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Denkwürdigkeiten des Pickwick-Klubs. Zweiter Teil

Charles Dickens: Denkwürdigkeiten des Pickwick-Klubs. Zweiter Teil - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleDenkwürdigkeiten des Pickwick-Klubs. Zweiter Teil
publisherGutenberg-Verlag
addressHamburg
seriesDickens Werke
volume2
editorDr. Paul Th.Hoffmann
translatorDr. Carl Kolb
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Achtundvierzigstes Kapitel.

Ist hauptsächlich Geschäftsangelegenheiten und dem zeitlichen Vorteil der Herren Dodson und Fogg gewidmet. – Herr Winkle tritt unter außerordentlichen Umständen wieder auf, und Herrn Pickwicks Wohlwollen erweist sich stärker als seine Hartnäckigkeit.

Job Trotter rannte, ohne von seiner Eilfertigkeit im mindesten abzulassen, Holborn hinauf, bald mitten in der Straße, bald auf dem Pflaster und bald in der Rinne, je nachdem die Gelegenheiten zu gehen mit dem Gedränge der Männer, Weiber, Kinder und Wagen auf jedem Teil des Weges abwechselten. Ohne auf irgendein Hindernis Rücksicht zu nehmen, blieb er keinen Augenblick stehen, bis er das Tor von Grays Inn erreicht hatte. Trotz aller seiner Hast war aber das Tor schon eine gute halbe Stunde geschlossen, als er davor anlangte. Er sah sich daher um und machte endlich Herrn Perkers Wäscherin ausfindig, die mit einer verheirateten Tochter zusammenlebte. Diese hatte ihre Hand fürs Leben einem nicht in London residierenden Kellner gegeben und bewohnte ein paar Zimmer in einer Straße dicht bei einer Brauerei etwas hinter Grays Inn Lane. Es waren noch fünfzehn Minuten bis zur allnächtlichen Schließungszeit des Gefängnisses. Herr Lowten mußte aus dem hinteren Zimmer der Elster herausgeklopft werden, und Job hatte dies Geschäft kaum vollendet und Sam Wellers Botschaft mitgeteilt, als die Glocke zehn Uhr schlug.

»Es ist zu spät«, sagte Lowten. »Sie können nicht mehr hineinkommen, oder haben Sie vielleicht den Schlüssel, mein Freund?«

»Sorgen Sie nicht für mich«, erwiderte Job; »ich kann überall schlafen. Aber würde es nicht besser sein, Herrn Perker heute nacht noch aufzusuchen, damit wir morgen in aller Frühe auf dem Platze wären?«

»Meinetwegen«, versetzte Lowten nach kurzer Überlegung. »Wenn es sich um irgend etwas anderes handelte, so würde Herr Perker über einen so späten Besuch sehr ungehalten sein; da es aber Herrn Pickwicks Sachen sind, so glaube ich wohl, einen Wagen nehmen und bei den Kosten berechnen zu dürfen.«

Nachdem Herr Lowten sich zu dieser Maßregel entschlossen hatte, nahm er seinen Hut, bat die versammelte Gesellschaft, während seiner zeitlichen Abwesenheit einen andern Präsidenten zu ernennen, steuerte auf den nächsten Kutschenplatz los, bestellte den Wagen, dessen Aussehen am meisten versprach, und befahl dem Kutscher, nach dem Montagueplatz, Russell Square zu fahren.

Herr Perker gab an diesem Tage einen Schmaus, wie aus den Lichtern hinter den Fenstern des Gesellschaftzimmers, aus den Tönen eines vervollkommneten großen Pianos, aus einer daraus hervordringenden, aber der Vervollkommnung noch sehr bedürftigen Stimme und dem beinahe überwältigenden Speiseduft im Entree zur Genüge hervorging. Da zufällig einige recht gute Kunden vom Lande zu gleicher Zeit in die Stadt gekommen waren, so hatte sich zu ihrem Empfang ein angenehmes Gesellschaftchen zusammengefunden, bestehend aus Herrn Snicks, dem Sekretär der Lebensversicherung, aus Herrn Prosee, dem ausgezeichneten Rechtskonsulenten, aus drei Anwälten, einem Kommissar vom Fallitengericht, einem speziellen Advokaten vom Temple, einem kleinäugigen, schmissigen jungen Gentleman, seinem Mündel, der ein scharfes Buch über das Legatengesetz mit einer ungeheuren Menge Randnoten und Zitaten geschrieben hatte, und mehreren andern hervorragenden, ja wirklich ausgezeichneten Personen. Von dieser Gesellschaft machte sich der kleine Herr Perker los, als ihm die Ankunft seines Schreibers zugeflüstert wurde. Er begab sich in das Speisezimmer und traf dort Herrn Lowten und Job Trotter beim trüben Dämmerschein eines Küchenlichtes, das der Gentleman, der sich herabließ, gegen vierteljährlichen Lohn in kurzen Plüschhosen und wollenen Strümpfen zu erscheinen, mit gebührender Verachtung für den Schreiber und für alle das Geschäft berührenden Dinge auf den Tisch gestellt hatte.

»Nun, Lowten«, sagte der kleine Perker, die Tür schließend, »was gibt's? Sind wichtige Briefe angekommen?«

»Nein, Sir«, erwiderte Lowten; »aber da ist ein Bote von Herrn Pickwick, Sir.«

»Von Pickwick?« fragte das kleine Männchen, sich schnell zu Job wendend. »Nun, was will er?«

»Dodson und Fogg haben Frau Bardell wegen der Prozeßkosten verhaften lassen«, sagte Job.

»S'ist nicht möglich!« rief Perker, seine Hände in die Taschen steckend und sich rücklings an den Kredenztisch lehnend.

»Es ist wirklich so«, sagte Job. »Wie es scheint, haben sie sich von ihr unmittelbar nach der Gerichtsverhandlung eine Erkenntlichkeitsbestätigung für die Prozeßkosten ausstellen lassen.«

»Bei Gott!« rief Herr Perker, beide Hände aus den Taschen ziehend und die Knöchel seiner Rechten an die Fläche der Linken schlagend, »das sind doch die gerissensten Kerle, mit denen ich je zu tun gehabt habe.«

»Die abgefeimtesten Spitzbuben, die mir je vorgekommen sind, Sir«, bemerkte Lowten.

»Abgefeimt?« wiederholte Perker. – »Ja, allerdings, es ist ihnen nicht beizukommen.«

»Sehr wahr, Sir«, erwiderte Lowten. Und dann sannen beide, Meister und Geselle, einige Sekunden lang recht lebhaft nach, gleich als ob sie über eine der schönsten und sinnreichsten Entdeckungen nachdächten, die der menschliche Verstand je ausgeklügelt. Als sie sich einigermaßen von ihrer Bewunderungsverzückung erholt hatten, entledigte sich Job Trotter des Restes seines Auftrags. Perker nickte gedankenvoll mit dem Kopfe und zog seine Uhr heraus.

»Schlag zehn Uhr will ich dort sein«, sagte der kleine Mann. »Sam hatte vollkommen recht. Sagen Sie ihm das. Darf ich Ihnen ein Glas Wein anbieten, Lowten?«

»Nein, ich danke Ihnen, Sir.«

»Sie meinen ›Ja‹, denke ich«, sagte das Männlein, sich an den Kredenztisch wendend, um eine Flasche und Gläser zu holen.

Da Lowten wirklich ›Ja‹ meinte, so verlor er kein Wort mehr über die Sache, sondern fragte Job mit einem hörbaren Flüstern, ob das gegenüber vom Kamin hängende Porträt Perkers nicht zum Sprechen ähnlich sei, worauf Job natürlich antwortete, ja, es sei so. Inzwischen war der Wein eingeschenkt, und Lowten trank die Gesundheit der Frau Perker und ihrer Kinder, und Job trank die Gesundheit des Herrn Perker. Da der Gentleman in den kurzen Plüschhosen und wollenen Strümpfen es nicht für seine Amtspflicht hielt, den Leuten zum Büro hinauszuleuchten, lehnte er es beharrlich ab, dem Geklingel zu entsprechen, und sie mußten den Weg selbst suchen. Der Anwalt verfügte sich in sein Besuchzimmer, der Schreiber in die Elster zurück, und Job ging auf den Covent-Garden-Markt, um die Nacht in einem Gemüsekorb zu verbringen.

Pünktlich zur bestimmten Stunde klopfte am andern Morgen der heitere kleine Anwalt an Herrn Pickwicks Tür, die von Sam Weller recht munter geöffnet wurde.

»Herr Perker, Sir«, sagte Sam, den Besuch Herrn Pickwick ankündigend, der gedankenvoll am Fenster saß. »Sehr erfreut, daß Sie gelegentlich auch einmal nach uns sehen, Sir. Ich denke, der Prinzipal möchte gern einige Worte mit Ihnen sprechen, Sir.«

Perker warf einen Blick des Einverständnisses auf Sam, um ihm zu bedeuten, er verstehe schon, daß er nicht sagen solle, man habe nach ihm geschickt. Dann winkte er ihn zu sich und flüsterte ihm etwas ins Ohr.

»Nicht möglich, Sir!« rief Sam, in der äußersten Überraschung einige Schritte zurückfahrend.

Perker nickte und lächelte.

Herr Samuel Weller blickte den kleinen Advokaten, dann Herrn Pickwick, dann die Stubenecke, dann wieder Herrn Perker an, grinste, lachte laut auf, nahm endlich seinen Hut vom Nagel und verschwand ohne eine weitere Erklärung.

»Was soll das bedeuten?« fragte Herr Pickwick, indem er Perker verwundert anblickte. »Was ist mit Sam los?«

»O nichts, nichts«, erwiderte Perker. »Kommen Sie, mein lieber Herr, rücken Sie Ihren Stuhl an den Tisch. Ich habe viel mit Ihnen zu sprechen.«

»Was sind das für Papiere?« fragte Herr Pickwick, als der kleine Mann ein mit roter Schnur zusammengebundenes Paket Dokumente auf den Tisch legte.

»Die Papiere in der Sache Bardell und Pickwick«, erwiderte Perker, den Knoten mit den Zähnen öffnend.

Herr Pickwick stieß die Füße seines Stuhles gegen den Boden, warf sich sodann hinein, faltete seine Hände und blickte seinen Rechtsfreund grimmig an, wenn anders Herr Pickwick grimmig blicken konnte.

»Sie hören diesen Namen nicht gern?« fragte der kleine Mann, noch immer mit dem Knoten beschäftigt.

»Nein, wirklich nicht«, entgegnete Herr Pickwick.

»Tut mir leid«, fuhr Perker fort; »denn eben darüber möchte ich mit Ihnen sprechen.«

»Von dieser Sache darf zwischen uns keine Rede mehr sein, Perker«, unterbrach ihn Herr Pickwick hastig.

»Gemach, gemach! mein teurer Sir«, sagte der kleine Mann, das Paket aufbindend und Herrn Pickwick anblickend. »Wir müssen davon sprechen. Ich bin ausdrücklich deshalb hierher gekommen. Sind Sie bereit, mich anzuhören, mein lieber Herr? Es hat keine Eile: wenn es Ihnen nicht genehm ist, so kann ich warten. Ich habe die Zeitungen von heute früh mitgenommen. Sie dürfen nur sagen, wann es Ihnen paßt.«

Mit diesen Worten schlug der kleine Mann ein Bein über das andere und gab sich den Anschein, als begänne er mit großer Ruhe und Aufmerksamkeit zu lesen.

»Gut, gut«, sagte Herr Pickwick mit einem Seufzer, worauf aber unmittelbar ein Lächeln folgte; »sprechen Sie, was Sie zu sagen haben. Ohne Zweifel immer wieder die alte Geschichte?«

»Nur mit einem Unterschied, mein lieber Herr, mit einem Unterschied«, versetzte Perker, indem er sein Zeitungsblatt bedächtig zusammenlegte und wieder in die Tasche steckte. »Frau Bardell, die Klägerin in diesem Prozeß, befindet sich innerhalb dieser Mauern, Sir.«

»Das weiß ich«, war Herrn Pickwicks Antwort.

»Sehr gut!« erwiderte Perker. »Und ohne Zweifel wissen Sie auch, wie sie hierher gekommen ist; ich meine, aus was für Gründen und auf wessen Verlangen?«

»Ja; wenigstens hat mir Sam davon gesagt«, versetzte Herr Pickwick mit erkünstelter Gleichgültigkeit.

»Sams Erzählung«, erwiderte Perker, »ist gewiß vollkommen richtig; wenigstens möchte ich es zu behaupten wagen. Nun, mein lieber Herr, die erste Frage, die ich an Sie zu richten habe, ist, ob die Frau hierbleiben soll?«

»Hierbleiben!« wiederholte Herr Pickwick.

»Ja, hierbleiben, mein teurer Sir«, entgegnete Perker, sich in seinen Stuhl zurücklehnend und seinen Klienten fixierend.

»Wie können Sie mich so fragen?« sagte dieser Gentleman. »Es hängt ganz von Dodson und Fogg ab. Sie wissen das recht gut.«

»Nein, ich weiß nichts davon«, entgegnete Perker fest. »Es hängt mitnichten von Dodson und Fogg ab. Sie kennen die Leute ebensogut wie ich, mein teurer Sir; es hängt ganz und gar nur von Ihnen ab.«

»Von mir?« rief Herr Pickwick, von seinem Stuhle aufspringend und sich gleich wieder setzend.

Der kleine Mann klopfte zweimal auf den Deckel seiner Schnupftabaksdose, öffnete sie, nahm eine große Prise, schlug die Dose zu und wiederholte:

»Von Ihnen.«

»Ja, mein lieber Herr«, fuhr der kleine Mann fort, der durch die Prise Zuversicht zu gewinnen schien; »ich sage, ihre schleunige Befreiung oder lebenslängliche Einkerkerung hängt von Ihnen ab, lediglich nur von Ihnen. Hören Sie mich gefälligst zu Ende, mein lieber Herr, und erhitzen Sie sich nicht so gewaltig; denn Sie kommen dadurch in Schweiß, und das hilft zu nichts. Ich sage«, fuhr Perker fort, indem er jeden Satz, den er vorbrachte, mit einem andern Finger bezeichnete, »ich sage, daß niemand als Sie die arme Frau aus dieser Höhle des Elends erlösen kann, und daß Sie das nur können, wenn Sie sämtliche Kosten dieses Prozesses, sowohl die für die Klägerin als für den Beklagten, diesen Gaunern vom Freemans Court bezahlen. Lassen Sie mich gefälligst ruhig ausreden, mein lieber Herr.«

Herr Pickwick, dessen Mienenspiel währenddem sich lebhaft betätigt hatte, und der eigentlich seinen Unwillen kräftig bekunden wollte, beschwichtigte dessenungeachtet seinen Zorn so gut wie möglich; und Herr Perker fuhr, indem er seine Überredungskraft durch eine neue Prise Schnupftabak stärkte, also fort:

»Ich habe die Frau heute morgen gesehen. Wenn Sie die Prozeßkosten bezahlen, so kann Ihnen die Entschädigungssumme gänzlich erlassen werden, und überdies bekommen Sie von ihr – was, wie ich wohl weiß, in Ihren Augen von weit größerer Bedeutung ist, mein lieber Herr – eine freiwillige, eigenhändige Erklärung in der Form eines Schreibens an mich, daß diese Leute da, Dodson und Fogg, an dem ganzen Prozeß schuld sind. Sie brachten nämlich Frau Bardell durch glänzende Vorspiegelungen auf den Gedanken zu prozessieren. Und weiter erhalten Sie die Erklärung, daß sie es aufs tiefste bedauert, sich zum Werkzeug ihrer Kränkungen und Beeinträchtigungen hergegeben zu haben, und daß sie mich dringend ersucht, die Sache zu vermitteln und Sie um Verzeihung anzuflehen.«

»Wenn ich die Kosten für sie bezahle?« sagte Herr Pickwick entrüstet. »Wahrhaftig ein wertvolles Dokument!«

»Es ist von keinem Wenn mehr die Rede, mein teurer Sir«, sagte Perker triumphierend, »Hier ist das Schreiben. Es wurde mir heute früh um neun Uhr von einer Frau auf mein Büro gebracht, ehe ich noch einen Fuß in dieses Haus gesetzt oder die geringste Unterhandlung mit Frau Bardell gepflogen hatte; das kann ich Sie auf Ehre versichern.«

Und der kleine Advokat suchte den Brief aus dem Paket heraus, legte ihn an Herrn Pickwicks Seite nieder und schnupfte zwei Minuten hintereinander, ohne zu blinzeln.

»Ist das alles, was Sie mir zu sagen haben?« sagte Herr Pickwick, etwas sanfter.

»Noch nicht«, erwiderte Herr Perker. »Ich kann in diesem Augenblick noch nicht sagen, ob die Abfassung der Erkenntlichkeitbestätigung, die Natur des scheinbaren Kontrakts und der Beweis, den wir über das ganze Benehmen bei diesem Prozeß bekommen können, hinreichend sein wird, um eine Klage wegen eines Komplotts zur Betrügerei zu begründen. Ich fürchte, nein, mein lieber Herr; denn diese Herren sind gar zu schlau. Jedenfalls aber werden sämtliche Tatsachen zusammengenommen mehr als hinreichend sein, Sie in den Augen aller vernünftigen Menschen zu rechtfertigen. Und nun, mein lieber Herr, überlasse ich die Sache ganz Ihnen. Diese 150 Pfund oder was es sein mag, wenn man eine runde Summe annimmt, sind ja gar nichts für Sie. Eine Jury hat gegen Sie entschieden; ihr Ausspruch war ungerecht; allein die Geschworenen entschieden einmal, wie sie es für recht hielten, und der Spruch ist gegen Sie ausgefallen. Sie haben jetzt eine Gelegenheit, unter sehr annehmbaren Bedingungen eine weit höhere Stellung in der öffentlichen Meinung einzunehmen, als Sie durch Ihr Hierbleiben jemals erlangen können. Denn glauben Sie mir, mein lieber Herr, jeder, der Sie nicht kennt, wird es Ihnen als baren, verrückten, lächerlichen und abgeschmackten Eigensinn auslegen. Können Sie noch zögern, diese Gelegenheit zu benützen, wodurch Sie Ihren Freunden, Ihren alten Beschäftigungen und Vergnügungen zurückgegeben werden und Ihre Gesundheit wieder herstellen können? – eine Gelegenheit, die zugleich Ihren treuen anhänglichen Diener, den Sie sonst für die ganze Dauer Ihres Lebens zur Einkerkerung verurteilen, befreit – und vor allem eine Gelegenheit, die Sie in den Stand setzt, eine höchst großmütige Rache zu nehmen. Ich weiß, daß eine solche ganz Ihrem Herzen entspricht, wenn Sie diese Frau von einem Schauplatz des Elends und Lasters erlösen, wo man nach meiner Ansicht nicht einmal Männer einsperren sollte. Aber es ist vollends wahrhaft schauerlich und barbarisch, hier Damen einzusperren. Nun frage ich Sie, mein lieber Herr, nicht bloß als ihr juristischer Ratgeber, sondern als wohlmeinender treuer Freund, ob Sie die Gelegenheit, all das zu erreichen und all das Gute zu tun, unterlassen wollen wegen der armseligen Rücksicht auf ein paar Pfund, die in die Tasche zweier Schufte wandern? Diese werden dadurch auch nicht glücklicher, wohl aber nur um so habsüchtiger werden und sich vielleicht um so eher zu irgendeinem Bubenstreich verleiten lassen, der mit ihrem Sturze endet. So schwach und unzulänglich ich Ihnen alle diese Rücksichten auch vorgelegt haben mag, mein lieber Herr, so ersuche ich Sie doch, recht, recht gründlich zu überlegen. Ich werde geduldig wie ein Lamm auf Ihre Antwort harren.«

Ehe Herr Pickwick erwidern konnte und ehe Herr Perker den zwanzigsten Teil der Prise zu sich genommen hatte, die eine so ungewöhnlich lange Rede gebieterisch erheischte, vernahmen sie ein leises Gemurmel von außen und dann ein schüchternes Klopfen an die Tür.

»Mein Gott!« rief Herr Pickwick, den die letzten Bemerkungen seines Freundes sichtbarlich aufgeregt hatten; »wie ärgerlich, daß wir gestört werden! Wer ist da?«

»Ich, Sir«, erwiderte Sam Weller, den Kopf hereinsteckend.

»Ich kann dich jetzt nicht brauchen, Sam«, sagte Herr Pickwick. »Ich bin beschäftigt, Sam.«

»Bitte um Verzeihung, Sir«, erwiderte Herr Weller. »Aber hier ist eine Dame, Sir, die sagt, sie habe Ihnen ganz besondere Mitteilungen zu machen.«

»Ich kann jetzt keinen Damenbesuch annehmen«, entgegnete Herr Pickwick, dessen Geist lauter Gestalten wie Frau Bardell vorschwebten.

»Das möchte ich doch nicht so bestimmt behaupten, Sir«, drängte Herr Weller kopfschüttelnd. »Wenn Sie wüßten, wer hier ist, Sir, so würden Sie, meine ich wohl, aus einem andern Ton pfeifen, wie der Habicht mit einem lustigen Lachen zu sich selbst sagte, als er das Rotkehlchen um die Ecke singen hörte.«

»Wer ist's denn?« fragte Herr Pickwick.

»Wollen Sie selbst sehen, Sir?« fragte Herr Weller, die Tür in der Hand haltend, als hätte er draußen irgendein lebendiges, merkwürdiges Tier.

»Nun, so bring' sie einmal«, sagte Herr Pickwick, mit einem Blick auf Perker.

»Recht so«, rief Sam, »jetzt geht der Tanz an. Die Geigen gestimmt, den Vorhang aufgezogen, und herein treten die zwei Verschwörer.«

So sprechend riß Sam Weller die Tür auf, und herein stürmte Herr Nathanael Winkle, an seiner Hand dieselbe junge Dame führend, die in Dingley Dell die Pelzstiefelchen getragen hatte und jetzt – eine höchst anmutige Mischung von Erröten, Verwirrung, lila Seide und Spitzenschleierhut – reizender aussah als je.

»Miß Arabella Allen!« rief Herr Pickwick, von seinem Stuhle aufspringend.

»Nein«, erwiderte Herr Winkle, sich auf ein Knie niederlassend; »Frau Winkle. Verzeihen Sie, mein teurer Freund, verzeihen Sie!«

Herr Pickwick mochte kaum seinen Sinnen trauen und würde es vielleicht auch nicht getan haben, wäre dieses Zeugnis nicht durch das lächelnde Gesicht Perkers sowie durch die leibliche Anwesenheit Sams und des hübschen Hausmädchens im Hintergrund, die die Szene mit der lebhaftesten Befriedigung zu betrachten schienen, bekräftigt worden.

»Ach, Herr Pickwick«, sagte Arabella mit leiser Stimme, als ob sein Stillschweigen sie beunruhigt hätte, »können Sie meine Unklugheit verzeihen?«

Herr Pickwick antwortete nicht mit Worten, sondern nahm in großer Hast seine Brille ab, ergriff beide Hände der jungen Dame, küßte sie mehrmals, vielleicht öfter, als unbedingt notwendig war, und sagte dann, indem er fortwährend ihre eine Hand in der seinigen hielt, Herr Winkle sei ein verwünschter Schwerenöter, er solle übrigens nur aufstehen; was Herr Winkle auch, nachdem er gleich einem reuigen Sünder einige Sekunden lang mit dem Rande seines Hutes sich an der Nase gerieben hatte, alsbald tat. Herr Pickwick schlug ihn hierauf mehrere Male auf den Rücken und schüttelte sodann Herrn Perker herzlich die Hand, der, um mit seinen Komplimenten nicht zurückzubleiben, sowohl die junge Frau, als das hübsche Dienstmädchen voll Freundlichkeit begrüßte. Nachdem er Herrn Winkle aus lauter Freundschaft beinahe die Hand aus dem Gelenk gerissen hatte, beschloß er seine Freudenbezeugungen damit, daß er Schnupftabak genug nahm, um ein Halbdutzend Leute mit gewöhnlich konstruierten Nasen zeitlebens niesen zu machen.

»Aber mein liebes Mädchen«, sagte Herr Pickwick endlich; »wie ist denn das alles gekommen? Setzen Sie sich zu mir und erzählen Sie. Wie sie so hübsch aussieht – nicht wahr, Herr Perker?« setzte Herr Pickwick hinzu und schaute dabei Arabella mit so viel Stolz und Wonne ins Angesicht, als ob sie seine eigene Tochter gewesen wäre.

»Zum Entzücken, mein lieber Herr«, erwiderte der kleine Mann. »Wäre ich nicht selbst schon verheiratet, so könnte es mich ankommen, Sie zu beneiden, Sie Tausendsasa.«

Bei diesen Worten klopfte der kleine Advokat Herrn Winkle auf den Rücken, und nun fingen sie beide an zu lachen, doch nicht so laut wie Herr Samuel Weller, der seinen Gefühlen soeben dadurch Luft verschafft hatte, daß er unter dem Schutz der Tür das hübsche Hausmädchen küßte.

»Wahrhaftig, ich kann Ihnen nicht dankbar genug sein, Sammy«, sagte Arabella mit dem süßesten Lächeln, das sich denken läßt. »Ich werde Ihre Bemühungen im Garten zu Clifton nie vergessen.«

»Sprechen Sie nicht davon, Madame«, erwiderte Sam. »Ich bin bloß der Natur zu Hilfe gekommen, Madame, wie der Doktor zur Mutter des Knaben sagte, als er ihn solange zur Ader gelassen hatte, bis er tot war.«

»Setzen Sie sich doch, liebe Marie«, sagte Pickwick, diese Komplimente kurz abschneidend. »Und nun, wie lange sind Sie denn schon verheiratet?«

Arabella blickte ihren Herrn und Gebieter verschämt an, und dieser erwiderte:

»Erst drei Tage.«

»Erst drei Tage?« fragte Herr Pickwick; »aber was habt Ihr denn in diesen drei Monaten getrieben?«

»Ja, ja«, fiel Herr Perker ein, »rechtfertigen Sie sich nur wegen Ihrer Faulheit. Sie sehen, Herr Pickwick wundert sich nur darüber, daß Sie nicht schon vor Monaten ans Ziel gekommen sind.« ,

»Die Sache ging so zu«, erwiderte Herr Winkle, indem er seine errötende junge Frau ansah: »ich konnte Bella lange nicht überreden davonzulaufen, und als es mir endlich gelungen war, wollte sich lange keine Gelegenheit dazu finden. Auch Marie mußte einen Monat zuvor aufkündigen, ehe sie ihren Platz verlassen konnte, und ihr Beistand war uns durchaus notwendig.«

»Auf mein Wort«, rief Herr Pickwick, der inzwischen seine Brille wieder aufgesetzt hatte und mit soviel Entzücken seine Blicke von Arabella auf Winkle und von Winkle auf Arabella schweifen ließ, wie ein warmes Herz und freundliche, liebevolle Teilnahme nur einem menschlichen Antlitz verleihen kann – »auf mein Wort, Ihr scheint sehr systematisch zu Werke gegangen zu sein. Und weiß Ihr Bruder schon alles, mein liebes Kind?«

»Ach nein, nein«, erwiderte Arabella, die Farbe wechselnd, »Lieber Herr Pickwick, er darf es nur von Ihnen, – nur aus Ihrem Munde erfahren. Er ist so heftig, so voll von Vorurteilen, und hatte so – so lebhafte Wünsche für seinen Freund, Herrn Sawyer«, fügte sie, die Augen niederschlagend, hinzu, »daß ich die entsetzlichste Angst vor den Folgen habe.«

»Ja, ja«, sagte Herr Perker ernsthaft. »Sie müssen diese Sache für sie ausfechten, mein lieber Herr. Vor Ihnen werden diese jungen Männer Respekt haben, wenn sie auf niemanden sonst hören: Sie müssen Unglück verhüten, mein lieber Herr. Heißes Blut – heißes Blut.«

»Sie vergessen nur, liebes Kind«, sagte Herr Pickwick freundlich, »Sie vergessen nur, daß ich ein Gefangener bin,«

»Nein, mein lieber Herr Pickwick«, erwiderte Arabella, »das nicht. Ich habe es nie vergessen und beständig daran gedacht, wie entsetzlich Sie an diesem abscheulichen Orte leiden müssen. Allein ich hoffte, wozu keine Rücksicht auf Ihre eigene Person Sie bewegen könnte, dazu würden Sie sich vielleicht durch Ihre Wünsche für unser Glück bestimmen lassen. Wenn mein Bruder es von Ihnen zuerst erfährt, so hoffe ich mit Bestimmtheit auf Versöhnung. Er ist mein einziger Verwandter in der Welt, Herr Pickwick, und wenn Sie nicht für mich sprechen, so fürchte ich, auch ihn verloren zu haben. Ich habe unrecht getan – sehr, sehr unrecht; ich weiß es wohl.«

Hier hielt sich die arme Arabella ihr Tuch vor das Gesicht und weinte bitterlich.

Herrn Pickwicks Natur war schon durch diese Tränen gewaltig erschüttert; als aber Frau Winkle ihre Augen trocknete und gar anfing, mit den süßesten Tönen ihrer überaus süßen Stimme ihn zu liebkosen und zu bestürmen, da wurde er sehr unruhig und war offenbar zweifelhaft, was er tun sollte, wie aus seinem mehrfach wiederholten krampfhaften Reiben an den Brillengläsern, an Nase und Schenkeln, Kopf und Gamaschen, hervorging.

Herr Perker, dem es schien, als müsse das junge Paar diesen Morgen große Eile gehabt haben, benutzte diese Symptome von Unentschlossenheit und setzte mit juristischer Gewandtheit und Advokatenschlauheit auseinander, wie Herr Winkle senior, der Vater, von dem wichtigen Fortschritt, den sein Sohn auf seiner Lebensleiter gemacht habe, noch nichts wisse; wie die künftigen Aussichten des besagten Sohnes gänzlich davon abhingen, daß besagter Winkle senior ihn fortwährend mit unverminderten Gefühlen der Liebe und Zuneigung betrachte, was höchst unwahrscheinlich sei, wenn dieses große Ereignis lange vor ihm geheimgehalten werde. Er setzte weiter auseinander, wie Herr Pickwick, wenn er sich nach Bristol begebe, um Herrn Allen zu besuchen, ebensogut auch nach Birmingham gehen und Herrn Winkle senior aufsuchen könne; wie endlich Herr Winkle senior alles Recht und vollkommene Befugnis habe, Herrn Pickwick einigermaßen als Mentor und Ratgeber seines Sohnes zu betrachten, und wie es folglich diesem Gentleman gezieme, ja er es sogar seiner persönlichen Ehre schuldig sei, den vorbesagten Winkle senior persönlich und in mündlicher Besprechung mit dem ganzen Verhalten der Sache, sowie mit seinem eigenen Anteil bei der Verhandlung bekannt zu machen.

So standen die Unterhandlungen, als sehr zur gelegenen Zeit Herr Tupman und Herr Snodgrass erschienen, und da man ihnen alles Vorhergegangene nebst den verschiedenen Gründen für und wider auseinandersetzen mußte, so wurden sämtliche Beweisgründe wieder aufgeführt und von einem jeden auf seine Weise und nach seiner Weltanschauung dargetan. Endlich wurde Herr Pickwick geradezu aus allen seinen Entschlüssen hinausdisputiert und widerlegt. Da er nun in augenscheinlicher Gefahr schwebte, auch aus seinem Verstand hinausdisputiert und widerlegt zu werden, so nahm er Arabella in seine Arme, erklärte, sie sei ein unendlich liebenswürdiges Geschöpf; er wisse selbst nicht, wie es zugegangen, aber er habe sie vom ersten Augenblick an außerordentlich liebgewonnen: er könne es nicht übers Herz bringen, dem Glück der jungen Leute im Wege zu stehen, und sie könnten jetzt mit ihm anfangen, was sie wollten.

Als Herr Weller diese Nachgiebigkeit vernahm, war sein Erstes, daß er Job Trotter zu dem berühmten Herrn Pell schickte, mit der Aufforderung, dem Boten die förmliche Quittung zu übergeben, die sein kluger Vater in den Händen dieses gelehrten Gentlemans zu lassen die Vorschrift gehabt hatte. Sein Zweites war, daß er seinen ganzen Vorrat an barem Gelde zum Ankauf von fünfundzwanzig Gallonen schmackhaften Porters verwandte, die er in eigener Person auf dem Bauplatze an alle Interessenten austeilte. Endlich jagte er mit Hallo in verschiedenen Teilen des Hauses herum, bis er seine Stimme verloren hatte, und schließlich versank er wieder gänzlich in seine philosophische Ruhe und Sammlung.

Um drei Uhr nachmittags warf Herr Pickwick seinen letzten Blick auf sein kleines Zimmer und bahnte sich, so gut er konnte, seinen Weg durch den Haufen von Schuldnern, die sich begierig herandrängten, um ihm noch die Hand zu schütteln, bis er die Treppe erreicht hatte. Hier drehte er sich noch einmal um und sein Auge leuchtete dabei. Unter dem Gedränge all der bleichen, abgemagerten Gesichter sah er kein einziges, das er nicht durch sein wohlwollendes Mitgefühl glücklicher gemacht hätte.

»Perker«, sagte Herr Pickwick, einen jungen Mann zu sich winkend, »dies ist Herr Jingle, von dem ich Ihnen gesagt habe.«

»Sehr wohl, mein lieber Herr«, erwiderte Perker, Jingle scharf ins Auge fassend. »Sie werden mich morgen wieder sehen, junger Mann. Was ich Ihnen mitzuteilen habe, wird Ihnen hoffentlich zeitlebens in Erinnerung bleiben, Sir.«

Jingle verbeugte sich ehrerbietig, zitterte sehr, als er Herrn Pickwicks dargebotene Hand ergriff, und entfernte sich.

»Den Job kennen Sie doch?« sagte Herr Pickwick, diesen Gentleman vorstellend.

»Ja, ich kenne den Spitzbuben«, erwiderte Perker lustig. »Sehen Sie nach Ihrem Freund, und seien Sie morgen um ein Uhr an Ort und Stelle. – Vergessen Sie's nicht. – Nun, gibt es sonst noch was?«

»Nichts«, entgegnete Herr Pickwick. »Sam, du hast doch das Päckchen abgeliefert, das ich dir für deinen alten Stubenburschen gab?«

»O freilich, Sir«, erwiderte Sam. »Er hat laut aufgeheult, Sir, und sagte, es sei sehr generös von Ihnen, daß Sie auch an ihn dächten, und er wünsche nur, Sie hätten ihm die galoppierende Schwindsucht einimpfen können: denn sein alter Freund, der so lange hier gelebt, sei gestorben, und jetzt könne er sich nach keinem neuen mehr umsehen.

»Der arme, arme Kerl«, sagte Herr Pickwick. »Lebt wohl, meine Freunde, Gott segne euch.«

Als Herr Pickwick diese Abschiedsworte sprach, erhob die Menge ein lautes Geschrei, und viele drängten sich vorwärts, um ihm die Hand noch einmal zu drücken. Allein er nahm Perkers Arm und eilte für den Augenblick weit betrübter und niedergeschlagener aus dem Gefängnis hinaus, als er es betreten hatte. Ach, wie viele unglückliche, trostlose Wesen hatte er dort zurückgelassen! Und wie viele davon liegen noch darin eingekäfigt!

Ein glücklicher Abend war es indessen für eine Gesellschaft im »Georg und Geier«; und leicht und fröhlich waren zwei Herzen, die am nächsten Morgen die gastliche Tür dieses Hauses verließen. Die Inhaber dieser fröhlichen Herzen aber waren Herr Pickwick und Sam Weller. Jener wurde schnell in eine behagliche Postkutsche befördert, auf deren kleinen äußeren Rücksitz sich dieser mit großer Munterkeit schwang.

»Sir«, rief Herr Weller seinem Gebieter zu.

»Was ist's, Sam?« erwiderte Herr Pickwick, den Kopf zum Fenster hinausstreckend.

»Ich wollte nur, diese Pferde da wären Ihre guten drei Monate im Fleet gewesen, Sir.«

»Und warum, Sam?« fragte Herr Pickwick.

»Ei, Sir«, rief Herr Weller, sich die Hände reibend, »die würden laufen!«

 

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