Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Charles Dickens >

Denkwürdigkeiten des Pickwick-Klubs. Zweiter Teil

Charles Dickens: Denkwürdigkeiten des Pickwick-Klubs. Zweiter Teil - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleDenkwürdigkeiten des Pickwick-Klubs. Zweiter Teil
publisherGutenberg-Verlag
addressHamburg
seriesDickens Werke
volume2
editorDr. Paul Th.Hoffmann
translatorDr. Carl Kolb
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100317
modified20180816
projectid36731a79
Schließen

Navigation:

Einundfünfzigstes Kapitel

Wie Herr Pickwick die Ausführung seines Auftrags beeilte und gleich im Anfang durch einen höchst unerwarteten Bundesgenossen Verstärkung erhielt.

Am andern Morgen pünktlich um dreiviertel neun Uhr waren die Pferde angespannt. Herr Pickwick und Sam Weller nahmen ihre Plätze ein, der eine in der Kutsche, der andere draußen auf dem Hintersitz, und dem Postillion wurde die gebührende Weisung erteilt, zunächst vor Herrn Bob Sawyers Hause vorzufahren, um daselbst Herrn Benjamin Allen abzuholen.

Als die Kutsche vor der Tür mit der roten Lampe und der weithin sichtbaren Inschrift »Sawyer, weiland Nockemorf« anhielt und Herr Pickwick seinen Kopf zum Fenster hinausstreckte, bemerkte er mit nicht geringer Verwunderung den Knaben in der grauen Livree sehr eifrig beschäftigt, die Läden zu schließen. Da nun dies zu solcher Morgenstunde ein höchst ungewöhnliches und für einen Geschäftsmann keineswegs geziemendes Verfahren war, so verfiel Herr Pickwick sogleich auf zwei Vermutungen: entweder müsse irgendein guter Freund oder Patient von Herrn Bob Sawyer gestorben sein oder Herr Bob Sawyer selbst Bankrott gemacht haben.

»Was gibt's da?« fragte Herr Pickwick den Jungen.

»Nichts, Sir«, erwiderte dieser, seinen Mund bis zur ganzen Breite seines Gesichts lachend dehnend.

»Alles in Ordnung«, rief Bob Sawyer, der plötzlich mit einer kleinen, dünnen, schmutzigen, ledernen Reisetasche in der einen Hand und einem groben Mantel nebst Halstuch über den Arm an der Tür erschien. »Ich komme sogleich, alter Freund.«

»Sie?« rief Herr Pickwick.

»Ja, ich!« erwiderte Bob Sawyer; »und wir werden eine ganz regelmäßige Expedition machen. Hier, Sam – geben Sie acht.«

Damit appellierte Herr Bob Sawyer kurzerhand an Herrn Wellers Aufmerksamkeit und warf die lederne Reisetasche in den äußeren Rücksitz, wo sie alsbald von Sam, der dieses Verfahren sehr erstaunt betrachtete, unter das Polster gebracht wurde. Hierauf arbeitete sich Bob Sawyer mit Hilfe des Jungen gewaltsam in den groben Mantel, der ihm um ein gutes zu eng war, trat sofort an das Kutschenfenster, steckte den Kopf hinein und lachte wie toll.

»Ein Hauptspaß, nicht wahr?« sagte Bob und wischte sich mit einem Ärmel des groben Mantels die Tränen aus den Augen.

»Mein lieber Herr«, erwiderte Herr Pickwick ziemlich verlegen, »ich erwartete nicht, daß Sie uns begleiten würden.«

»Das ist's ja eben«, sagte Bob, Herrn Pickwick am Rockflügel fassend. »Das ist ja eben der Spaß.«

»So, ein Spaß soll es sein?« fragte Herr Pickwick.

»Versteht sich«, erwiderte Bob. »Die ganze Sache, müssen Sie wissen, ist die, daß ich das Geschäft für sich selbst sorgen lasse, da es nun einmal für mich nicht sorgen zu wollen scheint.«

Bei dieser Erklärung des Phänomens mit den Fensterläden deutete Herr Bob Sawyer auf seine Apotheke und verfiel aufs neue in ausgelassene Lustigkeit.

»Sie werden doch wahrhaftig nicht so wahnsinnig sein, Ihre Patienten zu verlassen, ohne sie der Pflege eines andern zu übergeben?« wandte Herr Pickwick in sehr ernstem Tone ein.

»Ei, warum nicht?« fragte Bob dagegen. »Ich spare dadurch, müssen Sie wissen. Kein einziger bezahlt mich. Zudem«, setzte er hinzu und dämpfte seine Stimme zu einem vertraulichen Flüstern, – »wird es ihnen um kein Haar schlechter gehen; denn meine Arzneien sind bereits auf der Neige, und da ich eben jetzt nicht imstande bin, meine Rechnung zu vergrößern, so könnte ich dem einen wie dem andern nichts als Rizinusöl geben, und dies würde gewiß bei mehreren unangenehme Folgen haben – somit ist jetzt allen geholfen.«

In dieser Antwort lag eine Philosophie und eine Logik, auf die Herr Pickwick nicht vorbereitet war. Er schnappte einige Augenblicke nach Luft und fügte dann weniger entschieden als vorher hinzu:

»Aber, mein junger Freund, der Wagen ist nur zweisitzig, und ich muß Herrn Allen mitnehmen.«

»Seien Sie meinetwegen ohne Sorgen«, erwiderte Bob. »Ich habe schon alles bedacht; Sam und ich werden den Rücksitz miteinander teilen. Sehen Sie hier. Diesen Anschlag da hefte ich an die Ladentür: ›Sawyer, weiland Nockemorf. Zu erfragen gegenüber bei Frau Cripps.‹ – Frau Cripps ist die Mutter meines Burschen. – ›Es tut Herrn Sawyer sehr leid‹, sagt Frau Cripps, ›aber er konnte es nicht ändern – er wurde heute früh zu einer Beratung mit den berühmtesten Wundärzten auf das Land geholt – konnten ohne ihn nicht fertig werden – wollten ihn um jeden Preis haben – eine schreckliche Operation.‹ Die Wahrheit an der Sache ist«, fügte Bob schließlich hinzu, »daß ich den besten Erfolg davon erwarte. Kommt die Sache in eines der Lokalblätter, so bin ich ein gemachter Mann. Da kommt Ben – vorwärts Ben, hineingesprungen!«

Mit diesen schnell herausgehaspelten Worten stieß Herr Bob Sawyer den Postillion auf die Seite, hob seinen Freund in den Wagen, warf den Schlag zu, schlug die Fußtritte hinauf, klebte seinen Anschlag an die Haustür, verschloß sie, steckte den Schlüssel in die Tasche, schwang sich auf den äußeren Rücksitz, gab das Signal zum Abfahren, und tat das alles so im Handumdrehen, daß, bevor noch Herr Pickwick angefangen hatte, sich zu besinnen, ob Herr Bob Sawyer mitfahren solle oder nicht, der Wagen bereits mit Herrn Bob Sawyer davonrollte, der sich als Teil und förmliches Mitglied der Gesellschaft eingenistet hatte.

Solange sich ihre Fortschritte auf die Straßen von Bristol beschränkten, behielt der lustige Bob seine grüne Doktorbrille auf der Nase und benahm sich überhaupt mit gebührender Würde und voller Ernst, wobei er jedoch zum ausschließlichen Vorteil und Vergnügen des Herrn Samuel Weller verschiedene Witze zu reißen nicht unterlassen konnte. Als sie aber auf die offene Heerstraße gelangten, legte er seine grüne Brille und seine Gravität zugleich ab und führte eine Menge Späße aus, die wohl geeignet waren, die Aufmerksamkeit der Vorübergehenden zu erregen und den Wagen nebst seinem Inhalt zu Gegenständen einer mehr als gewöhnlichen Neugier zu machen. Zu seinen geringsten und am wenigsten auffallenden Taten gehörte die höchst lärmende Nachahmung der Töne eines Klapphorns sowie die prahlerische Entfaltung eines karmoisinroten Taschentuchs, das er an seinen Spazierstock band und mit allerlei Gebärden vornehmtrotziger Herausforderung gelegentlich in der Luft schwenkte.

»Ich möchte doch wissen«, sagte Herr Pickwick, mitten in einer höchst gesetzten Unterredung mit Ben Allen, die sich auf die zahlreichen guten Eigenschaften des Herrn Winkle und seiner Schwester bezog, innehaltend – »ich möchte doch wissen, was die Leute an uns zu bewundern haben, daß sie uns alle so anstarren.«

»Ei, das kann ich mir wohl denken«, erwiderte Ben Allen mit einigem Stolz in seinem Tone. »Eine solche Equipage sehen sie nicht alle Tage.«

»Möglich«, sagte Herr Pickwick; »das könnte sein.«

Herr Pickwick hätte sich sehr wahrscheinlich selbst in den Glauben eingewiegt, daß es so sei, hätte er nicht zufällig eben jetzt zum Kutschenfenster hinausgesehen und bemerkt, daß die Blicke der Vorübergehenden keineswegs eine ehrfurchtsvolle Bewunderung verrieten, und daß verschiedene telegraphische Verbindungen zwischen ihnen und einigen Personen auf dem Außensitz des Wagens obzuwalten schienen, worauf es ihm schnell klar wurde, diese Demonstrationen könnten irgendeine entfernte Beziehung auf das humoristische Benehmen des Herrn Robert Sawyer haben.

»Ich will doch hoffen«, sagte Herr Pickwick, »daß unser leichtfertiger Freund da draußen keine Abgeschmacktheiten begeht.«

»Gott behüte«, erwiderte Ben Allen. »Bob ist das ruhigste Geschöpf, das da lebt, wenn er nicht gerade ein Gläschen zuviel getrunken hat.«

In diesem Augenblick traf eine verlängerte Nachahmung des Klapphorns, gefolgt von einem lustigen Geschrei und lauten Gebrüll, alles offenbar aus der Kehle und Lunge des ruhigsten Geschöpfes, das da lebt, oder, um mich deutlicher auszudrücken, des Herrn Bob Sawyer, ihre Ohren. Herr Pickwick und Herr Ben Allen sahen einander bedeutungsvoll an. Ersterer nahm den Hut ab und lehnte sich beinahe mit dem halben Leib zum Kutschenfenster hinaus, wodurch er endlich in den Stand gesetzt wurde, seinen spaßhaften Freund ins Auge zu fassen.

Herr Bob Sawyer saß nicht auf dem Rücksitz, sondern auf dem Kutschendache und hatte seine Beine so weit auseinander gespreizt wie nur möglich. Er hatte Herrn Samuel Wellers Hut seitwärts auf den Kopf gedrückt, hielt in der einen Hand ein ungeheures Stück Butterbrot, in der andern eine stattliche, strohumflochtene Flasche und sprach mit innigem Behagen diesen beiden Gegenständen zu, wobei er sich die Eintönigkeit seiner Beschäftigung durch gelegentliches Geheul und Gebrüll oder durch den Austausch einiger lustigen, kurzweiligen Worte mit den nächsten besten Vorübergehenden unterhaltender zu machen suchte. Die karmoisinrote Flagge war mit großer Sorgfalt an die Lehne des Hintersitzes festgebunden, und Herr Samuel Weller saß mit Bob Sawyers Hut geschmückt im Zentrum desselben, ein zweites Butterbrot bearbeitend, und zwar mit so behaglichem Gesicht, daß seine gänzliche und vollkommene Zustimmung zu der ganzen Anordnung darin zu lesen war.

Das war genug, um die Galle eines Mannes von Herrn Pickwicks Schicklichkeitsgefühl rege zu machen. Aber es kamen noch mehr erschwerende Umstände hinzu; denn in diesem Augenblick fuhr eine sowohl innen als außen wohlbesetzte Postkutsche an ihnen vorüber, und die Passagiere gaben ihr Erstaunen auf eine sehr unzweideutige Art zu erkennen. Ebenso unangenehm waren die Gratulationen einer irischen Bettlerfamilie, die mit der Kutsche gleichen Schritt hielt, besonders ihres männlichen Oberhauptes, das zu glauben schien, es werde hier ein satirisch-politischer Triumphzug oder sonst etwas Ähnliches gefeiert.

»Herr Sawyer!« rief Herr Pickwick in großer Aufregung. »Herr Sawyer! – Sir!«

»Was beliebt?« antwortete dieser Gentleman mit der größten Kaltblütigkeit, auf der Seite des Wagens herabsehend.

»Sind Sie toll, Sir?« fragte Herr Pickwick.

»Ganz und gar nicht«, erwiderte Bob; »bloß lustig.«

»Lustig, Sir?« rief Herr Pickwick. »Nehmen Sie dieses skandalöse rote Tuch da herab. Ich bitte – ich bestehe darauf. Sam, nimm es hinweg.«

Ehe jedoch Sam sich ins Mittel legen konnte, strich Herr Bob Sawyer gutwillig seine Flagge, steckte sie in die Tasche, nickte Herrn Pickwick höflich zu, wischte den Mund der Flasche ab und setzte ihn an seinen eigenen, wodurch er Herrn Pickwick ohne allen unnötigen Wortaufwand zu verstehen gab, daß er ihm mit diesem Trank alles nur erdenkliche Glück und Heil wünsche. Als er das getan, pfropfte Bob mit großer Sorgfalt die Flasche wieder zu, sah mit holdseliger Freundlichkeit auf Herrn Pickwick nieder, nahm einen großen Bissen von dem Butterbrote und lächelte.

»Schon gut«, sagte Herr Pickwick, dessen augenblicklicher Ärger gegen Bobs unerschütterliche Seelenruhe nicht standzuhalten vermochte; »aber ich bitte, lassen Sie jetzt diese Albernheiten unterwegs, Sir.«

»Ja, das will ich«, erwiderte Bob, mit Herrn Weller den Hut austauschend; »ich habe es nicht so bös gemeint; aber die Fahrt hat mich so lustig gemacht, daß ich nicht anders konnte.«

»Bedenken Sie doch, was die Leute sagen werden«, fuhr Herr Pickwick fort; »Sie müssen doch auch den Anstand wahren.«

»Ja gewiß«, sagte Bob; »ich will es nicht mehr tun und ganz ruhig sein, mein Verehrtester.«

Zufrieden mit dieser Versicherung steckte Herr Pickwick seinen Kopf wieder in den Wagen hinein und ließ das Fenster herab; kaum aber hatte er die durch Herrn Bob Sawyer unterbrochene Unterhaltung wieder aufgenommen, als er einigermaßen erschreckt wurde durch das Erscheinen eines kleinen dunklen Körpers von länglicher Gestalt an der Außenseite des Fensters, der zu wiederholten Malen gegen dieses anschlug, als ob er ungeduldig Einlaß begehrte.

»Was ist das?« rief Herr Pickwick.

»Es steht aus wie eine Flasche«, bemerkte Ben Allen, den fraglichen Gegenstand mit einigem Interesse durch seine Brille betrachtend. »Ich glaube, sie gehört Bob.«

Die Vermutung war vollkommen richtig; denn Herr Bob Sawyer hatte die Flasche an das Ende seines Stocks gebunden und schlug damit an das Fenster, zum Zeichen, daß er seine Freunde drinnen in guter Kameradschaftlichkeit und Harmonie am Inhalt derselben teilnehmen zu lassen wünschte.

»Was soll das nun wieder?« sagte Herr Pickwick, die Flasche betrachtend. »Dies Benehmen ist noch weit abgeschmackter, als das vorige.«

»Es wird wohl das beste sein«, erwiderte Herr Ben Allen, »wir nehmen die Flasche herein und behalten sie; es geschieht ihm dann ganz recht.«

»Ja, allerdings«, sagte Herr Pickwick. »Soll ich?«

»Es wird sich wohl nichts anderes tun lassen«, erwiderte Ben.

Da dieser Rat vollkommen mit seiner eigenen Ansicht zusammenfiel, so ließ Herr Pickwick das Fenster sachte herab und machte die Flasche von dem Stocke los, worauf der Stock wieder hinaufgenommen wurde und sie Herrn Bob Sawyer herzlich lachen hörten.

»Ein Donnerwetterkerl!« sagte Herr Pickwick, mit der Flasche in der Hand seinen Gefährten anblickend.

»Ja, das ist er«, erwiderte Herr Allen.

»Man kann ihm unmöglich böse sein«, bemerkte Herr Pickwick.

»Nein, schlechterdings nicht«, erwiderte Benjamin Allen.

Während dieses kurzen Gesinnungsaustausches hatte Herr Pickwick in der Zerstreuung den Kork herausgezogen.

»Was ist darin?« fragte Ben Allen gleichgültig.

»Ich weiß es nicht«, erwiderte Herr Pickwick mit derselben Gleichgültigkeit. »Dem Geruch nach scheint es Punsch zu sein.«

»Ja, ohne Zweifel«, sagte Ben.

»Es scheint mir wenigstens so«, bemerkte Herr Pickwick, der sich jederzeit sehr gegen die Möglichkeit verwahrte, eine Unwahrheit zu sagen: »für gewiß kann ich es nicht zu behaupten wagen, ohne es versucht zu haben.«

»Nun, so tun Sie es«, sagte Ben: »dann kommen wir der Sache auf den wahren Grund.«

»Meinen Sie?« erwiderte Herr Pickwick. »Nun gut, wenn Sie es gerne wissen möchten, so habe ich nichts dagegen.«

Stets bereit, seine eigenen Gefühle den Wünschen seiner Freunde aufzuopfern, nahm Herr Pickwick einen ziemlich langen Schluck.

»Was ist es?« fragte Herr Ben Allen, ihn mit einiger Ungeduld unterbrechend.

»Sonderbar!« antwortete Herr Pickwick, mit den Lippen schmatzend: »ich weiß es selbst noch nicht. Doch ja«, fügte er nach einem zweiten Schluck hinzu, »es ist wirklich Punsch.«

Herr Ben Allen sah Herrn Pickwick an; Herr Pickwick sah Herrn Ben Allen an. Herr Ben Allen lächelte; Herr Pickwick lächelte nicht.

»Es würde ihm recht geschehen«, sagte Herr Pickwick mit einiger Strenge; »es würde ihm recht geschehen, wenn wir ihm alles bis auf den letzten Tropfen austränken.«

»Das meine ich auch«, bemerkte Ben Allen.

»Ja, ja«, versetzte Herr Pickwick. »Nun, so lassen Sie uns auf seine Gesundheit trinken.«

Mit diesen Worten nahm der vortreffliche Herr einen höchst energischen Zug aus der Flasche und übergab sie dann Ben Allen, der nicht säumte, sein Beispiel nachzuahmen. Das Lächeln wurde gegenseitig, und der Punsch allmählich und mit vielem Vergnügen ausgetrunken.

»Beim Lichte besehen«, sagte Herr Pickwick, als er den letzten Tropfen ausschlürfte, »sind seine Possen doch wirklich sehr lustig und unterhaltend.«

»Ja, das kann man nicht anders sagen«, erwiderte Herr Ben Allen.

Und zum Beweis, daß Bob Sawyer einer der drolligsten Burschen sei, die man finden könne, begann er Herrn Pickwick mit einer langen und umständlichen Erzählung zu unterhalten, wie Bob Sawyer sich einmal ein Fieber an den Hals getrunken und sich dann seinen ganzen Kopf abgeschoren habe; eine wirklich ergötzliche und anmutige Geschichte, deren Vortrag nur durch das Anhalten der Kutsche vor der Glocke in Berkeley Heath unterbrochen wurde, wo die Pferde gewechselt werden sollten.

»Wir werden hier doch zu Mittag speisen?« sagte Bob zum Fenster hineinsehend.

»Zu Mittag speisen?« erwiderte Herr Pickwick. »Ei, wir haben erst neunzehn Meilen zurückgelegt und müssen im ganzen siebenundachtzig und eine halbe machen.«

»Eben deshalb sollten wir uns in den Stand setzen, die Strapazen der Reise zu ertragen«, wendete Herr Bob Sawyer ein.

»Aber es ist ja rein unmöglich, um halb zwölf Uhr zu Mittag zu speisen«, erwiderte Herr Pickwick, auf seine Uhr sehend.

»Nun meinetwegen«, versetzte Bob; »so will ich es ein Lunch nennen. He da, Bursche! Ein Lunch für drei Personen; die Pferde können noch eine Viertelstunde im Stalle bleiben. Man soll alles Kalte, was die Küche vermag, auf den Tisch stellen, auch einige Flaschen Ale und von eurem besten Madeira.«

Nachdem Herr Bob Sawyer mit ungeheurer Wichtigkeit und großem Lärm diese Befehle erteilt hatte, eilte er sogleich ins Haus, um die Anordnungen zu überwachen; und noch ehe fünf Minuten vorüber waren, kam er zurück und erklärte, alles sei vortrefflich.

Die Qualität des Lunchs rechtfertigte vollkommen das von Bob ausgesprochene Lob; und nicht bloß dieser Gentleman, sondern auch Herr Ben Allen und Herr Pickwick ließen ihm alle Gerechtigkeit widerfahren. Unter den Auspizien dieses Kleeblattes waren die Flaschen Ale und Madeira bald geleert, und als man die Pferde wieder angespannt, sämtliche Passagiere ihre Sitze eingenommen und Bob die strohumflochtene Flasche mit dem besten Nachfolger seines früheren Punsches, den er in so kurzer Zeit erhalten konnte, angefüllt hatte, erschallte das Klapphorn aufs neue, und die rote Flagge wehte ohne den geringsten Widerspruch von seiten des Herrn Pickwick.

In der Hopfenstange zu Tewkesbury machten sie Mittag. Bei dieser Gelegenheit wurde noch mehr gepfropftes Ale, einige weitere Flaschen Madeira und überdies einiger Portwein getrunken, auch die strohumflochtene Flasche zum vierten Male wieder aufgefüllt. Über dem Einfluß dieser vereinigten Reizmittel schlummerten Herr Pickwick und Herr Ben Allen dreißig Meilen weit, während Bob und Herr Weller auf dem Rücksitze Duette sangen.

Es war schon ganz dunkel, als Herr Pickwick sich so weit aufraffte, um aus dem Fenster sehen zu können. Die einzeln stehenden Hütten an der Straße, die dunkle Farbe aller sichtbaren Gegenstände, die trübe Atmosphäre, die mit Schmiedekohlenasche und Ziegelmehl bestreuten Wege, das tiefrote Glühen der Ofenfeuer in der Ferne, die dicken Rauchwolken, die sich schwerfällig von den hohen Kaminen herauswälzten, alles ringsum schwärzend und verdunkelnd, die schweren Wagen, die sich, mit schwirrenden Eisenstäben beladen, oder mit sonstigen Frachtwaren bis oben angehäuft, langsam auf der Straße hinquälten – alles verkündete ihre schnelle Annäherung an die große Fabrikstadt Birmingham.

Als sie durch die engen Tore, die mitten in das Getümmel führen, hineinrasselten, wurden ihre Sinne mächtig angespannt durch den Anblick und das Getöse ernster Tätigkeit. Die Straßen waren voll von Arbeitern. Das Getöse harten Geschäftes drang aus jedem Hause hervor; Lichter glänzten von den langen Fensterflügeln der Dachstöcke her, und das Gewirbel der Räder sowie das Getöse der Maschinerien erschütterte die zitternden Wände. Die Feuer, deren trübselig bleicher Schein meilenweit sichtbar gewesen, brannten kräftig in den großen Fabriken und Arbeitshäusern der Stadt. Das Getöse der Hämmer, das Rauschen des Dampfes und das matte, schwerfällige Gerassel der Maschinen war die unliebliche Musik, die von allen Seiten herdrang.

Der Postillion fuhr rasch durch die offenen Straßen und an den hübschen, wohlbeleuchteten Läden vorbei, die zwischen den Vorstädten und dem alten Royal Hotel liegen, bevor Herr Pickwick angefangen hatte, sich über die höchst schwierige und kitzliche Natur des Geschäftes zu besinnen, das ihn hierher geführt.

Die Kitzlichkeit dieses Geschäftes und die Schwierigkeit, es befriedigend durchzuführen, wurden durch die freiwillige Gesellschaft des Herrn Bob Sawyer keineswegs verringert. Im Gegenteil fühlte Herr Pickwick, daß Bobs Anwesenheit, so gut gemeint und sonst angenehm sie auch sein mochte, keineswegs eine Ehre war, die er mit Willen selbst gewünscht hätte. Ja, er hätte gern eine ansehnliche Summe Geldes gegeben, wenn er Herrn Bob Sawyer unverzüglich auf nicht weniger als fünfzig Meilen hätte entfernen können.

Herr Pickwick kannte Herrn Winkle senior nicht persönlich, obgleich ihm dieser schon einige Male geschrieben und befriedigende Antworten auf seine Fragen betreffs des moralischen Charakters und Benehmens seines Sohnes von ihm erhalten hatte; auch fühlte er deutlich, daß, wenn er ihm das erstemal in Begleitung Bob Sawyers und Ben Allens, die beide etwas benebelt waren, besuchte, dies eben nicht das sinnreichste und praktischste Mittel sein dürfte, ihn für seine Zwecke sympathisch zu stimmen.

»Indes«, sagte Herr Pickwick, indem er sich zu beruhigen suchte; »ich muß es so gut machen, wie ich kann. Ich will noch heute abend zu ihm gehen, denn ich habe es heilig versprochen, und wenn sie darauf bestehen, mich zu begleiten, so muß ich den Besuch möglichst abkürzen, inzwischen aber mich mit der Hoffnung begnügen, daß sie sich um ihrer selbst willen anständig aufführen werden.«

Während er sich mit diesen Betrachtungen tröstete, hielt der Wagen vor dem Old Royal an. Ben Allen wurde dadurch teilweise aus seinem merkwürdig tiefen Schlafe erweckt und von Herrn Samuel Weller am Kragen herausgezogen; Herr Pickwick aber war selbst imstande auszusteigen. Sie wurden in ein behagliches Zimmer gewiesen, und Herr Pickwick fragte den Kellner sogleich nach Herrn Winkles Wohnung.

»Ganz in der Nähe, Sir«, sagte der Kellner; »nicht über fünfhundert Schritte. Herr Winkle ist Kajenmeister, Sir, am Kanal. Es ist keine Privatwohnung, Sir; nicht fünfhundert Schritte von hier, Sir.«

Hier blies der Kellner ein Licht aus und tat, als ob er es wieder anzünden wollte, um Herrn Pickwick Gelegenheit zu weitern Fragen zu geben, falls er Lust hätte.

»Befehlen Sie etwas, Sir?« fragte der Kellner endlich, indem er, in Verzweiflung über Herrn Pickwicks Schweigen, das Licht wieder anzündete. »Tee oder Kaffee, Sir? Ein Mittagessen?«

»Vorderhand nichts.«

»Sehr wohl, Sir. Wünschen Sie ein Nachtessen, Sir?«

»Für jetzt noch nicht.«

»Sehr wohl, Sir.«

Hier ging er sachte an die Tür, hielt aber schnell an, wandte sich um und sagte mit großer Freundlichkeit:

»Soll ich Ihnen das Kammermädchen schicken, meine Herren?«

»Ja, wenn Sie wollen«, erwiderte Herr Pickwick.

»Wenn Sie wollen, Sir.«

»Und bringen Sie auch etwas Sodawasser«, sagte Bob Sawyer.

»Sodawasser, Sir? Sehr wohl, Sir.«

Das Gemüt des Kellners war offenbar von einem überwältigenden Druck erlöst, weil er doch endlich irgendeine Bestellung erhalten hatte, und er verschwand unmerkbar. Kellner gehen oder laufen niemals; sie haben eine ganz eigentümliche, geheimnisvolle Gabe, zu den Zimmern hinauszuschweben, eine Gabe, die andere Menschenkinder nicht besitzen.

Nachdem durch das Sodawasser einige geringe Symptome von Lebenskraft in Herrn Ben Allen erweckt waren, ließ er sich herbei, Gesicht und Hände zu waschen, und endlich gestattete er auch Sam, ihn auszubürsten. Als nun Herr Pickwick und Bob Sawyer gleichfalls die Unordnung, die die Reise in ihren Aufzug gebracht, beseitigt hatten, brachen alle drei Arm in Arm auf, um zu Herrn Winkle zu gehen; wobei Bob Sawner unterwegs die Atmosphäre mit Tabakrauch schwängerte.

Etwa eine Viertelmeile vom Wirtshaus entfernt, in einer ruhigen, solid aussehenden Straße stand ein altes, aus roten Backsteinen gebautes Haus mit drei Staffeln vor der Tür und einem messingenen Schild darüber, das in dicken römischen Hauptbuchstaben das Wort »Winkle« enthielt. Die Staffeln waren sehr weiß, die Ziegel sehr rot, das Haus sehr niedlich, und hier standen Herr Pickwick, Herr Benjamin Allen und Herr Bob Sawyer, als die Glocke zehn Uhr schlug.

Ein hübsches Dienstmädchen erschien auf das Klopfen und fuhr zurück, als sie die drei Fremdlinge erblickte.

»Ist Herr Winkle zu Haus, mein liebes Kind?« fragte Herr Pickwick.

»Er hat sich soeben zu Tisch gesetzt, Sir«, erwiderte das Mädchen.

»Geben Sie ihm doch gefälligst diese Karte«, fuhr Herr Pickwick fort, »und sagen Sie ihm, es tue mir leid, ihn so spät noch stören zu müssen: allein es liege mir sehr viel daran, ihn heute nacht noch zu sehen, und ich sei soeben erst angekommen.«

Das Mädchen blickte schüchtern an Herrn Bob Sawyer hinauf, der durch allerhand wunderliche Grimassen seine Bewunderung für ihre persönlichen Reize ausdrückte: dann warf sie einen Blick auf die im Gange hängenden Hüte und Mäntel und rief einem andern Mädchen, um auf die Tür acht zu haben, während sie hinaufginge. Die Schildwache wurde bald abgelöst, denn das Mädchen kehrte im Augenblick zurück, bat die Herren um Verzeihung, daß sie sie auf der Straße gelassen habe, und führte sie in ein mit Teppichen geschmücktes Hinterzimmer, das halb eine Amtsstube, halb ein Toilettenzimmer zu sein schien, und worin die hauptsächlichsten, zum Nutzen und Schmuck dienenden Gerätschaftsartikel in einem Pult, einem Waschständer, nebst Rasierschüssel, einem Stiefelzieher, einem Schreibbock, vier Stühlen, einem Tisch und einer alten, acht Tage lang gehenden Uhr bestanden. Über dem Kamingesims befanden sich die eingesunkenen Türen eines eisernen Geldschrankes, während einige hängende Bücherständer, ein Wandkalender und mehrere Schichten bestaubten Papiers die Wände zierten.

»Es tut mir sehr leid, daß ich Sie vor der Tür stehen ließ«, sagte das Mädchen, indem sie eine Lampe anzündete, mit einem gewinnenden Lächeln zu Herrn Pickwick: »aber Sie waren mir ganz fremd, und es gibt so viele Landstreicher, die nur kommen, um zu sehen, ob sie nichts wegfischen können, so daß ich wirklich –«

»Sie brauchen sich nicht im geringsten zu entschuldigen, liebes Kind«, sagte Herr Pickwick freundlich.

»Nein, durchaus nicht, mein Schätzchen«, setzte Bob Sawyer hinzu, indem er liebkosend die Arme ausstreckte und von einer Seite nach der andern hüpfte, als wollte er die junge Dame verhindern, das Zimmer zu verlassen.

Die junge Dame ließ sich jedoch durch alle diese Lockungen nicht im mindesten zur Milde stimmen; denn sie drückte ein für allemal ihre Meinung dahin aus, Herr Bob Sawyer sei ein höchst widerwärtiger, unverschämter Mensch, und als er mit seinen Aufmerksamkeiten immer zudringlicher wurde, schlug sie ihm ihre schönen Finger ins Gesicht und rannte unter vielen Ausdrücken der Abneigung und Verachtung aus dem Zimmer.

Nachdem Herr Bob Sawyer der Gesellschaft der jungen Dame beraubt war, begann er sich die Zeit damit zu vertreiben, daß er in das Pult hineinschaute, sämtliche Schubfächer durchsuchte und scheinbar Anstalten machte, das Schloß des eisernen Geldschrankes aufzudrücken. Dann drehte er den Kalender mit der Vorderseite gegen die Wand, probierte Herrn Winkle seniors Stiefel über seine eigenen an und stellte mit den andern Hausgerätschaften auch sonst noch allerlei humoristische Experimente an, die Herrn Pickwick mit unaussprechlicher Angst und wahrem Schauder erfüllten, Herrn Bob Sawyer aber ungemeines Ergötzen bereiteten.

Endlich ging die Tür auf, und ein kleiner alter Herr in einem schnupftabakfarbigen Rock, mit einem Kopf und Gesicht, die, abgesehen von der Kahlheit, ein wahres Gegenstück vom Kopf und Gesicht des Herrn Winkle junior waren, wackelte, Herrn Pickwicks Karte in der einen und einen silbernen Leuchter in der andern Hand, ins Zimmer.

»Ah, guten Abend, Herr Pickwick?« begann Herr Winkle senior, den Leuchter wegstellend und seine Hand ausstreckend. »Ich hoffe, Sie recht wohl zu sehen. Freut mich sehr. Setzen Sie sich doch, Herr Pickwick; ich bitte, Sir. Dieser Herr ist –«

»Mein Freund, Herr Sawyer«, fiel Herr Pickwick ein, »und auch ein Freund von Ihrem Sohne.«

»Ah!« sagte Herr Winkle senior mit einem ziemlich grämlichen Blick auf Bob. »Wie geht es Ihnen, hoffentlich gut, Sir?«

»Wie dem Fisch im Wasser«, erwiderte Bob Sawyer.

»Der andere Herr hier«, fuhr Herr Pickwick fort, »ist, wie Sie aus dem mir anvertrauten Briefe ersehen werden, ein sehr naher Verwandter, oder, ich sollte vielmehr sagen, ein ganz intimer Freund Ihres Sohnes. Er heißt Allen.«

»Dieser Herr da?« fragte Herr Winkle, mit der Karte auf Ben Allen deutend, der auf einem Stuhle eingeschlafen war, so daß man nichts von ihm sah, als seinen Rücken und seinen Rockkragen.

Herr Pickwick war im Begriff, die Frage zu beantworten und Herrn Benjamin Allens Namen nebst seinem ehrenwerten Stand und andern ausgezeichneten Eigenschaften lang und breit herzuzählen, als der mutwillige Herr Bob Sawyer seinen Freund, um ihn zum Bewußtsein seiner Lage zu bringen, dermaßen in das Fleisch seines Armes kniff, daß er zusammenschrak und mit einem lauten Schrei in die Höhe sprang. Auf einmal bemerkte er, daß ein Unbekannter dastand, trat vor, schüttelte Herrn Winkle äußerst verbindlich gegen fünf Minuten lang beide Hände, murmelte in einigen halbverständlichen Satzfragmenten sein unendliches Vergnügen, ihn zu sehen, und überhörte die gastfreundliche Frage, ob er nicht vielleicht nach seinem weiten Gange eine Erfrischung annehmen wolle, oder ob er es vorziehe, bis zum Mittagessen zu warten. Dann setzte er sich wieder und starrte mit so glasigen Augen umher, als ob er nicht den entferntesten Begriff davon hätte, wo er sei; denn er wußte das auch wirklich nicht.

Dies alles brachte Herrn Pickwick in die peinlichste Verlegenheit, zumal da Herr Winkle senior das unverkennbarste Erstaunen über das exzentrische – um nicht zu sagen unanständige Benehmen seiner zwei Gefährten an den Tag legte. Um der Sache ein schnelles Ende zu machen, zog er einen Brief aus der Tasche und überreichte ihn Herrn Winkle senior mit den Worten:

»Hier ist ein Brief von Ihrem Sohne, Sir. Sie werden daraus ersehen, daß sein ganzes Lebensglück und seine ganze Wohlfahrt von Ihrer wohlwollenden und väterlichen Erwägung seines Inhaltes abhängt. Haben Sie die Güte, ihn ruhig und kaltblütig durchzulesen und nachher den Gegenstand in dem Tone und Geist mit mir zu besprechen, in dem dergleichen Dinge allein besprochen werden dürfen. Wie hochwichtig Ihre Entscheidung für Ihren Sohn ist, und mit welcher Angst er dieser entgegensieht, mögen Sie daraus schließen, daß ich Ihnen in so später Stunde ohne vorhergegangene Anmeldung und –« fügte Herr Pickwick mit einem flüchtigen Blick auf seine zwei Begleiter hinzu – »unter so ungünstigen Umständen meine Aufwartung mache.«

Nach diesem Vorspiel legte Herr Pickwick vier eng geschriebene Seiten extrasuperfeinen, flordünnen Briefpapiers in die Hände des erstaunten Herrn Winkle senior, setzte sich sofort wieder auf seinen Stuhl und beobachtete dessen Blicke und Benehmen zwar einigermaßen ängstlich, jedoch mit der offenen Stirn eines Mannes, der sich bewußt ist, nichts getan zu haben, was einer Entschuldigung oder Bemäntelung bedurfte.

Der alte Kajenmeister drehte den Brief um und um, besah ihn von vorn, von hinten und von den Seiten, stellte eine mikroskopische Untersuchung mit dem dicken Bübchen auf dem Siegel an, erhob seine Augen zu Herrn Pickwicks Gesicht, dann aber setzte er sich auf den Schreibbock, zog die Lampe näher zu sich, erbrach das Siegel, öffnete die Epistel, hielt sie hoch an das Licht und schickte sich an zu lesen.

Eben in diesem Augenblick legte Herr Bob Sawyer, dessen Witz einige Minuten lang geschlafen hatte, seine Hände auf seine Knie und schnitt ein Gesicht, wie man es ungefähr in den Bildern des seligen Herrn GrimaldiGiovanni Grimaldi aus Bologna (1606-1680) war ein berühmter Maler, der auch für Ludwig XIV. von Frankreich viele Aufträge ausgeführt hat. als Clown sehen kann. Nun fügte es sich, daß Herr Winkle senior, statt, wie Herr Bob Sawyer meinte, tief in die Lesung des Briefes versunken zu sein, über den Rand desselben hinaus- und zufällig niemand anders anschaute, als Herrn Bob Sawyer selbst. Da er nun mit Recht schloß, besagte Grimasse habe den Zweck, seine eigene Person lächerlich zu machen und zu verhöhnen, so heftete er seine Augen mit solch ausdrucksvoller Strenge auf Bob, daß die Züge des seligen Herrn Grimaldi sich allmählich wieder in einen recht hübschen Ausdruck der Demut und Beschämung auflösten.

»Haben Sie etwas gesagt, Sir?« fragte Herr Winkle senior nach einer unheimlichen Pause.

»Nein, Sir«, erwiderte Bob, der nichts mehr von dem Clown an sich hatte, als einzig und allein die feurige Röte seiner Wangen.

»Sie haben wirklich nichts gesagt, Sir?« fuhr Herr Winkle senior fort.

»O nein, ganz gewiß nicht, Sir«, erwiderte Bob.

»Ich meinte es doch, Sir«, versetzte der alte Herr mit unwilligem Nachdruck. »Aber Sie haben mich doch angeschaut, Sir?«

»Bitte um Vergebung, Sir; ganz und gar nicht«, erwiderte Bob mit äußerster Höflichkeit.

»Nun, freut mich, Sir«, sagte Herr Winkle senior.

Nachdem der alte Herr sofort dem gedemütigten Bob mit großer Würde noch einen Zornblick zugeworfen, hielt er den Brief wieder ans Licht und begann ihn mit vielem Ernste zu lesen.

Herr Pickwick betrachtete ihn mit großer Spannung, als er von der untersten Linie der ersten Seite auf die oberste der zweiten und von der untersten der zweiten auf die oberste der dritten und von der untersten der dritten auf die oberste der vierten überging. Aber nicht die geringste Veränderung auf seinem Gesichte gab einen Schlüssel zu den Gefühlen, mit denen er die Nachricht von seines Sohnes Verheiratung aufnahm, die, wie Herr Pickwick wußte, gleich in den ersten sechs Zeilen verkündet wurde.

Er las den Brief bis zum letzten Wort, legte ihn mit der ganzen Sorgfalt und Pünktlichkeit eines Geschäftsmannes wieder zusammen, und als Herr Pickwick endlich einen großen Ausbruch seiner Gefühle erwartete, tunkte er eine Feder in das Tintenfaß und sagte so ruhig, als ob es sich um den allergewöhnlichsten Geschäftsgegenstand handelte:

»Nathanaels Adresse, Herr Pickwick?«

»Gegenwärtig Georg und Geier«, erwiderte Herr Pickwick.

»Georg und Geier? Wo ist das?«

»George-Yard. Lombardstraße.«

»In der City?«

»Ja.«

Der alte Herr schrieb mechanisch die Adresse auf den Rücken des Briefes, legte ihn dann in sein Pult, verschloß dasselbe und sagte, als er vom Bock aufstand und den Schlüsselbund in seine Tasche steckte:

»Sie haben ohne Zweifel nichts mehr zu sagen, was uns aufhalten könnte, Herr Pickwick?«

»Ganz und gar nichts, mein teurer Sir«, bemerkte der warmherzige Mann in unmutigem Erstaunen; »ganz und gar nichts! – Aber beliebt es Ihnen nicht vielleicht, Ihre Meinung über dieses wichtige Ereignis im Leben unseres jungen Freundes gegen mich auszusprechen? Wollen Sie ihm nicht vielleicht durch mich die Versicherung Ihrer fortdauernden Liebe und Unterstützung zukommen lassen? Haben Sie ihm nichts zu sagen, was ihn und die junge Dame, die angstvoll Trost und Ermutigung bei ihm sucht, erfreuen und aufrechterhalten könnte? Überlegen Sie es doch, mein teurer Herr.«

»Ich werde es allerdings überlegen«, antwortete der alte Gentleman: »für den Augenblick aber habe ich nichts zu sagen. Ich bin ein Geschäftsmann, Herr Pickwick; ich lasse mich nie über Hals und Kopf in eine Sache ein, und soweit mir diese bekannt ist, will sie mir durchaus nicht gefallen. Tausend Pfund ist nicht viel, Herr Pickwick.«

»Sie haben vollkommen recht, Sir«, fiel Ben Allen ein, der gerade wach genug war, um sich zu erinnern, daß er seine tausend Pfund ohne die geringste Schwierigkeit untergebracht hatte. »Sie sind ein gescheiter Mann. Bob, der Herr da ist wahrhaftig nicht auf den Kopf gefallen.«

»Ich schätze mich sehr glücklich, daß Sie mir diese Gerechtigkeit widerfahren lassen, Sir«, sagte Herr Winkle senior mit einem verächtlichen Blick auf Ben Allen, der eben bedächtig seinen Kopf schüttelte. »Die Sache ist die, Herr Pickwick: als ich meinem Sohn die Erlaubnis gab, auf ein Jahr zu reisen und sich in der Welt umzusehen (was er unter Ihren Auspizien getan hat), damit er nicht wie ein soeben der Schule entschlüpfter Milchbart ins Leben treten und sich vom nächsten besten übers Ohr hauen lassen sollte, da habe ich dies durchaus nicht mit in den Kauf genommen. Er weiß es sehr gut, und wenn ich jetzt die Hand von ihm abziehe, so hat er kein Recht, sich zu verwundern. Er soll von mir hören, Herr Pickwick. Gute Nacht, Sir. Margarete, öffne bitte die Tür.«

Bob Sawyer hatte die ganze Zeit über Herrn Ben Allen mit dem Ellbogen gestoßen, damit er ein begütigendes Wort sprechen sollte, und demgemäß hob jetzt Ben, ohne die geringste vorläufige Bemerkung, eine kurze, aber nachdrucksvolle Rede an:

»Sir«, sagte Herr Ben Allen, den alten Gentleman recht trist ansehend und heftig gestikulierend, »Sir – Sie sollten sich vor sich selber schämen.«

»Als der Bruder der jungen Dame sind Sie natürlich ein vortrefflicher Richter in der Sache«, versetzte Herr Winkle senior. »Gut, schon genug. Ich bitte, kein Wort mehr, Herr Pickwick. Gute Nacht, meine Herren.«

Mit diesen Worten nahm der Alte den Leuchter, öffnete die Tür und bewegte sich gemessenen Schrittes dem Gange zu.

»Sie werden es bereuen, Sir«, sagte Herr Pickwick, die Zähne zusammenbeißend, um seinen Zorn niederzuhalten; denn er fühlte, wie wichtig dieser Auftritt für seinen jungen Freund sein mußte.

»Ich bin vorderhand einer anderen Meinung«, erwiderte Herr Winkle senior kaltblütig. »Noch einmal, meine Herren, ich wünsche Ihnen gute Nacht.«

Herr Pickwick ging mit zornigen Schritten auf die Straße. Herr Bob Sawyer, durch die Entschiedenheit des alten Herrn gänzlich niedergedrückt, trollte nach; Herrn Ben Allens Hut war unmittelbar darauf die Treppe hinuntergerollt, und Herrn Ben Allens Körper folgte ebenfalls gleich. Alle drei gingen stumm und ohne Abendessen zu Bett, und Herr Pickwick dachte noch vor dem Einschlafen, wenn er gewußt hätte, daß Herr Winkle senior so durch und durch ein Geschäftsmann wäre, so würde er höchstwahrscheinlich niemals in einem solchen Auftrag zu ihm gegangen sein.

 

 << Kapitel 19  Kapitel 21 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.