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Denkwürdigkeiten des Pickwick-Klubs. Zweiter Teil

Charles Dickens: Denkwürdigkeiten des Pickwick-Klubs. Zweiter Teil - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleDenkwürdigkeiten des Pickwick-Klubs. Zweiter Teil
publisherGutenberg-Verlag
addressHamburg
seriesDickens Werke
volume2
editorDr. Paul Th.Hoffmann
translatorDr. Carl Kolb
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Vierundvierzigstes Kapitel.

Zeigt, wie Herr Samuel Weller in Ungelegenheiten gerät.

In einem hohen, schlecht erleuchteten und noch schlechter gelüfteten Gemach in der Portugalstraße, Lincolns Inn Fields, sitzen beinahe jahraus und jahrein, wie es der Zufall mit sich bringt, einer, zwei, drei oder vier Perücken tragende Herren hinter kleinen Schreibpulten, wie sie gewöhnlich die Richter auf dem Lande haben, die dem französischen Geschmacke unzugänglich sind. Zu ihrer Rechten steht man eine Advokatenkapsel, zu ihrer Linken eine Insolventenschachtel und vor ihnen eine geneigte Ebene von Schmutzgesichtern. Diese Herren sind die Komissare des »Zahlungsunfähigkeits-Gerichtshofes«, und der Ort, an dem sie ihre Sitzungen halten, ist eben der »Zahlungsunfähigkeits-Gerichtshof« selbst.

Dieser Gerichtshof hat und hatte schon seit undenklichen Zeiten das Schicksal, von der ganzen Sippschaft der verarmten Vornehmen von London allgemein als gemeinschaftliches Asyl und tägliche Zufluchtsstätte angesehen und behandelt zu werden. Er ist immer voll. Der Bier- und Branntweindunst steigt unaufhörlich zur Decke empor und träufelt, von der Wärme verdichtet, gleich einem Regen an den Wänden herab. Hier sieht man an einem Tage mehr alte Trachten, als im ganzen Houndsditch in einem Jahre feilgeboten werden, und mehr ungewaschene Gesichter und schmutzige Bärte, als alle Brunnen und Barbierstuben zwischen Tyburn und Whitechapel vom Aufgang bis zum Untergang der Sonne zu säubern imstande sind.

Man darf keineswegs glauben, es habe irgendeiner von diesen Herren nur den geringsten Schatten von Geschäft hier oder stehe nur in der entferntesten Verbindung mit dem Platze, den sie so unermüdet besuchen. Wäre dies der Fall, so hätte die Sache durchaus nichts Besonderes an sich, und das Auffallende würde im Augenblick verschwinden. Einige schlafen den größeren Teil der Sitzung hindurch, andere führen kleine, tragbare Mittagsmahle bei sich, die entweder in Taschentücher eingewickelt sind oder aus ihren abgenutzten Taschen hervorsehen, und kauen und horchen mit gleicher Lust. Aber noch keinen hat man gesehen, der auch nur das entfernteste persönliche Interesse an einem Falle gehabt hätte, der je vorgebracht wurde. Was sie auch immer tun, hier sitzen sie vom ersten Augenblick bis zum letzten. Bei starkem Regenwetter kommen sie ganz durchnäßt, und dann dunstet es im Gerichtssaale wie in einer Pilzgrube.

Wer zufälligerweise hineinkommt, könnte diesen Ort für einen dem Genius des Schmutzes geheiligten Tempel halten. Im ganzen Hause sieht man keinen dazugehörigen Gerichtsboten, der einen ihm auf den Leib gemachten Rock trüge, kein Gesicht, das auch nur einen Anstrich von Lebensfrische und Gesundheit hätte, außer einem kleinen rotbackigen Gerichtsdiener mit weißen Haaren, und sogar dieser scheint wie eine wurmdurchnagte Kirsche, die in Weingeist aufbewahrt wird, das gute Aussehen, auf das er von Natur keinen Anspruch hatte, der Hand der Kunst zu verdanken, die ihn trocknete und dörrte. Selbst die Advokatenperücken sind schlecht gepudert, und ihre Locken schmachten nach dem Haarkräusler.

Doch die Anwälte, die an einem großen nackten Tische unter den Kommissaren sitzen, sind die merkwürdigsten Persönlichkeiten. Die gewerbliche Ausstattung der wohlhabenderen dieser Herren besteht in einem blauen Beutel und einem Jungen, der gewöhnlich dem Glauben der Hebräer zugetan ist. Sie haben keine bestimmten Schreibstuben; denn ihre Rechtsgeschäfte werden in den Wirtshäusern und in den Gefängnishöfen abgehandelt, in die sie sich scharenweise eindringen, und wo sie sich so aufdringlich wie die Omnibusjungen nach Kunden umsehen. Ihr Äußeres ist schmutzig und mit Staub bedeckt, und wenn ihnen überhaupt Laster zugeschrieben werden können, so ist vielleicht der Hang zum Trinken und Betrügen das hervorragendste unter denselben. Ihre Wohnungen haben sie meistens in den Vorstädten der sogenannten Rules, die hauptsächlich im Umkreise von einer Meile um den Obelisk in St. Georg Fields herumliegen. Ihre Gesichter sind nicht einnehmend und ihre Manieren recht sonderbar.

Herr Salomo Pell, einer von dieser gelehrten Körperschaft, war ein fetter Mann mit einem blassen, welken Gesicht und trug einen Überrock, der in einem Augenblicke grün und im nächsten braun aussah, mit einem Samtkragen von denselben Chamäleonsfarben. Seine Stirn war schmal, sein Gesicht breit, sein Kopf groß und seine Nase auf die Seite gedrückt, als hätte ihr die Natur im Ärger über die Neigungen, die sie bei seiner Geburt an ihm entdeckte, einen Hieb versetzt, von dem sich besagte Nase nicht wieder erholen konnte. Da Herr Pell jedoch kurzhalsig und engbrüstig war, so beschränkte sich sein Atemholen beinahe einzig auf dieses Organ, das dadurch an Nützlichkeit ersetzte, was ihm an Schönheit abging.

»Ich versichere Sie, ich führe es durch«, sagte Herr Pell.

»Meinen Sie?« versetzte die Person, an die diese Versicherung gerichtet war.

»Ich bin fest überzeugt«, erwiderte Pell; »aber wenn er an irgendeinen Winkeladvokaten geraten wäre, so hätte ich nicht für die Folgen stehen mögen.«

»So?« rief der andere mit offenem Munde aus.

»Ja, ich hätte nicht dafür stehen mögen«, wiederholte Herr Pell, und warf die Lippen auf, runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf mit geheimnisvoller Miene.

Der Ort, an dem dieses Gespräch geführt wurde, war das Wirtshaus, das dem Zahlungsunfähigkeits-Gerichtshofe gegenüber steht, und die Person, mit der es geführt wurde, niemand anders, als der ältere Herr Weller, der hierhergekommen war, um einem Freunde Trost und Stärkung zu bringen, dessen Liquidationsprozeß an diesem Tage verhandelt werden sollte, und dessen Anwalt er in diesem Augenblick um seine Meinung befragte.

»Und wo ist Georg?« fragte der alte Herr.

Herr Pell winkte mit dem Kopfe nach einem Hinterzimmer, in das sich Herr Weller alsbald begab und zur Beglückwünschung von einem halben Dutzend Kollegen aufs wärmste und schmeichelhafteste begrüßt wurde. Der zahlungsverlegene Herr, der eine zwar berechnende aber trotzdem unkluge Leidenschaft für lange Verbindlichkeiten gefaßt hatte, die ihn in seine gegenwärtige Verlegenheit versetzte, sah äußerst heiter aus und bekämpfte die Aufregung seiner Gefühle mit Krabben und Porter.

Die Begrüßung zwischen Herrn Weller und seinen Freunden hielt sich ganz in den Schranken der Gewerbsfreimaurerei und bestand nur in einem die Runde machenden Händedrücken und einem gleichzeitigen Schnalzen mit dem kleinen Finger der Linken. Wir kannten einmal zwei berühmte Kutscher (sie sind jetzt tot, die armen Kerle), die Zwillinge waren, und zwischen denen eine ungeheuchelte und innige Zuneigung bestand. Sie kamen seit zwanzig Jahren jeden Tag auf der Dowerstraße aneinander vorüber und wechselten nie einen andern Gruß als diesen; und doch, als der eine starb, welkte der andere dahin und folgte ihm bald nach.

»Nun, Georg«, sagte Herr Weller senior, seinen Oberrock aufnehmend und sich mit der gewohnten Würde niedersetzend. »Wie steht's? Alles in Ordnung hinten, und innen voll?«

»Alles in Ordnung, alter Kamerad«, erwiderte der Zahlungsverlegene.

»Ist die graue Stute jemandem in Pflege gegeben?« fragte Herr Weller mit ängstlicher Neugier.

Georg nickte bejahend.

»Nun, das ist alles recht«, sagte Herr Weller. »Die Kutsche auch wohl aufgehoben?«

»In einen sicheren Verwahrungsort gebracht«, versetzte Georg, einem Halbdutzend Krabben die Köpfe abreißend und sie ohne weitere Umstände verschlingend.

»Ganz gut, ganz gut«, bemerkte Herr Weller. »Nur immer rückwärts gesehen, wenn's bergab geht. Ist der Wegzettel deutlich und geradeaus?«

»Der Schein, Sir«, sagte Pell, erratend, was Herr Weller sagen wollte, »der Schein ist so klar und bestimmt, als ihn nur Tinte und Feder machen können.«

Herr Weller nickte billigend und sagte dann, auf seinen Freund Georg deutend, zu Herrn Pell:

»Wann glauben Sie wohl, daß er sich zur Verhandlung in Gang setzen darf?«

»Nun«, versetzte Herr Pell, »er ist der dritte auf der Liste, und ich glaube, es wird ungefähr in einer halben Stunde an ihm die Reihe sein. Ich gab meinem Schreiber die Weisung, er solle herüberkommen und melden, wann ein Parteiwechsel vorkomme.«

Herr Weller betrachtete den Anwalt von Kopf bis zu Fuß mit großer Bewunderung und sagte dann mit Emphase –

»Und was wollen Sie trinken, Sir?«

»Nun, wirklich«, erwiderte Herr Pell, »Sie sind sehr – – auf meine Ehre, es ist nicht meine Gewohnheit, des – – es ist noch so früh am Tage, daß ich wirklich beinahe – – doch, Sie können mir für drei Pence Rum bringen, meine Liebe.«

Die Kellnerin, die dem Befehl bereits zuvorgekommen war, setzte Herrn Pell ein Glas Branntwein vor und entfernte sich.

»Meine Herren«, sagte Herr Pell, sich rings in der Gesellschaft umsehend; »auf gut Glück für Ihren Freund! Ich will mich nicht rühmen, meine Herren; das ist nicht meine Sache; aber ich muß bemerken, daß, wenn Ihr Freund nicht so glücklich gewesen wäre, in Hände zu fallen, die – – doch ich will still sein. Meine Herren, auf Ihre Gesundheit!«

Herr Pell leerte sein Glas in einem Augenblick, schnalzte dann mit den Lippen und sah die versammelten Kutscher, die offenbar eine Art göttlichen Wesens in ihm erblickten, nacheinander mit großer Selbstgefälligkeit an.

»Nun, laßt uns sehen«, sagte die juristische Autorität, – »was wollte ich sagen, meine Herren?«

»Ich glaube. Sie bemerkten, daß Sie gegen ein zweites vom Gleichen nichts einzuwenden wüßten, Sir?« antwortete Herr Weller mit würdevoller Heiterkeit.

»Ha, ha!« lachte Herr Pell. »Nicht übel, nicht übel. Versteht sein Fach, der Mann. Um diese Morgenstunde könnte es auch nicht schaden – –. Nun, ich weiß nicht, meine Liebe – – Sie können es ja wiederholen, wenn es Ihnen recht ist. Hem!«

Es folgte ein feierliches und würdevolles Husten, das Herr Pell glaubte verlautbaren zu müssen; denn er sah einige Zuhörer recht unziemlich schmunzeln.

»Der letzte Lordkanzler, meine Herren, hielt große Stücke auf mich«, sagte Herr Pell.

»Und vertraute ihm auch sehr viel an«, fiel Herr Weller ein.

»Hört, hört«, rief Herrn Pells Klient aus. »Und warum sollte er das nicht?«

»Ja – in der Tat!« bemerkte ein Mann mit einem hochroten Gesicht, der bis jetzt noch nichts gesagt hatte und gar nicht danach aussah, als wollte er mehr sagen. »Warum sollte er nicht?«

Ein Beifallsgemurmel lief durch die Gesellschaft.

»Ich erinnere mich, meine Herren«, sagte Herr Pell, »daß ich einmal bei ihm zu Mittag speiste; – wir waren nur unser zwei, aber es war alles so glänzend, als ob man zwanzig Personen erwartet hätte. Das große Siegel lag rechts auf einem Drehtisch, und ein Mann mit einer Zopfperücke und einem Harnisch bewachte das Zepter mit gezücktem Schwert und seidenen Strümpfen, was immer der Fall ist, meine Herren, Tag und Nacht; – als er sagte, ›Pell‹, sagte er: ›keine falsche Bescheidenheit, Pell. Sie sind ein Mann von Talent; Sie vermögen alles im Zahlungunfähigkeits-Gerichtshofe, Pell, und Ihr Land darf auf Sie stolz sein.‹ Das waren seine eigenen Worte. – ›Mylord‹, erwiderte ich, ›Sie schmeicheln.‹ – ›Pell‹, sagte er, ›wenn ich schmeichle, so soll mich der Teufel holen.‹

»Sagte er das?« fragte Herr Weller.

»Ja, das sagte er«, erwiderte Pell.

»Gut denn«, bemerkte Herr Weller; »so hätte das Parlament wegen Fluchens einschreiten sollen, und wenn es ein armer Mann gewesen wäre, so wäre es sicherlich auch geschehen.«

»Aber, mein lieber Freund«, erwiderte Herr Pell, »es war im Vertrauen gesprochen.«

»In was?« fragte Herr Weller.

»Im Vertrauen.«

»Ah! ganz gut!« versetzte Herr Weller nach einigem Nachdenken, »wenn er sich im Vertrauen vom Teufel hat holen lassen, so ist das natürlich etwas anderes.«

»Natürlich war es etwas anderes«, sagte Herr Pell. »Der Unterschied springt in die Augen, wie Sie gleich sehen werden.«

»Ändert die Sache ganz«, bemerkte Herr Weller. »Fahren Sie fort, Sir.«

»Nein; ich will nicht fortfahren, Sir«, versetzte Herr Pell mit gedämpftem, ernsthaften Tone. »Sie haben mich daran erinnert, Sir, daß diese Unterredung eine geheime war – eine geheime und vertrauliche, meine Herren. Meine Herren, ich bin ein Mann vom Fach. Es mag sein, daß ich in den Augen meiner Kollegen dadurch gehoben wurde – möglich aber auch, daß dies nicht der Fall war. Die meisten Leute wissen das. Ich sage nichts. Bemerkungen sind schon in diesem Zimmer gemacht worden, die den Ruf meines edlen Freudes antasteten. Sie werden mich entschuldigen, meine Herren, ich war unvorsichtig. Ich fühle, daß ich nicht recht daran tat, diesen Gegenstand ohne seine Beistimmung zu berühren. Danke Ihnen, Sir, danke Ihnen.«

Sich also rechtfertigend, steckte Herr Pell seine Hände in die Taschen und ließ mit einem grimmigen Stirnrunzeln und furchtbarer Entschlossenheit drei Halbpencestücke klingen.

Dieser tugendhafte Entschluß war kaum gefaßt, als der Junge und der blaue Sack, die unzertrennliche Gefährten waren, ins Zimmer hereinstürmten und sagten (wenigstens der Junge sagte; denn der blaue Sack nahm keinen Teil an der Meldung), die Sache komme im Augenblick daran. Die Nachricht war kaum vernommen worden, als die ganze Gesellschaft auf die Straße eilte und sich zu dem Gerichtshof Bahn brach – eine Vorbereitung, die in gewöhnlichen Fällen auf eine Zeit von fünfundzwanzig bis dreißig Minuten berechnet wird.

Herr Weller, ein starker Mann, warf sich ohne weiteres ins Gedränge, mit der verzweifelten Hoffnung, um jeden Preis einen Platz zu erobern, der für ihn angemessen wäre. Der Erfolg entsprach aber seinen Erwartungen nicht ganz. Es wurde ihm nämlich sein Hut, den er abzunehmen vergessen hatte, von einer unsichtbaren Person, der er ziemlich stark auf die Zehen getreten hatte, über die Augen heruntergeschlagen. Offenbar bereute dieses Individuum seine Heftigkeit im Augenblick; denn einen unbestimmten Ausruf der Überraschung murmelnd, zog es den alten Mann in die Halle und befreite ihn durch eine heftige Anstrengung von dieser Zwangsmaske.

»Samuel?« rief Herr Weller, als er auf diese Art in den Stand gesetzt wurde, seinen Befreier zu sehen.

Sam nickte.

»Du bist ein zärtlicher Knabe, der seiner Pflicht eingedenk ist – nicht wahr?« sagte Herr Weller, »da du deinem Vater in seinen alten Tagen den Deckel über den Kopf schlägst.«

»Wie konnte ich wissen, wer Ihr wäret?« erwiderte der Sohn. »Glaubt Ihr, ich könnte Euch an der Schwere Eurer Füße erkennen?«

»Ja, das ist sehr wahr, Sammy«, versetzte Herr Weller, alsbald besänftigt. »Aber was tust du hier? Dein Herr kann sich hier nicht sehen lassen. Sie wollen das Verdikt nicht passieren lassen, sie wollen es nicht passieren lassen, Sammy.«

Und Herr Weller schüttelte den Kopf mit juristischer Feierlichkeit.

»Was ist das für ein verkehrtes Altweibergeschwätz!« rief Sam. »Immer nur von Verdikten und Alibis und dergleichen Zeug. Wer sagte etwas von Verdikt?«

Herr Weller gab keine Antwort, sondern schüttelte nur dem Kopf mit einer noch gelehrteren Miene.

»Kümmert Euch nicht um das, was Ihr nicht versteht«, sagte Sam ungeduldig, »und sprecht vernünftig. Ich ging gestern abend, um Euch zu treffen, in den Marquis von Granby.«

»Sahst du die Marquise von Granby, Sammy?« fragte Herr Weller mit einem Seufzer.

»Ja, ich sah sie«, erwiderte Sam.

»Wie sah das liebe Kind aus?«

»Sehr sonderbar«, versetzte Sam. »Ich glaube, sie richtet sich allmählich selbst zugrunde mit zu viel Ananasrum und andern starken Medizinen der Art.«

»Glaubst du?« fragte der Ältere mit ernstem Tone.

»Ja, gewiß«, versetzte der Jüngere.

Herr Weller ergriff die Hand seines Sohnes, drückte sie und ließ sie dann wieder fallen. Es lag während dieses Verfahrens ein Ausdruck auf seinem Gesichte, nicht von Besorgnis oder Angst, sondern vielmehr von dem süßen, wohltuenden Gefühle der Hoffnung. Ein Schimmer von Ergebung und sogar von Heiterkeit ging über sein Gesicht, als er langsam sagte –

»Ich bin meiner Sache nicht gewiß, Sammy; ich möchte nicht sagen, ich sei ganz positiv, ich könnte mich noch täuschen; aber ich meine fast, – ich meine fast, der Hirtenhelfer hat sich ein Leberleiden zugezogen.«

»Sieht er schlecht aus?« fragte Sam.

»Er ist ungemein blaß«, erwiderte sein Vater, »nur um die Nase herum nicht, die röter schimmert als je. Sein Appetit ist so so, aber trinken kann er außerordentlich.«

Während dieser Äußerung schienen sich Herrn Wellers Geist auch einige Gedanken an Rum aufzudringen, denn er sah trübsinnig und nachdenklich aus: aber bald sammelte er sich wieder, wie sein vollkommenes Alphabet von Gebärdensprache verriet, der er nur dann nachzuhängen pflegte, wenn er besonders aufgeräumt war.

»Wohlan denn«, sagte Sam; »jetzt von meinen Angelegenheiten. Spitzt Eure Ohren und unterbrecht mich nicht, bis ich fertig bin.«

Nach dieser kurzen Einleitung erzählte Sam so gedrängt wie möglich die letzte merkwürdige Unterredung, die er mit Herrn Pickwick gehabt hatte.

»Sitzt da allein, der arme Mensch!« rief der ältere Herr Weller aus, »und niemand nimmt Anteil an ihm! Das kann nicht gehen, Samuel, das kann nicht gehen.«

»Natürlich nicht«, bestätigte Sam; »ich wußte das, ehe ich kam.«

»Wollen ihn lebendig fressen, Sammy«, rief Herr Weller aus.

Sam nickte beistimmend.

»Hinein geht er in den Schuldturm etwas grün, Sammy«, sagte Herr Weller umschreibend, »und heraus kommt er so entsetzlich braun, daß ihn seine vertrautesten Freunde nicht mehr kennen. Ein gebratenes Täubchen ist nichts dagegen, Sammy.«

Wieder nickte Sam Weller.

»Das sollte nicht sein, Samuel«, bemerkte Herr Weller ernst.

»Es darf nicht sein«, sagte Sam.

»Gewiß nicht«, bestätigte Herr Weller.

»Nun ja«, bemerkte Sam, »Ihr wäret ein trefflicher Wahrsager, wie die rotbackigen Elfen, die sie immer auf den Sechspencebüchsen abbilden.«

»Was war der, Sammy?« fragte Herr Weller.

»Daran liegt nichts, was er war«, erwiderte Sam; »es war wenigstens kein Kutscher, das muß für Euch genügen.

»Ich kannte einen Hausknecht dieses Namens«, sagte Herr Weller nachdenkend.

»Er war es nicht«, erwiderte Sam. »Der Gentleman, den ich meine, war ein Prophet.«

»Was ist ein Prophet?« fragte Herr Weller, seinen Sohn forschend ansehend.

»Nun, ein Mensch, der die Zukunft voraussagt«, antwortete Sam.

»Ich wollte, ich hätte ihn gekannt, Sammy«, meinte Herr Weller; »vielleicht hätte er mir einigen Aufschluß über das Leberleiden geben können, von dem ich soeben sprach. Da er aber jetzt tot ist, und niemandem sein Geschäft hinterlassen hat, so ist die Sache vorüber. Fahre fort, Sam«, sagte Herr Weller mit einem Seufzer.

»Nun wohlan«, bemerkte Sam, »Ihr sagtet die Zukunft voraus, die meinen Herrn erwarten würde, wenn man ihn allein ließe. Wißt Ihr kein Mittel, wie man für ihn sorgen kann?«

»Nein, ich weiß keins, Sammy«, versetzte Herr Weller mit nachdenkendem Gesicht.

»Gar kein Mittel?« fragte Sam.

»Kein einziges«, versetzte Herr Weller; »außer« – und der Schein eines inneren Lichtes überstrahlte sein Gesicht, als er seine Stimme zu einem Geflüster dämpfte und seinen Mund an das Ohr seines Sprößlings hielt, »außer er würde sich in einem Bettkasten ohne Wissen des Schließers heraustragen lassen oder sich in ein altes Weib mit einem grünen Schleier verkleiden.«

Sam Weller nahm beide Vorschläge mit einer unerwarteten Verachtung auf und wiederholte seine Frage.

»Nein«, sagte der alte Herr; »wenn er dich nicht bei sich lassen will, so sehe ich durchaus kein Mittel. Es läßt sich nicht machen, Sammy – läßt sich nicht machen.«

»Nun denn, so will ich Euch was sagen«, versetzte Sam. »Leiht mir fünfundzwanzig Pfund.«

»Wozu das?« fragte Herr Weller.

»Das ist gleichgültig«, erwiderte Sam. »Ihr könnt allenfalls nach fünf Minuten fragen; vielleicht sage ich dann, ich will nicht bezahlen und fahre euch grob an. Ihr werdet doch nicht daran denken, Euren eigenen Sohn wegen Geldes verhaften und nach dem Fleet bringen lassen – oder würdet Ihr das tun, Ihr unnatürlicher Landstreicher?«

Darauf wechselten Vater und Sohn ein ganzes Buch schlauer telegraphischer Winke und Gebärden. Schließlich setzte sich der ältere Herr Weller auf eine steinerne Bank und lachte, bis er ganz blau war.

»Was ist doch das für ein altes dummes Tier!« rief Sam unwillig über diesen Zeitverlust. »Was sitzt Ihr jetzt da und verdreht Euer Gesicht zu einer Haustürklingel, wo es so viel zu tun gibt. Wo ist das Geld?«

»Im Kutschkasten, Sammy, im Kutschkasten«, antwortete Herr Weller, sich sammelnd. »Halte meinen Hut, Sammy!«

Nachdem er sich's leicht gemacht hatte, gab Herr Weller seinem Körper plötzlich einen Schwung auf die Seite und brachte vermöge einer geschickten Wendung seine rechte Hand in eine sehr geräumige Tasche, aus der er, nach großer Anstrengung, schnaufend eine dicke Brieftasche in großem Oktavformat hervorzog, die mit einem starken ledernen Riemen umwickelt war. Aus dieser nahm er ein paar Peitschenschnüre, drei oder vier Schnallen, eine Musterkarte und endlich ein Röllchen beschmutzter Banknoten heraus, von dem er die verlangte Summe ablöste und seinem Sohne einhändigte.

»Und nun Sammy«, sagte der alte Herr, als Peitschenschnüre, Schnallen und Musterkarte wieder eingepackt und das Schreibbuch in der gleichen Tasche in Verwahrung gebracht waren. »Nun, Sammy, kenne ich hier einen Herrn, der im Augenblick den übrigen Teil unseres Geschäftes besorgen wird – ein Glied der Gesetzgebung, Sammy, der ein Froschhirn hat, das durch seinen Körper verbreitet ist und bis in die äußersten Spitzen der Finger geht, ein Freund des Lordkanzlers, Sammy, dem man nur sagen darf, was man will, und er sorgt bestens für dich auf dein ganzes Leben.«

»Nichts davon«, sagte Sam.

»Nichts wovon?« fragte Herr Weller.

»Nun, nichts von solchen verfassungswidrigen Mitteln«, erwiderte Sam.

Die Gefühle seines Sohnes respektierend, suchte Herr Weller alsbald den gelehrten Salomo Pell auf und teilte ihm seinen Wunsch mit, unverzüglich gegen einen gewissen Samuel Weller einen Verhaftsbefehl wegen der Summe von fünfundzwanzig Pfund und der Gerichtskosten ergehen zu lassen, wofür die Gebühren des Herrn Salomo Pell im voraus entrichtet werden sollten.

Der Anwalt war sehr aufgeräumt; denn der zahlungsverlegene Pferdelenker war angewiesen worden, sogleich liquidieren zu lassen. Er lobte Sams Anhänglichkeit an seinen Herrn außerordentlich, erklärte, daß er ihn da ganz an seine eigenen Gefühle der Ergebenheit gegen seinen Freund, den Kanzler, erinnere, und führte den älteren Herrn Weller alsbald nach dem Temple, um ihn daselbst die Richtigkeit seiner Schuldforderung beschwören zu lassen – ein Akt, der denn auch unter Beihilfe des blauen Sacks, den der Junge nachgetragen, vollzogen wurde.

Mittlerweile war Sam dem weißgewaschenen Herrn und seinen Freunden förmlich als Sprößling des Herrn Weller von Belle Sauvage vorgestellt worden. Man behandelte ihn mit ausgezeichneter Achtung und lud ihn ein, sich zu Ehren des Anlasses mit der übrigen Gesellschaft gütlich zu tun – eine Einladung, die Sam keineswegs verschmähte.

Die Fröhlichkeit von Herren dieses Berufes hat gewöhnlich einen ernsten und ruhigen Charakter; aber der gegenwärtige Anlaß war ein besonders festlicher, und sie ließen deshalb einmal alle Fünf gerade sein.

Nach mehreren lärmenden Toasten auf den Oberkommissar und Herrn Salomo Pell, der an diesem Tage so bewunderungswürdige Fähigkeiten entwickelt hatte, machte ein Herr mit buntscheckigem Gesicht und blauer Halsbinde den Vorschlag, es solle jemand einen Gesang anstimmen. Natürlich erfolgte darauf das Ersuchen, der Buntscheckige möchte selbst singen, wenn es ihm so sehr um Gesang zu tun sei; aber das lehnte der Buntscheckige standhaft und einigermaßen beleidigt ab, worauf, wie gewöhnlich in solchen Fällen, sich ein Wortwechsel erhob.

»Meine Herren«, sagte der Pferdelenker; »um die Eintracht des köstlichen Festes nicht zu stören, wird vielleicht Herr Samuel Weller die Gesellschaft mit einer Gabe erfreuen.«

»In der Tat, meine Herren«, erwiderte Sam, »ich bin es eigentlich nicht gewohnt, ohne Begleitung eines Instruments zu singen; aber nichts geht über ein ruhiges Leben, wie der Mann sagte, als er die Stelle eines Leuchtturmwächters annahm.«

Nach dieser Vorbemerkung stimmte Herr Samuel Weller sogleich eine wilde und schöne Legende an, die wir, in der Voraussetzung, daß sie nicht allgemein bekannt sei, hier einzulegen so frei sind. Wir bitten, eine besondere Aufmerksamkeit der Endsilbe in der zweiten und vierten Versecke zu schenken, die es nicht nur dem Sänger möglich macht, an dieser Stelle Atem zu schöpfen, sondern auch das Versmaß sehr unterstützt.

                    Romanze.

                          1.

Kühn Turpin einst auf der Hounslowhald'
Seine kühne Mähre ri-itt,
Als er den Wagen des Erzbischofs
Sich entgegenkommen sie-ieht.
Er sprengt alsbald im Galopp herbei
Und steckt seinen Kopf hinein,
Und der Bischof sagt: »Ist ein Ei ein Ei.
Muß das kühn Turpin sein.«
        (Chor.)
Und der Bischof sagt: »Ist ein Ei ein Ei,
Muß das kühn Turpin sein.«

                          2.

Sagt Turpin: »Da freßt nun Euer Wort
Im bleiernen Kügelei-ein.«
Und setzt ihm ein Pistol an den Mund
Und jagt ihm den Schuß hinei-ein.
Der Kutscher hat die Schüsse dick
Und sprengt im Galopp davon.
Doch Dick jagt ihm eins ins Genick,
Da hält der Bursche schon.
        (Chor, sarkastisch.)
Doch Dick jagt ihm eins ins Genick,
Da hält der Bursche schon.

»Das Lied ist ganz für die Leinwand geeignet«, fiel nun der Buntscheckige ein. »Ich bitte um den Namen des Kutschers.«

»Es kannte ihn niemand«, erwiderte Sam, »er hatte keine Karte in seiner Tasche.«

»Ich protestiere gegen die Einführung der Politik«, sagte der Buntscheckige. »Ich behaupte, daß das Lied für die gegenwärtige Gesellschaft politischer Natur ist, und was so ziemlich dasselbe ist, daß es nicht wahr ist. Ich glaube, daß der Kutscher nicht davonsprengte, sondern daß er auf einer ordentlichen Jagd erschossen wurde – auf der Jagd wie ein Fasan, und rate es niemandem, mir zu widersprechen.«

Da der Buntscheckige sehr energisch und bestimmt sprach und die Ansichten der Gesellschaft über diesen Gegenstand voneinander abzuweichen schienen, so drohte wieder ein neuer Streit auszubrechen, als gerade im rechten Augenblicke die Herren Weller und Pell erschienen.

»Alles in Ordnung, Sammy«, sagte Herr Weller.

»Der Gerichtsbote wird um vier Uhr hier sein«, ergänzte Herr Pell. »Ich hoffe, Sie werden während der Zeit nicht davonlaufen – nicht wahr? Ha, ha!«

»Vielleicht läßt sich mein grausamer Papa bis dahin noch erweichen«, versetzte Sam mit einem breiten, grinsenden Gesichte.

»Nein«, sagte der ältere Herr Weller.

»O doch!« bat Sam.

»Unter keiner Bedingung«, erwiderte der unerbittliche Gläubiger.

»Ich will Scheine zu sechs Pence des Monats ausstellen«, sagte Sam.

»Ich nehme sie nicht an«, entgegnete Herr Weller.

»Ha, ha, ha! sehr gut, sehr gut!« lachte Herr Salomo Pell, der seine kleine Rechnung vorlegte. »In der Tat ein sehr lustiger Fall. Benjamin, schreibe das ab.«

Und Herr Pell lächelte wieder, als er Herrn Wellers Aufmerksamkeit auf den Betrag der Summe lenkte.

»Danke Ihnen, danke Ihnen«, sagte der Mann vom Fach, eine von den schmutzigen Banknoten in Empfang nehmend, die Herr Weller aus seiner Brieftasche hervorgezogen hatte. »Drei Zehner und ein Zehner machen fünf. Sehr verbunden, Herr Weller. Ihr Sohn ist ein sehr verdienstvoller junger Mann – in der Tat, Sir. Es ist ein sehr schöner Zug im Charakter eines jungen Mannes – wirklich ein sehr schöner Zug«, fügte Herr Pell hinzu, indem er sich mit süßem Lächeln in der Gesellschaft umsah und das Geld einsteckte.

»Was das für ein Spaß ist!« sagte der ältere Herr Weller mit Lachen. »Ein wahres Wunderkind.«

»Ein Wunder von VerschwendungHier ein unübersetzliches Wortspiel zwischen prodigy [Wunder] und prodigal [Verschwendung]., Sir«, verbesserte Herr Pell mit sanftem Tone.

»Hat nichts zu sagen, Sir«, versetzte Herr Weller mit Würde. »Ich weiß, was die Glocke geschlagen hat, Sir, und wenn ich es nicht weiß, so will ich Sie fragen, Sir.«

Jetzt erschien der Gerichtsbote. Sam hatte sich so außerordentlich beliebt gemacht, daß sämtliche Herren, die hier versammelt waren, den Entschluß faßten, als Gesamtkorporation ihm ins Gefängnis das Geleit zu geben. Man brach auf; der Kläger und der Beklagte gingen Arm in Arm, der Gerichtsbote schritt voran und acht wohlgenährte Kutscher bildeten den Nachtrab. Beim Prokuratie-Café machte die ganze Gesellschaft halt, um Erfrischungen zu sich zu nehmen, und als die gesetzlichen Einleitungen getroffen waren, setzte sich der Zug wieder in Bewegung.

In der Fleetstraße trat durch die Laune der acht Herren in der Nachhut, die durchaus zu vieren nebeneinandergehen wollten, eine kleine Störung ein. Man hielt es für notwendig, den Buntscheckigen zurückzulassen, um sich mit einem Zettelträger zu balgen und erst nach Ausfechtung dieses Kampfes von seinen Freunden wieder mitgenommen zu werden. Außer diesen unbedeutenden Zufällen ereignete sich unterwegs nichts Denkwürdiges. Als sie das Fleettor erreichten, nahm die Karawane vom Kläger Abschied und brachte dem Beklagten drei donnernde Lebehoch; und nachdem ihm alle nacheinander die Hand gegeben hatten, verließen sie ihn.

Als Sam zum ungeheuren Erstaunen Rokers und sogar zur augenscheinlichen Rührung des phlegmatischen Teddy dem Wärter förmlich in Gewahrsam gegeben war, ging er alsbald in den Kerker, schritt auf das Zimmer seines Herrn zu und pochte an die Tür.

Herr Pickwick rief: »Herein«.

Sam trat ein, nahm den Hut ab und lächelte.

»Ach, Sam, mein guter Junge«, sagte Herr Pickwick, offenbar erfreut, seinen ergebenen Freund wieder zu sehen. »Es lag nicht in meiner Absicht, gestern durch meine Worte deine Gefühle zu verletzen, mein treuer Junge. Lege ab, Sam, ich will mich jetzt näher erklären.«

»Im Augenblick, Sir?« fragte Sam.

»Jawohl«, antwortete Herr Pickwick: »doch warum soll ich es jetzt nicht?«

»Es wäre mir lieber. Sie verschöben das auf ein anderes Mal, Sir«, sagte Sam.

»Warum?« fragte Herr Pickwick.

»Weil –« begann Sam zögernd.

»Weil was?« fragte Herr Pickwick, durch das Benehmen seines Dieners beunruhigt. »Sprich dich aus, Sam.«

»Weil –« fing Sam wieder an, »weil ich ein kleines Geschäft übernommen habe, das ich jetzt ausführen muß.«

»Welches Geschäft?« fragte Herr Pickwick, über Sams verlegenes Benehmen erstaunt.

»Nichts Besonderes, Sir«, versetzte Sam.

»O, wenn es nichts Besonderes ist«, sagte Herr Pickwick, lächelnd, »so kannst du mir es jetzt gleich sagen.«

»Ich meine, es wäre besser, nachher auf einmal«, erwiderte Sam immer noch zögernd.

Herr Pickwick sah verblüfft drein, sagte aber nichts.

»Die Sache ist die – –«, fing Sam an und blieb stecken.

»Nun«, sagte Herr Pickwick. »Sprich doch aus, Sam.«

»Nun, die Sache ist die –« begann Sam wieder mit verzweifelter Anstrengung. »Aber vielleicht wäre es am besten, ich sähe zuerst nach meinem Bett, ehe ich etwas anderes tue.«

»Nach deinem Bett?« rief Herr Pickwick voll Erstaunen.

»Ja, nach meinem Bett, Sir«, versetzte Sam. »Ich bin ein Gefangener. Ich wurde diesen Nachmittag wegen Schulden verhaftet.«

»Du wegen Schulden verhaftet?« rief Herr Pickwick in einen Stuhl sinkend.

»Ja, wegen Schulden, Sir«, erwiderte Sam; »und der Mann, der mich festsetzen ließ, will mich nicht mehr herauslassen, bis Sie gehen.«

»Gütiger Himmel! was willst du damit sagen?« rief Herr Pickwick aus.

»Was ich damit sagen will, Sir?« wiederholte Sam. »Wenn es vierzig Jahre lang dauert, so will ich Gefangener bleiben, und ich bin recht froh darüber; und wenn ich zu Newgate säße, so wäre es ganz dasselbe. Jetzt ist die Geschichte heraus, und, hol' mich der Henker, das ist das Ende vom Lied.«

Mit diesen Worten, die er sehr pathetisch und energisch wiederholte, warf Sam Weller aufs stärkste erregt den Hut auf den Boden, schlug die Arme ineinander und sah seinem Herrn mit einem festen und starren Blick ins Gesicht.

 

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