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Denkwürdigkeiten des Pickwick-Klubs. Zweiter Teil

Charles Dickens: Denkwürdigkeiten des Pickwick-Klubs. Zweiter Teil - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleDenkwürdigkeiten des Pickwick-Klubs. Zweiter Teil
publisherGutenberg-Verlag
addressHamburg
seriesDickens Werke
volume2
editorDr. Paul Th.Hoffmann
translatorDr. Carl Kolb
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100317
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Dreiundvierzigstes Kapitel.

Worin, wie im vorhergehenden, das alte Sprichwort sich bewährt, daß das Unglück mit sonderbaren Schlafkameraden zusammenführt. Zugleich enthält es Herrn Pickwicks ganz außerordentliche und überraschende Erklärung gegen Herrn Samuel Weller.

Als Herr Pickwick am andern Morgen die Augen öffnete, war der erste Gegenstand, auf dem sie ruhten, Samuel Weller, der auf einem kleinen schwarzen Koffer saß und offenbar gänzlich in Betrachtung der stattlichen Figur des lustigen Herrn Smangle versunken war, während Herr Smangle selbst bereits halb angekleidet auf dem Bette saß, mit dem verzweifelt hoffnungslosen Versuche beschäftigt, Herrn Weller durch starres Anschauen aus der Fassung zu bringen. Wir nannten diesen Versuch verzweifelt hoffnungslos, weil Sam nach einem umfassenden Blick auf Herrn Smangles Mütze, Füße, Kopf, Gesicht, Beine und Schnurrbart unverdrossen fortfuhr, ihn mit allen Zeichen lebhaften Vergnügens im Auge zu behalten, ohne jedoch auf Herrn Smangles persönliche Gefühle hierbei mehr Rücksicht zu nehmen, als er bei der Betrachtung einer hölzernen Statue oder einer mit Stroh ausgestopften Vogelscheuche getan haben würde.

»Nun, kennen Sie mich jetzt?« begann Herr Smangle endlich mit finsterem Stirnrunzeln.

»Ich wollte auf Sie schwören, Sir«, erwiderte Sam heiter.

»Seien Sie nicht unverschämt gegen einen Gentleman, Sir«, sagte Herr Smangle.

»Ganz und gar nicht«, erwiderte Sam. »Wenn Sie mir sagen wollen, wann er aufwacht, so werde ich mich ganz extrafein gegen ihn benehmen.«

Da in dieser Bemerkung die entfernte Absicht lag, Herrn Smangle für keinen Gentleman gelten zu lassen, so geriet er in Zorn.

»Mivins!« rief er heftig.

»Was gibt's?«, antwortete dieser Gentleman von seinem Bette aus.

»Wer zum Teufel ist dieser Bursche da?«

»Was weiß ich?« sagte Herr Mivins, schläfrig unter der Decke hervorsehend. »Darum muß ich Sie fragen. Hat er hier etwas zu tun?«

»Nein«, erwiderte Herr Smangle.

»So werfen Sie ihn die Treppe hinab und sagen Sie ihm, er solle sich nicht einfallen lassen, wieder heraufzukommen; denn sonst werde ich ihn windelweich schlagen«, erwiderte Herr Mivins.

Und mit diesem guten Rat fing der vortreffliche Gentleman aufs neue an einzuschlummern.

Da das Gespräch solche recht persönliche Wendung genommen hatte, hielt es Herr Pickwick für Zeit, sich ins Mittel zu legen.

»Sam«, sagte er.

»Sir«, erwiderte dieser Gentleman,

»Ist seit gestern abend nichts Neues vorgefallen?«

»Nichts Besonderes, Sir«, erwiderte Sam mit einem Blick auf Herrn Smangles Schnurrbart. »Das Vorherrschen einer abgeschlossenen, dicken Luft ist dem Wachstum des Unkrauts auf eine beunruhigende und drohende Art günstig gewesen; sonst aber ist allein Ordnung.«

»Ich will aufstehen«, sagte Herr Pickwick. »Gib mir die Wäsche.«

Was für feindliche Absichten Herr Smangle auch gehegt haben mochte, seine Gedanken erhielten schnell eine ganz andere Richtung durch das Auspacken des Koffers, dessen Inhalt ihn auf einmal mit einer höchst günstigen Meinung nicht bloß von Herrn Pickwick, sondern auch von Sam zu erfüllen schien. Daher begann er laut genug, um von diesem außerordentlichen Mann gehört zu werden, Herrn Weller für ein wahrhaft vollkommenes Original und ganz für den Mann nach seinem Herzen zu erklären. Was Herrn Pickwick betrifft, so kannte die Neigung, die er für ihn empfand, keine Grenzen.

»Kann ich Ihnen in etwas dienen, mein teurer Sir?« fragte Herr Smangle.

»Wüßte nicht; danke bestens«, erwiderte Herr Pickwick.

»Haben Sie nichts der Wäscherin zu schicken? Ich kenne eine herrliche Wäscherin, nicht weit von da, die zweimal in der Woche zu mir kommt und – beim Teufel, wie schön sich das trifft! – heute ist gerade ihr Tag. Soll ich etwas von Ihren Sachen zu den meinen nehmen? Es macht mir ja durchaus keine Mühe. Der Henker soll mich holen, was müßte man von der menschlichen Natur denken, wenn nicht ein Gentleman in Bedrängnis einem andern Gentleman, der in derselben Lage ist, aushelfen wollte?«

So sprechend rückte Herr Smangle so nahe wie möglich an den Koffer, und seine Blicke strahlten die glühendste, uneigennützigste Freundschaft.

»Haben Sie nicht vielleicht etwas zum Ausbürsten für den Aufwärter?« fuhr Smangle fort.

»Ganz und gar nichts, mein Wertester«, erwiderte Sam, für seinen Herrn antwortend. »Vielleicht würde es angenehmer für alle Teile sein, wenn einer von uns das Bürsten übernähme, ohne den Mann zu bemühen, wie der Schulmeister sagte, als die jungen Gentlemen sich nicht vom Büttel durchprügeln lassen wollten.«

»Haben Sie denn gar nichts, das ich in meinem Köfferchen der Wäscherin schicken könnte?« fragte Smangle, indem er sich etwas entmutigt von Sam zu Herrn Pickwick wandte.

»Nicht das Mindeste, Sir«, antwortete Sam abermals. »Ich fürchte, der kleine Koffer dürfte von Ihren eigenen Sachen schon übervoll sein.«

Diese Worte begleitete ein besonderer Blick auf Herrn Smangles Anzug, nach dem man die Geschicklichkeit einer Wäscherin beurteilen konnte. So drehte dieser sich um und gab wenigstens für den Augenblick alle Absichten auf Herrn Pickwicks Portemonnaie und Garderobe auf. Grimmig begab er sich zum Ballplatz, wo er als leichtes und gesundes Frühstück ein Paar von den in der letzten Nacht gekauften Zigarren rauchte.

Herr Mivins, der kein Raucher war, und für den kein Kaufmann mehr eine Feder, kein Wirt eine Kreide anrührte, blieb im Bett und »schlief zum Frühstück«, wie er sich ausdrückte.

Herr Pickwick nahm in einem kleinen Stübchen neben der Restauration, das den imponierenden Namen »Heimlicher Winkel« führte, das Frühstück. Jeder augenblickliche Gast in diesem »Heimlichen Winkel« genoß hier gegen eine kleine Vergütung den unschätzbaren Vorteil, die ganze Unterhaltung in der Restauration anzuhören. Herr Pickwick schickte dann Herrn Weller mit einigen notwendigen Aufträgen fort und ging auf sein Zimmer zurück, um sich nun mit Herrn Roker wegen seiner künftigen Einrichtung zu besprechen.

»Einrichtung? So, so!« sagte dieser Gentleman, ein großes Buch zu Rate ziehend. »Einrichtung und Bequemlichkeit genug, Herr Pickwick, Ihr Gesellschaftsbillett lautet Nummer 27 im dritten Stock.«

»Wie? Was sagen Sie?« fragte Herr Pickwick.

»Ihr Gesellschaftsbillett«, erwiderte Herr Roker; »verstehen Sie mich nicht?«

»Nicht ganz«, erwiderte Herr Pickwick lächelnd.

»Es ist doch so klar wie Tinte«, sagte Herr Roker. »Sie haben ein Gesellschaftsbillett auf Nummer 27 im dritten Stock, und die Leute, die im Zimmer sind, sind Ihre Gesellschaft.«

»Sind es viele?« fragte Herr Pickwick bedenklich.

»Drei«, erwiderte Herr Roker.

Herr Pickwick hustete.

»Der eine ist ein Pfarrer«, sagte Herr Roker, ein Stück Papier überschreibend; »der andere ein Metzger.«

»Was?« rief Herr Pickwick.

»Ein Metzger«, wiederholte Herr Roker, die Spitze seiner Feder an das Pult schlagend, damit sie besser Tinte lassen sollte. »Was der für ein reicher, vornehmer Mann früher war! Sie erinnern sich doch des Tom Martin, Neddy?« fragte Roker einen andern Mann in der Stube, der soeben mit einem fünfundzwanzigklingigen Taschenmesser den Schmutz von seinen Schuhen abschabte.

»Das will ich meinen«, erwiderte der Angeredete mit starkem Nachdruck auf dem »Ich«.

»So wahr Gott lebt«, sagte Herr Roker, seinen Kopf langsam hin und her wiegend und zerstreut zu dem vergitterten Fenster hinausstarrend, als wolle er sich irgendeine friedliche Szene aus seiner früheren Jugend zurückrufen, »es ist mir noch, als wäre es erst gestern geschehen, wie er den Kohlenträger bei Foggs-under-the-Hill die Werfte hinabschleuderte. Ich kann ihn noch sehen, wie er zwischen zwei Polizeidienern den Strand heraufkam, ein wenig nüchtern geworden durch den Sturz, mit einem Essigumschlag und einem braunen Pflaster über seinem rechten Augenlid. Das war ein Hauptspaß, wie die kleinen Buben auf der Gasse ihm nachsprangen. Was für ein sonderbares Ding doch die Zeit ist, Neddy!«

Der Gentleman, an den diese Beobachtungen gerichtet waren, schien schweigsam und gedankenvoll zu sein; denn er sprach bloß die Fragen nach. Herr Roker aber schüttelte jetzt die poetische schwermütige Gedankenreihe, in die er sich hatte hineinreißen lassen, ab, ließ sich zu dem gewöhnlichen Geschäft des Lebens hernieder und nahm seine Feder aufs neue zwischen die Finger.

»Wissen Sie auch, wer der dritte Gentleman ist?« fragte Herr Pickwick, nicht sehr befriedigt durch diese Beschreibung von seinem künftigen Kameraden.

»Wer ist dieser Simpson, Neddy?« sagte Herr Roker zu seinem Gesellschafter.

»Was für ein Simpson?« fragte Neddy.

»Der in Nummer 27 im dritten Stock, wohin dieser Gentleman hier auch kommt.«

»So der«, erwiderte Neddy: »der ist eigentlich nichts. Er war früher ein Pferdeanpreiser, jetzt aber hat man ihm das Handwerk gelegt.«

»Ah, das dachte ich mir doch«, versetzte Herr Roker, das Buch schließend und das kleine Stückchen Papier Herrn Pickwick in die Hand gebend; – »hier ist das Billett, Sir.«

Sehr verblüfft durch dieses summarische Verfügen über seine Person ging Herr Pickwick in das Gefängnis zurück und besann sich, was er tun sollte. Da er es jedoch für ratsam hielt, bevor er weitere Schritte einleite, mit den drei Gentlemen, denen er als Stubengenosse zugewiesen war, in persönlichen Verkehr zu treten, so begab er sich schnell in den dritten Stock.

Nachdem er einige Zeit im Gange herumgetappt und bei der schwachen Beleuchtung umsonst die verschiedenen Stubennummern zu entziffern versucht hatte, wandte er sich endlich an einen Bierwirtejungen, der seiner gewöhnlichen Morgenbeschäftigung nachging, die zinnernen Kannen wieder zusammenzuholen.

»Wo ist Nummer 27, Kleiner?« rief er ihm zu.

»Fünf Türen weiter unten«, erwiderte der Junge. »Außen an die Türe ist mit Kreide ein Galgen hingemalt, woran einer hängt und dabei seine Pfeife raucht.«

Herr Pickwick ging sofort langsam den Gang hinab, bis er an das oben beschriebene Porträt eines Gentleman gelangte, auf dessen Gesicht er mit dem Knöchel seines Zeigefingers das erstemal ganz sachte, sodann aber etwas vernehmlicher anklopfte. Nachdem er diesen Prozeß mehrere Male vergeblich wiederholt hatte, wagte er es, die Tür zu öffnen und hineinzublicken.

Es war bloß ein einziger Bewohner anwesend, der sich, soweit er konnte, ohne Gefahr, das Gleichgewicht zu verlieren, zum Fenster hinauslehnte und mit großer Beharrlichkeit geschäftig war, auf den Hut eines seiner Freunde im untern Gang zu spucken. Weder Sprechen, Husten, Niesen, Klopfen, noch irgendeine andere gewöhnliche Art, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, konnte diesem Manne die Anwesenheit eines Fremden begreiflich machen. So schritt Herr Pickwick nach einiger Zeit aufs Fenster zu und zupfte ihn sachte am Rockflügel. Das Individuum brachte Kopf und Schultern mit großer Schnelligkeit herein, musterte Herrn Pickwick von oben bis unten und fragte ihn in einem grämlichen Tone, was er zum Henker wolle.

»Wenn ich nicht irre«, sagte Herr Pickwick, sein Billett zu Rate ziehend, »so ist das Nummer 27 im dritten Stock.«

»Nun ja«, erwiderte der Gentleman.

»Ich bin hierhergekommen, weil man mir dies Papier gegeben hat«, sagte Herr Pickwick.

»Zeigen Sie es einmal«, sprach der Gentleman.

Herr Pickwick tat es.

»Roker hätte Sie auch anderswo unterbringen können«, entgegnete Herr Simpson (denn dieser war es) nach einer sehr mißvergnügten Pause.

Herr Pickwick dachte auch so, hielt es jedoch unter allen Umständen für eine Forderung der gesunden Politik, zu schweigen.

Herr Simpson sann einige Augenblicke nach, dann streckte er den Kopf zum Fenster hinaus, tat einen gellenden Pfiff und rief mehrmals ein Wort. Was dieses Wort war, konnte Herr Pickwick nicht erraten, doch schien es ihm ein Spitzname auf Herrn Martin zu sein, weil eine Menge Gentlemen unten sogleich anfingen »Metzger« zu schreien und dabei den Ton nachmachten, in dem diese nützliche Klasse der Gesellschaft ihre Anwesenheit kundzutun pflegt.

Herr Pickwick fand seine Mutmaßung alsbald bestätigt; denn wenige Sekunden darauf stürzte beinahe atemlos ein für seine Jahre übermäßig dicker Gentleman in einem zunftmäßigen blauen Frack, mit Stulpenstiefeln und zirkelrunden Zehen ins Zimmer, und hinter ihm ein anderer Gentleman in einem abgeschabten schwarzen Rock und mit einer Mütze von Seehundsfell.

Der letztere, der seinen Rock abwechselnd vermittels einer Nadel oder eines Knopfes bis ans Kinn zumachte, hatte ein sehr plumpes, rotes Gesicht und sah aus wie ein dauernd dem Trunke ergebener Kaplan, was er auch in der Tat war.

Nachdem die beiden Gentlemen, einer nach dem andern, Herrn Pickwicks Billett gelesen hatten, drückte der eine seine Meinung dahin aus, dies sei ein verdammter Streich, und der andere erklärte, das könne nie und nimmermehr geschehen.

Als sie sofort in diesen sehr verständlichen Ausdrücken ihre Willensmeinung kundgetan, sahen sie Herrn Pickwick und einander selbst mit unhöflichem Schweigen an.

»Eine widerwärtige Sache jetzt, da wir gerade so hübsche Betten haben«, sagte der Kaplan und blickte auf drei schmutzige Matratzen, die in weißwollene Decken gewickelt waren und den Tag über in einer Ecke des Zimmers neben dem Tische lagen. Auf diesem Tisch prangten ein altes zerbrochenes Waschbecken, eine Gießkanne und ein Seifenschälchen von gemeiner gelber Töpferarbeit mit einer blauen Blume verziert. »Sehr widerwärtig«, wiederholte er.

Herr Martin erklärte sich in noch stärkeren Ausdrücken für die gleiche Ansicht, und Herr Simpson schlug, nachdem er eine Menge ausfüllender Adjektive ohne die begleitenden Substantive über die Gesellschaft losgelassen, seine Ärmel zurück und begann, das Gemüse für das Mittagessen zu waschen.

Inzwischen hatte Herr Pickwick das Zimmer zur Genüge betrachtet: es war abscheulich schmutzig und der Geruch darin ganz unerträglich. Keine Spur von einem Teppich, einem Fenster- oder Bettvorhang. Nicht einmal ein Schrankverschlag war dabei. Man hätte zwar wenig hineinzulegen gehabt, wenn einer da gewesen wäre, aber dem sei wie ihm wolle, Überreste von Brotlaiben, Käsestückchen, schmierige Handtücher, alte Fleischbrocken, Kleidungsstücke, zerbrochenes Geschirr, Blasbälge ohne Röhren und verrostete Gabeln ohne Zacken geben, wenn sie untereinander auf dem Boden umherliegen, einem kleinen Zimmer, das die gemeinschaftliche Wohn- und Schlafstube dreier müßiger Leute ist, ein für allemal ein höchst unbehagliches Ansehen.

»Ich dächte, es ließe sich doch noch helfen«, sagte der Metzger nach einer ziemlich langen Pause. »Was verlangen Sie dafür, daß Sie sich fortpacken?«

»Bitte um Verzeihung«, erwiderte Herr Pickwick. »Was haben Sie gesagt? Ich verstehe Sie nicht recht.«

»Wie wir Sie ausbezahlen sollen?« fragte der Metzger. »Die gewöhnliche Taxe ist zwei Schillinge und sechs Pence. Wir wollen Ihnen drei geben.«

»Und einen Spanner«, fügte der geistliche Herr hinzu.

»Nun gut, wir bezahlen Ihnen wöchentlich drei Schillinge und sechs Pence, wenn Sie uns allein lassen«, sagte Herr Martin; »damit werden Sie doch wohl zufrieden sein?«

»Und obendrein noch ein Maß Bier hier zu trinken«, stimmte Herr Simpson ein.

»Ja, und zwar gleich jetzt«, rief der Kaplan.

»Ich bin wirklich mit den Regeln dieses Hauses noch so vollkommen unbekannt«, erwiderte Herr Pickwick, »daß ich Sie immer noch nicht begreife. Kann ich denn eine andere Wohnung bekommen? Ich glaubte, das ginge nicht an.«

Bei dieser Frage blickte Herr Martin seine zwei Freunde äußerst verwundert an, und dann deutete jeder der Gentlemen mit seinem rechten Daumen über seine linke Schulter. Diese Handlung, die sich in Worten mit dem schwachen Ausdruck »links« nur höchst unvollkommen bezeichnen läßt, hat, wenn sie von einer Anzahl Damen oder Herren, die miteinander im Einklang stehen, vollzogen wird, eine sehr anmutige und lustige Wirkung: ihr Ausdruck ist der eines munteren, mutwilligen Sarkasmus.

»Ob Sie können?« wiederholte Herr Martin mit einem mitleidigen Lächeln.

»Wenn ich mich so wenig aufs Leben verstände, würde ich meinen Hut fressen und die Schnalle hinunterschlucken«, sagte der geistliche Herr.

»Das täte ich auch«, fügte der andere feierlich hinzu.

Nach dieser Einleitung benachrichtigten die drei Stubengenossen Herrn Pickwick in einem Atem, das Geld sei im Fleet gerade, was es auch außerhalb dieser Anstalt sei; er könne sich damit alles, was er wünsche, sogleich anschaffen, und wenn er zahlen könne und wolle, so brauche er nur seinen Wunsch auszudrücken, um binnen einer halben Stunde ein wohleingerichtetes und möbliertes Zimmer für sich allein zu beziehen.

Hierauf trennten sich beide Teile zu großer gegenseitigen Zufriedenheit. Herr Pickwick verfügte sich abermals ins Zimmer des Aufwärters, und die drei Kameraden begaben sich in die Restauration, um daselbst die fünf Schillinge zu verzehren, die der geistliche Herr mit bewunderungswürdiger Klugheit und Geistesgegenwart zu diesem Zwecke von ihm geborgt hatte.

»Das wußte ich doch«, sagte Herr Roker, aus vollem Halse lachend, als Herr Pickwick ihm seinen Wunsch mitteilte. »Habe ich's nicht gesagt, Neddy?«

Der philosophische Eigentümer des universalen Federmessers knurrte bejahend.

»Das habe ich mir wohl gedacht, daß Sie ein eigenes Zimmer verlangen würden«, sagte Herr Roker. »Nicht wahr. Sie wünschen anständige Möbel? Sie möchten ohne Zweifel das meine mieten? Dies ist eine ganz hübsche Wohnung.«

»Mit großem Vergnügen«, erwiderte Herr Pickwick.

»Auf dem Gange zur Restauration befindet sich ein vortreffliches Zimmer, das einem Kanzleigefangenen angehört«, sagte Herr Roker. »Ich will es Ihnen gegen ein Pfund wöchentlich abtreten. Sie finden das hoffentlich nicht teuer?«

»Nicht im geringsten«, erwiderte Herr Pickwick.

»Nun, so kommen Sie mit mir«, sagte Herr Roker, mit großer Munterkeit seinen Hut aufsetzend: »die Sache ist in fünf Minuten im reinen. Warum haben Sie's auch nicht gleich gesagt, daß Sie etwas Hübsches verlangen?«

Die Angelegenheit war, wie der Schließer vorhergesagt, bald abgemacht. Der Kanzleigefangene hatte lange genug hier verweilt und Freunde und Vermögen, Heimat und Glück verloren, um sich das Recht auf ein eigenes Zimmer zu erwerben. Da er aber an dem kleinen Ungemach litt, oft kein Stückchen Brot zu besitzen, so nahm er Herrn Pickwicks Vorschlag, ihm das Zimmer abzutreten, mit Vergnügen an und überließ ihm gerne den ungestörten Besitz desselben gegen eine Vergütung von zwanzig Schillingen in der Woche, mit welcher Summe er sich anheischig machte, alle Personen abzukaufen, die man in sein Zimmer verweisen möchte.

Als sie den Handel abmachten, betrachtete ihn Herr Pickwick mit schmerzlicher Teilnahme. Er trug einen alten Schlafrock und Pantoffeln und war ein langer, hagerer Mann von leichenhafter Gesichtsfarbe, mit eingesunkenen Wangen und lebhaften, unruhigen Augen. Seine Lippen waren blutlos und seine Knochen scharf, dünn und eckig. Gott helfe ihm! Der Eisenzahn des Gefängnisses und der Entbehrung hatte ihn seit zwanzig Jahren langsam zernagt und zerfeilt.

»Aber wo werden Sie dann wohnen, Sir?« fragte Herr Pickwick, als er das Geld für die erste Woche ihm auf den wackelnden Tisch legte.

Der Mann raffte es mit zitternder Hand zusammen und erwiderte, er wisse es noch nicht; er müsse sich nun umsehen, wo er sein Bett aufschlagen könne.

»Ich fürchte, Sir«, sagte Herr Pickwick, ihn freundlich und mitleidsvoll am Arme fassend – »ich fürchte, Sie kommen an irgendeinen lärm- und geräuschvollen Ort. Bitte, betrachten Sie dieses Zimmer als Ihr eigenes, so oft Sie der Ruhe bedürfen, oder wenn Ihre Freunde Sie besuchen.«

»Freunde?« wiederholte der Mann mit röchelnder Stimme. »Wenn ich tot in der Tiefe des tiefsten Schachtes oder im engen Sarge eingeschlossen läge und in dem dunklen garstigen Graben verfaulte, dessen Schleim die Grundmauern dieses Gefängnisses umgibt, ich könnte nicht vergessener und unbeachteter sein als jetzt. Ich bin ein Toter – tot für die Gesellschaft, aber ohne daß mir das Mitleid zuteil wird, das sie denjenigen widmet, deren Seelen bereits vor den ewigen Richterstuhl getreten sind. Besuche von Freunden? Mein Gott! Ich bin an diesem Orte hier von der Blüte meines Lebens zum schwachen Greis herabgesunken. Niemand wird seine Hand auf mein Bett legen, wenn ich tot liege, und sprechen: ›es ist ein Gottessegen, daß er dahin ist!‹«

Die Aufregung, die ein ungewohntes Licht über das Gesicht des Unglücklichen geworfen hatte, solange er sprach, legte sich jetzt wieder; er schlug verstört und hastig seine welken Hände zusammen und verließ schnell das Zimmer.

»Der Mann ist etwas mürrisch«, sagte Herr Roker lächelnd. »Ja, sie sind wie die Elefanten: sie fühlen es dann und wann, und das macht sie wild.«

Nach dieser tief verständigen Bemerkung traf Herr Roker seine Anordnungen mit solcher Schnelligkeit, daß das Zimmer in kurzem mit einem Teppich, sechs Stühlen, einem Tisch, einem Sofabett, einem Teekessel und verschiedenen kleinen Gegenständen versehen war, wofür er den äußerst billigen Preis von siebenundzwanzig Schillingen und sechs Pencen in der Woche zu bezahlen hatte.

»Kann ich sonst mit etwas dienen, Sir?« fragte Herr Roker, mit großer Zufriedenheit um sich blickend und voll Vergnügen mit dem ersten Wochenzins in der Hand klappernd.

»Ja«, sagte Herr Pickwick nach tiefem Nachsinnen. »Gibt es wohl Leute hier, die mir meine Aufträge in der Stadt und sonst meine Angelegenheiten besorgen könnten?«

»Also keine Gefangenen?« fragte Herr Roker.

»Nein, sie müssen auch in die Stadt gehen können.«

»Wohl«, sagte Herr Roker. »Da ist so ein armer Teufel, der einen Freund in der Armenabteilung hat, und der froh sein würde, ein solches Geschäft zu bekommen. Er arbeitet schon seit zwei Monaten dort in der Frone. Soll ich nach ihm schicken?«

»Ja, wenn Sie die Güte haben wollen«, erwiderte Herr Pickwick. »Doch nein. – Die Armenabteilung, sagten Sie? Ich möchte sie gerne in Augenschein nehmen: – ich will selbst zu ihm gehen.«

Die Armenabteilung in einem Schuldturm ist, wie es schon der Name mit sich bringt, der Aufenthaltsort für die armseligste und elendeste Klasse von Schuldnern. Wer in diese Abteilung bestimmt wird, bezahlt weder Wohnung noch Kost. Er bekommt ein dürftiges Essen, das aus einigen kleinen Legaten bestritten wird, die menschenfreundliche Leute von Zeit zu Zeit gestiftet haben. Die meisten unserer Leser werden sich erinnern, daß bis vor einigen wenigen Jahren in der Mauer des Fleetgefängnisses eine Art eiserner Käfig angebracht war, in den ein Mensch von hungrigem Aussehen hineingesteckt wurde. Dieser rasselte von Zeit zu Zeit mit einer Geldbüchse und rief in kläglichem Tone: »Erbarmet euch der armen Schuldner! Erbarmet euch der armen Schuldner!« Was in die Kasse einging, wurde unter die armen Gefangenen geteilt, die sich einander in diesem erniedrigenden Geschäft ablösten.

Diese Gewohnheit ist nun zwar abgeschafft und der Käfig entfernt. Aber die trostlos elende Lage dieser Unglücklichen ist dieselbe geblieben. Wir gestatten es nicht mehr, daß sie an den Toren des Gefängnisses das Mitleid und die Menschenliebe der Vorübergehenden anrufen. Aber in den Blättern unseres Gesetzbuches lassen wir zur Verehrung und Bewunderung der kommenden Zeiten noch immer das ebenso gerechte als heilsame Gesetz stehen, kraft dessen der ruchloseste Verbrecher gespeist und gekleidet wird, der geldlose Schuldner aber vor Hunger und Elend umkommen muß. Und das ist leider keine Erdichtung. Keine Woche geht über unsern Häuptern dahin, ohne daß in jedem unserer Schuldgefängnisse mehrere dieser Unglücklichen den langsamen Qualen des Hungertodes erliegen müßten, wenn sie nicht von ihren Mitgefangenen unterstützt würden.

Unter solchen Betrachtungen stieg Herr Pickwick die enge Treppe hinan, an deren Fuß Roker ihn verlassen hatte, und arbeitete sich allmählich hinauf; er war indessen so aufgeregt, daß er in das Zimmer, wohin man ihn gewiesen, hineinstürmte, ehe er noch eine deutliche Vorstellung von dem Platz, wo er war, oder von dem Zweck seines Besuches hatte.

Der allgemeine Anblick des Zimmers rief ihn auf einmal wieder zu sich; doch hatte er nicht so bald seine Augen auf einen Mann geworfen, der am staubigen Kamine niederkauerte, als ihm der Hut entsank. Er stand starr und regungslos vor Staunen da.

Ja, in zerlumpten Fetzen, ohne einen Rock, sein gewöhnliches Musselinhemd gelb und zerrissen, die Haare über das Gesicht herabhängend, sein Gesicht von Leiden entstellt und vor Hunger eingefallen –, so saß Herr Alfred Jingle da; den Kopf hatte er auf die Hand gestützt, die Augen starr aufs Feuer geheftet, und seine ganze Erscheinung verkündete das Elend in seiner schauderhaftesten Gestalt.

Nicht weit von ihm stand nachlässig an die Wand gelehnt ein kräftiger Bauersmann, der mit einer abgenutzten Jagdpeitsche den Stulpenstiefel flickte, der seinen rechten Fuß zierte; den linken hatte er in einen Pantoffel gestellt. Pferde, Hunde und Saufgelage hatten ihn so weit gebracht. Er hatte an dem einzelnen Stiefel einen verrosteten Sporn, den er gelegentlich in die leere Luft stieß, während er zugleich mit der Reitgerte auf den Stiefel schlug. Dabei murmelte er Ausdrücke, wie sie der Jäger braucht, um sein Pferd aufzumuntern. Er bildete sich in diesem Augenblick ein, auf irgendeinem verzweifelten Kirchturmrennen zu sein. Der arme Teufel! er war bei keinem Wettrennen auf dem flinksten Pferde seines kostbaren Marstalls halb so geschwind über die Erde dahingeflogen, als er die Laufbahn durchgemacht hatte, die im Fleet endete.

An der entgegengesetzten Seite des Zimmers saß ein alter Mann auf einem kleinen Holzbock. Er hatte seine Augen auf den Boden geheftet, und in seinem Gesicht lag ein Ausdruck der tiefsten, hoffnungslosesten Verzweiflung. Ein junges Mädchen, seine kleine Enkelin, bemühte sich mit tausend kindlichen Kunstgriffen, seine Aufmerksamkeit zu erregen; allein der alte Mann sah und hörte sie nicht. Die Stimme, die einst Musik für sein Ohr, und die Augen, die einst sein Licht gewesen, ließen ihn jetzt ganz ungerührt. Seine Glieder schlotterten krankhaft und sein Geist war wie vom Schlage gelähmt.

Noch zwei oder drei andere Männer standen in einer Gruppe zusammen und schwatzten laut miteinander. Eine hagere, bleiche Frau – die Gattin eines Gefangenen – begoß mit großer Sorgfalt den elenden Rumpf einer ausgetrockneten, verwelkten Pflanze, die offenbar nie wieder einen grünen Schößling treiben konnte – ein vielleicht nur zu wahres Sinnbild für den Zweck, der sie hierher geführt.

Das waren die Gegenstände, die sich Herrn Pickwicks Blicken darboten, als er voll Erstaunen um sich schaute. Das Geräusch, das ein hastig Hereintretender machte, erweckte ihn wieder. Er wandte seine Augen nach der Tür; sie begegneten dem neuen Ankömmling, und trotz aller seiner Lumpen, alles seines Schmutzes und seines Elends erkannte er die nicht fremden Züge des Herrn Job Trotter.

»Herr Pickwick!« rief Job laut.

»He!« sagte Jingle, von seinem Sitz aufspringend.

»Herr –! Ja, so ist's – kurioser Ort – sonderbare Dinge – ist mir recht geschehen – ganz recht.«

Mit diesen Worten steckte Herr Jingle seine Hände an den Ort, wo früher seine Hosentasche gewesen war, dann aber ließ er den Kopf auf seine Brust herabfallen und sank in seinen Stuhl zurück.

Herr Pickwick war im Innersten ergriffen: die zwei Leute sahen unendlich elend aus. Der scharfe, unwillkürliche Blick, den Jingle nach einem Stückchen rohen Hammelfleisch, das Job mitgebracht, geworfen hatte, zeigte ihre entsetzliche Lage deutlicher als es eine zweistündige Auseinandersetzung vermocht hätte. Herr Pickwick sah Jingle freundlich an und sagte:

»Ich möchte Sie gerne allein sprechen. Wollen Sie einen Augenblick mit mir herauskommen?«

»Sehr gern«, erwiderte Jingle und stand hastig auf. »Kann nicht weit gehen – keine Gefahr, daß man sich hier überläuft – ein dichtes Gehege – schöner Boden – romantisch, aber nicht ausgedehnt – offen für allgemeine Besichtigung – die Familie immer in der Stadt– der Hausvogt verzweifelt vorsichtig.«

»Sie haben Ihren Rock vergessen«, sagte Herr Pickwick, als sie auf die Treppen hinauskamen, und schloß die Tür hinter sich.

»O nein«, sagte Jingle. »Teures Leben – Onkel Tom – konnte nicht helfen – mußte essen. Sie wissen ja. Naturbedürfnisse – das ist's.«

»Was meinen Sie damit?«

»Dahin, mein lieber Herr – der letzte Rock – konnt's nicht ändern – lebte von einem Paar Stiefeln – ganze vierzehn Tage. Seidener Regenschirm – elfenbeinerner Griff – letzte Woche – es ist geschehen – auf Ehre – fragen Sie Job – weiß es.«

»Drei Wochen von einem Paar Stiefeln und einem seidenen Regenschirm gelebt?« rief Herr Pickwick, der von solchen Dingen nur bei Schiffbrüchen gehört oder in Constables Miscellany gelesen hatte.

»Ja freilich«, sagte Jingle, mit dem Kopf nickend. »Pfandleiher – bloß das halbe Geld – elende Summen – soviel wie gar nichts – lauter Spitzbuben.«

»O«, sagte Herr Pickwick, dem es bei dieser Erklärung leichter ums Herz wurde: »Sie haben also Ihre Garderobe bloß versetzt?«

»Ja alles – Job ebenfalls – alle Hemden fort – tut nichts – erspart den Wäscherlohn – bald alles vorbei – auf den Schrägen liegen – verhungern – sterben – Untersuchung – Anatomie – armer Gefangener – die gemeinsten Bedürfnisse – fort damit – die Herren von der Jury – Gefängnisarbeit – alles in Ordnung – natürlicher Tod – Leichenbeschauererklärung – Armenhausbegräbnis – recht geschehen – alles vorbei – Vorhang herab.«

Jingle entwickelte diesen sonderbaren Inbegriff seiner Lebensaussichten mit seiner gewohnten Zungenfertigkeit und mit mancherlei Grimassen, um ein Lächeln zu erzwingen. Herr Pickwick bemerkte aber leicht, daß ihm seine Sorglosigkeit nichts weniger als von Herzen kam; er sah ihm voll aber nicht unfreundlich ins Gesicht und gewahrte, daß seine Augen von Tränen feucht waren.

»Guter Mensch«, sagte Jingle, seine Hand drückend, jedoch mit abgewandtem Gesicht. »Undankbarer Schurke – kindisch zu jammern – kann's nicht lassen – böses Fieber – schwach – krank – hungrig. Alles wohlverdient; aber viel gelitten – sehr viel.«

Ganz unfähig, den Schein länger zu wahren und durch seine Anstrengungen vielleicht unwohler gemacht, setzte sich der arme Landstreicher auf die Treppe nieder, bedeckte sein Gesicht mit beiden Händen und schluchzte wie ein Kind.

»Kommen Sie, kommen Sie«, sagte Herr Pickwick sehr gerührt, »wir wollen sehen, was sich machen läßt. Heda, Hiob: wo ist er?«

»Hier, Sir«, erwiderte Hiob, sich auf der Treppe einstellend.

Wir haben schon früher beiläufig von ihm gesagt, daß er in seinen besten Zeiten tief eingesunkene Augen hatte; jetzt sah er aus, als ob diese Teile seines Gesichts gänzlich verschwunden wären.

»Hier, Sir«, sagte Hiob.

»Kommen Sie, Sir«, sprach Herr Pickwick, der sich Mühe gab, einen strengen Blick zu machen, wiewohl ihm vier große Tränen auf die Weste hinabfielen. »Nehmen Sie das, Sir.«

Was nehmen? Unter den obwaltenden Umständen hätte man bei diesen Worten an einen Hieb oder wenigstens, wie einmal die Menschen sind, an einen derben, tüchtigen Puff denken sollen. Denn Herr Pickwick war von dem elenden Auswürfling, der jetzt gänzlich in seiner Gewalt stand, hinters Licht geführt, betrogen und beeinträchtigt worden. Sollen wir die Wahrheit sagen? Es war etwas aus Herrn Pickwicks Westentasche, das hell klang, als es in Hiobs Hand gegeben wurde. Daß Herr Pickwick also aber Böses mit Gutem vergelten konnte, das ließ das Auge unseres vortrefflichen alten Freundes funkeln und machte sein Herz schwellen, als er hinwegeilte.

Auf seinem Zimmer angelangt, traf Herr Pickwick Sam an, der die komfortablen Einrichtungen seines Herrn mit einer Art grimmigen Vergnügens, das sehr lustig anzusehen war, in Augenschein nahm. Da Herr Weller eine entschiedene Abneigung gegen das Verbleiben seines Herrn allda hegte, so schien er es für eine hohe moralische Pflicht zu halten, nichts was hier getan, gesagt, geraten oder vorgeschlagen wurde, mit gar zu großem Beifall zu beehren.

»Schön, Sam«, sagte Herr Pickwick.

»Nun, Sir«, erwiderte Herr Weller.

»Nicht wahr, recht behaglich, Sam?«

»Ja, so ziemlich, Sir«, erwiderte Sam, indem er geringschätzig um sich blickte.

»Hast du Herrn Tupman und unsere andern Freunde gesehen?«

»Ja, ich habe sie gesehen, Sir, und sie werden morgen kommen. Ich wunderte mich sehr, daß sie nicht heute schon da waren«, bemerkte er weiter.

»Hast du die Sachen gebracht, die ich verlangte?«

Herr Weller deutete statt der Antwort auf verschiedene Pakete, die er so ordentlich wie möglich in eine Ecke der Stube gelegt hatte.

»Sehr gut, Sam«, sagte Herr Pickwick nach einigem Zögern; »höre jetzt, was ich dir zu sagen habe, Sam.«

»Ich höre, Sir«, erwiderte Herr Weller; »legen Sie los, Sir.«

»Ich habe vom ersten Augenblick an gefühlt, Sam«, begann Herr Pickwick mit vieler Feierlichkeit, »daß dies kein Platz für einen jungen Menschen ist.«

»Auch nicht für einen alten, Sir«, entgegnete Herr Weller.

»Du hast ganz recht, Sam«, sagte Herr Pickwick. »Aber alte Leute können durch ihre eigene Unbedachtsamkeit und ein allzu großes Zutrauen gegen andere hierher gebracht werden, und junge durch die Selbstsucht derer, denen Sie dienen. Jedenfalls ist es übrigens für einen jungen Menschen viel besser, nicht hier zu bleiben. Verstehst du mich, Sam?«

»Ich? Nein, Sir«, versetzte Sam, sich etwas dumm stellend.

»So überlege dir's«, entgegnete Herr Pickwick.

»Wohl Sir«, erwiderte Sam nach einer kurzen Pause. »Ich glaube, zu merken, wo Sie hinaus wollen; und wenn ich hierbei wirklich auf dem rechten Wege bin, so muß ich meine Meinung dahin aussprechen, daß Sie mir zu dicke kommen, wie der Kutscher zu dem Schneegestöber sagte, das ihn auf seiner Fahrt beunruhigte.«

»Ich sehe, du begreifst mich, Sam«, sagte Herr Pickwick. »Abgesehen von meinem Wunsche, dich in den nächsten Jahren nicht an einem Orte wie diesem müßig herumlungern zu sehen, fühle ich auch, daß es eine ungeheure Abgeschmacktheit wäre, wenn ein Schuldner im Fleetgefängnis einen eigenen Diener halten wollte. – Sam«, fügte Herr Pickwick bei, »wir müssen uns für eine Zeitlang trennen.«

»Ah, für eine Zeitlang meinen Sie, Sir?« versetzte Herr Weller etwas bitter.

»Ja, für die Dauer meines hiesigen Aufenthalts«, entgegnete Herr Pickwick. »Deinen Lohn zahle ich dir fort. Einer von meinen drei Freunden wird sich glücklich schätzen, dich aufzunehmen, wäre es auch nur aus Achtung gegen mich. Und wenn ich je diesen Ort wieder verlasse«, fuhr Herr Pickwick mit erkünstelter Heiterkeit fort – »wenn es je der Fall ist, so hast du mein Wort, daß du augenblicklich wieder in meine Dienste treten kannst.«

»Ich will Ihnen meine Ansicht von der Sache sagen, Sir«, erwiderte Herr Weller mit ernster und feierlicher Stimme. »Es geht nicht, und deshalb lassen Sie mich nichts mehr davon hören.«

»Es ist mein fester, unabänderlicher Wille, Sam«, erklärte Herr Pickwick.

»So? Ist das wirklich bei Ihnen der Fall?« fragte Sam mit Festigkeit. »Ganz gut, Sir; dann geht es mir gerade ebenso.«

Mit diesen Worten drückte Herr Weller mit großer Bestimmtheit seinen Hut auf den Kopf und verließ das Zimmer.

»Sam!« rief ihm Herr Pickwick nach. »Sam! Komm noch einmal her.«

Aber die sich entfernenden Fußtritte verhallten in dem langen Gange. Sam Weller war fort.

 

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