen Abteilungen vor ihren Lieblingsbrüdern auf und schlangen die Arme um sie, um sie vor Gefahren zu schützen. Dieser Beweis von Zärtlichkeit wäre Herrn Humm beinahe schlecht bekommen, denn da er ungemein beliebt war, warfen sich ihm so viele fromme Schöne an den Hals und hingen sich so fest an ihn, daß er beinahe erstickt wäre. Der größere Teil der Lichter wurde ausgelöscht, und von allen Seiten hörte man nichts als Geschrei und wilden Lärm.

»Jetzt, Sammy«, sagte Herr Weller, mit großer Kaltblütigkeit seinen Überrock ausziehend, »jetzt geh hinaus und hole einen Polizisten.«

»Und was wollt Ihr einstweilen beginnen?« fragte Sam.

»Laß mich nur machen, Sammy«, erwiderte der alte Herr; »ich will inzwischen mit diesem Stiggins ein bißchen abrechnen.«

Und ehe noch Sam es verhindern konnte, war sein heroischer Vater in den entfernten Winkel des Saales gedrungen, wo er den ehrwürdigen Herrn Stiggins mit ungemeiner Handfertigkeit angriff.

»Kommt mit!« rief ihm Sam nach.

»Heran, du Halunke!« schrie Herr Weller seinem Gegner zu.

Und ohne weitere Aufforderung versetzte er dem ehrwürdigen Herrn Stiggins einen gewaltigen Faustschlag auf den Kopf und tanzte, während er ihn bearbeitete, so flink und lustig um ihr herum, wie man es von einem Herrn in seinem Alter nicht hätte erwarten sollen.

Da nun Sam alle seine Vorstellungen vergeblich fand, drückte er seinen Hut fest auf den Kopf, warf seines Vater Überrock über die Schultern, faßte den alten Mann fest um und zog ihn mit Gewalt die Leiter hinab und auf die Straße. Ja, er ließ ihn nicht eher los, und gönnte ihm keine Ruhe, bis sie die Ecke erreicht hatten. Von dort aus konnten sie das Geschrei der versammelten Volksmenge hören, die Zeuge der Abführung des ehrwürdigen Herrn Stiggins in ein wohlverwahrtes Nachtquartier war. Und sie konnten weiter den Lärm vernehmen, womit sich die Mitglieder der Bricklane-Abteilung des vereinigten großen Ebenezer-Mäßigkeitsvereins nach allen Richtungen zerstreuten.

 

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.