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Denkwürdigkeiten des Pickwick-Klubs. Zweiter Teil

Charles Dickens: Denkwürdigkeiten des Pickwick-Klubs. Zweiter Teil - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleDenkwürdigkeiten des Pickwick-Klubs. Zweiter Teil
publisherGutenberg-Verlag
addressHamburg
seriesDickens Werke
volume2
editorDr. Paul Th.Hoffmann
translatorDr. Carl Kolb
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Dreiunddreißigstes Kapitel.

Beschreibt ausführlicher, als es die Staatszeitung je getan hat, eine lustige Abendgesellschaft, die Herr Bob Sawyer in seiner Wohnung im Borough gibt.

In der Gegend von Lantstreet herrscht eine Ruhe, die die Seele mit einer Art von Melancholie überschattet. In dieser Straße sind immer eine Menge Häuser zu vermieten; dazu handelt es sich um eine Nebenstraße, die immer in liebliches Helldunkel gehüllt ist. Ein Haus in Lantstreet würde den Namen einer Residenz erster Klasse im strengen Sinne des Wortes nicht rechtfertigen, aber trotzdem gehört sie zu den Gegenden, die wir jedermann empfehlen können. Hat jemand Lust, sich von der Welt zurückzuziehen, sich aus dem Bereiche der Verführung zu entfernen, der Möglichkeit einer Versuchung zu entgehen, zum Fenster hinauszusehen, so müssen wir ihm angelegentlichst raten, eine Wohnung in Lantstreet zu beziehen.

In dieser glücklichen Zurückgezogenheit haben sich einige Kleisterfabrikanten, eine Gesellschaft von Buchbindergesellen, ein paar Agenten für den Konkursgerichtshof, einige Hausbesitzer von geringerer Ordnung, die auf den Werften verwendet werden, mehrere Damenschneider und sonst noch Zuschneider angesiedelt. Die Mehrzahl der Inwohner richtet ihre Tätigkeit unmittelbar auf die Vermietung möblierter Zimmer zu, oder widmet sich dem gesunden und stärkenden Geschäfte des Mangelns.

Die Hauptschöpfungen in der leblosen Natur der Straße sind grüne Fensterläden, Mietzettel, messingene Türplatten und Glockenzüge; die Hauptarten der belebten sind der Küchenjunge, der Semmelbube und der Kartoffelmann. Die Einwohner sind eine Art von Zugvögeln, sie verschwinden gewöhnlich am Ende der Quartals und meistens zur Nachtzeit. Die Einkünfte seiner Majestät werden in diesem Paradiese nur selten eingesammelt, die Renten sind unsicher und die Wasserleitung wird sehr häufig entzogen.

An dem Abend, zu dem Herr Pickwick eingeladen worden war, zierte Herr Bob Sawyer im Vorderzimmer seines Erdgeschosses die eine und Herr Ben Allen die andere Seite des Kamins. Die Vorbereitungen zur Aufnahme der Gäste schienen bereits vollendet. Die Regenschirme im Hausgange waren in der kleinen Ecke vor der Stubentür untergebracht, die Haube und der Schal des Dienstmädchens vom Treppengeländer entfernt, nur zwei Paar Überschuhe standen auf der Strohmatte an der Haustür, und auf dem Gesimse des Treppenfensters brannte ein munteres Küchenlicht mit einer sehr langen Schnuppe. Herr Bob Sawyer hatte die Getränke in einem Weingeschäft in der Highstreet selbst gekauft und die Träger der Ware nach Hause begleitet, um der Möglichkeit der Ablieferung in einem unrechten Hause vorzubeugen. Der Punsch stand fertig in einem roten Topf im Schlafgemach. Ein mit grünem Tuch bedecktes Tischchen war von einem Mitbewohner des Hauses geborgt worden, um als Spieltisch verwendet zu werden. Die Gläser des Etablissements aber, samt denen, die man aus einem Wirtshause entlehnt hatte, waren alle auf einem Tisch aufgestellt, der auf dem Treppenplatz vor der Tür stand.

Trotz der höchst befriedigenden Art all dieser Anordnungen lag eine Wolke auf Herrn Bob Sawyers Gesicht, als er am Feuer saß. Auch die Züge Herrn Ben Allens trugen das gleiche Gepräge, während er aufmerksam auf die Kohlen starrte, und seine Stimme hatte etwas Melancholisches, als er nach langem Stillschweigen also sprach:

»Nun, es ist doch fatal, daß sie sich gerade bei dieser Gelegenheit in den Kopf gesetzt hat, böse auszusehen. Sie hätte wenigstens bis morgen warten können.«

»Das ist lauter Bosheit«, versetzte Herr Bob Sawyer heftig: »das ist lauter Bosheit. Sie sagt, wenn ich Gesellschaft geben könne, so müsse ich auch imstande sein, ihre verdammt kleine Rechnung zu bezahlen.«

»Wie lange läuft sie denn jetzt?« fragte Herr Ben Allen.

Eine Rechnung ist beiläufig gesagt das trefflichste Perpetuum mobile, das der menschliche Scharfsinn je erfunden hat. Sie würde das längste Menschenleben lang laufen, ohne je aus eigenem Antrieb stehenzubleiben.

»Nur etwa einen Monat über ein Vierteljahr«, erwiderte Herr Bob Sawyer.

Ben Allen hustete hoffnungslos und lichtete einen forschenden Blick auf den Berührungspunkt der beiden Stangen am Ofen.

»Es wäre doch eine verdammte Geschichte, wenn sie sich in den Kopf setzen würde, vor der Gesellschaft hier aufzubegehren, nicht wahr?« sagte endlich Herr Ben Allen.

»Schauderhaft«, versetzte Bob Sawyer, »schauderhaft.«

Ein leises Pochen ließ sich an der Zimmertür hören. Herr Bob Sawyer warf seinem Freund einen bedeutsamen Blick zu und rief: »Herein!« worauf ein schmutziges und schlumpiges Mädchen in schwarzen Baumwollenstrümpfen, die für die verwahrloste Tochter eines dienstunfähigen Straßenkehrers in sehr zurückgekommenen Umständen gelten konnte, den Kopf hereinsteckte und sagte:

»Verzeihung, Herr Sawyer, Frau Raddle wünscht Sie zu sprechen.«

Ehe Herr Bob Sawyer etwas erwidern konnte, verschwand das Mädchen plötzlich mit einem gellenden Schrei, wie wenn ihr jemand von hinten einen heftigen Stoß versetzt hätte. Unmittelbar nach diesem geheimnisvollen Verschwinden erfolgte ein abermaliges Klopfen an die Tür – ein kurzes, entschiedenes Klopfen, das zu sagen schien: »Hier bin ich und ich werde hineinkommen.«

Herr Bob Sawyer starrte seinen Freund mit einem Blick hoffnungsloser Angst an und rief abermals:

»Herein!«

Der Hereinruf wäre indessen nicht notwendig gewesen, denn ehe Herr Bob Sawyer das Wort ausgesprochen hatte, stürzte ein trotziges Weiblein ins Zimmer, an allen Gliedern zitternd vor Zorn und blaß vor Wut.

»Nun, Herr Sawyer«, sagte das trotzige Weiblein, indem sie sich bemühte, möglichst ruhig zu erscheinen: »wenn Sie die Güte haben wollen, meine kleine Rechnung da zu berichtigen, werden Sie mich sehr verbinden, denn ich muß heute mittag ebenfalls meine Miete bezahlen, und der Hausbesitzer wartet unten.«

Hier rieb das Weiblein die Hände und blickte entschieden über Herrn Sawyers Kopf hin nach der Wand, vor der er saß.

»Es tut mir sehr leid. Sie in irgendeine Verlegenheit bringen zu müssen, Frau Raddle«, erwiderte Bob Sawyer demütig, »aber –«

»O, es ist keine Verlegenheit«, entgegnete die kleine Frau mit einem gellenden Lachen. »Ich brauchte es vor heute nicht, und da ich es doch sogleich meinem Hausherrn geben muß, so war es mir ganz gleichgültig, ob Sie es hatten, oder ich, Sie haben mir es auf heute nachmittag versprochen, Herr Sawyer, und jeder Ehrenmann, der je hier wohnte, hat sein Wort gehalten, Sir, wie man auch natürlicherweise von jedem erwarten muß, der sich für einen Ehrenmann ausgibt.«

Und Frau Raddle schüttelte ihr Haupt, biß sich in die Lippen, rieb ihre Hände noch stärker und blickte trotziger als je nach der Wand hin. Man konnte deutlich sehen, wie Herr Bob bei einer späteren Gelegenheit in orientalisch-allegorischem Stil bemerkte, daß sie zu »dampfen« anfing.

»Es tut mir sehr leid, Frau Raddle«, sagte Bob Sawyer mit aller erdenklichen Demut; »allein das Geld, das ich heute in der City hätte erhalten sollen, ist ausgeblieben.«

Ein ganz merkwürdiger Platz – diese City. Wir kennen massenhaft viel Leute, die dort die ganze Zeit vergebens auf Gelder warten.

»Schön, Herr Sawyer«, sagte Frau Raddle, indem sie sich fest auf eine in den Kidderminster Fußteppich gewebte purpurfarbene Blume pflanzte; »was geht das mich an, Sir?«

»Ich – ich – zweifle nicht, Frau Raddle«, erwiderte Herr Sawyer, die letzte Frage scheinbar überhörend: »daß wir noch vor Mitte der nächsten Woche miteinander abrechnen können, und dann soll es künftig besser gehen.« .

Mehr verlangte Frau Raddle nicht. Sie war mit so bestimmter Absicht zu rasen und zu toben in des unglücklichen Bob Sawyers Zimmer gestürzt, daß sie sich aller Wahrscheinlichkeit nach auch bei baldiger Bezahlung nicht zufrieden gegeben hätte. Sie war in der besten Stimmung zu einer kleinen Herzensergießung, und hatte soeben in der Küche mit Herrn Raddle einige einleitende Liebenswürdigkeiten gewechselt.

»Meinen Sie denn, Herr Sawyer«, sagte Frau Raddle, ihre Stimme erhebend, so daß die ganze Nachbarschaft es hören konnte, »meinen Sie denn, ich werde einen Menschen noch länger bei mir wohnen lassen, der nie daran denkt, seine Miete zu bezahlen – ja nicht einmal die baren Auslagen für die frische Butter, den Zucker und die Milch, die ich ihm zu seinem Frühstück einkaufe? – Meinen Sie denn, eine fleißige Frau, die sich's so sauer werden läßt und schon zwanzig Jahre in dieser Straße gewohnt hat (zehn Jahre auf der andern Seite und neununddreiviertel Jahre in diesem Hause), habe weiter nichts zu tun, als sich für ein paar faule Tagdiebe tot zu plagen, die den ganzen Tag nur rauchen, saufen und Maulaffen feilhaben, statt sich nach einem ehrlichen Verdienst umzusehen, um ihre Rechnungen bezahlen zu können? Meinen Sie –«

»Meine werte Frau«, unterbrach sie Herr Benjamin Allen begütigend.

»Seien Sie so gut und behalten Sie Ihre Bemerkungen für sich, Sir«, rief Frau Raddle, indem sie plötzlich dem reißenden Strom ihrer Rede Einhalt tat und sich mit nachdrucksvollem, langsam-feierlichem Tone an die dritte Person wandte. »Ich wüßte nicht, woher Ihnen ein Recht zukäme, mich anzureden. An Sie habe ich, soviel ich weiß, die Zimmer nicht vermietet.«

»Das weiß ich wohl«, sagte Herr Benjamin Allen.

»Nun gut, Sir,« erwiderte Frau Raddle mit stolzer Höflichkeit: »so werden Sie sich wohl darauf beschränken müssen, den armen Leuten in den Spitälern Arme und Beine zu zerbrechen und vor ihrer eigenen Tür zu kehren, Sir, oder es möchten einige Leutchen da sein, die Sie daran erinnern könnten, Sir.«

»Sie sind aber eine unangenehme Person«, entgegnete Herr Benjamin Allen.

»Bitte sehr um Verzeihung, junger Mann«, sagte Frau Raddle, indem der Zorn ihr kalten Schweiß auf die Stirn trieb. »Werden Sie vielleicht die Güte haben, das noch einmal zu sagen, Sir?«

»Ich wollte Sie durchaus nicht beleidigen, Madame«, erwiderte Herr Benjamin Allen, dem jetzt um seinen eigenen Kopf bang zu werden anfing,

»Ich bitte um Verzeihung, junger Mann«, fuhr Frau Raddle in gebieterischem und lauterem Tone fort, »aber wen nannten Sie eine Person? Meinten Sie mich damit, Sir?«

»Aber so beruhigen Sie sich doch«, sagte Herr Benjamin Allen.

»Haben Sie mich gemeint, Sir, frage ich noch einmal?« schrie Frau Raddle in wildem Ingrimm und riß die Tür weit auf.

»Nun ja, allerdings«, erwiderte Herr Benjamin Allen.

»Also allerdings«, rief Frau Raddle, allmählich nach der Tür zurückgehend und ihre Stimme aufs äußerste anstrengend, damit Herr Raddle in der Küche alles vernehmen möchte. »Allerdings haben Sie es getan, und jedermann weiß, daß man mich in meinem eigenen Hause ungestraft beleidigen kann, indessen mein Mann ganz ruhig da unten schnarcht und sich so wenig um mich bekümmert wie um einen Hund auf der Straße. Er sollte sich schämen (hier schluchzte Frau Raddle), daß er seine Frau von ein paar Menschen so behandeln läßt, die die Leute lebendig zerschneiden und zusammenmetzgen und ein wahrer Schimpf für das Haus sind. Ja, ich muß mir alles gefallen lassen, und dieser niederträchtige, elende, feige Kerl wagt nicht, herauszukommen, und den unverschämten Burschen den Mann zu zeigen – er wagt es nicht – nein, er wagt es nicht, zu kommen.«

Hier hielt Frau Raddle inne, um zu horchen, ob die Wiederholung dieser Aufforderung ihre bessere Hälfte aufgestachelt habe. Als sie aber sah, daß sie erfolglos blieb, ging sie unter endlosem Schluchzen und Seufzen die Treppe hinab, während man lautes Doppelklopfen an der Haustür vernahm. Jetzt brach sie in ein hysterisches Weinen aus, verbunden mit einem jammervollen Geächze und Gewimmer, das so lange dauerte, bis das Klopfen sechsmal wiederholt worden. Dann warf sie in einem unwiderstehlichen Anfall von Wut alle Möbel, die ihr im Wege standen, um, verschwand sofort im Hinterzimmer und schlug die Tür zu, daß das Haus erbebte.

»Wohnt Herr Sawyer hier?« fragte Herr Pickwick, als das Haus endlich geöffnet wurde.

»Ja«, sagte das Mädchen; »im ersten Stock; die erste Tür vor Ihnen, wenn Sie die Treppe hinaufkommen.«

Nach dieser Anweisung verschwand das Mädchen, das unter den Ureinwohnern Southwarks aufgewachsen war, mit dem Lichte in der Hand nach der Küche hin, vollkommen mit sich selbst zufrieden, da sie alles getan zu haben glaubte, was unter diesen Umständen von ihr verlangt werden konnte.

Herr Snodgrass, der zuletzt eintrat, verschloß die Tür nach mehreren vergeblichen Versuchen durch Vorziehen der Kette, und die Freunde stolperten die Treppe hinauf, wo sie von Herrn Bob Sawyer empfangen wurden, der aus Angst, Frau Raddle möchte ihm den Weg versperren, sich nicht hinunter gewagt hatte.

»Wie geht es Ihnen?« fragte der Student, der sich von seiner Niederlage noch nicht ganz erholt hatte. – »Freut mich, Sie zu sehen – nehmen Sie sich in acht wegen der Gläser.« –

Diese Warnung galt Herrn Pickwick, der seinen Hut auf den Tisch gelegt hatte.

»Ach, bitte um Entschuldigung«, sagte Herr Pickwick.

»Hat durchaus nicht« zu sagen«, erwiderte Bob Sawyer. »Ich bin im Raum etwas beschränkt; aber man muß überall einige Nachsicht haben, wenn man zu einem Junggesellen kommt. Treten Sie ein. Diesen Herrn kennen Sie wohl schon?«

Herr Pickwick drückte Herrn Benjamin Allen die Hand, und seine Freunde folgten diesem Beispiel. Sie hatten sich kaum gesetzt, als man abermals ein Doppelklopfen vernahm.

»Das wird hoffentlich Jack Hopkins sein«, sagte Bob Sawyer. »Ja, er ist's. Nur herauf, Jack, herauf!«

Man hörte schwere Fußtritte auf der Treppe, und Jack Hopkins trat ein. Er trug eine schwarze Samtweste mit Donner- und Blitzknöpfen und ein blaugestreiftes Hemd mit einem angeknöpften weißen Kragen.

»Sie kommen spät, Jack?« fragte Benjamin Allen.

»Ich wurde in Bartholomä aufgehalten«, erwiderte Hopkins.

»Was gibt's Neues?«

»Nichts von Belang: doch kam ein ganz eigentümlicher Fall vor.«

»Und was denn, Sir?« fragte Herr Pickwick.

»Es ist ein Mann vom vierten Stockwerk aus dem Fenster gestürzt; aber es ist ein schöner Fall, wirklich ein sehr schöner Fall.«

»Meinen Sie damit, daß der Kranke Hoffnung habe, wieder aufzukommen?« fragte Herr Pickwick.

»Nein«, entgegnete Hopkins gleichgültig: »im Gegenteil, ich bezweifle es stark. Aber morgen muß eine glänzende Operation stattfinden, ein prachtvoller Anblick, wenn Slasher sie vornimmt.«

»Sie halten also Herrn Slasher für einen geschickten Operateur?« fragte Herr Pickwick.

»Es lebt kein besserer auf Erden«, erwiderte Hopkins. »In der letzten Woche nahm er einem Knaben das Bein ab, der dabei fünf Äpfel und einen Pfefferkuchen aß, und zwei Minuten nachdem alles vorüber war, sagte der Knabe, er liege nicht da, um sich für'n Narren halten zu lassen, und wenn sie nicht bald anfingen, so werde er es seiner Mutter sagen.«

»Wirklich?« sagte Herr Pickwick erstaunt.

»O, das ist noch gar nichts«, versetzte Jack Hopkins, »nicht wahr, Bob?«

»Ganz und gar nichts«, bekräftigte Herr Bob Sawyer.

»Beiläufig gesagt, Bob«, fuhr Hopkins mit einem kaum bemerkbaren Seitenblick auf Herrn Pickwicks aufmerksames Gesicht fort, »gestern abend wurde ein Kind gebracht, das ein Halsband verschluckt hatte.«

»Was verschluckt, Sir?« unterbrach ihn Herr Pickwick.

»Ein Halsband«, wiederholte Jack Hopkins. »Es versteht sich, nicht auf einmal, denn das wäre zuviel gewesen – Sie selbst können keins verschlucken, viel weniger das Kind. – Habe ich nicht recht, Herr Pickwick? Ha, ha!«

Herr Hopkins schien mit seinem Witze sehr zufrieden zu sein und fuhr fort:

»Die Sache war so. Die Eltern des Kindes sind arme Leute und wohnen auf einem Hof. Das älteste Mädchen kaufte ein Halsband – ein gewöhnliches Halsband von großen, schwarzen, hölzernen Perlen. Das Kind hat seine Freude daran, versteckt das Halsband, spielt damit, zerreißt die Schnur und verschluckt eine Perle. Dies dünkt ihm ein Hauptspaß zu sein, es macht sich am folgenden Tage wieder daran und verschluckt eine zweite Perle.«

»Bei meiner Seele«, rief Herr Pickwick, »das ist ja etwas Schreckliches. Doch entschuldigen Sie meine Unterbrechung, Sir, und erzählen Sie weiter.«

»Am Tage darauf verschluckte das Kind zwei Perlen, am vierten drei und so fort, bis es in einer Woche das ganze Halsband, bestehend aus fünfundzwanzig Perlen, im Leibe hatte. Die Schwester, ein fleißiges Mädchen, die sich nur selten ein bißchen Putz anschaffte, weinte sich fast die Augen aus über den Verlust des Halsbandes und durchsuchte das Haus von oben bis unten; aber ich brauche wohl nicht zu sagen, daß sie es nicht fand. Einige Tage darauf sitzt die Familie beim Mittagessen um eine gebratene Hammelkeule nebst Kartoffeln, und das Kind, das nicht hungrig ist, spielt im Zimmer, als man auf einmal einen verteufelten Lärm, gleich einem kleinen Hagelsturm, vernimmt. ›Lärme doch nicht so, Junge‹, sagte der Vater. – ›Ich mache ja nichts‹, antwortete das Kind. – ›Nun gut, bleib ruhig‹, ermahnte der Vater. – Einige Zeit war alles still, aber auf einmal begann der Lärm aufs neue ärger als zuvor. ›Wenn du mir nicht folgst, Junge‹, sagte der Vater, ›so mußt du augenblicklich ins Bett.‹ Dabei schüttelte er das Kind, um sich seines Gehorsams besser zu vergewissern; aber nun erfolgte ein Gerassel, wie noch nie jemand gehört hatte. ›Gott straf' mich‹, sagte der Vater, ›in dem Jungen ist etwas; er hat das Kreuz nicht am rechten Ort.‹ – ›Ach nein, Vater‹, sagte das Kind und fing an zu weinen, ›das Halsband ist's, ich habe es verschluckt, Vater.‹ Der Vater nahm das Kind schnell und rannte damit ins Spital; die Perlen in seinem Magen rasselten bei der schnellen Bewegung dermaßen, daß die Leute bald in die Luft hinauf-, bald in die Keller hinabsahen, um diesem ungewöhnlichen Geräusche auf die Spur zu kommen. »Das Kind ist noch im Spital«, fügte Jack Hopkins hinzu, »und macht beim Gehen einen so teufelmäßigen Lärm, daß man es in einen großen Mantel wickeln mußte, damit die übrigen Patienten nicht aus dem Schlafe geweckt würden.«

»Das ist doch der außerordentlichste Fall, von dem ich je gehört habe«, sagte Herr Pickwick mit einem tüchtigen Schlag auf den Tisch.

»O nein«, erwiderte Jack Hopkins; »das will auch noch nicht viel heißen, nicht wahr, Bob?«

»Freilich nicht«, entgegnete Herr Bob Sawyer.

»In unserm Beruf kommen höchst seltsame Dinge vor, das kann ich Sie versichern«, fuhr Hopkins fort.

»Ich glaube es recht gern«, erwiderte Herr Pickwick.

Ein neues Klopfen an die Tür verkündete einen dickköpfigen jungen Mann in einer schwarzen Perücke, der einen hagern, mit dem Skorbut behafteten Jüngling mitbrachte. Der nächste Ankömmling war ein Herr, der ein mit kleinen goldenen Ankern geschmücktes Hemd trug, und unmittelbar darauf folgte ein blasser Jüngling mit einer plattierten Uhrkette. Die Ankunft eines geckenhaften Burschen mit sehr sauberer Wäsche und Tuchstiefeln machte die Gesellschaft vollzählig. Der kleine Tisch mit dem grünen wollenen Teppich wurde auseinandergezogen, die erste Punschauflage in einem gewaltigen Humpen herbeigebracht, und die ersten drei Stunden dem edlen Vingt-et-un-Spiel, das Dutzend Marken zu sechs Pence, gewidmet – nur ein einziges Mal unterbrochen durch einen kleinen Streit zwischen dem skorbutischen Jüngling und dem Herrn mit den vergoldeten Ankern, wobei der skorbutische Jüngling das glühende Verlangen ausdrückte, dem Herrn mit den Sinnbildern der Hoffnung die Nase einzuschlagen, dieser aber mit großer Entschiedenheit zu verstehen gab, er lasse sich unter keinen Umständen etwas gefallen, weder von dem zornigen jungen Herrlein mit dem skorbutischen Gesicht, noch von sonst irgendeinem Menschen, der einen Kopf zwischen den Schultern habe.

Als das letzte Spiel gemacht und Gewinn und Verlust zur allgemeinen Zufriedenheit verteilt waren, klingelte Herr Bob Sawyer nach dem Abendessen, und seine Gäste drückten sich in die verschiedenen Stubenecken, bis es fertig war.

Das ging indes nicht so schnell, wie manche Leute vielleicht glauben möchten. Vor allem mußte man die Magd wecken, die mit dem Kopf auf dem Küchentisch eingeschlafen war. Dadurch ging einige Zeit verloren, und selbst als sie endlich auf das wiederholte Klingeln erschien, wurde noch eine Viertelstunde mit den fruchtlosen Bemühungen zugebracht, ihr einen schwachen, entfernten Begriff von ihrer Pflicht beizubringen. Dem Mann, bei dem man die Austern bestellt, hatte man nicht gesagt, daß er sie auch öffnen solle; nun ist es aber sehr schwer, eine Auster mit einem schwachen Messer oder einer zweizinkigen Gabel zu öffnen, und so ging die Sache gar schwer und langsam. Das Ochsenfleisch war auch nicht zum besten ausgefallen, und die Hammelkeule, aus dem deutschen Wurstladen an der Ecke geholt, verdiente gleichfalls kein sonderliches Lob. Dagegen war in einer zinnernen Kanne eine Menge Porter vorhanden, und der Käse fand großen Beifall, denn er war sehr pikant. So war denn das Essen im ganzen vielleicht gerade so gut, wie solche Dinge überhaupt zu sein pflegen.

Nach Tisch wurde eine neue Auflage Punsch nebst mehreren andern Flaschen mit geistigen Getränken und ein Teller mit Zigarren hereingebracht. Nun aber entstand eine unheimliche Pause, veranlaßt durch einen in solchen Häusern sehr gewöhnlichen Umstand, der aber eine Menge Verlegenheiten herbeiführt.

Das Mädchen spülte nämlich die Gläser. Das Haus konnte sich des Besitzes von dreien rühmen – eine Tatsache, die wir durchaus nicht zuungunsten der Frau Raddle anführen wollen; denn es gab nie ein Privathaus, worin es nicht an diesem Artikel gefehlt hätte. Die Gläser der Hausfrau waren kleine, dünne, leicht zerbrechliche Gefäße, die aus dem Wirtshause dagegen große, dickbäuchige, inhaltschwere Stücke mit gewaltigen Henkeln. Das allein hätte die Gesellschaft über den wahren Zustand der Dinge aufklären können; aber die Magd schnitt auch jede Möglichkeit einer Mißdeutung dadurch ab, daß sie jedem, noch ehe er ausgetrunken hatte, mit Gewalt das Glas wegnahm, und trotz aller Winke und Unterbrechungen Bob Sawyers laut genug sagte: sie sei beauftragt, die Gläser hinabzubringen und wieder zu putzen.

Ein sehr schlimmer Wind, der niemandem etwas Gutes zubläst. Der Geck in den Tuchstiefeln, der sich die ganze Zeit über vergeblich bemüht hatte, einen Witz vorzubringen, sah jetzt die Gelegenheit dazu und benutzte sie. In dem Augenblick, da die Gläser verschwanden, begann er eine lange Geschichte von einem großen Tier der Öffentlichkeit, dessen Namen er jedoch vergessen hatte. Dieses große Tier hatte einem andern ausgezeichneten und berühmten Mann, dessen Namen er aber auch nie in Erfahrung zu bringen vermocht, eine ungemein treffende Antwort gegeben. Er verbreitete sich mit vieler Weitschweifigkeit und großer Detailkenntnis über verschiedene Nebenumstände, die mit der fraglichen Anekdote in genauer Verbindung standen, konnte aber gerade augenblicklich um alles in der Welt sich der Anekdote selbst nicht mehr erinnern, ungeachtet er sie seit den letzten zehn Jahren schon sehr häufig mit dem größten Beifall erzählt hatte.

»Weiß Gott«, sagte der Geck in den Tuchstiefeln, »es ist eine höchst merkwürdige Geschichte.«

»Es tut mir sehr leid, daß Sie sie vergessen haben«, versetzte Herr Bob Sawyer, gierige Blicke nach der Tür werfend, da er jeden Augenblick Gläsergeklingel zu hören meinte.

»Mir tut es auch sehr leid«, antwortete der Geck, »denn ich bin gewiß, daß sich die ganze Gesellschaft sehr daran ergötzt haben würde. Doch, gleichviel: in einer halben Stunde ungefähr wird sie mir schon wieder einfallen.«

Endlich erschienen die Gläser wieder, worauf Herr Bob Sawyer, der die ganze Zeit über in tiefen Gedanken dagesessen hatte, sich unwiderstehlich bemüßigt fühlte, das Ende der Geschichte zu hören, denn so weit sie gediehen sei, gehöre sie zu den schönsten, die ihm bis jetzt zu Ohren gekommen.

Der Anblick der Gläser erhob Bob Sawyer wieder zu einer Gemütsruhe, wie er sie seit seiner Unterhaltung mit der Hausfrau nicht besessen hatte. Sein Gesicht heiterte sich auf, und es wurde ihm wieder ganz gesellig zu Mut.

»Jetzt, Betsy«, sagte Herr Bob Sawyer sehr freundlich, indem er den ungeordneten Haufen Gläser austeilte, den das Mädchen mitten auf den Tisch gestellt hatte; »jetzt, Betsy, bring' das warme Wasser, und eil dich ein bißchen, liebes Kind.«

»Sie können kein warm' Wasser haben«, erwiderte Betsy.

»Kein warmes Wasser?« rief Herr Bob Sawyer.

»Nein«, sagte das Mädchen mit sehr nachdrücklichem Kopfschütteln, nachdrücklicher als der größte Aufwand von Worten. »Frau Raddle hat gesagt, ich dürfe Ihnen keins bringen.«

Das Erstaunen, das sich auf den Gesichtern seiner Gäste malte, flößte dem Wirt neuen Mut ein.

»Bring' sofort das warme Wasser – sofort!« gebot Herr Bob Sawyer mit verzweifelter Strenge.

»Nein, ich kann nicht«, erwiderte das Mädchen; »Frau Raddle hat das Feuer in der Küche ausgelöscht, ehe sie zu Bett ging, und den Kessel eingeschlossen.«

»Macht nichts, macht nichts. Beunruhigen Sie sich doch nicht wegen einer solchen Kleinigkeit«, sagte Herr Pickwick, der den Konflikt der auf Bob Sawyers Angesicht sich spiegelnden Bedrängnisse wohl bemerkte; »kaltes Wasser ist auch sehr gut.«

»O freilich«, fügte Herr Benjamin Allen hinzu.

»Meine Wirtin hat zuweilen Anfälle von Geistesabwesenheit«, bemerkte Bob Sawyer mit einem seltsamen Lächeln. »Ich fürchte, ich muß ihr kündigen.«

»Ach nein, tun Sie das nicht«, sagte Ben Allen.

»Ich werde wohl müssen«, erwiderte Bob mit heroischer Festigkeit. »Ich will ihr morgen meine Rechnung bezahlen und auf übermorgen kündigen.«

Der arme Bursche – wie sehnlich wünschte er, es tun zu können.

Herrn Bob Sawyers herzzerreißende Bemühungen, sich von diesem letzten Schlage zu erholen, übten einen entmutigenden Einfluß auf die Gesellschaft, und der größere Teil suchte seine Heiterkeit dadurch wiederzugewinnen, daß er dem kalten Branntwein und Wasser recht fleißig zusprach. Die ersten sichtbaren Wirkungen davon zeigten sich in einer Erneuerung der Feindseligkeiten zwischen dem skorbutischen Jüngling und dem Herrn mit den vergoldeten Ankern. Die beiden kriegführenden Parteien machten ihren Gefühlen gegenseitiger Verachtung einige Zeit lang durch trotziges Stirnrunzeln und höhnisches Naserümpfen Luft, bis zuletzt der skorbutische Jüngling es für nötig hielt, sich deutlicher zu erklären, und es zu folgender unzweideutiger Auseinandersetzung kam:

»Sawyer«, sagte der skorbutische Jüngling mit lauter Stimme.

»Was gibts, Noddy?« fragte Bob Sawyer.

»Es tut mir sehr leid, Sawyer«, sagte Herr Noddy, »am Tisch eines Freundes, und besonders an dem Ihren, Sawyer, eine Störung zu veranlassen; allein ich muß diese Gelegenheit ergreifen, um Herrn Gunter zu sagen, daß er kein Gentleman ist.«

»Und mir«, erwiderte Herr Gunter, »mir würde es sehr leid tun, Sawyer, in Ihrer Behausung eine Störung zu veranlassen. Aber ich fürchte, ich werde notwendigerweise die Nachbarschaft dadurch beunruhigen müssen, daß ich den Menschen, der soeben gesprochen hat, zum Fenster hinauswerfe.«

»Was meinen Sie damit, Sir?« fragte Herr Noddy.

»Nichts anderes, als was ich gesagt habe«, erwiderte Herr Gunter.

»Dann möchte ich doch sehen, wie Sie das machen, Sir«, sagte Herr Noddy.

»Sie werden es in einer halben Minute fühlen, Sir«, erwiderte Herr Gunter.

»Ich bitte Sie um Ihre Karte«, sagte Herr Noddy.

»Sie bekommen sie nicht, Sir«, entgegnete Herr Gunter.

»Warum nicht, Sir?« fragte Herr Noddy.

»Weil Sie sie an Ihren Spiegel stecken und dadurch die, die Sie besuchen, auf den falschen Glauben bringen würden, es sei ein Gentleman bei Ihnen gewesen, Sir«, entgegnete Herr Gunter.

»Sir, ich werde morgen früh einen meiner Freunde zu Ihnen schicken«, sagte Herr Noddy.

»Ich bin Ihnen für diese Mitteilung sehr verbunden, Sir, und werde meiner Magd den schärfsten Befehl geben, die Löffel wegzuschließen«, erwiderte Herr Gunter.

Jetzt legten sich die übrigen Gäste dazwischen und machten beide Teile auf die Unziemlichkeit ihres Benehmens aufmerksam. Herr Noddy bat darauf um die Erlaubnis, versichern zu dürfen, daß sein Vater ein ebenso ehrenwerter Mann gewesen sei wie Herrn Gunters Vater, und Herr Gunter erwiderte, sein Vater sei in jeder Beziehung so ehrenwert gewesen wie Herrn Noddys Vater; und seines Vaters Sohn sei alle sieben Tage in der Woche ein ebenso rechtschaffener Mann wie Herr Noddy. Da diese Äußerungen als Vorspiel zur Erneuerung der Feindseligkeiten betrachtet wurden, so mischte sich die Gesellschaft zum zweiten Mal dazwischen. Nun aber entstand ein heftiges Hin- und Herreden und Gelärme, in dessen Verlauf Herr Noddy sich allmählich von seinen Gefühlen überwältigen ließ und laut bekannte, er habe von jeher eine aufrichtige Neigung für Herrn Gunter gehegt. Herr Gunter erwiderte, Herr Noddy sei ihm lieber als sein eigener Bruder; als Herr Noddy dies Geständnis hörte, stand er großmütig von seinem Sitz auf und bot Herrn Gunter seine Hand. Herr Gunter ergriff sie mit liebevoller Wärme, und alle sagten, der Streit sei auf eine Art geführt worden, die beiden Teilen zu hoher Ehre gereiche.

»Um aber jetzt wieder recht ins Geleise zu kommen, Bob«, sagte Jack Hopkins, »so dächte ich, singen wir ein Liedlein«; worauf Hopkins unter stürmischem Applaus das »Den König segne Gott« anstimmte und, so laut er konnte, aber nach einer ganz neuen und nicht darauf passenden Melodie sang. Der Chor war das beste an der Sache, und da jeder der Herren nach der ihm bekanntesten Melodie sang, so konnte eine durchschlagende Wirkung nicht ausbleiben.

Als der Chor mit dem ersten Verse zu Ende war, erhob Herr Pickwick bedeutungsvoll seine Hand und sagte unter allgemeinem Schweigen:

»Ich bitte um Entschuldigung: ich glaube aber, es hat unten jemand gerufen.«

Alles war mäuschenstill, und Herr Bob Sawyer erbleichte sichtbarlich.

»Ich glaube, ich höre es wieder«, sagte Herr Pickwick. »Haben Sie doch die Güte, die Tür zu öffnen.«

Dies war kaum geschehen, als alle Zweifel verschwanden.

»Herr Sawyer! Herr Sawyer!« kreischte eine Stimme von unten herauf.

»Es ist meine Wirtin«, sagte Bob Sawyer, in großer Verlegenheit um sich blickend. »Ja, Frau Raddle.«

»Was soll das heißen, Herr Sawyer«, rief die gellende Stimme mit ungemeiner Zungenfertigkeit. »Ist es nicht genug, daß man um seinen Hauszins und um die baren Auslagen geprellt, und von Ihren Freunden, die doch Männer von Bildung sein wollen, geplagt und geschunden wird? Es scheint, Sie wollen auch noch das Haus einreißen, und lassen um zwei Uhr morgens einen Lärm aufführen, daß man mit den Feuerspritzen angefahren kommen könnte. Schicken Sie mir die sauberen Vögel fort.«

»Sie sollten sich vor sich selber schämen«, schallte jetzt in einiger Entfernung die Stimme des Herrn Raddle, wie es schien, unter einer Bettdecke hervor.

»Nein, du solltest dich schämen«, schrie Frau Raddle. »Warum kommst du nicht und wirfst alle miteinander die Treppe hinab? Wenn du ein rechter Mann wärest, so tätest du es.«

»Ja, wenn ich noch ein Dutzend bei mir hätte, mein Schatz«, erwiderte Herr Raddle friedfertig: »allein die Herren sind mir an Zahl überlegen, mein Schatz.«

»Pfui, du Memme«, erwiderte Frau Raddle mit unaussprechlicher Verachtung. »Wollen Sie diese Gauner fortjagen oder nicht, Herr Sawyer?«

»Sie sind eben im Begriff zu gehen, Frau Raddle; sie gehen ja schon«, erwiderte der erbarmungswürdige Bob. Und zu seinen Freunden sagte Herr Bob Sawyer: »Ich dachte, es wäre am besten, Sie gingen jetzt. Ich bin auch der Meinung, daß Sie zu viel Lärm machen.«

»Das ist aber sehr schade«, sagte der Geck. »Jetzt fangen wir erst an, recht in Stimmung zu kommen.«

Der Grund für diese Äußerung aber war, daß dem Gecken eben jetzt eine dunkle Erinnerung von seiner vergessenen Geschichte aufzudämmern begann.

»Nein, man kann es sich nicht gefallen lassen«, sagte er, um sich blickend: »das ist wahrhaftig zu arg.«

»Ja, unausstehlich«, erwiderte Jack Hopkins; »wir wollen wenigstens noch einen Vers singen, Bob, kommen Sie!«

»Nein, nein, Jack«, fiel Bob Sawyer ein. »Das Lied ist zwar vortrefflich; allein ich denke, es wäre besser, den Vers nicht mehr zu singen. Die Leute im Hause da sind sehr grob.«

»Soll ich einmal hinaufgehen und mit dem Hausherrn anbinden?« fragte Hopkins; »oder soll ich tüchtig schellen, mich auf die Treppe stellen und zu brüllen anfangen? Sie haben nur zu befehlen, Bob.«

»Ich danke Ihnen sehr für Ihren guten Willen und Ihre Freundschaft, Hopkins«, sagte Bob Sawyer kläglich, »allein um weiteren Zank zu vermeiden, halte ich's fürs beste, wenn wir sogleich auseinandergehen.«

»Nun, Herr Sawyer«, keifte die gellende Stimme der Frau Raddle abermals, »wann gehen denn diese Herren endlich?«

»Sie sehen bloß nach ihren Hüten, Frau Raddle«, entgegnete Bob, »und werden dann gleich gehen.«

»Gehen?« rief Frau Raddle, ihre Nachthaube hinaufdrückend, als Herr Pickwick, gefolgt von Herrn Tupman, auf einmal vor ihren Blicken auftauchte. »Gehen? Was hatten Sie überhaupt hier zu suchen?«

»Meine teure Madame«, beschwichtigte Herr Pickwick aufblickend.

»Scheren Sie sich zum Teufel, Sie alter Spitzbube«, erwiderte Frau Raddle, ihre Nachthaube schnell wieder herabzupfend. »Alt genug, um sein Großvater sein zu können, Sie garstiger Mensch, Sie! Sie sind der schlimmste von ihnen allen,«

Herr Pickwick hielt es für vergebliche Mühe, seine Unschuld zu beteuern, und rannte die Treppe hinab auf die Straße, wohin ihm die Herren Tupman, Winkle und Snodgrass auf dem Fuße folgten. Herr Ben Allen, den das Trinkgelage und die verschiedenen Auftritte gewaltig angegriffen hatten, begleitete sie bis zur Londoner Brücke und vertraute unterwegs Herrn Winkle, als einem Mann von ausgezeichneter Schweigsamkeit, an, daß er entschlossen sei, außer Herrn Bob Sawyer jeden, der es wagen würde, sich um die Neigung seiner Schwester Arabella zu bewerben, die Kehle abzuschneiden. Nachdem er seine Entschlossenheit, diese peinliche Bruderpflicht zu erfüllen, noch auf angemessene Weise bekräftigt hatte, brach er in Tränen aus, schlug seinen Hut bis über die Augen herab, und indem er so gut wie möglich seinen Heimweg suchte, klopfte er zu wiederholten Malen an dem Tor von Borough Market an; schlummerte abwechselnd hier und da auf den Treppen bis Tagesanbruch, in der festen Meinung, er wohne hier und habe nur seinen Schlüssel vergessen.

Als nun die Gäste auf die dringende Aufforderung der Frau Raddle sich alle entfernt hatten, blieb der unglückliche Bob Sawyer allein zurück und dachte noch lange über die wahrscheinlichen Ereignisse des morgigen Tages, sowie über die Vergnügungen des Abends nach.

 

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