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Denkwürdigkeiten des Pickwick-Klubs. Zweiter Teil

Charles Dickens: Denkwürdigkeiten des Pickwick-Klubs. Zweiter Teil - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleDenkwürdigkeiten des Pickwick-Klubs. Zweiter Teil
publisherGutenberg-Verlag
addressHamburg
seriesDickens Werke
volume2
editorDr. Paul Th.Hoffmann
translatorDr. Carl Kolb
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Einundvierzigstes Kapitel.

Das Herrn Pickwick in eine neue und hoffentlich nicht uninteressante Szene im großen Drama des Lebens führt.

Der Rest der Zeit, die Herr Pickwick für die Dauer seines Aufenthaltes in Bath bestimmt hatte, ging ohne einen Vorfall von Belang vollends dahin. Der Trinitystermin begann. Nach Verlauf seiner ersten Woche kehrten Herr Pickwick und seine Freunde nach London zurück, und ersterer Herr begab sich, natürlicherweise von Sam begleitet, geradenwegs in sein altes Quartier im Georg und Geier.

Am dritten Morgen nach ihrer Ankunft, als sämtliche Glocken in der City, jede einzelne neun und alle zusammen neunhundert schlugen und Sam eben im Hofe frische Luft schöpfte, rasselte ein sonderbares, frisch angestrichenes Fuhrwerk heran, aus dem mit großer Behendigkeit, die Zügel einem neben ihm sitzenden vierschrötigen Mann zuwerfend, ein sonderbarer Herr heraussprang, der ganz für das Fuhrwerk gemacht schien und das Fuhrwerk für ihn.

Dies Fuhrwerk war nämlich nicht ganz Kutsche und ebensowenig ein StanhopeLeichter, offener, zwei- oder vierrädriger Wagen.. Es war nicht, was man in der Regel einen Karren nennt, es war keine Kalesche, war kein guillotiniertes Kabriolett und doch hatte es etwas vom Charakter all' dieser Vehikel. Es war hellgelb angestrichen, die Deichsel und die Räder schwarz betupft, und der Kutscher saß in dem hohen Jagdstil auf Polstern, die etwa zwei Fuß höher waren als die Wagenleiter. Das Pferd war ein ziemlich munterer Brauner, hatte aber etwas Schmuckes und Bissiges an sich, was vortrefflich sowohl zu dem Fuhrwerk, wie zu dem Herrn paßte.

Der Herr selbst war etwa ein Vierziger und trug schwarze Haare nebst einem sorgfältig gekämmten Schnurrbart. Sein ganzer Anzug war auffallend glänzend und mit einer Menge Juwelen überladen, alle wenigstens dreimal so groß, wie man gewöhnlich zu tragen pflegt: das Ganze krönte ein grober Überrock. In eine Tasche dieses Überrocks steckte er beim Absteigen seine linke Hand, während er aus der andern mit seiner rechten ein sehr helles, funkelndes, seidenes Taschentuch zog, womit er ein paar Staubflecken von seinen Stiefeln abwischte, es sodann in der Hand zusammendrückte und endlich in den Hof hineinging.

Es war Sams Aufmerksamkeit nicht entgangen, daß, als dieser Herr abstieg, ein schäbig aussehender Mann in einem braunen Überrock mit etlichen fehlenden Knöpfen, der vorher dem Wirtshause gegenüber auf- und abgewandelt war, auf einmal herüberkam und sich zu dem Ankömmling gesellte. Da ihm der Zweck eines Besuches von diesem Gentleman mehr als verdächtig erschien, ging ihm Sam in den Georg und Geier voran, wandte sich dann rasch um und pflanzte sich mitten auf der Haustürschwelle auf.

»Nun, Kamerad?« sagte der Mann in dem groben Rock mit herrischem Ton, indem er ihn zugleich wegzupuffen versuchte.

»Nun, Sir, was gibt's?« entgegnete Sam, den Puff mit reichlichen Zinsen heimgebend.

»Komm Er mir nicht so, Mensch; Er wird nicht viel ausrichten«, sagte der Eigentümer des groben Rockes, seine Stimme erhebend und sehr weiß werdend – »hierher Smouch.«

»Nun, wo fehlt es denn?« murrte der Herr mit dem braunen Rock, der während dieses kurzen Zwiegesprächs sich allmählich durch den Hof hierhergeschlichen hatte.

»Bloß eine Unverschämtheit von diesem jungen Burschen«, sagte der Prinzipal, Sam einen neuen Stoß versetzend.

»Laß Er solche Späße bleiben«, murrte Smouch, indem er Sam ebenfalls einen recht derben Puff gab.

Dieser letzte Puff hatte die Wirkung, die der erfahrene Herr Smouch beabsichtigte, denn während Sam, um das Kompliment so schnell wie möglich heimzugeben, den Gentleman an den Türpfosten drückte, schlich der Prinzipal hinein und gelangte in die Gaststube, wohin ihm Sam unter allerhand bezeichnenden Bemerkungen gegen Herrn Smouch alsbald nachfolgte.

»Guten Morgen, liebes Kind«, sagte der Prinzipal mit kolonialer Ungezwungenheit und neusüdwälischer Artigkeit zu der jungen Dame in der Gaststube. »Wo ist Herrn Pickwicks Zimmer, meine Teuerste?«

»Zeigen Sie es ihm«, sagte das Mädchen zu einem Kellner, ohne den sonderbaren Gast eines weiteren Blickes zu würdigen.

Der Kellner ging die Treppe hinauf, der Mann mit dem groben Rock folgte und hinter ihm Sam, der unterwegs, zum unaussprechlichen Ergötzen des Gesindes und anderer Zuschauer, durch allerhand Gebärden seine überschwengliche Verachtung und einen herausfordernden Trotz an den Tag legte. Herr Smouch, der an einem trockenen Husten litt, blieb unten und wartete im Gang.

Herr Pickwick lag in tiefem Schlafe, als sein früher Gast, von Sam gefolgt, ins Zimmer trat. Das Geräusch, das sie machten, weckte ihn auf.

»Wasser zum Rasieren, Sam!« rief er hinter den Bettvorhängen.

»Rasieren Sie sich nur sogleich, Herr Pickwick«, sagte der Gast, den obersten Vorhang zurückschiebend. »Ich habe auf Verlangen der Bardell einen Exekutionsbefehl gegen Sie. – Da ist er, unterzeichnet vom Gericht. Hier meine Karte. Ich denke, Sie gehen mit mir in mein Haus.«

Und indem er Herrn Pickwick freundlich auf die Schulter klopfte, warf der Offiziant des Sheriffs – denn ein solcher war er – seine Karte auf die gesteppte Bettdecke und zog einen goldenen Zahnstocher aus seiner Westentasche.

»Namby ist mein Name«, sagte er, als Herr Pickwick seine Brille unter dem Kissen hervorzog und aufsetzte, um die Karte zu lesen. »Namby, Bell Alley in der Colemansstraße.«

Hier mischte sich Sam Weller, der seine Augen fortwährend auf Herrn Nambys glänzenden Castorhut geheftet hatte, ins Gespräch:

»Sie sind ein Quäker?« fragte er.

»Er wird es mit der Zeit schon erfahren, wer ich bin«, erwiderte der entrüstete Offiziant. »Ich will Ihn an einem schönen Vormittag schon Mores lehren, mein sauberer Bursche.«

»Danke schön«, sagte Sam: »ich will Ihnen denselben Gefallen erweisen. Nehmen Sie den Hut ab.«

Mit diesen Worten schlug er Herrn Namby so geschickt und kräftig den Hut vom Kopfe, daß jener beinahe noch obendrein seinen goldenen Zahnstocher verschluckt hätte.

»Sie sehen es, Herr Pickwick«, sagte der bestürzte Agent, nach Luft schnappend: »ich bin in der Ausübung meiner Amtspflicht von Ihrem Diener in Ihrem Zimmer angegriffen worden. Ich stehe in Gefahr und rufe Sie zum Zeugen auf.«

»Bezeugen Sie nichts, Sir«, unterbrach ihn Sam. »Machen Sie die Augen fest zu, Sir; ich will ihn zum Fenster hinauswerfen; nur schade, daß er nicht tief fallen kann.«

»Sam«, sagte Herr Pickwick in ärgerlichem Tone, als sein Diener allerhand feindselige Demonstrationen machte, »wenn du noch ein Wort sprichst oder diesem Herrn die geringste Beleidigung antust, so entlasse ich dich auf der Stelle.«

»Aber, Sir –« meinte Sam.

»Schweig«, versetzte Herr Pickwick, »und heb den Hut wieder auf.«

Dieses aber verweigerte Sam allerdings, und nachdem er von seinem Herrn einen strengen Verweis erhalten hatte, ließ sich der Agent, der Eile hatte, herab, ihn selbst aufzuheben, wobei er eine Masse Drohungen gegen Sam ausstieß, die dieser Gentleman mit vollkommener Gemütsruhe entgegennahm und bloß bemerkte, wenn Herr Namby die Güte haben wolle, seinen Hut wieder aufzusetzen, so werde er ihn bis ans letzte Ende der nächsten Woche herunterschlagen. Herr Namby, der von einem solchen Prozeß nicht viel Ersprießliches erwarten mochte, wollte Herrn Weller nicht in Versuchung führen und rief bald darauf Smouch herein. Diesem sagte er, der Fang sei gemacht, er solle warten, bis der Verhaftete sich vollends angekleidet hätte, und stolzierte dann hinaus. Smouch forderte Herrn Pickwick in griesgrämigem Tone auf, sich möglichst zu beeilen, denn es gebe viel zu tun, stellte sofort einen Stuhl vor die Tür und setzte sich darauf, bis der alte Herr mit seiner Toilette fertig war. Nun wurde Sam nach einer Mietskutsche fortgeschickt, und das Triumvirat fuhr nach der Colemansstraße. Glücklicherweise war die Entfernung kurz, denn Herr Smouch, der eben kein bezauberndes Talent für Unterhaltung besaß, war bei dem physischen Gebrechen, dessen wir oben erwähnt, in einem so beschränkten Raum ein entschieden unangenehmer Gesellschafter.

Der Wagen fuhr in die sehr enge und düstere Straße und hielt vor einem Haus mit eisernen Gittern an sämtlichen Fenstern an; die Türpfosten schmückte die Aufschrift: »Namby, Agent der Sheriffs von London.« Das innere Tor wurde von einem Gentleman geöffnet, den man für einen verwahrlosten Zwillingsbruder des Herrn Smouch hätte halten können, und der für sein Amt mit einem gewaltigen Schlüssel versehen war. Dieser wies Herrn Pickwick in das Gastzimmer.

Das Gastzimmer war eine einfache Vorderstube, deren Haupteigenschaften in frischem Sand und veraltetem Tabaksrauch bestanden. Herr Pickwick verbeugte sich gegen die drei Personen, die drinnen saßen, befahl Sam, Herrn Perker zu holen, zog sich in einen dunklen Winkel zurück und betrachtete von da aus mit einiger Neugierde seine augenblicklichen Kameraden.

Einer davon war ein Bursche von neunzehn oder zwanzig Jahren, der, obgleich es erst zehn Uhr war, bereits Wacholderbranntwein mit Wasser trank und eine Zigarre dazu rauchte – Vergnügungen, denen er, nach seinem roten Gesicht zu schließen, die letzten zwei Jahre seines Lebens so ziemlich ganz gewidmet haben mußte. Ihm gegenüber saß, mit der Zehe seines rechten Fußes im Feuer herumstöbernd, ein plumper Bursche von etwa dreißig Jahren, mit bleichem Gesicht und rauher Stimme. Er besaß offenbar diejenige Weltkenntnis und die lockende Freiheit im Benehmen, die man sich in Kneipen und an gemeinen Billarden erwerben kann. Der dritte Insasse des Zimmers war ein Mann von mittleren Jahren: er hatte einen sehr alten schwarzen Rock an, sah blaß und verstört aus und lief unaufhörlich auf und ab; nur von Zeit zu Zeit schaute er mit großer Ängstlichkeit zum Fenster hinaus, als erwartete er jemand, und begann dann sogleich seinen Spaziergang wieder.

»Sie können heute morgen mein Rasiermesser haben, Herr Ayresleigh«, sagte der Mann, der im Feuer stöberte, indem er seinem Freunde, dem jungen Burschen, zuwinkte.

»Danke, ich werde es nicht brauchen. Ich hoffe, etwa in einer Stunde frei zu kommen«, erwiderte der andere in hastigem Tone, ging sofort aufs neue ans Fenster, und als er abermals getäuscht sich abwenden mußte, seufzte er tief und verließ das Zimmer, worüber die zwei andern in lautes Gelächter ausbrachen.

»Einen solchen Spaß habe ich noch nie erlebt«, sagte der Gentleman, der das Rasiermesser angeboten hatte und Price zu heißen schien. Er bekräftigte diese Versicherung mit einem Fluche und lachte dann aufs neue, worauf natürlicherweise der junge Bursche, der seinen Kameraden für einen der witzigsten Köpfe von der Welt hielt, auch lachte.

»Sie werden es kaum glauben«, sagte Herr Price, sich gegen Herrn Pickwick wendend, »daß dieser Mensch gestern schon eine Woche hier war und sich noch nie rasiert hat, weil er aufs bestimmteste wissen will, daß er in einer halben Stunde freikomme und deshalb glaubt, er könne es aufschieben, bis er wieder nach Hause komme.«

»Der arme Mann!« erwiderte Pickwick. »Hat er denn gar keine Aussicht, aus seiner schwierigen Lage loszukommen?«

»Nein, keine Spur«, erwiderte Price. »Ich wollte hundert gegen eins wetten, daß er binnen zehn Jahren auf keine Straße mehr kommt.«

Dabei schnalzte Herr Price verächtlich mit dem Finger und läutete.

»Geben Sie mir einen Bogen Papier, Crookey«, sagte er zu dem Aufwärter, der seiner Kleidung und ganzen Erscheinung nach ein Mittelding zwischen einem bankerotten Viehmäster und einem zahlungsunfähigen Pächter zu sein schien; »und ein Glas Branntwein mit Wasser. Verstehen Sie mich? Ich will meinem Vater schreiben und muß eine Stimulanz haben, sonst kann ich dem alten Knaben nicht eindringlich genug ins Gewissen reden.«

Es ist unnötig, hinzuzusetzen, daß der junge Bursche bei dieser scherzhaften Sprache vor lauter Lachen beinahe Krämpfe bekam.

»Bravo!« sagte Herr Price; »das ist ein Hauptspaß!«

»Ganz vortrefflich«, sagte der junge Gentleman.

»Sie haben eben Geist«, fuhr Price fort: »Sie kennen das Leben.«

»Das will ich meinen«, erwiderte der Bursche. Er hatte es durch die schmutzigen Scheiben einer Gaststube betrachtet.

Herr Pickwick, den die Unterhaltung sowie das ganze Benehmen der beiden Burschen nicht wenig anekelte, wollte eben fragen, ob man ihm kein Privatzimmer geben könne, als zwei oder drei Fremde von anständigem Aussehen eintraten, bei deren Anblick der Bursche seine Zigarre ins Feuer warf und Herrn Price zuflüsterte, sie seien gekommen, um seine Sachen in Ordnung zu bringen, worauf er sich mit ihnen an einen Tisch am andern Ende des Zimmers begab.

Es schien freilich, daß die Sachen nicht so leicht in Ordnung zu bringen waren, wie der junge Gentleman voraussetzte, denn es erfolgte eine sehr lange Unterhaltung, wovon Herr Pickwick unwillkürlich einige zornige Bemerkungen über liederlichen Lebenswandel und wiederholte Verzeihung mit anhörte. Endlich wurden von dem ältesten Herrn in der Gesellschaft sehr deutliche Anspielungen auf eine gewisse WhitecroßstraßeDort befand sich eine Straf- und Korrektionsanstalt. gemacht, wobei der Jüngling, trotz seiner Munterkeit, trotz seines Witzes und seiner Lebenskenntnis obendrein, den Kopf auf den Tisch lehnte und jammervoll heulte.

Sehr zufrieden über das rasche Geducktwerden des jungen Renommisten läutete Herr Pickwick und wurde auf sein Verlangen in ein Privatzimmer geführt, das mit einem Teppich, einem Tische, mehreren Stühlen, einem Kredenztisch und Sofa versehen und mit einem Spiegel sowie mehreren alten Gemälden geschmückt war. Hier hatte er den Genuß, solange sein Frühstück bereitet wurde, unmittelbar über sich Frau Namby Klavier spielen zu hören, und als ersteres kam, erschien auch Herr Perker.

»Aha, mein lieber Herr«, sagte das kleine Männchen: »endlich in die Falle gegangen? Ich gräme mich indessen nicht sehr darüber, denn jetzt werden Sie doch endlich die Abgeschmacktheit Ihres Benehmens einsehen. Ich habe mir den Betrag der Prozeßkosten, sowie die Entschädigungsgelder notiert, und es wäre am gescheitesten, wir machten die Sache mit einem Male und ohne Zeitverlust ab. Namby wird wohl jetzt zurückgekommen sein. Was meinen Sie, mein lieber Herr, soll ich Ihnen eine Anweisung niederschreiben?«

So sprechend rieb sich das Männchen mit erzwungener Lustigkeit die Hände, konnte aber, als er Herrn Pickwick ins Gesicht schaute, nicht umhin, zu gleicher Zeit einen verzweifelten Blick auf Sam Weller zu werfen.

»Perker«, sagte Herr Pickwick, »ich muß bitten, daß Sie mich nichts mehr davon hören lassen. Ich sehe nicht ein, warum ich noch länger hierbleiben soll und will deshalb heute nach noch ins Gefängnis gehen.«

»In die Whitecrossstraße können Sie unmöglich, mein teurer Sir«, erwiderte Perker. »Da sind sechzig Betten in einer Abteilung und die Riegel sechzehn Stunden täglich vorgeschoben.«

»Dann möchte ich lieber in ein anderes Gefängnis, wenn es möglich ist«, sagte Herr Pickwick. »Wo nicht, so muß ich mir's dort bequem machen, so gut es angeht.«

»Sie können ins Fleet gehen, mein lieber Herr, wenn Sie überhaupt entschlossen sind, wohin zu gehen«, meinte Perker.

»Das will ich tun«, sagte Herr Pickwick; gleich nach dem Frühstück.«

»So warten Sie doch noch ein wenig, lieber Herr; es ist nicht der geringste Grund vorhanden, so schrecklich an einen Ort zu eilen, von dem sich die meisten andern Menschen ebenso gewaltig wegsehnen«, sagte der gutmütige kleine Anwalt. »Wir müssen ein habeas corpus auswirken und bis vier Uhr nachmittags warten, denn eher treffen wir keinen Richter an.«

»Ganz gut«, sagte Herr Pickwick mit unveränderlicher Geduld: »dann können wir um zwei Uhr hier ein Beefsteak speisen. Sieh danach, Sam, und bestelle es pünktlich.«

Da Herr Pickwick trotz aller Vorstellungen und Beweisgründe Perkers fest blieb, so erschienen und verschwanden die Beefsteaks zur bestimmten Zeit. Darauf wurde er in eine andere Mietskutsche gesetzt und in die Kanzleistraße geführt, nachdem er etwa eine halbe Stunde auf Herrn Namby gewartet, der eine erlesene Gesellschaft beim Mittagsmahle hatte und unter keinen Umständen früher gestört werden durfte.

Im Vorzimmer von Sergeants Inn waren zwei Richter, einer von der Kings Bench und einer von Common Pleas. Auch schienen hier gewaltig viele Geschäfte abgemacht zu werden, wenn man aus der Menge Advokatenschreiber, die mit Aktenstößen herein- und hinauseilten, einen Schluß ziehen darf. Als sie an den niedrigen Bogengang kamen, der den Eingang in das Inn bildet, zankte sich Herr Perker einige Minuten lang mit dem Kutscher um den Fuhrlohn, Herr Pickwick aber stellte sich auf die Seite, um dem Gedränge der Hinein- und Herausströmenden auszuweichen, und blickte mit einiger Neugier um sich.

Die Leute, die seine Aufmerksamkeit am meisten anzogen, waren drei oder vier Herren von schäbig-kavaliermäßigem Aussehen. Sie zogen vor manchem der vorbeigehenden Anwälte die Hüte, und schienen ein Geschäft zu haben, dessen Art Herr Pickwick nicht erraten konnte. Sie bildeten eine höchst sonderbare Gruppe. Der eine war schlank und ein bißchen lahm, er hatte einen schmierigen schwarzen Rock an und ein weißes Halstuch; ein anderer war untersetzt gedrungen und gekleidet wie der erste, nur daß er ein großes, schwarzrotes Halstuch trug; ein dritter war klein von Gestalt, hatte ein finniges Gesicht und sah aus wie ein Trunkenbold. Sie schlenderten, die Hände auf dem Rücken, mit neugierigen Gebärden auf und ab und flüsterten von Zeit zu Zeit einigen von den Herren, die mit den Papieren hereinstürzten, etwas ins Ohr. Herr Pickwick erinnerte sich, sie schon oft unter dem Torweg, wenn er gerade vorüberging, faulenzen gesehen zu haben, und war neugierig, zu welcher Art von Profession diese schmierigen Tagediebe wohl gehören mochten.

Eben wollte er Namby, der sich dicht bei ihm aufhielt und an einem großen goldenen Ring seines kleinen Fingers lutschte, fragen, als Perker zu ihm herstürmte und ihm mit der Bemerkung, man habe keine Zeit zu verlieren, den Weg in den Saal zeigte. Als Herr Pickwick folgte, trat der Lahme zu ihm, zog höflich den Hut und hielt ihm eine beschriebene Karte hin, die Herr Pickwick, der die Gefühle des Mannes nicht durch eine Weigerung zu verletzen wünschte, freundlich annahm und in seine Westentasche steckte.

»Nun«, sagte Perker, der sich, bevor er in die Amtsstube trat, umwandte, ob seine Kameraden auch hinter ihm seien. »Hier herein, mein lieber Herr. He da, was wollen Sie?«

Diese letzte Frage galt dem Lahmen, der sich ohne Herrn Pickwicks Wissen an ihn angeschlossen hatte. Statt der Antwort zog der Mann mit aller erdenklichen Höflichkeit seinen Hut ab und deutete auf Herrn Pickwick.

»Nein, nein«, sagte Perker lächelnd; »wir bedürfen Eurer ganz und gar nicht, guter Freund.«

»Bitte um Vergebung, Sir«, erwiderte der Lahme. »Der Herr hat meine Karte angenommen. Ich hoffe. Sie werden mich verwenden, Sir. Der Herr hat mir zugenickt. Ich berufe mich auf den Herrn selbst. Nicht wahr, Sie haben mir zugenickt, Sir?«

»Ach was, Unsinn. Sie haben niemandem zugenickt, Pickwick. Ein bloßes Mißverständnis«, sagte Perker.

»Der Herr hat mir seine Karte angeboten«, erwiderte Herr Pickwick, sie aus der Tasche hervorziehend. »Ich nahm sie an, wie der Herr zu wünschen schien – ich war in der Tat einigermaßen neugierig, sie gelegentlich näher zu betrachten – ich –«

Der kleine Advokat brach in ein lautes Lachen aus, gab dem Lahmen die Karte zurück, sagte ihm, es sei ein Mißverständnis, und flüsterte Herrn Pickwick, als der Mann sich grimmig abwandte, ins Ohr, es sei dies nur ein Bürge.

»Ein was?« rief Herr Pickwick.

»Ein Bürge«, versetzte Perker.

»Ein Bürge?«

»Ja, mein lieber Herr: es ist ein halbes Dutzend solcher Leute hier. Sie verbürgen sich für jede beliebige Summe und verlangen nur eine halbe Krone. Nicht wahr, ein sonderbares Geschäft?« fügte Perker hinzu, indem er sich mit einer Prise Tabak labte.

»Wie?« rief Herr Pickwick, ganz erschrocken über diese Entdeckung: »Verstehe ich recht? Erwerben diese Leute wirklich dadurch ihren Lebensunterhalt, daß sie hier herumliegen und vor den Richtern des Landes Meineide schwören? Für eine halbe Krone ein Verbrechen?!«

»Meineid müssen Sie es nicht gerade nennen, lieber Herr«, erwiderte der kleine Gentleman; »dieser Ausdruck ist wahrhaftig viel zu hart. Es ist eine Rechtsfiktion, mein lieber Herr, weiter nichts.«

Dabei zuckte das Anwältchen die Achseln, lächelte, nahm eine zweite Prise und ging voraus in das Gerichtszimmer.

Dies war ein Gemach von besonders schmutzigem Aussehen, mit einer sehr niedrigen Decke und alten in Vierecke geteilten Wänden. Dabei war es so finster, daß man bei hellem Tag auf den Schreibtischen große Talglichter brannte. An einem Ende war eine Tür, die in das Privatzimmer des Richters führte, um das sich eine Menge von Anwälten und Schreibern drängte, die hereingerufen wurden, sobald die Reihe des Dienstes an ihnen war. So oft diese Tür sich öffnete, um eine Partei hinauszulassen, machte eine nächste Partei gewaltsame Versuche hineinzudringen, und außer den zahlreichen Zwiegesprächen zwischen den Gentlemen, die auf den Anblick des Richters harrten, erhoben sich unter der Mehrzahl derer, die ihn bereits gesehen, allerhand persönliche Zwistigkeiten, so daß man sich in einem so kleinen Zimmer kaum ein betäubenderes Getöse denken kann.

Indessen waren die Unterhaltungen dieser Herren nicht die einzigen Töne, die das Ohr zerrissen. In einer Loge hinter einer hölzernen Schranke am andern Ende des Zimmers stand ein Schreiber mit der Brille auf der Nase, der die Advokatenschreiber schwören ließ und die Protokolle darüber haufenweise von Zeit zu Zeit dem Richter zur Unterzeichnung in sein Privatzimmer schickte. Eine Menge Advokatenschreiber wollten beeidigt werden, und da es rein unmöglich war, diesen Akt mit allen zugleich vorzunehmen, so gab es an der Schranke des bebrillten Herrn ein Stoßen und Drängen, wie manchmal am Eingang des Theaters, wenn Ihre Gnädigste Majestät dasselbe mit Höchst Ihrer Gegenwart beehrt. Ein anderer Mann von der Feder übte seine Lunge von Zeit zu Zeit damit, daß er die Namen der Beeidigten laut ausrief, um ihnen vom Richter unterzeichnete Atteste zurückzustellen, was natürlich wieder zu mehrfachen Püffen und Stößen Veranlassung gab. Da das alles zu gleicher Zeit geschah, so herrschte ein Durcheinander und Getöse, für dessen Lieblichkeit wir nicht jedermann Sinn und Empfänglichkeit zutrauen möchten. Es war schließlich noch eine andere Sorte von Leuten da, solche, die auf das Aufgerufenwerden ihrer Klienten warteten, wobei der Anwalt der Gegenpartei die Wahl hatte, solange zu bleiben oder nicht, und solche, die von Zeit zu Zeit den Namen des Gegenadvokaten ausrufen mußten; um sich zu vergewissern, daß er nicht ohne ihr Wissen vor Gericht stand.

Zum Beispiel: dicht neben Herrn Pickwicks Sitz lehnte sich ein vierzehnjähriger Bursche mit einer Tenorstimme an die Wand und neben ihm stand ein Schreiber mit einem tiefen Baß.

Ein anderer Schreiber huschte mit einem Pack Papiere herein und stierte umher.

»Sniggle und Blink!« rief der Tenor.

»Porkin und Snob!« brummte der Baß.

»Stumpy und Deacon!« sagte der neue Ankömmling.

Niemand antwortete, und der nächste Mann, der kam, wurde von allen Dreien begrüßt, worauf dieser laut nach einem andern schrie; dann brüllte sonst eine Stimme wieder nach einem noch andern und so ging es fort.

Die ganze Zeit über war der Mann mit der Brille fortwährend beschäftigt, die Schreiber zu beeidigen. Er tat dies ohne alle Abwechslung in der Betonung und leierte dem einen wie den andern den üblichen Eid vor, der folgendermaßen lautete:

»Nehmen Sie das Buch in die rechte Hand dies ist Ihr Name und Handschrift Sie schwören daß der Inhalt dieses Ihres Zeugnisses wahr ist so helfe Ihnen Gott Sie müssen einen Schilling bezahlen herausgeben kann ich nicht.«

»Nun, Sam«, sagte Herr Pickwick, »ich dächte, das Habeas Corpus könnte jetzt fertig sein.«

»Ja«, sagte Sam, »und ich wollte, man brächte seinen Korpus einmal heraus. Es ist eine sehr unangenehme Sache um das lange Warten da. Ich hätte in dieser Zeit ein halbes Dutzend solcher Korpus fertig gemacht und damit aufgepackt.«

Für was für eine beschwerliche und unbrauchbare Maschine Sam Weller die Ausstellung eines Habeas corpus hielt, wird nicht ganz klar, denn in diesem Augenblick kam Perker und nahm Herrn Pickwick mit sich fort.

Nachdem die gewöhnlichen Förmlichkeiten durchgemacht waren, wurde bald darauf der Leib Samuel Pickwicks der Bewachung des Gerichtsdieners übergeben und sofort dem Vorsteher des Fleetgefängnisses überantwortet, um so lange in Verwahrung gehalten zu werden, bis die Entschädigungssumme an Frau Bardell und die Prozeßkosten auf Heller und Pfennig bezahlt sein würden.

»Da soll ihnen die Zeit lang werden«, sagte Herr Pickwick lachend. »Sam, hole einen Mietwagen. Perker, mein werter Freund, auf Wiedersehen!«

»Ich will mit Ihnen gehen, um mich von Ihrer glücklichen Ankunft zu überzeugen«, erwiderte Perker.

»Ich danke Ihnen«, sagte Herr Pickwick: »ich möchte nicht gern einen andern Begleiter haben als Sam. Sobald ich aber eingerichtet bin, werde ich Ihnen schreiben und Sie dann sogleich erwarten. Inzwischen leben Sie wohl.«

Also sprach Herr Pickwick und stieg in Begleitung des Gerichtsdieners in den Wagen. Sam setzte sich auf den Bock und sie fuhren ab.

»Ein ganz außerordentlicher Mann das«, sagte Perker, indem er stehenblieb, um seine Handschuhe anzuziehen.

»Er hätte einen prächtigen Bankerottmacher gegeben, Sir«, bemerkte Herr Lowten, der in der Nähe stand. »Der würde die Kommissare schinden und ihnen Trotz bieten, wenn sie auch tausendmal vom Verhaften sprächen.«

Der Anwalt schien darüber, wie sein Schreiber berufsmäßig Herrn Pickwicks Charakter schätzte, nicht sehr erbaut: denn er ging fort, ohne ihn einer Antwort zu würdigen.

Die Mietkutsche rumpelte die Fleetstraße entlang, wie Mietkutschen zu tun pflegen. Der Kutscher sagte, die Pferde gehen besser, wenn sie etwas vor sich sehen (und sie müssen wirklich einen erstaunlichen Schritt gelaufen sein, wenn nichts vorhanden war), und hielt sich daher hinter einem Karren: blieb dieser stehen, so blieb die Kutsche auch stehen, und setzte sich der Karren wieder in Bewegung, so tat sie desgleichen. Herr Pickwick saß dem Gerichtsdiener gegenüber, der seinen Hut zwischen den Knien hielt, ein Liedchen pfiff und fortwährend zum Fenster hinaus schaute.

Die Zeit vollbringt indessen Wunder, und mit der mächtigen Hilfe dieser alten Dame legt sogar ein Mietwagen eine halbe Meile Wegs zurück. Sie hielten endlich an, und Herr Pickwick stieg vor dem Tore des Fleetgefängnisses aus.

Der Gerichtsdiener blieb ihm dicht auf der Ferse und führte ihn ins Gefängnis: daselbst angekommen, wandten sie sich links und gelangten durch eine offene Tür in eine Vorhalle, aus der ein gewichtiges Tor, das dem Eingangstor gerade gegenüberstand und von einem stämmigen Kerkermeister mit dem Schlüssel in der Hand bewacht wurde, ins Innere des Gefängnisses führte.

Hier hielten sie an, bis der Gerichtsdiener seine Papiere abgegeben hatte, und man sagte Herrn Pickwick, er habe so lange allda zu verweilen, bis er sich der dem Eingeweihten wohlbekannten Zeremonie unterworfen, das heißt, zu seinem Porträt gesessen hätte.

»Zu meinem Porträt gesessen?« fragte Herr Pickwick.

»Ja, Sir, damit wir Ihr Konterfei bekommen«, erwiderte der stämmige Schließer, »Wir sind Spezialisten im Abzeichnen, brauchen nur einen Augenblick dazu und treffen immer richtig. Tun Sie, als wenn Sie zu Hause wären, Sir.«

Herr Pickwick willfahrte der Aufforderung und setzte sich, worauf Herr Weller, der sich hinter seinem Stuhle aufgestellt, ihm zuflüsterte, das »zum Porträtsitzen« wäre bloß ein anderer Ausdruck für die Beaugenscheinigung von seiten der verschiedenen Schließer, damit diese die Gefangenen von Besuchen unterscheiden könnten.

»Gut, Sam«, sagte Herr Pickwick, »dann wünschte ich, die Künstler kämen; das ist ein sehr öffentlicher Platz.«

»Sie werden wohl nicht lange ausbleiben«, versetzte Sam. »Da hängt eine hölzerne Schwarzwälderuhr.«

»Das sehe ich«, bemerkte Herr Pickwick.

»Und ein Vogelkäfig«, sagte Sam. »Reusen in Reusen, ein Gefängnis im Gefängnisse. Nicht wahr, Sir?«

Als Herr Weller diese philosophische Bemerkung machte, gewahrte Herr Pickwick, daß das Sitzen seinen Anfang genommen hatte. Der stämmige Schließer hatte das Schloß fahren lassen, sich niedergesetzt und betrachtete ihn nachlässig von Zeit zu Zeit. Dann starrte ihn ein langer, schmächtiger Bursche, der jenen abgelöst, und der sich mit den Händen unter den Rockschößen ihm gegenüber aufpflanzte, lange unverwandt an. Ein dritter Gentleman von etwas grämlichem Aussehen, der offenbar beim Tee gestört worden war, denn er verfügte bei seinem Eintritt gerade über den letzten Rest seiner mit Butter beschmierten Stulle, stellte sich dicht neben Herrn Pickwick, stemmte die Hände in die Seiten und beschaute ihn so nahe wie möglich, indessen noch zwei andere mit aufmerksamen, gedankenschweren Gesichtern seine Züge studierten. Herr Pickwick stampfte während der Operation zu wiederholten Malen mit den Füßen, und es schien ihm auf seinem Sitze nur gar nicht zu behagen; er machte jedoch die ganze Zeit über keine Bemerkung, selbst gegen Sam nicht, der, an die Rückseite des Stuhles gelehnt, teils über die Lage seines Herrn, teils über das große Vergnügen nachdachte, das ihm ein feindlicher Angriff auf sämtliche Schließer gewähren würde, wenn er unter dem Schutz des Gesetzes und ohne Friedensbruch über einen nach dem andern herfallen dürfte.

Endlich war das »Porträtieren« vollendet, und man sagte Herrn Pickwick, er könne jetzt ins Gefängnis gehen.

»Wo werde ich heute nacht schlafen?« fragte er.

»Das weiß ich selbst nicht recht«, erwiderte der vierschrötige Schließer; »aber morgen bekommen Sie einen Stubenburschen und können sich dann ganz hübsch und bequem einrichten. In der ersten Nacht ist in der Regel noch nicht alles recht in Ordnung, aber morgen können Sie bekommen, was Sie wollen.«

Nach einigen Erörterungen ergab es sich, daß einer der Schließer ein Bett zu vermieten hatte, und Herr Pickwick war froh, es für die Nacht bekommen zu können.

»Wenn Sie mit mir kommen wollen, so will ich es Ihnen sogleich zeigen«, sagte der Mann. »Es ist zwar nicht besonders groß, aber es schläft sich ganz herrlich darin. Hier, Sir.«

Sie gingen durch das innere Tor und stiegen eine kurze Treppe hinab. Der Schlüssel wurde hinter ihnen herumgedreht, und Herr Pickwick befand sich zum ersten Male in seinem Leben innerhalb der Mauern eines Schuldturms.

 

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