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Denkwürdigkeiten des Pickwick-Klubs. Zweiter Teil

Charles Dickens: Denkwürdigkeiten des Pickwick-Klubs. Zweiter Teil - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleDenkwürdigkeiten des Pickwick-Klubs. Zweiter Teil
publisherGutenberg-Verlag
addressHamburg
seriesDickens Werke
volume2
editorDr. Paul Th.Hoffmann
translatorDr. Carl Kolb
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Sechsundvierzigstes Kapitel

Schildert eine rührende Zusammenkunft Herrn Samuel Wellers mit einem Familienkreis. Herr Pickwick macht die Runde in der kleinen Welt, darinnen er wohnt, und faßt den Entschluß, künftighin so wenig wie möglich mit ihr zu verkehren.

Einige Tage nach seiner Gefangensetzung ging Herr Samuel Weller des Morgens, nachdem er das Zimmer seines Herrn mit aller möglichen Sorgfalt in Ordnung gebracht hatte und seinen Herrn behaglich über seinen Büchern und Papieren sitzen sah, mit sich selbst zu Rate, wie er die nächsten zwei Stunden am angemessensten verwenden könnte. Der Morgen war schön, und Sam kam auf den Gedanken, daß eine Flasche Porter in der freien Luft seine nächste Viertelstunde ebensogut erheitern würde, als irgendeine andere kleine Erholung, deren er sich erfreuen könnte.

Auf diesen Schluß gekommen, ging er in die Schenkstube, und nachdem er das Bier und überdies noch die ehegestrige Zeitung bekommen hatte, begab er sich auf die Kegelbahn, setzte sich auf eine Bank und begann, sich auf eine sehr gesetzte und systematische Methode zu unterhalten.

Vor allem nahm er einen erfrischenden Schluck Bier zu sich, sah dann zu einem Fenster empor und beglückte eine junge Dame, die hinter diesem Kartoffeln schälte, mit einem platonischen Blinzeln. Dann entfaltete er die Zeitung und gab sich Mühe, die Polizeiberichte nach außen zu wenden. Da das bei dem sich darin verfangenden Winde eine anstrengende und schwierige Arbeit war, so nahm er nach deren Vollendung einen zweiten Schluck Bier. Dann las er zwei Zeilen und unterbrach diese Beschäftigung, um einigen Männern zuzusehen, die ein Racketspiel zum Schluß brachten, nach dessen Beendigung er beifälligerweise »sehr gut« rief. Dann ließ er seine Augen im Kreise der Zuschauer die Runde machen, um sich zu überzeugen, ob ihre Gefühle mit den seinen zusammenträfen. Weiter sah er sich veranlaßt, auch das Fenster hinaufzusehen; und da die junge Dame noch immer dort stand, so erforderte es die allgemeine Höflichkeit, ihr wieder zuzublinzeln und in einem andern Schluck Bier mit stummem Wink ihre Gesundheit zu trinken, was Sam sofort tat. Nachdem er einem Jungen, der solchem Beginnen mit weitgeöffneten Augen zusah, einen furchtbaren Zornblick zugeworfen hatte, schlug er seine Beine übereinander und begann nun, die Zeitung mit beiden Händen haltend, in allem Ernste zu lesen.

Kaum hatte er sich in den erforderlichen Zustand des Nachdenkens versetzt, als er aus einem entfernten Gange seinen eigenen Namen zu hören glaubte. Das war auch keine Täuschung, denn der Name lief alsbald von Mund zu Mund, und in wenigen Sekunden erzitterte die Luft mit lauter »Weller«.

»Hier!« schrie Sam mit Stentorstimme. »Was gibt's? Wer fragt nach ihm? Ist ein Eilbote gekommen, um zu melden, daß mein Landhaus in Flammen steht?«

»In der Halle fragt jemand nach Ihnen«, sagte ein Mann, der neben ihm stand.

»Geben Sie auf das Blatt und den Krug acht, alter Kamerad, wollen Sie?« bat Sam. »Ich komme. Bei Gott, wenn sie mich vor die Schranken riefen, so könnten sie keinen größeren Lärm machen.«

Diese Worte unterstrich er durch einen sanften Schlag an den Kopf des vorerwähnten jungen Herrn, der, die unmittelbare Nähe der verlangten Person nicht ahnend, aus Leibeskräften »Weller« schrie. Sam eilte über den Hof und sprang die Treppe hinauf in die Halle. Hier war das erste, was seine Augen sahen, sein geliebter Vater, der mit dem Hute in der Hand auf der untersten Treppenstufe saß und alle halbe Minuten aus vollem Halse »Weller« rief.

»Warum schreit Ihr denn so?« fragte Sam energisch, als der alte Herr eben einen weiteren Schrei ausgestoßen hatte. »Ihr macht Euch ja so heiß, daß Ihr wie ein geplagter Glasbläser ausseht. Was gibt's?«

»Aha!« rief der alte Herr: »ich fürchtete schon, du möchtest einen Gang um den Regentschaftspark gemacht haben, Sammy.«

»Still!« sagte Sam, »niemand verhöhnt das Opfer des Geizes. Und geht von dieser Treppe weg. Warum sitzt Ihr denn hier? Da ist doch gewiß mein Logis nicht.«

»Ich muß dir einen Spaß erzählen, Sammy«, versetzte der ältere Weller aufstehend.

»Wartet einen Augenblick«, sagte Sam. »Ihr seid ganz weiß hinten.«

»Das ist recht, Sammy, bürste mich ab«, versetzte Herr Weller, als ihn sein Sohn abstäubte. »Es möchte hier ein außerordentliches Ereignis sein, wenn jemand etwas Weißes auf dem Leibe hätte – nicht wahr, Sammy?«

Als Herr Weller sich vor Lachen schütteln wollte, winkte ihm Sam, innezuhalten.

»Seid ruhig«, sagte Sam. »Ein solcher alter Narr ist doch noch nie auf die Welt gekommen. Was habt Ihr jetzt zu lachen?«

»Sammy«, versetzte Herr Weller sich die Stirne abwischend, »ich fürchte, mich trifft dieser Tage noch der Schlag vor lauter Lachen.«

»Warum setzt Ihr Euch dem aus?« fragte Sam. »Nun was wolltet Ihr mir erzählen?«

»Wer, glaubst du, daß mit mir hierher gekommen sei, Samuel?« fragte Herr Weller, einen oder zwei Schritte zurücktretend, indem er den Mund aufsperrte und die Brauen in die Höhe zog.

»Pell?« sagte Sam.

Herr Weller schüttelte den Kopf und dehnte seine roten Backen durch das Gelächter aus, das er hervorzudrängen versuchte.

»Der Buntscheckige vielleicht?« riet Sam.

Herr Weller schüttelte wieder den Kopf.

»Nun, wer, denn?« fragte Sam.

»Deine Stiefmutter«, erwiderte Herr Weller.

Und es war ein Glück, daß er das endlich verriet, sonst wären seine Backen bei der unmäßigen Anstrengung unvermeidlich geborsten.

»Deine Stiefmutter, Sammy«, sagte Herr Weller, »und die Rotnase, mein Junge, die Rotnase. Ho! Ho! Ho!«

Bei diesen Worten bekam Herr Weller Lachkrämpfe, während ihn Sam mit einem breiten Grinsen ansah, das sich allmählich über sein ganzes Gesicht verbreitete.

»Sie sind hierher gekommen, um dir ins Gewissen zu reden, Samuel«, sagte Herr Weller, sich die Augen wischend. »Laß nur nichts von deinem merkwürdigen Gläubiger merken, Sammy.«

»Was? Wissen sie nicht, wer es ist?« fragte Sam.

»Nicht im mindesten«, versetzte sein Vater.

»Wo sind sie?« fragte Sam, mit dem Alten um die Wette lachend.

»In der Snuggerey«, versetzte Herr Weller. »Glaubst du, die Rotnase gehe hin, wo es nichts Gebranntes gibt? Nie, Samuel – nie. Wir hatten diesen Morgen eine sehr hübsche Fahrt vom Marquis hierher«, sagte Herr Weller, als er vom Lachen wieder mehr zu sich kam. »Ich spannte den alten Schecken in das alte Wägelchen, das dem ersten Manne deiner Stiefmutter gehört hatte. Man hob einen Armstuhl für den Hirten hinauf; und ich will verdammt sein«, fügte Herr Weller mit dem Blicke tiefer Verachtung bei, »wenn sie nicht eine tragbare Treppe auf die Straße herausschleppten, um dem Hirten das Aufsteigen bequem zu machen.«

»Das kann doch unmöglich Euer Ernst sein?« bemerkte Sam.

»Purer Ernst«, versetzte sein Vater, »und ich wünschte nur, du hättest es gesehen, wie er sich beim Aufsteigen an den Leitern festklammerte, als fürchtete er, sechs volle Fuß hinabzustürzen und in Million Stücke zerschmettert zu werden. Endlich plumpte er hinein; wir fuhren von dannen, und ich meine fast, – ich sage, ich meine fast, Samuel – daß er ordentlich gerüttelt wurde, wenn's um die Ecken ging.«

»Vermutlich fuhret Ihr an ein Paar Pfosten an?« fragte Sam.

»Ich fürchte«, versetzte Herr Weller im Feuer seines Gebärdenspiels – »ich fürchte, ich streifte an einem oder zwei vorbei, Sammy; er flog nach allen Seiten aus seinem Armstuhl heraus.«

Hier schüttelte der Alte seinen Kopf gewaltig und wurde von einem heiseren inneren Kollern befallen, das sein Gesicht bis zum Sprengen auftrieb – Symptome, die seinen Sohn nicht wenig beunruhigten.

»Sei unbesorgt, Sammy – sei unbesorgt«, sagte der Alte, als er nach ungeheurer Anstrengung und verschiedenen konvulsivischen Stößen gegen den Boden seine Stimme wiedererlangt hatte. »Es ist nur eine Art von stillem Lachen, das ich zum Ausbruch kommen lassen will, Sammy.«

»Nun, wenn es ist, was es ist«, sagte Sam, »so wäre es besser. Ihr ließet's drinnen. Ihr werdet finden, daß diese Erfindung etwas gefährlicher Natur ist.

»Gefällt sie dir nicht, Sammy?« fragte der Alte.

»Nicht im geringsten«, versetzte Sam.

»Gut«, sagte Herr Weller, indem ihm immer noch die Tränen über die Wangen liefen, »es wäre eine große Erleichterung für mich gewesen, wenn mir's gelungen wäre, und hätte mir und deiner Stiefmutter eine große Menge Reden erspart; aber ich fürchte, du hast recht, Sammy: es grenzt zu nahe an das Schlagartige – viel zu nahe, Samuel.«

So weit war die Unterhaltung gediehen, als sie an der Tür der Snuggery ankamen, in die Sam alsbald eintrat, nachdem er zuvor einen Augenblick stehengeblieben war, um über die Schulter weg einen schlauen Blick auf seinen verehrten Erzeuger zu werfen, der immer noch kicherte.

»Stiefmutter«, sagte Sam, die Dame höflich grüßend, »sehr verbunden für Ihren gütigen Besuch. Hirte, wie geht es Ihnen?«

»O Samuel!« sagte Frau Weller, »das ist fürchterlich.«

»Nicht im mindesten, Madame«, versetzte Sam; »oder ist es, das Hirte?«

Herr Stiggins hob seine Hände empor und verdrehte seine Augen, bis nur noch das Weiße oder vielmehr das Gelbe allein sichtbar war, erwiderte aber nichts.

»Ist der Herr mit einem schmerzhaften Leiden behaftet?« fragte Sam, seine Stiefmutter mit einem Blicke ansehend, der um Aufschluß bat.

»Der gute Mann ist bekümmert, Sie hier zu sehen, Samuel«, versetzte Frau Weller.

»So; wirklich?« sagte Sam. »Sein Betragen machte mich besorgt, er möchte es vergessen haben, die letzten Gurken, die er zu sich nahm, mit Pfeffer zu bestreuen. Setzen Sie sich, Sir; wir machen keine Zeche für das Sitzen, wie der König bemerkte, als er seine Minister absetzte.«

»Junger Mann«, versetzte Herr Stiggins hochtrabend, »ich fürchte, das Gefängnis hat Sie noch nicht gedemütigt.«

»Bitte um Verzeihung, Sir«, erwiderte Sam, »was waren Sie so gütig zu bemerken?«

»Ich fürchte, junger Mann, Ihr Charakter ist durch diese Züchtigung nicht demütiger geworden«, sagte Stiggins mit lauter Stimme.

»Sie sind sehr gütig, Sir«, erwiderte Sam. »Ich hoffe, meine Natur gehört nicht zu den demütigen. Sehr verbunden für Ihre gute Meinung, Sir.«

Bei diesem Teile des Gesprächs ließen sich in der Gegend des Stuhles, auf dem der ältere Herr Weller saß, aufreizende, gelächterartige Laute vernehmen, über die Frau Weller nach schneller Überlegung aller obwaltenden Umstände allmählich hysterische Krämpfe zu bekommen für ihre unerläßliche Pflicht hielt.

»Weller«, sagte Frau Weller (der Alte saß in einem Winkel): »Weller, komm hervor!«

»Sehr freundlich, meine Liebe«, versetzte Herr Weller: »aber ich fühle mich ganz behaglich, wo ich bin.«

Daraufhin brach Frau Weller in Tränen aus.

»Was fehlt Ihnen, Madame?« fragte Sam.

»O Samuel!« versetzte Frau Weller, »Ihr Vater macht mich ganz unglücklich. Will ihm denn gar nichts zur Raison bringen?«

»Hört Ihr's«, rief Sam. »Die Dame möchte wissen, ob Euch gar nichts zur Raison bringen würde.«

»Ich bin der Frau Weller für ihre höflichen Fragen sehr viel Dank schuldig, Sammy«, erwiderte der Alte. »Ich denke, eine Pfeife würde mich zur Raison bringen. Könnte ich eine bekommen, Sammy?«

Hier vergoß Frau Weller einige Tränen weiter und Herr Stiggins schluchzte.

»Holla! diesem unglücklichen Herrn wird wieder übel«, sagte Sam, rundum sehend. »Wo schmerzt es Sie jetzt, Sir?«

»Immer noch an der gleichen Stelle, junger Mann«, erwiderte Herr Stiggins: »immer noch an der gleichen Stelle.«

»Wo mag das sein, Sir?« fragte Sam anscheinend mit großer Einfalt.

»Im Herzen, junger Mann«, entgegnete Herr Stiggins, seinen Regenschirm an die Weste setzend.

Bei dieser rührenden Antwort konnte Frau Weller ihre Gefühle unmöglich unterdrücken. Sie schluchzte laut und stellte die Behauptung auf, der Mann mit der roten Nase sei ein Heiliger; worauf Herr Weller senior mit gedämpftem Tone die Äußerung wagte, er müsse der Vertreter der vereinigten Gemeinden des heiligen Simon Außen und des heiligen Walker Innen sein.

»Ich fürchte, liebe Verwandte, dieser Herr mit seinen verdrehten Gesichtszügen bekommt Durst von dem traurigen Anblick, den er vor sich hat. Ist das der Fall, Frau Mutter?«

Die würdige Dame sah Herrn Stiggins forschend an, und der Herr ließ seine Augen rollen und faßte seine Kehle mit der rechten Hand an, wobei er die Handlung des Schlingens mimisch darstellte, um dadurch anzudeuten, daß er Durst habe.

»Ich fürchte, seine Gefühle haben ihn durstig gemacht«, bemerkte Herr Weller düster.

»Was ist Ihr gewöhnliches Getränk, Sir?« fragte Sam.

»O, mein lieber junger Freund!« versetzte Herr Stiggins, »Getränke sind Eitelkeiten.«

»Nur zu wahr; zu wahr, in der Tat«, bemerkte Frau Weller schluchzend, mit beifälligem Kopfnicken.

»Wohlan«, sagte Sam, »ich gebe es zu, Sir, aber Ihre Lieblingseitelkeit. Welche Eitelkeit schmeckt Ihnen am besten, Sir?«

»Ach mein lieber junger Freund«, versetzte Herr Stiggins, »ich verachte alle. Wenn«, fuhr Herr Stiggins fort, »wenn es eins gibt, das weniger gehässig ist, als ein anderes, so ist es der Geist, den man Rum nennt – warm, mein lieber junger Freund, mit drei Stückchen Zucker für das Glas.«

»Tut mir sehr leid, Ihnen sagen zu müssen«, versetzte Sam, »daß es nicht gestattet ist, Ihre Lieblingseitelkeit in diesem Lokale zu verkaufen.«

»Ach, über die Hartherzigkeit dieser verstockten Menschen!« rief Herr Stiggins aus. »Ach, über die fluchenswürdige Grausamkeit dieser unmenschlichen Verfolger!«

Mit diesen Worten hob Herr Stiggins wieder seine Augen auf und stieß den Regenschirm gegen seine Brust. Wir lassen dem ehrwürdigen Mann nur Gerechtigkeit widerfahren, wenn wir sagen, sein Unwille war in der Tat aufrichtig und ungeheuchelt.

Nachdem Frau Weller und der Mann mit der roten Nase über diesen unmenschlichen Gebrauch aus allen Kräften losgezogen und gegen die Urheber desselben eine Menge frommer und heiliger Verwünschungen ausgestoßen hatten, schlug der letztere eine Flasche Portwein mit etwas warmem Wasser, Gewürz und Zucker vor, weil dieses dem Magen sehr dienlich sei und weniger nach Eitelkeit schmecke, als viele andere Mischungen. Es war also befohlen, ihn zu bereiten und während der Bereitung sahen der Mann mit der roten Nase und Frau Weller auf den älteren Weller und schluchzten.

»Nun, Sammy«, sagte dieser Gentleman, »ich hoffe, du bist über diesen leibhaftigen Besuch sehr erfreut? Eine sehr heitere und lehrreiche Unterhaltung, Sammy, nicht wahr?«

»Ihr seid ein Verworfener«, entgegnete Sam; »und ich wünschte, Ihr richtetet keine so ruchlosen Bemerkungen an mich.«

Weit entfernt, durch diese höchst zeitgemäße Erwiderung erbaut zu werden, verzog der ältere Herr Weller sein Gesicht plötzlich zu einem breiten Grinsen. Da dieses unveränderliche Benehmen die Dame und Herrn Stiggins veranlaßte, die Augen zu schließen und unruhig auf ihren Stühlen hin- und herzurücken, so führte er noch mehrere Pantomimen aus, die das Verlangen andeuteten, vorbesagtem Stiggins eins auf die Nase zu versetzen – ein Verlangen, dessen Befriedigung sein Herz sehr zu erleichtern versprach. Die Gesten des alten Weller blieben übrigens jenen beiden kaum unbekannt. Herr Stiggins war nämlich bei einem zufälligen Blick auf den ankommenden Glühwein mit seinem Kopf heftig gegen die geballte Faust gestoßen, die Herr Weller einige Minuten lang, nur zwei Zoll von seinem Ohre entfernt, wie ein Feuerrad kreisen ließ.

»Was reckt Ihr Eure Hand auf diese rohe Weise nach dem Becher aus?« rief Sam plötzlich. »Seht Ihr denn nicht, daß Ihr den Herrn da stoßt?«

»Ich wollte das nicht, Sammy«, sagte Herr Weller, durch den Zusammenprall denn doch einigermaßen in Verlegenheit gebracht.

»Versuchen Sie einmal eine innerliche Medizin, Sir«, bemerkte Sam, als der rotnasige Herr sich mit kläglicher Miene am Kopf scheuerte. »Was halten Sie von einer solchen warmen Eitelkeit, Sir?«

Herr Stiggins antwortete nicht mit Worten, aber sein Benehmen war verständlich. Er kostete den Inhalt des Glases, das ihm Sam in die Hand gegeben hatte, und stieß seinen Regenschirm auf den Boden. Dann kostete er wieder, die Magengegend zwei- bis dreimal behaglich mit der Hand streichend; schließlich trank er das Ganze auf einen Zug aus, schmatzte mit den Lippen und hielt den Becher hin, um ihn zum zweitenmal füllen zu lassen.

Auch Frau Weller blieb nicht zurück, wo es galt, der Mischung Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Die gute Dame protestierte anfangs, sie könne keinen Tropfen trinken, – dann trank sie einen kleinen Tropfen – dann einen großen Tropfen – und dann eine große Menge Tropfen, und da ihre Gefühle von der Natur derjenigen Substanzen waren, die durch Anwendung gebrannter Wasser stark angegriffen werden, so ließ sie bei jedem Tropfen Glühwein einen Tränentropfen fallen und ihre Gefühle so sehr zerfließen, daß sie endlich eine sehr anständige und imposante Höhe des Elends erreichte.

Der ältere Herr Weller gab bei der Beobachtung dieser Zeichen und Merkmale sein Mißfallen auf mannigfache Weise zu erkennen. Als nun Herr Stiggins, nach einem zweiten Kruge desselben Inhalts, kläglich zu seufzen anfing, so legte er seine Unzufriedenheit mit der ganzen Aufführung durch verschiedenes zorniges Gebrumme und Bemerkungen wie »Alfanzereien« offen an den Tag.

»Ich will dir sagen, was es ist, Samuel, mein Junge«, flüsterte der alte Herr, nach einer langen, aufmerksamen Beobachtung seiner Frau und Herrn Stiggins, seinem Sohn ins Ohr; »ich glaube, es muß deiner Stiefmutter und dem Rotnasigen im Leib nicht recht wohl sein.«

»Wie meint Ihr das?« fragte Sam.

»Ich meine, Sammy«, versetzte der alte Herr, »was sie trinken, scheint ihnen nicht zur Nahrung zu dienen: es verwandelt sich alles plötzlich in warmes Wasser und kommt durch die Augen wieder heraus. Ich versichere dich, Sammy, es ist ein Fehler in ihrer Konstitution.«

Herr Weller brachte seine wissenschaftliche Ansicht mit einer Menge bestätigender Winke und Gebärden vor: und als Frau Weller dieselben bemerkte und irgendeine mißliebige Beziehung auf sich oder Herrn Stiggins oder beide bezog, stand sie im Begriff, außerordentlich unwohl zu werden, während Herr Stiggins, sich so gut wie möglich auf die Beine helfend, in einer erbaulichen Rede fortfuhr, die auf das Seelenheil der Gesellschaft, insbesondere aber Herrn Samuels, abzielte. Er beschwor Weller Junior in rührenden Ausdrücken, die Sünde zu fliehen, der er anheimgefallen sei, alle Heuchelei und allen Hochmut zu meiden, und in allen Stücken ihn (Stiggins) zum Muster und Vorbild zu nehmen. Dann könne er früher oder später zu dem köstlichen Bewußtsein gelangen, daß er, gleich ihm, ein höchst achtbarer und tadelloser Charakter und alle seine Bekannten und Freunde rettungslos verloren und verworfen seien – ein Bewußtsein, sagte er, das ihm die größte Seligkeit bereiten würde.

Er beschwor ihn ferner, vor allen Dingen das Laster der Trunkenheit zu fliehen, das er den unflätigen Gewohnheiten der Schweine und den giftigen und verderblichen Arzneien verglich, die in den Mund aufgenommen, das Gedächtnis vernichteten. An dieser Stelle seiner Rede wurde der ehrwürdige Herr mit der roten Nase besonders unzusammenhängend, und im Feuer der Beredsamkeit hin- und herschwankend, mußte er sich an der Stuhllehne halten, um das Gleichgewicht zu behaupten.

Herr Stiggins suchte seine Zuhörer zwar nicht vor den falschen Propheten und elenden Spöttern über die Religion zu warnen, die ohne den Verstand, die ersten Lehrsätze des Glaubens auszulegen, oder ohne das Herz, die Grundwahrheiten zu empfinden, gefährlichere Mitglieder der Gesellschaft sind, als der gemeine Verbrecher: denn sie üben notwendig auf die Schwächsten und am wenigsten Unterrichteten die stärkste Herrschaft aus, setzen alles, was am heiligsten gehalten werden sollte, herab, machen es verächtlich und bringen ganze Klassen von tugendhaften und sittlich guten Menschen vieler wertvollen Sekten und Glaubenspartien in üblen Ruf. Aber da Herr Stiggins sich eine geraume Zeitlang an der Stuhllehne festhielt und das eine Auge geschlossen hatte, während er mit dem andern fortwährend blinzelte, so läßt sich annehmen, daß er an all das dachte, aber es weislich bei sich behielt.

Während dieser Predigt seufzte und weinte Frau Weller am Schlusse der Abschnitte, während Sam mit übergeschlagenen Beinen und auf der Seitenlehne seines Stuhles ruhenden Armen den Sprecher mit einem süßen, milden Lächeln betrachtete, und gelegentlich einen Blick des Verständnisses auf den alten Herrn warf, der im Anfang entzückt war und ungefähr in der Mitte einschlief.

»Bravo! ganz vortrefflich!« rief Sam, als der Mann mit der roten Nase nach dem Schlusse der Rede seine abgetragenen Handschuhe anzog und, während dieses Geschäfts, die Finger durch die durchlöcherten Enden steckte, bis die Knöchel sichtbar wurden – »ganz vortrefflich.«

»Ich hoffe, es wird bei Ihnen anschlagen, Samuel«, sagte Frau Weller feierlich.

»Ich denke auch, Stiefmutter«, versetzte Sam.

»Ich wollte, es schlüge auch bei Ihrem Vater an«, sagte Frau Weller.

»Danke dir, meine Teure«, erwiderte Herr Weller senior. »Welchen Eindruck macht es denn auf dich selbst, meine Liebe?«

»Spötter!« rief Frau Weller.

»Unerleuchteter Mann!« sagte der ehrwürdige Herr Stiggins.

»Wenn ich kein besseres Licht bekomme, als Ihren Mondschein, mein würdiges Goldkind«, versetzte der ältere Herr Weller, »so ist es sehr wahrscheinlich, daß ich ewig eine Nachtkutsche fahren werde, bis ich ganz von der Lebensstraße Abschied nehme. Jetzt aber, Frau Weller, wenn der Schecke noch länger am Futtertrog steht, so hält er mir auf dem Heimweg nicht mehr Stand und wirft vielleicht den Armstuhl samt dem Hirten in diese oder jene Hecke.«

Auf diese Bemerkung nahm Herr Stiggins in augenscheinlicher Bestürzung Hut und Regenschirm und drang auf alsbaldige Abreise, womit Frau Weller ebenfalls zufrieden war. Sam ging mit ihnen bis ans Gefängnistor, wo er einen zärtlichen Abschied von seinen Gästen nahm.

»Adio, Samuel«, sagte der alte Herr.

»Was heißt das, Adio?« fragte Sam.

»Nun denn: so lebe wohl«, sagte der alte Herr,

»Weiter habt Ihr nichts gewußt?« fragte Sam. »Nun, so lebt wohl, alter Racker.«

»Sammy«, flüsterte Herr Weller, vorsichtig um sich blickend, »meine Empfehlung an deinen Prinzipal, und wenn er sich einmal eines Besseren besinne, so solle er es nur mich wissen lassen. Ich und der Kunsttischler haben miteinander einen Plan ausgeheckt, ihn herauszukriegen. Ein Piano, Samuel – ein Piano!« fügte Herr Weller hinzu, indem er seinen Sohn mit der Rückseite seiner Hand auf den Brustkasten schlug und ein paar Schritte zurücktrat.

»Was meint Ihr damit?« fragte Sam.

»Ein Pianoforte, Samuel«, erwiderte Herr Weller noch geheimnisvoller; »er kann es mieten: so eins, wo man nicht darauf spielt, Sammy.«

»Und wozu soll das gut sein?« meinte Sam.

»Er soll zu meinem Freund, dem Kunsttischler schicken, und es holen lassen«, erklärte Herr Weller. »Verstehst du mich jetzt?«

»Nein«, versicherte Sam.

»Es ist gar nichts dabei zu riskieren«, flüsterte sein Vater. »Er kann sich mit seinem Hut und seinen Schuhen hineinlegen, und durch das Gestell, das hohl ist, frische Luft schöpfen. Wir halten ein Schiff nach Amerika für ihn bereit. Die amerikanische Regierung gibt ihn nicht heraus, sobald sie sieht, daß er Geld zu verzehren hat, Sammy. Dort kann dein Prinzipal bleiben, bis Frau Bardell tot ist, oder die Herren Dodson und Fogg am Galgen hängen, welches letztere wahrscheinlich zuerst geschehen wird, Sammy. Dann soll er zurückkommen und ein Buch über die Amerikaner schreiben, das ihm alle seine Reisekosten und noch mehr einträgt, wenn er ihnen nur tüchtig heimleuchtet.«

Herr Weller flüsterte diesen kurzen Abriß von seinem Komplott dem Sohne erregt ins Ohr; dann aber gab er, als fürchte er, durch ein weiteres Gespräch die Wirkung seiner unerhörten Mitteilung zu schwächen, den Kutschergruß und verschwand.

Sam hatte kaum seine gewöhnliche Ruhe wieder erlangt, die durch die geheime Mitteilung seines verehrten Vaters gewaltig gestört worden war, als Herr Pickwick zu ihm trat.

»Sam«, sprach dieser Gentleman.

»Sir«, erwiderte Herr Weller.

»Ich wünsche einen Gang durch das ganze Gefängnis zu machen, und du sollst mich dabei begleiten. Da kommt ja eben ein Gefangener, den wir kennen, Sam«, fügte Herr Pickwick lächelnd hinzu.

»Wer ist es, Sir?« fragte Herr Weller; »der Gentleman mit dem Krauskopf oder der interessante Herr in den Strümpfen?«

»Keiner von beiden«, erwiderte Herr Pickwick. »Ein viel älterer Freund von dir, Sam.«

»Von mir, Sir?« rief Herr Weller.

»Du mußt dich dieses Herrn noch ganz gut erinnern«, sagte Herr Pickwick, »sonst hättest du ja ein weit schlechteres Gedächtnis für alte Bekannte, als ich dir zutrauen kann. Still! kein Wort mehr, Sam – keine Silbe. Da ist er.«

Während Herr Pickwick sprach, kam Jingle herbei. Er sah weniger elend aus, als zuvor; denn er trug seine bloß halbabgenutzten Kleider, die er mit Herrn Pickwicks Hilfe aus der Gefangenschaft des Leihhauses gelöst hatte. Auch hatte er ein weißes Hemd an, und seine Haare waren frisch gestutzt. Gleichwohl war er sehr blaß und mager, und als er, auf einen Stock sich stützend, langsam heranschlich, konnte man ihm leicht ansehen, daß er durch Krankheit und Mangel hart gelitten hatte und noch immer äußerst schwach war. Er zog seinen Hut, als Herr Pickwick ihn grüßte, und beim Anblick Sam Wellers schien er sehr gedemütigt und beschämt.

Dicht hinter ihm erschien Job Trotter, in dessen Sündenregister jedenfalls Mangel an Treue und Anhänglichkeit an seinen Kameraden keinen Platz findet. Er war noch immer zerlumpt und schmutzig, sein Gesicht aber nicht mehr ganz so hohl, wie bei seinem ersten Zusammentreffen mit Herrn Pickwick vor einigen Tagen. Als er gegen unsern wohlwollenden alten Freund den Hut abnahm, murmelte er einige abgebrochene Ausdrücke der Dankbarkeit und stammelte etwas von Errettung vorm Hungertode.

»Schon gut«, sagte Herr Pickwick, ihn ungeduldig unterbrechend, »Sie können mit Sam nachkommen. Ich wünsche Sie zu sprechen, Herr Jingle. Können Sie gehen ohne seinen Arm?«

»O ja, Sir – ganz zu Diensten – nicht zu schnell – Beine schlottrig – Kopf betäubt – immer im Ring herum – erdbebenartige Empfindung – ganz erdbebenartig.«

»Da, geben Sie mir Ihren Arm«, sagte Herr Pickwick.

»Nein, nein«, erwiderte Jingle, »unmöglich, – zu viel Güte.«

»Unsinn!« sagte Herr Pickwick; »stützen Sie sich auf mich, ich will es so haben, Sir.«

Da Herr Pickwick sah, daß Jingle äußerst aufgeregt, verwirrt und unschlüssig war, so brach er den Handel kurz ab, indem er den Arm des kranken Komödianten durch den seinen steckte und ihn fortführte, ohne noch ein Wort darüber zu verlieren.

Während dieser ganzen Zeit zeigte Herrn Samuel Wellers Angesicht einen Ausdruck des überwältigendsten und überschwenglichsten Erstaunens, das sich die Einbildungskraft nur vormalen kann. Nachdem er in tiefem Schweigen von Job zu Jingle und von Jingle zu Job geblickt, stieß er endlich leise die Worte aus: »Nun, das ist wirklich . . .!« und wiederholte sie wenigstens zwanzig Mal. Nach dieser Übung aber schien er seiner Stimme gänzlich beraubt zu sein, und warf in Ärger, Verworrenheit und Verwunderung seine Augen aufs neue zuerst auf den einen und dann auf den andern.

»Nun, Sam«, sagte Herr Pickwick sich umsehend.

»Ich komme, Sir«, erwiderte Herr Weller, indem er seinem Herrn mechanisch nachfolgte; und noch immer wandte er seine Augen nicht von Herrn Job Trotter ab, der schweigend ihm zur Seite ging.

Job heftete seine Blicke einige Zeit auf den Boden, und Sam, der die seinigen an Jobs Gesicht gleichsam geklebt hatte, rannte gegen alle Leute, die ihm begegneten, an, fiel über kleine Kinder, stolperte an Treppen und Geländern und schien von all dem nichts zu bemerken, bis Job verstohlen aufblickte und sagte:

»Wie geht es Ihnen, Herr Weller?«

»Ja, er ist's!« rief Sam, und nachdem er Jobs Identität zweifellos festgestellt, schlug er sich auf das Bein und machte seinen Gefühlen in einem langen, lauten Pfeifen Luft.

»Mit mir hat es sich sehr geändert, Sir«, sagte Job.

»Das sehe ich«, rief Herr Weller, mit unverstellter Verwunderung die Lumpen seines Begleiters betrachtend. »Es ist aber ein schlechter Tausch gewesen, wie der Bauer sagte, als er zwei verdächtige Schillinge und sechs Pence in kleiner Münze für eine gute halbe Krone eingehandelt hatte.«

»Ja, es ist wahr«, versetzte Job den Kopf schüttelnd. »Die Zeit des Betrugs ist jetzt vorbei, Herr Weller. Tränen«, fügte er halb verschmitzt hinzu, – »Tränen sind weder die einzigen Beweise von Kummer und Elend, noch die besten.«

»Das weiß der liebe Gott!« erwiderte Sam ausdrucksvoll.

»Man kann sie auch künstlich hervorrufen, Herr Weller«, fuhr Job fort.

»Sehr richtig bemerkt«, versetzte Sam; »es gibt Leute, die immer welche in Bereitschaft halten und den Stöpsel herausziehen können, wann es ihnen paßt.«

»Ja, ja«, sagte Job; »aber, mein lieber Herr Weller, diese Dinge lassen sich doch nicht so leicht nachmachen, und es ist ein gar schmerzhafter Prozeß, sie künstlich hervorzurufen.«

So sprechend deutete er auf seine blassen, eingesunkenen Wangen, schlug seinen Rockärmel zurück und entblößte einen Arm, der aussah, als ob man ihn durch die geringste Berührung abbrechen könnte, so dünn und spitzig stachen die Knochen unter seiner dünnen Fleischdecke hervor.

»Was haben Sie mit sich selbst angefangen?« fragte Sam zusammenschauernd.

»Nichts«, erwiderte Job.

»Nichts?« wiederholte Sam.

»Ich habe schon viele Wochen gar nichts getan«, sagte Job, »und beinahe ebensowenig gegessen und getrunken.«

Sam warf einen umfassenden Blick auf Herrn Trotters dünnes Gesicht und seine ganze jammervolle Erscheinung; dann ergriff er ihn beim Arm und zog ihn rasch mit sich fort.

»Wohin wollen Sie, Herr Weller?« stöhnte Job, der sich aus dem mächtigen Griff seines alten Feindes vergeblich loszuringen suchte.

»Kommen Sie«, sagte Sam, »kommen Sie.«

Er würdigte ihn keiner weiteren Erklärung, bis sie die Snuggery erreicht hatten, wo er einen Krug Porter bestellte, der sogleich gebracht wurde.

»Da«, sagte Sam, »trinken Sie alles bis auf den letzten Tropfen, und dann kehren Sie den Krug um, damit ich sehe, wie Sie die Arznei eingenommen haben.«

»Aber mein bester Herr Weller«, wendete Job ein.

»Hinunter damit«, sprach Sam gebieterisch.

Dieser Aufforderung zufolge erhob Herr Trotter den Krug zu seinen Lippen und leerte ihn in kleinen, beinahe unmerkbaren Schlucken bis auf den Grund. Einmal, aber auch nur ein einziges Mal, pausierte er, um einen langen Atemzug zu tun, ohne aber sein Gesicht von dem Gefäße zu erheben, das er einige Augenblicke darauf mit ausgestrecktem Arm umgekehrt hinhielt. Nichts fiel auf den Boden, als ein paar Tröpfchen Schaum, die sich langsam vom Rande losmachten und träge hinabträufelten.

»Bravo«, sagte Sam. »Wie fühlen Sie sich jetzt?«

»Besser, Sir, ich glaube besser«, antwortete Job.

»Das versteht sich«, sagte Sam überzeugt. »Es ist gerade, wie wenn man Gas in einen Luftballon bläst. Ich kann's mit bloßen Augen sehen, daß Sie unter der Operation stärker werden. Was würden Sie von einer zweiten, ebenso kräftigen Dosis halten?«

»Ich bin Ihnen sehr verbunden, Sir«, antwortete Job; »aber sie würde mir nicht gut sein.

»Nun, meinetwegen«, sagte Sam. »Aber etwas zwischen die Zähne; was würden Sie dazu sagen?«

»Dank sei Ihrem würdigen Herrn, Sir«, antwortete Herr Trotter; »wir haben heute um drei Viertel auf drei Uhr eine gebackene Hammelkeule nebst Kartoffeln gehabt, so daß uns das Kochen erspart war.«

»Was? Hat er für Sie gesorgt?« fragte Sam nachdrucksvoll.

»Ja, Sir«, erwiderte Job, »und noch mehr als das, Herr Weller. Da mein Herr sehr unwohl war, so hat er ein Zimmer für uns gemietet – wir bewohnten vorher ein wahres Hundeloch – und es bezahlt, Sir; auch ist er bei Nacht zu uns gekommen, damit es niemand erfahren sollte. Ja, Herr Weller«, fügte Job, diesmal mit wirklichen Tränen in den Augen hinzu, »diesem Gentleman könnte ich dienen, bis ich tot zu seinen Füßen niedersänke.«

»Bemühen Sie sich nicht, mein Freund«, entgegnete Sam, »kein Wort mehr.«

Job Trotter sah ihn verwundert an.

»Kein Wort mehr, junger Mann, sage ich«, wiederholte Sam fest. »Niemand dient ihm, als ich. Und da wir gerade daran sind, so will ich Sie noch in ein Geheimnis einweihen«, fügte Sam hinzu, indem er das Bier bezahlte. »Ich habe niemals gehört, oder in Geschichtsbüchern gelesen, oder auf Gemälden etwas gesehen von Engeln mit knappen Beinkleidern und Gamaschen – ja auch nicht einmal in Komödien, so viel ich mich erinnere, obgleich das auch aus andern Gründen geschehen sein mag: aber merken Sie sich's, Job Trotter, er ist dessenungeachtet ein ganz echter und vollkommener Engel, und den Mann möchte ich sehen, der mir zu sagen wagte, er kenne einen besseren.«

Mit dieser Herausforderung steckte Herr Weller das herausbekommene Geld in eine Seitentasche, und unter bekräftigenden Winken und Gesten machte er sich auf, den Gegenstand seiner Rede zu suchen.

Sie fanden Herrn Pickwick auf dem Ballplatze, in einem sehr ernsthaften Gespräch mit Jingle begriffen. Er würdigte die buntscheckigen hier versammelten Gruppen keines Blickes, obschon sie es wohl verdient hätten, daß man sie wenigstens aus Neugier etwas näher ins Auge faßte.

»Gut«, sagte Herr Pickwick, als Sam und sein Begleiter näher kamen, »Sie werden sehen, wie Ihre Gesundheitsumstände sich gestalten, und die Sache inzwischen näher überlegen. Machen Sie mir eine Berechnung, sobald Sie sich stark genug fühlen; ich will es dann bedenken und weiter mit Ihnen sprechen. Jetzt gehen Sie auf Ihr Zimmer. Sie sind müde und dürfen nicht zu lange außen bleiben.«

Ohne ein Wort zu sprechen, ohne einen Funken von seiner alten Lebhaftigkeit oder auch nur von der trübseligen Heiterkeit, die er angenommen hatte, als Herr Pickwick zum ersten Mal in seinem Elend auf ihn stieß, verbeugte sich Herr Alfred Jingle tief, winkte Job, ihm noch nicht zu folgen, und ging langsam hinweg.

»Eine kuriose Szene das, nicht wahr, Sam?« sagte Pickwick, vergnügt um sich blickend.

»Ja, sehr kurios, Sir«, erwiderte Sam. »Die Wunder hören ja gar nicht auf«, fügte er mit sich selbst sprechend hinzu. »Ich müßte mich sehr irren, wenn dieser Jingle da sich nicht mit dem Wasserkarrengeschäft abgegeben hat.«

Der freie Raum, den die Mauer in dem Teile des Fleet, wo Herr Pickwick stand, bildete, war gerade groß genug, um einen passenden Ballplatz abzugeben. Die eine Seite bestand, wie sich von selbst begreift, aus der Mauer selbst, die andere aus dem Teile des Gefängnisses, der nach der St.-Pauls-KircheBerühmte alte Kirche und Wahrzeichen Londons. zu lag. Hier schlenderten oder saßen in allen möglichen Stellungen gedankenlosen Müßiggangs eine Masse Schuldner herum, die größtenteils im Gefängnis den Tag abzuwarten hatten, wo ihre Sache vor dem Zahlungsunfähigkeits-Gericht verhandelt werden sollte, während andere auf verschiedene Termine verwiesen waren, die sie so gut wie möglich hinwegzufaulenzen sich bemühten. Einige waren schäbig gekleidet, andere geputzt, die meisten schmutzig und nur wenige reinlich: alle aber hungerten, waren Tagediebe und schlichen ohne Absicht und Zweck herum, wie die Tiere in einer Menagerie.

An den Fenstern, die die Aussicht auf den Spaziergang beherrschten, räkelten sich ebenfalls eine Menge Leute: Einige in geräuschvoller Unterhaltung mit ihren Bekannten unten begriffen, andere die Bälle auffangend und zurückschleudernd, die ihnen von außen zugeworfen wurden, noch andere den Ballspielern zusehend oder das lärmvolle Getreibe der Kinder überwachend. Schmutzige Weibspersonen mit abgetretenen Schuhen gingen hin und wieder nach der Küche, die sich in einem Winkel des Ballplatzes befand. Kinder schrien, balgten sich herum und spielten miteinander; das Gerassel der Kegel, das Geschrei der Spielenden vermischte sich unaufhörlich mit diesen und hundert andern Tönen. Ringsumher nichts als Getöse und Getümmel, nur in dem kleinen elenden Schuppen wenige Schritte davon nicht, wo ruhig und blaß der Leib des in der vorigen Nacht gestorbenen Kanzleigefangenen lag und das Possenspiel einer Totenschau erwartete. Der Leib! Dies ist der gerichtsgesetzliche Ausdruck für die ruhelos wirbelnde Masse von Sorgen und Ängsten, Gemütsbewegungen, Hoffnungen und Bekümmernissen, die den lebenden Menschen ausmachen. Dem Gesetz war sein Leib verfallen, und da lag er, in's Grabtuch eingehüllt, ein schauderhafter Zeuge für dessen zärtliche, mitleidsvolle Fürsorge.

»Wünschen Sie vielleicht einen Pfeifladen zu sehen, Sir?« fragte Job Trotter.

»Was verstehen Sie darunter?« fragte Herr Pickwick.

»Ein Pfeifladen, Sir?« fiel Herr Weller ein.

»Was ist das, Sam? – etwa der Laden eines Vogelhändlers?« fragte Herr Pickwick.

»Gott bewahre«, erwiderte Job; »ein Pfeifladen, Sir, ist ein Laden, wo geistige Getränke verkauft werden!«

Herr Job Trotter setzte sofort kurz auseinander, es sei bei schwerer Strafe verboten, Spirituosen in die Schuldgefängnisse einzuführen. Da jedoch diese Artikel bei den allda befindlichen Ladies und Gentlemen in hohem Werte stehen, so sei ein spekulativer Schließer auf den sinnreichen Einfall geraten, zwei oder drei Gefangenen gegen gewisse einträgliche Erkenntlichkeiten den Kleinhandel mit ihrem Lieblingsartikel, Wacholderbeerbranntwein genannt, zu ihrem eigenen Nutzen und Vorteil zu gestatten.

»Dieses System«, fügte Herr Trotter hinzu, »ist, wie Sie sich überzeugen können, allmählich in allen Schuldtürmen eingeführt worden.«

»Ja«, sagte Sam, »und es hat den außerordentlichen Vorteil, daß die Schließer äußerst bedacht sind, jedermann, der diese Schlechtigkeit begehen will, ohne sie bezahlt zu haben, abzufangen, worauf die Sache in die Zeitungen kommt und sie wegen ihrer Wachsamkeit belobt werden. So fangen sie zwei Mücken auf einmal; andere Leute werden von dem Handel abgeschreckt, und sie selbst stellen sich in ein besseres Licht bei ihren Vorgesetzten.«

»Sehr wahr, Herr Weller«, bemerkte Job.

»Gut, aber werden denn diese Zimmer nie untersucht, ob keine geistigen Getränke eingeschmuggelt sind?« fragte Herr Pickwick.

»Freilich, Sir«, erwiderte Sam; »aber die Schließer wissen es vorher und melden es den Pfeifern; dann pfeift man dem Untersuchungsbeamten etwas, wenn er kommt.«

Mittlerweile hatte Job an eine Tür geklopft, die von einem Gentleman mit ungekämmtem Kopf geöffnet wurde. Er verriegelte sie sogleich wieder, als sie darin waren, und fletschte die Zähne, worauf Job ebenfalls die Zähne fletschte und Sam desgleichen. Herr Pickwick aber, in der Meinung, man erwarte dies von ihm, lächelte während der ganzen Dauer des Besuchs unausgesetzt.

Der Gentleman mit dem ungekämmten Kopf schien von dieser stummen Ankündigung ihres Begehrens vollkommen befriedigt. Er zog einen platten steinernen Krug, der etwa zwei Quart halten mochte, unter seiner Bettstelle hervor und schenkte drei Gläser Wacholderbranntwein ein, über die Job Trotter und Sam auf sehr fachmännische Weise verfügten.

»Noch ein Gläschen?« fragte der pfeifende Gentleman.

»Nein«, erwiderte Job Trotter.

Herr Pickwick bezahlte, die Tür wurde aufgeriegelt, und sie gingen hinaus, wobei der ungekämmte Gentleman Herrn Roker, den sein Weg in diesem Augenblick zufällig vorbeiführte, freundlich zuwinkte.

Herr Pickwick durchwanderte von da an noch sämtliche Galerien, ging alle Treppen auf und ab und machte noch einmal die Runde um den ganzen Hofraum. Die große Masse der Bevölkerung des Gefängnisses schien der Rasse Mivius oder Smangle, des Pfarrers, des Metzgers oder des Roßmaklers anzugehören. In allen Winkeln, den besten, wie den schlechtesten, derselbe Schmutz, dasselbe Getümmel und Getöse, dieselben allgemeinen Merkmale. In dieser ganzen Sphäre ein ruhelos verworrenes Umhertreiben: die Leute drängten und wälzten sich hin und her gleich den Schatten in einem unbehaglichen Traum.

»Jetzt habe ich genug gesehen«, sagte Herr Pickwick, als er sich auf seinem kleinen Zimmer in einen Stuhl warf. »Der Kopf tut mir weh von all diesen Szenen, und das Herz nicht minder. Ich will hinfort auf meinem eigenen Stübchen Gefangener bleiben.«

Und Herr Pickwick verharrte standhaft bei diesem Beschlusse. Drei lange Monate blieb er den ganzen Tag eingeschlossen und stahl sich nur bei Nacht, wenn der größere Teil seiner Mitgefangenen im Bett war oder auf seinen Zimmern zechte, hinaus, um frische Luft zu schöpfen. Seine Gesundheit begann infolge dieses selbstauferlegten strengen Gewahrsams sichtbarlich zu leiden. Allein weder die vielfach wiederholten Bitten Perkers und seiner Freunde, noch die weit öfter wiederholten Warnungen und Mahnungen des Herrn Samuel Weller konnten ihn vermögen, auch nur ein Jota an seinem unbeugsamen Entschlusse zu ändern.

 

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